Sonnenwende

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Textdaten
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Autor: Marie Bernhard
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Titel: Sonnenwende
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19–28, S. 581–592, 613–620, 645–654, 677–683, 709–717, 741–748, 773–781, 806–816, 837–844, 869–883,
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[581]
Sonnenwende.
Roman von Marie Bernhard.


1.

„Wenn Dir nicht wohl zu Muthe ist, hättest Du die Gesellschaft absagen lassen sollen, Hedwig!“

„Was Dir einfällt! Jetzt, im letzten Augenblick, vierundfünfzig Personen und – – und das ganze Essen fix und fertig! Ueberdies fühle ich mich körperlich wohl, mir thut nichts weh – nur seelisch – ich weiß nicht recht, wie ich Dir’s schildern soll! Als ich soeben in den Spiegel sah, fand ich mich angegriffen aussehend, was mir unangenehm war unserer Gäste wegen, und nun bestätigst Du es mir auch noch.“

„Der Wahrheit gemäß! Nun sei aber auch vernünftig und sage mir, was Dir eigentlich fehlt!“

„Weiß ich es denn? Es ist mir so eigenthümlich beklommen zu Sinn, mir lastet ein Alp auf der Seele, das Athmen macht mir Mühe. Wenn ich nicht wüßte, daß Du mich wieder auslachst, Robert, dann würde ich sagen –“

Der Gemahl hob beschwörend seine beiden Hände auf.

„Um Gotteswillen, Kind, doch nur keine von Deinen sogenannten – Ahnungen!“

Die zarte Blondine senkte geknickt und ergebungsvoll das Haupt.

„Ja, Robert! Thu’ mit mir, was Du willst, aber ich habe wieder meine Ahnungen!“

Er warf einen empörten Blick nach der hohen gemalten Zimmerdecke empor, von der die vielarmigen Kronleuchter mit heiter brennenden Kerzen herabhingen.

„Was soll ich mit Dir thun – wie?“ Er trat nahe an sie heran und hob mit dem Zeigefinger ihr Kinn in die Höhe, um ihr in die Augen zu sehen. „Vernunft predigen? Ist bereits hundertmal ohne den leisesten Erfolg geschehen! Ja und Amen zu diesen Thorheiten sagen? Da müßte ich kein aufgeklärter Mann sein! Dich schelten? Dazu habe ich Dich zu lieb und Du thust mir zu leid, denn Du quälst Dich ohnehin schon genug mit den unsinnigen Geschichten ab!“

„Unsinnigen Geschichten? Robert! Wenn Du ehrlich sein willst … hat meine Ahnung mich betrogen, damals, als meine arme Mutter so plötzlich starb, die wir vor kaum acht Tagen gesund und frisch verlassen hatten? Und das Unglück bei Deinem Vetter – den Trauerfall bei Deinen Verwandten in England … wer war es, der alles das kommen sah?“

„Aber, gutes Kind, es geschehen alle Tage traurige Dinge in der Welt, leider Gottes! Und in einer großen, weitverzweigten Familie, wie die unsere es ist, kann nicht immer alles so glatt und schön sich abwickeln. Und weil Du nun ein kleines nervöses Persönchen bist und ein paar Mal bei dieser [582] nichtswürdigen Gedankenleserei, die der Böse holen mag, ein passendes Medium abgegeben hast, darum bildest Du Dir nun ein, sowie irgend eine Erscheinung von Blutarmuth und hochgradiger Nervosität bei Dir auftritt, es müsse nothwendigerweise ein Unglück geschehen, welches Du als moderne Kassandra zu verkünden hättest. Stirbt dann irgend ein Mensch aus unserem nach Hunderten zählenden Bekanntenkreise oder eine Firma macht Bankerott oder es entspinnt sich irgendwo eine fatale Liebesgeschichte …“

„Nein, Robert, jetzt schweigst Du. Du bist geradezu beleidigend!“

„Daß ich nicht wüßte! Wenn zwei seit zwölf Jahren verbundene Eheleute einander nicht die Wahrheit sagen wollen, wer in der Welt hätte sonst ein Recht dazu?“

„Es ist gut! Mit Dir ist nicht zu streiten, das hätte ich wissen müssen, es war eine Dummheit von mir, überhaupt über dies Thema mit Dir zu reden. Ich wollte, ich würde mich irren!“

„Ich auch!“ bemerkte er trocken. „Und nun Deinen Arm, liebste Kassandra – beschauen wir uns einmal unsere Salons!“

Diese waren in der That des Beschauens werth, denn ein feiner Geschmack waltete darin. Nichts hob sich aufdringlich hervor, jedes einzelne Stück stand im Einklang mit dem ganzen, und dies war das Verdienst der anmuthigen blonden Frau, die jetzt langsam in ihrem goldgrün schillernden Seidenkleide am Arm ihres Gemahls durch die geräumigen Gemächer dahinwandelte; aber der Bankier Robert Weiland war auch nicht ohne Ruhm dabei – er verdiente das Geld zu all den hübschen Dingen.

„Es sieht gut aus bei uns!“ sagte der stattliche Herr und sah sich vergnügt in seinem Rauchzimmer um.

„Ja – – nur – die fremden Elemente heute abend – es wird mir ganz sonderbar bei uns vorkommen –“

„Ach, das halbe Dutzend Ulanen –“

„Und Conventius –“

„Ah so, der neue Prediger! Ja, da werden ’mal die jungen Mädchen Augen machen! Gieb acht, übermorgen, am Sonntag, ist kein Platz in der ganzen großen Lukaskirche zu bekommen und eine hübsche Zuhörerschaft wird er haben!“

„Ja, er ist aber auch eine wundervolle Erscheinung. Man vermuthet eher alles andere als einen Prediger in ihm! Für meine junge Damenwelt ist überhaupt heute der Tag der Ueberraschungen – sie bekommen ja auch Delmont zu sehen!“

„Da werden sie sich, fürchte ich, auch mit dem Sehen begnügen müssen! Der Mensch redet ja nichts, vollends nicht mit jungen Mädchen; er macht von dem Vorrecht berühmter Künstler, launenhaft, wortkarg und unliebenswürdig zu sein, den ausgiebigsten Gebrauch – aber damit gerade hat er die Weiberchen alle an der Angel … es ist ja so interessant, sich von seinen finsteren Augen angrollen zu lassen! Was mag er alles denken! Was mag durch seine Seele stürmen! Welche wilden Phantasien mögen ihn begeistern – ich wette, er hat heute doch noch mehr Erfolg als Conventius!“

„Das bringt schon sein Stand mit sich! Ich bitte Dich, ein Maler – fährt nicht ein Wagen vor? Ich hoffe, es wird Annie sein!“

„Hast Du sie gebeten, früher zu kommen?“

„Wie immer! Sie ist mein bestes gesellschaftliches Element, klug und heiter – stets bereit, sich und andere zu unterhalten – bildhübsch – und so herzensgut …“

„Ja, ja, ich weiß! Auf diese neunzehnjährige Annie Gerold werde ich mit meinen zweiundvierzig Jahren doch noch eifersüchtig sein müssen!“

„Unsinn, Robert! Wenn ich Dir nun aber sage, daß meine bösen Ahnungen heute abend gerade, ich weiß selbst nicht wie, mit Annie zusammenhängen –“

Weiter redete Frau Weyland nicht, denn hinter dem Thürvorhang fragte eine weiche Altstimme:

„Anmelden, Christoph? Wozu? Ich bin doch die erste und hier zu Hause!“

„Ja, mein Herz, das bist Du!“ Und Frau Hedwig schloß das schlanke, weißgekleidete Mädchen zärtlich in die Arme.

Annie Gerold sah sich mit ihren leuchtenden braunen Augen wohlgefällig um.

„Sehr hübsch! Möchten nur alle die Leute, die geladen sind, ebenso sein!“

„Na – einen guten Anfang hätten wir ja!“ schmunzelte Herr Weyland.

„Bin ich das?“ gab Annie wohlgemuth zurück. „Dank’ schön, fahren Sie, bitte, nur so fort! Wie findest Du mein Kleid, Hedwig?“ Sie that, als stände sie auf einer Drehscheibe. „Fein, nicht wahr? Eigentlich wollte ich eine blaßblaue Schärpe statt dieser weißen, aber Thea wollte nicht, und Du weißt, Thea giebt allemal den Ausschlag in Toiletten- und andern Fragen.“

„Sie hat recht gehabt, Kind! Wie geht es ihr heute?“

Das jugendstrahlende Gesicht wurde plötzlich ernst und besorgt.

„O, nicht gut – leider! Sie hat große Schmerzen und muß die ganze vergangene Nacht wieder gewacht haben, ich sah es an den tiefen Schatten, die sie um die Augen hat. Und ich habe ahnungslos geschlafen bis an den hellen Morgen!“

„Liebchen, Du hättest ihr ja doch nicht helfen können!“

„Dochl Ein paar Mal, wenn ich zufällig aufgewacht war und darauf bestand, bei ihr zu bleiben, hat sie es gelitten, daß ich neben ihrem Bett saß und ihre armen Hände streichelte, die immer vor Schmerz zuckten, und dann las ich ihr stundenlang aus ihrem geliebten Hegel vor, – sie behauptete, das thäte ihr gut!“

„Eine so gelehrte Lektüre!“

„Ja, aber ich verstehe alles ganz gut, weil Thea es mir erklärt. Sie leidet wie ein Held. Herzlos komme ich mir vor, mich herauszuputzen und auf Gesellschaft und Tanz zu gehen, während meine einzige Schwester sich so quält. Warum dies edle, kluge, gute Geschöpf so leiden muß … darüber werde ich nie hinwegkommen, und wenn ich alle philosophischen Systeme der Welt verstünde!“

Frau Hedwig ergriff sanft die Hand des jungen Mädchens.

„Aber es ist doch nicht schlimmer mit Theklas Zustand geworden? Was sagt denn der Arzt?“

„Der kommt sehr oft und giebt sich alle Mühe, aber er kann nicht helfen; solange sie lebt, ist sie krank. Und wenn ein Witterungswechsel bevorsteht, geht es ihr jedesmal schlechter; ich denke, wir bekommen bald Frühling!“

Herr Weyland lachte laut auf.

„Aber Annie, wo denken Sie hin! Heute früh hingen bei uns noch die Eiszapfen am Dach, und wir hatten fünf Grad Kälte.“

„Das war heute früh – der Lenz kommt rasch – ich denke immer“ – sie wiederholte es beinahe träumerisch – „wir bekommen bald Frühling!“

Drunten fuhren die Wagen vor und die Gäste huschten die breiten, mit weichen, tiefrothen Decken belegten Treppenstufen empor. Oben füllten sich die Säle mit geschmückten Gestalten; es war viel Jugend vertreten, namentlich viel hübsche weibliche Jugend.

Aber die jungen Mädchen hatten Kummer, einen großen, ernsten Kummer. Vor kurzem waren die Dragoner, die so lange in F… gestanden hatten, fortkommandirt worden, die netten, lustigen, fixen Dragoner mit ihren freundlichen, hellblauen Waffenröcken und ebenso freundlichen, wenn auch nicht immer hellblauen Augen, … und statt ihrer waren nun Ulanen gekommen. Das sollte eine „schneidige Waffe“ sein, und die jungen Damen wiederholten sich das Wort recht oft zu ihrem Trost; es klang so gut, „eine schneidige Waffe!“ Aber, ach Gott, die lieben, reizenden Dragoner! Man war so gut Freund mit ihnen gewesen, man hatte so angenehme Beziehungen angeknüpft, … und nun aus! Aus und vorbei! Heute hatten Herr und Frau Weyland die Aufmerksamkeit, ihren Gästen eine kleine, auserlesene Probe der neuen Truppen aufzutischen, ... einen Rittmeister und fünf oder sechs Lieutenants. Weylands hatten immer so nette Ideen, das mußte man ihnen lassen. Nun konnte man sich ein vernünftiges Urtheil bilden.

Die junge Damenwelt stand, wie eine lichte Frühlingswolke anzusehen, in einer breiten Fensternische und redete eifrig durcheinander. Es war ja von der größten Wichtigkeit, sich unter den Ulanen, den neuen Sternen am Gesellschaftshimmel von F., etwas zurechtzufinden, und da war einer, welcher die Aufmerksamkeit der Mädchen ganz besonders in Anspruch nahm; merkwürdigerweise war gerade er allein in Civil erschienen.

Von den schweren Falten des halb zurückgeschlagenen bronzefarbenen Sammetvorhangs hob sich der lichtblonde aristokratische [583] Männerkopf mit den ebenmäßigen, feinen Zügen wirkungsvoll ab. Der stattliche Ulan, der neben dem Herrn im schwarzen Gesellschaftsanzug stand, sah an dessen Seite fast unbedeutend aus. Die zwei sprachen lebhaft miteinander – der Offizier machte oft eine Bewegung mit seiner behandschuhten Rechten, setzte das Monocle ein, ließ es wieder herabfallen – der andere bewahrte seine ruhig-stolze Haltung und ließ seine Blicke ernst über die glänzende Versammlung hingleiten, während er ab und zu ein Wort erwiderte.

„Er sieht aus wie ein Fürst!“ flüsterte es in der Mädchenschar.

„Eine echt aristokratische Erscheinung!“

„Warum er nicht in Uniform erschienen ist?“

„Schöner kann er auch als Ulan nicht aussehen!“

„Habt Ihr denn gehört, heute soll ja auch der neue Prediger an der Lukaskirche hier sein, Papa sagt, er wird eine Koryphäe!“

„Prediger? Gnade Gott, wer den zum Tischnachbar bekommt! Na – die Langeweile, ich danke!“

„Ist Delmont noch nicht erschienen?“

„Nein, er ist noch nicht da! Am Ende kommt er gar nicht. Er soll ja so menschenscheu sein, und nur weil Herr Weyland seit Jahren sein Bankier ist und ihm viele Dienste erwiesen hat, ließ er sich bereit finden, hierher zu kommen.“

„Sein neuestes Bild soll himmlisch sein, ich brenne auf die Eröffnung der Ausstellung.“ –

Hier schritt der Herr des Hauses mit dem schönen, aristokratischen Mann, den die jungen Mädchen eben so überschwenglich bewundert hatten, an der Gruppe vorüber zu Annie Gerold hin und sagte laut genug, daß die Damenwelt es verstehen konnte:

„Sie gestatten, liebe Annie, daß ich Sie mit Ihrem Tischnachbar bekannt mache: Herr Reginald von Conventius, neu angestellter Prediger unserer Kirche zu St. Lukas.“

Die Wirkung dieser Worte war eine großartige. Beinahe betäubt vor Staunen, Schreck, Enttäuschung sahen alle die hellen und dunkeln Mädchenaugen auf Herrn Weyland zuerst, dann auf seinen Begleiter, als sei das, was sie eben gehört, nur ein schlechter Witz gewesen, und als müßte noch eine Aufkärung nachkommen. Aber als gar nichts weiter erfolgte wie eine höfliche, kleine Unterhaltung Annies mit dem zukünftigen Tischnachbar, da löste sich der Zauber.

„Das also –“

„Unglaublich!“

„Wie ist es nur möglich, daß ein Mann mit dem Gesicht und der Figur Prediger werden konnte!“

„Vielleicht war er arm!“

„Aber sein Name – der hätte ihm doch überall geholfen, vorwärts zu kommen. Habt Ihr wohl gehört: Reginald von Conventius!“

„Ein reizender Name!“ –

Wieder steuerte der Gastgeber auf die Nische zu, diesmal aber von einem ganzen Schwarm von Herren begleitet – die Massenversorgung zu Tisch sollte beginnen. Es waren die Ulanen dabei, dann einige Assessoren, Kaufleute, junge Aerzte, die den Damen schon bekannt waren. Eine unwillkürliche, leichte Bewegung entstand in der Damengruppe, als einer der Ulanen, eine flotte Erscheinung mit einem zierlichen Bärtchen, als Lieutenant von Conventius vorgestellt wurde. Verschiedene Köpfe drehten sich nach dem schönen Blonden zurück, der mit Annie Gerold sprach; es war, als wünschte man, einen Vergleich zu ziehen. Der findige Lieutenant sah dies kleine Manöver sofort, er lächelte, drückte ein wenig die Augen zusammen und sagte mit einer leichten Bewegung nach der betreffenden Seite hin: „Mein Vetter!“

Bei Weylands war alles von sprichwörtlicher Pünktlichkeit. Das Essen war auf acht Uhr angesagt, jetzt war die Uhr halb neun vorüber, die Gäste schienen vollzählig versammelt – auf wen oder auf was wartete man denn noch?

Frau Hedwig bemühte sich, heiter und unbefangen auszusehen und recht fröhlich zu plaudern, aber sie hatte das sichere Gefühl, daß ihr das alles mißlang. Sie hob die Augenbrauen und sah fragend zu ihrem Gatten hinüber: sollte man nicht doch auftragen lassen? Herr Weyland hatte ein kleines ungeduldiges Fältchen auf der Stirn, aber er schüttelte den Kopf. Also warten! Frau Hedwig wünschte, der Abend wäre erst vorüber; ihre trüben Ahnungen verließen sie nicht, und wenn sie daran dachte, bis zwei, drei Uhr morgens fortgesetzt Komödie spielen zu müssen, ihren Gästen zuliebe, dann wurde es ihr eiskalt vor Schreck.

„Sie erwarten noch jemand?“ fragte eine ältere Dame, deren helles, auffallendes Seidenkostüm mit ihrem Aeußeren durchaus nicht im Einklang stand, den Hausherrn.

„Allerdings – und doch werden wir uns ohne den Herrn zu Tisch setzen müssen, wenn er nicht bald erscheint. Die Augensprache meiner Frau wird immer ausdrucksvoller … ah! Da kommt er!“

Herr Weyland machte der Dame in der jugendlichen Toilette eine abschiednehmende Verbeugung und ging einem Herrn entgegen, der eben unter die Thür trat. Die Dame hob neugierig ihr an einem langen, schwarzen Stiel befestigtes Lorgnon an die Augen, und sie ließ es davor, denn es lohnte schon der Mühe, sich diesen schlanken Mann mit der trotzigen Stirn und dem darüber fallenden schwarzbraunen Haar anzusehen, wie er dem Hausherrn die Hand schüttelte und seine mächtigen, gebieterischen Augen wie einen Blitz, der rasch erlosch, über die Versammlung flammen ließ.

„Wer kann denn das sein? Liebe, wissen Sie es vielleicht?“ fragte sie, zur Frau eines Journalisten gewendet, die doch eigentlich verpflichtet war, jedermann zu kennen. Zum Glück entsprach diese den an sie gestellten Anforderungen.

„Das ist der Maler Delmont, seit ganz kurzer Zeit hierher als Professor an unsere Akademie berufen – man sagt, er habe die Ausstellung mit einem wunderschönen, ganz überwältigenden Gemälde beschickt –“

„Nun – wer ihn ansieht, kann es ihm schon zutrauen. Anziehend genug sieht er aus, obschon nicht gerade liebenswürdig!“

Und wenig liebenswürdig war allerdings die Miene, welche Professor Delmont zeigte, als er jetzt von Herrn Weyland der Dame, die seine Tischnachbarin werden sollte, vorgestellt wurde. Er hatte einen flüchtigen Blick auf sie geworfen, dann die Augen gesenkt und so, mit einem Gesicht, das von kalter Höflichkeit wie überfroren schien, ein paar herkömmliche Redensarten mit ihr ausgetauscht. Und sie war doch ein hübsches Mädchen, diese brünette Hertha Kreutzer, etwas kokett und herausfordernd dreinschauend freilich und ein wenig gepudert – sie wurde leicht erhitzt beim Weintrinken und Tanzen – aber so hochfein gekleidet, wenn auch ein wenig dekolletirt, und so gut frisirt … lauter gebrannte schwarze Löckchen, die alle wie gedrechselt saßen. –

„Meine Herrschaften, ich bitte, zu Tische!“ – „Ah!“ – Allgemeine Bewegung – die Thürflügel weichen weit zurück – zahlreiche Arme krümmen sich – zahlreiche zarte Händchen legen sich hinein – vorwärts!

Da saß nun die Gesellschaft an der von Silber, Lichtglanz, Blumen und Fruchtpyramiden strotzenden Tafel. Frau Hedwigs ahnungsvoller Blick überflog das Ganze – alles in Ordnung – die Schlacht konnte beginnen! –

„Sehen Sie doch, bitte, die hübschen Tischkarten!“ Hertha Kreutzer reichte ihrem Herrn die ihrige hin, in der stillen Erwartung, er werde ihre niedliche Hand dabei bewundern, die sie zur Feier des Tages mit süßduftender Lilienmilch gewaschen hatte. „Aber – ich vergaß – Sie verachten gewiß solch’ kleine Malereien auf Karten und dergleichen.“

„Ich verachte nichts, mein Fräulein, als absichtliche Fälschung der Natur! Weiß oder roth gefällig, gnädiges Fräulein?“

„Roth, bitte, und etwas Soda hinzu – danke sehr! – Ist es wahr, Herr Professor, daß wir auf der Ausstellung ein Gemälde von Ihnen werden bewundern können?“

„Ja, es ist eins von mir da! Ob Sie es bewundern werden, lasse ich dahingestellt.“

„O, natürlich! Sicher ein Meisterwerk!“

Seine dichten, schwarzen Brauen schoben sich so unmuthig zusammen, daß sie einander berührten. Das hatte er nun davon! Warum war er gekommen? Er hätte es ja im voraus wissen können, daß er gezwungen sein würde, fades Geschwätz anzuhören! Diese albernen, koketten, heirathssüchtigen Mädchen! Diese jungen Gänse! Wie ihre dummen Bemerkungen ihn ärgerten, ihre dünnen, hoch hinaufgeschraubten Stimmchen sein empfindliches Ohr quälten!

Von seiner linken Seite sagte eine dunkle, ein wenig verschleierte Stimme:

„Was das ist, sich langweilen – sehen Sie, Herr Prediger, das kenne ich wahrhaftig nicht! So lange ich lebe, habe ich das noch nie empfunden – ich denke, es muß das Verdienst meines Vaters und meiner Schwester sein, die mich lehrten, mich immer [584] zu beschäftigen und aus allem etwas zu ziehen, sei es, was es sei: eine Nutzanwendung – ein Beispiel – ein Vergnügen – oft auch einen guten Witz. Ich habe jederzeit etwas, was mir zu denken, zu überlegen oder zu lachen giebt!“

Delmont wendete sich langsam um, – er hatte seine linke Nachbarin bisher weder bemerkt, noch sich ihr vorstellen lassen, eine Unterlassungssünde, die ihm jetzt erst fühlbar wurde, die er aber im Augenblick nicht gutmachen konnte, ohne das Gespräch nebenan zu unterbrechen.

Die junge Dame hatte sich ganz von ihm abgewendet, er sah nur ihre schöne, geschmeidige Gestalt in einem mattweißen, enganliegenden Kleide, einen leuchtend zarten Nacken, dessen wundervolle Form das braune, hoch emporgenommene Haar völlig frei ließ. Dies Haar wies hier und da einen schwachen goldenen Reflex auf, es war mit einem schmalen Kamm von edler, altdeutscher Arbeit festgesteckt und hatte weiter keinen Schmuck. Die Augen des Herrn, zu dem das Fräulein sprach, hafteten mit offener Bewunderung auf seiner Nachbarin. –

„Wollen Sie mir den Gegenstand Ihres Bildes nicht verrathen, Herr Professor?“ fragte wieder die dünne, durchdringende Kinderstimme neben Delmont.

Er drehte sich wie eine Puppe zu seiner Dame herum.

„Nein!“ Dann, sich besinnend, wie schroff das geklungen haben müsse, fügte er hinzu: „Sie werden ja bald sehen, mein Fräulein!“

„Ah so! Es soll eine Ueberraschung sein?“ –

„Ja – eine Ueberraschung!“ –

„Ihr Herr Vater beschäftigt sich viel mit Ihnen, Fräulein Gerold?“ fragte Reginald von Conventius auf der andern Seite.

„Er that es bis zu seinem Tode – vor vier Jahren wurde er uns genommen!“ Die Sprecherin, an Selbstbeherrschung gewöhnt und keinen Augenblick vergessend, daß Ort und Gelegenheit jeden Gefühlsausbruch ausschlossen, konnte es doch nicht verhindern, daß es leise um ihren schönen Mund zuckte – sie athmete tief auf.

„Es kommt mir vor, als müßte jeder Mensch, der meinen Vater nicht gekannt hat, dies als einen Verlust beklagen – Sie werden vielleicht darüber lächeln, es unbegreiflich finden, Herr von Conventius.“

„Keins von beiden, mein Fräulein! Denn mit meiner Mutter ist es mir ganz ebenso ergangen.“

„Und sie ist auch todt?“

„Auch todt!“ kam es wie ein trauriges Echo zurück.

Die beiden, von Lärm und Lust, von Lachen und Heiterkeit umringt, sahen einander verständnißvoll in die Augen; es gab schon ein gemeinsames Band zwischen ihnen.

Conventius hatte feine gesellige Formen und ließ keine seiner Pflichten außer acht, er goß aufmerksam Annies Glas voll, hob ihr den herabgefallenen Blumenstrauß auf und hatte nichts vom Geistlichen an sich – dagegen alles vom Weltmann.

„Man hat mir gesagt,“ begann Annie von neuem, „Sie würden am nächsten Sonntag zum ersten Male in der Lukaskrche predigen – ist das wahr?“

„Jawohl; es ist eine schöne alte Kirche mit bewundernswerther [585] Akustik und einer prachtvollen Orgel – ich bin gleich am Tage nach meiner Ankunft hingegangen und habe meinen Vorgänger im Amt reden hören.“

Annie Gerold dachte sich den Klang der Stimme, die sie neben sich hörte, hinein in die Lukaskirche.

„Wie er wohl sprechen wird?“ Diese Frage hielt ihre Gedanken eine Zeitlang so umsponnen, daß sie eine erneute Anrede ihres Tischnachbars überhörte unb nun verwirrt zusammenschrak, als sie ihres Versehens inneward.

„Ich sprach von der Psyche dort,“ sagte er und deutete auf ein reizendes Köpfchen in schönstem Marmor, das von einer hohen schwarzen Säule an der gegenüberliegenden Wand zu ihnen herübersah, „die ist eine liebe Bekannte von mir!“

„O – so waren Sie in Neapel?“

„Gewiß! Und Sie auch?“

„Nein, ich nicht! Aber meine Schwester hat eine sehr ernste und große Hinneigung zu der Kunst, sie hat eine solche auch in mir zu wecken verstanden, und wir besitzen beide ein paar große Mappen mit Bildern, die schon eine ganz anständige Sammlung ausmachen – darunter befindet sich auch die Psyche.“

Sein Blick ging vergleichend und prüfend zwischen dem Marmorbild und Annie hin und her. In der Art, wie das feine Köpfchen sich an den Hals ansetzte, in der Haltung des Nackens und in der einfach anmuthigen Anordnung des Haars lag eine augenfällige Aehnlichkeit.

Annie sah dies Vergleichen und verstand es auch – eine zarte Röthe trat ihr ins Gesicht, und ihre breiten, sanftgeschweiften Augenlider senkten sich; sie war Weib genug, sich zu freuen, und sie fand es taktvoll von ihm, daß er schwieg und seinen Beobachtungen nicht in einer Schmeichelei Ausdruck verlieh.

„Waren Sie lange in Italien?“ fragte Annie, und nun konnte sie wieder aufsehen.

„Fast ein ganzes Jahr, – dann in Spanien, Griechenland, Südfrankreich, Konstantinopel.“

Ihrem Mienenspiel merkte er das Staunen an, das dieser Bericht in ihr erregte: ein Geistlicher, und so weite, lange Reisen!

„Ich ging auf Wunsch meines Vaters überall hin – er hoffte, ich würde in der weiten, schönen Welt lernen, zu vergessen … nein, nein, es war kein Herzenskummer, den man in mir zu ersticken strebte.“

„Den Tod Ihrer Mutter wohl?“ fragte Annie leise.

Er schüttelte ernst den Kopf.

„Auch das nicht! Es war ein harter Schlag, als sie mir genommen wurde, aber er traf mich nicht unvorbereitet – sie war hoffnungslos krank seit Jahren. Was ich auf Reisen vergessen und aufgeben lernen sollte, war mein Beruf, den ich gegen den Willen meines Vaters und der ganzen Familie ergriffen und, wie Sie sehen, trotz allem festgehalten habe!“

Aus seinen Augen brach ein siegesgewisser Glanz hervor, der ihn noch viel schöner erscheinen ließ, und Annie Gerold wollte ihm eben antworten, als eine fremde Stimme zu ihrer Rechten erklang. „Sie gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich, wenngleich spät, eine versäumte Pflicht nachhole und mich Ihnen vorstelle: Karl Delmont, Maler.“

[586] Annie hatte sich einmal in der Stille über den unhöflichen Nachbar gewundert, ihn flüchtig von der Seite angesehen, gefunden, daß er ein anziehendes Gesicht habe, und sich dann weiter nicht um ihn bekümmert. Jetzt sah sie ihm gerade in die Augen, in diese machtvollen, zwingenden Augen, die alles in Besitz zu nehmen schienen, was sie überhaupt der Nähe des Anschauens für werth hielten.

„Ich bin spät gekommen und gehe nicht in die Gesellschaft, daher sind mir fast sämmtliche Anwesenden fremd; Sie würden mich verpflichten, wenn Sie mich mit Ihrem Nachbar bekannt machen wollten, meine Gnädigste!“

„Herr von Conventius – Professor Delmont.“

Die beiden Herren verneigten sich höflich gegen einander.

„Wir sind Leidensgenossen, Herr Professor,“ sagte Conventius verbindlich, „beide fremd noch in F., beide bemüht, festen Fuß zu fassen. Ich will hoffen, daß die Eindrücke, welche Sie bisher hier empfingen, ebenso freundlich und wohlthuend sind wie die meinigen.“

„Mir würde es schwer werden, irgend welche Eindrücke zu verzeichnen, denn bis zur Stunde habe ich hier noch gar keine empfangen.“

Dies „bis zur Stunde“ wurde ein wenig schärfer betont. Ueber das Haupt des jungen Mädchens hinweg trafen sich die Blicke der beiden Männer und blieben ein paar Sekunden in einander haften.

„Leben Sie so zurückgezogen?“ fragte Annie.

„Ganz und gar; es wird Ihnen vermuthlich als eine Sonderbarkeit erscheinen, daß ich nie Reisebekanntschaften mache, außer solchen allerflüchtigster Natur.“

„Das befremdet mich nicht so sehr. Wer jahrelang auf Reisen lebt wie Sie – es ist das einzige, was mir Herr Weyland über Ihr Leben zu sagen wußte – bei dem muß, so denke ich mir, der Sinn für Reisebekanntschaften sich allgemach abstumpfen und endlich ganz in dem einen Zweck, der die weiten Fahrten veranlaßte – in dem Beruf untergehen!“

„Sie haben ganz richtig geurtheilt: ich lebe nur meiner Kunst.“

„Weylands sprachen mir von einer Orientreise.“

„Ja – ich bin in Persien, Indien, Arabien gewesen, ... dann in Aegypten … dann ging’s quer durch Afrika zur Insel Madeira, wo ich wartete, bis ein Schiff kam, das mich nach Portugal herüberbrachte; von da nach Spanien, Frankreich – ein Stück Oberitalien und Schweiz – ein halbes Jahr in Ungarn und Oesterreich … nun, und das ist alles!“

Annie brach in ein lustiges Lachen aus.

„Wirklich? Also das ist alles! Ich sollte meinen, es wäre gerade genug! Wie einfältig ich mir vorkomme zwischen zwei so weitgereisten Herren – denn Herr von Conventius hat gleichfalls ein sehr schönes Stück Welt gesehen, ich aber kenne nur unsern Rhein, den Harz und ein Ausschnittchen der Alpen. Ach, und dabei bin ich so reisedurstig, daß ich manchmal denke, es befällt mich ein wahres Fieber. Meine Schwester will immer, ich solle mich einer befreundeten Familie anschließen und eine weite, schöne Reise unternehmen, aber sie selbst ist krank und könnte nicht mit mir kommen, und ich hab’ es bis jetzt nicht übers Herz bringen können, sie zu verlassen!“

Ihr Antlitz war jetzt Delmont voll zugewendet, Schönheit und Jugend leuchtete ihm daraus entgegen – über allem aber ein Zug von Seelengüte, der diesen Zügen erst den rechten Adel verlieh. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

„Also, meine Gnädigste,“ sagte in diesem Augenblick der Lieutenant von Conventius am andern Ende der Tafel zu seiner Dame, einer aufgeweckt aussehenden Blondine. „Sie wünschen von mir einigen Aufschluß über die Familie Derer von Conventius? Dies Vertrauen ehrt mich in der That, und ich entspreche Ihrem Wunsch um so lieber, als ich mir später die Freiheit zu nehmen gedenke, Sie um einen kleinen Gegendienst zu ersuchen. Soll ich Ihnen die ganze Stammtafel hersagen?“

„Um Gotteswillen!“ wehrte das Fräulein ab.

„Nun,“ begann der Lieutenant lachend, „daß unser Urahn, Reginald Convent, woraus später Conventius entstand, im zwölften Jahrhundert aus Schottland einwanderte und in Deutschland festen Fuß faßte, kann ich Ihnen nicht ersparen. Auf diesen alten Knaben sind wir nämlich sehr stolz, denn er hat viel für die spätern Geschlechter gethan, unter anderem ein feudales, altes Schloß – zu seiner Zeit war’s freilich ein neues – in Böhmen erbaut, das heute noch steht und dann und wann alle Sprößlinge der Familie, soweit man ihrer habhaft werden kann, in seinen Mauern versammelt. Auf Ihren Befehl, mein Fräulein, übergehe ich sämmtliche Nachkommen dieses Ehrenmannes bis zu dem älteren Bruder meines verstorbenen Vaters, Reginald von Conventius – in dieser Linie heißt jeder älteste Sohn Reginald – welcher Großgrundbesitzer in der Mark, Kammerherr Ihrer Hoheit der Prinzessin Mathilde, Ritter hoher Orden, mit einem Wort, ein echter Edelmann, eine Säule des Staats und ein vortrefflicher Unterthan ist. Er beging die Thorheit, sich in eine junge Dame zu verlieben, die ihm in allen Stücken ebenbürtig war, überdies eine blonde Schönheit von großem Reichthum … nur war sie … ich bitte Sie sehr, mich nicht mißzuverstehen, … sehr fromm! Sie werden mir sagen, das sei die holdeste Blüthe der Weiblichkeit – ich weiß das wohl, – aber doch! Hier hat sich diese Thatsache gerade nicht segensreich erwiesen. Die Gattin meines Onkels war mehr in Kirchen und Wohlthätigkeitsanstalten als daheim zu treffen, das gesellige Leben und Treiben war ihr ein Greuel, sie strebte aus aller Kraft, ihren Gatten demselben zu entziehen und zu ihrer Richtung zu bekehren. Er, seinerzeit ganz toll in sie verliebt und keiner Warnung guter Freunde, welche die hochgesteigerte Frömmigkeit der jungen Gräfin kannten, zugänglich, wollte von einer Aenderung seiner Lebensweise, von Buße und Bekehrung nicht das mindeste wissen, und das Ende vom Liede war, daß das Verhältniß vollständig erkaltete und jeder der beiden Eheleute seinen eigenen Weg einschlug. Ich bin der letzte, der das hübsch findet, aber dergleichen kommt leider oft im Leben vor und hat, außer für die zwei Betheiligten, weiter keine Folgen. Hier sollte es anders sein; ein einziges Kind, ein Sohn, Reginald, war dieser Ehe entsprossen, schön und klug, ein Prachtjunker, der ganze Stolz und die Hoffnung seines Vaters. Körper und Geist hielten gleichen Schritt bei der Entwicklung, glänzende Zeugnisse – Verbindungen – alter Name – alles, wie am Schnürchen! Der Alte, der seinerzeit ein berühmter Gardeoffizier gewesen war, flott und schneidig vom Wirbel bis zur Zehe, konnte die Zeit kaum abwarten, den Sohn in derselben Uniform zu sehen … allein wer beschreibt sein Entsetzen, als dieser Sohn ihm mit all der ruhigen Festigkeit, die seine Mutter ihrem Gatten stets gezeigt hatte, erklärte, er fühle nicht die mindeste Neigung für den Soldatenstand, dagegen eine leidenschaftliche Liebe für den Predigerberuf, weshalb er gedenke, Geistlicher zu werden. Zuerst hielt sein Vater dies für einen schlechten Witz und lachte darüber – aber das Lachen sollte ihm bald vergehen! Bitten, Drohungen, Vorstellungen, Wuthausbrüche, Thränen, das Massenaufgebot der ganzen Familie, Aussicht auf Fluch und Enterbung … alles das prallte ab an dem eisernen, unerschütterlichen Willen dieses damals blutjungen Menschen, der einfach erklärte, sein Beruf ginge ihn allein an, es sei eine tiefernste Sache damit, von der alles abhinge – er wisse genau, dies sei sein Beruf und kein anderer, und er müsse der inneren Stimme, die ihn dazu treibe, folgen, komme es wie es wolle, allen weltlichen Verhältnissen zum Trotz. Der Alte beschwor ihn, noch zu warten, erst zu reisen, die Welt zu sehen und kennenzulernen – der Sohn gab nach und reiste. Er schrieb gute, inhaltreiche Briefe, kam heim, drückte seiner sterbenden Mutter die Augen zu und verkündete dem in athemloser Spannung auf seinen Entschluß harrenden Vater ganz gelassen und in ehrerbietigster Haltung, daß sich an seinen Absichten, sich dem Berufe des Geistlichen zu widmen, auch nicht das Geringste geändert habe. Neue Scenen – neue Wuthausbrüche – Jammer über Jammer – Familienräthe – Elend und Thränen … nun, Sie sehen ja, mein gnädiges Fräulein, wozu das alles bei meinem Vetter Reginald geführt hat: da sitzt er am andern Ende der Tafel als wohlbestallter Prediger an der St. Lukaskirche!“

Das junge Mädchen hatte in großer Spannung zugehört. Jetzt bog sie den Kopf weit vor, um den schönen, blonden Helden dieser Erzählung durch das Gewirr der Flaschen, Gläser, Blumen und Silbersachen sehen zu können.

„Nun – und sein Vater?“ fragte sie dann.

Der Offizier zuckte die Achseln.

„Was will er machen? Den einzigen Sohn, der ihm sonst nie eine trübe Stunde bereitet hat, nur um deswillen zu verstoßen und zu enterben, weil er statt Offizier Pfarrer geworden [587] ist – das hat der alte Herr denn doch nicht übers Herz gebracht. Er grollt und schmollt und ist ganz aus dem Geleise gekommen, denn den Gardeobersten kann er nicht verschmerzen, und wenn’s sein Reginald zehnmal zum Generalsuperintendenten bringt! – So, mein gnädiges Fräulein, das wäre die Lebensgeschichte … meines Vetters … darf ich nun um meine Belohnung bitten?“

„Halt, halt, noch nicht!“ wehrte die schelmische Blondine ab. „Wo bleibt denn Ihr eigenes Lebensläufchen? Das ist doch gewiß auch sehr interessant!“

„Dieses bietet nicht viel des Bemerkenswerthen, soll daher thunlichst abgekürzt werden: Mein Vater, Onkel Reginalds jüngerer Bruder, war ein flotter Soldat – wohl etwas zu flott … mit einem Wort, er quittirte den Dienst und ging, die Empfehlung eines Freundes in der Tasche, nach den Azoren, wo besagter Freund einen reichen Vetter besaß. Seine Braut, eine junge Oesterreicherin, ließ er sich nachkommen, als er sich dort eine gesicherte Stellung erworben hatte, und so genieße ich wenigstens den Vorzug, sehr romantische und phantastische Kindheitserinnerungen zu besitzen, denn meine ersten acht Lebensjahre brachte ich auf den Azoren zu, von Schwarzen gewiegt, von Palmenwedeln gefächelt, von leuchtenden Kolibris und handgroßen, buntschillernden Schmetterlingen umflattert, von zahmen Hausschlangen, die zutraulich bei uns aus- und einschlüpften, umspielt. Da meiner Mutter das Klima nicht bekam, siedelten wir nach Europa über. Ich wurde in aller Eile ein wenig zurechtgestutzt – was meinen Lehrern mindestens eine ebenso peinliche Aufgabe war als mir selber – und dann in ein Kadettenhaus gesteckt. Das war denn nun freilich dort ein anderes Leben als auf den Azoren, und es spielten sich viele Auftritte mit mir als Mittelpunkt ab, die jetzt in der Erinnerung humoristisch wirken, aber als Erlebnisse weniger erheiternd waren. Meine Eltern behielt ich nicht lange mehr, und es fiel nun meinem Onkel Reginald die Pflicht zu, für mich zu sorgen. Daß er dies mit Vergnügen that, kann ich nicht behaupten; man hatte mich ihm als einen kleinen Satan geschildert, ein tropisches Gewächs ohne jede Zucht und Kultur, und da mich mein Onkel gleich sehr hart anfaßte, so hätte das bei meinem angeborenen Trotz leicht eine sehr böse Geschichte abgeben können, wäre nicht mein Vetter Reginald gewesen. Von dem Wechsel, der ihm zu Gebote stand, gebrauchte er kaum ein Drittel für sich, er konnte also seiner Neigung zum unbegrenzten Wohlthun ungehindert die Zügel schießen lassen. Nun – er fand eben, auch mir könnte er wohlthun, und ich kann sagen, er hat an mir gehandelt wie ein Bruder … nein, hundertmal besser, als man leibliche Brüder oft gegeneinander handeln sieht. Auch jetzt, da wir beide hier fremd hergekommen sind … er hat mir’s angeboten, mit ihm in einem Hause zu wohnen, er oben und ich unten, und ich weiß nur zu gut, was er sich dabei denkt und was er damit bezweckt! – Ich bin zu Ende, mein Fräulein!“

„Vielen Dank!“ sagte die Blonde freundlich. „Sie haben sehr hübsch erzählt, und wenn jedermann von Ihrem Herrn Vetter das wüßte, was ich weiß, so würde er allen noch tausendmal interessanter erscheinen, als es jetzt schon der Fall ist, und die Lukaskirche würde die Andächtigen nicht fassen. – Um was aber wollten Sie mich denn bitten?“

Der Lieutenant sah sie etwas besorgt von der Seite an.

„Um einige Aufklärung in betreff der jungen Dame dort drüben, die neben meinem Vetter sitzt. Ich fragte schon zuvor eine ihrer Freundinnen nach ihr, erhielt aber eine ziemlich ungnädige und kurze Antwort.“

„Ach, das ist nichts als purer Neid, glauben Sie ja kein Wort davon!“ platzte Hedwig Rainer – so hieß das blonde Mädchen – ziemlich ungestüm heraus. Und sie schilderte dem aufhorchenden Lieutenant Annie und Thea so warm und herzlich, daß ihr fast der Athem ausging.

„Das muß ja eine höchst anziehende Familie sein, diese Gerolds!“ sagte Lieutenant von Conventius endlich, als seine Nachbarin schwieg. „Kann man denn dort auch gelegentlich einen Besuch machen?“ „ Gewiß kann man das! Gerolds sind ungemein gastfrei und geben in jedem Winter ein paar Gesellschaften, bei denen auch getanzt wird. Nur schade – – für dies Jahr ist es zu spät!“

„Das wird den Kameraden sehr leidthun! Parsifal war Feuer und Flamme für Fräulein Gerold!“

„Parsifal? Wer ist das?“

„Entschuldigen Sie! Es plaudert sich so ungezwungen und angenehm mit Ihnen, Fräulein Rainer, daß ich in der Einbildung lebte, wir seien alte Bekannte. Also der ursprüngliche Name dieses Kameraden – der dort links sitzt mit dem martialischen rothen Schnauzbart – ist Thor von Hammerstein. Er ist übrigens trotz seiner grimmigen Miene ein lammfrommes Geschöpf und schlechten Witzen gegenüber ziemlich wehrlos. Der bartlose bewegliche Kamerad rechts drüben ist der Lieutenant Gründlich, er muß seines Namens wegen viel ausstehen, hat aber Haare auf den Zähnen und kann sich seiner Haut wehren.“ – –

Die Stimmung rund um die Tafel wurde immer belebter, man unterhielt sich gut, und die Ulanen, die alle neben hübschen Mädchen untergebracht waren, fanden, daß die Weylands ein reizendes Haus machten und daß es schon der Mühe lohne, sich demselben zu widmen. Freilich fanden sie es in der Stille etwas wunderlich, daß gerade das unstreitig schönste Mädchen der ganzen Gesellschaft zwischen zwei Zivilisten gesetzt worden war – anziehende, gescheidte Männer ohne Zweifel, die sich auch mit Ehren sehen lassen konnten – aber man hätte diese entzückende Erscheinung von Rechts wegen einem Ulanen zutheilen müssen!

Unter der Wirkung des Weines, der verschiedenen Tischreden und der aufmunternden Blicke ihres Mannes fühlte auch Frau Hedwig Weyland die Bürde ihrer „Ahnungen“ minder schwer als zuvor. Sie versuchte es, sich selbst recht ernstlich auszuschelten. Alles um sie her war so hell, so fröhlich und festlich, und sie wollte ihre Zeit mit dunkeln Grübeleien verderben? Robert hatte recht, sie müßte zu klug für solche Thorheiten sein! Nicht weit von ihr saß ihr Liebling, Annie Gerold, und unterhielt sich allem Anschein nach vortrefflich. Nun ja! Dafür hatte sie, Frau Weyland, ihr auch die zwei bedeutendsten Männer aus der ganzen Gesellschaft zu Tischnachbarn ausgesucht! Sie und Pfarrer Conventius waren ohne Zweifel die beiden prächtigsten Erscheinungen an dieser von hübschen Menschen so reich umgebenen Tafel. Aber auch Professor Delmont sah vorzüglich aus! Wo hatte denn sie, Hedwig Weyland, bei dem Anstandsbesuch Delmonts ihre sonst so guten Augen gehabt? Das war ja ein ausfallend hübscher Mann, zumal wenn er wie eben jetzt lachte und seine mächtigen Augen so wunderbar glänzten! Freilich – damals bei dem Besuche hatte er gar nicht gelacht! –

Eben jetzt, wie Frau Weyland ihn schärfer ansah, verwandelte sich sein Gesicht von neuem – ein glückliches Leuchten dämmerte in seinen Augen auf und verklärte das ganze Antlitz, dem die tief in die Stirn fallenden dichten braunen Haare etwas von dem Anblick eines gezähmten Löwen gaben. Dann wieder, als hätte eine harte Hand allen Jugendglanz und allen Frohsinn von diesen Zügen hinweggewischt, waren sie plötzlich wieder wie kalter Marmor, aus dem die großen Augen mit dem eigenartigen Räthselblick schauten.

Und angesichts dieses raschen Wechsels schoß der beobachtenden Frau heiß und jäh wieder dieselbe unerklärliche Angst zum Herzen, die sie den ganzen Abend hindurch bekämpft hatte und jetzt fast ganz verjagt zu haben glaubte. Sie hätte aufspringen, hineilen, Annie bei der Hand fassen und mit ihr irgend wohin flüchten mögen, sie kam sich selbst unverantwortlich vor, daß sie dem jungen Mädchen gerade diese Nachbarschaft gegeben hatte. Freilich, sie hatte es gut gemeint; was wußte sie denn von Delmont? Daß er sich einen großen Namen gemacht hatte, daß er für einen berühmten Künstler galt – sie hatte gedacht, das würde Annie anziehen – und in der That – so schien es – sie hatte ihren Willen! –

„Nach Tisch – was thut man da?“ hatte Delmont soeben gefragt.

Und Annie hatte lachen müssen.

„Was man da thut? Komische Frage, nicht wahr, Herr von Conventius? Professor Delmont muß an den Ufern des Ganges und des Nils jeden Begriff einer stilgerechten Abendgesellschaft in Deutschland verloren haben. Was soll man denn nach solchem Essen anderes beginnen als tanzen?“

Sein Gesicht wurde finster.

„Dann sind Sie uns beiden also verloren!“ sagte er kurz.

„Ihnen beiden? Sie tanzen auch nicht, Herr Professor? Gar nicht? Nicht einmal die solideste Française?“ In ihrem Ton klang eine ehrliche Enttäuschung mit.

„Ich und Française tanzen! Eine schöne Rolle würde ich dabei spielen! Ich glaube, es ist fünfundzwanzig Jahre her, seit ich zuletzt getanzt habe!“

[588] „Fünfundzwanzig Jahre! Das ist doch nicht möglich! Wie alt können Sie denn damals gewesen sein?“

„Nun – vielleicht dreizehn- oder vierzehnjährig – dann hat der Tanz für mich aufgehört!“

Es klang so herb, daß Annie fast erschreckt ihm ins Antlitz blickte. Sie begrüßte es in diesem Augenblicke als einen willkommenen Ausweg, daß hinter ihr der aufwartende Diener mit einer Schale Eis erschien. „Wahrhaftig, jetzt geht schon der Nachtisch herum! Sind wir wirklich schon mit dem ganzen Essen fertig?“ sagte sie, um rasch über die Verstimmung hinüberzuleiten, welche aus dem letzten Worte Delmonts gesprochen hatte.

Sie hob ihr gefülltes Champagnerglas gegen Frau Hedwig, die gerade zu ihr herübersah, mit einem strahlenden Aufblick, der sagen wollte: „Ich bin Dir dankbar, Liebste, und unterhalte mich vortrefflich!“

Die ältere Freundin verstand diesen Blick, sie lächelte und nickte wieder, aber sie unterdrückte einen Seufzer, als sie ihr Glas an die Lippen setzte und Annie Gerold zutrank.




2.

Vor dem Geroldschen Hause, einem stattlichen Gebäude älterer Zeit, reich mit Schnitzwerk und alterthümlichen Zieraten versehen, hielt ein Miethwagen.

Sofort öffnete sich eines der Fenster im Oberstock und eine Stimme fragte in die Nacht hinaus: „Sind Sie das, Fräulein?“

„Ja, Elise! Ist denn der Lamprecht nicht da?“

„Gewiß, er bastelt ja schon unten am Hausthor herum, das Schloß ist wieder ’mal verquollen!“

Besagtes Hausthor wich jetzt mit vernehmlichem Geknarre zurück, und in seinem Rahmen erschien die Gestalt eines grauhaarigen Mannes in schlichter, dunkler Dienertracht, der ein hellbrennendes Laternchen in der Hand hielt und vorsichtig über das schlüpfrige Straßenpflaster schritt. Der Wind hatte umgesetzt, vom sternlosen, wolkenverhangenen Himmel fielen große Tropfen, die Luft war eigenthümlich still und weich.

„Hier, nimm meine Cotillonsträuße, lieber Lamprecht – bitte, laß keinen fallen, acht müssen es sein! Da ist mein Fächer – die Tanzkarte – das Menu – jetzt komme ich selber! Aha! Hab’ ich’s nicht gesagt: wir bekommen Frühling?“

Annie blieb mitten auf der dunklen, nassen Straße stehen, warf den Kopf hintenüber und sah wie verzaubert zu dem lichtlosen Nachthimmel empor.

„Um Gotteswillen, Fräulein Anniechen! Wollen Sie sich den Tod holen? Hier auf der stichdunklen Straße, im zerlassenen Schnee, Punkt Glock’ drei Uhr!“

Eben holte eine Kirchenuhr in unmittelbarer Nähe zu drei tiefen, dröhnenden Schlägen aus.

Mit einem hörbaren Athmen wandte sich die junge Dame um.

„Komme schon! Dir ist auch nicht wohl, wenn Du nicht mit mir schelten kannst! So – nun leise, leise! Halt’ meine Sträußchen fest! Da wären wir drinnen! Hast Du schon Licht für mich angezündet im Wohnzimmer?“

„Was sich Fräulein Anniechen bloß denken! Fräulein Thekla sind ja noch auf und warten –“

„Meine Schwester? Was? Gar nicht zu Bett gewesen?“

„Gar nicht!“

Annies Brust hob sich in einem leisen Seufzer.

„Dann hat sie gewiß wieder böse Schmerzen – und ich – und ich – so, Lamprecht, nun geh’, da ist der Mantel, die Tücher! Gieb die Blumen her – gut’ Nacht, grüß’ Deine Frau! Was möchtest Du noch haben?“

„Haben?“ murmelte der Graukopf, der sich Annies Mantel über den Arm legte und mit einem halb bewundernden, halb vorwurfsvollen Blick das reizende junge Geschöpf in dem weißen Kleide musterte. „Nichts will ich haben! Aber daß ich nicht ’mal zu hören bekomme, wie es denn nun gewesen ist bei Weylands, daß ich doch der Agathe sagen kann: ‚sie hat sich amüsirt‘ – oder: ‚sie hat sich nicht‘ –“

„Ach so! Nimm mir’s nicht übel, ich dachte an Thea! Sag’ Deiner Frau, es war wunderschön; es war – ich – morgen, morgen! Gute Nacht!“

Sie gab dem Alten mit einem freundlichen Nicken den Abschied, dann schlich sie auf den Zehen nach der Thür des Nebenzimmers, um zu lauschen.

„Vögelchen – Du?“ kam eine müde Stimme von drinnen.

„Ja, liebste Thea!“ Und wirklich so leicht und rasch wie ein Vogel huschte das junge Mädchen ins Zimmer. – Dieses, von den Damen „die Wohnstube“ genannt, war trotz seiner Größe und Höhe ein äußerst behaglicher Raum mit seiner dunklen Eichentäfelung, welche die halben Wände bedeckte, mit den breiten, tiefen Fensternischen, in denen, um ein paar Stufen erhöht, Näh- und Arbeitstische, sowie einige Blumenständer mit schönen Blatt- und Topfpflanzen Platz hatten, mit der prachtvollen, alterthümlichen „Kredenz“, in deren Fächern es von kostbarem Porzellan und Krystall, von Silber- und Glassachen glitzerte, mit seinen schweren, gediegenen Möbeln, die von ehrwürdigen Zeiten redeten. In der Mitte des Zimmers stand ein großer Eichentisch auf massiven Kugelfüßen, drüber hing eine große Ampel an sechs Kupferketten. Sie brannte sehr hell und zeichnete in das ernste, dunkel gehaltene Gemach eine helle Lichtinsel hinein. Auch den hohen, breiten, mit tiefrothen Polstern belegten Lehnsessel traf voller Lampenschimmer, ebenso das Leidensgesicht, das in den Kissen lag, wachsweiß, mit bläulich gefärbten Augenlidern, glanzlosen schwarzen Haaren und übernatürlich großen Augen. Wohl schienen diese Augen, wie sie klug und lebhaft aufblickten, von keinem Schmerz erzählen zu wollen – desto mehr that dies der Mund, der beständig von einem gequälten Zug umgeben war. Eine durchsichtige Hand lag auf der weichen türkischen Decke, die über die Kniee der Kranken gebreitet war, neben dem Sessel lehnte ein hoher Krückstock mit gepolstertem Griff.

Annie warf all ihre Blumen auf den Tisch und beugte sich über das blasse Gesicht, das sie mit ihren beiden jungen warmen Händen streichelte.

„Thea, Thea! Da bin ich wieder! Wie geht Dir’s?“

„Kleiner Schelm, Du willst jetzt natürlich, ich soll sagen: Gut, da ich Dich wieder habe! Aber das kann ich doch nicht – Du hast Dir ja auch ein für allemal feierlich solche Rücksichtslügen verbeten! Wie soll es mir gehen? Es war recht schlimm eine Zeitlang, die Schmerzen sehr arg, danach führten die Nerven einen ganz tollen Tanz auf, aber die letzten Tropfen, die Heimbucher mir verschrieben hat, thaten mir wirklich gut, ich konnte doch wieder lesen, und Du weißt, dann sind wir übern Berg; mir war die letzten Stunden ganz leidlich zumuthe, nur an Schlaf wäre ohnehin kein Gedanke gewesen, darum blieb ich lieber auf. So! Dies leidige Thema wäre abgethan! Jetzt kommt unser Vergnügen! Du siehst ja keine Spur müde aus, und ich kenne Dich, Du mußt Dich immer erst ausplaudern. Also setz’ Dich dahin und erzähle!“

„Das Neueste, Thea! Wir bekommen Frühling! In allem Ernst!“

„Wirklich?“ – In den klugen Augen wachte etwas Schwermüthiges auf, das aber rasch verflog. „Nun aber – Deinen Bericht!“

„Zuerst eine Frage: Findest Du, Thea – aber Du mußt ganz, ganz aufrichtig sein wie immer! – daß ich heute … daß ich heute … Du brauchst nicht zu lachen – besonders hübsch aussehe? Hübscher als sonst?“

Thekla blickte verwundert auf. Ihre junge Schwester stand vor ihr; schlank hob sich die weiße Lichtgestalt von dem dunklen Hintergrund des Eichengetäfels ab, die schönen Hände spielten mechanisch mit den über den Tisch hingestreuten Blumen, die Augen, in denen eine seltsam lebhafte Erwartung glänzte, hingen in selbstvergessener Spannung an Theklas Antlitz.

Diese überflog das reizvolle Bild mit ihrem prüfenden Blick.

„Ja!“ sagte sie dann kurzweg.

Ein halb unterdrückter Jubellaut antwortete ihr. „Also wirklich! Siehst Du, das freut mich aber!“

„Ja – ich sehe! Und warum freut’s Dich so besonders?“

„Ach – nun – weißt Du, ich bin heute ein bißchen sehr gefeiert worden – noch mehr als früher! Die beiden interessantesten Herren von der ganzen Gesellschaft hat mir Hedwig zu Tischnachbarn gegeben, und Du kannst Dir denken, da hieß es natürlich wieder gleich, ich hätte sie angelockt, und die anderen Mädchen besprachen und beneideten mich – das natürlich machte mir keine Freude …“

„Was also sonst?“

Annie wurde verlegen und senkte die seidenen Wimpern.

[589] „Ich … aber Thea, ich sagte Dir doch, man hat mich ausgezeichnet – mir den Hof gemacht – all die neuen Ulanen waren da – sieh nur die vielen Cotillonsträuße! Ich bin ja doch jung, mir machte es Spaß –“ sie stockte und verwirrte sich immer mehr – „ich möchte wissen, warum Du mich so ansiehst?“

„Weil Du mir nicht alles sagst!“

„Ich – Dir? Aber ich will Dir ja alles sagen!“

„Schön! Zunächst: wer waren diese beiden interessanten Tischnachbarn?“

„Ach, Dich hätten sie auch interessirt! Mein Kavalier war Herr von Conventius, der neue Prediger an der Lukaskirche! Ich gehe hinein, wenn er seine Antrittspredigt hält, ja, Thea, ich thu’ es wahr und wahrhaftig, Du kannst dazu sagen, was Du willst!“

„Ich sage gar nichts dazu!“

„Gar nichts? Also dann erst recht! Ein bildschöner Mann, groß, schlank, blond, recht wie der Abkömmling eines alten Adelsgeschlechtes; und das ist er auch; sein Vetter, ein fideler Lieutenant, mit dem ich den Cotillon tanzte, hat es mir erzählt, und wie er aus Liebe zu seinem Beruf, aus Ueberzeugungstreue sich mit seiner ganzen Familie überworfen und fast mit seinem Vater entzweit habe, der mit Gewalt einen Offizier aus ihm machen wollte. Ist das nicht edel, nicht bewunderungswürdig? Und dabei keine Spur von einem finsteren Eiferer – ein Weltmann von feinsten Manieren, gewandt und dabei gediegen in der Unterhaltung, sogar humoristisch – ich wollte, ich könnte Dir sein Gesicht beschreiben!“

„Schon gut, Vögelchen! Und der andere?“

„Der andere? Ah ja, den Lieutenant von Conventius meinst Du! Der ist ganz hübsch und lustig, sieht aber seinem Vetter gar nicht ähnlich.“

„Den meine ich überhaupt nicht! Dein zweiter Nachbar bei Tisch.“

„Mein zweiter Nachbar? Professor Delmont!“

„Der hier neu an der Akademie angestellt ist? Von dem die Zeitungen soviel Aufhebens machen?“

„Ja!“

„Ebenfalls bildschön?“

„Nein!“

„Auch Kavalier von den feinsten Manieren? Gewandt? Humoristisch?“

„Nein.“

„Also ein unangenehmer Mensch?“

„Nein, … nicht unangenehm!“

Eine Pause entstand. Die Hand der älteren Schwester strich mechanisch über die feinen Haare des Teppichs auf ihrem Schoße, die Hand der jüngeren zerzupfte die Blumen.

„Die armen Dinger! Alle an Draht geschnürt!“ hieß es dann, und Annie griff ein kleines Sträußchen von weißem Flieder und dunkeln Veilchen aus den andern heraus und wickelte behutsam den Draht davon los.

„Morgen ist das alles verdorben! Hast Du nicht Wasser hier, Thea? – Danke!“

Sie holte aus der Kredenz eine schöne, schlanke, kleine Vase in Form einer Lilie, goß Wasser aus Theklas Glas hinein und setzte mit sorgsamer Hand das Sträußchen von Veilchen und weißem Flieder in den Lilienkelch.

Als sie von ihrem Werk aufsah, begegnete sie dem ruhig und aufmerksam auf sie gerichteten Blick ihrer Schwester.

„Wünschest Du noch etwas, Thea?“

„Nein, mein Kind!“

„Dann möchte ich doch schlafen gehen, mich überkommt eine plötzliche Müdigkeit; Du mußt doch endlich auch zur Ruhe! Wollen wir gehen?“

„Gewiß wollen wir. Zünde die kleine Lampe für uns an und lösch’ die Ampel aus. – So ist’s recht!“

Sie warf einen raschen Seitenblick auf die übrigen Blumen, die vergessen und halb verschmachtet auf dem Tisch umherlagen, und erhob sich mit Hilfe Annies, welche die gebrechliche Gestalt liebevoll stützte und mit einem Arm umfaßt hielt, während sie sie sorgsam über die Schwelle leitete.

Die beiden Schwestern bewohnten zwei luftige, nebeneinander liegende Schlafzimmer; ein gemeinsamer Aufenthalt in einem Raum verbot sich dadurch, daß Annie oft spät heimkam und Thekla sich zuweilen früher zurückzog, oft auch in der Nacht vor Schmerzen [590] nicht schlafen konnte und Licht anzündete, um zu lesen oder Medizin zu nehmen.

Die Verbindungsthür stand wie immer so auch jetzt offen. Schweigend geleitete Annie die Kranke, half ihr rasch und geschickt beim Entkleiden und küßte sie dann zur Gutenacht. Etwas wie Unentschlossenheit und hilflose Verlegenheit malte sich in den ausdrucksvollen Zügen des jungen Mädchens, während sie, ohne ein Wort zu sprechen, die gewohnten Handreichungen leistete. Auch Thekla blieb stumm, sie hatte die Augen gesenkt und vermied es, ihre Schwester anzublicken.

„Willst Du die Lampe brennend behalten, Thea?“

„Nein, lösche sie nur aus!“

„Gute Nacht, liebste Thea, schlaf’ wohl!“

„Du auch, Kleine!“

Und jetzt wurde es ganz still. Thekla lag regungslos, mit weitoffenen Augen, und starrte in den Lichtstreif, der sich durch die Thür des Nebenzimmers ein Stück in ihr Gemach hineinschlich; dann und wann huschte ein flüchtiger Schatten drüber weg – Annie, die geräuschlos hin- und herging und einzelne Stücke ihrer Gesellschaftskleidung verwahrte.

Sonst war das immer anders gewesen nach solch’ einem Fest – ganz anders! Da hatte Annie drüben im Wohnzimmer schon des Plauderns und Lachens kein Ende finden können, und Thekla mußte wiederholt mahnen, endlich zur Ruhe zu gehen. Aber dazu kam es noch lange nicht – die jüngere Schwester hatte dann immer noch auf der Bettkante der älteren gesessen und von neuem angefangen, zu berichten, so drollig und hübsch, daß Thekla oft ihre mütterlichen Pflichten vergaß und das „Kind“ in Gottes Namen erzählen ließ, … es war so reizend, ihr zuzuhören! O, sie hatte oft mit Feuereifer von diesem und jenem Herrn gesprochen, sich ihrer Triumphe gefreut – hatte sie doch schon mehr als einen Bewerber ausgeschlagen! – und begeisterte Schilderungen wie heute die von Conventius waren bei Annies lebhaft empfänglicher Natur gar nichts so Seltenes. Ein so seltsames Ausweichen aber und Verstummen war bisher noch nie dagewesen. Sollte – –

Und Theklas wandernde Gedanken, gleich aufgescheuchten Vögeln um ihr Nest flatternd, das ihnen plötzlich fremd erscheint, tauchten weit, weit rückwärts in ihre eigene aufdämmernde Kindheit und sahen, wie wenn es eine ganz andere Persönlichkeit wäre, das kleine, bleiche, verkümmerte Mädchen auf seinem hohen Polsterstuhl sitzen, oder auf dem Ruhebett liegen, immer, immer mit Schmerzen und ohne Mutter! Die hatte das Kind nie gekannt, sie war von ihm gegangen, als es erst wenige Monate zählte, aber es kam kaum dazu, sich nach ihr zu sehnen – der Vater war ja da! Er hob und trug seine kleine, er reichte ihr die Medizin und den Wein, er schnitt ihr das Fleisch zurecht, erzählte ihr Märchen und spielte mit ihr, und seine Hand war frauenhaft weich und behutsam wie die einer Mutter, seine Stimme immer sanft, wenn er zu dem Kinde sprach, seine Augen stets voll Liebe, wenn sie auf ihm ruhten. Den „gelehrten Gerold“ nannten ihn die Leute und wunderten sich, daß er, der einzige Sohn eines reichen, alten Patrizierhauses, sich nie zu einem Brotstudium entschlossen hatte – er würde sicher ganz hervorragendes geleistet haben. Er hatte sich nur den Doctor juris erwerben und sich dann mit der Rechtswissenschaft nur noch gelegentlich abgegeben – Philosophie und Sprachen, die alten wie die neuen, waren seine Steckenpferde, und wer Gelegenheit fand, ihn in eingehende Gespräche wissenschaftlichen Inhalts zu verflechten, der mußte über die Fülle von Kenntnissen staunen, die er hier vereinigt fand. Gerold ging sehr selten aus, empfing aber gern und häufig Besuche und konnte, sobald er sich mit diesen in interessante Fragen vertieft hatte, so anziehend und inhaltreich reden, daß seine Gäste Zeit und Stunde darüber vergaßen und nicht selten die Thurmuhr der nahen Lukaskirche Mitternacht schlug, ehe man sich entschließen konnte, aufzubrechen.

Seine kleine Tochter unterrichtete der Doktor selber, „nach eigenster Methode“, wie er lächelnd zu sagen pflegte. Thatsache war, daß das Kind bei dieser Methode erstaunlich rasch vorwärts kam, obgleich der Vater es eher zurückhielt, als antrieb; aber ein glühender Lerneifer, gepaart mit ungewöhnlicher Begabung und dem leidenschaftlichen Wunsch, dem Vater Freude zu machen, hob den jungeu Geist siegreich über alle Schranken hinweg, die der gebrechliche Körper ihm zu ziehen drohte. So kam es, daß

Thekla, „des gelehrten Gerold gelehrte Tochter“ wurde, daß sie Lateinisch lernte und Griechisch trieb, daß sie sich allgemach in die philosophischen Systeme vertiefte und mit ihrem ursprünglich schon so scharfen und dann vortrefflich beschulten Geist des Vaters junger „Amanuensis“ ward, wie er sie zu nennen liebte, sein bester Freund und Gehilfe, ja zuweilen, worauf sie unsäglich stolz war, sein Rathgeber. Denn Gerold verschmähte es durchaus nicht, ehrlich zuzugestehen, daß ein gewisses Ahnungsvermögen, feinfühliges Tasten und Finden weit mehr Frauen- als Männersache sei, und daß seine Tochter ihn auf solchem Gebiet zuweilen übertreffe.

In dies gelehrte Stillleben, dies Arbeiten und Streben zu zweien fiel urplötzlich wie ein zündender Blitz aus wolkenlosem Himmel Gerolds auflodernde Leidenschaft für ein junges, schönes und reiches Mädchen, das er im Hause eines seiner wenigen Freunde flüchtig kennengelernt hatte. Völlig umsonst, daß er sich an sein ergrauendes Haar, seine fünfzig Jahre, seine erwachsene Tochter erinnerte, daß er sich die Unmöglichkeit, dies junge bildschöne, lebensfrohe, vielumworbene Geschöpf für sich, den so viel älteren Mann, zu gewinnen, mit grausamer Schärfe vorhielt – umsonst, daß er es vermied, sie wiederzusehen, sogar, eine bisher unerhörte Thatsache, sich von seiner kranken Tochter trennte, um eine Reise zu machen und zu vergessen, – daß er sich wie ein Schwimmer in den reißenden Strom mit einer Art von Verzweiflung in seine Arbeiten stürzte. Die Leidenschaft hatte ihn gepackt und ließ ihn nicht los, er fühlte, er müsse zu Grunde gehen, wenn er nicht Gewißheit habe, und sei es die schmerzlichste. – – Aber das vollständig Unerwartete geschah: der einsame, gelehrte Witwer, der alternde Mann hatte es dem reizenden jungen Wesen angethan, alle Bitten und Vorstellungen, alle Warnungen vor der stillen Häuslichkeit, der überstudierten Tochter, dem bedenklichen Altersunterschiede fruchteten nichts, Ellinor bestand fest auf ihrem Willen und legte mit hellen Freudenthränen in den wunderschönen, leuchtenden Augen ihre Hand in die des überglücklichen Verlobten.

Die Art, wie Gerold seiner Tochter Thekla beichtete, die Worte, die er ihr damals sagte, voll felsenfesten Vertrauens in ihren Charakter, in ihre Liebe zu ihm, voll innigster Vaterzärtlichkeit – nie würde die Tochter das vergessen bis ans Ende ihres Lebens! Sie that alles, was sie konnte, sich der hohen Meinung, die der Vater von ihr hegte, werth zu zeigen, sie brachte der zukünftigen Mutter, die kaum so alt war wie sie selbst, Freundlichkeit und guten Willen entgegen – mehr konnte sie nicht!

Wie sie aber das schöne, liebliche Geschöpf zum ersten Mal sah, als es befangen über die Schwelle ihres Zimmers trat und ihr mit einem bittenden Blick die Hand hinhielt, da wurde ihr wie mit einem Zauberschlage die Gewalt klar, die ein solches Glückskind selbst über einen Mann, wie ihr Vater es war, auszuüben vermochte – da griff sie nach dem schüchtern entgegengestreckten Händchen, drückte sprachlos ihr Gesicht dagegen und brach in eine Fluth von Thränen aus. So fanden sich gleich beim ersten Male diese beiden grundverschiedenen Naturen zu einander, so hielten und behielten sie sich bis zum Scheiden.

Wie einen ganzen Strom goldigsten Sonnenscheins goß Ellinors Wesen seinen eigenartigen Zauber über das ernste, stille Patrizierhaus; von dem Herrn dieses Hauses und seiner Tochter, von den jetzt häufigeren Gästen bis zu den Bediensteten, Ellinors ehemaliger Wärterin Agathe, jetzt Wirthschafterin, und dem ältlichen Diener des Geroldschen Hauses Lamprecht, die sich nach kurzer Frist zu einem zufriedenen Paar verbanden – da war keiner, welcher der jungen Frau nicht blindlings ergeben gewesen wäre. Ihr glockenreines Lachen, ihre helle Stimme belebte Haus und Garten, Flur und Treppen.

Sie hatte die landläufige Töchterschulbildung genossen und zeigte, trotz großer Fassungsgabe, keine besondere Lust, ihre Kenntnisse noch irgendwie zu vermehren. „Ich bin ja meinem Richard klug genug!“ sagte sie zuweilen lachend. Und in der That – sie war ihm klug genug, mit ihrem raschen Geist, ihrer lebendigen Auffassung, dem glücklichen Humor und jener sprudelnden Einbildungskraft, die von trockenem Wissenskram wenig wissen will, dagegen das Gemüth wie ein frischer Bergquell erquickt und allen Dingen im Alltagsleben einen eigenthümlichen Hauch von Poesie zu geben weiß. Oft ließ sich die junge Frau gutmüthig mit ihrer geistigen Trägheit necken und lachte selbst am heitersten mit – die wenigsten nur wußten, daß es nicht nur Bequemlichkeit war, [591] die sie an den Studien ihres Gatten scheinbar wenig Antheil nehmen ließ! Sie wollte Thekla das einzige Recht, das diese voll und ganz genoß, das der geistigen Gemeinschaft mit ihrem Vater, nicht entziehen, da sie das Herz des geliebten Mannes schon ohnehin zu eigen hatte. Sie fuhr aus, machte Einkäufe und Besuche oder lud sich eine Freundin ein, nahm wohl auch ein hübsches Buch vor, während die beiden miteinander lasen und disputirten, um dann, schön und hell wie ein Maientag, in das Studierzimmer zu treten und sich mit einem Sturm von Jubel und Zärtlichkeit begrüßen zu lassen. Sie verstand es, aus allem etwas zu machen, das unbedeutendste Erlebniß anmuthig oder witzig zu schildern; dabei blieb ihr Gemüth rein und ihr Herz weich, nie kam ein hartes oder liebloses Urtheil aus ihrem Munde. Unmöglich, sie nicht zu lieben – unmöglich, die drei Jahre voll ungetrübten Sonnenscheins zu vergessen, die sie dem Hause gebracht hatte.

Ihr Töchterchen Annie, Zug um Zug ihr Ebenbild, lebte schon ein Jahr und gab durch sein Dasein der schönen, jungen Mutter einen neuen Reiz, als eine Typhusepidemie ausbrach und im ganzen Hause ein einziges Opfer forderte.

Sie litt nicht lange, sie starb, wie man mit rascher Hand eine Blume knickt, die eben in vollem Prangen ihren köstlichen Kelch erschlossen hat – aber die sie zurückließ – –

„Gut, daß Du von all dem Jammer keine Ahnung hast!“ dachte Theka Gerold und starrte mit heißen Augen auf den Lichtstreifen, der eben wieder durch Annies vorüberhuschende Gestalt verdunkelt wurde. Der unglückliche Gatte war in einen trostlosen Zustand gerathen; er konnte das Kind in der ersten Zeit nicht sehen, das ihn mit den Augen der Entschlafenen anlachte, er konnte lange den Ton des feinen Stimmchens nicht hören, das ganz so glücklich aufjauchzen konnte, wie die Mutter es verstanden hatte, er wollte auch keinen Zuspruch, kein Trosteswort hören. Ach, wo blieb nun die vielgerühmte Macht der Wissenschaft, wo die stolze sieghafte Kraft seiner Philosophen? Sie waren alle, alle machtlos, ihm zu helfen, sie konnten sein wundes Herz nicht heilen und ihm seinen Liebling nicht zurückgeben!

Er wäre gern gestorben, aber … erst zögernd, dann lauter und bestimmter sagte er sich’s: „Das darfst du nicht – was würde aus dem Vögelchen werden?“

„Das Vögelchen“ – so hatten sie Ellinor genannt, so nannten sie auch die Kleine, wenn sie in ihrem kurzen, weißen Röckchen die dunkeln langen Treppen heruntergeflattert kam und sich mit einem hell zwitschernden Laut dem Vater in die Arme warf. Das Kind liebte den stillen, traurigen Vater abgöttisch, und dieser konnte schließlich nicht anders – er mußte diese Liebe erwidern! Gewiß, Thekla war gut und behütete das Kind wie ihren Augapfel, aber sie war so ernst, und ein Kind, gar dies Kind, das Kind dieser Mutter, brauchte Freude! Die mußte der Vater ihm verschaffen, und er that es, soviel in seinen Kräften stand. Sein „Amanuensis“ stand ihm getreulich bei. Als der Vater gefragt hatte: „Willst Du es übernehmen, Thekla, das Kind mit mir zusammen zu erziehen?“ da hatte sie ein feierliches „ja“ gesprochen, und sie ordnete sich in allem ihrem Vater unter. Er putzte die Kleine heraus wie ein Prinzeßchen – Thekla schüttelte insgeheim den Kopf dazu, sagte aber kein Wort, und es kam die Zeit, da sie dem Vater recht gab, wenn er behauptete, das Vögelchen sei auch darin seiner Mutter echtes Kind, daß es keine Spur eitel sei. Es freute sich des neuen schönen Kleidchens, weil das Kleidchen schön war, nicht aber, weil es ihm besonders gut zu Gesicht stand, es spielte mit dem kleinen abgegriffenen Gummiball ebenso gern wie mit der kostbaren Pariser Puppe, es hatte immer soviel zu thun und zu denken in seinem lustigen kleinen Köpfchen, und es hatte sich den ganzen Tag zu freuen und den Vater zu streicheln und zu küssen und Thekla zum Lachen zu bringen mit seinen drolligen Kindereinfällen … wo hätte das Vögelchen wohl die Zeit hernehmen sollen, um eitel zu werden? –

Es wurde fünf, es wurde sechs Jahre alt, es sollte bald sieben werden – ein kräftiges, schön entwickeltes Kind. Thekla fand in der Stille, nun sei es höchste Zeit, daß es anfange, etwas zu lernen. Sie selbst hatte in dem Alter schon fließend lesen und schreiben können. Allein der Vater wünschte es nicht, Vögelchen sollte seine Kindheit herrlich genießen. Das that es denn auch und jubelte und lachte im Garten und tollte mit Agathe und dem ehrbaren Lamprecht und mit den kleinen Freunden und Freundinnen, daß es im ganzen Hause einen lauten Widerhall gab. Endlich fing der Vater doch an, seine Annie zu unterrichten, aber es wurden andere Lehrstunden als damals bei Thekla. Diese hatte haarscharf aufgemerkt, faßte jede Sache mit gleichem Eifer an, wollte lernen, lernen um jeden Preis. Annie aber hatte ihre Lieblingsstunden, ihre ausgesprochenen Neigungen – was nicht zu ihrem Gemüth, zu ihrer Phantasie sprach, das ließ sie ganz kalt, sie lernte es wohl, dem Vater zuliebe, aber es blieb gleichsam ein todtes Kapital in ihr – sie war auch hierin ihrer Mutter echtes Kind!

Der „gelehrte Gerold“ sah es – und sah es mit Freude! Hatte er an einer studierten Tochter genug, oder rührte ihn die Aehnlichkeit, die das Kind in allen Stücken mit der geliebten Frau hatte, so tief?

Gerold lebte mit beiden Töchtern auf seine Weise: Thekla war recht eigentlich das Kind seines Geistes – Annie das seines Herzens, und doch theilte er jedem von beiden mit! Auch in religiöser Beziehung hatte er es mit den Töchtern verschieden gehalten. Während er Thekla allmählich in die freie, feine Luft der philosophischen Gedankenhöhen hinaufgeführt, sie zu scharfem, logischem Denken erzogen und einen Freigeist aus ihr gemacht hatte, der alles hinnahm, wie es eben kam, als eine unerbittlche Nothwendigkeit, war es ihm ein unabweisliches Bedürfniß gewesen, Annies Kinderhändchen allabendlich zum Gebet zu falten, sie hinaufschauen zu lehren zu dem Gott, den ihre Mutter in ihrem reinen Sinn gesucht und gefunden, dem sie so unendlich oft für ihr Glück gedankt und der ihr geholfen hatte, das Scheiden zu ertragen.

So lebten diese drei Menschen ihr Leben, vereint in innigster Liebe und doch in den Grundelementen durchaus von einander verschieden, - der Vater gewissermaßen als Vermittler zwischen den beiden Töchtern stehend, welche die schärfsten Gegensätze darstellten. Und so ging es, bis Annie fünfzehn Jahre alt war. Da fanden sie eines Abends – es war wenige Tage nach Annies Konfirmation – den Vater in seinem Lehnsessel todt, friedlich und heiter anzusehen, und das lebensgroße Bildniß seiner Ellinor, das ihm gegenüber hing, lächelte auf den stillen Schläfer herab.

Das Herz sei nicht so ganz in Ordnung gewesen, erkärte der Hausarzt – aber an ein so rasches Ende hatte wohl niemand gedacht, niemand als der Verstorbene selbst. –

Die zurückgebliebenen Töchter fanden sich in ihrem tiefen, großen Schmerz noch inniger zusammen als bisher. Annie in ihrem Jammer war ganz fassungslos, und Thekla, obschon bis ins innerste Herz hinein wund, raffte sich gewaltsam empor, um die junge Schwester zu trösten. Sie hatte ihren Vater gehabt, jetzt hatte sie Annie, für die sie leben wollte!

Und Annie schloß sich, nachdem der erste heftige Schmerz ausgetobt hatte, immer mehr der ernsten, um mehr als zwanzig Jahre älteren Schwester an, begehrte immer mehr theilzunehmen an ihren Arbeiten, und das Trauerjahr, das den fröhlichen Verkehr des Hauses theils verbot, theils beschränkte, kettete die Schwestern so unauflöslich aneinander, daß Annie unwillkürlich nach Ablauf der Trauerzeit einen andern Maßstab an ihre Altersgenossen legte, sie mit Thekla zu vergleichen begann. Sie löste und lockerte das Band allmählich da, wo sie nicht fand, was sie suchte, ernstes geistiges Streben und lauterste Wahrheit – und sie knüpfte da an, wo ihr beides begegnete.

Sie hatten ein wunderschönes Zusammenleben geführt, die beiden Schwestern, und eben der Umstand, daß sie, so verschieden sie in Alter, Aussehen und Lebensweise voneinander waren, doch alles und jedes theilten, gab ihrem engen Verkehr einen eigenen Reiz, eine immer neue Frische. –

Heute schien Annie nicht geneigt, zu theilen, und das machte Thekla traurig. Es gab ja so vieles, was Annie genoß und was die ältere Schwester nur vom Hörensagen kannte: Bälle und Damenkaffees, Eislauf und Waldpartien, Reitfeste und Spazierfahrten. Auf alles dies hatte sie von jeher verzichten müssen, und es hatte Zeiten gegeben, da auch die „gelehrte“ Thekla Gerold, die Philosophin, heimlich bittere Thränen vergossen und eine brennende Sehnsucht empfunden hatte nach jenen Freuden, die sie nie genießen sollte.

Nun, das war freilich lange her, sie hatte es seitdem gelernt, ihre Bücher als ihre vertrautesten Freunde zu lieben, denen sie zahllose schöne und erhebende Stunden verdankte; jetzt begehrte sie für sich selbst nichts mehr von Lebensfreude und Genuß. Aber für Annie, die das Dasein eines wirklichen jungen Mädchens [592] führte, umschwärmt und gefeiert und dennoch gegen Verflachung und hohles Scheinwesen geschützt – da erwartete und verlangte sie viel, und oft hatte sie in der Stille gesonnen, wie wohl der Mann beschaffen sein müsse, den sie – Thekla – ihres Lieblings für werth halten würde. Ach, ihre sorgende mütterliche Liebe würde ihn ja nicht aussuchen können, aber sie konnte warnen, zu- oder abreden, loben und tadeln … Annie war ja so lieb, so kindlich, unterwarf sich so gern dem Urtheilsspruch ihrer klugen Thea! –

Konnte der schräg in ihr Zimmer fallende Lichtstreifen sie blenden? Was war es, das ihre Augen feucht werden ließ?

Jetzt erlosch das Licht nebenan, tiefe Finsterniß umfing sie. Wer nun schlafen könnte, fest und traumlos! Das junge Geschöpf nebenan würde es können – welches Bild es doch mit hinübernehmen mochte in seinen sanften Schlummer? Die Schwester wußte es nicht, sie war ja ausgeschlossen – heute zum ersten Male! – Vier Uhr! Die tiefe, dröhnende Stimme vom Sankt Lukasthurm war Theklas älteste Freundin, die hatte dem kranken Kinde schon vor langen, langen Jahren den Weg durch die endlosen Nächte gewiesen. Sie hatte sich seitdem üben können im Wachen und Leiden; die gleichmäßigen Athemzüge, die aus dem benachbarten Zimmer kamen, hatten sie zuweilen eingewiegt – wer konnte sagen, wie lange sie dieselben noch hören würde?

Ein leichtes Rascheln nebenan – Theklas scharfes Ohr unterschied einen leisen Fußtritt, der sich näherte – dann eine flüsternde Stimme: „Thea, bist Du noch wach?“

„Ja, Vögelchen! Warum schläfst Du nicht?“

„Ich kann nicht! Es kommt mir so unrecht vor, wie ich heut’ zu Dir gewesen bin! Dir nicht auch?“ Hier tastete eine suchende Hand über Theklas Bett, und zwei weiche Arme legten sich gleich darauf im Dunkel der Nacht um Theklas Nacken. „Ich hab’ Dir ja immer und immer alles gesagt, und ich will es auch heute – wenn ich nur wüßte“ – ein tiefer, beklommener Seufzer hob die junge Brust – „wie ich Dir sagen soll, was ich selbst nicht recht verstehe. Gut, daß es wenigstens dunkel ist – im Geist seh’ ich ohnehin deutlich genug, wie Du mich fragst mit Deinen großen, allwissenden Augen. So wie jetzt ist mir noch nie zumuthe gewesen – traurig und auch wieder glücklich dabei und so, wie mir heute ein einziger gefallen hat … ach Gott, was ich rede! ‚Gefallen‘ ist gar nicht das Wort dafür! Weißt Du, wie Werther sich darüber aufregt, als ihn jemand fragt, ob ihm Lotte ‚gefiele‘! Thekla – Du denkst jetzt gewiß, es ist dieser schöne Prediger, der mich so beschäftigt –“

„Nein, mein Kind, das denke ich nicht!“

„Wie klug bist Du doch, und wie genau kennst Du mich! Sieh, daß ich dem Prediger sehr gefiel, das merkte ich gleich, freute mich auch darüber, denn er hat mir einen bedeutenden Eindruck gemacht. Ob ich dem – dem – andern gefiel, das weiß ich eigentlich gar nicht“ – wieder ein langer Seufzer – „er sah so finster und verschlossen aus, da that er mir leid und ich dachte: ob der wohl lachen kann? Ob du ihn wohl zum Aufthauen bringst? War das unrecht, Thea? Ich wollte ja nichts Schlimmes, dachte noch nichts weiter, nur, ob es mir gelingen könnte, ihn heiter zu machen. Ich denke, das war nicht kokett – nein, Thea?“

„Ich meine nein, Annie!“

„Und es gelang mir so gut! Du hättest es nur sehen sollen! Ein ganz anderer Mensch ist er geworden – und was er mir alles erzählt hat! Aber das will noch nichts sagen … die andern Herren werden uns alle Besuch machen, Thea, in den nächsten Tagen, und er hat kein Wort davon gesagt. Nun bekommen wir ja auch Frühling, und dann geht er gewiß wieder auf Reisen, und es kann sein, daß man sich nicht wiedersieht. Ja – das wollt’ ich Dir gern noch sagen, Thea! Bist Du noch böse?“

„Böse bin ich überhaupt nicht gewesen. Kleine!“

„Aber enttäuscht und betrübt?“

„Das muß ich zugeben!“

Annies Lippen fanden im Finstern der Schwester Gesicht und preßten sich ungestüm dagegen.

„Mein Närrchen, mein liebes! Nun ist alles, alles wieder gut, ich weiß in Dir Bescheid, das ist die Hauptsache! Warten wir alles weitere ab! Mit dem Nimmerwiedersehen wird es ja wohl so schlimm nicht sein, wenn jemand in derselben Stadt an der Akademie eine Professur hat und man einander zehnmal im Monat in denselben Kreisen begegnen kann.“

„O nein, er sagt, er besucht gar keine Gesellschaften!“

„Nun, er hat doch die heutige besucht.“

„Ja – das war eine Ausnahme.“

„Solche Ausnahmen werden des öfteren vorkommen – vielleicht bekomme ich diesen Vogel Phönix dann auch noch einmal zu sehen!“

„Siehst Du, Thea, das ist schlecht von Dir! Jetzt machst Du Dich lustig über mich!“

„Wahrhaftig nicht, Liebchen!“

„Und ein Vogel Phönix ist er durchaus nicht! Ich hab’ es so im Gefühl, Dir würde er gar nicht gefallen!“

„So? Das sollte mir leid thun!“

„Viel eher Conventius! Der ist ganz ein Mann für Dich!“

„Vielen Dank! Wir werden ja sehen! Aber jetzt rasch ins Bett, Kind, oder ich mache Dir eine Scene!“

„Und Du hast mich wieder lieb?“

„Am liebsten von allen Menschen – ist Dir das genug, Du anspruchsvolle, verzogene Prinzessin?“

„Ja, gerade genug, Thea! Gute Nacht! Ach, wenn Du doch schlafen könntest!“

„Ich glaube, ich kann Dir, zum ersten Male in Deinem Leben, diesen Wunsch zurückgeben!“

„Ach, wenn ich auch nicht schlafen kann! Ich habe soviel zu denken!“

Damit huschte es wieder auf lautlosen Füßchen davon, und Thekla wandte zufrieden ihr Haupt nach der andern Seite. Gottlob, „ihr Kind“ gehörte ihr noch!! –

[613]
3.

Als die Thurmuhr von Sankt Lukas die vierte Morgenstunde schlug, bog ein einsamer Wanderer um die scharfe Ecke, welche die gewaltige alte Kirche, ein Denkzeichen aus dem vierzehnten Jahrhundert, hier bildete, und blieb vor dem Hauptportal stehen.

Es fiel kein Regen mehr, allein die Wolken hingen so tief, als wollten sie sich jeden Augenblick von neuem entladen. Eine lichtlose, stille Märznacht! Nur von den Dächern rieselte und tropfte es, sonst unterbrach kein Laut die tiefe Ruhe. Der Mann war in einen dunklen Mantel gewickelt und hatte einen breitrandigen Hut tief in die Stirn gesetzt; er schob ihn jetzt ein wenig zurück, um unbehindert die Kirche ansehen zu können, deren gewaltiger Bau nur wie eine dunkle, dräuende Masse vor ihm lag. Wie weisende Finger hoben die Eckthürme sich gen Himmel, und ein leichter Nachtwind, der sich eben aufmachte, erzeugte oben in den Schalllöchern ein seltsames, fernes Klingen. Der Mann im Mantel umging die Kirche und blickte die Straße hinab, die sich rechts von ihm ausdehnte; der „Holländer Weg“ hieß sie, und gleich das dritte Haus darin war ein stolzes Gebäude aus alter Zeit, reich mit Schnitzwerk und allerlei sonderbarem Zierat versehen. Der Wanderer sah daran hinauf, als erwartete er von dorther irgend eine Botschaft, er wandte sich dann wieder zu der Kirche zurück und ließ seine Blicke hin- und hergehen – endlich drehte er sich hastig ab und ging mit beschleunigten Schritten über den Lukasplatz durch die nächstliegenden Straßen und über eine Brücke hinweg, unter welcher der breite Fluß, noch halb in eisigen Banden gefangen, in starrem Schweigen ruhte. Nur hier und da waren die Schollen voneinander geborsten, und mit leisem Gurgeln drängten sich dunkle Wasser dazwischen, unaufhaltsam schiebend und treibend, still geschäftig und rastlos bei ihrem Werk. – Das Haus, bei welchem der eilig Ausschreitende endlich stehen blieb, lag ein wenig abseits von den andern, gleichsam von der breiten, schönen Straße auf Vorposten gestellt; es war auf einer leichten Anhöhe erbaut, hatte einen hübschen Garten hinter sich und mußte im Sommer, seiner freien, erhöhten Lage wegen, einen schönen Blick bieten [614] über die Vorstädte hinweg, über grüne Gärten und Anlagen bis zum Fluß hinüber und der bläulichen Kette des Gebirges, an dessen Fuß sich die ernsten dunklen Waldungen der königlichen Forsten schmiegten.

Im ersten Stock dieses Hauses waren mehrere Fenster auffallend hell erleuchtet, und namentlich eines von ganz ungewöhnlicher Breite und Höhe warf ein leuchtendes Viereck von Licht und Glanz auf den Boden, den jetzt der Fuß des einsamen Mannes betrat.

Er öffnete mit einem Hausschlüssel das Thor und durchschritt einen hohen, behaglich erwärmten und beleuchteten Treppenflur, welcher verschiedene Thüren zur Rechten und Linken und im Hintergrunde eine breite Doppeltreppe aufwies, von einem schön geschwungenen Geländer aus gußeisernen Ranken und Blumen begrenzt.

Hier stieg er empor und trat durch eine Thür zur Rechten in einen sehr großen weiten Raum, der die ganze Tiefe des Hauses einnahm und dessen Höhe zwei Stockwerke maß. Das einzige Fenster nahm fast die ganze Vorderwand für sich in Anspruch – von ihm, trotzdem es von innen verhängt war, fiel jener helle Glanz in die tiefe Nacht hinaus.

Trotz seiner Größe war dieser Raum gut durchwärmt und strahlend beleuchtet durch zahlreiche Wandlampen und eine Krone, die an starken bronzirten Ketten von der Decke niederhing. In einem prächtigen, mit buntem Marmor ausgelegten Kamin loderte ein helles Feuer, und das Knacken der Holzscheite mischte sich mit dem leisen, schwirrenden Ton, mit welchem die Gasflammen in ihren Glaskelchen sangen.

Ueberall an den Wänden hingen herrliche Gobelins, schwere, schillernde Stoffe aus Brokat, Sammet und Seide; Ritterrüstungen, Standarten und hohe, alterthümliche Banner in allen Ecken, dazwischen wundervolle Spiegel in Barockrahmen; tiefe Sessel in den verschiedensten Formen und Farben standen umher, kunstvoll geschliffene Gläser, zart wie ein Hauch, schweres metallenes Trinkgerät, getriebene Schilder, Waffen jeder Gattung, – und, regellos vertheilt, Staffeleien, große und kleine, mit Landschaften, Porträts, Entwürfen bestellt; auf einem niedrigen Tisch, der trotz seiner Größe federleicht auf Rollen ging, lagen dick gefüllte Skizzen-Mappen und lose Blätter, Kartons, Reißbretter, Kohlenstifte – das ganze malerische Durcheinander eines Künstlerateliers, schön und reich in jeder seiner Einzelnheiten, geschmackvoll in der scheinbar mühelosen, zufälligen Art seiner ganzen Anordnung.

Auf dem Fell eines riesigen Eisbären, dessen ausgestopfter Kopf mit unheimlicher Lebendigkeit den Rachen aufriß, lag ein mächtiger schwarzer Neufundländer, mit weißem Brustfleck und weißen Vorderpfoten. Köstlich hob sein seidenglänzendes, leicht gelocktes Schwarz sich von dem blendenden Weiß des Eisbären ab, und über beides zuckte der unruhige Feuerschein und warf rothe Reflexe hierhin und dorthin.

Der Hund hatte beim Oeffnen der Thür den mächtigen Kopf, der zwischen den Tatzen lag, erhoben und ein leises bewillkommnendes Knurren ausgestoßen.

Jetzt hielt er sich offenbar nur mit Mühe auf seinem Platz; die schönen, ausdrucksvollen Augen unablässig auf den Eintretenden geheftet, mit dem buschigen Schweif in immer kürzeren Zwischenräumen den Boden klopfend, wartete das gut geschulte Thier mit Ungeduld auf den kleinsten Wink seines Herrn, der ihm eine andere Begrüßung gestattete.

Vorläufig blieb dieser Wink aus; wie ein Träumender stand Delmont inmitten seines Ateliers, er sah sich darin um, als erblickte er es zum ersten Male, er vergaß, Hut und Mantel abzulegen, und unter den zusammengezogenen Brauen starrten seine großen, dunkelgrauen Augen jetzt unverwandt auf die Arabesken des Smyrnateppichs, welchen sein Fuß betrat.

Endlich raffte er sich auf, athmete tief, warf den Mantel auf den nächststehenden Sessel, den Hut rechts auf den Boden und rief mit halblauter Stimme:

„Ego!“

Sofort sprang der Neufundländer empor und war in drei Sätzen bei ihm. Wie ein treuer Freund den andern zum Willkommen umarmt, so legte das Thier, aufrecht stehend, seine Pfoten auf die Schultern seines Herrn und drückte seinen klugen Kopf unter einem leisen Freudengewinsel an dessen Brust.

„Schön, Alter, schön! Jetzt genug! Ich will ans Feuer!“ Er zog mit einer raschen Bewegung den Tisch mit den Mappen und Skizzen nahe zu sich heran und warf sich in einen breiten, niedrigen Lehnstuhl dicht am Kamin. Der Hund hatte ihm aufmerksam zugeschaut, jetzt begann er gleich einer sorgsamen Hausfrau aufzuräumen; er faßte den Hut seines Herrn behutsam mit den Zähnen und trug ihn in eine Ecke auf eine Polsterbank, ebenso die Handschuhe und den Regenschirm, dann streckte er sich würdevoll zu Delmonts Füßen hin und sah von Zeit zu Zeit erwartungsvoll zu ihm auf … er wußte es ja genau, sein Herr würde schon, nach seiner Gewohnheit, mit dem treuen Gefährten zu reden anfangen.

Wie viele einsam lebende Menschen hatte auch der Professor die Eigenthümlichkeit, Selbstgespräche zu halten, meist kurze, abgerissene Sätze, die für einen Zuhörer – hätte er einen gehabt – schwerlich einen Sinn besessen haben würden. Frau Krämer, seine Haushälterin, von Natur redselig, klagte sehr über die große Schweigsamkeit ihres Herrn und meinte zu ihrer Nachbarin, bei der sie sich des öfteren für ihre erzwungene Enthaltsamkeit entschädigte: „Und wenn er überhaupt einmal spricht, dann thut er’s noch am ehesten mit dem unvernünftigen Vieh!“ – Mit dieser Bezeichnung that aber Frau Krämer dem wackeren Neufundländer entschieden Unrecht; derselbe war durchaus kein „unvernünftiges Vieh“, vielmehr so begabt und feinfühlig, wie man es selbst bei Hunden dieser feinen und klugen Rasse selten antrifft. Delmont hatte ihn von der dritten Woche seines Daseins an aufgezogen, sich selbst jeder Mühe und Unbequemlichkeit, welche die Wartung eines so jungen Hundes mit sich bringt, unterzogen und in der That in seinem „Ego“ eine Art von Freund gewonnen, ein „anderes Ich“, das seinen Herrn so gut kannte wie niemand sonst, das alles, was dieser ihm zu sagen hatte, anhörte, ohne zu widersprechen oder etwas auszuplaudern, das jede Stimmung verstand und würdigte, nichts vergaß, aber auch nichts nachtrug und mit unerschütterlicher Liebe und Treue an seinem Beschützer hing. Dies waren nicht zu unterschätzende Vorzüge, und bei Frau Krämer war es offenbar Eifersucht, wenn sie dieselben nicht anerkannte. Die biedere Frau gestand es überhaupt häufig, daß sie für ihr Theil aus ihrem Professor nicht klug werde. Auf der einen Seite von einer wahrhaft erstaunlichen Mäßigkeit und Anspruchslosigkeit, entwickelte er auf der andern eine Verschwendung, die ihr, als einer „verständigen Frau“, unbegreiflich erschien – miethete das ganze Haus sammt Garten, wie es stand, auf ein Jahr, um höchstens zwei bis drei Zimmer darin zu bewohnen, – wünschte mit hereinbrechender Dämmerung sein Atelier, sowie sein Wohn- und Schlafgemach glänzend erleuchtet zu haben, gleichviel, ob er darin sei oder nicht – es könne ihm ja einfallen, unerwartet heimzukommen, und dunkle, kalte Räume seien ihm ein Greuel; ließ diese Lichtfluth zuweilen bis gegen den hellen Morgen brennen, ohne daß außer ihm selber ein einziger Mensch etwas davon hatte – kaufte Dinge an, die, nach Frau Krämers Urtheil, schlechterdings altes Gerümpel waren und in den Trödelkram gehörten, handelte nie, sondern bezahlte Unsummen, ohne eine Miene zu verziehen. Dabei trank er im Verlauf des ganzen Tages höchstens zwei Gläser Wein, rauchte selten eine Cigarette, spielte nicht Karten, hatte fast nie Besuch, und von weiblichen Modellen hatte Frau Krämers wachsames Auge bisher nur eine alte Frau aus dem Volk mit einem prächtigen Charakterkopf und ein paar kleine, drei- bis vierjährige Mädchen erblickt, die auf einem Gemälde Schneeglöckchen feilboten. Ein seltener – ein unbegreiflicher Herr! Wenn sie – Frau Krämer – ihm etwas vorzutragen hatte, hörte er eigentlich nie zu, sondern unterbrach sie fast immer im zweiten Satz: es sei gut, sie möge das einrichten, wie sie wolle. Nur seinen bestimmt ausgesprochenen Willen wünschte er befolgt zu sehen, alles übrige war ihm gleichgültig. Ein schlechter Mensch konnte er doch nicht sein, denn er liebte Thiere und liebte Blumen; dies letztere war auch eine seiner kostspieligen Leidenschaften, stets mußten Vasen und Schalen mit Blumen gefüllt in seinem Atelier wie im Wohnzimmer stehen, und seine herrlichen Blattpflanzen pflegte er eigenhändig.

Auch jetzt hob sich seine Hand wie mechanisch zu dem breiten Gesims des Kamins empor und griff in eine Majolikaschale, die bis zum Rande mit duftenden Blumen gefüllt war; sie stammten aus dem Treibhause – natürlich! wie sollte es im März anders sein! – Von den Maiblümchen, Tazetten und Krokus hinweg tastete seine Hand sich weiter, fast war’s, als ob er etwas suchte. [615] Da!, Ein paar weiße Fliederdolden und zwei kleine Veilchensträuße blieben in seiner Rechten hängen, und nun brachte er sie, wohl in Zerstreuung, an seine Lippen. Der Duft war schwach, kaum merklich, aber ein träumerisches Lächeln ging über das Gesicht des Mannes hin und blieb in den Augen stehen. – Vor ein paar Stunden, da war er, ziel- und zwecklos durch die geschmückten Räume des Weylandschen Hauses irrend, wie getrieben von einer inneren Unruhe, wieder in den Tanzsaal gekommen, wo ein gemietheter Spieler an dem schönen Blüthnerschen Flügel saß und in harten, dröhnenden, unfehlbar taktmäßigen Rhythmen einen Wiener Walzer herunterdrosch. Die Jugend tanzte Cotillon, und er, Professor Delmont, war immer wieder um diesen Tanzsaal herumgeirrt und war eingetreten, um zuzuschauen, und wieder fortgegangen, weil es ihm widerwärtig war, zu sehen, wie so viele Arme – meist waren es uniformirte – sich um die eine, begehrteste Tänzerin legten und sie immer von neuem lächeln und sich verneigen und danken mußte.

Und da war er mit einem raschen Entschluß zu der hübschen, hoch emporgethürmten Pyramide mit den Blumensträußen getreten – was kümmerte es ihn, ob die Zeit dazu jetzt schon war oder nicht! – und hatte mit raschem Griff dasjenige, welches ihm von den niedlichen Sträußchen das schönste schien, herausgesucht, war quer durch den Saal auf sie, die mit ihrem flotten Tänzer, dem schlanken Ulanenlieutenant, lachte, zugegangen und hatte gesagt: „Wenn ich auch kein geübter Tänzer bin – das Recht jedes eingeladenen Gastes, mir hier ein Sträußchen zu holen, darf ich mir doch nicht nehmen lassen. Wollen Sie diese Blumen von mir annehmen und mir dafür eine Extratour schenken?“

Und sie, mit einem frohen, überraschten Lächeln zu ihm aufsehend, meinte: „Ja – walzen Sie denn? Ich dachte, Sie thäten das überhaupt nicht!“

„Sonst nicht – seit vielen Jahren nicht – wollen Sie aber nicht die Ausnahme gelten lassen?“

„Mit Freuden!“

Und er, der das Tanzen einen schreienden Unsinn genannt, er, der seit undenklichen Zeiten keinen Fuß dazu gerührt hatte – da flog er über das glatte Parkett hin, seine schöne, weißgekleidete Tänzerin im Arm. Er sah auf das glänzende, nußbraune Haar herab, dessen gefiederte Löckchen unter dem Hauch seines Mundes leise erbebten. Wie sie reizend war, auch beim Tanz! Ihm fiel eine Strophe aus einem Gedicht ein, das er einmal irgendwo gelesen:

„Wie eine Blume lag sie mir im Arm,
Die sich im Abendwinde wiegt und schmiegt!“

Zögernd nur gab er sie frei; er wurde unwillig, wenn er dachte, sie sollte den langen Cotillon hindurch mit diesem Ulanen-Offizier, der so durchtriebene Augen machen und so herzlich lachen konnte, vereint sein. Und sie lachte gern, hatte ein so liebliches, goldtöniges Stimmchen, das ansteckend wirke! Hatte sie doch ihn, der das Lachen fast verlernt zu haben meinte, mit ihrer kindlichen Fröhlichkeit angesteckt, daß er sich selbst kaum wiedererkannte! Fast reute es ihn, nicht den ganzen „Unsinn“, womit er den Cotillon meinte, als ihr Tänzer mitgemacht zu haben! Lächerlich! Er und Cotillon tanzen! Vor kleinen koketten Gänschen in die Kniee sinken und nach emporgeworfenen Taschentüchern springen und sich Schneebälle von Papierschnitzeln ins Gesicht werfen lassen und was sonst der albernen Geschmacklosigkeiten mehr waren; er wäre sich reif fürs Narrenhaus vorgekommen, er hätte sich das selbst kaum jemals verzeihen können. Nun, der lustige Ulanenlieutenant hatte auch herzlich wenig von seiner Tänzerin, sie wurde ihm jede Minute entführt, und er sah ihr jedesmal ganz kläglich nach! –

Allgemach war auch der Cotillon beendet worden, die geplünderte Pyramide wurde von einem Bedienten hinausgetragen, die jungen Damen zerstreuten sich hierhin, dorthin, es wurden ihrer immer weniger, – die Herren setzten sich noch im Rauchzimmer beim Bier fest. Delmont stand, eine Cigarette zwischen den Lippen, an der Thür, die zum Hausflur führte und die, der in den Zimmern herrschenden Hitze halber, fast ganz geöffnet war. Eine Dame nach der andern kam die mit Decken belegte Treppe, welche nach der Garderobe führte, herab, in Mantel und Kappe vermummt, auf trippelnden Füßchen, schwatzend, lachend, – endlich auch sie, das süße, junge Gesicht von einem weißflockigen Seidenshawl wie von einer Sommerwolke umhüllt, beide Hände voller Blumen, aber nicht plaudernd und scherzend, sondern ernsthaft vor sich hinschauend, ganz in Gedanken! Sie schrak heftig zusammen, als er ihr „Gute Nacht“ wünschte, und antwortete sichtlich befangen. Dann war sie fort, und die ganze übrige Gesellschaft dünkte ihm unglaublich gleichgültig – er drückte dem Gastgeber die Hand, sagte der Hausfrau ein paar verbindliche Worte und ging hinaus in die dunkle und stille Märznacht, die urplötzlich einen Frühlingshauch mit sich brachte – einen ganz seltsamen, herzbeklemmenden Frühlingshauch. –

„Ja, ja,“ fing der Professor halblaut an, und Ego hob den Kopf und hörte zu, „gesteh’ dir’s nur ehrlich: es ist so! Hilft nichts, es mit einem andern Namen nennen zu wollen! Hast oft gefürchtet, es könnte noch einmal so kommen – nun ist’s mit einem Mal da!“ – Seine Stimme verlor sich in ein undeutliches Gemurmel, eine Zeitlang war in dem großen, weiten Raum nur das trauliche Schwatzen der Flammen im Kamin und das feine Singen des Gases zu vernehmen. „Wir haben kein Recht auf sie, Ego! Hörst Du? Kein Recht überhaupt auf das, was man Glück und Liebe nennt … wir nicht!“ Ego sah mit treuen, verständnißvollen Augen in die aufgeregten Züge seines Herrn – er hatte sich halb erhoben und stützte seinen Kopf liebkosend gegen Delmonts Knie. „Wenn die Leute das hörten, würden sie sagen: wozu brauchst du auch Glück und Liebe? Du hast ja deine Kunst, die kann dir Ersatz sein für alles! Man darf nicht zuviel vom Schicksal fordern! Meine Kunst, jawohl! Wir haben uns nicht ganz umsonst glühend um sie beworben, uns halbtodt um sie gesehnt! Sie giebt uns Begeisterung – Trost – und Brot – Ehre – Ansehen – aber auch Glück, volles, wirkliches Menschenglück, Ego? – aber auch Liebe?“

Des Professors Hand ruhte jetzt auf dem Kopf des Hundes. Er hatte sich vorgeneigt und starrte in das Feuer. Immer hatte er das geliebt – eine seiner frühesten Rückerinnerungen galt den Augenblicken, da er als ein kleines Knäbchen vor der halboffenen Ofenthür gekauert und die spielenden Flammen beobachtet hatte … da waren ihm allerlei verworrene Gedanken gekommen … Bilder, wie es sein müßte, wenn er erst groß und berühmt sein würde und ein Mann – – jetzt war das alles eingetroffen, er saß da, mit Gold, Ehren und Ruhm überhäuft, er war an Fürstenhöfen empfangen und von Künstlern ausgezeichnet worden, zu denen er als Jüngling nur in scheuer Bewunderung aufzublicken gewagt hatte, – – in seinem hohen, weiten Prachtgemach saß er da, ein Künstler von Gottes Gnaden, ein Mann, der sich aus eigener Kraft zu der hochragenden Stufe, auf der er stand, emporgeschwungen hatte; es umgaben ihn die Meisterwerke seiner Hand – Schönheit, wohin das Auge blickte, – aber er war einsam, kein häusliches Glück blühte ihm, kein leichter, weiblicher Schritt, kein herziges Kinderlachen tönte durch den hallenden Raum, nur die Flammen knisterten, und in ihnen zeigte sich ihm ein Bild, ein grausiges Bild. So oft er auch schon gewähnt, es vergessen zu können, es stieg immer wieder vor ihm auf, um ihn mit bangem Entsetzen zu erfüllen, das Bild einer alten Schuld, das ihn seit seiner Jugend von Land zu Land jagte, ruhelos, friedlos, das ihn trotz aller seiner Erfolge zu keinem Lebensgenuß kommen ließ, ihm den gefüllten Becher vom Munde zog.

Ein Frösteln überlief ihn; er wandte sich rückwärts, wo auf einem breiten Gerüst in der Tiefe des Ateliers sein neuestes Werk, an dem er noch arbeitete, aufgestellt war: Karawane bei Kufara in der Libyschen Wüste.

Wohl nur ein Künstler vom Schlage Delmonts, ein Maler, der sich durch seine geniale Auffassung und seine unvergleichlichen Beleuchtungseffekte Weltruhm erworben hatte, konnte es wagen, ein Bild von dieser Ausdehnung mit verhältnißmäßig so unbedeutender Staffage zu schaffen. Denn die Karawane war Nebensache. So lebensvoll auch die Gruppe der Kameltreiber, der in weite, weiße Mäntel gehüllten Europäer, der braunen Araber anzusehen war, wie sie geschäftig nach längerer Rast zum Aufbruch rüsteten, während die Kamele noch halb aufgezäumt am Boden lagen, – die Hauptsache war doch die Wüste, die sich todt und kahl in weißflimmerndem Grau erstreckte, weit, unabsehbar weit, baumlos, strauchlos, eine unendliche Einöde. Am äußersten Rande des Horizonts zuckte es fahl röthlich auf, eine erste Ankündigung der Sonne, über dem ganzen Bilde aber lag ein blasser Dämmerschein, ein seltsam unirdisches Halblicht, das die Menschen wie Schatten und die hingedehnte Weite doppelt trostlos erscheinen ließ.

Auch Ego hatte sich zurückgedreht und musterte das Wüstenbild und darauf seinen Herrn, als wollte er sagen: ich erinnere mich!

[616] Delmonts Hand glitt herab vom Kopf des Hundes; die Augen immer noch halb rückwärts gewendet, zog er ein Blatt Kartonpapier und einen Zeichenstift zu sich heran. Jetzt legte er das Blatt auf seine Kniee und setzte den Stift an – dazu murmelte er halb unwillig: „Nur die Hand!“

So wie sie ihm vorschwebte – nein, wie er sie in diesem Augenblick greifbar deutlich vor sich sah wie alles, was ihm einen starken Eindruck machte, so gab er die Form dieser schönen Mädchenhand mit raschen, festen Strichen auf dem Papier wieder. Sie hatte den Künstler entzückt und den Menschen begeistert, diese weiße Hand mit ihren ruhigen, vornehmen Linien – es lag so viel Charakter darin! Sie hatte keinen Ring getragen, nur einen prachtvollen, alterthümlichen Armreif, den ihr Vater einmal für schweres Geld von einem Augsburger Raritätenhändler erstanden hatte. Delmont hatte den Reif bewundert, aber auch das feine, runde Handgelenk, das er umschloß! Da waren sie beide, der Armreif und die Hand, wie sie neben ihm auf dem Tisch gelegen hatten, regungslos und doch beseelt!

Der Stift fuhr unruhig auf dem Papier hin und wider, es war, als hätte er Leben bekommen und trachtete nun danach, selbständig etwas zu leisten …

„Nur den Umriß des Kopfes!“ flüsterte der Künstler vor sich hin, abermals zu seiner eigenen Entschuldigung.

Und es trat mit überraschender Schnelligkeit das feine Köpfchen auf dem zierlichen Halse auf, die reizende Biegung des Nackens, an den die goldigen Löckchen sich schmiegten. Weiter nichts! Das Haupt war ganz abgewendet, nicht einmal das Profil war zu sehen, wie wenn das Bildchen sagen wollte: „Was gehe ich dich an? Und was gehst du mich an?“

Dieser gebieterische Stift! Dies brennende Verlangen, dem stummen, weißen Papier noch mehr zu sagen! Und endlich … was war’s denn? Er wollte sich, um in der Künstlersprache zu reden, „von einem Eindruck befreien“. – Vielleicht – ganz traute er der Sache nicht! – aber vielleicht „befreite“ er sich wirklich; immerhin konnte er’s versuchen!

Da fuhr es wie ein elektrischer Strom in den herrischen, ungeduldigen Stift, und rasch, rasch wie durch Zauber, kam etwas Wunderschönes auf den Karton, ein feines, edles Profil, hinter dem zierlichen Ohr eine köstliche, voll erblühte La France-Rose, die sich in das seidenweiche Haar schmiegte – dann noch einmal derselbe Kopf, fast ganz dem Beschauer zugewendet, das süße, lächelnde Gesicht, die leuchtenden, klugen Augen, zum Sprechen getreu.

Ego hatte sich hoch emporgerichtet und sah seinem Herrn über die Schulter – seine ernsten Augen schienen zu fragen: „Was thunst Du da? Wer ist dies?“

Seufzend, wie nach überstandener Mühsal, ließ der Künstler seine Hand sinken; er mußte sich gefangen geben, das fühlte er, denn von einem „befreienden Eindruck“ war nichts in ihm zu verspüren – im Gegentheil!

Gut, er war sich klar über sich selbst! Aber das war alles – weiter sollte und durfte nichts folgen. Wie ein fest entschlossener Mann, der ein schweres Opfer auf sich nehmen muß, stand er auf, öffnete ein breites Geheimfach seines Arbeitstisches, legte das Blatt mit den Zeichnungen zu unterst hinein und häufte Papiere, Skizzen, Kartons darüber, schloß ab, steckte den Schlüssel zu sich, zündete ein paar Kerzen auf einem Armleuchter an und stellte das Gas ab. Im Nu lag der mächtige Raum im tiefsten Dunkel, nur im Kamin gaben die langsam verglimmenden Holzblöcke eine rothe gedämpfte Gluth, und die drei Kerzenflämmchen warfen einen ungewissen Schimmer auf die zunächstliegenden Gold- und Brokatstoffe, denen ein schwaches metallisches Funkeln entlockt wurde. Der Neufundländer war aufgestanden, er dehnte seine prächtigen Glieder und gähnte lautlos.

„Ja, Ego, komm’, wir wollen zur Ruhe gehen!“

Der Professor wandte sich noch auf der Schwelle zurück und sah nach seinem Arbeitstisch; das Geheimfach war gut abgeschlossen. –

Aber wie er eine halbe Stunde später in festem Schlaf in seinem Bett lag, da kam der Traumgott zu ihm und schloß das Geheimfach seines Herzens wieder auf und zeigte ihm Annie Gerold aufs neue, liebreizend und lebensvoll. Da sagte er ein paar halblaute, zärtliche Worte im Schlaf, und Ego, der zu seinen Füßen hingestreckt lag, fuhr in die Höhe und hob den Kopf, wachsam in die dunkle Nacht hinausspähend – er wußte, es nahte sich etwas Fremdes, Ungewohntes, – ein Schmerz für seinen Herrn …




4.

„Ich werde es doch thun müssen!“ sagte der Ulanenlieutenant Fritz von Conventius in gedehntem, elegischem Ton. Von ihm und der Umgebung, in der er sich befand, war wenig zu sehen, – derartig verfinsterten dicke Wolken von Tabaksqualm die Luft. Es war eine lange Pause in der Unterhaltung eingetreten, die durch diese Bemerkung des Gastgebers unterbrochen wurde.

„Thun? Was?“ knurrte der Baß des Rittmeisters Thor von Hammerstein dazwischen. Er war noch unsichtbarer als sein Kamerad Conventius, da er es in der Kunst, die riesigsten Ringelwolken von sich zu blasen, entschieden am weitesten gebracht hatte; jetzt theilte er mit seiner großen Hand den Rauch und man konnte für einen Augenblick sein dickes, rundes Gesicht mit dem brandrothen Schnauzbart und den verquollenen Augen sehen.

„Nun – eben, – zur Antrittspredigt meines Vetters Reginald in die Lukaskirche gehen.“

„Donnerwetter!“ fuhr der Lieutenant Gründlich heraus, und die braun und weiß gefleckte Hühnerhündin des Gastgebers, die unter dem Tisch in einen tiefen Schlaf versunken gewesen, begleitete den Fluch mit einem schmerzlichen Geheul, – der Lieutenant hatte ihr in seiner Erregung unversehens einen Fußtritt gegeben.

„Na, so nehmen Sie sich doch aber in acht, Gründlich! Sei ruhig, Julchen, der Onkel hat’s nicht gern gethan!“

„Sie müssen wirklich mehr an die Beine Ihrer Nebenmenschen denken, Gründlich!“ fiel Thors Baßstimme dazwischen; er hatte seine langen Beine so weit wie möglich von sich gestreckt und ebenfalls sein Theil abbekommen.

„Nebenmenschen ist wunderschön gesagt, Parsifal!“ erwiderte Conventius. „Quittire dankend in Julchens Namen, – sie nimmt’s bei ihrer hochgradigen Intelligenz allerdings mit manchem Menschen auf. So, kusch dich, Julchen, sei gutes Thier, – hat dich die schwere Reiterei so arg getreten?“ Die Hündin hielt die Pfote hoch und reichte sie dem Lieutenant hin wie ein Kind, das sich von seiner Mutter trösten lassen möchte. „So, – so – o – o! Alles in Ordnung, Alte, nicht wahr? Ich bitt mir’s aus, Gründlich, daß Sie ein andermal etwas leiser treten! Was hatten Sie sich denn überhaupt so kräftig zu verwundern?“

„Und das fragen Sie noch? Erlauben Sie ’mal, – wenn Sie freiwillig in die Kirche gehen …“

„Ich habe Ihren Verstand übertaxiert, mein Guter! Ich war der einfältigen Meinung, Sie müßten hierfür eine Art von Verständniß entfalten! Parsifal, was sagst Du?“

Der Angeredete, wieder gänzlich von Rauch verdeckt, that erst noch ein paar kräftige Züge und griff dann nach einem Bierglase, das vor ihm stand und seine beliebte „Mischung“ enthielt: Cognak und Portwein, halb auf halb.

„Na,“ kam es endlich brummend heraus, „hingehen mußt Du wohl!“

„Ich sollt’ es denken! Und Ihnen, Gründlich, würde es durchaus nichts schaden, wenn Sie mich begleiteten! Denken Sie denn, mein Vetter hält Predigten wie eine Wassersuppe?“

„Ihr Vetter ist ein schöner Mensch – aber – na, was anderes wird er auch nicht zu predigen wissen wie die übrigen.“

„Und ich sag’ Ihnen, er ist ein schneidiger Mensch, der Feuer und Leben in Gottes Wort zu bringen versteht – abgesehen davon, daß er sonst noch ein famoser Kerl ist und ich ihm so vieles verdanke. – Wo haben Sie denn übrigens jemals Gelegenheit gehabt, etwas vom Predigen zu sehen und zu hören?“

„Ich? Ach, ich hatte da ’mal solch’ hübsche Cousine auf dem Lande …“

„Aha! Sehen Sie, unreines Gefäß, das Sie sind, dazu war Ihnen die Kirche gut genug. Pfui! Und dabei haben Sie, Ihrem edlen Namen zum Trotz, nicht ’mal die Sache gründlich betrieben, denn Sie schleichen allein durchs Leben!“

„Schleichen? Ich? Bei meinem schneidigen Tritt?“

„Jawohl, schneidig! Mein Julchen wird an diesen Tritt noch lange denken! Wo ist die Cousine geblieben?“

Gründlich zog die Schultern hoch.

[618] „Weiß ich’s? Sie nahm nachher einen Gutspächter – war ein nettes Mädel –“

„Der Pächter?“

„Dummheiten! Ja, und seitdem hab’ ich sie nicht mehr wiedergesehen.“

„Gründlich, Sie sind ein gründlicher Don Juan! Und eben um dieser an sich verfluchten Eigenschaft willen sollten Sie uns, Thor und mich, schlankweg übermorgen in die Lukaskirche begleiten –“

„Was?“ fuhr der lange Rittmeister aus seinem Phlegma auf. „Ich soll auch mitkommen? Könnte mich grämen!“

„Weil,“ fuhr Conventius unbeirrt mit erhobener Stimme fort, „eine ganze Anzahl sehr hübscher und junger Mädchen sich ohne Zweifel zu eben dieser Antrittspredigt in eben diese Lukaskirche begeben wird und Ihre profanen Augen Gelegenheit zu gründlichen Studien bekommen dürften. Wenn dabei noch ein Stückchen Moral in Ihrem verstockten Busen Wurzel fassen sollte … welch’ ein Triumph für meinen Vetter! Meine neuliche Cotillontänzerin, diese reizende Annie Gerold, – ich weiß nicht, Parsifal, ob Du Dich ihrer noch erinnerst – eine kastanienbraune Haarfarbe – weißes Kleid – La France-Rosen – und –“

„Ja doch! Zum Donnerwetter, ich erinnere mich! Nun also, mach weiter!“

„Die kommt also bestimmt auch hin, sie hat es mir selbst gesagt.“

„Hm! hm!“ machte der Rittmeister und starrte ganz tiefsinnig in seinm leeres Glas. „Predigt er sehr lange – Dein Vetter?“

„Na, einschlafen wirst Du nicht, mein lieber Alter, bei solcher Augenweide! Die Blumenmädchen, die Deinen klugen Namensvetter in der Wagnerschen Oper umgaukeln, können es sicher nicht mit dem hiesigen Damenflor aufnehmen! Also Du kommst?

‚Mit Wellgunde bin ich zu zwei’n’!‘

Und Sie, Gründlich?“

„Na, ich weiß noch nicht, werde mir’s überlegen!“ Der Lieutenant stand auf, gähnte herzhaft und dehnte seine etwas dürren Gliedmaßen, wobei er von einem Fuß auf den andern trat mit einiger Vorsicht, um Julchen nicht aufs neue zu beschädigen.

„Was – Sie gehen schon, Gründlich?“ brummte Thor. „Am Ende komme ich auch mit Ihnen; hast Du noch Stoff vorräthig, Conventius?“

Der Angeredete nahm eine Flasche vom Tisch und hielt sie gegen das Licht. „Der Portwein ist hin. Du hast ihn bis auf den letzten Tropfen durch Deine unersättliche Gurgel rinnen lassen! Aber Cognak ist noch zu haben!“

„Danke schön. Ich komme lieber einandermal wieder, wenn Du frische Zufuhr hast. Wo sind Deine Cigarren hingekommen?“

„Dicht vor Dir auf dem Tisch stehen sie!“

„Kunststück, bei dem Qualm was zu sehen! Auf Wiedersehen denn übermorgen in der Lukaskirche.“

„Man wird sich kurios genug da drin ausnehmen!“ Gründlich zog sich, während er dies sagte, den Waffenrock zurecht und langte nach seinem Paletot. „Und übrigens, was das schöne Mädel betrifft, diese junge Gerold, so fürchte ich, unsere Waffe hat verflucht wenig Aussichten bei ihr, – sie sah neulich heillos vergnügt aus zwischen den zwei Civilisten, die sich, wie mir’s schien, beide etwas angesengt hatten.“

„Unsinn!“ murrte Thor dazwischen.

„Sie meinen, wenn eine so herzstürmende Persönlichkeit wie die Ihrige, noch dazu in der Ulanka, in die Schranken tritt, verschwindet alles einfarbige Tuch wie Schnee an der Sonne. Ich weiß doch aber nicht, lieber Hammerstein! Dies junge Fräulein hat eine ganz erstaunliche phisosophische und klassische Bildung erhalten, ihr Vater war ein Stockgelehrter, die alte Schwester, mit der sie lebt, liest ihren Kant und Schopenhauer wie unsereins die Fibel. Haben Sie von diesen Herren je etwas gehört?“

„Gründlich, lassen Sie ihn in Frieden! Sie sind ja heillos genau auf dem laufenden!“

„Halte ich für meine Pflicht, Bester! Bei einem schönen Mädchen muß unsereins stets wissen, woher und wohin. Adieu denn!“

Die beiden griffen nach Säbel und Kopfbedeckungen und verließen klirrend und rasselnd die „Bude“.

Der junge Conventius ging ein paar Mal gedankenvoll auf und nieder, ließ sich dann nachlässig auf seinen Klaviersessel fallen und schlug leise mit der rechten Hand auf den Tasten Lohengrins Erzählung an:

„Im fernen Land, unnahbar euren Schritten –“

Allmählich kam auch die Linke dazu, die herrliche Me1odie schwoll an, wurde immer volltöniger und mächtiger. Der Lieutenant war ein vielseitig begabter Mensch: er zeichnete sehr hübsch, hatte viel Sprachtalent und spielte gut Klavier – zumeist nach dem Gehör, denn er war sehr sorglos in der Pflege seiner Gaben und viel zu bequem, sich eine große Technik anzueignen.

Julchen hatte sich, da die Thür zum Schlafzimmer geschlossen war, in den entferntesten Winkel zurückgezogen und saß nun dort mit still ergebenem Gesicht. Sie liebte die Musik gar nicht, wußte aber, daß Heulen ihr nicht gestattet war und unnachsichtlich mit schmerzhaftem Zerren an ihren lang herabhängenden Ohren gestraft wurde.

Jetzt klopfte es leise an die Thür und das rothe, runde Gesicht eines Burschen wurde sichtbar.

„Bitt’ um Verzeihung, Herr Lieutenant, aber Frau Lehmann ist hier – Herr Pfarrer möchte gern den Herrn Lieutenant sprechen und fragt an, ob es hier oder oben genehm wäre.“

Der Lieutenant warf einen raschen Blick auf das mit blauem Rauch erfüllte Zimmer, die geleerten Gläser und Flaschen, die Cigarrenreste auf dem Tisch, die Lampe, die wie in einem Dunstkreis brannte, und erwiderte:

„Ich lasse grüßen und würde in zwei Minuten oben sein!“

Er ging hastig in sein Schlafzimmer, warf den Hausrock ab und tauchte Kopf und Hände in eine große Waschschüssel; nachdem er dies Manöver prustend und ächzend mehrmals wiederholt und sich mit einem groben Tuch getrocknet hatte, trat er vor den Spiegel, zog den Rock wieder an, band die Krawatte fester und strich sich das Haar zurecht. Dann schellte er nachdrücklich.

„Kruschewsky, Du lüftest hier gehörig, aber gehörig – verstanden? Wenn ich herunterkomme, und ich rieche noch ein Atom von kaltem Tabak, so dreh’ ich Dir das Genick um!“

Mit dieser menschenfreundlichen Ermahnung stieg der Lieutenant, von Julchen begleitet, die Treppe hinan.

Eine freundliche alte Frau mit einem guten, faltigen Gesicht unter einer schneeweißen Haube öffnete ihm die Thür – Frau Lehmann, Reginalds Amme, die ihr heimathliches Dorf, ihre Kinder und Enkel verlassen hatte, um ihren Liebling in der großen, fremden Stadt nicht ganz allein zu lassen. – Die beiden, Fritz und die Lehmann, konnten einander gut leiden und lachten sich freundlich an.

„Gehen Sie nur gleich hinein, Herr Lieutenant, er ist vorn und wartet auf Sie! Mein Gott, Sie sehen ja so roth aus im Gesicht – Sie werden doch nicht krank sein?“

„Bewahre, liebe Frau Lehmann! Ich bin bloß aus Freude erröthet, Sie wiederzusehen! Komm’, Julchen!“

Das hellerleuchtete, sauber aufgeräumte und von Blumenduft durchzogene Zimmer, das der Ulan jetzt betrat, stand im schärfsten Gegensatz zu der „Bude“, die er soeben verlassen hatte. Alte, gediegene Möbel standen an den Wänden umher, ein großer, heller Teppich bedeckte den Fußboden; über dem Sofa hing das lebensgroße Brustbild einer sehr schönen blonden Frau, der Reginald auffallend ähnlich sah.

Er hatte mit einem Buch neben der Lampe am Tisch gesessen und reichte seinem Vetter freundlich die Hand.

„Guten Abend, Fritz! Setz’ Dich! Kann’ ich Dir etwas zu rauchen und zu trinken anbieten? Nein? Nun, wie Du willst! Guten Abend, Julchen!“

Die wohlerzogene Hühnerhündin hatte dem Pfarrer eine Pfote hingereicht, und er schüttelte sie ihr wie einer guten Freundin.

„’s ist doch höllisch gemüthlich bei Dir, Regi!“ sagte der Lieutenant mit einem tiefen Athemzug, indem er sich behaglich in seinem Sessel dehnte.

„Höllisch ist für einen Geistlichen nicht ganz kommentmäßig, Fritz!“ sagte der Pfarrer lachend. „Und warum, wenn Dir’s bei mir so gefällt, kannst Du Dir nicht unten die selbe Gemüthlichkeit schaffen?“

„Das leiden schon die Kameraden nicht, denen ist am wohlsten, wenn angerauchte Cigarren und Karten und Gläser und Reitpeitschen bunt durcheinander gemengt sind. Du hast im ganzen wenig Besuch.“

[619] „Bitte sehr! Soeben habe ich einen gehabt, noch dazu einen wichtigen.“

„Damenbesuch?“ fragte der Lieutenant gespannt.

„Nein, Du frivoler Mensch, nichts so Zartes! Wie sollte ich wohl auch dazu kommen?“

„Setz’ Dich nur erst als wohlbestallter Seelsorger an der Lukaskirche fest, und Du sollst sehen, wie Dir die anmuthigen Beichtkinder zufliegen werden! Ein bildhübscher Kerl wie Du – sag’, siehst Du denn nie in den Spiegel?“

„Natürlich, Fritzchen! Allein – ich kann nicht sagen, daß mich das, was ich da zu sehen bekomme, sehr entzückt! Ich bin erstens nicht mein eigener Geschmack – und dann –“

„Nun?“

„Ich denke, das, was den Damen gefällt, ist ein ganz anderes Genre, als das meinige, – das interessante, fesselnde, ein wenig düstere, das ihnen halb Furcht einflößt, sie doch und unwiderstehlich anzieht …“

„Sieh, was der geistliche Herr für Studien auf diesem Gebiet macht!“ lachte der Vetter. „Solch’ ein Gesicht, wie Du es da beschreibst, paßt ja Zug für Zug auf diesen Maler, den Professor Delmont, den wir neulich bei Weylands sahen.“

Die Augen der beiden Vettern trafen ineinander, und der Offizier merkte zu seinem ungemessenen Erstaunen, daß der Herr Pfarrer verlegen war – seinem raschen Begriffsvermögen dämmerte etwas wie eine Ahnung auf, und frisch entschlossen steuerte er geradeswegs auf das Ziel zu.

„Deine schöne Tischnachbarin von Weylands wird sicher Deine Ansicht nicht theilen. Du weißt, ich war ihr Cotillontänzer – sie hat kein einziges Wort über Delmont zu mir gesagt, dagegen sich angelegentlichst nach Dir erkundigt!“

„Wirklich? Hat sie?“

„Ja – und daß sie bestimmt zu Deiner Antrittspredigt kommen will. Du wirst sie da wohl alle wiedersehen, die lieben kleinen Mädchen vom neulichen Abend. Wird es Dich nicht verwirren, all diese neugierigen Aeuglein auf Dich gerichtet zu sehen?“

„Nein, Fritz! Ich habe dann an Wichtigeres zu denken als an Mädchenaugen!“

Der Ulan ließ sich nicht so leicht irremachen.

„Ja, aber dieses Fräulein Gerold hat denn doch ein Paar ausgesuchter Augen im Kopf. Wetter noch eins! Wenn die so sonnenhell und freundlich dreinsehen … ’s wird einem doch kurios so um die linke Gegend herum! Die Kameraden wollen allesammt Visite schneiden – die Gerolds sollen ein sehr hübsches Haus machen, haben auch viel Vermögen – schade, daß die Saison vorbei ist!“

„Ich habe mir auch vorgenommen, dort meinen Besuch zu machen!“ Conventius hatte den Blick niedergeschlagen und spielte mit der Quaste an der Tischdecke.

„Den Mann hat’s!“ dachte der Lieutenant und musterte seinen Vetter mit einem ganz neuen Interesse. „Seh’ einer den Duckmäuser an! Ist noch nicht recht warm hier geworden und verliebt sich flottweg in das schönste Mädchen, das uns hier vor die Augen gekommen ist! Gut, daß ich das weiß! War selber auf dem besten Wege, mich gehörig ansengen zu lassen. Na, davon kann natürlich jetzt gar keine Rede mehr sein! Regi hat die Vorhand, und wir blasen in aller Stille zum Rückzug. Was der geistliche Herr für einen auserlesenen Geschmack entwickelt! Ein schönes Paar giebt das ab! Sie wird doch kein Närrchen sein und dieses Prachtexemplar von einem Menschen zurückweisen? Er hat sie mit diesem Professor im Verdacht, und wenn ich mich recht besinne, wie angelegentlich die zwei mit einander redeten, trotzdem er eigentlich Hertha Kreutzer, das kleine Affengesicht, zur Dame hatte … dummes Zeug! Warten wir’s ab! Jedenfalls lege ich mich als liebenswürdiger Vetter in Reginalds Namen auf die Lauer!“

Blitzartig waren diese Gedanken durch des jungen Mannes Sinn gegangen, während er ganz gesetzt erwiderte:

„Du wirst sehr wohl daran thun, bei Gerolds Besuch zu machen. Fräulein Annie liebt ihre ältere Schwester schwärmerisch, und da diese Dame Geist und große Kenntnisse besitzen soll, dürftest Du ihr besser gefallen und mehr Eindruck auf sie machen als unsere gesammte Ulanenpracht!“

Reginald machte eine Bewegung, die sagen zu wollen schien, daß ihm daran nichts liege, und es trat eine kurze Stille ein, die Fritz endlich mit den Worten unterbrach:

„Du sprachst von einem Besuch –“

„Ja, ja, ganz recht. Entschuldige, Fritz! Es war der Grund, weshalb ich Dich heraufbitten ließ – und nun hatte ich ganz vergessen –“

Welch ein Neuling in der Verstellungskunst! Der schöne, stattliche Mann war verlegen wie ein Kind; es gehörte wahrlich nicht viel Menschenkenntniß dazu, in seiner Seele zu lesen!

„Also, vor einer Weile war der Gefängnißdirektor Warner hier, ein verständiger, gescheiter Mann; wir hatten eine sehr lange Unterredung miteinander, und da Du besonders für diesen Zweig meines Berufs Interesse gezeigt hast, so wollte ich Dir mittheilen, was ich heute erfahren habe.“

„Nur zu, Freundchen! Ich kann es nicht leugnen, daß es zunächst die profane Empfindung der Neugier ist, die mich beherrscht – wie nämlich Du, vor dem ich im übrigen alle Hochachtung habe, Dich einer Aufgabe, die doch soviel Gewandtheit und Seelenkunde erfordert, gewachsen zeigen dürftest!“

„Ja – darauf bin ich selbst neugierig!“ entgegnete der Prediger ruhig. „Jedenfalls werde ich thun, was in meiner Macht steht.“

„Hat Dich der Direkor mit Deinen neuen Pflichten als Gefängnißprediger bekannt gemacht?“

„Gewiß! Er hat mir gesagt, wann allgemeine Andachten gehalten werden, und wer dazu zugelassen wird, wer nicht. Er hat mir in allgemeinen Zügen ein Bild des Sinnes und des Geistes, der unter diesen meinen neuen Pflichtbefohlenen herrscht, entworfen – zu Dir im Vertrauen gesagt, Fritz: mein Vorgänger im Amt hat sich’s ungeheuer bequem mit seiner Aufgabe gemacht, er hat fast alles, was ihm unangenehm war – und dies war sehr viel, wie ich Dir kaum zu sagen brauche – von sich abgeschüttelt und ist eigentlich nur dem Namen nach Gefängnißgeistlicher gewesen. Nach des Direktors Aussage, die mir frei von Uebertreibung zu sein schien, muß eine unglaubliche Rohheit und Verwilderung unter diesen verkommenen Menschenkindern Platz gegriffen haben.“

„Armer Reginald! Diese Bande wird Dir schwer zu schaffen machen! Ich bitte Dich um alles, laß einmal Deine liebenswürdige Milde und Duldsamkeit beiseite und geh’ mit den Kerlen schneidig ins Zeug; droh’ ihnen mit Höllenstrafen und ewiger Verdammniß, mit jüngstem Gericht und Teufeln, daß ihnen die Haare zu Berge stehen! Hast Du denn viele schwere Verbrecher?“

„Leider ja! Einbrecher und Diebe, Falschmünzer, Brandstifter – wir leben in einer bösen Zeit! Ein Fall namentlich, von dem mir der Direktor sprach …“

„Was ist das für ein Fall? So etwas reizt mich ganz ungemein!“

„Das wußte ich! Also, es liegt schwerer Raubmord vor. Der Thäter, ein gewisser Schönfeld – er hat oft andere Namen angenommen, in Berlin nannte er sich Heller, in London Deaks, glaube ich – ist ein Mensch gefährlichster Sorte und steht im allerdringendsten Verdachte, das Oberhaupt einer ganzen, wohlorganisirten Bande zu sein, die in verschiedenen großen Städten ihr Unwesen treibt – Anarchisten, Umsturzmänner der schlimmsten Art. Der Mensch, der den Eindruck eines gebildeten Mannes im oberflächlicheren Sinn machen soll, verweigert hartnäckig jede Auskunft über seine Mitschuldigen, leugnet aber die That selbst keinen Augenblick, was ihm freilich auch nichts helfen würde, da er unmittelbar nach derselben am Ort des Verbrechens selbst ergriffen wurde und seine Urheberschaft zweifellos erwiesen ist. Er behauptet, die Unthat ganz allein vollführt zu haben, eine Aussage, die durch verschiedene klar am Tage liegende Umstände offenbar zur Lüge gestempelt wird. Er hat sie beschworen, aber natürlich einen Meineid geleistet, von dem Bestreben beseelt, nicht den Angeber zu spielen. Die Geschworenen konnten nicht anders als ihn zum Tode durch Henkershand verurtheilen – jetzt ist das Gnadengesuch – nicht auf Antrieb des Verbrechers – an Se. Majestät abgegangen, ich fürchte aber, es wird abschlägig beschieden. Er selbst soll völlig mit dem Gedanken vertraut und zufrieden sein, einen so schimpflichen Tod erleiden zu müssen, und eine Verlängerung seines Daseins weder erwarten noch wünschen. Den Aerzten, die ihn beobachteten, in der Vermuthung, es könne Irrsinn vorliegen oder während der That zeitweilige Geistesstörung [620] stattgefunden haben, hat er kurz und trocken erklärt, sie möchten sich nicht weiter bemühen – er sei ebenso richtig und klar im Geist wie die Herren selbst, er habe damals genau gewußt und wisse auch jetzt, was er gethan habe und welche Folgen sein Verbrechen nach sich ziehe. Wirklich sind seine Antworten, insofern sie nur seine eigenen Angelegenheiten betrafen und seine Helfershelfer ganz aus dem Spiel ließen, von einer derartigen Folgerichtigkeit und Sicherheit gewesen, daß von irgend welcher Entschuldigung durch Krankheit nicht entfernt die Rede sein konnte.“

„Hat er keine Angehörigen, von deren Einfluß auf ihn etwas zu erwarten wäre?“

„Eine einzige Schwester, eben die, welche das Gnadengesuch für ihn eingereicht hat. Sie lebt in Ungarn, die Geschwister sind seit langen Jahren außer allem Zusammenhang, die Frau hat eine zahlreiche Familie, lebt in beschränkten Verhältnissen und ist nicht in der Lage, hierherzukommen, um ihren Bruder zu sehen. Sie traut sich überdies nicht den geringsten Einfluß auf ihn zu, auch hat er erklärt, sie keinesfalls wiedersehen zu wollen, es hätte gar keinen Sinn, sie kommen zu lassen.“

„Hat er die That aus Noth begangen?“

„Allem Anschein nach nicht aus persönlicher Noth gerade. Es ist den Richtern, so kurz und vorsichtig der Verbrecher auch in seinen Antworten war, zweifellos klar geworden, daß er Aufwieglern und Volksverderbern in die Hände gefallen und, vermöge seiner nicht wegzuleugnenden Begabung, seiner Bildung und eines gewissen zwingenden Einflusses seiner ganzen Persönlichkeit, ein höchst gefährliches Werkzeug dieser Leute geworden ist. Er besitzt nicht unbedeutende kaufmännische Kenntnisse, hat in jungen Jahren mehrfach in Comptoiren gearbeitet und stand nicht ganz ohne Mittel da, als er die That beging.“

„Wer war es denn, den er gemordet hat?“

„Eine sehr reiche, sehr hartherzige alte Dame, vom bösartigsten Geizteufel besessen, ein Wesen, das niemand liebte und dessen einziger Genuß darin bestand, Schätze zusammenzuscharren, wobei die Wahl der Mittel ihr ganz gleichgültig war. Sie hat Wucher der schlimmsten Art getrieben und ist mehrmals nahe daran gewesen, mit dem Strafgesetzbuch in allernächste Berührung zu kommen. Schönfeld behauptet, durch ihre Beseitigung eine gute That vollbracht und die Welt von einem Scheusal befreit zu haben. Es thäte ihm nur leid, ihr Geld nicht in Sicherheit gebracht und ‚vertheilt‘ zu haben, wie es seine Absicht gewesen wäre. Es scheint, daß seine Spießgesellen mit einem Theil des Raubes das Weite gesucht und ihn, der bei den Werthpapieren beschäftigt war, noch rechtzeitig gewarnt haben. Er war aber gerade dabei, eine Anzahl von Schuldverschreibungen, meist mittelloser Leute, die er aus dem feuerfesten Geldschrank hervorgeholt hatte, zu zerreißen, glaubte wohl auch die Gefahr nicht so nahe und verließ sich auf seine große Gewandtheit … es half ihm aber alles nichts, man faßte ihn, als er im Begriff war, aus einem Hinterfenster zu klettern – er feuerte noch zwei Schüsse aus seinem Revolver ab, verwundete einen der verfolgenden Polizisten schwer, den andern leicht und wurde nach einer verzweifelten Gegenwehr überwältigt und schwer gefesselt davongeführt.“

„Donnerwetter!“ Der Lieutenant schlug mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und fing an, ganz erregt im Zimmer auf- und abzulaufen. „Wie der Kerl es noch verstanden hat, sich förmlich mit einem Nimbus von Heldenthum zu umgeben. Stiehlt nicht für sich selbst, sondern für andere! Mordet einen alten Geizdrachen, an dem die Welt keinen Pfifferling verliert. Zerreißt die Schuldscheine armer Leute, damit die nicht noch nachträglich in die Patsche gerathen! Will seine Gefährten um keinen Preis nennen! ’s liegt so was von Großartigkeit in all dem! Ja, zum Teufel – wenn diese Erzkanaille –“

„Wenn ich Dich bitten dürfte, Fritz! Wär’ Dir’s nicht möglich, etwas weniger zu fluchen?“

„Ach so! Das kommt davon, Regi, daß Du im gewöhnlichen Leben so gar nichts von einem Pfaffen, wollte sagen Prediger hast! – Nimm’s nicht übel, daß ich dazu aus vollem Herzen Gott sei Dank sage! Solche Leute, die mit der Miene von Heiligen unter uns profanem Volk herumwandeln, sind mir ein Greuel! Aber genug davon! Dieser Kerl, dieser Schönfeld! Und dies Galgenfrüchtchen sollst Du nun mit geistlichem Zuspruch erbauen?“

„Ich soll, und ich werde es – trotzdem er als einzige Bitte an den Direktor den Wunsch ausgesprochen hat, man möge ihn mit der Geistlichkeit verschonen!“

„Eine hübsche Aufgabe für Dich, Freund und Vetter! Ich möchte diesen Schönfeld, alias Heller, alias Deaks, wohl kennenlernen! Fast wollte ich, ich wäre an Deiner Stelle!“

Der Prediger mußte lächeln.

„Ob dabei etwas Vernünftiges herauskäme?“

„Weiß ich nicht! Himmlische Freuden würde ich ihm nicht in Aussicht stellen, vielmehr die ausgesuchtesten Qualen, die ein solcher niederträchtiger Satansbraten –“

„Fritz!“

„Ja, ja, ich mäßige mich schon, obgleich diese Sache eine gewisse Derbheit in der Bildersprache entschieden begünstigt. Nun sag’ mir nur noch: wie lange hat denn der Kerl noch zu leben?“

„Das wußte selbst der Direkor so genau nicht! Vielleicht zwei Monate – vielleicht auch drei!“

„Und wann wirst Du ihm Deinen ersten Antrittsbesuch abstatten, mein Lieber?“

„In künftiger Woche – er ist jetzt heiser, erkältet, und der Arzt behandelt ihn! ich will erst warten, bis er gesund ist.“

„Hm! Und Du kannst mich nicht dorthin mitnehmen – als – als sagen wir: als Deinen geistlichen Beistand?“

„Fritz, Fritz! Zu solch einem Posten fehlt Dir, fürchte ich, nicht mehr als alles!“

Der Lieutenant sah etwas unruhig aus.

„Nun – ich will Dir was sagen – ein Heiliger bin ich natürlich nicht … aber für einen so ganz hartgeklopften Sünder brauchst Du mich darum doch nicht zu halten. Ich hab’ Dir’s schon immer ’mal unter vier Augen sagen wollen – was brauchen denn schließlich die Kameraden zu wissen, wie man über solche Dinge denkt? Man braucht darum noch lange nicht … na, Du wirst’s ja wissen, Regi, wie ich’s so eigentlich meine!“

Und mit diesem unvollkommenen Glaubensbekenntniß schüttelte Fritz von Conventius, der immer verlegener geworden war, seinem geistlichen Vetter heftig die Hand, drehte sich auf dem Absatz herum, pfiff nach Julchen und verließ mit raschen Schritten das Zimmer.

Reginald sah ihm eine kleine Weile nach und lächelte freundlich, dann nahm er sein Buch auf und vertiefte sich von neuem in seine Lektüre.

[645]
5.

„Es ist zu ärgerlich! – Wenn man nur wüßte, was man thun soll!“ Annie Gerold stand im Wohnzimmer, halb gegen das Fenster gekehrt, und sprach diese Worte in etwas unmuthigem Ton.

„Ein Ausspruch voll tiefster Lebensweisheit!“ ließ sich Thekla vernehmen, die in ihrem Armstuhl am Tisch saß, ein Tablett mit sehr starkem Kaffee und vier übereinander gestapelte Bücher neben sich. „Kind, wenn jeder wüßte, was er thun soll –– wirklich soll von Rechts und Gewissens wegen, meine ich! – es stünde anders um die liebe Menschheit! – Darf man denn fragen, worauf im besonderen Dein tiefer Ausspruch Bezug nahm?“

„Ich sollte lieber Nein sagen, denn ich weiß im voraus, Du lachst mich aus, aber am Ende ist das ja nichts Neues mehr! Also in zwanzig Minuten ist’s Zeit, in die Kirche zu gehen – Du weißt, heute hält Conventius seine Antrittspredigt – ich bin noch im Morgenrock und weiß beim besten Willen nicht, welches Kleid ich anzuziehen habe, weil das Wetter alle fünf Minuten ein anderes Gesicht macht. Soeben schien noch ganz hell die Sonne, und jetzt ist sie fort und der Himmel hängt voll grauer Wolken. Da! Es fängt richtig an zu regnen!“

Thekla nahm einen Schluck Kaffee, wischte sich über den Mund und lachte; ihre klugen Augen funkelten spottlustig.

„O – also eine Toilettenfrage! Wie schwer macht es doch der liebe Herrgott seinen Kindern, sich ihm in einem schicklichen Gewande zu nahen! Zwar heißt es: vor Gott sind wir alle gleich, und an die Augen seiner Mitchristen wird ja doch keiner beim Kirchgang denken –“

„Pfui, Thekla! Du weißt recht gut, daß es mir nicht ganz einerlei ist, wie ich aussehe, es sei, wo es sei! Und nun habe ich das schöne neue Kostüm – es gefiel Dir ja selbst, und Du fandest, es stehe mir hübsch! – und nach dem Gottesdienst werden sicher hier die Ulanen Besuch machen … wenn Du Dich in meine Lage versetzen möchtest –“

Thekla drehte bedächtig eine Schnitte gebutterter Rostsemmel in der Hand.

„Hm! Ein bißchen viel von mir verlangt! Ich war nie hübsch wie Du – und wenn ich mich recht zurückbesinne, war ich eigentlich auch nie jung – ich glaube, ich bin als spintisirende, grübelnde, häßliche alte Jungfer auf die Welt gekommen!“

Annie machte eine rasche Bewegung, als wollte sie ihre Schwester umarmen und ihr einen Kuß geben – aber sie unterdrückte diese Kundgebung. Sie wußte, Thekla konnte kein Mitleid ertragen. „Wenn die Leute einen doch nur damit verschonen wollten!“ pflegte sie zu sagen. „Tiefer als über den Rand der Lippen geht es doch kaum einem einzigen – möchten sie doch ihr landläufiges Mitleid lieber in Thaten umsetzen, damit ließe sich eher etwas anfangen!“

[646] Da Annie im Augenblick keine That einfiel, die ihre Schwester gewürdigt hätte, zuckte sie leicht die Achseln und sah wieder rathlos zum Fenster hinaus.

Die andere hatte die rasche Bewegung der jungen Schwester recht gut gesehen und ihre Bedeutung errathen, sie wiegte lächelnd den Kopf hin und her.

„Ja, so ein richtiger Vorfrühlingstag, der läßt nicht mit sich spaßen, der treibt es kraus und bunt, wie’s ihm durch den Sinn fährt, mit Hagelschauern, Schneegestöber, schmeichelnden Sonnenstrahlen und Regengüssen – seht zu, wie Ihr es macht, Ihr dummen, kleinen Menschenkinder, ich treibe mein Wesen, unbekümmert um Euren Firlefanz. Hm, hm! Die neue Toilette steht Dir wirklich auffallend gut zu Gesicht … die Ulanen nicht zu vergessen! Nun, Vögelchen, ich werde Dir ’mal etwas sagen! Kann ich mich auch nicht in Deine Gefühle hineinversetzen, so will ich einmal im Sinn unseres lieben Vaters reden – das wird mir um ein gut Theil leichter. Was meinst Du wohl, was würde er bei einer Gelegenheit wie diese zu Dir sagen?“

Annie drehte sich blitzschnell zurück, freudige Erwartung in jedem Zug ihres jungen Antlitzes; zwei reizende Grübchen waren darin aufgetaucht. „Nun?“ frug sie gespannt.

„‚Kindchen, man ist nur einmal jung, man bleibt auch nicht immer hübsch! Versage Dir niemals eine Freude, wenn sie ohne Gewissensbisse zu haben ist! Bis zur Lukaskirche ist’s keine halbe Meile, schöne Kleider sind leicht zu ersetzen, sollten sie verdorben werden … lieber Himmel, die Damenschneider wollen auch leben!‘ – So würde der Vater sprechen. Bist Du zufrieden? – Schön! Und nun, Vögelchen, flieg’ aus!“

Das Vögelchen flog nun doch noch der Rednerin dankbar um den Hals und dann zur Thür hinaus; draußen hörte man es eifrig: „Agathe! Agathe!“ rufen.

Auf Theklas scharfgeschnittenem Leidensantlitz erschien ein wehmütiges Lächeln; sie beendete ihr Frühstück, schob das Tablett zurück und vertiefte sich in eines ihrer Bücher. Wie gewöhnlich vergaß sie darüber alles um sich her und sah nicht einmal empor, als die Thür nach einer Weile hastig geöffnet würde und ihre junge Schwester, schön wie ein Frühlingstag, eintrat.

„Nun, Thea?“

„Siehst Du, Kind, ich habe auch so eine Art von Morgenandacht!“ Sie sah noch immer in ihr Buch. „Ich schlief nicht gerade sehr süß in dieser Nacht und überlegte mir fortwährend eine Sache, die mir schon seit lange im Kopf herumgeht – und nun finde ich es hier im ‚Helmholtz‘ bestätigt, daß ich wirklich noch keines von den dümmsten Frauenzimmern bin, die auf unserer Erde wachsen – unser Vater würde sich wieder über das freuen, was er Ahnungsgabe bei seinem Amanuensis nannte! Helmholtz sagt nämlich …“

Aber Annie konnte wirklich nicht mehr hören, was Helmholtz sagte – denn gerade jetzt setzten mit volltönigem Geläut die Glocken von Sankt Lukas ein; Agathe, ein frisches, grauhaariges Weiblein, erschien in der Thür, ein in Sammet gebundenes Gesangbuch und einen feinen Regenschirm in den Händen, und rief:

„So – aber nun ist es allerhöchste Zeit, Vögelchen! Sie läuten schon. Nein, wie der Anzug sitzt, und wie die Farbe zu Gesicht steht – und da bricht auch eben wieder die liebe Gottessonne durch! Hier, Annie, und bet’ auch schön mit für Deine alte Agathe! Ich gehe, den Salon fein herrichten, wir kriegen ja heute Herrenbesuch!“

„Ja so!“ – Thekla legte den „Helmholtz“ beiseite und kam in die Wirklichkeit zurück. „Laß Dich schnell noch ansehen, Kind! Sehr hübsch! Setz’ Dich nicht auf den Präsentirteller, damit Du nicht unheilige Nebengedanken in Deinen Brüdern erweckst! Adieu – und, wenn Du kannst, gieb auch ein bißchen auf die Predigt acht, ich möchte doch wissen, was dieser nagelneue Gottesstreiter, zumal er ja auch unser Haus mit seinem Besuch beehren will, dem versammelten Volk erzählen wird!“ –

Annie liebte es nicht, wenn Thekla in diesem ironischen Ton von religiösen Dingen sprach, und diese that sich häufig genug Zwang an. Heute hatten sie aber das neue Frühjahrskostüm und die Ulanenlieutenants zum Spott gereizt, und sie konnte ihre satirisch Ader nicht verschließen.

Und doch that sie Annie unrecht, wenn sie wähnte, diese betrachte die Kirche als Nebensache. Annie hatte eine unbefangene, kindliche Freude an der Thatsache, daß sie hübsch war, sie wählte ihre Kleidung nicht wlllkürlich, sondern mit Geschmack und Bedacht, es machte ihr Vergnügen, eine neue, kleidsame Toilette anzuziehen, aber darum war sie noch lange keine eitle Modenärrin. Und wie sie jetzt im hellen Sonnenschein langsam über den großen Lukasplatz hinschritt, hatte sie ihren Anzug und ihr Aussehen gänzlich vergessen und war mit ihren Gedanken einzig bei dem, was sie heute zu hören bekommen sollte: der Antrittspredigt Reginalds von Conventius. Wie er wohl sprechen – was er sagen würde? Sie dachte es sich unendlich schwer, zu einer ganz fremden Gemeinde zu reden, und aus verschiedenen Aeußerungen des Geistlichen, deren sie sich aus ihrem neulichen Gespräch entsann, hatte sie entnommen, daß auch er sich der Schwierigkeit seiner Aufgabe voll bewußt sei und es überaus ernst mit seinem Berufe nehme. Tief in Gedanken ging sie einher, während die feierlichen Glockenklänge über ihrem Haupt durch die milde Luft zogen.

So sah sie der, welcher eben jetzt von der entgegengesetzten Seite auf den Lukasplatz zukam – er wollte nicht zur Kirche, er war auf einem einfachen Morgenspaziergang begriffen – weiter nichts. Sein Hund war bei ihm, und das kluge Geschöpf stutzte, als es seinen Herrn stutzen sah. Quer über den von eben gefallenem Regen nassen Asphalt, in dem der jetzt leuchtend blaue Himmel sich spiegelte, kam Annie Gerold in ihrem knapp sitzenden, gewählten und dabei einfachen Kostüm von steingrauem Tuch, einen großen, breitgerandeten Hut mit kostbaren silbergrauen Federn auf dem nußbraunen Haar, das schöne, frische Antlitz leicht geneigt, die Augen gesenkt, ihr in Sammet gebundenes Gesangbuch in der Hand.

„Ego! Zu mir!“ Ein scharfer Pfiff begleitete den Ruf und riß die schöne Kirchgängerin jählings aus ihren Gedanken.

Der Neufundländer hatte auskundschaften wollen, was seinen Herrn so zusammenfahren machte; er war ohne weiteres über den Platz getrabt und hatte Miene gemacht, die junge vertiefte Dame freundschaftlich zur Außenwelt zurückzuführen.

Das war nun ohnehin geschehen, und Ego sprang gehorsam zurück und hob fragend seinen Kopf zu dem Gebieter empor: „Was nun?“

Ja – was nun? Ausweichen hätte ungezogen ausgesehen – ein ritterlicher Gruß vielleicht – stummes Weitergehen, – da stand er schon dicht vor ihr und hielt den Hut in der Hand.

„Haben wir Sie erschreckt, Gnädigste? Es thut mir sehr leid! Bitt’ um Verzeihung, Ego!“

Das schöne Thier senkte reumütig tief den Kopf und winselte leise.

„Es thut nichts!“ Annie legte ihre Hand auf Egos Rücken und lächelte seinen Herrn an. „Ich war nur so ganz mit meinen Gedanken bei – bei -“ Sie stockte; es wollte ihr doch gar zu merkwürdig klingen, wenn sie geschlossen hätte: beim Prediger Conventius.

„Sie gehen zur Kirche?“

„Ja! Haben Sie denn vergessen? Heut’ hält ja Pfarrer Conventius seine Antrittspredigt – sehen Sie, welche Menschenmenge in die Kirche strömt! Ich dachte, Sie wollten auch dorthin, Herr Professor!“

„Ich? Nein – ich hatte nicht die Absicht … und wenn ich sie jetzt habe … würden Sie mir gestatten, mit Ihnen zu gehen?“

„Ich habe nichts zu gestatten, das Gotteshaus gehört uns allen!“

„Aber nicht wir alle gehören ihm!“

Sie sah ihn forschend mit ihren schönen, klugen Augen an.

„Sie gehen nie in eine Kirche?“

„Sehr oft, – um die Bauten und die Malereien kennen zu lernen.“

„Zu keinem andern Zweck?“

Nein! Bisweilen hätte ich sehr das Verlangen, eine gediegene, ernstgemeinte Predigt zu hören, – aber ich kann nicht willkürlich sagen: heut’ ist Sonntag, heut’ ist die Kirche geöffnet, heut’ willst Du Dich erbauen lassen! Ich muß die Stimmung dazu in mir fühlen. Die kommt über mich, unvermittelt, urplötzlich, unabhängig von Ort und Zeit! Oft ist es ein gewaltiger Natureindruck, zuweilen ein menschliches Wesen, oft ein an sich ganz unbedeutendes Ereigniß, das den fast leidenschaftlichen Wunsch in mir wachruft: jetzt eine feurige und überzeugte Rede hören, die alles das sagt, was Du dunkel in Deinem Innern [647] empfindest, – jetzt einen Ausdruck für das, was sich in Deiner Seele emporringt, … aber den klugen und frommen Priester, der mir solches in solcher Stimmung geben könnte, – den habe ich bisher noch nie gefunden.“

„Vielleicht finden Sie ihn heute!“

Annie sagte es rasch und erröthete gleich darauf, – mußte er nicht denken, sie wünsche nichts sehnlicher, als seine Begleitung?

„Es ist nicht unmöglich, – sogar wahrscheinlich, nach allem, was man mir von diesem Mann gesagt hat.“

„Nun, – und Ihre jetzige Stimmung?“

Sie waren der Kirche ganz nahe gekommen, man hörte die Orgel brausen. Mit seinen mächtigen Augen sah Delmont das junge Mädchen an, zwang sie gleichsam, still zu stehen und seinen Blick zu erwidern.

„Brauche ich Ihnen wirklich noch zu sagen, daß die Stimmung plötzlich da ist? Ich sagte Ihnen, sie hinge oft von einem Naturereigniß, oft von einer geringfügigen Begebenheit, zuweilen von einem menschlichen Wesen ab. Das letztere aber ist sehr, sehr selten. Glauben Sie, daß ich zu jedem reden würde, wie ich jetzt zu Ihnen gesprochen habe? Ich bin menschenscheu, verdüstert und verschlossen – man hat es Ihnen ohne Zweifel von mir gesagt, und man hat recht gehabt. – Sie wissen, wie es kam, daß die Stimmung urplötzlich da ist – die Stimmung, die Ihnen vielleicht ein sehr unwürdiger Trieb ist, ein Gotteshaus zu betreten; ich kann aber nicht anders. Sie sollen mich kennen, wie ich bin! Darf ich nun noch bitten, daß Sie meine Begleitung annehmen?“

Als Antwort neigte sie stumm das Haupt – ihre junge Seele bebte in einem neuen, seltsamen Empfinden. Sie hatten die untersten Stufen, die zu dem geöffneten Portal führten, betreten; langsam stiegen sie aufwärts und betraten nun nebeneinander das Gotteshaus. –

Ein voller Strom gewaltiger Orgelmusik brauste ihnen entgegen. Ein Bekannter des Conventiusschen Hauses, ein berühmter Orgelspieler, hatte, der Antrittspredigt des neuen Geistlichen zu Ehren, seinen nur kurz bemessenen Aufenthalt in F. verlängert, um dem feierlichen Akt eine doppelte Weihe zu geben. Hier und da hatte sich das Gerücht dieses bevorstehenden musikalischen Hochgenusses herumgesprochen, und so hatten sich nicht nur die höhern Gesellschaftsklassen, die einen Aristokraten gern auf der Kanzel sehen, nicht nur neugierige junge Mädchen, die einen schönen Mann bewundern, nicht nur gesetzte, verständige Leute, die wirklich als Gemeindemitglieder den neuen Seelsorger kennenlernen wollten – – es hatten sich auch Musikprofessoren, Pianisten, Kritiker, Organisten in stattlicher Anzahl eingefunden, kurz, wie ein Zeitungsberichterstatter seinem Nachbar ins Ohr flüsterte, „es hatte sich ein äußerst gewähltes und zahlreiches Publikum versammelt und man erkannte die Lukaskirche kaum wieder, da der letzte Prediger sich mehr und mehr unbeliebt gemacht und das Publikum wahrhaft aus dem Tempel hinausgepredigt hatte.“

Annie Gerold schritt wie jemand, der seinen Weg genau kennt, durch die dichtbesetzten Reihen, sie nickte dem Küster, als einem alten Bekannten, zu und gab ihm einen Wink mit den Augen. den er sogleich verstand. Er schloß eine kleine Seitenbank auf, die, fast ganz hinter einem der mächtigen Pfeiler verborgen, den Blick auf die Kanzel gewährte, die auf der Bank Sitzenden aber fast gänzlich der Beobachtung der übrigen Kirchenbesucher entzog.

Hier hinein gingen das junge Mädchen und der Maler wie zwei Zusammengehörige; Annie machte sich aber keine Gedanken darüber, wie ihre Bekannten wohl diese ihre Begleitung deuten würden; ein wunderbares Gemisch von Glück und Bestürzung wogte in ihrem Innern, und dazu war sie mit aller Kraft bestrebt, ihre Seele voll dem zuzuwenden, um deswillen sie heute hierhergekommen war.

So versteckt auch das Plätzchen der beiden lag, – unbemerkt waren sie doch nicht bis dahin gekommen. Aus der Gruppe von Ulanenoffizieren, die nach der Mitte der Kirche hin Unterkunft gefunden hatten, kam ein klirrendes Geräusch – jemand unter ihnen hatte seinen Schleppsäbel etwas unsanft gegen den mit Fliesen ausgelegten Fußboden gestoßen und dazu ein nicht zeitgemäßes „alle Hagel!“ vor sich hingemurmelt. Fritz von Conventius war’s, dem der Aerger über das „unerhörte Glück, das dieser Mensch, der Maler, hatte,“ in den Hals stieg, und der, auf Thor von Hammersteins leises: „Was ist?“ nur eine bezeichnende Kopfbewegung nach den beiden machte, die soeben um eine Ecke verschwanden.

Parsifal hatte sie nun richtig auch noch gesehen und stieß im tiefsten Baß einen Laut des Unwillens heraus, der ihm von seinem Kameraden Gründlich die geflüsterte Frage eintrug: „Thor, Sie waren wohl noch niemals in einer Kirche?“

Professor Delmont saß neben Annie Gerold auf der schmalen Kirchenbank, es war ihm unendlich wohl. Die hohe, schöne Kirche, die, in ganz reinem gothischen Stil erbaut, Verhältnisse von großer Formenschönheit aufwies, die prachtvolle Bachsche Fuge, die sich unter den Händen des vortrefflichen Spielers wie ein kunstvoll gegliedertes Bauwerk vor ihm emporhob – die Nähe des reizenden Mädchens, die Abgeschiedenheit des Platzes, alles wirkte eigenartig erhebend und besänftigend zugleich auf sein empfindliches Innenleben; die „Stimmung“, von der er soeben zu Annie gesprochen, hatte ihn noch nie so völlig in Fesseln geschlagen wie eben jetzt. Vergessen waren seine Vorsätze vom neulichen Abend, vergessen alles, was ihn gequält und beunruhigt hatte; schon Annies unerwarteter Anblick allein hatte genügt, ihn mit einem Schlage jung und fast heiter zu stimmen wie in jener Abendgesellschaft bei Weylands – jetzt kam noch die Einwirkung des Gotteshauses, der schönen Musik dazu, um eine Begeisterung in ihm zu wecken, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt zu haben meinte. Es trug ihn wie mit Flügeln empor, – Motive, Bilder, Ideen drängten sich in seinem Geist, er fühlte sich erfinderisch und schaffensfreudig wie kaum in den Tagen seiner ersten schwärmerischen Jugend – und wehrlos gab er sich dem Zauber gefangen, der dies Feuer in ihm entzündet hatte.

Durch die spitzbogigen Fenster mit buntem Glase sah die Sonne herein – ein schräger Strahl schlich sich über Annies kastanienfarbenes Haar und tönte es mit Goldlichtern ab; er flimmerte auf dem weißen Halse und zitterte in den langen, dichten Wimpern, die tief gesenkt blieben und dem schönen Gesicht einen so süß träumerischen Ausdruck gaben. O junges, blühendes Leben!! –

Es war eine kraftvolle, metallisch klingende Stimme, die jetzt in die weite Kirche hinaustönte, und der Sprecher da oben auf der Kanzel, hoch und schlank und schön, sah nicht zaghaft aus und nicht verlegen, nein, freudig und zuversichtlich, ein echter „Streiter Gottes“!

Die Damen reckten die Köpfe, um ihn besser zu sehen, es ging eine Bewegung durch die Menge, wie wenn der Wind über ein volles Aehrenfeld hinfährt. Unter den Ulanen murrte einer: „Jammer und Schade! Was für einen Gardeoffizier hätte der abgegeben!“ – Dann kam eine lautlose Stille. –

Und wieder die metallene, kraftvolle Stimme:

„Wo der Herr nicht das Haus bauet, da arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo der Herr nicht die Stadt behütet, da wachen die Wächter umsonst.“

Dies Wort, einem der Psalmen entnommen, war der Text der Predigt.

Wie er sie ausführte? Groß und leicht und frei, in schlichtester Weise – wie ein Mensch, der zu Menschen spricht! Wie er voll Dank und voll Zuversicht in diese Stadt, in dies Haus gekommen sei, wie er es ihnen allen heute danke, daß sie ihn aufgesucht hätten an der neuen Stätte seines Wirkens, wie ihn eine ernste, gehobene Freudigkeit erfülle, nun er sein Arbeitsfeld bestellen, den Platz, den Gott ihm angewiesen, ausfüllen könne nach bester Kraft. Er bat sie alle, die hier versammelt seien, ihm zu helfen bei seiner Aufgabe, ihm Vertrauen und guten Willen entgegenzubringen; und dann bat er Gott, das Haus zu bauen, die Stadt zu behüten, auf daß ihre Wächter nicht umsonst wachten. Sie alle, die heute hier beisammen seien, könnten helfen, das Haus zu bauen, durch Eintracht, durch werkthätige Liebe, durch wahres Bestreben, dem Nächsten zu nützen. In einfachen und doch so beredten Worten hob er hervor, welch’ köstliches Ding es sei um ein gut gebautes Haus, um eine wohlbehütete Stadt – köstlich, und doch, wie selten zu finden! Er eiferte nicht in heftiger Rede gegen die heutige Zeit – er war aber traurig und meinte, es sei unsagbar schwer, mit den Waffen des Glaubens zu kämpfen, jetzt, wo der Unglaube gewissermaßen schon in der Luft liege, wo Kinder und Unmündige mit sogenannten „freien Ansichten“ genährt würden, wo die seltenen Ausnahmen, die sich den Gottesglauben noch gerettet hätten, sich gar schämten, denselben laut zu bekennen, weil [650] sie den Muth nicht besäßen, sich auf diesem halb verlorenen Posten zu behaupten. Von dem Glück und der unerschütterlichen Zuversicht, die gerade ein fester Gottesglaube zu verleihen imstande sei, kam er wieder auf den Ausgangspunkt seiner Rede zurück: „Helft, ach helft mir, das Haus zu bauen! Steht mir bei, die Stadt zu behüten!“ – –

Das letzte Gebet war gesprochen, das letzte Amen verhallt – nun setzte ein gut geschulter, vielstimmiger Kinderchor mit einem schönen, einfachen Kirchenlied ein. Wie Jubel klangen die hellen, jungen Stimmen, und durch die weit geöffneten Thürflügel des Gotteshauses fluthete ein breiter Strom freudigsten Sonnenscheins.

Annie Gerold hob die Wimpern, an denen schwere Thränen hingen, zu ihrem Nachbar empor; er hatte ein schönes, ernstes Lächeln auf seinem Gesicht und sah ihr tief in die Augen.

„Haben Sie Dank!“ sagte er leise. „Sie waren es, die mich hierhergeführt, und ich kann diese Stunde niemals vergessen. Sie hatten recht, als Sie meinten, mir könnte heute das begegnen, wonach ich lange vergebens gesucht. Ich habe heute den klugen und frommen Priester gefunden, von dem ich Ihnen sprach, und ich habe mich selbst wiedergefunden und den Glauben an meine Zukunft und mein Glück.“

Er drückte ihr leise die Hand, dann wandte er sich ab und verlor sich unter der hinausstrebenden Menge; Annie wartete noch eine Weile, bis das Gedränge sich abgeschwächt hatte. Als sie vor das Portal trat, sah sie Ego regungslos mitten auf dem Lukasplatz liegen, den klugen Blick unverwandt auf die Kirchenthüren gerichtet. Als er Annie gewahrte, wedelte er leicht mit dem Schweif, zum Zeichen, daß er sie wiedererkenne, zugleich rief ein leiser, wohlbekannter Pfiff ihn ab. Professor Delmont war aus einer der Seitenthüren getreten und ging jetzt, von Ego begleitet, davon, Annie aber sah sich plötzlich von verschiedenen Freundinnen und Herren umringt, die alle lebhaft auf sie einsprachen:

„Wie hat Ihnen denn die Predigt gefallen, gnädiges Fräulein?“

„Ich dachte, er würde poetischer sprechen!“

„Gerade gewählt oder elegant war es nicht, aber es ging doch zu Herzen, sollte ich meinen!“

„Ich fand es sehr hübsch!“

„Nein, zu komisch, daß ein solcher Mensch Pfarrer geworden ist! Und mit dem Gefängnißprediger hat’s wirklich seine Richtigkeit – weißt Du das auch schon, Annie?“

„Ich hörte. er soll jetzt einen zum Tode Verurtheilten vorzubereiten haben!“

„Schrecklich! Gräßlich! Nein, das glaube ich nicht!“

„Schönen guten Tag, meine Damen und Herren!“ ließ sich die Stimme des Lieutenants von Conventius hören. „Nun, lassen Sie meinen Vetter nur noch am Leben, er könnte am Ende noch so mancherlei Gutes wirken! Daß Sie ihn gleich unter der Kirchenthür zerzausen, finde ich nun nicht reizend. Fräulein Gerold geht es genau ebenso wie mir, ich lese es ihr an den Mienen ab. Habe die Ehre, meine Gnädige! Werde mir in zwei Stunden die Freiheit nehmen, mit ein paar Kameraden bei Ihnen vorzusprechen. Empfehle mich bis dahin!“

Die Offiziere nahmen die Hacken zusammen und grüßten rechts und links; dann verstreute sich die ganze Gesellschaft vor der Kirche. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Thekla Gerold wartete mit einem guten zweiten Frühstück auf ihre Schwester; sie war eigentlich verstimmt, es hatte sich so schön studiert und gelesen heute; trotz der schlecht verbrachten Nacht war ihr Geist hell und ihre Auffassung besonders rasch, das ward ihr nicht alle Tage zu Theil. Oft hing sich ihr kranker Körper wie ein unerträgliches Bleigewicht an sie und hemmte den Aufschwung ihres Geistes. Nun kam die biedere Agathe und riß sie ohne weiteres aus ihrem schönen Verkehr mit Helmholtz, Hartmann und anderen großen Geistern heraus, erinnerte sie, daß das Vögelchen bald aus der Kirche kommen werde und daß sie beide etwas essen müßten, daß Fräulein Thekla noch nicht Toilette gemacht habe, was doch unbedingt nothwendig sei, denn man erwarte ja Besuch, und drüben wäre schon alles in schönster Ordnung.

Mit einem schweren Seufzer und einem recht ungnädigen Gesicht packte Thekla ihre Bücher zusammen. Frau Agathe Lamprecht sah sie bloß von der Seite an und sagte kein Wort weiter; sie kannte ihre Leute. Wenn Fräulein Gerold so aussah wie eben jetzt, dann hatte sie ihren „gelehrten Turnus“, wie Agathe das nannte, und wünschte alles, was kein Buch war, ins Pfefferland. Schweigend half die getreue Alte der gebrechlichen Gestalt aus dem Morgenkleid heraus und in ein schwarzes Seidengewand hinein, das einfach im Schnitt, aber vom besten Stoff und mit einem Kragen von wunderschönen Brabanter Spitzen geschmückt war. Agathe brachte noch eine prachtvolle Brosche, aus einem riesigen Opal bestehend, der einzige Schmuck, den Thekla liebte, „weil er wie ein Menschenantlitz seinen Ausdruck wechsele“.

„Nun, alter Oberhofceremonienmeister! Sind Sie mit mir zufrieden?“ Die gelehrte Dame musterte ihr Konterfei im Spiegel mit humoristischem Behagen. „Die Herren Ulanen werden eine unbändige Freude an mir erleben. Ich sehe aus wie ein kranker Chinese, der sich aus Versehen in eine europäische Damentracht hineinverirrt hat. Daß man sich auf seine alten Tage nicht mal Ruhe gönnen darf und sich zum Narren machen muß wie ein abgerichteter Affe!“

Solche Auslassungen gönnte sich die Kranke nur vor Agathens Ohren, das Vögelchen bekam nie etwas davon zu hören. Sie hatte es übernommen, für das Kind zu sorgen, ihm ein angenehmes Dasein, wie es seiner Jugend und Schönheit zukam, zu sichern, und sie liebte Annie zärtlich, … folglich gab sie sich zu allen Dingen her, die der sogenannte gute Ton und die Geselligkeit von ihr verlangten, gab kleine und große Feste, nahm Visiten entgegen und verkehrte mit einer Menge von Leuten, die ihr im Grund der Seele so gleichgültig waren, als lebten sie auf dem Sirius. Das Vögelchen bekam höchstens dann und wann eine sarkastische Aeußerung zu hören, nie aber eine Klage, daß alle diese Dinge für Thekla nur eine Last, eine unangenehme Unterbrechung ihrer Studien wären.

„Fräulein sehen wohl und sehr gut aus!“ sagte Frau Lamprecht, von dem Bestreben beseelt, die Laune ihrer Dame ein wenig aufzubessern.

„Die Venus von Milo ist nichts dagegen!“ spottete Thekla. „Nun rasch zurück ins Speisezimmer, ich denke, die Kleine ist schon zurückgekommen!“

So war es in der That, und auf den ersten Blick gewahrten Theklas scharfe Augen, daß „ihrem Kinde“ irgend etwas Aufregendes begegnet sein mußte. Sie hatte Annie selten so schön gesehen, und nun steckte ihr zum Ueberfluß Agathe noch zwei herrliche, eben aufgeblühte purpurrote Rosen an die Brust – „Lamprecht hat sie für Vögelchen gebracht, sie waren soeben im Gewächshause aufgebrochen.“

Die Alte ging, mit einem letzten bewundernden Blick auf ihr Kleinod; die Schwestern waren allein, Annie sagte kein Wort und sah glücklich lächelnd vor sich hin, Thekla betrachtete sie kopfschüttelnd und begann. nach einer kleinen Weile in sanftem Tone:

„Iß und trink jetzt, Kleine, Du hast später keine Zeit dazu!“

Annie trank gehorsam von dem spanischen Wein und nahm ein belegtes Brötchen in die Hand.

„Wie schön die Sonne scheint!“ sagte sie träumerisch.

„Ja, das thut sie, und noch dazu über Gerechte und Ungerechte! Könntest Du es vielleicht über Dich gewinnen, mir einiges über die Predigt mitzutheilen?“

Das junge Mädchen fuhr verwirrt empor und erröthete bis unter die Stirnlocken. „Ach, Thekla, nein, was Du von mir denken mußt! Es war wundervoll in der Kirche, Conventius hat so wahr, so einfach, so schön gesprochen, ich wollte, Du wärst dabei gewesen!“

„Ich auch!“ pflichtete Thekla bei. „Schon, um festzustellen, ob es nur die Predigt allein war, die Dich so ungewöhnlich bewegt hat!“

„Ich? Ungewöhnlich bewegt? Nicht daß ich wüßte!“

„Nicht? Entschuldige doch! Ich dachte, Leute, die eben aus der Kirche kommen, sprächen die lauterste Wahrheit!“

Statt der Antwort lief Annie auf die Schwester zu, umschlang sie mit beiden Armen und drückte ihr warmes, rosiges Gesichtchen an die fahle Wange der Kranken. Thekla fühlte das rasche, heftige Schlagen des jungen Herzens, und eine weiche, mitleidige Stimmung bemächtigte sich ihrer; sie küßte Annie zärtlich auf Stirn und Augen.

„Kleines, liebes Vögelchen, macht es Dich denn so sehr glücklich?“

Annie nickte nur, dann aber löste sie sich rasch aus der Umarmung und begann von Reginalds Predigt zu erzählen, sehr [651] ausführlich und sehr begeistert. Thekla hörte aufmerksam zu und gab dann und wann durch beifälliges Nicken ihre Zustimmung zu erkennen.

„Der Mensch ist ein Wunder!“ rief sie, als Annie geendet, „Aristokrat und Geistlicher – und solch vernünftige, menschliche Ansichten! Sieh, sieh! Den möchte ich kennenlernen!“

„Das wirst Du ja!“ Annie fühlte zu ihrem Aerger, daß sie erröthete. „Er will bei uns Besuch machen. Vorläufig kommen heute die Ulanen!“

„Niemand sonst?“

„Nein!“

„Hm!“

Eine knappe Stunde später schlug der würdige Lamprecht die Salonportieren zurück und meldete den Damen, daß die Herren Rittmeister Thor von Hammerstein und Göben, sowie die Herren Lieutenants von Conventius und Gründlich um die Ehre bäten, ihre Aufwartung machen zu dürfen; dazu überreichte er die Karten auf silbernem Teller.

„Wir lassen bitten,“ sagte Thekla und sonderte sofort mit ihrem geübten Blick aus den vier neuen Gesichtern dasjenige heraus, das ihr am zusagendsten erschien: ein frisches, junges Antlitz war’s, mit einem flotten Bärtchen und übermütig blitzenden Augen.

„Wenn das der Conventiussche Vetter ist – der Bursch gefällt mir!“ dachte sie.

Und: „Alle Wetter, die gelehrte Schwester!“ dachte er. „Was sie für gescheite Augen im Kopf hat!“ Laut sagte er dazu: „Ich müßte eigentlich vor Ihnen eine heillose Angst empfinden, meine Gnädigste – aber nun ich Sie sehe, gestehe ich ehrlich: nein, ich habe keine!“

„Mir außerordentlich erwünscht! Leute mit Angst sind mir nicht angenehm; aber warum ist sie Ihnen denn geschwunden?“

„Sie sehen zu klug aus, um nicht auch menschlich gut zu sein!“

„Wenn Sie mich vermittels einer feinen Schmeichelei fangen wollten, Herr von Conventius, so erfahren Sie hiermit, daß es Ihnen halb gelungen ist!“

„Bloß halb? Denken Sie sich, ich hatte auf mehr gerechnet!“

„Da kennen Sie meine Schwester schlecht!“ rief Annie belustigt dazwischen. „So leicht gewinnt man die nicht! Der Weg zu ihrem Herzen führt durch ihren Verstand, und da dieser ungewöhnlich scharf ist, so kann man sich wirklich etwas darauf einbilden, wenn man ihr zusagt!“

„Damit haben Sie selbst sich die feinste Schmeichelei gesagt!“

„Mitnichten! Schwestern zählen gar nicht mit; ich hab’ es überhaupt nicht nöthig gehabt, mir Theas Liebe zu erwerben – sie selbst hat mir’s erzählt, dieselbe wäre einfach da gewesen mit dem Augenblick, als mein Vater mich ihr als kleines, neugeborenes Kind zum ersten Male in die Arme legte.“

„Das stimmt!“ nickte Thekla, und sie empfand jetzt noch das warme aufwallende Zärtlichkeitsgefühl, das sie durchströmt hatte, als sie damals die weiche, kleine, hilflose Last an ihr Herz gedrückt hielt.

Indeß hielten die Herren von Hammerstein und Göben Umschau in dem weiten, schönen Salon mit der blumigen Seidentapete, den Ebenholzmöbeln, dem prachtvollen Konzertflügel und Smyrnateppich. Alles gediegen und großartig, von Reichthum und Geschmack redend. In den Wandnischen schöne Büsten und Statuen, an der größten Wandfläche eine vortreffliche Kopie des Guido Renischen Helios in Originalgröße, in den Ecken große, kunstvoll geschnitzte Gestelle, mit Mappen, Bildern und Photographien gefüllt.

Und die Eigenthümerin all dieser Herrlichkeiten – die Haupteigenthümerin, denn die kranke Schwester zählte doch wohl hierbei nicht recht mit – paßte ausgezeichnet als reizendes Bild in den Rahmen, der sie hier umgab. In jugendlicher Anmuth und Schönheit, die um so reizvoller wirkte, da sie sich völlig unbefangen gab, plauderte und lachte sie mit den Herren, wußte auch den schweigsamen, phlegmatischen Thor, den ruhigen Göben geschickt ins Gespräch zu ziehen und parirte Gründlichs Witze so schlagfertig, daß dieser immer unternehmender wurde. Wetter noch eins – was für ein prächtiges Mädel! So die richtige Offiziersfrau – denn das bißchen Schöngeisterei und Klugkosen, das sie hier bei der gelehrten Schwester angenommen hatte, das würde man ihr schon bald abgewöhnen, wenn man sie erst einmal als Stern ersten Ranges auf den Kasinobällen, Korsofahrten und Reitpartien hatte!

Fritz von Conventius mußte innerlich lachen, wie jeder der drei Kameraden sich auf seine Art „ins Zeug legte“, um dieser schönen Annie Gerold zu gefallen. „Kinder, bemüht Euch nicht,“ hätte er ihnen zurufen mögen, „Hände weg! Das ist nichts für Euch! Die Trauben hängen ein bißchen zu hoch – die habe ich für meinen Vetter Reginald bestimmt!“

Und in diesem Sinn betheiligte sich, zu der drei andern heimlicher Verwunderung und Freude – denn mit Recht hielten sie ihn für den anziehendsten unter ihnen! – Lieutenant Fritz nicht im geringsten an dem galanten Treiben seiner Freunde; ganz ruhig und gesetzt hatte er seinen Stuhl an Theklas Sessel herangeschoben und unterhielt sich mit ihr, das heißt nur von solchen Dingen, über die er gut unterrichtet war. Spielte sie hie und da auf Gegenstände an, die ihm fern lagen, so sagte er in seiner treuherzigen Art sofort:

„Nehmen Sie mir’s schon nicht übel – davon verstehe ich aber nichts!“ und brachte es durch diese Ehrlichkeit dahin, daß er der gefürchteten Dame außerordentlich gut gefiel. Gottlob – ein Mensch, der nicht mehr vorstellen will, als er wirklich ist, und der in Dingen, mit denen er sich ernstlich beschäftigt hat, doch seinen Mann steht!

Von Hedwig Rainer sprachen sie, der niedlichen blonden Tischnachbarin des Lieutenants bei jener Weylandschen Gesellschaft, und Thekla nannte sie ein gutes, liebenswürdiges Kind, „keine gezierte Gans, wie so viele von den jungen Mädchen, die mit Annie verkehrten. Wissen Sie, Herr von Conventius,“ schloß sie lachend, „mir will scheinen, das wäre eine Frau für Sie!“

„Danke vielmals! Für jetzt will mir das noch nicht so ganz scheinen – man soll aber niemals etwas in Zukunft verschwören! Wie es scheint, liegen heute hier die heimlichen Heirathspläne in der Luft.“

„So? Machen Sie denn auch welche?“

„Sie können ganz ruhig sein“ – Fritz schob sich vertraulich etwas näher an Theklas Sessel heran – „ich sorge nicht fürs Regiment, obgleich das vielleicht unkameradschaftlich von mir ist. Nein, ich habe da so meine stillen, sehr edlen und sehr selbstlosen Pläne, und man kann gar nicht wissen, ob ein gütiges Schicksal dieselben nicht am Ende doch begünstigt“ – – hier stockte der Sprecher, wurde nachdenklich, sah mit seines Geistes Auge Annie Seite an Seite mit Delmont in die Kirche treten und auf der versteckten Bank Platz nehmen und schloß innerlich mit den Worten: „Dieser verteufelte Maler!“ – –

„Unsere zwei offiziellen Hausbälle sind schon vorüber,“ sagte Thekla Gerold, als die Ulanen nach einer Weile Abschied nahmen, „vielleicht darf ich aber die Herren bitten, uns gelegentlich einmal zu einer kleinen, zwanglosen Gesellschaft mit nachfolgendem Tänzchen zu beehren?“

O ja, sie durfte bitten! Die Herren waren so liebenswürdig, eifrig zuzustimmen, und maßen schon jetzt das spiegelnde Parkett des Saales mit tanzlustigen Blicken. Welch netter Einfall von dem Blaustrumpf, ihnen ein solches Vergnügen in Aussicht zu stellen! –

Sie können auch einmal ohne Einladung kommen!“ flüsterte Thekla dem Lieutenant von Conventius zu und freute sich über sein freundliches dankendes Kopfnicken. Und dieser Begünstigte erhielt jetzt auch einen Händedruck – nicht nur von der „alten Schwester“ – nein, auch Annie legte ihre Rechte freundlich in die seine … wie konnte sie es ahnen, daß der Schelm in diesem Augenblick dachte: „Wart’ Du nur! Bist Du erst meine Cousine geworden, dann küss’ ich Dich auch!“ – –




6.

Der Gefängnißdirektor Warnow, ein untersetzter Mann mit graugesprenkeltem Haar und Backenbart, eine goldgefaßte Brille über den gescheit und verständig schauenden Augen, stand, an seinen Schreibtisch gelehnt, in seinem Arbeitszimmer und sah nachdenklich auf den großen, kahlen, an zwei Seiten mit regelmäßigen Baumreihen bepflanzten Gefängnißhof, der augenblicklich ganz unbelebt war. Nur ein junger Gehilfe des Schließers ging träge in Wasserstiefeln, einen Eimer in der Hand, zu dem im äußersten linken Winkel des Hofes gelegenen Brunnen, von dessen Handhabe ein paar Krähen mit heiserem Krächzen emporflogen und sich in den lichtgrauen Aprilhimmel verloren.

Dem Direktor gegenüber stand Reginald von Conventius, den Hut in der Hand, wie jemand, der im Begriff ist, aufzubrechen; [652] die beiden Herren hatten sich nach längerem Gespräch von den Stühlen erhoben, aber Warnow zögerte sichtlich noch, irgend einen Entschluß zu fassen.

„Also Sie wollen es durchaus? Durchaus?“ Er hatte die Angewohnheit, das letzte Wort eines Satzes zu wiederholen.

„Ich halte es für meine Pflicht!“ entgegnete Conventius ruhig.

„Pflicht! Jawohl! Aber, mein bester Herr Pfarrer, Sie könnten sich dieselbe wesentlich erleichtern. Erstens: ich könnte Sie begleiten – könnte Sie etwa als einen höheren Regierungsbeamten einführen, der die Vollmacht und auch die Neigung habe, dem Gefangenen, falls er sich willfährig zeige, einige Erleichterungen zukommen zu lassen … zukommen zu lassen –“ .

Reginald machte eine abwehrende Bewegung.

„Nein, bester Herr Direktor, nein! Ich halte diesen Weg, trotz der unzweifelhaft guten Absicht, die Sie leitet, nicht für den richtigen. Bedenken Sie doch nur, ich bitte Sie: ein Geistlicher – ein Diener Gottes, der sich mit Unwahrheiten, gleichviel von welcher Idee dabei geleitet, bei einem Gefangenen einführt!“

„Ja, aber auch bei welchem Gefangenen!“ eiferte der Direktor dazwischen. „Sie müssen die Eigenart dieses Menschen bedenken – Sie müßten ihn kennen, um über ihn urtheilen zu können. Das ist ja kein gewöhnlicher frecher Einbrecher und Mörder – ich sage Ihnen ja, dieser Schönfeld gehört einer gefährlichen Sorte an, er ist mit einer gewissen Bildung überfirnißt, hat viel gelesen, drückt sich gut aus, faßt seine böse That, so widersinnig Ihnen das klingen mag, von einem gewissen idealen Standpunkt auf – als ein Verdienst, das er sich um die Menschheit erworben – Menschheit erworben –“

„Ich weiß dies alles, geehrter Herr Direktor, Sie haben es mir selbst gesagt. Ich erkenne auch mit Dankbarkeit Ihre gute Absicht an, mir meine schwierige Aufgabe erleichtern zu wollen. Aber da Sie sich so eingehend mit der Eigenart dieses Verbrechers beschäftigen, muß ich Sie schon herzlich bitten, auch der meinigen gerecht zu werden! Ich kann auch in dieser Angelegenheit nichts anderes sagen, nichts anderes thun, als dasjenige, was die Richtschnur meines ganzen Lebens ist, was meinem Handeln jederzeit den Stempel aufdrücken soll: die Wahrheit!“

Der Direktor sah den Redenden mitleidig an und seufzte. „Sie werden, denken Sie an mein Wort, in sehr schwere Lagen gerathen, Herr von Conventius, wenn Sie es sich wirklich zum Gesetze machen, immer und überall die Wahrheit zu sprechen.“

„Ich gebe das zu – aber ich bleibe meinem Grundsatz treu: nichts verschweigen, nichts feige beschönigen – die Wahrheit über alles!“

„Es gab eine Zeit, da dachte ich ebenso wie Sie – Sie sind noch jung und muthig … kommen Sie erst zu meinen Jahren, meinen Erfahrungen, da wird sich manches anders gestalten! Aber für jetzt – wollen wir also hinübergehen – also hinübergehen?“

„Wenn ich Sie bitten darf!“

Warnow drückte auf den Knopf der elektrischen Leitung.

„Remmler soll sich bereit halten!“

Die Herren durchschritten ein Vorzimmer und einen Hausflur und betraten den Hof; hier gesellte sich ein kräftiger, untersetzter Mann in mittleren Jahren mit einem ernsten, stillen Gesicht zu ihnen. Er trug einen kurzen, rauhhaarigen Flausrock und hatte einen gewaltigen Schlüsselbund in den Händen.

„Remmler, dies ist unser neuer Herr Pfarrer, Baron von Conventius.“

„Bitte, bitte, Herr Direktor, lassen Sie den Baron beiseite!“

Remmler nahm die Mütze ab, machte eine linkische Verbeugung und warf einen Blick unverhohlener Bewunderung auf den hochgewachsenen blonden Mann an seiner Seite.

„Zu Nummer 58!“ sagte der Direktor.

Der Schließer sonderte rasch einen der Schlüssel aus dem Bunde heraus und schritt den Herren voran quer über den langen Hof nach einem Seitenflügel, zu dem eine Außentreppe führte.

„Auf Wiedersehen, lieber Herr Pfarrer! Ich gehe nun zurück!“ Warnow schüttelte dem Geistlichen die Hand.

„Remmler, Sie bleiben ganz in der Nähe – Herr von Conventius wird ohne Zweifel sehr bald wieder da sein!“

Die beiden stiegen die Stufen vollends hinan und schritten einen langen, halbdunklen Flur, der an jeder Seite dicht mit Thüren besetzt war, hinunter. Wo dieser Flur ein Knie machte, bogen sie rechts ab und Remmler setzte seinen Schlüssel in eine ziemlich niedrige Thür ein, die sich mit einigem Geräusch öffnete; der Schließer ließ den Geistlichen eintreten und blieb in soldatischer Haltung wartend unmittelbar neben der Pforte stehen.

Das Wort „Gefängniß“ hat für den Unbefangenen immer etwas Unheimliches. Man weiß es ganz genau, daß es unterirdische Verließe, in denen die Gefangenen ohne Licht und Luft, mit Ketten belastet, auf verfaultem Stroh liegen, lange schon nicht mehr giebt – aber der Begriff des Düstern, Schauerlichen verknüpft sich unwillkürlich auch heute noch mit dem Wort „Kerker“.

Der Anblick, der sich dem Eintretenden bot, deckte sich nicht im mindesten mit dieser Auffassung.

Das mäßig große Zimmer war weder unfreundlich noch ungesund; eine gewisse kahle Nüchternheit in der Ausstattung ausgenommen, war nichts dagegen einzuwenden. Es erhielt hinreichendes Licht durch ein breites, allerdings recht hoch angebrachtes, stark vergittertes Fenster, die Temperatur darin war weder feucht noch dumpfig, in der Nähe des Fensters stand ein fester, einfacher Tisch mit Schreibgerät und Material zu Flechtarbeiten, eine Strohmatte bedeckte den Fußboden, im Hintergrund befand sich das eiserne Bettgestell und ein Holzstuhl. Von diesem erhob sich beim Eintritt des Fremden ein schlanker, mittelgroßer Mann mit sehr kurzgeschorenem, graugesprenkeltem Haar und Bart und ungewöhnlich tiefliegenden blauen Augen und fragte, mit höflicher Verneigung: „Sie wünschen, mein Herr?“

Ton, Blick und Gebärde, alles entsprach so vollkommen den Anforderungen der „guten Welt“, daß Conventius, trotz der vorbereitenden Rede des Direktors, innerlich stutzig wurde; einen Raubmörder und Einbrecher, der zum Tode verurtheilt war, hatte er sich wahrlich anders vorgestellt!

„Ich wünsche,“ sagte Reginald, dicht an den Gefangenen herantretend und ihm die Hand bietend, „Sie kennenzulernen und ebenso von Ihnen gekannt zu werden. Mein Name ist Conventius, ich bin Geistlicher an der Pfarrkirche zu Sankt Lukas und mit der Seelsorge der hier Wohnhaften betraut!“

Er hatte sich in der Stille auf einen heftigen Zornesausbruch und Widerspruch des Verbrechers gefaßt gemacht; aber nichts derartiges geschah.

Schönfeld nahm die dargereichte Hand nicht und trat einen Schritt zurück. „Hat Ihnen Herr Direktor Warnow nicht gesagt,“ begann er langsam, „daß ich den dringenden Wunsch ausgesprochen habe, mit allem geistlichen Zuspruch verschont zu werden?“

„Ja – er hat es mir gesagt!“

„Nun? Und? – Zwingt Ihr Beruf oder irgend ein Befehl von ‚oben herab‘ – ich meine die weltliche Obrigkeit! – Sie, mir dennoach, gegen meinen Willen, Ihre amtlich beschworenen Heilswahrheiten mitzutheilen? Dann beklage ich Sie!“

„Das ist nicht nothwendig. Mich zwingt nichts und niemand auf der Welt, als mein eigener, freier Wille!“

„So?“ Schönfeld trat wieder einen Schritt zurück und musterte den Geistlichen von Kopf bis zu Fuß. „Dann lassen Sie sich sagen, daß ich, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, auch noch im Besitz meines eigenen, freien Willens und entschlossen bin, denselben bis aufs äußerste geltend zu machen! Man kann mich einsperren, mich quälen, mich tödten … aber keine Macht der Welt soll mich zwingen, solange ich lebe, den sogenannten ‚Trost der Religion‘ in mich aufzunehmen oder auf alles, was mir in diesem Sinn vorgepredigt wird, ein Wort zu erwidern!“

„Das verlangt man auch nicht von Ihnen!“

„Wozu wären Sie denn hierhergekommen?“

„Ich sagte es Ihnen ja schon: vorerst, um Sie kennen zu lernen, um von Ihnen gekannt zu werden! Glauben Sie, mir wäre mein Gott, alles, was meine Seele Theuerstes und Heiligstes kennt, nicht tausendmal zu schade, um es einem Menschen preiszugeben, der es mit Spott und Hohn oder mit Gleichgültigkeit und Mißachtung aufnimmt? Sie sagen, keine Macht der Welt soll Sie zwingen! Das glaube ich Ihnen und spreche das gleiche! Die Macht aber, die Sie zwingen wird, ist nicht von dieser Welt, hat nichts mit ihr zu schaffen und ist doch stärker als alles, was diese Welt hervorzubringen vermag. Das habe ich Ihnen erwidern wollen. Ehe ich jetzt gehe, noch eins! Sie haben dem Direktor angedeutet – wenn auch sehr versteckt! – Sie hätten einen Wunsch … wollen Sie ihn mir nennen?“

„Glauben Sie, mich mit der Erfüllung dieses Wunsches für Ihren Himmel zu ködern?“

[653] Conventius antwortete nicht, aber in sein schönes und edles Gesicht trat ein Ausdruck so tiefen, lebendigen Mitleids, daß der Gefangene unwillkürlich betroffen wurde; fast schien es, als schämte er sich seiner schlimmen Frage. Es trat eine kurze Stille ein – draußen kämpfte ein matter Sonnenstrahl mit den schweren Wolken, um durchzudringen.

„Wunsch!“ fing Schönfeld endlich wieder an, „Sie sind gewiß der Meinung, ein Mensch wie ich könnte nur einen einzigen Wunsch haben!“

„Ich habe mir noch gar keine Meinung über Sie gebildet!“

„Das wird nicht mehr lange auf sich warten lassen; es wäre ja auch nicht groß zu verwundern, wenn Sie sich einbildeten, Herr Pfarrer, ein Mensch, dessen Leben verwirkt ist, wünsche vor allen Dingen seine Begnadigung! Ich aber sage: um keinen Preis! Hören Sie wohl? Um keinen!! Ich werde froh sein, wenn die ekle und schale Tragikomödie, die man Leben nennt, einmal zu Ende geht, so oder so – ich würde keinen Finger rühren, mein Dasein zu verlängern; ich habe dies auch den Richtern, dem Präsidenten, dem Staatsanwalt und meinem Vertheidiger gesagt. Ich bin in allen Punkten geständig und verschmähe es durchaus, den Weg, der zur Gnade führen könnte, zu beschreiten. Die Herren haben mir erwidert, daß dies den Stand der Dinge wesentlich verschlimmere … das ist mir gerade recht, ich will es nicht anders haben. Sollten Sie irgend welchen Einfluß, hohe Verbindungen oder dergleichen besitzen, – machen Sie nichts von alledem zu meinen Gunsten geltend: ich will sterben!“

Der schlanke, feingebaute Mann schien die verkörperte Willenskraft, während er sprach, – er war sehr blaß geworden, seine Nasenflügel bebten, aus den tiefliegenden Augen sprühte es.

Reginald war ergriffen. „Welch’ ein Leben muß das gewesen sein!“ sagte er leise, mehr zu sich selbst sprechend.

„Es wäre Ihnen wohl als Psychologe interessant, Bekenntnisse eines Raubmörders, der nur zehn Schritt von der sogenannten Ewigkeit entfernt ist, zu sammeln? O ja, meine Lebensgeschichte würde einem geschickten Schriftsteller ganz schätzbares Material liefern. Auch wäre ich noch eher bereit, jemand meine Schicksale zu erzählen, als ihm die Sorge für meine Seele in die Hände zu legen, Seelsorger! Was für ein unsinniges Wort! Wie kann denn ein anderer Mensch für meine Seele sorgen, wenn ich selbst das Kunststück nicht einmal zustande gebracht habe?“

„Aus eigener Kraft wird er das auch niemals können.“

„Die göttliche Gnade muß in ihm wirksam sein – so meinen Sie doch, nicht wahr? Es ist doch schade, daß unsereins niemals etwas davon zu spüren bekommt; sie ist wohl nur für die auserwählten Werkzeuge Gottes vorhanden, nicht wahr?“

Reginald warf den Kopf zurück.

„Es ist offenbar Ihre Absicht, mich von hier zu vertreiben, denn Sie müssen sich sagen, daß der Ton, in dem Sie von meinem Beruf zu mir sprechen, auf mich ungefähr ebenso wirken muß, als wenn Sie meiner Mutter ins Gesicht schlügen. Der großen und ernsten Sache, um die es sich handelt, geschieht kein Schade damit – die hat wahrlich schon mehr erduldet und steht höher, als daß solche Pfeile einer verbitterten Seele sie erreichen könnten! Sie können also nur mich persönlich beleidigen wollen, und ich habe Ihnen nichts zu leide gethan!“

„Nicht Sie persönlich will ich beleidigen und an der Wiederkehr hindern, sondern den Geistlichen – mit einem solchen mag ich nichts zu schaffen haben!“

„Wohl aber er mit Ihnen! Und so werden Sie auch meine Wiederkehr nicht hindern können; für heute ist es genug. Und Ihr Wunsch?“

Es malte sich etwas wie Ueberraschung und Verlegenheit in [654] Schönfelds Zügen, als der Geistliche auf den Wunsch zurückkam; er that, als wäre ihm die Angelegenheit schon gleichgültig geworden.

„O – es ist – Sie werden sich unendlich verwundern, daß ich gerade einen solchen Wunsch hege – auch fragt es sich sehr, ob Sie, Herr Pfarrer oder der Direktor ihn mir erfüllen wollen. Ich habe nämlich … ich war nämlich … schon als Kind war ich ein leidenschaftlicher Blumenfreund, und in allen Lebenslagen habe ich daran festgehalten; es ist zum Erstaunen, nicht wahr? Wie gut Sie Ihre Gesichtszüge in der Gewalt haben – Sie lachen nicht einmal und sehen auch nicht erzürnt aus. Und es ist doch das Widersinnigste, was man sich denken kann; ein Dieb und Todtschläger, ein Verbreiter gefährlicher Ansichten, ein Verbrecher, dessen sich die civilisirte menschliche Gesellschaft auf gewaltsame Weise entledigen will … und das zarteste, Lieblichste, Unschuldsvollste, was die Natur hervorzubringen imstande ist: die Blume. – Aber ich war ja nicht immer ein Raubmörder; es gab Zeiten in meinem Leben, wo ich geachtet und geehrt dastand und kein Mensch mir meine Blumenliebhaberei beanstandete; wie soll sie nun durch meinen weitern Lebensgang in mir ausgelöscht sein? – Man findet solche wunderliche Neigungen übrigens des öftern: rohe Kriegsmenschen lieben häufig kleine Kinder, schwere Verbrecher schwärmen für Musik – ich bilde keine Ausnahme!“

„Ihr Wunsch soll erfüllt werden!“ sagte Reginald ruhig. „Es fragt sich nur, ob hier“ – er warf einen Blick auf das Zimmer – „Blumen überhaupt gedeihen können!“

„Mein Fenster hat ziemlich lange Morgensonne, und wenn ich einen Stuhl heranschiebe, reiche ich gerade mit ausgestreckter Hand hinauf!“ Schönfeld sagte es eifrig, mit einem überredenden Blick.

„Gut also! Wünschten Sie sonst noch etwas? Vielleicht Bücher?“

Das schneidend sarkastische Lächeln erschien wieder auf dem Gesicht des Gefangenen.

„Sehr verbunden. Die Lektüre, die mich ausschließlich während der letzten Jahre beschäftigt hat, dürften Sie mir schwerlich verschaffen können und wollen: revolutionäre Schriften, lauter Umsturzideen und gefährliche Neuerungen enthaltend, – helles Jakobinerthum! Solche geistige Nahrung kann ich hier nicht gut verlangen, – und den Walter Scott, den ich als junger Mensch sehr liebte, hat der Direktor nicht!“

„Ich besitze ihn und werde Ihnen zunächst ein paar Bände zuschicken. Adieu für heute!“

Reginald machte eine verabschiedende Bewegung und wandte sich zum Gehen. Der Gefangene verneigte sich stumm und gab ihm bis zur Thür das Geleit; während der paar Schritte war es, als ob er noch etwas sagen wollte – ein Entschluß schien in ihm aufzusteigen, aber auch wieder zu erlöschen; er preßte die Lippen übereinander und blieb still. –

Draußen im Flur nahm Remmler den Geistlichen in Empfang und führte ihn über den Hof; der Direktor ließ sich nicht blicken, und Reginald wußte ihm in seiner Seele Dank dafür, daß er sich nicht sofort ausführlich bei ihm erkundigte, wie die Unterredung im Gefängniß verlaufen sei.

[677] Auf der Straße wogte es in fröhlichem Durcheinander; die Sonne war vollends hervorgekommen und lockte die Menschen ins Freie. Linde Aprilluft wehte, der lichtgraue Himmel zeigte große blaue Stellen, und an allen Straßenecken boten arme Kinder ganze Büschel von Schneeglöckchen und Veilchen aus.

In ernsten Gedanken schritt Reginald seines Weges. – So war nun das vielbesprochene erste Begegnen mit dem Raubmörder vorüber, und er hatte seines Amtes mit keinem Wort walten können. Freilich, darauf hatte er gefaßt sein müssen. Würde es ihm aber überhaupt gelingen, diese mit Unglauben und Trotz gepanzerte Seele aufzuthauen, ehe sie an die Schwelle des Jenseits gelangte? Allzuviel Zeit blieb ihm nicht mehr! Den Geistlichen überschauerte es kalt. Rund um ihn soviel keimendes, strotzendes Leben, ein Drängen und Treiben, ungestüm, unaufhaltsam, dem Licht, der Sonne entgegen … und dort sollte ein Menschendasein gewaltsam beseitigt werden, weil es hieß: Du schädigst Deine Menschenbrüder – es ist kein Raum für Dich auf Erden! –

Und es konnte nicht ganz verderbt, nicht ganz entartet sein, dies Dasein! Es hatten gute Keime sicherlich auch in ihm geschlummert und nur das, was die Menschen die „Verhältnisse“, [678] den „Zeitgeist“ nennen, was so angreifbar und doch so mächtig ist, das hatte ihn gepackt und festgehalten, dem hatte er nicht zu widerstehen vermocht. – Sein Kopf war doch nicht klar, seine Bildung nicht reif genug gewesen, das Wahre vom Falschen zu sondern, die schlechte Gesellschaft der wüsten Schreier kam dazu, die da abbrechen, stürzen wollen um jeden Preis, ohne die Mittel zu wissen, wieder aufzubauen, Leute, die unter dem Deckmantel der Aufopferung oft die schnödeste Selbstsucht, die verwerflichste Gier verbergen … und so war es denn um ihn geschehen! –

Etwas im Blick, im Ton dieses Mannes war es, das Reginald Muth machte, obschon er sich keines einzigen einlenkenden Wortes entsinnen konnte. Aber es mußte werden – mußte! Diese Seele – er wollte nicht ermatten, um sie zu ringen, zu kämpfen, wie Jakob einst mit Gott! Wie? Er fühlte so starke Gewalten in seinem Innern, sein ganzes Sein war durchglüht von hoffnungsfreudiger Zuversicht – und es sollte ihm nicht gelingen, diese halbverlorene Seele zu sich hinüberzureißen, zu retten aus dem wüsten Chaos von Hohn und Zweifel zu einem letzten reuigen Aufblick, einem letzten gläubigen Stammeln zu dem allgewaltigen Einen, der Millionen kranken Herzen Heil und Hilfe ist? – „Ist Gott für mich – wer kann wider mich sein?“ Mitten im alltäglichen Menschengetümmel kam das glaubenskräftige Bibelwort über ihn mit stolzer Wonne, und er hob sein Haupt hoch, und seine Augen leuchteten.

So kam es, daß er zwei Damen übersah, die ziemlich dicht an ihm vorüberstreiften, und erst, als er halblaut seinen Namen nennen hörte, wandte er sich rasch um.

Frau Hedwig Weyland war’s, Arm in Arm mit Annie Gerold, die sich freundlich nickend zu ihm, der erschreckt mit gezogenem Hut stehen geblieben war, zurückwandte und ihm lachend die Hand bot.

„Wo waren Sie mit Ihren Gedanken, lieber Herr von Conventius, daß Sie uns beide so ganz und gar übersahen? Sie erinnern sich wohl Fräulein Gerolds von unserer Gesellschaft her?“

O ja – er erinnerte sich! Das schöne und kluge Gesicht, das es ihm, eigentlich auf den ersten Blick, angethan hatte, sah unter dem großen, malerischen Rubenshut mit den nickenden Federn rosig und glücklich in die Welt. Dem jungen Geistlichen schlug plötzlich das Herz bis in den Hals hinauf, als er mit einem Blick die wundervolle Erscheinung umfaßte, die einen vollen Strauß von Schneeglöckchen an der Brust trug – ein Genius des Lenzes!

Frau Weyland schüttelte ihm die Hand – gleich kam auch Annies schmales Händchen zum Vorschein und legte sich zutraulich einen Augenblick in seine Rechte.

„Ich habe meine Strafe schon dahin, daß ich die Damen nicht gesehen habe. Bitte, verzeihen Sie es mir! Gnädiges Fräulein, Sie haben hoffentlich nicht gedacht, ich hätte mein Versprechen, Ihnen einen Besuch abzustatten, vergessen, weil ich bisher nicht kam?“

„Nein, ich dachte es nicht!“ gab Annie freundlich und unbefangen zur Antwort. „Ich wußte ja, Sie hatten Wichtigeres zu thun!“

„Wichtigeres nun schon nicht!“ Halb unbewußt fuhr ihm das Wort heraus – es verwirrte ihn ein wenig … und doch! Aug’ in Auge mit Annie Gerold kam es ihm wirklich so vor, als gäbe es für ihn nichts Wichtigeres als sie in der ganzen weiten Welt!

„Nun, lieber Herr Pfarrer, das will etwas bedeuten bei Ihrer Berufsthätigkeit und den vielen ernsten Pflichten, die eine Amtsübernahme mit sich bringt!“ kam ihm Frau Weyland zuhilfe. „Wäre meine Annie nicht solch’ kluges Persönchen, sie könnte sich viel auf Ihre Aeußerung einbilden. Nun holen Sie nur schleunigst den verabsäumten Besuch nach, sonst machen Ihnen die lustigen Ulanen das Leben gar zu schwer – die haben nämlich Haus Gerold in eine Art Belagerungszustand versetzt. Wie ist es denn, Annie – hat eigentlich auch Delmont bei Euch Besuch gemacht?“

„Nein!“ Annie hatte die Augen gesenkt und zupfte an ihren Schneeglöckchen.

„Nicht? Das ist doch ein wunderlicher Heiliger! Ich denke soeben an ihn, weil wir im Begriff sind, sein neuestes Kunstwerk zu bewundern; wir sind auf dem Wege zum Museum. Begleiten Sie uns dorthin, Herr von Conventius?“

„Es thut mir sehr, sehr leid“ – Reginalds Blick und Miene bewiesen vollauf, wie ihm dies Bedauern von Herzen kam – „aber ich habe einem Herrn vom Kirchenkollegium um diese Zeit meinen Besuch zugesagt!“

Er ertappte sich auf dem unchristlichen Wunsch, der Herr vom Kirchenkollegium möchte im Pfefferland sein. „Vielleicht kann ich noch später hinkommen und die Damen im Museum treffen; ich fürchte aber, es läßt sich nicht thun. Jedenfalls, gnädiges Fräulein, nehme ich mir sehr bald die Ehre, bei Ihnen vorzusprechen!“

„Ja, bitte, kommen Sie, Herr von Conventius – meine Schwester und ich werden uns sehr freuen!“

Annie sagte es beinah’ herzlich und reichte dem Pfarrer von neuem die Hand. Gern hätte sie ihm von dem tiefen und schönen Eindruck gesprochen, den seine Predigt ihr hinterlassen habe – die Straße schien ihr aber ein zu ungeeigneter Ort dazu.

„Adieu, lieber Herr Pfarrer, und es wäre kein Unglück, wenn Sie sich auch bei uns einmal sehen ließen,“ sagte Frau Hedwig mit einem schalkhaften Lächeln. „Robert und ich würden uns gleichfalls sehr freuen!“

„Gewiß, sehr gern, meine gnädige Frau, Sie wissen ja –“

„Natürlich weiß ich, lieber Freund! Am Mittwoch empfangen wir, es ist da meistens ganz zwanglos und gemüthlich; meine junge Freundin hier, die fast immer dabei ist, kann es mir bestätigen – nicht wahr, Annie?“

„Ja, liebste Hedwig! Du und Dein Mann, Ihr habt das Talent, es den Gästen bei Euch so heimisch zu machen, daß man es ganz vergißt, zum Besuch gegangen zu sein!“

„Nun sehen Sie, wie das Mädel zu schmeicheln versteht! Also auf Wiedersehen, Herr von Conventius!“

„Den Mann hat’s!“ dachte die scharfsichtige Frau Weyland ebenso, wie Vetter Fritz von den Ulanen es seinerzeit gethan hatte. Der Ausdruck, wenn er Annie ansah – wenn sie zu ihm sprach! Förmlich verklärt! Ein so guter, edler und kluger Mensch, dabei wunderschön, vermögend und mit einer großartigen Zukunft vor sich! Hm! – –

„Annie!“

„Ja, liebster Schatz!“

„Conventius ist doch ein prächtiger Mensch!“

„Das ist er! Mich hat lange nichts so erhoben und innerlich gefestigt, wie neulich seine Predigt!“

„Der wird noch einmal Hofprediger, verlaß’ Dich darauf!“

„Das glaube ich auch; und, was das beste ist, er wird das nicht seinem alten adligen Namen und seinen hohen Verbindungen verdanken, sondern sich selbst!“

„Und wie schön er ist!“

„Wunderschön ja! Sieh’ einmal, Thea würde mich auslachen, und wer weiß auch, ob sie mich so recht verstände – Dir kann ich’s aber sagen, Du weißt, wie es gemeint ist von mir: diesen Conventius könnte ich liebhaben, so recht treu und freundschaftlich und von Herzensgrund, und könnte ihm vertrauen wie einem ganz alten, erprobten Freund, ja, streng genommen, ich thu’ das alles eigentlich jetzt schon, trotz unserer kurzen Bekanntschaft! Ist es die herrliche Predigt gewesen oder ist es sein Gesichtsausdruck, sein ganzes Wesen: ich könnte ihm ohne weiteres folgen, ihm blindlings glauben und ihm eine große Gewalt über mich einräumen. Was meinst Du – wie kommt das wohl?“

Frau Weyland sah in das offene Gesichtchen, in dem ein redliches Nachsinnen zu lesen war, und sie sagte sich innerlich, daß Reginalds Aussichten, trotz dieser schmeichelhaften Meinung, nicht besonders gut ständen. Ein Mädchen, das einen Mann liebt, auch ihrer selbst unbewußt, äußert sich anders.

„Das ist wohl das Geheimniß, das man Sympathie nennt, Annie! Und dann, es läßt sich nicht leugnen, hat Conventius’ Persönlichkeit entschieden für die meisten Menschen etwas ungemein Gewinnendes und Fesselndes, abgesehen davon, daß die ganze Art, wie er seinen Beruf ergriffen und aufgefaßt hat, unendlich für ihn spricht.“ –

Die beiden Damen waren jetzt in der Nähe des Museums angelangt. – Der großartige, weitläufig angelegte Bau mit seinem von korinthischen Säulen getragenen Portikus und der breiten grauen Marmortreppe zog viele Besucher an – von allen Seiten strömten Menschen herzu; Bekannte blieben stehen und begrüßten einander, lebhaftes Geplauder und Lachen ertönte, dazwischen das Klipp-Klapp der Offizierssäbel, die gegen die Steinstufen anschlugen.

Am Fuß der untersten Treppenstufe lag ein wunderschöner großer Neufundländer, behaglich hingestreckt, mitten im hellen [679] Sonnenschein, und blinzelte mit träger Gleichgültigkeit in das vorüberfluthende Menschengetümmel.

Annie Gerold spürte ein eigenthümliches Zucken durch ihren ganzen Körper. „Ego!“ rief sie halblaut.

Das Thier wandte rasch den Kopf, erhob sich und kam zur Begrüßung herangetrabt, indem es sich gegen Annies Kniee drängte und sich von ihrer Hand streicheln ließ. Seine klugen Augen wanderten zum Museum empor, dann wieder zu der jungen Dame zurück. „Geh’ nur hinauf – Du findest ihn oben!“ schien der ausdrucksvolle Blick zu sagen.

„Woher kennst Du diesen prächtigen Hund, Annie?“ fragte Frau Weyland, indem sie dem Thiere liebkosend über den Kopf fuhr, was Ego sich gnädig gefallen ließ.

„Ja – siehst Du! Das ist eine ganz neue Bekanntschaft von mir! Nicht wahr, er ist schön?“ rief das junge Mädchen, die Antwort umgehend.

Sie stiegen langsam die vielen Stufen hinan.

„Annie,“ flüsterte Frau Hedwig, als sie in den riesengroßen, in zahlreiche Nischen abgetheilten Saal getreten waren. „Augen rechts! Da stehen Deine Verehrer, die Ulanen, mit ein paar jungen Damen; wenn Du ein ganz klein wenig geschickt Dich halten wolltest, dann hättest Du in zwei Minuten Deinen ganzen Hofstaat um Dich herum und könntest hier einhergehen wie eine junge Fürstin mit Gefolge.“

„Ach nein! Um Gotteswillen nicht – komm rasch vorbei!“ stieß Annie etwas ungeduldig heraus – ihr war es gerade um die Ulanen zu thun!

„So – nun wäre die Gefahr vorüber! Aber Kind, warum wolltest Du eigentlich nicht? Zum Beispiel, Conventius ist doch sehr nett!“

„Ja, er ist nett – ein ganz besonderer Günstling von Thea – sie sagt, er wolle nicht mehr bedeuten, als was er wirklich sei: ein flotter, hübscher Offizier von gewisser Geistesschärfe und leidlicher, anspruchsloser Bildung. Aber, Hedwig – mit einem halben Dutzend Ulanen zusammen Bilder ansehen – für einen Menschen, dem es wirklich Ernst mit dem Anschauen und der zudem verpflichtet ist, von allem wirklich Hervorragenden Thea einen vernünftigen Bericht zu liefern! Du weißt es, sie ist nicht ganz leicht zufriedenzustellen, und wenn ich will, daß sie durch meine Augen sieht, muß ich mich gehörig zusammennehmen.“

„Ich gebe Dir ganz recht, Liebchen. Vertiefen wir uns also!“

Dies sollte den Damen nicht ganz leicht gemacht werden; es gab gar zu viele Bekannte zu begrüßen, Hände zu schütteln, Verbeugungen zu machen, Fragen zu beantworten. Aber Annie, die von einer großen innern Unruhe getrieben wurde, eilte rastlos weiter, mit ihren fragenden, ungeduldigen Augen in jede Nische spähend, die Bilder alle überfliegend. Frau Hedwig war in gewisser Weise enttäuscht: sollte dies Umherjagen, dies flüchtige, oberflächliche Anschauen das ernste Studium bedeuten, von dem ihre junge Freundin ihr gesprochen hatte?

„Was suchst Du eigentlich, Annie? Auf diese Weise werden wir gar nichts sehen!“ Es half nicht viel, das Mädchen hielt es keine Minute auf ein und derselben Stelle aus. Frau Weyland hatte den Katalog in der Hand und blätterte nach, wenn sie irgend Zeit dazu fand.

„Welchen Vorwurf hat eigentlich Professor Delmonts Bild?“ fragte sie jetzt. „Ich bin wahrhaftig in den letzten Tagen nicht einmal dazu gekommen, den Katalog vorher durchzusehen, was ich sonst immer zu thun pflege; aber vorgestern war Diner bei meiner Schwägerin, das sich sträflich lange ausdehnte, und gestern hatte, wie Du weißt, mein Helenchen Geburtstag – vormittags feierliche Bescherung, nachmittags Kindergesellschaft; hättest Du mir nicht so liebenswürdig geholfen, zum Tanz zu spielen, wäre ich kaum vom Klavier fortgekommen! – Also, jetzt Delmont! Sehen wir einmal im Verzeichniß nach.“

„Ach nein – bitte – laß!“ wehrte Annie hastig ab. „Ich finde sein Bild ohne das heraus, verlaß Dich darauf. Ich habe mir’s vorgenommen!“

„Soso!“ entgegnete Frau Weyland trocken und ließ sich geduldig weiterziehen.

In einer links gelegenen, ziemlich geräumigen Nische staute sich das Publikum in auffallender Weise; die beiden nähertretenden Freundinnen sahen zuerst gar nichts, soviel Köpfe schoben sich davor. Annie erhob sich auf die Fußspitzen und bog sich seitwärts, dann wandte sie sich mit einem tiefen Athemholen zu Frau Weyland und sagte: „Dort ist es!“

„Wirklich?“ erwiderte diese und sah dem Mädchen in das plötzlich erblaßte Gesicht. „Weißt Du das so genau? Wenn wir nur mehr herankämen! Da wendet sich der dicke alte Herr mit seinen Töchtern eben zum Gehen; jetzt rasch, Annie! Schlüpfe durch – so! Meinst Du das große Gemälde? Laß einmal sehen, richtig: Karl Delmont: ‚Der Engel des Herrn!‘“

Ja – – der Engel des Herrn! Eine lebensgroße, einsame Gestalt, in einem weißen herabfließenden Gewande, scharf sich abhebend von einem duftig verklärten goldigen Licht, das in einem seltsamen Gegensatz zu dem Flammenschwert stand, welches der Engel mit der Rechten gefaßt hielt, wie bereit, es hoch emporzuheben; von ihm ging ein dämonisches Leuchten aus, es war, als zuckte und zitterte ein lebendiger Blitz hin und wider, er warf einen breiten Feuerschein auf das weiße Gewand des Cherubs – es lag eine blendende, unglaublich packende Farbenwirkung in diesem mit förmlicher Leuchtkraft gemalten Flammenschwert.

Viele Beschauer fanden sicher, daß dies, abgesehen von der hohen Kunst, mit der das ganze Bild gemalt war, der einzige Effekt war, den es hervorrief. Denn statt eines zornig majestätischen Halbgottes, der gebieterisch die sündigen Menschen aus dem Paradiese treibt, statt eines strafenden Richterantlitzes sah ein schönes, schwermüthiges Menschengesicht aus dem Rahmen des Bildes heraus. Eine Welt voll Trauer und Erbarmen sprach aus den unergründlichen, blauschwarzen Augen; es war, als umfaßten sie die ganze Menschheit, die nach diesem einen Paar sündigen und büßen sollte; als sähen sie all den unendlichen Jammer und die zahllosen Leiden und Thränen auf Erden und wünschten überzufließen vor schmerzlichem Mitleid. Auch um die Lippen lag ein Zug rührender Trauer, und die linke Hand hing schlaff nieder in einer Gebärde der Hilflosigkeit, die sagen zu wollen schien: „meine Rechte wird sich erheben und ich werde dem Gebot Gottes gehorchen – aber mein Herz zittert und weint um euch – ihr Armen, ihr Armen!“ –

Hinter den beiden Damen wurden bewundernde Ausrufe laut; aus welch verschiedenartigen Menschen auch ein solches Kunstausstellungspublikum zusammengesetzt ist – dem großartigen Eindruck dieses Gemäldes konnte sich kein einziger entziehen. Die geradezu meisterhafte Technik, die hier so ganz in den Dienst der alles beherrschenden Idee gestellt war, die beinahe greifbar zu nennende Gestaltung der Form erfüllte die Kunstkenner und Kritiker mit heller Begeisterung. Die Mehrzahl der Beschauer ließ unbefangen das schöne Ganze auf sich wirken – alle aber kamen darin überein, „man könne stolz darauf sein, den Schöpfer eines so genialen Werkes Mitbürger zu nennen – die Kunst-Akademie werde fortan einen neuen Aufschwung nehmen – und der Ruf und Ruhm, der diesem Künstler vorangegangen sei, habe diesmal nicht übertrieben!“

Frau Hedwig Weyland, durch ihren sehr kunstliebenden und kunstverständigen Gemahl geschult, war Kennerin genug, das Bild nach mehr als einer Richtung zu bewundern, aber sie hatte gar nicht die rechte Ruhe, sich in das tiefsinnige Werk zu versenken; immer wieder irrte ihr Blick von dem Gemälde zu ihrer jungen Freundin ab, die offenbar ganz weltentrückt, ganz hingenommen von einem gewaltigen Eindruck, vor dem „Engel des Herrn“ stand.

„Es ist gar kein Zweifel,“ sagte sich Frau Weyland, „sie liebt diesen Mann!“ Und mit diesem Gedanken legte sich zugleich wie ein Alp die alte böse Ahnung, die sie an jenem Gesellschaftsabend so unablässig verfolgt hatte, ihr auf die Brust und nahm ihr Freude und Genuß an allem, was sich ihr hier Schönes bot. –

Hedwig Weyland war schon als Kind das gewesen, was man eine kleine „Sensitive“ nennt; sie hatte allerlei phantastische und merkwürdige Träume, sie wandelte bei Mondschein mit geschlossenen Augen einher und fühlte sich vom Lichtwechsel stets stark beeinflußt – sie las gern Geschichten, in denen das Uebernatürliche, Unerklärliche eine Rolle spielte, und merkte auf viele Dinge, die alle andern Menschen unbeachtet ließen. Die gesunde Lebensart ihres elterlichen Hauses, sowie eine verständige ärztliche Behandlung bewahrte sie vor Hysterie und schlimmen nervösen Erscheinungen … immer aber, auch nach ihrer Verheirathung mit einem durch und durch praktisch und aufgeklärt gesinnten Mann, haftete ihr ein Hang an, sich grübelnd in Gebiete [682] zu vertiefen, die gleichsam das Zwischenreich bildeten, jenseit des klar ergründenden Verstandes lagen, von den meisten Menschen als „Unsinn“ kurz abgefertigt und verspottet, von andern unklar empfunden, aber nicht offen anerkannt, von einigen wenigen als wichtiger Bestandtheil des Empfindungsdaseins betrachtet wurden. Frau Hedwig hatte ein brennendes Interesse für den Hypnotismus, sie erwies sich bei gelegentlichen Versuchen als ein vortreffliches Medium, und nur der ernste Machtspruch ihres Gatten, der behauptete, sie schade ihrer Gesundheit mit „solchem Zeug“, vermochte es, sie an einer eingehenden Beschäftigung mit dieser plötzlich in die Mode gekommenen Richtung zu verhindern. Robert Weyland behauptete scherzend, wäre er nicht gewesen, dann würde seine Frau längst als Somnambule hochberühmt, vielleicht sogar als staatsgefährlich in sichern Gewahrsam gebracht worden sein … die hübsche, blonde Frau ließ ihn ruhig spötteln und lachen. Es war ihr aber durchaus nicht wohl bei ihrer seltsamen Begabung, und sie hatte mehr als einmal lebhaft gewünscht, keinerlei Ahnungen, Vor- und Anempfindungen und ähnliche Zustände zu kennen, denn sie trübten ihr sonst so glückliches Dasein, umsomehr, als niemand in ihrem ganzen Freundeskreise den wunderlichen Zustand, in welchem sie sich oft halb wachend, halb träumend befand, begreifen konnte, sie daher alle ihre Gefühle und Erfahrungen auf diesem Gebiet streng in sich zu verschließen gewöhnt war. – Mit Annie hatte sie, so hoch sie deren Verstand hielt – vielleicht eben darum – auch nie darüber gesprochen. Annie war so heiter, klug und offenherzig – „klar und durchsichtig wie ein Thautropfen,“ sagte Frau Weyland von ihr – warum sollte sie ihre glückliche Jugend trüben, indem sie ihre Gedanken in einen Kreis lenkte, über dem ein so ungewisses, düsteres Halblicht lagerte? Zudem hatte Annie Gerold eine sehr scharfsinnige Schwester, die derartige Dinge bald durchschaut und sich jede Beeinflussung ihres „Vögelchens“ in diesem Punkt sehr entschieden verbeten haben würde. – Und gerade die schöne, reiche und verwöhnte, die glückliche und begabte Annie, Frau Hedwigs Liebling, war es, die sie jetzt so beunruhigte! Mit einer Bestimmtheit, für die es durchaus keine Handhabe gab, die sich aber um keinen Preis wegstreiten und leugnen ließ, fühlte … nein, wußte die junge Frau, daß ihrer geliebten jungen Freundin ein Unheil nahe, daß der Mann, dem ihr Herz sich widerstandslos ergeben, ihr zum Schicksal – zum traurigen Schicksal! – werden würde, und daß es kein Mittel gäbe, um dies abzuwenden! – Und vermöge dieser verhängnißvollen Feinfühligkeit wußte auch Frau Hedwig, ohne sich umzuwenden, wer plötzlich hinter sie getreten war; es hätte der leisen Bewegung im Publikum, des Flüsterns, Raunens und Auseinandertretens gar nicht bedurft – sie fühlte – er war gekommen!

Professor Delmont trat dicht neben Annie Gerold, und diese schrak heftig zusammen, wendete ihm ihr süßes, blasses, ergriffenes Gesicht zu, und so standen sie beide Auge in Auge, abgesondert, denn die Menge war vor dem Schöpfer des Bildes achtungsvoll zurückgewichen, und der „Engel des Herrn“ sah aus seinen wunderbaren Augen, die alles wissen und alles betrauern, auf sie herab.

Delmont las augenblicklich in Annies Zügen den großen Eindruck, welchen sein Gemälde auf sie hervorgebracht hatte, und ein stolzes Lächeln trat in sein Antlitz, es war kein Dünkel, sondern ein schöner, männlicher Stolz, der ihn gut kleidete.

„Wollen Sie mit mir kommen? Darf ich Ihr Führer sein?“ fragte er mit gedämpfter Stimme, und sie neigte glücklich und befangen ihr schönes Köpfchen; wie damals in der Kirche versank wieder um sie her die ganze Welt, als sie an seiner Seite die Nische verließ. Nach Hedwig Weyland sah sie sich kein einziges Mal um; sie hatte sie vergessen.

Die junge Frau hatte das kommen sehen und seufzte tief auf; viel zu sehr mit Annies Geschick beschäftigt, um sich persönlich gekränkt zu fühlen, sah sie den beiden nach und beschloß, gleich nach Hause zu gehen, da ihr der ganze Genuß an der Gemäldeausstellung verdorben war.

Wie sie sich jetzt dem Ausgang zuwandte, trat ihr Fritz von Conventius, der Ulanenlieutenant, entgegen. Dieser unternehmende junge Herr hatte sich von seinen Kameraden getrennt, um Fräulein Hedwig Rainer, seiner einstigen Tischnachbarin beim Weylandschen Fest, die mit einer gemüthlich aussehenden Mama gerade des Wegs daherkam, ein wenig den Hof zu machen. Das junge Dämchen sah so frisch und niedlich aus, daß es eine Herzensfreude war, sie zu sehen; ein freudiges Roth stieg in ihre Wangen, als sie der Mama den flotten Kavalier vorstellte, und diese, in dem schönen Bewußtsein, daß ihre Hedwig fünfzigtausend Thaler Vermögen habe und nach ihrem Belieben wählen könne, lächelte den hübschen Offizier ganz wohlwollend an und hatte gar nichts dagegen, daß er sich den Damen widmete. Das geschah denn auch eine ganze lange Zeit zu allseitigem Vergnügen, und als Fritz sich endlich von Mutter und Tochter verabschiedete, war ihm der scherzhafte Ausspruch Thekla Gerolds, diese Hedwig Rainer sei die richtige Frau für ihn, schon bedeutend näher gerückt. Annie hatte er von weitem mit Frau Weyland gesehen, wunderbarerweise noch ohne Herrenbegleitung … aber jetzt eben … bog sie dort nicht um eine Ecke und war der hochgewachsene Herr an ihrer Seite nicht dieser Professor Delmont?

Der Ulan strengte seine Augen an, es war doch wohl ein Irrthum, die Entfernung war ziemlich bedeutend! – aber da kam ja Frau Weyland allein ihm entgegen, die würde ihm Aufklärung geben können.

„Meine gnädigste Frau, ich schätze mich glücklich! Darf ich mich nach Ihrem und der werthen Ihrigen Befinden erkundigen?“

„O danke, wir sind alle ganz wohlauf! Sie wollten mich etwas fragen, Herr Lieutenan?“

„Was ich für ein ausdrucksvolles Gesicht haben muß!“ dachte Fritz etwas verdutzt. Laut sagte er:

„Ja – hm – allerdings – Sie waren doch, wenn ich mich nicht irre, in Fräulein Gerolds Gesellschaft, meine Gnädige –“

„Ganz recht! Sie ist mir aber von Herrn Professor Delmont entführt worden!“

„Also doch! Dieser Mensch hat einen verblüffenden Treffer auf sie, und mein armer Reginald – Verzeihung! – ich bin im Begriff, eine ungeheure Dummheit zu sagen.“

„Ach nein, Herr Lieutenant!“ Frau Weyland sah ganz treuherzig zu ihm in die Höhe. „Sie meinen Ihren Vetter, den Pfarrer von Sankt Lukas, nicht wahr? Nun, wir trafen ihn, ehe wir hierhergingen, er konnte uns nicht begleiten, hatte eine Zusammenkunft mit einem Herrn vom Kirchenkollegium –“

„Daß den der Teufel hole!“ brach der heißblütige Lieutenant los. „Verzeihung, gnädige Frau! Aber wenn Sie wüßten – ich habe da so mein stilles Plänchen – Reginald ist ja ein so herrlicher Mensch, nur eben ein wenig weltfremd, versteht nicht, drauf zu laufen … ich hatte mir’s hübsch gedacht, ihm etwas die Wege zu ebnen –“

„Ich auch!“ fiel die junge Frau ein. „Selten hat ein Mann mir mehr Sympathie eingeflößt als Ihr Vetter, und ich denke mir, er wäre imstande, ein großes Glück – Annie zu besitzen halte ich für ein großes Glück! – vollauf zu würdigen. Aber, Herr Lieutenant, auch wenn wir beide in dieser Sache Bundesgenossen würden, es ist schon zu spät!“

„Auch wenn ich einen dritten und sehr wichtigen Genossen dazu werben könnte – Fräulein Thekla Gerold? Stellen Sie sich vor, daß diese geistreiche Dame mich, Fritz Conventius, mit ihrem besondern Wohlwollen beehrt –“

„Ich hörte davon, Sie sind ja nächstens überall der Bevorzugte, bester Herr Lieutenant, auch bei Rainers scheinen Sie eine gute Nummer zu haben. Aber selbst wenn Thekla unsern Plan billigte, sie würde schwerlich die Hand dazu bieten, sie würde hierin ihre jüngere Schwester nicht beeinflussen wollen, selbst wenn sie es könnte. Und Annie wäre in so wichtigen Dingen auch von niemand zu lenken, sie wird, darauf möchte ich schwören, nur ihrem eigenen Herzen folgen – und dies hat bereits gesprochen!“

Fritz von Conventius starrte ganz erschrocken nach der Gegend hin, in welcher Annie mit dem Professor verschwunden war.

„Sie meinen also wirklich?“

„Ja, ich meine wirklich!“ bestätigte sie nachdrücklich.

Das offene Gesicht des Lieutenants nahm einen so bestürzten und traurigen Ausdruck an, daß Hedwig Weyland ihn in ihrem Herzen einen lieben Menschen nannte. Schweigsam und enttäuscht, jeder in tiefen Gedanken, verließen die beiden Bundesgenossen das Ausstellungsgebäude.

Indessen schritt Delmont an Annie Gerolds Seite als „Führer“ dahin. Wie alle Menschen, die von einer Sache viel verstehen und die Schwierigkeit der Erlernung und Ausübung einer Kunst, sofern sie sich überhaupt „erlernen“ läßt, ermessen, urtheilte Delmont sehr milde und einsichtsvoll über seine Berufsgenossen. Die Nichtswisser und die Halbgebildeten, das sind die schlimmsten Tadler; [683] je näher ein Künstler selbst der Vollendung in seinem Schaffen steht, um so nachsichtiger wird er andere beurtheilen, die noch auf den untersten Stufen der Ruhmesleiter sich befinden.

Einige Herren und Damen aus dem Publikum folgten den Zweien in einer geringen Entfernung beharrlich nach, um die Aussprüche des berühmten Malers zu hören und später zu verbreiten; sie wunderten sich, wie vieles er lobte, und zwar nicht etwa in gnädig herablassender Weise, sondern ganz sachlich, oft mit warmem Eifer oder offenbarer Freude. Annie, obgleich künstlerisch nicht unwissend, besaß doch nicht immer einen genügend geübten Scharfblick, um Delmont jedesmal zu verstehen, und sie sprach das stets offenherzig aus. Wenn der Professor vor einem zwei Hände großen Bildchen, das einen schmalen Streifen Wasser, zwei Kühe, ein halbzerfallenes Hüttchen und ein paar windzerzauste Bäume aufwies, in helles Feuer gerieth und es ein Kleinod nannte, so konnte Annie nicht begreifen, was er daran sah, und er mußte ihr deutlich machen, wie köstlich die Luft gemalt, wie schön die Fernsicht, wie fein bemessen die Abstimmung der Farben sei, das fahle Grün der Bäume, das spiegelnde Blaugrau des stehenden Wassers, die buntgefleckten Körper der beiden Kühe. Sah sie seine Belehrung ein, erwachte das Verständniß für dasjenige, was er ihr zu erklären suchte, in ihr, so hatte sie eine kindliche Freude daran, dies zuzugestehen, womöglich selbst neue Reize eines Bildes zu entdecken, von welchem sie vor kurzem erklart hatte: „Das sieht unbedeutend aus, daran finde ich nichts!“ Zuweilen hob sie etwas als schön hervor, was er mit seinen scharfen Maleraugen für das gerade Gegentheil ansah, und sagte er ihr das, dann konnte Annie Gerold lachen, so herzlich, ungezwungen und ansteckend, daß er mit einstimmen mußte. Wie sie ihn umwandelte, wie sie ihn jung machte und glücklich! Von seinem eigenen Gemälde sprachen sie nicht. Es wäre dem Mädchen unpassend erschienen, ihm hier von der Wirkung zu sprechen, die es auf sie hervorgebracht, auch hätte sie diese schwerlich in Worte kleiden können; gerade so, wie sie Reginald von Conventius nicht für die Predigt zu danken vermocht hatte, die doch in ihrem Herzen einen so lauten Widerhall erweckte. Delmont war ganz glücklich, daß ihm Annie nicht mit Schmeicheleien kam, es hätte ihm den vollkommen ausgeglichenen und reizvollen Eindruck ihrer Persönlichkeit getrübt; er hatte nur beim Beginn ihrer gemeinsamen „Kunstreise“ zu ihr gesagt: „Ich kam natürlich nicht in jene Nische, um mein Bild zu sehen und zu hören, was man darüber sagte,“ worauf sie ihn hastig unterbrochen hatte: „Das konnte ich mir denken!“ – „Sondern,“ beendigte er seinen Satz, „weil ich Sie mitten in dem Menschengedränge erkannt hatte und gern mit Ihnen sprechen wollte!“

Ach, Annie Gerold war glücklich, so glücklich! Sie ging wie auf Wolken, sie dachte nicht an Zeit und Stunde, nicht an die Menschen und ihr kleinliches Thun. Wie er sie ansah, wenn er zu ihr sprach, es durchschauerte sie! Sein Blick glitt schmeichelnd und liebkosend über ihr junges Antlitz, und seine gedämpfte Stimme klang so weich. „Ich gehöre Dir, Dir ganz allein! Ich bin nur für Dich da!“ schienen Blick und Stimme zu sagen.

Und als sie dann, leider, leider! doch endlich bemerken mußte, wie der große Saal immer leerer wurde, und mit heimlichem Schreck die späte Stunde feststellte, da hatte er ihre Hand genommen und gefragt, wann er sie besuchen dürfe; es klang sehr bedeutsam, ganz und gar nicht wie eine gewöhnliche Höflichkeitsfrage. Und sie erinnerte sich, daß er ihr erzählt hatte, wie er des Vormittags am besten malen könne, und wie zumal jetzt, in den lichten Frühlingstagen, diese Stunden ihm die liebsten seien; und sie hatte die Zeit zwischen fünf und sechs Uhr des Nachmittags genannt, er hatte zugesagt und seinem Ego gepfiffen, dem klugen, treuen Thier, und dann hatten sie Abschied von einander genommen im hellen, funkelnden Sonnenschein, unter dem klarblauen Lenzhimmel, der sich über ihnen wölbte, weit, weit, unermeßlich wie ein großes, wunderbares, unergründliches Glück.

An all das dachte Annie – traumhaft – herzbefangen – wie sie, leise vor sich hinlächelnd, den Heimweg antrat.

[709]
7.

„Ob ich es ihr sagen soll? Ob ich es ihr nicht sagen muß?“ fragte sich Annie Gerold hochklopfenden Herzens, während sie sich an dem Theetisch zu schaffen machte. Es stand ihr sehr reizend, wie sie, eine zierliche gestickte Schürze vorgebunden, unter dem warmen Licht der großen Hängelampe mit dem silbernen Theekessel hantierte, die Teller mit Butterschnitten und kaltem Fleisch zurechtstellte und das alles mit so ruhiger Anmuth that. „Wie sie ihrer Mutter gleicht!“ dachte Thekla, die mit lässig übereinandergelegten Händen in ihrem weiten Lehnstuhl ruhte. „Die war genau solch entzückendes Hausmütterchen, und wer wollte es meinem Vater verdenken, daß er ganz in Liebe und Bewunderung aufging? – Das thörichte Kind!“ setzten sich Theklas Gedanken fort. „Jetzt hat sie irgend etwas zu berichten, wozu es am Nachmittag vor allen sogenannten Freundschaftsbesuchen nicht gekommen ist, und nun weiß das arme, kleine Geschöpf nicht, wie es das anfangen soll! Das kommt aber davon, daß ich meine Gefühle für das Kind meistens so sorgfältig verberge und immer so kühl und spöttisch mit ihm rede! Und unser Vater hat doch ausdrücklich zu mir wiederholt gesagt: ‚Faß mir das Vögelchen sanft an, – und vor allen Dingen dann, wenn sein Herz erwacht und die Liebe darin einzieht.‘ Aber springe einmal jemand über seinen eigenen Schatten! Ich komme mir so lächerlich vor, wenn ich einmal weich und gefühlvoll bin, ich bin es so an mir gewöhnt, den Verstand reden und das Herz schweigen zu lassen – und doch kann kein Mensch auf der Welt – nein kein einziger! – mein Kind so lieben, wie ich es liebe! Wie soll ich denn jemals weiterleben ohne das Vögelchen? Das wäre ja, als wenn man einem Menschen auf Nimmerwiedersehen die Sonne fortnehmen würde. Aber freilich, freilich – als ob es sich um mich handelte! Mein Kind hat seine erste Liebe gefunden, – – das ist’s! Ob es auch die echte, die wahre sein wird?“

Und Thekla seufzte unwillkürlich tief auf. Sofort war Annie neben ihr.

„Liebe Thea, Dir ist doch nicht schlechter?“

„Im Gegentheil, Liebling! Ich habe heute meinen guten Tag! Heute, siehst Du, könnte ich alles mögliche reden und – – hören!“

„Kluge Thea!“ flüsterte Annie und wandte das Gesicht weg, um dessen Erröthen nicht sehen zu lassen. „Nach dem Abendbrot!“ setzte sie hastig hinzu, da die Thür sich aufthat und Agathe mit einem Servierbrett eintrat.

„Nein, was für ein hübsches Bild!“ rief die alte Frau – Annie hatte sich [710] auf die Seitenlehne des Sessels gesetzt und den Arm um Thekla geschlungen, deren Wange sie an die ihrige drückte. „Wie das reizend aussieht, – unser liebliches Vögelchen“ –

„Neben einer halbverhungerten Maus!“ ergänzte trocken Thekla, welche es liebte, Agathens Ueberschwänglichkeiten in dieser Weise zu beenden.

„Gott soll mich behüten! Was für ein Vergleich ist das? Halbverhungerte Maus! Hat man es je gehört, daß eine Dame sich selbst so nennt?“

„Nun, dann hört man es jetzt!“ meinte Thekla gelassen. „Was tischen Sie denn da für gute Sachen auf, Frau Oberhoftafeldeckerin? Das mit dem Halbverhungertsein war mein heiliger Ernst. Geschwind den Thee her, Vögelchen!“

„Hier, Thea!“

„Fräulein, nehmen Sie diesen Fleischsalat, ich hab’ ihn genau so gemacht, wie Sie ihn gern mögen! Kann ich sonst noch etwas besorgen?“

„Feuer in den Kamin, Agathe, – nicht wahr, Thea? Bitte!“

„Bei diesem Frühlingswetter? Aber mag’s drum sein, die Abende sind noch kühl!“

Das Holz lag schon kunstgerecht aufgeschichtet im Kamin, gleich lohten die Flammen auf und spiegelten sich in dem braunen Eichengetäfel; das schöne, hohe Speisezimmer bot ein Bild des Geschmacks und Behagens.

Wäre Annie noch das kleine Mädchen früherer Tage gewesen, die ältere Schwester hätte ihr zugerufen. „Spiele nicht mit dem Essen, sondern iß auf, was Du auf Deinem Teller hast!“ Nun, das ging jetzt nicht mehr gut an, und Thekla sah still zu, wie Agathens schöne Leckerbissen beinahe unangerührt beiseite geschoben wurden. Dann kam der alte Lamprecht, den Tisch abzuräumen, die Schwestern wechselten em paar freundliche Reden mit ihm, er fuhr Thekla in ihrem Räderstuhl zum Kamin, Annie holte sich ein kleines geschnitztes Bänkchen, setzte sich zu Theklas Füßen, und nun blieben die Schwestern allein. Draußen ging der Frühlingswind über die erwachende Welt und sang den Menschen sein altes, immer neues Auferstehungslied zu – hier drinnen legte ein junges Menschenkind sein Haupt auf die Kniee der Kranken und sagte leise: „Thea – morgen wird er hierherkommen.“

„Wann, mein Kind?“ fragte die andere ebenso leise zurück.

„Zwischen fünf und sechs Uhr, habe ich ihm gesagt.“

„Und meinst Du –“ fing Thekla zögernd an.

„Ach, ich weiß nicht – weiß gar nicht! Er hat nichts Bestimmtes gesagt, aber er sah so ernst und bewegt aus!“

„Ihr habt heute lange zusammen gesprochen in der Gemälde-Ausstellung?“

„Ja, sehr lange – darum kam ich so spät! Ach, und sein Bild! Thea, Thea, daß Du dies Bild nicht sehen kannst!“

„Die jungen Mädchen wollten heute ein paar Mal darauf zu sprechen kommen, aber Du hast es immer zu verhindern gewußt, Kleine – und sehr gewandt, wie ich zugeben muß.“

„Ja – ich konnte es nicht zulassen, daß die darüber urtheilen. Das ist ein Bild, so unbeschreiblich schön – man könnte es vielleicht in Musik setzen, aber niemals schildern.“

In der Stille, die hier eintrat, streichelte Thekla sanft das kastanienbraune Köpfchen, das in ihrem Schoß lag.

„Thea,“ fing die junge, beklommene Stimme wieder an, „mir will es scheinen, als ob Du Dich nicht recht freuen könntest!“

„Das wird kommen, Liebling! Meinst Du, ich sei so herzlos und selbstsüchtig, mich nicht an Deinem Glück mit zu freuen? Aber erst muß es doch da sein – Dein Glück – und ich muß es als solches erkennen! Sieh, mein Herzblatt, dieser Mann ist allen fremd, niemand kennt ihn, niemand kann mir etwas über ihn sagen, und so oft ich mich auch über meines Vögelchens richtigen Blick und treffendes Urtheil gefreut habe … hier bin ich mit Recht ein wenig mißtrauisch, denn ein leidenschaftlich liebendes Mädchenherz kann keine Beweisführung abgeben.“

„Wenn es nicht gerade die beste Beweisführung wäre, daß es eben diesen Einen so leidenschaftlich liebt!“

Solche unwiderlegbaren Aussprüche überraschten Thekla oft bei Annie – gerade so hatte auch Annies Mutter oft gesprochen.

„Und Du wirst – wirst Du – mich auch immer lieb behalten, Thea, wenn es – wenn es – so kommt?“

Es klang sehr bittend und demüthig, und dazu küßte ein bebender Mund Theklas Hand.

„Ich – Dich? O, Du mein Kleines! Wie kannst Du nur fragen? Aber Du, in Deinem neuen, großen Glück –“

„Du weißt, daß ich Dich noch viel, viel lieber dann haben werde, wenn das möglich ist – nicht wahr, Thea, Du weißt es? Nie hab’ ich es verstehen können, wie das Glück engherzig machen kann! Tausendmal besser sein als bisher, und gut und hilfreich und geduldig mit andern, und immer geben, geben von dem eigenen, unerschöpflichen Reichthum – Gott danken und ihn noch viel inniger lieben als bisher, und alle Menschen lieb haben –“

Das Glaubensbekenntniß kam nicht zu Ende. Thekla preßte die junge Schwester an sich und murmelte gerührt:

„Segen über Dein goldenes Herz! Daß er es nur zu würdigen versteht!“

„Ach – würdigen! Er!“ Wieder eine Pause – endlich kam es sehr, sehr schüchtern und zaghaft über Annies Lippen: „Thea – hast Du eigentlich – eigentlich – früher, meine ich –“

„Jemand geliebt?“ vollendete diese ruhig. „Nun, Vögelchen, darüber hast Du Dir gewiß schon oft den Kopf zerbrochen?“

Es kam keine Antwort.

„Und mit Dir viele, die hier ein- und ausgehen,“ fuhr Thekla, allmählich in ihre gewohnte Redeweise übergehend, fort, „junge, naseweise Mädchen und würdige Mütter und reifere Damen – den Männern wird es herzlich gleichgültig sein. Aber die Weiber! Die alte Thekla Gerold – der Krüppel – das häßliche, kranke Geschöpf – die gelehrte alte Jungfer – ob die wohl jemals geliebt haben kann? Unmöglich! Sie, die sich so groß thut mit ihrer Klugheit, mußte doch so genau, wie zweimal zwei vier ist, wissen, daß das nie im Leben erwidert werden konnte, und wenn ihr der eigene Vater hundertmal aus Mitleid weisgemacht hat, sie sei ganz etwas Besonderes –“

„O nein, Thea! Liebe Thea! Nicht so! Ich bitte Dich!“

„Nein, nein, Vögelchen, ich will Dir nicht wehthun! Also ernsthaft denn! Ja, trotz dieser sogenannten Klugheit, Geistesschulung, Selbsterkenntniß – ist es mir gegangen wie andern auch, es hat mir das alles nichts geholfen. Das war zu der Zeit, als Deine Mutter zu uns ins Haus kam, begleitet von einer ganzen Schar von Hausfreunden, ehemaligen Verehrern, Vettern – was weiß ich! Und unter ihnen war einer, der that es mir an – Du wirst vielleicht denken, ein ernster, gelehrter Herr, mit allen Schätzen des Wissens ausgerüstet … nichts von alledem! Ein junger, heiterer, frischer Offizier – weißt Du, wer ihm ein wenig ähnlich sieht? Der Ulanenlieutenant von Conventius! – Es war damals soviel Liebe um mich her – wohin ich nur sah. Unser Vater war vollständig verwandelt, das Glück leuchtete ihm aus den Augen, lachte ihm von den Lippen, klang ihm aus der Stimme – und sie, unser Sonnenstrahl – nun, wer selbst einer ist wie Du, kann wohl nicht ganz den Zauber begreifen, der von einem solchen Wesen ausgeht; sie, Deine schöne, junge Mutter, liebte unsern Vater gleichfalls mit der ganzen Kraft ihrer frischen, ungebrochenen Seele … Wohin ich nur blickte, sah ich Liebe, Glück und Hingebung, und ich war damals selbst noch jung und merkte eigentlich zum ersten Male, daß ich auch ein Herz besaß, nicht bloß das bißchen Verstand, wovon alle Welt soviel Aufhebens machte, weil die Menschen wohl sahen, daß ich sonst nichts anderes hatte, womit ich Staat machen konnte, sondern einzig und allein auf die Wissenschaften angewiesen war. Jener junge Offizier war ein entfernter Vetter Ellinors, Deiner Mutter, und auch ein ehemaliger Freier von ihr – sie hatte alle andern abgewiesen, weil sie nun einmal keinen andern wollte als unsern Vater. Nun, der Vetter Lieutenant ging nicht zu Grunde an dem Korb, den sie ihm gab, er gewöhnte sich ganz tapfer daran, sie als eine glückselige junge Frau an der Seite ihres Mannes zu sehen, er kam oft und immer öfter in unser Haus, ein gerngesehener Gast bei uns allen – am meisten bei mir! Ich nahm mich wacker zusammen, sagte mir’s immer wieder vor, daß seine unbefangene Freundlichkeit mir gegenüber nichts anderes sei als die schuldige Höflichkeit eines wohlerzogenen Menschen gegen die Tochter des Hauses, in dem er soviel Gastfreundlichkeit genoß – ich sagte mir ferner, daß ich, ein krankes, halb verkrüppeltes Geschöpf, niemals im Leben auf Liebe und Glück Anspruch zu erheben habe, ganz von der Idee zu schweigen, die Gattin eines hübschen jungen Offiziers zu werden … liebste Annie, es half mir alles nichts! – Ich hörte unter allen seinen Schritt heraus, wenn er draußen auf der Treppe klang, der Ton [711] seiner Stimme ließ mein Herz bis zum Ersticken schlagen, und wenn er sich über meinen Sessel neigte, meine kalte Hand herzlich in seine beiden warmen, kraftvollen Hände nahm und mich mit seinen übermüthigen Augen anblitzte; wenn er sein helles, frohes Lachen erschallen ließ, dann war es mir, als ob Jugend und volles, frisches Leben und Gesundheit um mich und in mir wäre – ich vergaß mein ganzes Leiden, all meine Entsagungsgedanken und vernünftigen Vorsätze – ich fühlte mich wohl und glücklich! Er hieß mit seinem Taufnamen Max und gewöhnte sich im Lauf der Zeit daran, mich scherzend ‚seine Thekla‘ zu nennen. Ein Buch, es waren Heines Gedichte, als Einlösung einer verlorenen Wette, das auf dem Titelblatt die Inschrift zeigte: ‚Max seiner Thekla‘ – besitze ich heute noch.

Es sollte aber nicht immer so schön bleiben, vor allen Dingen nicht so harmlos. Meine Leidenschaft wuchs, ich war namenlos unglücklich an den Tagen, da ich ihn nicht sah, und war er da, dann quälte mich sein Blick, seine Stimme. Ich aß nicht und schlief nicht mehr, meine Stimmung wurde ungleich, das Leben war mir eine Last, meine glückliche und harmonische Umgebung wurde zur Folter für mich. Ein paar Mal nahm ich mir vor, den Vater zu bitten: Sage Max, er soll uns nicht mehr besuchen – ich ertrage es nicht! Aber das vermochte ich doch wieder nicht. Das sind Dinge, die man wohl mit einer Mutter besprechen kann … mit einem Vater, und wäre er noch so gütig, nie! Ach, und ich hatte keine Mutter, denn das schöne, jugendstrahlende Wesen an meines Vaters Seite kam mir mehr wie mein Kind vor! –

Dann kam eine Zeit, da blieb er fern – Du wurdest geboren! Ich faßte eine große, zärtliche Liebe für Dich – aber Du hattest ja eine Mutter, die Dich anbetete, einen Vater, der glückselig über Dich war … Ihr drei waret Euch genug – ich kam mir überflüssig, ausgestoßen vor, und mein Herz schrie laut nach Liebe, nach Glück, ohne daß ein Mensch es ahnte, denn sie waren alle gut und rücksichtsvoll gegen mich. – Auch er kam nun wieder oft ins Haus, ich strebte aus aller Kraft, mich zu beherrschen, ich wollte und mußte stark sein – ich wollte es, mit Aufbietung meines ganzen Willens! Das aber machte mich ganz krank – viel konnte ich ohnehin nicht vertragen, und wenn der Körper hinfällig ist und die Seele ihm nicht helfen kann, dann ist es traurig um so ein armes Menschenkind bestellt. – Deine Mutter mag vielleicht geahnt haben, wie es um mich stand, ihre schönen Augen ruhten zuweilen mit einem so eigenen, fragend weichen Ausdruck auf mir, sie war sehr, sehr gütig gegen mich, beschenkte mich mit Büchern, Blumen, Kunstwerken, lauschte mir jeden Wunsch ab und behandelte mich mit einer Rücksicht und Zartheit, die mich tief rührte … aber freilich, ich hätte zuerst sprechen, sie in mein Vertrauen ziehen müssen, da sie viel zu feinfühlend war, um zu fragen; aber darüber reden – das konnte ich nicht! –

Und mitten in all diese Grübeleien, diese inneren Kämpfe fiel der jähe Wetterschlag, der das strahlende Glück um mich her, das ich so schwer in meiner Verbitterung empfunden hatte, auf immer vernichten sollte – – unser Sonnenstrahl erlosch. Jetzt hatte ich wahrlich keine Zeit, an meinen Herzenskummer zu denken; es galt, einen geliebten Vater vor Verzweiflung zu bewahren, ein mutterloses Kind zu pflegen, und ich that beides, so gut ich’s konnte. Inzwischen war das Regiment, bei welchem Max stand, nach einer weit entfernten Garnison verlegt, und ich empfand diese Trennung als etwas, das ganz selbstverständlich mit zu dem großen, tiefen Schmerz, den ich jetzt durchleben mußte, gehörte. – ‚Auch das noch!‘ sagte es in mir, als er wie ein guter, treuer Freund von mir Abschied nahm und meine Rechte zum letzten Mal mit seinen Händen umschloß.

Ich war nun allein – aber ich hatte Pflichten, ich fühlte mich nicht länger überzählig, im Gegentheil, ich wußte, daß ich unentbehrlich war. Mein Vater brauchte mich und auch das kleine, kleine Vögelchen, das da, froh und ahnungslos wie ein solches, Hilfe und Sorgfalt und – Liebe von mir forderte. Freilich wollte es noch manchmal bitter in mir aufwallen, wenn ich die überströmende Zärtlichkeit gewahrte, die mein Vater gegen seine Kleine an den Tag legte. Mich hatte er sorgsam überwacht, gepflegt, geduldig gewartet – aber zärtlich war er, so weit ich auch zurückdachte, nie mit mir gewesen. Er hatte in mir, als ich noch ein halbes Kind war, einen Kameraden gesehen, seinen Amanuensis, oft hatte er mit Bewunderung von meinem ‚starken Geist‘ gesprochen, und dies alles erfüllte mich mit Stolz und Freude. Jetzt aber, doppelt vereinsamt in meinem Herzen, wünschte ich mir keine verständige Anerkennung, keinen ruhig freundschaftlichen Ton, mich verlangte nach einem warmen, lebendig überwallenden Gefühl … dies aber gab unser Vater ganz Dir, seinem Herzenskinde!

Als uns nach einigen Jahren Max seine Verlobung anzeigte, spürte ich noch etwas wie einen dumpfen Schmerz – aber jedes Feuer lischt aus, wenn es ohne Nahrung bleibt – und so ist es mir auch ergangen! – Nun, nun, mein Herzenskind, was giebt es denn da so bitterlich zu weinen? Thut’s Dir so leid um meine alten, vergangenen Schmerzen? Das liegt ja nun weit, weit hinter mir, ist längst überwunden, und ich blicke so ruhig auf alles zurück, als hätte es statt meiner ein ganz anderes Wesen erlebt!“

„Ich glaube Dir’s, gewiß, Thea, es ist alles schon so lange vorbei!“ sagte Annie mühsam aus ihren Thränen heraus. „Aber sieh – es ist doch das schönste, tiefste Gefühl, das man haben kann, ein Glück, so unendlich groß wie gar nicht von dieser Erde, wenn man fühlt, daß man liebt und wieder geliebt wird! Und daß Du das nie so recht erlebt hast und es Dir so wünschen mußtest, ohne es je erfüllt zu sehen – Du – mit Deinem reichen, großen Herzen, wenn Du es auch noch so sorgsam vor andern verstecken möchtest – das – das –“

„Sei vernünftig, Liebchen, hör’ auf zu weinen! Du hast ein weiches, liebevolles Gemüth, aber nimm Dir das, was ich Dir eben erzählt habe, nicht so zu Herzen. Wer weiß, wenn ich nun ein hübsches, gesundes junges Mädchen gewesen wäre – ob ich mit meinem Auserkorenen hätte glücklich sein können! Ich bin immer eine anspruchsvolle Natur gewesen, veilchensanfte Bescheidenheit kann mir keiner nachrühmen, eine gefügige Ehefrau wäre ich schwerlich geworden.“

Es war Theklas alter sarkastischer Ton, in dem sie jetzt redete – sie wollte Annies Aufregung dadurch dämpfen.

„Und Du wirst nie mehr sagen – vor allem aber auch nie mehr denken – daß ich anders werden, Dich weniger lieben könnte als bisher?“

Annie hob ihr heißes, verweintes Gesichtchen aus Theklas Schoß empor und sah sie zärtlich bittend an.

„Nein doch! Nein, Du kleiner, gefühlvoller Narr! Wie sollt’ ich denn! Wenn zwei sich soviel Jahre hindurch geliebt und so miteinander gelebt haben wie wir, da kann es kein Aufhören geben!“

„Und wenn ich auch lange nicht so klug bin wie Du, so hast Du mich doch nicht umsonst unterrichtet und erzogen und soviel mit mir gelesen und geredet – weißt Du, das eine ernste, schöne Jahr nach unseres Vaters Tode? Etwas von dem Geist der gelehrten Thekla Gerold ist auch auf die unbedeutende Annie übergegangen.“

„Dummes Geschwätz! Was nicht in einem Menschen steckt, das kann kein anderer aus ihm hervorzaubern – es steckte schon recht viel in Ellinor, und dies mütterliche Theil, wie noch manches nicht zu verachtende weitere, ist auch in Dir zu finden. Basta! Ich fange wahrhaftig noch an, meinem Kinde Schmeicheleien zu sagen – da hört denn doch die Weltgeschichte auf! Genug der Sentimentalität! Sag’ mir lieber, ob Du noch der Meinung bist, Dein Zukünftiger werde mir mißfallen – und weshalb!“

„Ja – weshalb? Wenn ich Dir das nur so recht sagen könnte!“ Annie war von den Knieen aufgestanden und blickte nachsinnend vor sich hin. „Sieh, Thea, Dein Geschmack, das ist nun zum Beispiel Fritz von Conventius! Ja aber mit dem, so nett und hübsch er ist, könnte ich hundert Jahre in einem Vogelbauer zusammensitzen, ohne daß mein Herz einen einzigen rascheren Schlag thäte, während bei ihm – er – ich – ach, ich kann ihn nicht beschreiben! Du wirst ihn ja sehen!“

Und sie bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen und lief halb lachend, halb weinend zur Thür hinaus. – – –


*      *      *


Zu derselben Stunde saß der Ulanenlieutenant von Conventius in seinem bequemen Hausrock an seinem Schreibtisch, auf welchem eine helle Lampe brannte, und arbeitete. Allerlei Karten, Pläne, Zeichnungen, Bücher, kurz, das ganze Material der Kriegswissenschaft lag aufgehäuft um ihn herum, der junge Mann dampfte heftig aus einer türkischen Cigarette, und Julchen lag, halb [712] träumend, halb wachend, auf einem zerzausten schwarzen Fell zwischen den Füßen ihres Herrn.

„Hm!“ brummte dieser zwischen den Zähnen. „Die verwünschten Berechnungen bringen einen um das letzte Restchen von Verstand. ‚Mathematik – schwach‘, kann ich von mir sagen. Warum war ich auch in der Schule nicht fleißiger? Der alte Professor sagte oft genug: ‚Conventius, bei Ihrer Begabung müßten Sie bedeutend mehr leisten.‘ – Er hatte recht, aber diese Reue kommt jetzt jedenfalls zu spät! – Halt’ Dein Maul!“

Diese letzte, wenig höfliche Anrede galt Julchen, die ein jämmerliches lautes Gähnen ausgestoßen hatte; sie legte beschämt den Kopf zwischen die Vorderpfoten und wedelte bittend mit dem Schwanz.

„Nun? Was ist los?“

Der Bursche steckte seinen Kopf zur Thür herein.

„Herr Pfarrer von Conventius lassen anfragen, ob es dem Herrn Lieutenant genehm wäre, ihn zu empfangen.“

„Natürlich ist mir’s genehm. Immer herein, Regi! So – da setz’ Dich. Du kommst mir gerade recht, ich war eben im Begriff, mich ganz dumm zu studieren!“

„Aber, lieber Fritz, wie Du es in dieser Luft überhaupt aushalten kannst –“ der Pfarrer räusperte sich und ließ sich kopfschüttelnd in einen Lehnstuhl neben dem Schreibtisch sinken.

„Wollen wir ins andere Zimmer gehen? Mir ist’s hier freilich ganz behaglich und ich kann auch nur ordentlich arbeiten, wenn ich rauche. Ohne Cigaretten wäre ich schon rettungslos verdummt!“

„Nein, nein – bleiben wir doch hier!“ wehrte der Pfarrer hastig. „Ich habe ja ganz gesunde Lungen. Also – Fritz …“

„Herrgott, Kerlchen, Du siehst ja so feierlich aus!“

„Es ist mir auch feierlich zu Muthe, Fritz!“

„Na, denn … heraus damit!“ Der Ulan schlug dem vor ihm Sitzenden gemüthlich aufs Knie, um ihn aufzumuntern.

„Zunächst möchte ich Dich etwas fragen – etwas sehr Ernstes: hast Du – interessirst Du Dich – mit einem Wort: liebst Du Annie Gerold?“

Der Lieutenant schob seinen Stuhl zurück und sah den Vetter verdutzt an; er konnte auf diese Frage vorbereitet gewesen sein, sie kam ihm aber doch „etwas plötzlich!“

„Wer? Ich?“ fragte er rasch dagegen. „Hast Du denn etwas – etwas derartiges bei mir wahrgenommen?“

„Nun,“ sagte der Geistliche ein wenig gepreßt, „Du warst von jeher ein Bewunderer weiblicher Schönheit und hast nie ein Hehl daraus gemacht. Fräulein Gerold aber ist ein sehr schönes junges Mädchen, und wie Du bei Weylands den Cotillon mit ihr tanztest – da, Fritz – ja, da sprachen Deine Augen doch recht deutlich!“

„So? Also das thaten sie?“ Der Ulan rieb sich nachdenklich mit der Hand das Kinn, die Cigarette war ihm ausgegangen, er achtete nicht darauf. „Ja, sieh einmal, lieber Freund und Vetter, das ist diesen meinen Augen schon, wie Du richtig bemerktest, recht oft passirt, und wird ihnen passiren, solange es hübsche Mädchen auf der Welt giebt. Weiß der“ – hier verschluckte der Lieutenant, bildlich gesprochen, den Teufel und setzte, aus Rücksicht auf seinen geistlichen Vetter, den Kuckuck an dessen Stelle! – „weiß der Kuckuck, es muß mir von meinem seligen Papa her im Blut stecken – ich kann gar nicht anders! Heillos brennbarer Stoff! Immer gleich Feuer und Flamme! So, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch hier! Aber wohlgemerkt, Regi – das ist gewesen! Reinweg aus und vorbei! Ich stehe nicht an, zu bekräftigen, daß Fräulein Gerold wirklich ein wunderschönes Mädchen ist – aber ich schwärme sie so platonisch an wie etwa die Venus von Milo und werfe meine unverbesserlichen Augen auf ein Objekt oder vielmehr Subjekt, das mir nicht ganz so unerreichbar sein dürfte!“

„Und inwiefern wäre Fräulein Gerold unerreichbar für Dich?“

„Erlaube ’mal, mein Sohn! Die Fama wird es Dir, ebensogut wie mir, zugetragen haben, daß besagte Dame, reich und schön wie sie ist, ziemlich hohe Ansprüche stellt und erwiesenermaßen eine ganz hübsche Anzahl ansehnlicher Freier heimgeschickt hat, darunter ein paar sehr nette Kameraden von den Dragonern. Was denen geschehen ist, könnte sich bei mir wiederholen, und ein Korb ist eine unangenehme Sache, mit der Dein Vetter nichts zu thun haben möchte. Meinen Soldatenstand in allen Ehren, – aber, obgleich fast alle Kameraden darauf schwören, jedes Mädchen nähme einen Lieutenant am liebsten, – manche wollen merkwürdigerweise doch etwas anderes haben, und dies junge Fräulein mit ihrer eigenen Vornehmheit und ihrer sorgfältigen Erziehung schon ganz sicher. Wozu soll ich mir nun mein angenehmes Selbstgefühl trüben lassen? Ich bin mehrfach da im Hause gewesen und habe die schönen Augen der jungen Dame so unbefangen und standhaft freundlich auf mich gerichtet gesehen, daß ich ein Esel wäre, leidenschaftliche Gefühle für mich in ihr zu vermuthen; somit spiele ich mich mit Erfolg auf den ergebenen Freund auf, und es würde mir sehr lieb sein, wenn ich als solcher eine wirkliche Rolle von ihr zuertheilt bekäme!“

„Eine Rolle? Inwiefern das?“

„Aber, mein guter Regi, wie kommst Du mir denn vor? Spielen wir doch mit offenen Karten! Nachdem Du meine Gefühle sondirt hast – gieb zu, daß ich es Dir kinderleicht machte! – kommst Du an die Reihe, denn Du bist doch nur deshalb zu mir herabgestiegen, um mir eine Beichte abzulegen – wie?“

„Ja denn!“ In das edle Gesicht stieg eine leichte Röthe, und die Augen bekamen ihren schwärmerischen Glanz. „Ich kam, um Dir zu sagen, daß ich Fräulein Gerold – daß ich mich um sie bewerben möchte – daß sie schon beim ersten Sehen einen ganz ungewöhnlich tiefen Eindruck auf mich hervorgebracht hat und daß ich damals schon daran dachte, sie mir für das Leben zu gewinnen. Seitdem habe ich immer an sie denken müssen, trotz aller wichtigen Berufsarbeit – ich – das kann ich Dir nicht so sagen, Fritz – ich denke aber, mein ganzes Leben würde arm und lichtlos sein, wenn sie nicht darin wäre – und wiederum, mein ganzes Leben würde nicht ausreichen, ihr Dank und Liebe und grenzenlose Hingebung zu beweisen, wenn sie mich mit ihrer Neigung beglücken wollte. Ich traf sie heute, wir sprachen miteinander, und ich sagte ihr meinen Besuch für die nächste Zeit zu. Sieh, Fritz, Du gehst dort im Hause schon ein und aus und bist so gewandt und viel weltklüger als ich, der ich zum ersten und sicher auch zum einzigen Mal in meinem Leben – – der ich in solchen Angelegenheiten ganz unerfahren bin! Was räthst Du mir nun, zu thun?“

Der junge Offizier sah ganz ungewöhnlich ernst aus, als er seinem Vetter jetzt nachdrücklich die Hand auf die Schulter legte.

„Hinzugehen – sobald als möglich! – und ihr Deine Liebe zu gestehen – gleichfalls sobald als möglich! Schade, daß es nicht noch heute sein kann!“

Reginald sah etwas beunruhigt aus.

„Du betonst das so seltsam – Du meinst, es hätte solche Eile damit?“

„Das meine ich in der That! Man muß das Schicksal bei der Stirnlocke fassen – das ist meine Losung!“

„Und Du hast diesmal noch einen ganz besonders triftigen Grund dafür?“

Fritz zögerte, ein wenig, dann sprach er ein entschlossenes „Ja!“

„Du brauchst darum noch lange nicht die Segel zu streichen – im Gegentheil! Ein Mensch wie Du kann es mit jedem Nebenbuhler aufnehmen – mit jedem! Aber absichtlich dem – dem – andern allerlei Vortheile und Vorsprünge lassen … wer wird das wollen? Es ist da so ein fataler Mensch um Deine Angebetete herum – ich muß einschalten, daß ich sie mit Entzücken Cousine nennen und als solche behandeln würde! – ein gewisser Professor Delmont – Du nickst bestätigend mit dem Kopf, er ist Dir also auch schon aufgefallen.“

„Gewiß! Und scheint mir sehr gefährlich!“

„Lange nicht so schön wie Du – mach’ nicht abwehrende Gesten, Du bist schön, und damit Punktum! Aber – leugnen kann ich es darum nicht: dieser Delmont hat verteufelte Vortheile! Der Mensch hat ein so unglaublich anziehendes Gesicht, solch seltsam tragische Augen – gescheit ist er sicher auch – hat einen großen Ruf als berühmter Künstler – bedeutendes Vermögen – fällt freilich hier nicht sonderlich in die Wagschale – und nun noch das Bild auf der Ausstellung …“

„Ich war noch nicht dort, habe es noch nicht gesehen!“

„Ah, ich sage Dir, einfach großartig! ‚Der Engel des Herrn‘ nennt sich das Werk – sonst nicht gerade mein Geschmack, aber das – ich kann nur sagen: Geh’ hin und sieh! Fräulein Gerold war da und hat gesehen … undzwar mit ihm zusammen, der beinahe zwei Stunden hindurch nicht von ihrer Seite wich! Also noch einmal: was Du thun willst, das thue bald, sobald als möglich!“

Conventius stand hastig auf.

[714] „Ich will Deinen Rath befolgen, Fritz! Gleich morgen will ich hingehen!“

„Du wirst sehr wohl daran thun! Setz’ nur voll ein mit Deiner ganzen Persönlichkeit – die Sache will’s!“

„Du hast recht, und ich danke Dir! Guten Abend!“

Die Vettern drückten einander mit einem bedeutungsvollen Blick fest die Hände. Unter der Thür stieß der Pfarrer auf die Hünengestalt des Rittmeisters Thor von Hammerstein, der mit einer Entschuldigung zurückprallte.

Der Ulanenlieutenant war aufgestanden, zog den neuen Gast ohne weiteres über die Schwelle und rief dem Davongehenden ein frisches: „Glückzu!“ nach.

„Warum wünschtest Du Deinem Vetter Glück?“ fragte Thor, während er gemächlich seinen Säbel loskoppelte.

Fritz faßte ihn bei den Schultern und starrte ihm mit vielem Ernst ins Gesicht.

„Dich nannt’ ich thör’ger Reiner.
 ‚Fal Parsi, –‘
Dich, reinen Thoren, ‚Parsifal!‘
 So rief, da er –“

„Wenn Du doch einmal Deinen Unsinn lassen möchtest!“ knurrte der andere mürrisch und machte sich los. „Ich meine nur, dieser Vetter ist ohnehin ein Glückspilz: schön, reich, von gutem Namen, ausgezeichnete Carrière vor sich – was soll man dem noch wünschen?“

„Nun – so beiläufig etwa! – eine passende Frau!“

„Frau! Das ist’s! Eben darum komme ich –“

„Wegen Reginalds zukünftiger Frau?“

„Narrheit! ’s handelt sich nicht um ihn! Ich – hast Du etwas Trinkbares?“

„Alten Sherry.“

„Meinetwegen! Gieb ihn her! Du nicht? Na – also –“ Thor goß sich sein Glas voll, trank es auf einen Zug leer und füllte es bedächtig von neuem. „Du bist ja da im Hause so rasch Liebkind geworden, bist auch ein netter Kerl, – also – hast Du etwa ernste Absichten?“

„Merkwürdig, wie sich heute die Menschen um meine Herzens-Angelegenheiten bemühen,“ dachte Fritz von Conventius; laut fragte er: „Absichten? Auf wen überhaupt?“

„Stell’ Dich nicht dumm an, – Du weißt ganz gut, wen ich meine,“ – Thor zeigte mit dem Daumen rückwärts über seine Schulter, als stände die betreffende Persönlichkeit hinter ihm – „Du weißt es ebenso bestimmt wie ich, daß ich Fräulein Gerold im Sinne habe!“

„Die ältere Schwester oder die jüngere?“

„Aber zum Donnerwetter!“ brach Thor los. „Kannst Du denn nicht vernünftig reden? Ich will wissen, ob Du da Dein Glück versuchen willst – auf eigene Hand?“

„Und wenn ich nun wollte?“

„Dann wär’s natürlich für mich aus – Du hättest mehr Aussicht, – bist von anderem Kaliber als ich, – gefällst den Weibern besser –“

„Na, Thor, lassen wir das! Wenn’s Dich trösten kann: ich will für eigene Rechnung dort nichts haben – Du brauchst mir darum noch nicht die Hand aus dem Gelenk zu reißen – aber, alter Kerl, ob’s Dir darum dort glückt ...“

„Du meinst, sie ist zu klug für mich, – übersieht mich, – was? Daran ist diese verrückte alte Schwester mit ihrem Gelehrtenkram schuld –“

„Erlaube ’mal, Parsifal, – die Schwester ist wirklich nichts weniger als verrückt!“

„Dann ist sie verdreht, das ist so ziemlich dasselbe! Könnte sie dies schöne Mädel nicht in Ruhe lassen? Muß sie sie mit Gewalt geistreich machen?“

„Geistreich machen läßt sich kein Mensch, mein Alter! Wenn das so ginge, – da möchte mancher kommen!“

„Na, ich meine all das Zeug von Philosophie und Kunstgeschichte und Naturwissenschaft, – ein Mädel, wie das eins ist, braucht das im Leben nicht, – das ist für die häßlichen, sitzengebliebenen –“

„Alte Litanei!“ unterbrach ihn der Lieutenant ungeduldig. „Das kennen wir schon! Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach schadet es einer schönen Frau eigentlich nicht, wenn sie nebenbei auch noch klug ist und einen gebildeten Geist besitzt! Aber das alles beiseite, – nicht um mich handelt es sich hier, – und – und ich fürchte, es wird sich auch nicht um Dich handeln –“

„Warum nicht?“ Thor strich herausfordernd den rothen Schnurrbart. „Wenn man auch kein Adonis ist, – ein Ulanenrittmeister mit Vermögen und von altem Adel ist am Ende kein Pappenstiel –“

„Gewiß nicht – aber solch’ ein Mädchenherz trifft zuweilen eine absonderliche Wahl! Da ist ein gewisser Professor Delmont, – ein Maler –“

„Ach, – der!“ Thor erhob sich und stieß mit einer gleichgültigen Gebärde seinen Stuhl zurück. „Solch ein Farbenreiber, – mit dem hat’s keine Gefahr, – da kann unsereiner es getrost drauf ankommen lassen! Hat er nicht ein Bild ausgestellt, – was war’s doch gleich?“

„‚Der Engel des Herrn‘ – vom Wiener Kunstverein für fünfzigtausend österreichische Gulden angekauft, – der Mann hat ein schönes Vermögen erworben und eine jährliche Durchschnitts-Einnahme von etwa dreißigtausend Mark!“

„Alle Wetter! Aber meinst Du denn, daß das bei einem Mädchen wie dies so schwer ins Gewicht fallen dürfte?“

„Wenn dies Mädchen die heute übliche windige Töchtererziehung erhalten hätte, dann dürfte ihr dieser Umstand von ungeheurer Wichtigkeit sein. Dank der Leitung einer Thekla Gerold aber, die ihrer Schwester etwas weitere Ziele und Gesichtspunkte gesteckt hat –“

„Aha, das soll auf mich gehen!“ murrte der Rittmeister. „Der Hieb sitzt! Lassen wir ihn sitzen, und hören wir weiter! Die junge Dame ist selbst sehr vermögend, – reich sogar, – was wird ihr denn da so ungeheuer imponieren?“

„Vielleicht der Mann selbst und sein Genie!“

„Hm!“ Thor drehte sich schwerfällig herum und langte nach seinem Säbel. „Und was räthst Du mir nun?“

„Geh’ hin, Bethörter, suche Dein Heil!“ sagte der Lieutenant pathetisch. „Und, was Du thun willst, thue bald! Und noch eins: mach’ Dich lieber zum voraus so auf – – auf dies und jenes gefaßt. Bei solchen Angelegenheiten ist’s allemal gut, gesattelt zu sein! Man kann doch nie wissen! Das Leben wird’s Dich gerade nicht kosten, wenn sie Dich ausschlägt, – hm?“

„Allzuviel Muth machst Du mir nicht, das muß wahr sein! Und ich hatte gedacht, … na, … einerlei, was ich gedacht hatte! – Adieu auch!“

Der lange Rittmeister klirrte zur Thür hinaus. Den jungen Lieutenant mußten die zwei Beichten erstaunlich angegriffen haben; er setzte sich wie ein schwermüder Mann vor seinen Arbeitstisch und sprach leise vor sich hin:

„Guter Kerl, der Thor, – aber ein Tapir! Auch einer von denen, die der unerschütterlichen Meinung sind, ein Kavalleriesäbel thäte es bei allen Weibern! Wird bald besser belehrt werden, – geht nicht dran zu Grunde, – kann schon was aushalten! Aber Regi! Vielleicht, daß sie doch – wer lernt bei den Mädels aus! Daß ich mich soviel drum kümmern muß, ob andere Leute ’ne Frau kriegen! Hab’ selbst nicht ’mal eine! – – Komm her, Julchen!“

Julchen fuhr aus ihrem Winkel empor, schmiegte sich an ihres Herrn Kniee und ließ sich von ihm den glatten Kopf streicheln.

„Sollen wir auch heirathen, was, Julchen? So eine nette, niedliche, blonde Frau, die uns gute Bissen giebt und uns liebevoll behandelt? Ich glaube, wir können es haben, Julchen, wenn wir es sehr gern wollen, – wir können es haben!“ – – –




8.

„Heute!“ sagte Annie Gerold vor sich hin, – „heute!“ – –

O hoffendes junges Menschenherz mit deinem stürmischen Schlagen! Sei nicht so ungeduldig, schilt nicht die schleichende Zeit! Sie geht vorwärts, jetzt wie alle Tage, – dem einen entschwindet sie bleischwer, langsam, den andern trägt sie wie auf Flügeln dahin! Auch für dich, frohes, glückliches Herz, kommt rasch die Stunde, da du auf das, was jetzt dein „Heute“ heißt, zurückblickst, wehmüthig, reuevoll, daß du es nicht verstanden hast, die Vorfreude recht zu genießen, sie, die oft die reinste Gabe ist von allem, was das Schicksal uns bietet! –

Thekla hatte einen bösen Nerventag, sie lag abgespannt in ihrem Sessel, die wachsweißen Hände gefaltet, zu elend, um die neuen philosophischen Schriften zu lesen, die der Buchhändler ihr geschickt hatte. Sie lagen unaufgeschnitten auf dem Tisch, der das unberührte Frühstück trug, und die matten Augen der Kranken sahen wehmüthig in den hellen Sonnenschein, der wie lichtes Gold auf allem lag. Und neben ihr Annie, ihr rastloses „Heute“ im [715] Herzen! Sie war tagüber gut und fleißig gewesen, – o, sie konnte sich ein gutes Zeugniß ausstellen! Sie hatte früh morgens mit Agathe gerechnet und war mit ihr auf Einkäufe gegangen, hatte selbst beim ersten Delikatessenhändler und in der größten Handlung für Südfrüchte allerlei schöne Sachen für Thekla eingekauft, – von ihrem eigenen Gelde, versteht sich! Dann hatte sie bei einigen von ihren Armen Besuche gemacht, – ihr Vater hatte sie zum Wohlthun angehalten, und das war ihm leicht geworden, Annie gab schon als Kind gern und freiwillig – und sie hatte diesen Armen außer der Zeit eine Freude bereitet. Thekla schärfte ihr zwar immer ein: „Gieb ihnen kein Geld, – die Männer vertrinken es doch nur; kaufe lieber etwas Nützliches!“ und Annie hatte das auch meistens getan, – aber heute gab sie doch Geld. „Kann man denn immer wissen, was die Leute gerade brauchen,“ dachte sie, „und muß es nicht gerade diesen Armen doppelt werthvoll sein, einmal nach eigenem Ermessen etwas erhandeln zu können, was sie sich wünschen?“ – – Und so drückte denn das junge Mädchen hier und dort mit ihrem lieben Lächeln ein Päckchen in eine arbeitsharte Hand, ein paar Mal mit der treuherzigen Mahnung: „Aber Ihr müßt es nicht für etwas Schlechtes ausgeben!“ Und den Kindern hatte sie Spielsachen gebracht, – nun, das war auch nichts Nützliches, – – aber du lieber Gott! Als ob den kleinen Geschöpfen die warmen Röckchen und Strümpfe Freude machten! Das kam dem magern Geldbeutel der Eltern zugut, und die Kinder hatten doch nichts davon! Jetzt aber, – welchen Eindruck machte das Holzpferdchen und die Puppe und die Schachtel mit Soldaten! Ueberall waren frohe, lachende Gesichter gewesen, – das eben hatte Annie Gerold haben wollen! –

Daheim hatte sie dann hastig zu Mittag gegessen und eigenhändig für Thekla eine besonders feine Fruchtlimonade bereitet, welche die Kranke sehr liebte; ein Stündchen konnte sie ihr auch vorlesen, länger nicht, dann war der Gärtner gekommen, eine lange, wichtige Besprechung wegen der Sämereien und Pflanzen für den Garten mit ihr zu halten, … aber zu alledem, was sie pünktlich und freundlich besorgte, hatte ihr glücklich beklommenes Herz nicht einen Augenblick aufgehört, zu sagen: „Heute!“

Und da ging das hübsche Glockenspiel an der Hausthür, Annie fühlte, wie sie bleich wurde, – und sie dachte: „Nun kommt das Glück!“ und senkte demüthig ihr junges Haupt.

Da trat die alte Agathe ins Zimmer und meldete: „Herr Pfarrer von Conventius!“

Die alte Frau wartete auf eine Antwort, aber von Annie kam keine; sie sah so enttäuscht und unglücklich aus, daß Thekla mit leisem Vorwurf sagte: „Aber Vögelchen!“ und dann, zu Agathe gewendet: „Es wird uns sehr angenehm sein! Führen Sie den Herrn in den Salon, wir kommen auch dorthin!“

Als Reginalds hohe Gestalt über die Schwelle des schönen, von Sonnenlicht durchflutheten Gemaches trat, erschien in der entgegengesetzten Thür ein ergreifendes Bild: Annie, die ihre kranke Schwester liebevoll und sorgfältig ihm entgegenleitete.

Annie war ihm nie schöner, begehrenswerter erschienen! Dies reizende junge Geschöpf, geschaffen, die Königin eines Ballsaales zu sein, sie, die er bisher gefeiert gesehen hatte, … wie entzückend machte sie ihr lieblich barmherziges Thun in seinen Augen! –

Ein wenig verwirrt, nicht so strahlend frisch und freudig wie sonst, blickte sie zu ihm auf, als er sich tief vor ihr verneigte, – aber gleich darauf erröthete sie und lächelte, nicht ganz zwanglos, wie es ihn dünkte, hieß ihn in ihrem Heim willkommen und stellte ihn der Schwester vor; dazu reichte sie ihm die Hand, und er küßte diese liebe Hand ehrerbietig und zärtlich zugleich.

„Steht es so um Dich?“ dachte Thekla Gerold, und ihre klugen Augen hefteten sich mit vermehrter Spannung auf den neuen Gast, von dem sie schon soviel hatte reden hören. Denn Annies „Freundinnen“ waren sämmtlich Feuer und Flamme für den aristokratischen Prediger von Sankt Lukas, er war mit einem Schlage in die Mode gekommen, und es galt als guter Ton, für ihn zu schwärmen. –

„Alle haben sie gesagt, der Mann sähe schön und vornehm aus,“ dachte Thekla weiter, „aber seines gewinnenden, edlen Ausdrucks hat niemand gedacht, und doch ist dies das Anziehendste in dem Gesicht. Wie sehnsüchtig seine Augen an Annie hängen! Schade! Wenn ich mir’s auch nie gewünscht habe, mein Vögelchen möchte einen Geistlichen heirathen, … gegen diesen hätte ich nichts einzuwenden. Er wird sich die Sache sicher zu Herzen nehmen, scheint mir, und das wird der Kleinen leid sein, denn sie hält viel von ihm!“

Unterdessen sagte Reginalds tiefe, wohlthuende Stimme zu ihr: „Ich konnte nicht wissen, daß Sie heute gerade so angegriffen sein würden, Fräulein Gerold. sonst wäre ich nicht gekommen!“

„Es tut nichts,“ erwiderte Thekla mit einem halben Lächeln, „ich bin an mein Leiden gewöhnt, es verläßt mich nie ganz und ist mein treuester Kamerad; lesen kann ich nicht, wenn es sehr schlimm wird, – aber unthätig im Bett liegen und über meine Schmerzen nachdenken, das ist mir vollends unmöglich, – daher freue ich mich jedesmal, wenn wir Besuch bekommen! Erzählen Sie mir, bitte, ein wenig von Ihrem Vetter, Herr von Conventius, – wie geht es diesem flotten, lebenslustigen jungen Herrn?“

„O, sehr gut, ich danke! Sie haben einen sehr warmen Verehrer an ihm gefunden!“

Thekla lachte gutmüthig.

„Es ist unglaublich, – und ich glaub’ es Ihnen doch! Wenn er so daherkommt und mir in seiner treuherzigen, frischen Art allerlei vorplaudert, kommt es wie eine Art von Schmerzvergessen über mich. Er nimmt sich neben mir aus wie ein hübscher Goldkäfer neben einer vertrockneten Cikade!“ Sie bringt das tolle Gleichniß vor, um Annie lachen zu machen, – – das Vögelchen belustigt sich so gern über Theklas wunderliche Ideen. Sie sieht die junge Schwester von der Seite an, – nein, Annie lacht nicht, sie hat überhaupt gar nicht zugehört. Das Köpfchen ein wenig vorgeneigt, scheint sie zu lauschen, … kommt er nicht? Wenn er nur lieber nicht käme!

„Mein Vetter hat mir viel von der Ausstellung vorgeschwärmt, – namentlich von Delmonts Bild, – wollen es die Damen glauben, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, es mir anzusehen?“

Da! Eine fliegende Röthe in Annies Gesicht! Bis unter die weichgelockten Stirnhaare, bis in den schöngewölbten Nacken hinein, – dann fragt sie überstürzt, hastig:

„Ist Ihr Vetter, – hat er viel Sinn für die Malerei?“

„Nicht so sehr! Fritz begnügt sich auch hier mit einem oberflächlichen Herumspielen, – er könnte auf verschiedenen Gebieten recht Tüchtiges leisten, wenn er wollte!“

„Und Sie selbst, Herr von Conventius?“

„Ich – nun meine Gnädige, ich bin eben ein einseitiger Mensch! Ich liebe die Musik und liebe die Malerei, – aber ich bevorzuge Oratorien und religiöse Bilder, dies beides spricht vorzugsweise zu meiner Seele; auch hierin bin ich ganz meiner Mutter Sohn!“

„Haben Sie gute Nachrichten von – von –“ Annie stockt ein wenig verlegen – „Ihrem Herrn Vater? Sie erzählten mir damals –“ sie stockt von neuem und erinnert sich, wie seltsam vertraulich und eingehend damals ihre Unterhaltung gewesen war.

„Ja – er scheint sich mit dem Gedanken zu versöhnen, daß ich alle seine Pläne durchkreuzt habe. Ein paar Verwandte von mir, Fritz darunter, haben ihm von meinen Erfolgen – von dem, was sie meine Erfolge nennen! – geschrieben, das scheint ihm doch nicht ganz gleichgültig zu sein, nach seinem letzten Brief an mich zu schließen. Freilich stellt er mir darin eine dringende Bitte, die ich ihm leider wiederum nicht erfüllen kann: er wünscht, ich möge meine Stelle als Gefängnißprediger aufgeben, was mir allerdings gelingen würde, wenn ich es ernstlich wollte!“

„Aber Sie wollen es nicht, – nicht wahr?“

„Nein, gnädiges Fräulein, ich würde es niemals wollen! Gerade dieser Posten, schwer und verantwortlich wie er ist, hat mich gelockt, – ich wäre niemals Pfarrer zu Sankt Lukas geworden, hätte man mir nicht zugleich dies Amt angetragen!“

„Und Sie haben es bereits angetreten?“

„Ich habe eine kurze Ansprache an die Gefangenen gehalten und bin bei einzelnen von ihnen gewesen. Zu regelmäßigen gemeinsamen Andachten ist es bisher noch nicht gekommen.“

Thekla sah ihren Gast mit immer größerer Bewegung an, – seine schlichte Redeweise, so frei von Ueberhebung und rhetorischer Salbung, gefiel ihr ausnehmend. Sie fragte, ob irgend einer der Gefangenen sein besonderes Interesse in Anspruch nähme, und Reginald berichtete kurz ohne Namensnennung seine erste Begegnung mit dem Raubmörder und that zuletzt der Bitte desselben, ihm Blumen in seine Zelle zu schicken, Erwähnung.

Auch Annie war seinem Bericht mit Theilnahme gefolgt, jetzt machte sie eine lebhafte Bewegung.

[716] „O, bitte, Thea, ich möchte ihm von meinen Blumen geben! Lamprecht hat mir so wunderschöne in mein Zimmer gestellt, eine solche Masse, und wir haben noch viel mehr im Treibhause! Er braucht ja nicht zu wissen, – dieser – Mann, meine ich, von wem die Blumen kommen, Herr von Conventius schickt sie ihm, damit ist es gut! Solch’ prächtige Exemplare, – Narzissen und Tazetten, auch ein Fliederbäumchen ist dabei, und schöne Maiglöckchen, – bitte, Herr von Conventius, darf ich?“

„Sie wollen sich selbst einer Freude berauben, um –“

„Aber mein Gott, wer denkt an mich? Wenn man jemand, der am Rande des Grabes steht –“ ein Schauer ging über sie hin – „eine letzte kleine Erdenfreude bereiten kann, eine Freude noch dazu, die so rein ist wie der Genuß an einer Blume, – wer darf uns daran hindern?“

„Nicht ich, – wahrlich, nicht ich!“ Reginald sah mit leuchtenden Augen in Annies bewegtes Gesicht. „Schicken Sie mir Ihre lieben Blumen heute noch, ich will sie hinnehmen und denken, daß es Gottes Boten sind!“

Damit ergriff er Annies Hand und drückte sie lebhaft. – – –

In diesem Augenblick tönte das Glockenspiel an der Hausthür von neuem, und der alte Lamprecht meldete mit einem tiefen, feierlichen Diener: „Herr Professor Delmont.“

Aus Annies Antlitz war die Farbe gewichen, sie konnte kein Wort hervorbringen, sie neigte nur mechanisch den Kopf zum Zeichen der Einwilligung. Ebenso mechanisch erhob sie sich und umklammerte mit beiden Händen die Lehne ihres Stuhles.

Thekla sah gespannt nach der Thür. „Hab’ kein vorgefaßtes Urtheil!“ warnte sie sich innerlich, „denk’ nicht an Annies Prophezeiung: Dir wird er nicht gefallen! Dieser Conventius freilich war dir auf den ersten Blick angenehm, er hat eines von den glücklichen Gesichtern, die sofort Zutrauen und Wohlwollen einflößen, – darum aber ist noch nicht gesagt, daß dir kein andrer Mann als zukünftiger – –“

Hier trat Delmonts hohe Gestalt ein. Er blieb mit einer knappen Verbeugung in der Nähe der Thür stehen und überflog mit einem raschen Blick die kleine Gruppe neben dem Fenster. Annie sah so schuldbewußt und gedrückt aus, als habe sie den Besuch des Geistlichen verschuldet; dieser wechselte einen schnellen Blick mit dem soeben Eingetretenen, verneigte sich sehr zuvorkommend und setzte sich dann wieder mit der Miene eines Mannes, der entschlossen ist, seinen Posten zu behaupten. – Auch Delmont war verbindlich und ruhig; er wendete sich fast ausschließlich an Thekla, und diese konnte nicht umhin, sich selbst zuzugeben, daß Annie wohl zu begreifen war. Welch’ eigenartig anziehende Kraft wohnte doch in diesen Augen mit ihrem tiefen, zwingenden Blick, – wie merkwürdig wirkte der Gegensatz der von eiserner Kraft redenden Stirn zu dem weichgeformten Munde unter dem dunkelbraunen Lippenbart, – – und über dem allem der nie, auch beim Lächeln nicht, weichende Zug von Melancholie zwischen den dichten, dunkeln Brauen, der in das ganze Antlitz gleichfalls ein unlösbares Räthsel hineinzeichnete! Und noch etwas kam hinzu, was Thekla, fast gegen ihren Willen, rührte: die unverkennbare Beklommenheit, mit der dieser Mann, der wie das verkörperte Selbstbewußtsein aussah, immer wieder heimlich Annie Gerold musterte, wie sie mit Conventius sprach. Freilich, dieser war kein zu unterschätzender Nebenbuhler in der Gunst eines jungen Mädchens, – aber er, Delmont, hatte er denn nicht gestern schon Annies sicher sein können, hatten ihm nicht ihre Augen, ihre Stimme, das Beben ihrer Hand verrathen, wie es um sie stand? – Thekla sah, wie es in seinen Mienen zuckte, während er ganz selbstbeherrscht und höflich mit ihr sprach, sie sah seine Hand sich wiederholt öffnen und schließen wie in verzehrender Ungeduld, und es überkam sie etwas wie Sorge um das Schicksal ihres Lieblings an der Seite eines so leidenschaftlichen Mannes. Indessen war sie bemüht, dem Gespräch eine allgemeine Wendung zu geben und Annie aus ihrer Zwangslage neben Conventius zu erlösen.

„Herr von Conventius beklagte sich soeben, aus Mangel an Zeit Ihr Bild, Herr Professor, noch nicht gesehen zu haben!“

„Ich weiß nicht, ob ich ihn gleichfalls beklagen soll,“ sagte Delmont mit einem leichten Lächeln, „denn mein Werk ist nicht mehr mein Werk, wenigstens nicht mehr für mich, seitdem es da zwischen Hunderten von Bildern aufgehängt ist. Als ich es in meinem Atelier hatte, war es noch ein Stück von meiner Seele, – jetzt ist’s losgelöst von mir und gehört allen!“

„Geht es nicht auch Ihnen so, Herr von Conventius, wenn Sie das, was Sie in der Stille Ihres Studierzimmers ausgesonnen, öffentlich zu Hunderten zu sagen haben?“ fragte Annie lebhaft.

„Aehnlich – und doch wieder nicht!“ erwiderte er gedankenvoll. „Das gesprochene Wort ist nicht wie das fertiggestellte Bild, – es wirkt zündend, sich selbst ergänzend, während es geredet wird, – es erstarkt an seiner eigenen Wirkung, an der Fühlung, die es mit denen gewinnt, die gekommen sind, es zu hören. Gedanken, Bilder, Gleichnisse strömen zu, an die ich in der Stille meines Studierzimmers nicht gedacht hatte, – im wahrsten Sinn wird mir das Wort lebendig, und ich habe keinen andern Wunsch als den, es möge allen gehören so wie mir!“

Delmont neigte zustimmend sein Haupt.

„So empfanden Sie, und Ihre Gemeinde mit Ihnen, als Sie zum ersten Mal in der Kirche zu Sankt Lukas sprachen!“

Es war ein Lob für den Geistlichen und sollte ein solches sein; aber während Delmont sprach, suchte sein Blick den Annies, in Erinnerung an jene unvergeßliche Stunde in der Kirche, – und Annies schöne, beredte Augen hoben sich zu ihm empor, zuerst ein wenig schüchtern, – fragend, – dann sonnenhell und glücklich leuchtend in völligem Selbstvergessen. –

„Lassen Sie Photographien anfertigen von Ihrem Gemälde?“ fragte sie, schon wieder ganz bei ihm und seiner Kunst.

„Nein,“ entgegnete er kurz, „ich thue das niemals, es ist mir zuwider. – Warum fragten Sie?“ setzte er nach einer Pause hinzu, da ein Schatten auf ihrem Gesicht erschien.

„Ich – ach – nur weil ich an Thea dachte, die nie ausgehen kann, also auch niemals Ihr Bild sehen würde –“

„Sie hätten es mir gleich sagen sollen, daß Sie sich das wünschen. Dann natürlich wird es geschehen, – ich werde morgen Auftrag geben!“

„Ich danke, – ach, ich danke Ihnen!“

Sie reichte ihm die Hand, und er nahm sie und legte seine andre darüber wie in Angst, man könnte ihm seinen Schatz entreißen. Jetzt waren diese zwei für sich, und Thekla Gerold war auf Conventius angewiesen!

Es sollte aber nicht lange währen! Draußen läutete das Glockenspiel zum dritten Mal, und Lamprecht kam und meldete: „Herr Rittmeister Thor von Hammerstein!“

Der Eintritt dieser Persönlichkeit wirkte auf Conventius befreiend, auf Delmont und Annie niederschmetternd und auf Thekla humoristisch. Wenn der Geistliche schon daran gedacht hatte, zu gehen, so konnte er jetzt immerhin bleiben, es kam gar nicht drauf an, – und er blieb.

Der Ulanenrittmeister war keineswegs entzückt, den „Farbenreiber“ und den schönen „Mann Gottes“ hier vorzufinden. Aber im festen Bewußtsein seiner eigenen bevorzugten Stellung, gegen welche ja die der beiden andern überhaupt gar nicht in Betracht kam, und außerdem fest entschlossen, „ordentlich ins Zeug zu gehen,“ rückte er mit dem ganzen schweren Geschütz seiner militärischen Galanterie an und betrug sich gegen Annie mit so unzweideutiger Absichtlichkeit, daß das junge Mädchen verlegen wurde. Sie hatte bisher noch gar nichts von seiner bewundernden Vorliebe für ihre Person wahrgenommen; was fiel ihm denn nun mit einem Male ein?

Kein Mensch auf der weiten Welt hatte den Rittmeister im Verdacht, daß er geistreich sei, – er hielt sich selber auch nicht dafür, und es beunruhigte ihn durchaus nicht, – was sollte ihm der Geist? Ganz überflüssige Ware für einen Menschen seines Schlages! So konnte er denn auch heute nichts Geistreiches hervorbringen, und zum ersten Male in seinem Leben fühlte er eine Art von Bedauern darüber, da die „absurde Erziehung dieser gelehrten alten Schraube“ dem entzückenden jungen Mädchen, um das er sich bemühte, für dergleichen „Zeugs“ Geschmack beigebracht hatte. Und entzückend war Annie Gerold wirklich, – welch’ ein Wuchs! Hoch, schlank, schmiegsam, jede Linie anmuthig gezeichnet! Und diese satten goldenen Lichter über dem nußbraunen üppigen Haar, – diese wundervollen Augen und der süße, frische Kindermund: Wetter noch eins! Welch eine Acquisition fürs Regiment! Man würde Staat mit ihr machen, und der alte Papa Thor von Hammerstein, ein etwas verdrießlicher General zur Disposition in Coblenz, würde Augen machen, wenn er diese Schwiegertochter sähe, und es seinem Sohn ohne weiteres verzeihen, daß er eine Bürgerliche heimführte.

So richtete denn der Rittmeister unermüdlich Fragen an Annie [717] wie: Diesen Winter viel getanzt, meine Gnädigste? – Casinobälle hier hübsch arrangiert? – Viele Schlittenpartien unternommen? – Kameraden von den Dragonern verkehrten wohl häufig bei Ihnen im Hause? – Schneidige Waffe, meine Gnädige, nicht wahr? –“

Und Annie antwortete immer kürzer, immer knapper, oft nur durch ein Nicken oder Kopfschütteln, und horchte immer eifriger auf das Gespräch Theklas mit den zwei andern Herren, … ihr war dieser langweilige Rittmeister zugefallen, natürlich! Sie fand ihn geradezu unausstehlich mit seinen hervorquellenden Augen, seinem rothen Gesicht und der heisern Baßstimme, – merkte es denn der eingebildete Gesell gar nicht, wie erbarmungslos sie ihn abfallen ließ? –

Immer schräger blickten die Sonnenstrahlen zum Fenster herein, – der Frühlingstag ging zur Neige, – wie hatte sie ihn herbeigewünscht, – was hatte er ihr gebracht! Auch Conventius schien ihr heute seltsam, sein beredter Blick, sein feuriger Handkuß beunruhigte sie; wer weiß … am Ende könnte Delmont gar denken, – nein, unmöglich! Und doch, – er war mißtrauisch und reizbar, das wußte sie nun schon von ihm!

Das Gespräch, mühsam aufrecht erhalten, stockte endlich ganz. Die drei Männer sahen einander an, – sie wußten es ja genau, was jeder von ihnen hier wollte. Ging jetzt der eine, so ließ er den andern den Weg frei, – gingen gar zwei, behielt der dritte den Vortheil allein in der Hand, … das durfte nicht sein! Sie blieben also. Thekla Gerold fühlte eine lähmende Müdigkeit über sich kommen, es kostete sie Ueberwindung, den Mund aufzuthun. Annie kämpfte immer schwächer gegen die bittere Enttäuschung an, die ihr zärtliches Herz überfluthete. Die Sonne war fort, graue Schatten lagerten in den Ecken.

Wie es Thekla in den Sinn gekommen war, Professor Delmont zu fragen, ob er Musik treibe und ob er vielleicht einmal ihren Konzertflügel, den Annie leider so selten benutze, probieren wolle, das hatte sie selbst später nicht zu sagen gewußt. Es war ein merkwürdiges Ansinnen bei einem ersten Besuche. Annie hatte Furcht, Delmont könnte die Frage schroff verneinen, und sah etwas ängstlich zu ihm hinüber, aber er verneigte sich zustimmend vor der älteren Schwester, lächelte der jüngeren zu und schritt zum Flügel.

„Es ist empörend, nun ist dieser Farbenreiber auch noch musikalisch, und sie scheint das zu lieben,“ grollte der Rittmeister innerlich, „der Mensch hat entschieden die meisten Chancen von uns dreien, aber noch ist nichts verloren. Nur nicht locker lassen!“

[741] Jetzt brauste es auf unter den Händen Delmonts, machtvoll, gewaltig, dieselbe herrliche Bachsche Fuge, die Conventius’ Antrittspredigt in der Kirche zu St. Lukas eingeleitet hatte. Und Conventius erinnerte sich dessen – alle drei erinnerten sich. Majestätisch rollte sich das großartige Tongemälde vor ihnen auf, und wieder sah sich Annie Gerold halb hinter dem riesigen Pfeiler verborgen an Delmonts Seite und ließ diese wunderbaren Harmonien die Begleitung zu den auf- und abwogenden Stimmen [742] in ihrer aufgeregten Seele werden. Conventius betrachtete sie halb angstvoll, halb bewundernd. Was war es nur, das ihm so ahnungsvoll das Herz bewegte? War’s nur die Furcht, dies liebreizende Geschöpf, dessen Zauber ihn beim ersten Sehen schon umstrickt gehalten hatte, könnte sich nicht ihm, sondern dem Mann mit dem dunkeln, fesselnden, ausdrucksvollen Gesicht, der dort am Klavier saß, zuwenden, oder konnte es eine andere unerklärliche Bangigkeit sein, die ihn faßte?

Die Fuge war zu Ende, und der Spieler stand auf – mit ihm zugleich die beiden anderen Herren – wenn man denn ging, mußte es zusammen sein.

Thekla erwiderte die Abschiedsworte und Verbeugungen der Besucher mit einem kaum hörbaren Geflüster, ihre Kraft war erschöpft. Annies reizende Hand wurde zweimal sehr ausdrucksvoll geküßt, er, der sie am meisten bewunderte, am heißesten erstrebte, rührte sie nicht an … mit einer tiefen Verneigung trat er zurück.

Als die beiden Schwestern allein waren, drückte Annie nur zweimal auf den elekrischen Klingelzug, um Agathe herbeizurufen, damit sie Thekla beistände. Sie selbst war unfähig, nur eine Silbe zu sprechen, die Thränen benahmen ihr den Athem. In ihrem reizenden Mädchenstübchen mit den hellen Möbeln, den luftigen, blumendurchwirkten Vorhängen und Teppichen brannte bereits eine Lampe. deren Licht durch einen rothen Schleier hindurch einen sanften rosenfarbenen Schein verbreitete. Der kleine Kanarienvogel schlief schon, sein Köpfchen unter den Flügeln geborgen, er saß wie eine Federkugel auf seinem Stäbchen; vom Fenster her wehte fast betäubend der Duft der zahlreichen Frühlingsblumen, von einer zur Seite gerückten Staffelei sahen Richard Gerolds kluge, ernste Augen der Tochter entgegen.

Sie hielt sich an der Platte eines kleinen Marmortischchens fest, abgewandt vom Lampenlicht, als thäte selbst die zarte Rosenfarbe ihrem Blick weh, – das Köpfchen war tief herabgesunken, und rasch und dicht fielen nun die so lange zurückgedrängten Thränen nieder. Sie hatte sich so redlich „ihren Tag verdient“, sie war ganz erwartungsvolles Glück gewesen – vorüber! Zwei Zeilen eines Gedichtes von Chamisso wollten ihr nicht aus dem Sinn, die sagte ihr trauriges, enttäuschtes Herz ihr unaufhörlich vor:

„Nun ist der Tag verloren,
Auf den ich mich gefreut!“




9.

Keinen freundlicheren, willfährigeren Gesellen giebt’s oft auf der weiten Welt als den Zufall. Er führt Leute zusammen, die, sonst durch Tausende von Meilen voneinander getrennt, heute, gerade heute in dieser Stadt, an diesem Ort weilen und sonst vergeblich alles aufgeboten hätten, um einander zu sprechen; er verhindert Böses und bringt Verbrechen ans Tageslicht, deren Enthüllung scharfsinnige Juristen schon aufgegeben hatten, er führt liebende Herzen zusammen, entfernt unwillkommene Zeugen, räumt mit leichter, kluger Hand Hindernisse hinweg, schlägt aller Berechnung ein Schnippchen und führt seine Lieblinge leicht und glatt dem ersehnten Ziel entgegen. Es giebt Leute, denen er sich jederzeit dienstbar macht, die auf ihn bauen wie auf den zuverlässigsten Freund. „Es wird schon irgendwie gut werden, irgend etwas wird uns schon helfen!“ – und siehe da! der brave Helfer ließ sie auch wirklich nie im Stich.

Aber der Zufall hat einen Zwillingsbruder, der ihm ähnlich sieht und doch zugleich so verschieden von ihm ist wie nur möglich. Ein schadenfroher, heimtückischer Gesell ist’s, der seine Freude daran hat, die Menschen ganz dicht bis an das heiß ersehnte Ziel zu locken, um ihnen dann mit höhnischem Lachen den Rücken zu drehen. Gleich seinem Bruder wirthschaftet auch er nur mit ganz kleinen Mitteln: ein Zuspätkommen – ein Blick durch eine Glasthür – ein rasch aufgefangenes Wort – eine kaum nennenswerthe Verzögerung – ein vergessenes Taschentuch – ein Ring – ein verlorenes Armband – eine Blume … aber solch winzige, unscheinbare Sächelchen haben schon Ehen gelöst und Hofintriguen herbeigeführt, Zeitungskriege entfesselt und Skandalprozesse heraufbeschworen, und hinter all’ dem angerichteten Unheil steht mit bösem, spöttischem Gekicher der schlimme Zufall und triumphiert. Er trennt liebende Herzen und richtet es so ein, daß sie sich nie mehr wiederfinden oder doch nur dann, wenn sich ihnen ums Leben keine Gelegenheit zur Annäherung bietet – er kreuzt die Gedanken der Menschen und veranlaßt es, daß der Herr des Hauses beim Mahle eine Dame durch die ganze Breite des Tisches von einem Herrn trennt, dem diese gute Gelegenheit höchst wahrscheinlich die Zunge gelöst hätte, er richtet Verwirrung im Gehirn des Bedienten an und läßt ihn eine Einladung, von der vielleicht das Glück einiger Menschen abhing, um einen Tag zu spät anbringen, er macht, daß Leute, die einander wichtige Dinge in unaufschiebbarer Eile zu sagen haben, sich gegenseitig nie zu Hause finden, und führt ihnen unliebsame Persönlichkeiten gerade da zu, wo sie dieselben am wenigsten brauchen können. Und wenn dann die Menschen weinen und fluchen und toben oder seufzen und traurig sind, dann hat der Bösewicht recht sein Fest an ihrem Kummer!

Solch einem bösen Zufall glaubte sich Annie Gerold, bisher ein Schoßkind des Glückes und von dem guten Zwillingsbruder gehörig verzogen, nun rettungslos verfallen! Wenn sie sich auch sagte, Delmonts Neigung zu ihr – sie wagte kaum mehr, das Wort „Liebe“ zu denken! – werde durch ein ärgerliches Zusammentreffen nicht augenblicklich den Todesstoß erhalten … wer weiß, was ihm angesichts Reginalds von Conventius für Gedanken, für neue Gesichtspunkte gekommen waren! Der Rittmeister zählte für Annie nicht mit, er wäre sehr empört gewesen, wenn er dies gewußt hätte, aber die Thatsache war da. Das junge Mädchen sah ihn nur als einen unbequemen Störenfried an, der eine an sich schon unbehagliche Lage noch unbehaglicher gemacht hatte. Aber Reginald! Er, so schön, so begabt, so gut gestellt! Und über seine Absichten konnte man kaum in Zweifel sein, Annie war es keinen Augenblick seit seinem letzten Besuch gewesen, und Delmont mußte es ebenso ergehen. Delmont hatte noch kein bindendes Wort zu ihr gesprochen, nur seine Augen hatten eine deutliche Sprache geführt – nun, das bewies noch nichts, das legte nicht die leiseste Verpflichtung auf! Er konnte denken, Reginald sei der bevorzugte Bewerber; leicht empfindlich, reizbar, mißtrauisch wie er war, konnte er stillschweigend zurücktreten und jenem das Feld räumen, ohne nur noch einen Versuch zu seinen eigenen Gunsten zu machen. Seinem leidenschaftlichen, stolzen Wesen hätte das ganz ähnlich gesehen.

Eben weil Annie Gerold ein Glückskind war, traf sie diese Enttäuschung besonders hart. Es handelte sich um ihr Lebensglück, und dies schien ihr jetzt vernichtet. Mit aller Leidenschaft ihrer jungen, reichen Seele hatte sie diesen Mann geliebt, ihn für sich ersehnt, mit derselben Leidenschaftlichkeit hielt sie ihn jetzt für sich verloren. Sie hatte in der Nacht schlecht geschlafen und viel geweint, und sie fühlte sich wenig entlastet von ihrem Kummer. Die köstliche Frühlingssonne, die in ihr Zimmer hereinleuchtete, erschien ihr wie ein Hohn, das geschäftige Treiben auf den Straßen kam ihr unerquicklich und zwecklos vor. Ganz in aller Frühe schon schickte Frau Hedwig Weyland zu ihr: es sei ein so wundervoller Frühlingstag, ob sie nicht um halb zwölf Uhr in Heinrichslust mit einander zusammentreffen und dort ein paar Stunden verbleiben wollten; der Park sei um diese Jahreszeit zauberhaft.

Meinetwegen! Annie war es ganz gleichgültig, wo sie sich befand und was sie trieb! Ihren Gedanken konnte sie doch nicht ungestört nachhängen, sicher würde Besuch kommen oder sie sollte Thekla vorlesen … da war es am Ende noch besser, mit der stets liebenswürdigen, feinfühlenden Hedwig zusammen zu sein und sie zum lebhaften Geplauder zu veranlassen. Man sagte dann ab und zu „ja – nein – nicht möglich – gewiß –“ und damit war es abgethan. In ihrem ungestümen Herzenskummer machte sich’s Annie nicht klar, daß solche Antworten bei ihr bisher zu den Unmöglichkeiten gehört hatten und deshalb einer klugen Frau viel zu denken geben würden.

Agathe kam diensteifrig herein. „Was wünscht mein Vögelchen anzuziehen? Hier – nicht wahr – das lichtblaue Kleid und den großen gleichfarbigen Hut mit der langen, weißen Straußenfeder? Heut ist ja der erste Mai und ein Wetter wie mitten im Juni, fünfzehn Grad schon jetzt, wie wird das erst gegen Mittag werden? Schade, daß in Heinrichslust vormittags nicht so viele Menschen sind, die Hauptmasse kommt da erst nachmittags heraus, ebenso die schönen Wagen. Jetzt noch den weißseidenen Shawl über den Arm! Alles weiß und blau – es muß doch schön stimmen, nicht wahr, mein Töchterchen?“

[743] Meinetwegen – alles weiß und blau! Es war Annie alles einerlei; was fragte sie danach!

„Hör’ einmal, Herzenskind, der Lamprecht murmelte da so etwas davon, Du wolltest Deine Blumen wegschicken. Ich habe wohl nicht recht verstanden!“

„Doch! Er soll sie alle im Lauf des Vormittags zu Herrn Pfarrer von Conventius hinschaffen lassen, hier ist die Adresse.“

„Alle Deine Blumen?“

„Alle meine Blumen, ja!“

„Zu dem schönen Blonden, der gestern hier war? Schickt sich denn das auch, Vögelchen? Die Herren haben doch sonst Dir Blumen geschenkt!“

„Du kannst beruhigt sein. Die Blumen sind nicht für ihn, sondern für einen Gefangenen, der zum Tode verurtheilt ist!“

„Zum Tode! Ach Du mein Gott!“ Agathen war der Schreck in die Glieder gefahren, sie mußte sich setzen. „Was Du aber auch für ein Herz hast! Wie von lauterem Gold, sogar Mörder und Räuber mußt Du noch erfreuen! Ja, ja, der Mann, der mein Vögelchen ’mal bekommt, der kann lachen! Und es sieht in dem Kleid und dem Hut zum Verlieben schön aus!“

Es war richtig, Agathe hatte nicht übertrieben, Annies Spiegel sagte dasselbe. Sie hatte sich sonst ehrlich und unbefangen dessen gefreut, heute ließ es sie kalt – für wen sollte sie schön sein?

Aber der freundliche, lustige Zufall, der, welcher es gut mit den Menschen meint, nahm sich Annie Gerolds an und wollte seinem Liebling das vergüten, was der schlimme andere Bruder gestern an ihm gesündigt hatte. Er gab Annie den Gedanken ein, sie müsse Lamprecht doch noch selbst Bescheid wegen der Blumen sagen, da Agathe zuweilen etwas vergeßlich war; und so kam es, daß sie, um zum Treibhaus zu gelangen, in welchem der Alte jetzt herumhantierte, ihren Weg durch den Garten nahm und, nachdem sie ihren Auftrag ertheilt hatte, durch eine Hinterpforte eben dieses Gartens eine kleine, stille Seitenstraße gewann, auf welche besagtes Pförtchen mündete. Sie kam hier, wenn auch auf einem ganz anderen Wege, ebensogut zur Pferdebahn, die sie nach Heinrichslust bringen sollte; sie konnte aber nicht wissen, daß unterdessen ein Bote von Frau Hedwig Weyland durch die Hauptstraße auf ihr Haus zueilte, um ihr zu sagen, das Zusammentreffen sei leider im letzten Augenblick vereitelt worden, da Frau Weyland unerwartet auswärtigen Besuch bekommen habe. Der Bote erfuhr, das Fräulein sei schon fort, Annie aber setzte sich ahnungslos in die Pferdebahn und fuhr ihrem Schicksal entgegen.

Heinrichslust war ein reizendes Rokokoschlößchen, von einem großen Park umgeben, ehemaliger Besitz eines Prinzen, dessen Namen es trug und der viel zur Ausschmückung des Schlosses und Erweiterung wie Verschönerung des Parks gethan hatte. Seine Nachkommen hatten aus Mangel an Geld Schloß und Park an die Väter der Stadt abgetreten, die dafür einen hübschen Kaufschilling hergaben, weil es der stark bevölkerten Stadt lange schon an einem geräumigen Platz für ihre Spaziergänge und Vergnügungspartien gemangelt hatte. Seit vielen Jahren bildete nun Heinrichslust das beliebteste Ziel der Bewohner von F. Eifrige Fußgänger wanderten dorthin, schöne Equipagen brachten die wohlhabende Bevölkerung heraus, die Pferdebahn that das übrige; man fuhr vom Wasserthor eine knappe halbe Stunde, dann erblickte man die an einen mäßigen Hügel gelehnten schönen Parkanlagen, den Fluß, der sich in allerlei anmuthigen Windungen unter Brücken von Balkenwerk, Stein oder ungeschälten Birkenästen hervorschlängelte, einmal sich sogar dazu verstand, einen Wasserfall in einer Felsgrotte darzustellen, was sich abends bei bengalischem Feuer sehr malerisch ausnahm – und endlich auch das Rokoko-Schloß. Ein strebsamer Restaurateur hatte darin eine altdeutsche Wirthschaft eingerichtet, um welche herum er eine Menge von gußeisernen Gartenmöbeln gruppiert hatte.

Die Pferdebahn war dicht besetzt, aber bei Annies Erscheinen sprangen ein paar höfliche Herren auf, um ihren Platz anzubieten, für welche Liebenswürdigkeit sie sich durch unausgesetztes neugieriges Anstarren der schönen jungen Dame zu entschädigen suchten. Sonst wäre dies Annie lästig gefallen – heute achtete sie nicht darauf. Nur als eine Thurmuhr in der Nähe einer Haltestelle elf Uhr schlug, zog sie ihr Taschenührchen und überzeugte sich, daß sie zu ihrem Stelldichein entschieden zu früh kommen würde. Nun gut, dann suchte sie ihre Lieblingsplätze auf und ging erst um halb zwölf Uhr an die ihr von Hedwig bezeichnete Stelle. In ihrer Ungeduld, von Hause fortzukommen, Theklas fragenden Augen aus dem Wege zu gehen, hatte sie sich zu zeitig aufgemacht.

Wie die Pferdebahn jetzt Halt machte, sprang Annie eilfertig hinaus und bog von dem übrigen Schwarm ab, der unverweilt den breiten, sanft aufsteigenden Pfad zum Schlößchen und zum Restaurationsgarten verfolgte. Das junge Mädchen kannte jeden Schleichweg, jedes Eckchen des weitläufigen Parks; ihr Vater hatte ihn sehr geliebt und war oft mit ihr herausgefahren, um Arm in Arm mit dem Liebling, abseits von den beliebten Wegen, die grüne Wildniß mit ihm zu durchstreifen. Was war da alles zur Sprache gekommen! Für alles hatte der Vater Interesse gehabt, sein Vögelchen konnte ihm vorzwitschern, was es nur wollte: von seinen neuen, hübschen Kleidern, den Aufgaben zu den Stunden, den Freundinnen, den Büchern – kraus durcheinander sprudelte es von den jungen Lippen, und nie gab es ein Zweifeln, ein Stocken … es war ja so einfach! Der Vater war ihr liebster, bester Freund, er liebte sie mehr als alles auf der Welt, wie hatte ihr Kinderherz nicht vor ihm liegen sollen wie ein offenes Buch?

Würde es auch heute so vor ihm liegen, wenn er neben ihr wäre? Ach, es war eben kein Kinderherz mehr! Nie gekannte Schauer, ahnungsvolle Träume durchbebten es, und es sehnte sich, sehnte sich grenzenlos nach dem Einen, der verstanden hatte, es zu wecken, der aus dem harmlosen Mädchen ein liebendes Weib gemacht hatte!

Am Saume des äußeren Parks entlang führte ein schmaler, fester Weg; den ging Annie, bis sie an einen Graben kam, der halb mit vorjährigem Laub angefüllt war. Eine kleine, etwas baufällige Brücke führte hinüber und geradeswegs auf eine verquollene Lattenthür zu, die Annies Hände mit einiger Mühe öffneten. Dafür war sie jetzt auch allein, ganz allein in einem der abgelegensten, unbekanntesten Theile des Parkes. Hier gab es keine Aussichtspunkte, keine Tempel und Borkenhäuschen, aber darum war es der einsam Wandelnden auch wahrlich nicht zu thun. Junge Birken standen am Wegrande und schwenkten, von der linden Mailuft bewegt, sacht ihr lustiges, grünes Fähnlein, weiter hinein standen ernste Gruppen kräftiger Buchen und Ulmen beisammen, und zu ihren Füßen breitete sich’s blüthenweiß aus, die Windröschen waren es, die lieblichen Anemonen, zu hundert und aberhunderten wachgeküßt vom Maisonnenstrahl; ganz strahlend frisch und fleckenlos lächelten sie zum blauen Himmel empor, manche noch halb zusammengerollt, langsam ein Blättchen nach dem andern aus der Knospenhülle lösend! Weiter blühte hier noch nichts, im tiefsten Schatten standen die grünen Blatthülsen der Maiglöckchen, aber ihre Blüthen waren noch winzig klein und hellgrün, die hatten ihre spröden Aeuglein noch nicht aufgeschlagen. Die Luft jedoch war von einem würzigen Hauch durchzogen, von dem frischen, herben Duft, wie das junge Laub ihn spendet, das, vom Nachtthau gekühlt, von der Sonne durchwärmt, dem Menschen die alte, ewig neue Kunde vom Frühling ins Herz hineinschmeichelt, der alle Wunden zu heilen, alle Schmerzen zu lindern verspricht.

Annie bückt sich, pflückt eine Handvoll Anemonen und steckt sie sich an die Brust. Ach, wie wohl ihr die Einsamkeit that inmitten der aufsprossenden Natur! Wenn doch Hedwig, die gute, prächtige Hedwig, heute lieber nicht käme, wenn sie doch allein bleiben könnte!

Aber nein, das kann sie nicht! In die sie umgebende tiefe Stille fällt ein Geräusch, wie wenn etwas in leichtem Trab auf der weichen Erde näherkommt – ein kurzes Schnaufen, da biegt er um die nächste Baumgruppe, der kluge, schöne Neufundländer; er bleibt stehen, legt den Kopf ein wenig zur Seite und wedelt mit dem buschigen Schweif, als wollte er sagen: ich weiß, wer Du bist – aber warten wir lieber doch ab!

„Ego!“ Mit versagenden Knieen, mit stockendem Herzschlag stößt Annie das Wort heraus. Es ist doch nicht möglich, gerade heute, gerade hier! Haben ihre unablässigen Gedanken, hat ihr sehnsuchtgequältes Herz ihn, der jetzt langsam auf sie zuschreitet, ihr entgegengeführt?

Noch sieht er sie nicht; seinen breitrandigen Hut in die Stirn gerückt, kommt er tief in Gedanken daher und stutzt erst, als er den Hund mitten im Wege stehen findet.

Dann aber …

Er vergißt es, als höflicher Mann seinen Hut vor der Dame zu ziehen. Ungestüm eilt er auf sie zu, faßt ihre Hände beide, sieht ihr prüfend in die Augen und nennt leise ihren Namen: „Annie!“

[744] In ihr ist nichts mehr von Schreck und von Aufregung.

Er ist bei ihr, er hält ihre Hände fest in den seinen, er sieht sie unverwandt an, sie sind beide allein in der schönen, wonnigen Maienwelt … es sollte so sein!

Jetzt besinnt sich Delmont, läßt ihre Hände sinken, zieht den Hut. „Sie müssen mir verzeihen, ich bin zu glücklich, Sie zu sehen, wie ein holdes Wunder hier erscheinen zu sehen! Ich habe eine böse Nacht gehabt!“

„Ich auch!“ fällt sie ein, als spräche sie etwas Selbstverständliches. Seine Augen leuchten auf.

„Sie auch? Sehen Sie, Annie, ich hatte Angst, ich wußte es ja, konnte es denken, daß Sie zahlreiche Bewerber finden würden, aber ein so seltener Mann wie Conventius –“

„Ja, er ist ein seltener Mann!“ Sie giebt das zu mit strahlendem Blick und steht hoch aufgerichtet da unb sieht ihm in die Augen, ohne mit den Wimpern zu zucken.

„Ich hatte mir eingebildet, damals schon in der Kirche, als wir zwei allein waren unter den vielen, hätten Sie mich verstanden, und neulich in der Gemäldeausstellung gleichfalls, obgleich ich dort nicht sprach, nicht sprechen konnte! Ich hatte gehofft, Sie verstünden mich ohne weitere Worte, als ich Ihnen zuletzt sagte, ich würde kommen.“

„Sie hatten ein Recht, das zu denken!“

„Aber als ich nun kam und Sie nicht allein fand, da kam der Zweifel, die Angst, das Mißtrauen. Ich mag nichts beschönigen, nichts verbergen, Sie sollen mich sehen, wie ich bin! Keine weiche, liebenswürdige Natur, nein! Voll Selbstbewußtsein und Trotz und nagender Eifersucht! Ich habe meine Hand nicht ausstrecken wollen nach Ihnen, habe mir versagt, wonach meine Seele hungerte, denn ich hatte einen ernsten schwerwiegenden Grund dafür! Es half mir nichts! Alles, was ich in meinem düsteren Leben entbehrt habe an Jugend, an Glück, an Sonnenschein, das steht verlockend vor mir und zieht mich hinüber – Annie – mein Herz, mein Entzücken!“

Er hatte mit bebenden, verlangenden Händen sein Glück an sich gerissen und hielt es nun fest an seinem wildhämmernden Herzen. Mit demselben strahlenden, zuversichtlichen Blick sah Annie auch jetzt noch zu ihm empor, bis er sich neigte und die wunderschönen Augen küßte, damit sie es nicht sehen sollten, wie er mit den Thränen kämpfte.

Es blieb lange still. Wankende Goldlichter irrten über die beiden hin durch die kleinen grünen Blätter, über welche der Wind hinstrich. Noch erzeugte er nicht das majestätische Brausen, das wie Meeresbranden in den voll belaubten Wipfeln klingt. Ein heimlicher Flüsterton war’s nur, wie wenn die Natur es noch nicht wagt, laut zu reden, gleich den beiden Herzen, die auch noch kein Wort fanden für ihr großes Glück.

Unter ein paar knorrigen, noch spärlich belaubten Eichen stand eine niedrige Steinbank. Zu der führte Delmont seine junge Braut, aber er nahm nicht Platz an ihrer Seite. Ihr zu Füßen kniete er nieder ins weiche Moos und legte ihre weiche Hand auf seine Stirn, über seine Augen, preßte sie an seine heißen Lippen. Eine seltsame Demuth war über den stolzen, eigenwilligen Mann gekommen, es war, als überwältigte ihn sein Glück, und als Annie schüchtern zu reden begann, hörte er ihr stumm zu, und endlich sagte er mit einer von innerer Bewegung gänzlich umflorten Stimme:

„Du mußt verzeihen, ich kann noch nichts ordnen, nichts denken. Ich – und Glück! Ich hab’ mir’s versagen wollen, versagen müssen – nun hab’ ich mir selbst mein Wort gebrochen, bin treulos geworden gegen mein eigenes Ich! Es ist alles in mir aus den Fugen – wer immer im Dunkeln war … wie soll den die Sonne nicht blenden? Laß mich hier still so liegen; wie soll ich Dir sagen, wie es mir ums Herz ist? Ein anderer soll für mich sprechen, ein Dichter! Vielleicht kennst Du es, was Rückert zum Schluß seines ‚Liebesfrühlings‘ sagt!“

Er legte sein Haupt auf ihre Kniee und schloß die Augen, während er sprach:

„Mir ist, nun ich dich habe,
     Als müßt’ ich sterben.
Was könnt’ ich, das mich labe,
     Noch sonst erwerben?
Mir ist, nun ich dich habe,
     Ich sei gestorben.
Mir ist zum stillen Grabe
     Dein Herz erworben.“

Seine Stimme war tonlos geworden bei den letzten Worten – nun schwiegen sie beide, und um sie her war geheimnißvolles Frühlingsweben!




10.

„Wilhelm, was wollte der Herr Direktor von Dir? Doch nichts Unangenehmes vorgefallen?“

Frau Christine Remmler, eine zarte Gestalt im Anfang der vierziger Jahre, mit einem farblosen, gutmüthigen Gesicht, trug ihrem Mann eine kurze gestopfte Pfeife und einen Topf mit Kaffee an den Tisch; dazu sah sie ihm besorgt nach den Augen.

„Nein, nein, Tinchen! Kannst ruhig sein! Ich thu’ meine Pflicht, das wissen der Herr Direktor, daher kommen wir zwei auch nicht aneinander. Er hat mir bloß zu wissen gethan, daß heut für Nummer achtundfünfzig Blumen ankommen sollen.“

„Nummer achtundfünfzig? Das ist ja doch der Schönfeld?“

„Ja, der Schönfeld!“

„Und dem wollen sie Blumen aufs Zimmer stellen?“

„Ja, – Blumen!“

Die Frau schlug die Hände zusammen.

„Mann, ich bitt’ Dich. sitz’ nicht so da wie ein Oelgötz’ und laß’ Dir die Worte buchstabenweis’ aus dem Munde ziehen! Sag’ mir, was Du weißt! Hat er irgendwo eine Liebste?“

Remmler nahm einen Schluck Kaffee zu sich und that ein paar heftige Züge aus seinem Pfeifchen.

„Ihr Weiber, Ihr! Immer gleich Liebschaften! Nein, da kennst Du den Direktor schlecht, zu so was giebt der sich nicht her, wär’ auch gegen jedes Reglement! Die Liebste, die auf Nummer achtundfünfzig die Blumen schickt, das ist unser neuer Prediger, und aus guter Meinung thut er das! Er will nicht haben, daß die arme, verlorene Sünderseele so mir nichts dir nichts in die Hölle fährt, und darum wirbt er um sie, als wär’s wirklich seine Liebste. Ich hab’ ja auch schon Bücher von ihm hintragen müssen!“

„So? Davon hast Du mir aber nichts gesagt, Wilhelm!“

„Zu was soll ich Dir alles erzählen? Damit es die Webern und die Bartschin und die Winzern nach zehn Minuten erfahren?“

„Warum nicht gar die Bartschin! Nein, die Bartschin schon gar nicht, mit der hab’ ich mich Mittwoch erzürnt, und die Winzern ist ein Plappermaul!“

„Hm!“

„Was hat denn der Schönfeld gesagt, wie Du ihm die Bücher brachtest?“

„Der – und sagen! Und zu mir noch! An mich wendet der nicht viel, der hat’s mit der höheren Bildung, in dessen Augen bin ich doch bloß eine ganz ordinäre Kreatur. Ein Schließer beim Gefängniß und ein – wie sagen sie doch gleich? – ein Parteiführer! Ja, aber diesmal hat er doch was verlauten lassen, gefragt hat er, ob der Herr Prediger denn nicht wiederkäme!“

„Ach du liebe Zeit! Dann will er sich gewiß von seinen Sünden bekehren lassen!“

„Na, danach hat er mir gar nicht ausgesehen; ich will Dir’s sagen, was es bei ihm war: neugierig ist er! Wie ich neulich die Gefangenen im Hof ihren gewöhnlichen Gang machen ließ, – natürlich Nummer achtundfünfzig abgesondert von den anderen, als schwerer Raubmörder, – da hat er zufällig gehört, wie zwei zusammen über unseren neuen Herrn Pfarrer sprachen, daß er ein Adliger und mit seinem Vater und der ganzen vornehmen Verwandtschaft entzweit wär’, weil er hat geistlich werden wollen und nicht Offizier, bloß um deswillen, weil er den lieben Gott über alles setzt und ihm allein dienen will, und wie er so schön ist und gut und jedem Armen überreichlich giebt, und wie er mit seiner Rede den Leuten kann das Herz herumdrehen – und so allerhand noch von ihm – da hat Nummer achtundfünfzig den Kopf hingedreht und zugehorcht, das sah ich wohl, und nun möcht’ er gern den geistlichen Herrn wiedersehen – siehst Du wohl!“ –

Ein scharfer Glockenzug setzte Remmlers Rede ein Ziel; Frau Christine ging durch das große, saubere, zweifenstrige Zimmer in ihre kleine Küche und schloß die Thür auf.

Ein Dienstmann mit einem großen Tragkorbe trat ein und begann unverweilt auszupacken – Blumen, nichts als Blumen, eine ganze Flora, ein Stock immer schöner als der andere.

Frau Remmler schlug wieder die Hände zusammen.

„Nein, aber die Pracht! Mann, so komm’ doch und sieh! [746] Wahrhaftig – Flieder – und Veilchen – und Maiblumen – und sonst noch allerlei!“

„Ja, ja,“ sagte der Dienstmann, „solch ’ne Bescherung habt Ihr wohl noch nie hier im Gefängniß gehabt! Da muß einer lieb’ Kind bei den hohen Herren sein, oder aber, sie machen ihn bald ’nen Kopf kürzer und thun ihm zuguterletzt noch dies und das an. So soll’s ja immer sein, wenn einer zum Tod verurtheilt wird. Aber Blumen für so ’ne Kanaille, na, das müßt’ mich trösten! Guten Tag auch!“

Damit schob er sich zur Thür hinaus.

Remmler setzte mit einem Seufzer sein Pfeifchen weg.

„So, Mutter, ich muß das gleich ’rüber besorgen! Gieb mir das Gretchen mit.“

„Das Gretchen? Zu einem Mörder?“

„Das Gretchen zum Tragen von den Blumen! Laß’ doch den armen Sünder ihr liebes, unschuldiges Gesichtchen sehen!“ Er öffnete das Fenster, das auf ein kleines, sorgfältig bestelltes Gärtchen sah.

„Gretchen!“

„Ja, Vaterchen!“ gab eine Kinderstimme zurück.

„Komm’ einmal herein! Ich hab’ was für Dich zu thun!“

Ein blondes Kind von zwölf Jahren, dem der dicke Zopf über den Rücken hing, kam in die Küche gesprungen und blieb wie versteinert an der Schwelle stehen.

„Ach, die Blumen!“ sagte es endlich ganz gepreßt. „Die himmlischen Blumen! Vaterchen, wer soll die denn haben?“

„Einer von den armen Gefangenen, Grete! Unser Herr Pfarrer, schickt sie ihm!“

„Der Herr Pfarrer! Vaterchen, er hat neulich mit mir gesprochen, ganz lange, kann ich Dir sagen. ‚Bist Du Gretchen Remmler?‘ fragte er zuerst und wie alt ich bin – wo ich zur Schule geh’ – ob ich schon der Mutter helfe – und über meinen Zopf hat er sich so gefreut! So schön und so gut, wie der aber auch ist, ist kein anderer Prediger! Und nun sollen wir zusammen die Blumen hintragen, ja?“

„Jawohl, Grete! Hier, such’ aus, was Du am leichtesten tragen kannst, die schweren nehme ich!“

Vater und Tochter hatten einen ziemlich weiten Weg von der Schließerwohnung bis zu der Abtheilung für die „schweren Gefangenen“. Treppauf und -ab ging’s, über lange, halbdunkle Gänge und wunderliche Winkel – das Gefängniß war ein altes, weitläufig gebautes, wetterfestes Haus – oft mußte Gretchen ihre blühende Last absetzen, um ein wenig Athem zu schöpfen. Endlich war man an Ort und Stelle. Remmler setzte alle Töpfe zur Erde, hieß sein Töchterchen dasselbe thun und öffnete die Zellenthür mit einem Schlüssel des umfangreichen Bundes, den er am Gürtel trug.

Schönfeld saß, mit beiden Ellbogen aufgestützt, an seinem Tisch und las. Er war so vertieft, daß er seine Augen erst von dem Buch erhob, als Remmler dicht vor ihm stand.

Er empfand eine gewisse Vorliebe für den Schließer, der seine Gefangenen nie, um sich ein Ansehen zu geben, barsch anließ, auch nie mit seiner Stellung Mißbrauch trieb, sondern die Leute alle ohne Ausnahme mit immer gleicher, etwas wortkarger, aber nicht unfreundlicher Art behandelte.

„Zu solch’ ungewöhnlicher Stunde, Herr Remmler?“ fragte der Gefangene erstaunt.

„Sehen Sie nur, was ich Ihnen bringe!“ sagte der Schließer lächelnd. „Komm’ herein, Grete!“

Und sie kam und schleppte mit freudestrahlendem Gesicht eins nach dem andern herein: Veilchen und Maiblumen, Tazetten, Hyazinthen und das Fliederbäumchen; nacheinander stellte sie alles auf dem großen schlichten Holztisch auf, und dann trat sie zurück und sah dem Gefangenen nach den Augen.

Die leuchteten ganz seltsam, wie sie nach den Blumen schauten, – sie hatten wohl lange keine mehr erblickt. Scheu stand der Mann, der nicht gezögert hatte, ein Menschenleben zu vernichten und seine Hände nach fremdem Eigenthum auszustrecken, gleichviel, zu welchem Zweck – scheu stand er von fern und sah zu den Blumen hinüber, die ihren lieblichen Duft ebenso verschwenderisch in der Zelle des Verbrechers ausströmten wie vor wenigen Stunden in dem reizenden Boudoir der schönen Annie Gerold.

„Unser Herr Prediger schickt sie!“ unterbrach endlich Remmler die tiefe Stille.

Der Gefangene neigte ein wenig sein Haupt zum Zeichen, daß er verstanden habe, und sagte nach einer kleinen Weile, wie zu sich selber redend:

„Hab’ ich doch den Anblick noch vor meinem Tode!“

Remmler winkte ihm mit den Augen nach Gretchen hin, er möge nicht weiterreden, zugleich vernahm man aus der gegenüberliegenden Zelle ein anhaltendes starkes Klopfen gegen die Thür und eine dumpfe Stimme, die unverständliche Worte rief.

Der Schließer öffnete die Thür zum Flur und horchte hinaus.

„Herr Remmler!“ klang es jetzt vernehmbar herüber. „Sind Sie nicht hier? Ich habe doch deutlich Schritte gehört, und Ihren Tritt kenne ich ja!“

„Ich bin hier!“ rief Remmler zurück. „Was wollen Sie von mir?“

„Bitte, kommen Sie auf ein paar Minuten zu mir, ich habe Ihnen etwas zu sagen!“

Der Schließer blickte unschlüssig von Schönfeld auf Gretchen.

„Wo soll ich Dich solange lassen, Kind?“

„Mich?“ fragte die Kleine verwundert. „Ich bleibe hier, Vaterchen, und helfe, die Blumen ordentlich aufstellen!“

„Nun gut! Ich werde mich beeilen, bald wiederzukommen!“ Damit ging er, die Thür hinter sich verschließend.

Gretchen Remmler war klein für ihre zwölf Jahre, ein zierliches, zartes Kind. Das schönste an ihr waren die großen blauen Kinderaugen, in denen ein ganzer Himmel von Unschuld und Güte lag. Eltern, Lehrer, Mitschülerinnen, Gespielen – keines von ihnen konnte dem Blick dieses Kindes auf die Dauer widerstehen, es war, als sähe man durch einen krystallklaren Spiegel geradeswegs in das kleine Herz hinein, wie es nur Wohlwollen, Vertrauen und Liebe in sich barg.

Mit diesen Augen blickte das Kind jetzt an dem vor ihm stehenden Mann in die Höhe, und diesem wurde seltsam zu Muthe dabei. Immer, von Jugend auf schon, hatte er Kinder lieb gehabt und sich gern mit ihnen abgegeben. Kinder und Blumen! Eine merkwürdige Liebhaberei eines zum Tode verurtheilten Einbrechers und Mörders!

Plötzlich kam ein banger, ängstlicher Ausdruck in Gretchens Gesicht, sie erinnerte sich der halb geflüsterten Worte des Mannes, der da vor ihr stand, als er die Blumen gesehen hatte, und wie der Vater ihm ein Zeichen gemacht hatte, er solle schweigen … das hatte sie recht gut bemerkt!

Sie setzte ein paar Mal an, um zu sprechen, und ihre kleine Brust hob und senkte sich rasch unter ihrem beschleunigten Athem. Endlich fragte sie stockend und so leise, daß Schönfeld sich tief zu ihr niederbeugen mußte, um sie zu verstehen:

„Ist das wahr, was Du eben gesagt hast, daß Du sterben mußt?“

Es that dem Mann leid, daß die Kleine seine Worte verstanden hatte, aber nun war es zu spät! Sie würde andere fragen und dennoch die Wahrheit erfahren, selbst wenn er sie ihr jetzt verschwieg. Und so nickte er und sagte: „Ja!“

Das Kind sah ihn scheu von der Seite an, und es war, als wenn es von ihm zurücktreten wollte, aber dann bezwang es sich und fagte sehr ernst:

„Betest Du denn auch viel zum lieben Gott, daß er Dich in seinen Himmel hineinnimmt?“

Ein bitteres Lächeln verzog die Züge des Gefangenen.

„Von so bösen Sündern, wie ich einer bin, will Dein lieber Gott gar nichts wissen, mein kleines Mädchen.“

Furchtlos, mit leuchtendem Blick, sah ihm das Kind von neuem ins Gesicht.

„Dann weißt Du nichts von ihm und kennst ihn gar nicht, wenn Du das sagen kannst! Liest Du denn nie in der Bibel? Da steht von so vielen Bösen, die alle schwere Sünden gethan haben, und der liebe Gott hat ihnen doch verziehen und sie alle, alle in den Himmel genommen. Und wenn unser Herr Prediger Dir verziehen hat – verziehen muß er Dir haben, hätte er Dir sonst all’ die Blumen geschenkt? – wie soll Dir unser Gott nicht verzeihen, der tausendmal besser und schöner ist als alle Menschen auf der Welt zusammen? Siehst Du wohl, jetzt thut es Dir leid!“

Gretchen war allmählich in Eifer gerathen, und tausendmal beredter als ihre Worte sprachen ihre Augen, aus denen die heiligste, unerschütterlichste Ueberzeugung redete, die nur aus einem gläubigen Kinderherzen kommen kann. Und als sie nun [747] sah, wie der Mann vor ihr fahl im Gesicht wurde und sein Mund zu zucken begann, da hatte sie triumphirend geschlossen: „Siehst Du wohl, jetzt thut es Dir leid!“

Ja, es that ihm leid! Das blonde Kind vor ihm, das mit seinem klaren Stimmchen aus seinem kleinen, einfältigen Herzen heraus so eindringlich zu ihm sprach, und der Blumenduft, der ihn sanft umschmeichelte, der Sonnenstrahl, der warm und golden durch das Fenster sah, rüttelten an seiner Seele. Oeffneten sich nicht dort die Blumenkelche, und stiegen aus ihnen nicht Traumgestalten auf, die er lange, lange für immer begraben wähnte? Fromme Wünsche und gute Vorsätze aus Kindertagen, ach, und fernes, fernes Kirchenglockengeläut’ und liebe, halbvergeßene Gesichter, und endlich die Gestalt, die Stimme, die er nicht hatte von sich bannen können, ob er’s auch noch so ernstlich gewollt, die Gestalt und Stimme des Mannes, den er mit Spott und Hohn von sich gewiesen und der kein hartes Wort für ihn zur Erwiderung gefunden, der ihm Bücher geschickt und Blumen und ihn voll tiefen Erbarmens angesehen hatte aus seinen schönen, mitleidigen Augen! Es konnte diesem Prediger doch gleichgültig sein, was am Ende mit der sündigen Seele eines Verworfenen geschah, aber es war ihm nicht gleichgültig. Der Verbrecher hatte es gefühlt, nein, gewußt, vom ersten Augenblick an: aus diesem Manne sprach nicht der berufsmäßige Eifer des Priesters, der seinem Namen mit der Bekehrung eines Sünders Ehre machen will … der Geist der Liebe sprach aus ihm, der alle kennt und alle umfaßt, ob sie sich ihm noch so störrisch entziehen, das feste, unerschütterliche Gottvertrauen, das da spricht: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!“

Als der Schließer Remmler sich von dem andern Gefangenen, der über Fieber und Lungenstiche geklagt und den Gefängnißarzt verlangt hatte, endlich frei machen konnte und die Zelle Schönfelds wieder betrat, bot sich ihm ein überraschender Anblick. Der zum Tode verurtheilte Verbrecher hielt Gretchen im Arm, und das Kind schmiegte seinen blonden Kopf so zutraulich an ihn, als läge es an seiner Mutter Brust. Als der Vater hereintrat, hob sie ihr Gesichtchen zu ihm empor und sagte ruhig und freundlich:

„Vaterchen, dieser hier will so gern unsern Herrn Prediger haben! Darf ich hingehen und ihn holen?“




11.

Frau Agathe Lamprecht trat, etwa zwei Stunden nachdem Annie ihren Ausflug nach Heinrichslust unternommen hatte, in Theklas Zimmer, in welchem die Besitzerin dieses Zimmers saß und so vertieft in Lessings „Erziehung des Menschengeschlechtes“ war, daß sie gar nicht auf die Eintretende acht gab.

Agathe war nicht gewillt, wie sonst manchmal, wenn das gelehrte Fräulein in seine Studien vertieft war, geräuschlos und rücksichtsvoll davonzuschleichen. Die Dame sollte durchaus sehen, was sie – Agathe Lamprecht – in der Hand trug, und mit ihr Meinungen austauschen, von wem es kommen und was es wohl bedeuten könnte: der alten Getreuen war das Herz übervoll, das „Vögelchen“ war ausgeflogen, ihr „Alter“ hatte so wenig Verständniß für zarte Angelegenheiten, … Thekla mußte herhalten, das stand fest, ganz fest!

Der gute Hausgeist räusperte sich bescheiden, – es half nichts! Die „Erziehung des Menschengeschlechtes“ hatte die aufmerksame Leserin in ihre Fesseln geschlagen und ließ sie nicht los. Ein zweites Hüsteln, weit bedeutsamer und nachdrücklicher, wurde laut. Thekla blickte mit zusammengezogenen Brauen empor, aber ihre Miene erweiterte sich, als sie das lebende Bild gewahrte, welches sich ihr bot: die alte Agathe, die in der rechten Hand, weit von sich gestreckt, als wenn sie sich damit zu verletzen fürchtete, einen großen, herrlichen runden Blumenstrauß hielt, von einer kostbaren gestickten Spitze umgeben und unten von einer sehr breiten Moiréschärpe von zartestem Rosa zusammengehalten. In der andern Hand hielt sie einen Brief mit vorsichtig gespitzten Fingern, als wäre er ein feuergefährlicher Gegenstand.

„Wie sehen Sie denn aus?“ lächelte Thekla und legte den Lessing fort. „Wie ein verblüffter Hochzeitsbitter weiblichen Geschlechts. Was soll denn das?“

„Ein Lohndiener hat’s gebracht, ein fremder. Für unser Anniechen!“ – Agathe vermochte in ihrer Erregung nur in abgebrochenen Sätzen zu sprechen und flüsterte so gepreßt, als wenn sie das größte Staatsgeheimniß verriethe. „Was soll ich nun bloß thun, Fräulein Thekla –?“

„Thun? Dem Menschen ein Trinkgeld geben.“

„Das hab’ ich ja schon gethan –“

„Dann den Strauß in eine Vase setzen – nicht so nahe – dort aufs Fenster – und ruhig abwarten.“

Diese kaltblütige Auffassung war keineswegs nach Agathens Sinn.

„Aber nun der Brief?“

„Den legen Sie säuberlich daneben – so!“

„Ach Gott, Fräulein Thekla, von wem kann er sein? Passen Sie auf, jetzt nehmen sie uns bald unser Vögelchen weg!“

„Kann schon sein!“ Thekla unterdrückte einen Seufzer. „Das ist ja aber nicht das erste Mal, daß wir so etwas“ – sie winkte mit den Augen nach dem Fenster hin – „ins Haus bekommen!“

„Das nicht, – aber – ich weiß auch nicht, – mir kommt es so vor, als wenn das Vögelchen selber Lust hätte, auszufliegen. Wär’s denn auch ein Wunder? Ihre Mutter, die war noch kaum so alt, da wußte sie schon, wen sie haben wollte, – und wenn ich mir die drei Herren von gestern bedenke, … Fräulein Thekla, auf welchen von den dreien haben Sie Verdacht?“

Die Gefragte mußte wieder lächeln.

„Seien Sie doch kein solch’ altes Fragezeichen, Agathe! Können Sie es denn nicht ruhig abwarten?“

„Nein, das kann ich nicht! Wie soll es mir einerlei sein, wen mein Anniechen zum Mann nimmt! Gott, Gott, mir drückt es das Herz ab! Wollen Sie sich nicht den Brief noch einmal ansehen, Fräulein, ob Sie vielleicht die Handschrift kennen? Soll ich ihn reichen?“

„Nein, das lassen Sie bleiben! Man erfährt das alles zeitig genug!“

„Wenn ich nicht wüßte, Fräulein Thekla hätten ebensogut ein Herz wie jeder andere gewöhnliche Mensch, dann müßt’ ich jetzt daran zweifeln! Wer weiß nun, wo das Kiud herumtrödelt in Heinrichslust und ihre Frau Weyland sucht und nicht findet und sich Gedanken macht, und ahnt gar nicht, was hier auf dem Fensterbrett für sie parat steht! Wenn es doch nicht der große, ernste Herr wäre, der gestern bei uns Klavier gespielt hat! Ich hab’ ihn oft auf der Straße getroffen, immer so finstere Augen macht er und ist immer in Gedanken und sieht keinen Menschen recht an; das ist kein Mann für unser Kind! Musik machen, ja, das kann er, und Maler soll er sein; ob er aber eine Frau ernähren könnte?“

„Zehn Frauen, Alte, nicht bloß eine!“

„Na, Gottlob, in der abscheulichen Türkei leben wir hier nicht! Also er könnte es? Wenn auch! Mir gefällt der andere besser, der Schöne, Blonde, so mild und gut sieht der aus, und künftigen Sonntag geh’ ich in seine Predigt. Da läutet es wieder – das Vögelchen ist das nicht, bei der klingt es anders!“

Es dauerte eine Weile, ehe Agathe wieder hereinkam, aber Thekla nahm dennoch ihr Buch nicht wieder auf. Sie war nachdenklich geworden, sie beschäftigte sich innerlich mit Annies Schicksal, und sinnend ruhte ihr Blick auf den halberschlossenen blassen Rosen des schönen Straußes, die einen schwachen, süßen Duft bis zu ihr sendeten.

Die Thür that sich auf und Agathe erschien von neuem.

Bis auf wenige Züge war es dasselbe Bild: wieder hielt sich die Getreue in der weit fortgestreckten Rechten ein Bouquet vom Leibe, wieder hatten ihre Fingerspitzen einen Brief gefaßt, wieder malte sich namenlose Wißbegierde auf ihrem Antlitz, nur war dieser Ausdruck jetzt mit einem gewissen rathlosen Entsetzen gepaart, und das Bouquet wies nicht wie das erste einen Reichthum wundervollster Rosen und eine feine Zusammenstellung zarter Farben auf, sondern es war ein radgroßes Ungethüm, aus den seltensten fremdartigen Blumen gebildet, offenbar sehr kostspielig, aber ohne besondere Wahl geordnet.

Thekla legte sich in ihren Sessel zurück und lachte herzlich.

„Nun. Agathe, ich bitte Sie, versuchen Sie’s, ein etwas geistreicheres Gesicht zu machen, mir zuliebe, ja? Auf dem Fensterbrett ist ja noch mehr Raum, da stellen Sie getrost das Scheusal hin!“

„Scheusal?“

„Ich finde, es ist eines! Alle Farben des Regenbogens sind darin und noch ein paar mehr! Und diese ungeheuerliche [748] blauweiße Schleife! Durch das Auge versteht sich dieser Freier nicht einzuschmeicheln, das ist sicher!“

„Fräulein Thekla können immer noch scherzen, und unter mir brechen die Kniee!“ rief Agathe kläglich. „Zwei Freier für mein Prinzeßchen, für mein Goldkind, zwei Freier an einem Tage!“ –

„Und den dritten wird sie nehmen!“ vollendete Thekla in Gedanken. „Das heißt, wer weiß, von wem der Rosenstrauß gekommen ist!“

Die alte Haushälterin sah sich vergebens im Zimmer nach einem Gefäß um, das handfest genug gewesen wäre, eine Bürde wie dies riesengroße, schwere Bouquet zu tragen; sie mußte ins Speisezimmer gehen, einen der mächtigen Metallkrüge, die dort auf dem Kredenztisch standen, herbeizuschleppen, und Thekla mußte solange die Blumen halten. Mit komischer Verzweiflung blickte sie auf das bunte Ungethüm in ihrem Schoß nieder, und die blau-weiße Schärpe wallte zu ihren Füßen in geschmacklosem Pomp.

Da kam von links her ein leichter beflügelter Schritt – wie wohlbekannt! – ein jauchzendes Stimmchen: „Thea, bist Du hier?“ und die Thür flog auf, und Annie stürmte herein, schleuderte Schirm und Shawl von sich und fiel vor Thekla auf die Kniee, schob die ganze Blumenlast, ohne nur hinzusehen, ohne zu fragen, wie einen lästigen Ballast beiseite und fing an, Theklas Hände zu liebkosen, mit Küssen und mit Thränen, warmen, glückseligen Thränen, die von den langen Wimpern niederfielen, während die Lippen lachten … ein wunderlieblicher Anblick: wie wenn eine Blume im ersten Morgensonnenschein die Thautropfen aus ihrem Kelch schüttelt.

„Thea, ach ich bin so gelaufen, ich konnte die Zeit nicht erwarten, bis Du es wußtest, – Du weißt schon, nicht wahr? In Heinrichslust … er … und ich … ein Zufall, nein, nein, das nicht, es giebt keinen, eine Fügung Gottes ist’s gewesen – ich weiß nicht mehr, aber ich werde mich besinnen – Thea, Thea, wenn Du es ahntest, wie glücklich ich bin!“

Wie sollte sie es nicht ahnen, da sie es doch vor sich sah, das verkörperte Glück! Sie hielt die junge Schwester fest an sich gedrückt und fühlte das stürmische Schlagen des jungen, überströmenden Herzens, und die Augen wurden ihr feucht.

Ein Poltern und Rasseln, wie wenn eine schwere Last von Metall zu Boden fällt, ließ die Schwestern erschreckt auffahren. Es war aber auch zuviel für Agathens heute schon so vielgeprüfte Nerven. Da lag das kostbare Riesenbouquet, für welches sie eben ihre alten Glieder mit dem schweren Krug abquälte, zerdrückt und mißachtet am Boden, die gleißende Atlashülle verbogen, die blauweiße Schärpe um den Tischfuß geschlängelt, und vor Fräulein Thekla kniete das Vögelchen, das leibhaftige Vögelchen, von dem kein Mensch wußte, wann und wie es überhaupt ins Haus gekommen war, und lachte und weinte in einem Athem und sprach von „Glück“ – hatte es denn schon einen von den beiden Briefen gelesen? Nein, sie lagen alle zwei friedlich nebeneinander auf dem Fensterbrett, und um den Rosenstrauß hatte sich ersichtlich auch niemand gekümmert … war es ein Wunder, daß Agathens Händen der riesige Krug mit dröhnendem Klang entfiel, da sie doch diese ihre Hände brauchte, um sich an den Kopf zu fassen: ist dies alles Traum oder Wirklichkeit?

In der nächsten Minute flog ihr das Vögelchen um den Hals und beschwor seine liebe Alte, es immer, immer lieb zu behalten, – als ob es anders möglich wäre! – und ihm sein großes, schönes Glück zu gönnen, – als wenn sich ein anderer annähernd so darüber freuen könnte! – und Gott zu danken dafür, daß er das Vögelchen mit „ihm“ zusammengeführt. Agathe erfuhr nun auch durch Thekla, wer „er“ sei, und konnte gar nicht recht aus Herzensgrund mitjubeln, nur immer weinen und weinen und Versuche machen, ihr Herzenskind zu segnen … aber es verlangte auch niemand mehr von ihr! Endlich legten sich die hohen Wogen ein wenig, und die Alte gedachte des Mittagsmahles, das in der Küche ohne ihre Aufsicht sicher alle Zustände des Verbratens und Ueberkochens durchmachte – sie hob den Metallkrug von der Erde auf, stutzte, mit vorwurfsvollem Kopfschütteln, das beschädigte Bouquet zurecht und stellte es hinein, holte dann den Rosenstrauß und die beiden Briefe herbei, alles ganz stumm, setzte ihrem sehr erstaunt dreinschauenden Liebling das alles so zu sagen vor die Nase und ging, sich die Augen trocknend, zur Thür hinaus.

„Thea!“ sagte Annie nach einer längeren Pause und wies mit dem Finger auf Agathens festliche Veranstaltungen. „Thea, was bedeutet alles dies?“

„In den Briefen wird es wohl stehen!“ entgegnete Thekla trocken. „Vermuthlich sind’s zwei Heirathsanträge für Dich!“

„Ach!“ machte Annie erschrocken und sah ihre Schwester so rathlos an, als sei diese verantwortlich dafür. „Thea, sag’ mir das eine: hab’ ich die durch mein Benehmen hervorgerufen?“

„Weißt Du denn schon, von wem sie kommen?“

„Ich glaub’ es zu wissen, ich ahne es! Das da,“ mit einer Kopfbewegung nach dem Metallkrug mit seinem Schmuck, „das verführerisch schöne Mühlrad kommt natürlich von dem Rittmeister und macht mir weiter keine Schmerzen. Meine kluge Thea schreibt ihm ein höfliches bedauerndes Briefchen und giebt ihm in meinem Namen für seine wundervollen Blumen einen Korb – und fertig! Aber – aber der andere – das Rosenbouquet, Thea, wenn es von Conventius wäre!“

„Das wird es wohl sein, Kleine!“

„Siehst Du, wär’ ich nicht so über die Maßen glücklich … dies könnt’ mich recht unglücklich machen! Ich hab’ ihn lieb, wirklich von Herzen lieb; wie es so rasch gekommen ist, weiß ich selbst nicht zu sagen, aber ich könnte meine Hand vertrauend in die seine legen, wenn er sagen würde: komm’ mit! und, ohne zu fragen, mit ihm gehen bis ans Ende der Welt! Hätte ich Karl nicht kennengelernt, – Karl heißt er, Thea, weißt Du das eigentlich schon? – kein anderer als Conventius wäre mein Mann geworden, so sehr gut bin ich ihm! Aber nun! Wie der stille, friedvolle, schöne Mond kommt er mir vor, und Karl, ach, das ist das Licht, der Glanz, die Sonne!“

Wieder kamen ihr die Thränen in die Augen, als sie Thekla von neuem heftig umarmte.

„Und Du bist überzeugt, Vögelchen, er, Dein Karl, meine ich, wird es verstehen, Dich recht glücklich zu machen?“

„Er mich? Darüber hab’ ich noch gar nicht nachgedacht! Die Hauptsache ist: ich will ihn glücklich machen, mein ganzes Leben will ich dransetzen, und ich kann es auch, das darfst Du mir glauben! Er hat es mir selbst gesagt, und ich hab’ es auch recht gut gemerkt: in mir, in meiner Persönlichkeit, meinem ganzen Wesen liegt die Macht, ihn jung und froh und heiter zu stimmen, alles Trübe und Schmerzliche von ihm abzustreifen und seinem Herzen wohlzuthun, wenn ich nur eben da bin, wenn ich nur rede und lache oder auch schweige, mich ganz so gebe, wie mir zu Muth ist! Und wenn ich das vermag, einen großen, edlen, guten Menschen durch mein bloßes Dasein glücklich zu machen, Thea, ist denn das nicht für mich Glück genug?“

Thekla strich mit der Hand leicht über die wunderschönen Augen, die im reinsten Licht selbstloser Freude leuchteten, dann, nach einer Pause, fragte sie:

„Du weißt es nicht, was ihn oft so trüb’ und schmerzlich empfinden läßt?“

„Bis jetzt hat er mir’s noch nicht gesagt, und wer weiß, ob er es jemals thut. Mag er das halten wie er will, ich werde ihn nie danach fragen!“

„Ich fürchte nur, Liebling, Du wirst ihn arg verwöhnen! Unbedingte Fügsamkeit vertragen die Männer nicht!“

„Ach, aber Thea! Ich will doch kein Studium aus ihm machen, mir dies und das mit dem Verstand zurechtklügeln und für diesen und jenen Fall allerlei Vorsätze fassen! Wie kann man denn das, wenn man mit dem Herzen liebt?“

„Nun, in Gottes Namen denn! Was weiß auch schließlich eine alte, vertrocknete Jungfernseele wie die meine, die nur einmal im Leben ein einseitiges Gefühl genährt hat, von Leidenschaft und glücklicher Liebe? Aber, Vögelchen, es hilft uns alles nichts, wir müssen jetzt wirklich diese Briefe lesen, denn wenn ich sie doch als Dein Geheimsekretär in Korbangelegenheiten beantworten soll …“

„Ach Gott, Thea, mir thut es so furchtbar leid um Conventius! Nicht, daß ich von mir eine so überschwenglich hohe Meinung hätte, aber wenn er mich lieb hat, wird er auch sehr unglücklich sein!“

„Er wird es hoffentlich überleben, Kleine! Aber recht hast Du doch: es wird ihm nahe gehen!“

[773] Annie kauerte sich auf ein niedriges Bänkchen neben Theklas Sitz, brach mit einem schweren Seufzer den Brief auf und ließ ihre Schwester mit hineinsehen.

 „Mein hochverehrtes, theures Fräulein!
Wie sehr viel lieber würde es mir sein, wäre es mir persönlich vergönnt gewesen, zu Ihnen zu sprechen, mit Blick und Wort das zu unterstützen, was aus diesen Zeilen den Weg zu Ihrem Herzen finden soll!

Ja, zu Ihrem Herzen, dem kindlich reinen, liebevollen, das gleich bei unserem ersten Begegnen zu mir sprach! Nicht der [774] hohe Reiz Ihrer Persönlichkeit, nicht die feine Bildung Ihres Geistes, die Anmuth Ihres Wesens allein war es, die mich bezauberte, das alles schien mir damals und scheint mir auch heute nur wie die herrliche Fassung, wie der wohlgelungene Schliff eines seltenen Edelsteines: der weiblichen Seele, die sich im bunten Treiben der Welt, im Tumult der Bewunderung und Huldigung ihre köstliche Frische und Unbefangenheit zu bewahren wußte.

Ich liebe Sie, theuerste Annie, von ganzem Herzen, liebe Sie mit der ganzen Leidenschaft und Innigkeit eines Mannes, der sein Leben nicht im tollen Rausch genossen, seine Empfindungen nicht in unwürdiger Weise zersplittert hat! Gottlob, daß ich dies von mir sagen, daß ich es wagen darf, mein Auge zu Ihnen zu erheben! Hierin nur und in meiner tiefen, unermeßlichen Liebe liegt die einzige Gewähr, daß Sie den großen Schatz Ihrer Neigung an keinen Unwürdigen verschenken. Wer ich bin, was ich habe, das wissen Sie! Kein größeres Glück für mich, als mein Los mit Ihnen theilen, Sie als mit mir denkende, mit mir handelnde Gefährtin auf meinem oft schweren und verantwortlichen Berufswege neben mir sehen zu dürfen, kein süßerer Gedanke für mich als der, Sie hochzuhalten als meines Daseins kostbares Kleinod.

Ich wage es noch nicht, auf Ihre volle, freudige Gegenliebe zu hoffen; wie selten wäre ein solches Glück, wie vermessen ich, es ohne weiteres für mich in Anspruch zu nehmen! Aber, wenn Sie nun wissen, wie es in mir aussieht, wenn Sie auf meine große und tiefe Liebe blicken, vielleicht, daß dadurch das freundschaftliche Wohlwollen, das aus Ihrem ganzen liebreizenden Wesen zu mir sprach, gesteigert und Ihr weiches Herz gerührt wird in dem Bewußtsein, wie mein ganzes Sinnen und Denken, mein ganzes Hoffen nur auf Sie gerichtet ist.

Ich harre in Demuth Ihres Ausspruchs, und ich bete zu dem Gott, an den wir beide glauben, zu dem Gott, der sich mir so oft über mein Verdienst gnädig erwiesen hat, er möge Ihr Herz zu meinem Herzen führen und mich lehren, diese Gnade zu verdienen! All mein irdisches Glück liegt in Ihrer Hand! Ich drücke diese theure Hand an meine Lippen, an mein Herz und warte, daß sie über mein Schicksal entscheide.

 Immer Ihr treu ergebener
 Reginald von Conventius.“

Die Schwestern ließen den Brief sinken. Thekla sah sehr ernst und nachdenklich vor sich hin, und ihre Lippen flüsterten, ohne daß das junge Mädchen es hören konnte, mehrmals „Schade!“ Annie aber legte wieder ihren Kopf auf Theklas Kniee und weinte bitterlich.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Er, dem diese Thränen galten, trat um mehrere Stunden später blaß und ergriffen aus der Thür des Gefängnisses. Remmler, der ihn geleitete, und mit dem der leutselige Pfarrer sonst manch freundliches Wort redete, wartete heute umsonst auf eine Ansprache von ihm.

In dem weiten, in regelrechtem Viereck von Gebäuden umstellten Hof lagerten schon abendliche Schatten, die Sonne reichte nicht mehr bis hierher. Warme, sommerliche Luft wehte zwischen den dunkeln, hohen Mauern, als sei auch sie hier gefangen und könne nicht mehr hinaus. Ein Schwälbchen schoß zwitschernd vorüber und huschte in sein kleines Nest unter einem breiten Steinsims nahe dem Dach; zwischen dem fest eingerammten Pflaster sproßten junge Gräser auf, und durch eine halbgeöffnete Thür sah man in den Garten des Direktors, in dem bereits die Obstbäume zu blühen begannen.

Eben trat Gretchen Remmler aus des Schließers Thür und lief mit ihren leichten Kinderfüßchen quer über den ganzen Hof, als sie den Prediger neben ihrem Vater aus dem Gefängnißthor heraustreten sah.

„Herr Pfarrer –“ begann sie schüchtern.

Er drehte sich freundlich nach ihr um.

„Nun, kleine Friedenstaube, was bringst Du mir?“

„Der Herr Direktor“ – Gretchen schöpfte tief Athem – „ja, der Herr Direktor läßt herzlich bitten, ob der Herr Pfarrer nicht so gut sein möchten und noch ein ganz kleines Weilchen zu ihm kommen, er wollte Sie noch so gern sprechen!“

„Gewiß will ich das, mein Kind! Guten Abend, Remmler, und Du, mein Gretchen, besuchst mich morgen nach der Schule, ich muß noch einmal mit Dir reden!“

Direktor Warner saß im Garten unter einem blühenden Kirschbäumchen auf einer Holzbank und erhob sich lebhaft, als er den Erwarteten erblickte.

„Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie kommen, Herr Pfarrer! Ich habe um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie so spät noch herbitten ließ, aber es läßt mir keine Ruhe, ich muß wissen, wie die Sache mit dem Kerl – hm! – ich meine mit dem Schönfeld, abgelaufen ist … abgelaufen ist!“

„Sie wissen, daß er mich durch Gretchen Remmler rufen ließ –“

„Ganz recht, ja! Die Kleine sagte mir Bescheid: der Gefangene auf Nummer achtundfünfzig möchte gern den Herrn Prediger sprechen! Sie können sich vielleicht mein Erstaunen denken! Hat’s denn damit wirklich seine Richtigkeit gehabt – Richtigkeit gehabt?“

„Jawohl, Herr Direktor!“

„Also wahrhaftig! Mir wirbelte der Kopf, als ich es hörte! Nummer achtundfünfzig verlangt nach unserm Herrn Prediger! Ich sagte mir es immer wieder vor, Nummer achtundfünfzig, dieser mit allen Wässern des Atheismus, des Nihilismus gewaschene Spitzbube, der seinen Mord und Raub aufs kaltblütigste eingesteht, nichts von mildernden Umständen, von Verführung, Komplott und Mitschuldigen wissen will, keinen einzigen seiner ohne Zweifel zahlreichen Spießgesellen angiebt, die Aerzte, die ihn auf Geistesstörung hin beobachten wollen, kurzer Hand von seinen ungeschwächten Verstandeskräften überzeugt und nach einem Gott, einem Jenseits und ewigen Leben soviel fragt wie nach einer tauben Nuß! Und nun – wie um alles in der Welt mag es gekommen sein … gekommen sein?“

Ich kann Ihnen das nicht so ganz genau nachweisen, Herr Direktor! Ich habe mich gehütet, den Gefangenen über seine inneren Regungen, die alle noch im Keim liegen und deren er sich halbwegs schämt, allzusehr auszuforschen. Hätte ich das gethan, – sein kaum beginnendes Vertrauen zu mir wäre für immer dahin gewesen. Als Gretchen Remmler zu mir kam, bin ich sofort mit ihr gegangen, da ich glücklicherweise freie Zeit hatte; dennoch schien die kurze Frist, die zwischen dem Aussprechen seines Wunsches und meinem Kommen lag, genügt zu haben, den Mann mit Reue wegen seiner ‚Uebereilung‘ zu erfüllen, ich fand ihn kühl, einsilbig, verlegen, es gelang mir erst ganz allmählich, ihn zum Aufthauen zu bringen.

Ich begegnete bei ihm, wie bei unzähligen andern gebildeten und halbgebildeten Leuten, einem tiefgewurzelten Mißtrauen gegen den geistlichen Stand im allgemeinen, der festen Ueberzeugung, wir Prediger machten aus unserem Glauben ein sogenanntes Geschäft und seien nichts anderes als mehr oder weniger gute Schauspieler. Ich habe diese Ueberzeugung natürlich nicht mit einem Male entkräftet, ich habe sie nur nach bestem Können zu erschüttern vermocht. Schönfeld fragte mich in feierlichem Ton, mit durchdringend auf mich gerichtetem Blick, ob ich thatsächlich alles glaube, was ich anderen Leuten als göttliche Wahrheit predige; nun, ich konnte das mit gutem Gewissen bejahen, und es schien ihm Eindruck zu machen, er war sichtlich betroffen. Er kam dann auf seine That zu sprechen und wie er schlechterdings keine Reue darüber zu empfinden vermöge, wie er auch der menschlichen Gerechtigkeit ihren ungehinderten Lauf lassen wolle, da ihn das Leben anwidere und er der Meinung sei, es sei kein Platz mehr für ihn auf der Welt. Die Person, die er ums Leben gebracht habe, sei ein bösartiges, schädliches Geschöpf gewesen, und man schulde ihm eigentlich Dank, daß er es beseitigt habe.

Auf meine Entgegnung, wir müßten es Gott überlassen, Tod und Leben zu bestimmen, erwiderte er in seinem alten höhnischen Ton, Gott könne ihn ja zu seinem Werkzeug auserkoren haben, um die Menschheit von einem schlechten Subjekt zu befreien.

Ich fragte ihn mit großem Ernst, ob er wirklich irgend eine göttliche Regung, die ihn zu einer solchen That hätte anspornen können, in sich gespürt habe; die Antwort lautete: nein, er entsinne sich überhaupt nicht, jemals einer göttlichen Regung seines Innern gefolgt zu sein. Ob wir denn dazu da seien, thatenlos zuzusehen, wie Laster, Geiz und Ungerechtigkeit sich auf Erden breit machen, ohne den Versuch zu wagen, dem abzuhelfen und den armen Bestohlenen, Unterdrückten ihr Recht zu verschaffen? – Gewiß sollen wir das, entgegnete ich, aber Mord [775] und Diebstahl seien nicht die Mittel, einen solchen Zweck zu erreichen, von solchen Irrwegen wende Gott sich mit Zorn ab; ich wies auf seine Bildung, sein gesundes Urtheil hin, ich fragte ihn, was wohl aus der Welt werden müßte, wenn jeder darin sich sein sogenanntes ‚Recht‘ nehmen würde … sein Recht, das jeder Stand, jede Bildungsklasse anders ansieht, anders auffaßt, das bald hier, bald dort liegen und unnennbares Unglück, grenzenlose Verwirrung heraufbeschwören müßte.

Gewiß sei an der Welt, so wie sie heute sei, vieles unvollkommen und dringend der Verbesserung bedürftig, immer aber sei ein anderer Geist als der der Vernichtung und Zerstörung nöthig, aus dem heraus wir streben müßten, vorwärts zu bringen und Schäden zu beseitigen. – Ob das der Geist der Liebe sei, von welchem alle Geistlichen soviel Redens machten? – Ohne Zweifel! – Ob ich denn zum Beispiel ihn lieben könne, ich, der makellose Gottespriester, ihn, den schweren Verbrecher? – Sicher thäte ich das! Ich sei aber kein makelloser Gottespriester, sondern ein Mensch wie er, und eben, weil ich das sei, spreche das Menschliche aus mir zu ihm mit beredter Stimme – ob denn diese Stimme nicht auch zu ihm geredet habe? – Allerdings, er habe sich, gegen seinen Willen, gleich von Anbeginn zu mir hingezogen gefühlt, trotzdem ich ein Geistlicher sei! – Eben weil ich ein Geistlicher sei, war meine Erwiderung, und was da in ihm für mich spreche, unklar noch und halb verstanden, das sei Gott, derselbe Gott, zu dem ich bete, der mir helfe, wenn ich ihn rufe, der mir auch hier, auch heute helfen werde, wenn ich ihn mit ganzer Kraft meiner Seele bitte, mir beizustehen.

Und dann habe ich ein kurzes Gebet gesprochen aus meinem Herzen heraus, und der Gefangene hat mir zugehört, erstaunt, aber nicht spöttisch, nicht widerwillig oder empört. Und er hat mich mit leiser Stimme gebeten, wiederzukommen, recht bald, und das habe ich ihm versprochen!“

Es blieb eine Weile still unter den blühenben Obstbäumen; endlich nahm der Direktor die schmale Rechte des Pfarrers zwischen seine derben, kurzen Hände und drückte sie kräftig.

„Sehen Sie, ein solches werkthätiges Priesterthum, wie Sie es haben, Herr von Conventius, das lob’ ich mir! Hat uns lange gefehlt! Irgend ein allgemein gehaltenes Gebet und ein paar Bibelsprüche für die Gefangenen, das thut’s nicht! Nein, man muß ihr Leben kennenlernen, auf ihre Ideen eingehen, die Sache vom praktischen Standpunkt angreifen! Hier zumal, wo der Betreffende sich auf Bildung und Aufkärung hinausspielt und den Philosophen des Unbewußten darstellen möchte! Nicht jeder Geistliche hätte sich so ruhig von diesem Teufelskerl ausfragen lassen, ihm so eingehend geantwortet, sich mit ihm gewissermaßen auf gleiche Stufe gestellt. Im übrigen wäre es ihm selbst und auch Ihnen, bester Herr Pfarrer, und Ihrem warmen Eifer zu gönnen, wenn diese arme Sünderseele bald ihren Frieden mit dem Himmel machen wollte, bald, sage ich, denn die Bestätigung des Todesurtheils kann jeden Tag eintreffen, und dann hat’s bis zur Vollstreckung nur noch knappe Frist, – nur noch knappe Frist!“

Reginald erhob sich rasch.

„Ist keine Hoffnung mehr, keine? Und wäre ein Gnadengesuch ganz erfolglos?“

„Es hätte nur dann Erfolg, wenn der Verurtheilte selbst wenigstens den Weg der Gnade beschreiten, zeitweilige Unzurechnungsfähigkeit, Trunkenheit, fahrlässige Tödtung oder dergleichen einräumen wollte. Aber ‚in allen Punkten geständig‘ heißt es in den Akten immer wieder. Ja, was soll da der Vertheidiger machen? ’s ist ein hoffnungsloser Fall. Also Sie gehen schon, Herr von Conventius? Nun, ergebenster Diener und vielen Dank – vielen Dank!“

„Ein hoffnungsloser Fall – ja!“ sagte sich Reginald auf seinem Heimwege. „Denn der Mann soll sterben, und es giebt für ihn kein Entrinnen vor der irdischen Gerechtigkeit! Und doch nicht ganz hoffnungslos, nicht ganz verloren, nein, nein! Gott wird mich hören, wird mir so gnädig sein und sein unsterblich Theil einfordern durch mich, sein demüthiges Werkzeug! Möge mein Herz fromm und unverzagt, mein Geist stark und muthig sein, mein Mund die rechten Worte finden, damit ich mein hohes Ziel erreiche!“

Und während die Worte in ihm wiederklangen wie ein Gebet, sank leise der Frühlingsabend nieder auf die schöne Welt. Goldene Schleier schwebten am Himmel, ein süßer Duft stieg wie ein Dankopfer von den frisch aufgeblühten Kräutern empor, ehe der Nachtthau kam, sie zu tränken, und ein leises Säuseln strich durch Busch und Baum. Kein Wind war’s, nur ein friedliches Athmen, das die blühenden Bäumchen küßte, die ihren Lenzestraum träumten. – Und in Reginalds Seele küßte dies kosende, weiche Lüftchen den Liebestraum wach, und eine grenzenlose Sehnsucht nach Glück kam über ihn, ein allmächtiges Verlangen nach Annie Gerolds süßem Gesicht, nach ihrer Stimme – ihrem Kuß! Es packte ihn wie mit Allgewalt – es riß ihn vorwärts, trieb ihn seinem Hause zu … gewiß, gewiß, er konnte schon eine Antwort finden!

Und er fand sie!

Dort auf seinem Arbeitstisch, unter dem Lichtschein, den die brennende Lampe auf die purpurrothe Decke warf, lag ein Brief, die Adresse wies eine kraftvolle, große, charakteristische Handschrift aus – schrieb so Annie? Vielleicht, nein, gewiß sogar antwortete ihm die ältere Schwester. Wie seine Hände zitterten, als er den Umschlag öffnete! – –

Da! Verlobt mit einem andern! – Ihm war’s, als hätte er einen eiskalten Schlag ins Herz bekommen – in sein warmes glückdurstiges Herz! Ihm flimmerte es vor den Augen – seine reine und starke Natur sträubte sich, zu glauben, was er las. Konnte denn das sein? War es möglich? Ein Mann liebt ein Mädchen, so wie er liebt, aus voller Seele … und dies Mädchen empfindet nichts davon und geht hin und verlobt sich mit einem andern!

Er biß die Zähne über einander und zwang sich ruhig zu werden und den Brief zu lesen. Er war sehr herzlich abgefaßt, dieser Brief, fast in mütterlichem Ton, und wenn Reginald nicht ganz von dem einen Gedanken beherrscht gewesen wäre, hätte er leicht zwischen den Zeilen herauslesen können, wie es der Schreiberin leid thue, daß es gerade so habe kommen müssen. Aber er sah nichts davon und wenn auch! Was hätte er mit Thekla Gerolds Mitgefühl und ihrem heimlichen Bedauern angefangen!! Sie theilte ihm mit, wie schmerzlich ihre junge Schwester über seinen Brief geweint habe, wieviel Freundschaft und Hochachtung sie für ihn empfinde, ein wehmütiges Lächeln verzog Reginalds Lippen … er hatte mehr gehofft als das!

O Annie, Annie – Lieblichstes und Schönstes, was die ganze weite Welt für ihn hatte! Für ihn gab es nichts Süßeres als ihr rosiges, zartes Gesichtchen, ihren klug aufleuchtenden Blick, ihr helles Lachen! Zu seiner Qual sah und hörte er all dies deutlich vor sich, sah sie in dem Kleide, das sie zuletzt getragen, sah die bittenden, schönen Augen auf sich gerichtet, als sie ihn fragte, ob sie ihm ihre Blumen schicken dürfe, fühlte ihre warme, weiche Hand in der seinen! Ach – hätten sie ihm geschrieben, er solle warten, um sein Glück dienen, es sei nicht alle Hoffnung ausgeschlossen – er würde ein geduldiger Bewerber geworden sein! In Demuth hätte er auf ihren Ausspruch geharrt – aber nun! – Und er, dieser Mann, den er am ersten Abend schon an ihrer Seite gesehen, der wie ein dunkler Schatten gegen ihre Lichterscheinung, ihr sonnenhelles Wesen hervortrat – er hatte sie ihm genommen!! War es denn nicht auch zuviel gewesen, was er, Reginald von Conventius, vom Schicksal gefordert? Wie? Es hatte ihn in seinem so sehr geliebten Beruf begünstigt, ihn in kürzester Frist auf einen hervorragenden, bedeutenden Posten gestellt, ihm verantwortliche Pflichten, wie er sie sich wünschte, gegeben und ihm die Fähigkeit und Kraft verliehen, diesen schweren Pflichten auch gerecht zu werden; es hatte ihm Rang und Ansehen, ein gewinnendes Aeußere und viele Mittel zum Wohlleben und Wohlthun gegeben, – nun streckte er noch nach einem, dem höchsten Besitz, seine Hand aus … er wollte nicht nur geachtet, angesehen und beliebt – er wollte auch glücklich sein! Eine Braut – ein Weib wie Annie Gerold ihm zur Seite, und er hätte den Himmel auf Erden gehabt! – Aber sein Himmel sollte nicht auf Erden sein! –

Ein häßliches, bitteres Gefühl, das seine Seele bisher noch nie gekannt, kam über ihn: der Neid! Neid auf den Glücklichen, der jetzt gewiß, an diesem wonnigen Maiabend, im verschwiegensten Winkel des Geroldschen Gartens saß, sein neues Glück im Arm: an seine Schulter gelehnt das Köpfchen mit dem seidigen, braungoldenen Haar – zu ihm aufblickend die wunderbaren Augen, in denen ein zärtliches Licht entfacht war – für ihn die thaufrischen, lächelnden Kinderlippen – – – –

[776] Schwer athmend sprang Reginald empor; er wollte das nicht denken, nicht sehen, vor allem den dumpfen, lähmenden Druck nicht mehr haben, der seiner unwürdig war, der sein Herz vergiftete! Ihr Herz hatte ihn nicht gewahlt, es sprach nichts darin für ihn – – nun, so hatte er das zu ertragen und seinen Weg allein weiterzugehen wie bisher! –

Wie bisher … und doch so anders! Zeige dem Menschenherzen, das bis dahin nur von Arbeit, Pflichterfüllung und Freundschaft wußte, das Glück und die Liebe, wecke das Verlangen, den quälenden Durst danach in ihm, – – – laß’ ihm die entzückende Fata Morgana dicht, dicht vor den sehnsüchtigen Augen gaukeln – und dann entzieh’ sie ihm plötzlich und sprich: „Was hast Du denn gehabt? was besessen? es ist ja alles wie zuvor“ – wird es dir glauben und wieder ruhig schlagen wie ehemals?




12.

Fritz von Conventius stieg rasselnd, klirrend, säbelschleifend die drei Stufen zu seiner Flurthüre hinauf und schloß sie mit einem Drücker auf; er kam von der Parade, hatte gestern und heute allerlei erlebt – war sehr nachdenklich – sehr!

Zuerst klirrte der junge Kriegsgott vor den Spiegel in seinem Arbeitszimmer – halb mannshoch, aber schlechtes Glas! – und unterzog sich einer eingehenden Musterung. Hm! Ja! Hm! Warum nicht? Trotz des schlechten Glases nicht ohne – gar nicht so übel! Hm! Ja! –

Aus dem Nebenzimmer eilte Julchen mit wilden Sätzen herbei und sprang freudewinselnd an ihrem Gebieter in die Höhe.

„Na, schau gut, Alte! Kusch Dich! Was hast Du Dich denn so unbändig zu benehmen, dummes Frauenzimmer? Thust ja gerade, als ging’ es heute auf Wildenten und Schnepfen los! Aber hat sich was! ’s ist doch, als wenn die Kreatur wüßte … ja, ja, Julietta, wir sind nicht von Stroh, – haben eine feine Spürnase – leben nicht umsonst Jahr und Tag im vertraulichen Verkehr mit einem gebildeten Ulanenlieutenant! Aber noch sind wir nicht so weit, sag’ ich Dir! Thee trinken und abwarten! Was ist das für ein neugieriges Gesicht! Abwarten, heißt es!“

Der Lieutenant gab Julchen, die erwartungsvoll und schweifwedelnd zu ihm aufschaute, einen Nasenstüber, was sie mit unwilligem Rümpfen hinnahm, und begann, sich seiner Uniformpracht zu entledigen.

„Dieser Esel von einem Burschen ist wieder ’mal fort! Irgend einer Schürze nach, natürlich! Merk’ es Dir, Julchen, alles Unglück, was auf Erden geschieht, richten die Weiber an. Prosit!“

Er führte sich ein Glas Portwein zu Gemüth, schlüpfte in seine Hausjoppe und warf sich, die bestiefelten und bespornten Beine weit von sich streckend, auf eine niedrige gepolsterte Ruhebank. Julchen hatte ein Stück gekochten Schinken, das Fritz ihr zuwarf, geschickt mit dem Maul aufgefangen, hielt es jetzt zwischen den Vorderpfoten und verzehrte es in beschaulichem Behagen.

Der Ulanenlieutenant lag eine Weile regungslos, dann tastete er mit der Hand, ohne sich aufzurichten, auf einem kleinen, kettenbehangenen Metalltischchen, das neben der Polsterbank stand, umher, griff sich eine Cigarette und Streichhölzchen, und nun, zwischen den blauen Rauchringeln zur Zimmerdecke emporstarrend, konnte er mit dem richtigen Nachdenken beginnen.

Zuerst dachte Fritz an sich selbst – wer will ihm das verargen? Er hatte vor einer kleinen halben Stunde, frisch von der Parade kommend, Hedwig Rainer mit ein paar Freundinnen auf der Kommandantenbrücke getroffen, und wie er ehrerbietig und erfreut zwei Finger an den Helm legte, konnte er nicht umhin, wahrzunehmen, daß die niedliche Blonde tief erröthete und ihn sehr – sehr wohlgefällig musterte; eigentlich war’s mehr gewesen als Wohlgefallen, was aus ihren Augen zu ihm gesprochen hatte! – Und nun lag Fritz hier auf dieser seiner Ruhebank und überlegte rauchend, während er zugleich überlegend rauchte. Einen Korb würde er sich hier nicht holen, das stand fest, und das nöthige Kleingeld fehlte auch nicht – soweit war alles in Ordnung! Seine eigenen Angelegenheiten waren arrangirt, dank dem Prachtstück von einem Vetter, der ihm vor vierzehn Tagen „so nebenher“ eine alte, sehr drückende Schuld von viertausend Mark bezahlt hatte ohne ein Wort der Ermahnung oder des geistlichen Zuspruchs, nur mit einem kleinen, verlegenen Lachen und einem treuherzigen „aber Fritz!“ alle Dankesäußerungen abschneidend. Jetzt blieben nur noch ein paar ganz unbedeutende Kleinigkeiten, nicht der Rede werth – o ja, der Ulanenlieutenant von Conventius war ein braver Kerl! – War er denn sehr verliebt in Hedwig Rainer? So sehr eigentlich nicht – aber doch ein wenig! Wenn ihm nur nicht ein anderes, sehr viel reizenderes Gesicht so oft und deutlich vorgeschwebt hätte! Teufel noch eins! Er wußte es ja genau, die Trauben hingen viel zu hoch für ihn. wuchsen überhaupt gar nicht für ihn … daß er einen solchen Kennerblick für weibliche Schönheit, ein so verwünscht treues Gedächtniß für jeden Ausdruck, jedes Lächeln haben mußte! Ach – dieses Lächeln – – weg damit! Andere Mädchen konnten auch lächeln, sehr freundlich und ermuthigend sogar! Nun also! – Es bleibt dabei! Hedwig Rainer!

Er warf ganz aufgeregt dem schlafenden Julchen den glimmenden Cigarrenrest an den Kopf und nahm frischen Vorrath! In den nächsten Tagen also – „im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen“, – da könnte man sich auf die Brautfahrt machen! Der selige Papa Rainer hatte seinem Töchterchen ein hübsches Vermögen erworben – sehr lobenswerth von dem guten Herrn … freilich, eine Schwiegermutter war vorhanden, aber sie hatte ein freundliches, braves Gesicht und schwärmte augenscheinlich fürs Militär; die würde nicht beißen!

So – das wäre abgemacht! Aber nun Reginald – hatte er eigentlich Aussichten bei Annie Gerold? Seit einigen Tagen hatte Fritz den Vetter nicht gesprochen, sie hatten beide viel zu thun gehabt, das Kind Gottes und das Kind der Welt, aber gestern, als der Ulan mit dem Kameraden Gründlich aus der Hausthür getreten war, da waren sie geradeswegs auf den heimkehrenden Reginald gestoßen; sie hatten nur einen kurzen Gruß getauscht, aber das edle, schöne Gesicht war dem wachsamen Auge des Vetters eigenthümlich ernst, fast traurig erschienen! Das konnte doch nicht … undenkbar! Wenn das geschah, wenn Annie Gerold dies Juwel von einem Manne nicht nahm und Gott noch dazu auf den Knieen dankte, dann, – ja, dann konnte ihre Schönheit noch so groß, ihr Lächeln noch so bezaubernd sein … Fritz von Conventius würde mit ihr fertig sein!

Und was war mit Parsifal, dem „reinen Thor“, geschehen? Er hatte dem Kameraden Gründlich sehr triumphirend erzählt, er laufe jetzt Sturm auf die Festung, was entschieden die beste Taktik sei – er habe schon einen Besuch „dort“ abgestattet und werde jetzt mit einem Bouquet nachhelfen. Nun, heute bei der Parade hatte der Festungsstürmer so schlecht gelaunt ausgesehen, daß Fritz, statt jeder anderweitigen Anspielung, nur gefragt hatte, ob ihm die Petersilie bei dem schönen Maiwetter gänzlich verhagelt worden sei. Thor hatte etwas von „faulen Witzen“ gebrummt und seinen Rapphengst so schlecht behandelt, daß dieser es übelnahm und dem Reiter gehörig zu schaffen machte. „Wenn der Ulan schon an einem unschuldigen Stück Pferdefleisch seine Wuth ausläßt, dann ist’s schlimm um ihn bestellt,“ folgerte Fritz, „ich nehme an, daß die schöne Annie ihn mit Grazie hat ablaufen lassen; verdenk’ ihr das, wer kann! Eine solche Gazelle – und dies Mammuth!“

Soweit war der junge Mann in seinen Betrachtungen gekommen – und sie drehten sich alle um Liebe und Heirath! – als die Thür sich vorsichtig aufthat und das geröthete Gesicht des Burschen sichtbar wurde, der einen sehr schlechten Empfang bei seinem Gebieter voraussetzte, daher auch nicht näher kam, sondern mit einem sehr langen Arm ein großes, weißes Couvert auf das Metalltischchen schob.

„Was soll das?“ rief der Lieutenant plötzlich überlaut, als sich die Thür eben wieder vorsichtig schließen wollte. „Hierher! Rapport!“

Der Gerufene kam mit sehr kleinen Schritten heran und hielt sich in der Nähe der Thür.

„Dies hier ist eben für den Herrn Lieutenant angekommen!“

„So? Und wann bist Du für den Herrn Lieutenant angekommen? Wie?“

„Ich – ich – der Herr Lieutenant werden entschuldigen –“

„Nichts wird entschuldigt! Wo hast Du gesteckt?“

„Der Herr Lieutenant werden entschuldigen – die Emilie von drüben ist meine Braut, – und heute ist drüben Besuch, und da half ich ihr bloß decken.“

„Also die Emilie von drüben! Nette Bescherung! Wie sieht die Emilie von drüben aus?“

„Herr Lieutenant werden entschuldigen - sie sieht sehr gut aus!“

„Wollte ich mir auch ausgebeten haben! – Jung?“

[778] „Zwanzig Jahr, Herr Lieutenant! Und ob ich heute abend nicht bei der Gesellschaft serviren helfen darf?“

„Ihr werdet was Schönes zusammenserviren – zwei Verliebte! Die armen Gäste! Na – Pascholl! – Kehrt – Marsch!“

„Vielen Dank auch, Herr Lieutenant! Wenn der Herr Lieutenant für die nächste Zeit noch etwas brauchen – eine Stunde bleib’ ich noch hier!“

„Sehr verbunden! Werde mir’s merken! Jetzt mach, daß Du fortkommst!“

Der Bursche verschwand, und Fritz, den das kleine Intermezzo erheitert hatte, griff, halb aufgerichtet, nach dem Couvert und riß es auf. Eine sehr fein ausgestattete Karte fiel ihm entgegen.

„Annie Gerold

Karl Delmont, Professor an der Kunstakademie,

Verlobte.“

Der Ulan schlug mit der geballten Faust auf das Tischchen, daß das Metall klirrte und die Ketten rasselten. Julchen fuhr mit einem entsetzten Laut aus ihrem friedlichen Schlaf empor und der Bursche steckte den Kopf zur Thür herein und fragte erschrocken: „Was befehlen der Herr Lieutenant?“

„Nichts – zum Donnerwetter! Schert Euch alle beide zum Teufel!“

Dies geschah, und Fritz blieb mit seiner Wuth allein.

„Es ist doch gleich zum … dieses Glück, das der Farbenreiber hat! Verlobte – jawohl – nimmt sich sehr schön aus – gratulire, Frau Professorin in spe! Mir ahnte so etwas – war mir gleich nicht wohl, als ich diesen interessanten Künstler um das Mädel herumspuken sah! Solch einen Geschmack zu haben! Einen schöneren Kerl als meinen Regi kenn’ ich wenigstens nicht und sie wird auch keinen kennen! Aus der Haut könnte man fahren!“

Ueber dem Haupt des schwergereizten Lieutenants begannen jetzt Schritte zu ertönen – immer gleichmäßig auf und ab, auf und ab, die ganze Länge des Zimmers herauf und herunter.

„Da geht er nun hin und her mit seinem Liebeskummer – der arme Teufel – dem wird die Sache heillos nahe gehen! Unsereins schüttelt sich ein paarmal, wettert unter die Rekruten, trinkt sich ’nen Gehörigen an, macht dem Gaul ordentlich zu schaffen – und aus ist es – aber der! Solch ein kokettes, herzloses Mädel! Na, das stimmt aber eigentlich nicht – sie ist doch ein süßes Geschöpf – und eben weil sie das ist, hätte sie nicht diesen … Jetzt hat der da oben womöglich auch solch eine schöne Anzeige in der Hand! Wird ihm ungeheuer erfreulich sein! Konnte dieser Maler sammt seiner Berühmtheit nicht sitzen bleiben, wo er gesessen hatte? Dann säß’ ich jetzt oben bei meinem Regi und braute uns ein feines Böwlchen und freute mich auf den Augenblick, wo ich der schönen Annie den innigen Vetterkuß auf das reizende Mäulchen drücken könnte! Ja Prosit! Jetzt kann ich mir den eigenen Mund wischen und zusehen, wie der Professor sie küßt! Ich will aber nicht zusehen – nein, ich thu’ es nicht! Daß diese kluge Thekla so etwas wie diese Verlobung zulassen konnte! Die hat es doch mit halbem Auge gesehen, wie es um Reginald stand – aber in Liebesgeschichten taugt kein einziges Frauenzimmer was – kein einziges, und wenn es noch so klug und so alt ist! Meine eigene Verlobungsidee ist mir förmlich verleidet! Wenn eine Annie Gerold so ist – was läßt sich dann von einer Hedwig Rainer erwarten? – Parsifal wird nicht übel wettern – die Flüche möcht’ ich hören – er kann ein ganzes Lexikon voll davon herausgeben. Na – Gott gnade seiner Schwadron! Aber mein armer Regi, wie er die Rennbahn auf- und abläuft! Die Zimmergymnastik wird ihm wenig helfen. Ob ich zu ihm hinaufgehe? Wenn er wenigstens Skat spielen könnte und wir hätten den dritten Mann“ – –

Dies war der Gedankengang des Lieutenants von Conventius anläßlich der Verlobung Annie Gerolds mit Delmont. – –

Sie machte viel von sich reden, diese Verlobung, denn in allen Schichten der Bevölkerung von F… interessirte man sich für die schöne Annie Gerold. Man hatte allgemein geglaubt, sie würde irgend einen Offizier heirathen, sie schien dazu wie geschaffen. Ihre Verlobung mit Professor Delmont schlug unerwartet wie eine Bombe in zahlreiche ahnungslose Gemüther und versorgte viele Familien auf längere Zeit hinaus mit Gesprächsstoff. Merkwürdig war es nur, daß, so allgemein beliebt auch Annie war, sich doch niemand so recht herzlich über ihre Verlobung zu freuen vermochte. Man war erstaunt, befremdet, überall hieß es: „Nein, aber diese Ueberraschung!“ oder: „Wer hätte doch das gedacht!“ – nirgends aber sagte man: „Das freut mich recht von Herzen – das giebt ein glückliches Paar!“

Das kam nun wohl daher, weil die wenigsten überhaupt Delmont kannten. Er hatte fast gar keine Besuche gemacht, in einigen Familien nur Karten abgegeben zu einer Zeit, da man zehn gegen eins wetten konnte, die Betreffenden nicht daheim zu finden. Und die wenigen Leute, die ihn bei einem kurzen Besuch gesprochen hatten, wußten entweder nicht, was sie aus ihm machen sollten, oder er war ihnen gar unheimlich. Seine Manieren ließen nichts zu wünschen übrig, sie waren die eines Mannes der großen Welt – wenn nur seine Augen nicht so müde und weltfremd geblickt hätten, wenn nur durch seine Worte nicht immer wieder diese grenzenlose Gleichgültigkeit gegen alles, was das Publikum sagt und denkt, sichtbar geworden wäre. Delmont erschien im Gespräch entweder matt und theilnahmlos oder herb und spöttisch – dies trug ihm den Ruf der Anmaßung und Unliebenswürdigkeit ein, und jedermann wunderte sich, wie die verwöhnte, gefeierte Annie Gerold einen so ungenießbaren Sonderling nehmen konnte, und bedauerte im voraus das Los, welches das reizende Wesen an der Seite dieses Mannes haben würde.

Die Leute vergaßen, daß selten einem Menschen so viel Gelegenheit zum Menschenstudium gegeben wird als einem berühmten Künstler – wohlverstanden, einem solchen, dem die „Berühmtheit“ nicht gleichsam in die Wiege gelegt worden ist, sondern der sich dieselbe mühsam Zoll für Zoll selbst erobert hat. Fällt nun solche Menschenkenntniß auf den Boden eines schon in früher Jugend verbitterten und zum Mißtrauen geneigten Herzens, das nie glückliche Illusionen gekannt hat, dann kann von einer harmonischen Charakterentwicklung keine Rede mehr sein. Schmeichelei, Neid, Verleumdung – Dinge, die der Künstler eher als jeder andere auf seinem Lebensweg findet! – lehren ihn, die Menschen geringschätzen, die niedrige Kriecherei derer, die sich dem bloßen Erfolg beugen, widert ihn an, er sucht seine Ideale nur in seiner Kunst, weil er daran verzweifelt, ihnen jemals im wirklichen Leben zu begegnen. Der Lorbeer schmeckt bitter – das ist eine alte Erfahrung!

Von Delmonts Vorleben ahnte niemand etwas; als er nach F. kam, hatte man sich bemüht, Biographien des Künstlers in den bekannten Tagesblättern aufzutreiben – allein umsonst. Man erfuhr durch die Redakteure, Professor Delmont verhalte sich allen derartigen Aufforderungen gegenüber durchaus ablehnend; er habe das Jahr seiner Geburt und die Stadt angegeben, in welcher er das Licht der Welt erblickt habe – Prag. Hier habe er bis zum vierten Jahre gelebt, sein Vater sei ein unbemittelter Kaufmann gewesen, der es bald hier, bald da habe versuchen müssen – die Familie habe nacheinander in verschiedenen Städten gelebt … was denn noch weiter zu sagen sei? In München, Paris und Rom habe er bei den und den großen Meistern studiert, dann sei er fast beständig auf weiten Reisen gewesen. Dringend ersucht, über seine innere Entwicklung als Künstler zu berichten, da die Welt, die von Bewunderung für seine bedeutenden Werke erfüllt sei, gewissermaßen ein Anrecht darauf habe, sei er diesem Ansinnen mit seiner ganzen Schroffheit entgegengetreten: das habe er nicht nöthig, dazu könne ihn kein Mensch zwingen, er sei kein Schriftsteller von Beruf und als solcher verpflichtet, Rechenschaft über sich abzulegen, man möge ihn in Ruhe lassen. Wer sich für seine innere Entwicklung interessire, der solle seine Bilder ansehen, in ihnen sei sie enthalten – wer daraus nicht klug werde, dem könne er nicht helfen!

Dies also war alles, was man von ihm wußte! Keine rührende, reizende Kindergeschichte, keine anekdotenhafte Jugend-Episode – kein reicher Gönner – keine ideale Mutter – kein poetischer Liebeshandel – nichts! Die Menschen mußten sich in der That damit begnügen, seine Bilder anzusehen, soviel davon ihnen zugänglich war – sie waren alle, trotz ihrer großartigen Einfachheit, oder vielleicht eben wegen derselben, von tief ergreifender Wirkung, diesem Eindruck vermochte sich kein Laie zu entziehen – aber was ein meisterhaft ausgeführtes Frauenbildniß, ein Sonnenaufgang am Ganges, ein Hinduweib mit seinem Kinde, eine prachtvoll lebendige Straßenscene in Bombay oder Kairo mit dem inneren Leben des Künstlers zu thun haben sollte – das fragten sich die Leute umsonst. –

[779] Auch im Geroldschen Hause jubelte man nicht über diese Verlobung. Was hatte man sich früher für Gedanken darüber gemacht, wen „das Vögelchen“ sich zum Gatten aussuchen würde! Wie er aussehen – was er sein – wie er sein würde – wie alles kommen müßte – und wie wundervoll es sein sollte, wieder einmal einen „Herrn“ ins Haus zu bekommen – natürlich einen so gütigen, liebevollen und klugen, wie des Vögelchens Vater gewesen war – und wie sie dann alle zusammen die Kleine verwöhnen und lieben und untereinander so recht, recht glücklich sein wollten!

So hatten Agathe und Lamprecht, die ja fast schon zur Familie zählten, gedacht – und ähnlich hatte auch Thekla empfunden … nun war alles gekommen, rasch und unerwartet – aber so ganz anders! Gegen den Bräutigam und seine Stellung und sein Aussehen war nichts einzuwenden – er war ja ein stattlicher, vornehmer Mann, ein berühmter Künstler, der sich schon ein schönes Vermögen erworben hatte und soviel Geld verdienen konnte, wie er nur wollte – aber von einer Zusammengehörigkeit, wie man sie bei Gerolds geträumt, von einem schönen, vertraulichen Verkehr war keine Rede … das ließ sich jetzt schon sagen, obgleich die Brautschaft eben erst angefangen hatte.

Nicht daß Professor Delmont unliebenswürdig gewesen wäre oder es an Höflichkeit hätte fehlen lassen! Er küßte beim Kommen und Gehen regelmäßig Thekla Gerolds Hand, versäumte nie, nach ihrem Befinden zu fragen, schob ihren Rollstuhl, wohin sie ihn zu haben wünschte, und brachte ihr eine herrliche große Photographie seines Gemäldes „Der Engel des Herrn“ – ein Geschenk, das seinen Eindruck nicht verfehlte. Thekla wurde nicht müde, das schöne Gesicht mit dem trauervollen Blick, der alles umfaßte und alles verzieh, anzusehen – es war auch jetzt noch von ergreifender Wirkung, trotzdem der Zauber der Farbe fehlte. Ein Verhältniß aber wie zwischen Bruder und Schwester – und so hatte Thekla mit dem einstigen Gatten ihres „Kindes“ zu verkehren gehofft! – wollte sich nicht anbahnen und – das fühlte sie deutlich – würde sich auch nie gestalten, selbst wenn Jahre darüber hingingen. Für Agathe vollends und deren schüchterne Annäherungsversuche, ihre kleinen Erzählungen von ihrer verstorbenen Herrin und wie ähnlich ihr das Vögelchen sehe, und wie sie – Agathe – beide „Kinder“, ihre Ellinor und ihre Annie, auf dem Arm getragen und gewartet – für all das hatte der Bräutigam nur ein zerstreutes Lächeln oder ein kurz abfertigendes Wort, er beachtete auch den alten Lamprecht so gut wie gar nicht, der doch als ehemaliges Reitpferd und geduldiger Spielkamerad des Kindes ebenfalls Anspruch auf einige Rücksicht zu haben glaubte.

Für Delmont gab es nur ein einziges Wesen auf der ganzen Welt – Annie! Es gab nur ein Gefühl für ihn – seine Liebe zu ihr! In ihr ging er auf, in ihr lebte er, jedes fremde Element, sollte es auch früher noch so untrennbar zu seiner Geliebten gehört haben, war ihm störend. Sie für ihn und er für sie – alles andere konnte fortbleiben; so faßte er die Lage auf und danach benahm er sich. Annie kannte es jetzt schon ganz genau, das unwillige Stirnrunzeln, sobald die Thür sich öffnete und jemand kam, mochte es auch Thekla, mochte es auch Hedwig Weyland oder sonst eine liebe, nahestehende Persönlichkeit sein! Ihm war sie nicht lieb, ihm stand sie nicht nahe, er wollte seine Braut für sich allein haben – mochten doch die Leute bleiben, wo es ihnen gefiel! Seine Stimme, sein Blick, sein Benehmen, alles war wie verwandelt, sobald ein dritter sich zu ihm und Annie gesellte, und wenn sie ihn schüchtern bat: „Sei doch gut, Karl – mir zuliebe!“ dann küßte er leidenschaftlich ihre Hände und murmelte: „Ich kann nicht – ich kann nicht! Sie sollen Dich mir lassen – mir ganz allein! Sie haben ja viele andere noch … ich habe nichts als Dich allein!“ –

Ein aufmerksamer Bräutigam war er freilich! In der Frühe schon erschienen die köstlichsten Blumen, von ihm selbst geordnet, als Morgengruß, Rosen von einer Farbenpracht und Schönheit, wie selbst Annie, das verwöhnte Prinzeßchen, sie noch nicht gesehen hatte. Die prachtvollsten Dinge, die er auf seinen Reisen eingekauft hatte, sandte er ihr – schwere Seidenstoffe mit Gold durchwebt, feine indische Shawls, kostbare Fächer, Trinkgläser, Tischdecken, venetianischen Schmuck, ganze Stöße der schönsten Ansichten und Bilder – – es sah wie in einem Bazar bei Annie aus, und die Freundinnen kamen oft mit lachenden Gesichtern, sich die „Ausstellung“ anzusehen, um die sie die Besitzerin heimlich doch ein klein wenig beneideten. Sie kamen aber nur, wenn der Verlobte nicht da war, vor dem sie insgesammt eine gewisse Scheu empfanden; er war so ernst, so steif und förmlich, so ganz anders, als man sich Annie Gerolds dereinstigen „Schatz“ vorgestellt hatte! Aber freilich – er überschüttete sie mit Geschenken, hatte ihr Diamanten verehrt, wie sie nur Millionärinnen zu tragen pflegten … da mußte man doch annehmen, daß er sie liebte, daß er auch, wenn er sie allein hatte, zärtlich mit ihr war!

Ob er sie liebte! Ob er zärtlich mit ihr war! – In Annies Seele stritten sich Schmerz und Stolz um die Herrschaft miteinander, wenn sie sich immer wieder sagte: „Keiner kennt ihn, wie ich ihn kenne! Von seinem wahren Wesen weiß nur ich ganz allein zu sagen!“

Schmerz, weil es ihr weh that, ihn so verkannt zu sehen, in den Blicken, in den Mienen ihrer Umgebung zu lesen, daß man ihn für empfindungsarm und unzugänglich hielt – Schmerz, weil er es nicht verstand oder nicht verstehen wollte, sich auch nur einen einzigen der ihr lieben und nahestehenden Menschen zu gewinnen – und wiederum war sie stolz darauf, daß dieser Mann ihr alleiniges Besitzthum war, daß er sich ihr so ganz erschloß, so ganz hingab – daß für andere nichts weiter übrig blieb. –

Brautzeit – du selige Zeit! Wenn Annie Gerold an ihrem Fenster saß, dann fühlte sie es genau, wenn er kam, wußte es gewiß, noch ehe sie einen Schatten von ihm sah! Mit versagendem Herzschlag, mit stockendem Athem, wie gelähmt vor Glück saß sie da, die Hände im Schoß, bis sie die Kraft gewann, sich vorzubeugen, hinauszusehen, einen Gruß zu nicken und dann ihm entgegenzustürmen und dem Geliebten in die Arme zu fliegen, der sie ungestüm an sich preßte, als habe er sie wochenlang entbehrt, und ihr abgebrochene Laute der Liebe, der Sehnsucht, des Entzückens ins Ohr flüsterte. –

Oft aber, oft, selbst wenn sie das ersehnte Alleinsein mit einander genossen, mitten in seine leidenschaftlichen Liebkosungen hinein, fiel ein Wort – ein Blick – eine Gebärde, die sie heimlich erstaunen ließ … staunen ließ wie damals, als er ihr an jenem herrlichen Maitage im Park von Heinrichslust gestanden hatte, er habe auf alles Glück verzichtet, er besitze kein Recht darauf, und nun habe er sich selber sein Wort gebrochen. Damals, im Rausch und Taumel des ersten überraschenden Glückssturmes, hatte Annie sich innerlich flüchtig darüber verwundert und sich gefragt, was das wohl zu bedeuten habe – dann hatte sie nicht mehr daran gedacht und würde es vielleicht vergessen haben, wenn nicht er selber dafür gesorgt hätte, daß sie dies nicht konnte.

Wieder, immer wieder dieser gequälte, sich selbst anklagende Blick zu dem Ausruf: „Ich verdiene Dich nicht! – Ich stehle mir mein Glück! – Ich habe kein Recht auf Deine Liebe!“ – Diese Demuth des stolzen Mannes hätte Annie beglücken können, wenn sie gesehen haben würde, daß er selber darin glücklich sei – aber das sah sie nicht! Ein Schatten war da und verschwand und kam wieder, und Annie war viel zu klug und liebte den Mann ihrer Wahl viel zu tief, um sich nicht darüber klar zu werden, daß es wohl in ihrer Macht stand, diesen Schatten für den Augenblick durch ihr Lachen, ihre Rede, den ganzen Zauber ihres Wesens, das so mächtig auf ihn wirkte, zu verscheuchen – nicht aber, ihn für immer zu bannen. Kleinliche weibliche Neugier lag ihr ganz fern, und hier, wo sie mit ihrem ganzen Herzen liebte und vertraute, zu fragen, widerstrebte ihr durchaus, wie sie bereits ihrer Schwester Thekla gestanden hatte. „Wenn er es für gut befindet, wird er es mir freiwillig sagen, was ihn quält!“ dachte sie bei sich.

Aber er sagte es ihr nicht. –

Ein lauer, feuchtwarmer Juninachmittag war’s, es drohte stark mit Regen, und so konnte das Brautpaar keinen Spaziergang unternehmen. Delmont war das angenehm; er liebte es nicht, sich „dem Volke zu zeigen“, geflüsterte Bemerkungen, verstohlene Blicke aufzufangen und sich von hundert Augen begafft zu sehen, wenn er mit der schönen Braut am Arm einherging. In Heinrichslust gab es allerdings versteckte Plätze, einsame Pfade genug, und beide liebten den Park jetzt doppelt, seit sie in ihm ihr Verlöbniß gefeiert … aber bis dort hinaus war es ein weiter Weg.

[780] So wandelten sie denn im Geroldschen Garten langsam auf und nieder. Die Obstbäume hatten abgeblüht, aber der Flieder hing in schweren lila und weißen Trauben nieder – süßduftende Maréchal Niel-Rosen und herrliche Malmaisons hatten die lieblichen Kelche aufgeschlossen, und die Beete waren besäet mit den ersten Blumen des Frühsommers.

Schwer hing der Blumenduft in den stillen Lüften. Am Himmel stand ein Gewitter – die Vögel flogen unstät vorüber, die Bienchen hatten aufgehört zu summen. Da und dort taumelte noch ein verspäteter Schmetterling über das niedere Gesträuch, und in langen Zwischenräumen schluchzte eine Nachtigall ihr sehnsüchtiges Lied in den vergehenden Lenz hinaus. Von der nahen Lukaskirche tönte regelmäßig feierliches Glockengeläut – eine Sterbeglocke war’s. Ein vereinzelter Sonnenstrahl blinzelte noch einmal grell, wie jählings aus dem Schlaf aufgeschreckt, vom umdunkelten Himmel herab, aber alsbald zogen schwere Wolken drüber weg und erstickten ihn.

Annie war es ein wenig beklommen zu Muthe, obschon sie das Gewitter nicht fürchtete. „Wenn’s nur schon vorüber wäre!“ dachte sie, machte sich von Delmonts Arm los, hob sich auf die Fußspitzen empor und langte mit ausgestreckten Händen nach einer besonders schönen, frisch aufgebrochenen weißen Fliedertraube, die sie für Thekla mit Hereinnehmen wollte.

„Bitte, Liebstes, bleib’ so, wenn Dich’s nicht zu sehr ermüdet – nur für wenige Minuten, ich bitte Dich!“ rief Delmont hastig und dringend, während er rasch sein kleines Skizzenbuch aus der Brusttasche riß.

Das junge Mädchen gehorchte lächelnd. Sie war es schon gewöhnt, daß ihr Verlobter urplötzlich, unvermittelt irgend eine Stellung, einen Ausdruck, eine Gebärde von ihr auf dem Papier festzuhalten wünschte, und er besaß mindestens schon ein Dutzend dieser hastigen, flüchtigen Bildchen von ihr, in fliegender Eile mit dem Stift hingeworfen, oft nur mit einigen Strichen, die er dann später daheim in Muße sorgsam auszuführen pflegte.

„Deine Schönheit ist meine Verzweiflung!“ hatte er zuweilen ausgerufen. „Ich kann mich nicht in Ruhe ihrer erfreuen – immer tritt der Künstler zwischen mich und mein Gefühl und verlangt gebieterisch sein Recht. Meine Augen können sich nicht satt trinken an dieser ungekünstelten Grazie, dem holdseligen Umriß der ganzen Gestalt, dem Spiel der marmorschönen Hände. Ach, und der Augenaufschlag – das köstliche Lächeln – das Abwenden des Köpfchens – jede Bewegung, so, gerade so des Meißels, des Pinsels würdig – es ist zum Entzücken und zum Verzweifeln!“

Und Annie lachte dann und freute sich ihrer jungen Schönheit, aber es war eine unbefangene und eine selbstlose Freude; es war ihr lieb, daß er sie so schön fand.

Auch jetzt stand sie geduldig still, die zart gerundeten Arme hoch erhoben, die Last des überreich blühenden Zweiges zu sich niederziehend. Sie trug ein Kleid von gelblich weißem Batist, reich mit Stickereien verziert, und keinen Schmuck weiter als ein paar von den wundervollen weißen und rothen Rosen, die ihr Verlobter ihr heute früh geschickt hatte.

„Armes, süßes Lieb! Wie anspruchsvoll ich bin! Noch einen Augenbick – ich beeile mich schon! Weißt Du, ich fürchte, ich werde in Zukunft zu den Malern gehören, die nicht umhin können, auf jedem neuen Bilde ihre Frau anzubringen!“

„O Karl! Denk’ doch einmal an Deine ‚rastende Karawane‘, die Du jetzt fertig malst – und unter all den Arabern ich mitten darunter!“

„Es sind ja auch Europäer dabei! Aber freilich, nein, auf dem Bilde ginge es nicht an! Die Figuren sind in zu kleinem Maßstab angelegt – wer bekäme da einen Begriff von Deinem liebreizenden Gesicht, von allem, was –“

„Du hörst jetzt gleich auf, mir Komplimente zu sagen, oder ich lasse den Fliederzweig los!“

„Ums Himmels willen, nein! Aber Komplimente? Ich – und Komplimente! Das Wort nimmst Du zurück!“

„Und wenn nicht?“

„Dann setzt es eine fürchterliche Strafe. Hörst Du den Donner in der Ferne?“

„Ich höre ihn!“

„Fertig! So! Mein süßes, engelsgutes, geduldiges Herz! Wie Du mir stillgehalten hast! Bist Du sehr müde? Komm zu mir – so – und nun schilt mich! Schilt mich tüchtig aus!“

Er hatte sie an sich gezogen und küßte sie wieder und wieder. Sie sah mit schelmischen Augen zu ihm auf, befreite sich endlich aus seinen Armen, fuhr ihm mit der weißen Fliedertraube neckisch über die Augen und rief lachend: „Ich soll schelten, und Du lässest mich nicht einmal zu Wort kommen! Uebrigens weiß ich gar nicht, warum ich mit Dir so geduldig bin – das ist sonst keineswegs meine Stärke. Thekla wirft mir manchmal vor, daß ich keine rechte Stätigkeit in mir habe. Jetzt zeig’ einmal die Skizze her!“

„Aber, mein Herz, es sind ja nur ein paar Striche!“

„Du zeigst die Skizze her! Ich will sie sehen, Deine Paar Striche!“

Sie wußte, wie sehr er diesen scheinbaren kleinen Trotz an ihr liebte,

„Nun denn – da – Du kleiner Eigensinn! Zufrieden – wie?“

„Ach, wie hübsch!“ rief sie naiv. Und hübsch war’s auch, das kleine, rasch hingestrichelte Bildchen der anmuthigen Gestalt, des reizenden Profils und der nickenden Fliederbüsche.

„Das Gewitter zieht näher – komm, Liebster, wir müssen hinein!“

Er that, als hörte er nicht, und drückte seine Lippen auf ihre sammetweichen Handflächen; vereinzelte Regentropfen begannen zu fallen. – Aus dem „Nußgang“, so genannt, weil die hoch und kraftvoll emporstrebenden Haselnußstauden sich oben zu einem Dach verschlangen, kam der alte Lamprecht mit einer riesigen Gartenschere, die große derbe Schürze mit abgeschnittenem Grünzeug angefüllt; der alte Mann blieb neben dem Brautpaar stehen und zeigte mit der Gartenschere nach dem Himmel.

„’s giebt gleich was Ordentliches! Vögelchen sollte man laufen, daß es hineinkommt!“

Annie nickte ein zerstreutes „ja, ja“, und Delmont hörte überhaupt nicht – er war gerade damit beschäftigt, Annie ein paar Narzissen ins Haar zu stecken. Der Alte blieb noch ein Weilchen stehen und besah sich das Paar, dann, da die Regentropfen immer dichter auf seinen kahlen Scheitel herabfielen, lief er kopfschüttelnd davon.

Drinnen im Gartenzimmer – dasselbe hatte zwischen den beiden Fenstern eine Flügelthür mit bunten Glasscheiben, die im Sommer gewöhnlich offen stand und mit drei Stufen in den Garten führte – saß Thekla und wollte eigentlich Feuerbach studieren. Aber das konnte sie nicht, denn erstens fing es an, im Zimmer finster zu werden, so daß das Lesen ihr die Augen angriff, und zweitens war sie mit ihren Gedanken nicht bei den Feuerbachschen Lehrsätzen, sondern bei dem Brautpaar, das sie von ihrem Platz aus beobachten konnte.

„Davon hat er natürlich keine Ahnung!“ dachte sie. „Er würde sonst nicht so zärtlich mit Annie sein – in meiner Gegenwart küßt er ihr ja kaum einmal die Hand – sonderbarer Heiliger, der er ist! Nun hat er sie wieder einmal gezeichnet – und werth ist sie es freilich – mein schönes, süßes, geliebtes Kleinod! Himmel, wenn er sie nur glücklich macht – ich will ja gern in den Hintergrund treten und gar nichts mehr von ihr haben … Gern? Und gar nichts mehr von ihr haben? Das ist nun geradezu gelogen – und ich will ein Philosophenzögling sein! Ich hänge ja mit meinem ganzen Herzen an diesem Kinde – ich weiß einfach nicht, wie ich ohne dasselbe leben soll! Das macht, sie hat mich verwöhnt – immer war sie um mich … für Auge, Herz und Geist die richtige Erfrischung! Und sie würde auch weiter mein Kind bleiben, wenn auch erst in zweiter Linie, sie hat mir’s ja gesagt: wer so glücklich sei wie sie, habe doppelte Liebe und Zärtlichkeit für seine Nächsten und Theuersten im Herzen; ich glaube es ihr auch, sie ist so köstlich wahr – aber er, er! Er leidet es ja nicht, daß sie andern, denen sie bis dahin ganz gehörte, auch nur ein Almosen von dem Reichthum spendet, den er besitzt … ganz und gar will er sie für sich haben, mit jedem Gefühl, jedem Gedanken – ein rechter, echter selbstsüchtiger Mann! O mein Vögelchen – mein Liebling! Wie sie spät abends, wenn er fort ist, noch zu mir hereinschlüpft und durch doppelte Zärtlichkeit alles wieder gutzumachen strebt, was sie tagüber versäumen mußte! Sie liebt ihn ja – wunderbarerweise! – und ist für jetzt sehr glücklich! Aber wird das Glück Dauer haben, wenn er das freie, lustige Vögelchen so ganz in den Käfig sperrt, wenn es immer nur für ihn da sein muß und [781] für niemand sonst? Und neulich sprach er gar von Fortziehen, so ganz beiläufig nur, als wär’ es das selbstverständlichste Ding von der Welt … ich glaube, mein Herzschlag setzte aus vor Schreck! Ich bin ja hilflos, bin gelähmt, kann nicht fort von hier! Alles, alles könnte ich ertragen – nur die Trennung nicht! Wie grausam wäre das! Er müßte es doch bedenken, daß mir das Herz in Stücke gehen müßte – das Herz, an dem ich mein Goldkind hielt, als es seinen ersten Schrei that! Aber freilich, was fragt er nach mir!“ –

Um Theklas Lippen zuckte es bitter, und mit finstern Augen starrte sie in den rasch sich verdunkelnden Garten hinaus.

„Wissen möchte ich nur,“ dachte sie weiter, „ob er wohl unserem Vater gefiele, ob der mit Annies Wahl zufrieden wäre! Freilich, in den Weg hätte er ihr nichts gelegt, sie hätte volle Freiheit behalten! Aber ich denke immer, nach seinem Herzen wäre dieser Mann nicht gewesen. Oft starrt er so weltvergessen vor sich nieder, als sähe er etwas Schreckliches – und sieht er Annie, wenn er sich unbeobachtet glaubt, nicht zuweilen an, als wollte er ihr etwas sagen – etwas eingestehen – und fände nicht den Muth dazu? – Das aber mag Einbildung von mir sein, weil – weil – ich ihn nun einmal nicht mag! Ja, ja, das ist die Wahrheit, und die gesteh’ dir nur ganz ehrlich, meine Seele! So traurig es ist – für so geradezu unmöglich ich es früher gehalten hätte: ich mag den Verlobten meiner Annie nicht – durchaus nicht! … Und da fängt es nun in allem Ernst an zu regnen, und er bringt sie mir nicht herein, läßt sie draußen im Regen stehen! Sie standen doch eben noch dort – jetzt sind sie nicht mehr zu sehen; wo ist er mit ihr geblieben? Das ist doch unverantwortlich!“

Und Thekla ergriff den rechts neben ihr hängenden Klingelzug und läutete Sturm.

Agathe, die athemlos, mit schiefgerückter Haube, aus ihrem Stübchen herbeieilte, und Lamprecht mit seiner Schürze voll Grünzeug und der langen Schere erschienen gleichzeitig in dem Gartenzimmer.

„Lamprecht, wo in aller Welt bleibt das Brautpaar? Es regnet ja, was es kann!“ rief Thekla ihm zu.

„Ha, Fräulein Thea, das kommt noch ganz anders – es wird gleich platzregnen, und ’n Stück drei, vier Gewitter stehen parat am Himmel, ich hab’ sie gezählt, immer eins hinter’m andern! Ich werd’ man hier die Glasthür hübsch zumachen, sonst kriegen wir den ganzen Himmelssegen auf das Parkett – und den Rollstuhl schieben wir auch beiseite!“

„Aber Alter, uun red’ nicht!“ rief seine Frau ärgerlich. „Unser Vögelchen! So red’ doch ’mal! Das kann doch nicht im Guß draußen bleiben!“

„Ja, was das Vögelchen ist“ – Lamprecht schloß sorgsam die Thür und rollte Theklas Sessel vor das rechtsgelegene Fenster – „hab’ ich ihm nicht gesagt, daß es regnete, – und konnte es das nicht auch sehr gut fühlen, wenn es bloß gewollt hätte? Aber du liebe Zeit! Läßt sich Narzissen in die Haare stecken und sieht mich an, ganz abwesend und verschmachtet, und sagt ‚ja, ja‘ – und er sagt nichts – und sie retiriren sich beide in den Nußgang hinein. Die“ – hier that Lamprecht so, als sei er der erste Verkündiger einer Thatsache, auf die vor ihm noch nie ein Mensch gekommen war – „die sind verliebt – das sag’ ich! – Und da kommen sie gelaufen, was sie nur immer können!“

Er riß die Glasthür sperrangelweit auf und komplimentirte das Brautpaar mit sehr vorwurfsvollen Blicken herein.

Annie lachte ausgelassen wie ein Kind und schüttelte das Köpfchen, daß die hellen Tropfen aus ihrem Haar umhersprühten, und rüttelte ihr Kleid zurecht, warf Thekla den feuchten Fliederzweig in den Schoß und nestelte ihren Rosenstrauß, der sich von ihrer Brust losgelöst hatte, von neuem fest. Delmont stand daneben und fühlte besorgt ihre Hände und Kleider an und sah mit zürnenden Augen auf die alte Agathe, die ihrem Bedauern sehr wortreich Ausdruck lieh und sich, als ehemalige Bonne, auch für berechtigt hielt, die Kleine wegen ihrer „Unvernunft“ ein wenig auszuschelten. Annie streichelte ihr die runzlige Wange und wollte ihr zur Versöhnung das Bildchen zeigen, welches ihr Bräutigam soeben im Garten von ihr gemacht hatte; aber Delmont sagte frostig: „Wozu? Solche Bildchen sind nur für Dich bestimmt, das weißt Du ja!“ und gekränkt verstummte die redselige Alte, faßte Lamprecht beim Arm und sagte halblaut: „Komm’ – wir sind hier zuviel. Die Zeit ist gewesen, wo wir hier mitreden durften und der selige Herr mich seine alte Freundin nannte!“ –

[806] Ein gedrücktes Schweigen entstand, als die beiden alten Leute das Zimmer verlassen hatten. Nur der Donner grollte jetzt machtvoll, und über den Bäumen des Gartens, die sich im heftig losbrechenden Winde zu wiegen und zu werfen begannen, flammte der Blitz auf im bläulichen Zickzack, riß den wolkendüstern Himmel von einander und zeigte die bis dahin fast in Nacht getauchte Landschaft plötzlich in grellem Licht. Wie in Angst vor dem Unwetter duckten sich Gräser und Blumen zur Erde, und die hochstämmigen Rosen neigten die Häupter auf ihren langen Stengeln und ließen den jetzt mit aller Wucht herniederprasselnden Regen über sich ergehen. Durch die Lüfte fuhr ein hohles Sausen wie ein wilder Klageton, und wieder kam es allgewaltig im Donnerhall heran und löschte alles andere Geräusch und starb in der Ferne als dumpfes Zornesgrollen. –

Annie saß in einem niedrigen Rohrsessel neben Thekla und hatte ihres Verlobten Hand gefaßt; er stand ihr zur Seite und sah in das Wetter hinaus. Seine Braut sah ihm besorgt ins Gesicht. Machte nur das ungewisse Licht, das bleifarben zu den Fenstern hereinsah, sein Antlitz so fahlbleich? Und woran mochte er denken, während er so an ihr vorüber in den Aufruhr der Elemente hineinsah? Immer dieser schwere, weltentrückte Blick, der nichts mit seinem jetzigen Glück zu thun hatte, der zurückschaute – weit – weit zurück … was mochte er dort sehen? –

„Ist das Gewitter Dir unangenehm?“ fragte Annie ihn nach einer Weile zaghaft.

Er fuhr sehr heftig zusammen.

„Wenn Du so sagen willst – ja! Wenigstens macht es mich nervös. Du weißt“ – sprach er mit einem halben Lächeln, das etwas Erzwungenes hatte – „als Künstler habe ich das Recht, nervös zu sein!“

„Als Kind hatte ich Furcht vor dem Donner, denk’ nur!“ berichtete Annie. „Ich weiß es noch wie heute, – und Thea wird’s auch wissen, nicht wahr? – wie mein Vater mich einmal hier an derselben Stelle, wo ich jetzt sitze, auf seine Kniee hob, während es draußen noch viel ärger tobte als heute. Und ich fühlte sein Herz ruhig und gleichmäßig gegen mein kleines, verängstigtes Kinderherz schlagen, – ich kann höchstens sechs Jahre alt gewesen sein und er sagte mir, im Donner spreche Gott zu uns – er selber sei allgewaltig, darum auch seine Stimme, mit der er uns anrede – wir dürften aber darum nicht erschrecken, nur Ehrfurcht empfinden vor ihm. Und wie ich allmählich ruhiger wurde, fragte der Vater mich, ob ich mich noch fürchte – und ich sagte: ‚Nein – weil Du bei mir bist!‘ Da küßte er mich und hielt mich fest an sich und sagte zuletzt: ‚So denk’ immer, wenn Du den majestätischen Donner hörst, Dein Vater ist bei Dir und hält Dich an seinem Herzen.‘ – Das thue ich auch wirklich! Ich wollte, Du hättest unsern Vater gekannt, denn soviel ich Dir auch von ihm erzähle, ein rechtes Bild wirst Du doch schwerlich von ihm bekommen! Bitte, erzähl’ Du uns auch einmal recht ausführlich von Deinem Vater! Du hast das bisher noch nie gethan!“

Sie hatte freimüthig und unbefangen gebeten wie ein liebenswürdiges Kind, das der Erfüllung seines Wunsches zum voraus sicher ist. Um so mehr erschrak sie über seine Antwort.

„Wenn ich das bisher niemals that, so hatte ich meine Gründe dafür! Mein Vater war ein unglücklicher Mann, meine Kindheit freudlos, meine erste Jugend hoffnungslos vergiftet. Wenn Du mich liebst, frage mich nie mehr danach!“

Ein betäubender Donnerschlag brach los und überhob Annie der Antwort: sie hätte auch schwerlich eine gefunden, ihr liebliches Gesicht war blaß geworden, und wie schuldbewußt hielt sie die Augen gesenkt. Thekla aber sah unverwandt und aufmerksam in Delmonts Gesicht, und sie gewahrte dort den Ausdruck, dessen sie vorhin gedacht – den Ausdruck innern Kampfes, der alsbald an der innern Muthlosigkeit erlischt! – Er beugte sich jetzt herab und berührte mit seinen Lippen Annies Haar, küßte dann auch leise ihre Hand, als wollte er sie um Verzeihung bitten; sie lächelte ihm beruhigend zu, aber in ihren Augen stand ein besorgter Ausdruck.

An den Fensterscheiben troff der Regen gußweise hernieder; man vermochte nichts mehr draußen zu sehen, in solchen Strömen schossen die grauen Wasserstrahlen herab. Man hörte in den Pausen, die der Donner machte, nur das Aufklatschen des Regens auf die Zinkplatten der Fenstervorsprünge und das Sausen des Windes, der um das Haus stöhnte. Im Zimtner war es so finster, daß man hätte Licht anzünden können.

„Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Thekla?“ fragte Delmont, da er die Kranke mit geschlossenen Augen sich in ihren Sessel zurücklehnen sah.

„Nichts von Belang, ich danke, Herr Professor!“ gab Thekla zurück. „Nur etwas Mattigkeit infolge der Gewitterschwüle von zuvor!“

Es war Annies steter Kummer, daß diese zwei Menschen, die liebsten, die sie hatte, nicht vertraulicher mit einander standen. Die förmliche Anrede, das steife „Sie“ verletzte ihr zärtliches Gemüth, aber umsonst war sie bestrebt gewesen, das zu ändern, ruhig und kühl hatte jedes der beiden den Vorschlag einer Abänderung, den sie jedem einzeln gemacht hatte, von sich gewiesen.

Im Hintergrunde des Zimmers knarrte leise eine Thür. Die alte Agathe erschien, ein dampfendes Glas in der Linken, das eine weißschäumende Flüssigkeit enthielt; mit der Rechten winkte sie Annie zu sich herüber.

„Du guter, alter Hausgeist hast mir richtig Eiergrog brauen müssen, im festen Glauben, ich hätte mich erkältet!“ rief das junge Mädchen lachend. „Kommst Du denn nicht näher mit Deinem Gebräu? Ich soll zu Dir kommen? Mir auch recht! Aber Agathe,“ – sie war inzwischen aufgestanden und hinübergegangen und flüsterte nun der Alten ins Ohr – „wirst Du denn gar nicht für meinen Verlobten sorgen?“

Die alte Frau warf den Kopf zurück.

„Ach, so einem Herrn schadet das bißchen Regen noch lange nichts. Aber Du, mit dem dünnen Sommerkleide und den leichten Halbschuhen … sie schlagen durch, die kleinen Schuhe, ich weiß es genau, sie haben Leder und Sohlen wie von Postpapier, und dazu die seidenen Strümpfe! Wenn Du Deine Alte noch ein bißchen lieb hast und nicht auf den Tod betrüben und ängstigen willst, dann bist Du mein süßes, artiges Vögelchen und trinkst Deinen Grog und wechselst in Deinem Zimmer die Fußbekleidung – ja?“

Annie sah in die treuen, besorgten Augen und nickte; mit einem freundlichen: „Gleich bin ich wieder da!“ gegen die beiden am Fenster verließ sie mit Agathe das Zimmer.

Noch nie war Thekla mit Delmont allein gewesen; immer war Annie als vermittelndes Element dazwischen getreten. Es war Thekla zu Sinn, als müßte sie ihn manches fragen, ihm vieles sagen aber es würde nichts nützen, er war der Mann nicht, zu antworten, wenn er nicht wollte. Da sie ein gleichgültiges Gespräch mit leeren Redensarten nicht führen wollte, so schwieg sie lieber ganz.

Er beobachtete sie von der Seite, wie sie erschöpft und blaß mit übereinandergelegten Händen in ihren Kissen ruhte, in keinem einzigen ihrer scharfgeschnittenen, frühgealterten Züge die flüchtigste Aehnlichkeit mit der jungen, schönen Schwester zeigend. Die Stirn trat, wie von vielem Denken herausgearbeitet, in fester Wölbung hervor, die Augen sahen klug und überlegend drein, um die Lippen lagerte ein scharfer Schmerzenszug – aber Theklas Blick schien beständig zu sprechen: „Bemitleidet mich nicht, ich weiß damit nichts anzufangen!“

Plötzlich unterbrach Delmont das drückende Schweigen mit den Worten:

„Nicht wahr, ich bin Ihnen als zukünftiger Schwager unwillkommen?“

So ganz aus Theklas tiefinnerster Stimmung heraus hatte er gesprochen, daß sie ihm, nicht im mindesten überrascht, ruhig antwortete:

„Nein – vielmehr ja – meiner Annie dereinstigen Mann hatte ich mir anders vorgestellt!“

Er hatte ein spöttisches Lächeln um die Lippen.

„Es thut mir leid, diesem Ihrem Phantasiegebilde nicht zu entsprechen – wie sah dies aus, wenn ich fragen darf?“

[807] Sein scharfer Ton fand ein Echo an dem ihrigen.

„Sie thun mir zuviel Ehre an, wenn Sie mir Phantasie zutrauen; ich hielt Sie für einen zu guten Beobachter, als daß Sie nicht hätten wissen sollen – ich „habe“ keine Phantasie! Träume, Schwärmereien, Einbildungen – was soll ein Wesen wie ich damit anfangen? Aber Annie habe ich lieb, ihr Glück liegt mlr am Herzen, und ich hatte gedacht, sie würde eine andere Wahl treffen –“

„Etwa den Lieutenant von Conventius erhören!“ fiel er ein.

„Das glauben Sie ja selbst nicht,“ gab sie ruhig zurück, „warum also sprechen Sie es aus? Der Ulanenlieutenant ist eine liebenswürdige, offene, einnehmende Natur, aber er hat es leider versäumt, seinen Geist und Charakter zu vertiefen und zu bilden, obschon er sehr gutes Material dazu hatte. Ein solch’ lustiger Bruder konnte Annie niemals gefährlich werden, ich hätte ihn ihr, trotz meines persönlichen Wohlgefallens an seiner munteren Frische, nie gewünscht –“

„Desto mehr seinen Vetter Reginald, den großartigen Pfarrer von Sankt Lukas – nicht wahr?“ unterbrach Delmont sie von neuem.

„Warum sprechen Sie in diesem Ton von ihm?“ gab Thekla ernst zurück. „Warum nennen Sie ihn so geflissentlich den ‚großartigen‘ Pfarrer von Sankt Lukas, ihn einen Mann, der sich gerade durch die ungewöhnliche Schlichtheit seines Auftretens auszeichnet?“

„Nun – die ganze Stadt klingt ja bereits von seinem Lobe wieder – bis zu Ihnen werden diese Gerüchte nicht dringen, man wird es absichtlich vermeiden, Ihnen jetzt von ihm zu sprechen – ich höre desto mehr! Nicht nur die Unmündigen und Einfältigen singen sein Lob, nein, auch die Erleuchteten im Geist reden in Zungen von ihm. Adel, hohe Beamtenwelt und Finanzkreise umlagern seine Abendmahlsspenden, er muß die Gläubigen, die in hellen Haufen herbeiströmen, zurückweisen – die Thür seiner Wohnung steht nicht still – schöne Frauen mit feuchten Augen, verschämte junge Mädchen, die sich angeblich mit ihrem Glauben nicht zurechtfinden, Leute aller Gattung, vom ordensbesternten Geheimrath bis zum Handwerker, streiten sich um die Gunst dieses Wundermannes, man hat ihm jetzt bereits mehr Konfirmanden angemeldet, als er überhaupt annehmen kann, – die Kirche von Sankt Lukas kann die Gläubigen nicht fassen.“

„Nun – und was weiter?“ kam es von Theklas Lippen. „Soll dies etwa eine Anklage gegen den Mann sein? Was soll es beweisen?“

„Es soll beweisen, daß er es eben allen anthut, allen, ohne Ausnahme, wie der Rattenfänger von Hameln, selbst meiner Braut, die mir gestanden hat, daß, wäre ich nicht gekommen, sie diesen Ausbund von Tugend und Schönheit ohne weiteres geheirathet hätte.“

Thekla zog die Brauen hoch. „Also eifersüchtig – sieh da!“ dachte sie. „Darum die erbitterte Philippika gegen den Pfarrer von Sankt Lukas!“

„Und so hat sein Anblick und Wesen auch Sie, eine so kluge und scharfblickende Dame, gleich beim ersten Male überwältigt,“ fuhr Delmont in demselben scharfen, bittern Ton fort, „er, von dem man im Publikum behauptet, er drehe mit seinen zwingenden Worten und Blicken selbst den verstocktesten Verbrechern des Gefängnisses das Herz in der Brust herum … ich habe keine näheren Einzelheiten erbeten, mir genügte schon dies Gerücht.“

„Mich hat weder sein Anblick noch sein Wesen überwältigt,“ sagte Thekla trocken. „Glauben Sie, ich habe in meinem langen Leben noch nie einen schönen Mann gesehen? Ich wüßte überhaupt auf der weiten Welt keinen Menschen, der einen überwältigenden Eindruck auf mich hervorzubringen vermöchte – das wäre höchstens ein großartiges Naturschauspiel imstande. Aber eben weil ich nicht ohne Verstand und Scharfblick bin, wie Sie es soeben in solch schmeichelhaften Worten anerkannt haben, weil mein stilles Leben, das mir doch soviele Menschen vor Augen führt, mein von Natur schon richtiges Beobachtungsvermögen geübt hat – darum erkannte ich allerdings schon beim ersten Zusammentreffen in diesem Pfarrer von Conventius einen echten, guten, wahrhaft edlen Menschen, abgesehen von seiner Begabung und seinem bestechenden Aeußern, – eine jener durch sich selbst großen Naturen, die des Adels nicht bedürfen, um adlig, der Schönheit nicht bedürfen, um schön zu sein, die einfach durch sich selbst Wirkung machen, weil sie das ganz sind, was sie sind, und durch ihr festes Beruhen in sich und durch den Glauben an ihre Sendung in unserer haltlosen Zeit die Leute unwiderstehlich an sich ziehen wie die stetig brennende Flamme die Mücken und Motten. Und daß Annie sich dem Eindruck einer solchen Persönlichkeit nicht verschließt, das freut mich um ihretwillen, und sollte auch Sie freuen, anstatt Sie mit einer ganz grundlosen Eifersucht zu erfüllen!“

„Grundlos?“ Delmont stand auf und trat hart an Theklas Sessel heran. „Wissen Sie, was sie that, als ich neulich seinen Namen nannte? Sie brach in Thränen aus – in Thränen – und sagte, das Herz thäte ihr weh bei dem Gedanken an das Leid, das sie ihm zugefügt, denn sie wisse, er habe sie über alles lieb gehabt!“

„Es macht Annie nur Ehre, daß sie so empfindet!“ rief Thekla lebhaft. „Sie wäre herzlos, wenn sie kaltes Blut behielte bei dem Gedanken, was es heißt, einen solchen Mann so unaussprechlich zu kränken. Liegt denn in diesem Geständniß nicht gerade der höchste Beweis ihrer Liebe zu Ihnen, daß sie unbedenklich Sie wählte und jenen, so theuer er ihr war, zurückwies – ist dies nicht die beste Gewähr für Ihr künftiges Glück?“

Er starrte sie mit trüben Augen an und antwortete eine ganze Weile nicht.

„Mein künftiges Glück!“ wiederholte er endlich. „Mein Glück! Wenn ich nur daran glauben könnte! Ich verdiene es nicht, ich weiß es – und anstatt es nun in Demuth hinzunehmen wie aus der Götter Hand, verbittere und verderbe ich es mir – und es wird mir zuletzt doch noch vom Schicksal erbarmungslos in Scherben geschlagen werden, das fühle ich deutlich! Jener hat ruhig und einfach seinen Weg durchs Leben gemacht, wenn er sich auch mühsam den Beruf erkämpfen mußte … ich … durch wieviel Schlamm und Schmutz habe ich waten, gegen welch trostloses Verhängniß ankämpfen müssen, ehe ich dahin kam, wo ich jetzt stehe! Nun stehe ich da – jawohl – und es ist eine ganz leidliche Höhe – aber ich blicke hinunter – und ich blicke zurück – und es läßt mich nicht glücklich sein – und ich bin meines Glückes nicht werth – ich kann nur dann vergessen, wenn ich sie an meinem Herzen halte, wenn ich sie sehe, sie höre – und man wundert sich, daß ich mit jeder Minute geize, die mir gehören könnte – daß ich mein einziges Heilmittel keinem andern gönne!“

Thekla sah es zucken in seinen Zügen, und ein Gefühl des Mitleids wallte in ihr auf, zugleich aber auch die alte Angst, zehnfach verstärkt gegen früher: er wird Annie nicht glücklich machen – er ist kein Mann für sie! Woher denn seine Furcht, sein Glück könne ihm in Trümmer gehen? Wozu die immer wiederkehrende Anklage, er verdiene Annie nicht – er sei ihrer nicht werth? Wenn er den Vorhang von seiner Vergangenheit zöge – welches Bild würde sich dort entrollen?

„Sie sollten offen gegen uns – ich meine, gegen Annie – sein!“ sagte Thekla, und ihre spröde Stimme klang fast sanft. „Wer hat denn ein näheres Anrecht auf Ihr Leid als sie? Vielen wird doch das Herz leichter, wenn sie sich rückhaltlos aussprechen dürfen, und, glauben Sie mir, so jung meine Schwester noch ist, sie verdient jedes Vertrauen. Als Kind schon verstand sie, unverbrüchlich zu schweigen, wenn mein Vater oder ich sie einmal heimlich mit diesem oder jenem Versprechen, das wir ihr abnahmen, auf die Probe stellten. Und wie süß sie zu trösten, mitzuempfinden, zu entschuldigen und endlich zu verzeihen versteht – so, als wär’ es gar keine Verzeihung ihrerseits, nur ein Aufgehen im Schmerz und in der Reue anderer! Ich bin durch meine Krankheit zuweilen bitter und ungerecht gegen sie gewesen – aber unser Vögelchen um Vergebung zu bitten, das ist mir nie schwer geworden, ich konnte mich nur jedes Blickes freuen in ihr goldenes Herz. Sie sollten das auch versuchen!“

Er hatte ihr gesenkten Hauptes zugehört und schüttelte schließlich nur stumm den Kopf; da klang die Thür, und ein fröhliches Stimmchen wurde laut. „Das hat aber schön lang’ mit mir gedauert! Bist Du böse, Karl? Was sind denn das wieder für Augen! Gar nicht meine Augen, wie ich sie für mich liebe! Hat Thea Dich so schlecht unterhalten? Sieh nur, wie der Regen nachgelassen hat – es gewittert auch fast gar nicht mehr! Mach’ dieses Fenster auf, daß wir die Luft herein bekommen, ich hab’s drüben in meinem Zimmer auch gethan, es duftet so herrlich nach jungem Laube. Und wenn’s aufhört zu regnen, gehen wir in den Garten – da, sieh, ich hab’ mir schon feste Lederstiefel angezogen und einen von Deinen [810] wunderschönen persischen Shawls mitgenommen – den purpurrothen mit den Goldblumen. Da! Wie der Künstler in Dir den Menschen erzieht – jetzt machst Du gleich ein ganz anderes Gesicht!“

„Nicht der Künstler – der Liebhaber war’s, der den Menschen erzog!“ flüsterte er ihr zu, indem er verstohlen ihre Hand küßte. Er legte ihr mit raschem, geschultem Griff den persischen Seidenshawl malerisch um Kopf und Schultern und führte sie dann zum nächsten Spiegel. Unbeschreiblich reizend staunte das süße Gesichtchen aus der fremdartigen rothen Hülle hervor – Delmont stand daneben und betrachtete seine Braut mit flammendem Blick. Jede Spur der brütenden Sorge von zuvor war von seinem Antlitz verschwunden, sein anziehendes Gesicht schien um zehn Jahre verjüngt.

Ein fern abziehendes Grollen begleitete das sanfte Getröpfel, das dem heftigen Regen gefolgt war. Durch das geöffnete Fenster schlich sich köstlich würzige Luft ins Gartenzimmer, draußen standen die Sträucher im blitzenden Perlengewand. Vereinzelte schüchterne Vogellaute ließen sich hören, und plötzlich kam ein goldiges Leuchten über die triefenden Bäume und Büsche und weckte in ihnen ein märchenhaftes buntes Gefunkel; darüber jubelten die kleinen Vogelstimmen lauter auf, und aus der Tiefe des Gartens kam es wie ein Schluchzen aus leiderlöster Menschenbrust, süß und liebesehnend … da faßte der Mann drinnen im Zimmer sein Lieb in die Arme und schritt mit ihr hinein in den wonnigen Sommerabend.




13.

Ja, Reginald von Conventius war unglaublich rasch beliebt geworden in der kurzen Zeit seines Aufenthalts in F. Es verhielt sich wirklich so, wie Professor Delmont es Thekla Gerold in seinem eifersüchtigen Unmuth geschildert hatte: die Thür zu Reginalds Wohnung stand selten still, kaum fand er spät abends ein paar ruhige Stunden, um seine Predigten vorzubereiten und seinen Studien obzuliegen – und auch das ermöglichte er nur dadurch, daß er beharrlich die vielen Einladungen, die dem gefeierten Pfarrer von Sankt Lukas zu Landpartien, Picknicks und Gartenfesten zugingen, ausschlug und sich hinter die Ausflucht verschanzte, er sei kein Mann der Geselligkeit – eine Behauptung, die sein liebenswürdiges, formengewandtes Wesen überall, wo er sich zeigte, schlechterdings Lügen strafte. – Vornehme Herren und Damen jeden Alters fanden sich bei dem jungen Geistlichen ein, es galt durchaus nicht für „chic“, die Kinder in einer andern Kirche als in der zu Sankt Lukas taufen zu lassen, Präsidenten- und Geheimrathstöchter ließen sich mit Vorliebe in der alten, stilvollen Kirche trauen, und die Meldungen zum Konfirmandenunterricht nahmen kein Ende. Aber auch zahllose Arme, Leute in derben Arbeitskitteln, Frauen mit verhärmten Gesichtern und rauhen Händen, stiegen täglich die Treppe zur Wohnung des Herrn Predigers empor, denn sie wußten es nun schon genau, der Herr redete ihnen nicht nur mit geistlichem Zuspruch ins Gewissen, sondern er fragte auch eingehend nach ihren Verhältnissen, ließ sich ihre Sorgen und Kümmernisse beichten und wußte es, wenn die Betreffenden es verdienten, jedesmal so einzurichten, daß sie ihn mit leichterem Herzen und schwererem Geldbeutel verließen, denn er half gern und freudig, und, Gottlob, er konnte es auch! –

Die alte Lehmann, Reginalds dereinstige Amme, jetzt die Vorsteherin seines Haushalts, war unsagbar stolz auf ihren ehemaligen Pflegling und empfing seine Beichtkinder, hoch und gering, jedesmal mit einer Würde, als habe sie Theil an allem guten, was ihr Herr ihnen zukommen ließ. Sie dachte noch oft an die Bibel- und Andachtsstunden der verstorbenen „Gnädigen“, Reginalds Mutter, denen sie, die Lehmann, dereinst als junge, blühende Frau beigewohnt hatte, ihren schönen, blonden Zögling, der so früh schon andächtig die Händchen zu falten und still zuzuhören verstand, auf den Knieen. Später hatte der „Junker“, wie sie ihn nannte, neben ihr gelehnt, dann hatte er die Gebete beim Beginn und beim Schluß gesprochen, bis er schließlich die Hausandachten selbständig geleitet hatte, immer aber hatte er die frommen, unschuldigen Augen aus seinen Kindheitstagen behalten. Den Titel „Junker“, den die alte Lehmann ihrem Lieblinge während langer Jahre gegeben hatte, konnte sie nicht vergessen - und es klang seltsam genug, wenn sie ihn jetzt, eingedenk seiner geistlichen Würde, mit Beharrlichkeit „Ehrwürden Herr Junker“ anredete.

„Ehrwürden Herr Junker“ war seit einigen Wochen ein wenig verändert – so wenig, – daß solche, die ihn nicht genau kannten, gar keinen Unterschied herausfanden … wer aber sollte ihn wohl besser kennen als seine alte Lehmann? Ihr entging nichts, kein zerstreutes Lächeln, keine nachdenkliche Miene, kein halbverzehrtes Lieblingsgericht, kein Insichversinken und hastiges Auffahren – aber sie ließ sich nichts merken; wie käme sie denn dazu? Sie wußte ja auch nicht, mas ihn quälte! Ein Uebermaß von Arbeit konnte es nicht sein, denn ihr Herr war ja jung und gesund und liebte seinen Beruf mit voller Hingebung. Vielleicht machte seine Stellung zu den Gefangenen ihm zu schaffen; Frau Lehmann wußte, daß einer darunter war, ein Dieb und Mörder, an dem nächstens die Todesstrafe vollzogen werden sollte – was ihr für ein solches „Scheusal“ ganz gerechtfertigt erschien.

Reginald ging jetzt jeden Tag zu dem armen Sünder – „und es ist keine Kleinigkeit,“ sagte sich die alte Frau, „so eine rabenschwarze Teufelsseele weiß zu waschen, daß unser Herrgott sie in Gnaden aufnimmt! Daher mag er auch oft so bedenklich aussehen. Wenn nur nicht etwas anderes, vielleicht gar eine Liebe, dahinter steckt! Zwar ist es unglaublich, daß eine meinen Junker ausschlagen könnte, – meinen Junker! Da müßte sie doch gleich blind und von Sinnen sein! Er weiß vielleicht noch nicht, woran er ist! Ich hab’ wohl den Vetter Lieutenant gefragt, und der sagte ‚nein‘ und ‚bewahre‘! Aber das ist ein leichtsinniger Vogel, der nicht immer die Wahrheit redet – dem glaub’ ich einfach nicht!“ – –

Eine Freude aber erlebten die beiden doch, Frau Lehmann und ihr „Junker“: der „leichtsinnige Vogel“, der Vetter Lieutenant, kam eines Tages in glanzvoller Uniform stramm und stolz zu ihnen hereinmarschirt und stellte sich ihnen als Bräutigam vor. „Die kleine Hedwig Rainer, weißt Du, Regi, damals von Weylands her? So eine zierliche Blondine mit auffallend hübschen Augen – diese Augen haben, wie sie mir ehrlich bekannt hat, gleich beim ersten Zusammensein nach mir ausgeschaut, ich hab’s ihr sofort angethan gehabt – siehst Du, was ich für’n Kerl bin! Jetzt hab’ ich das kleine Mädchen glücklich gemacht, aber so glücklich, kann ich Dir sagen! Sie hatte die Augen voller Thränen vor Freude, und meine Schwiegermama – wirklich eine angenehme Ausnahme dieser berüchtigten Sorte! – gleichfalls. Ich solle ihr Kind glücklich machen, beschwor sie mich immer wieder – als ob ich was anderes beabsichtigte! Na, ich, als der rührselige Michel, der ich bin, bekam auch so was Dummes in die Augen bei dieser feierlichen Geschichte, – aber jetzt ist mir seelenvergnügt zu Muth, und, meine liebe Frau Lehmann, Sie holen eine von meines Vetters besten Sektflaschen aus dem Keller herauf, ich seh’ es ihm am Gesicht an, er möchte mit edlem Getränk unser junges Glück begießen – und ich bin in meiner gehobenen Stimmung nicht dafür, jemand einen Wunsch zu durchkreuzen!“

Der lustige Ulan hatte dann die alte Frau, die nicht wußte, wie ihr geschah, bei den Armen gepackt und zur Thür hinausgewirbelt, aber „Ehrwürden Herr Junker“ hatten genickt und gelacht, und so war sie in Gottes Namen in den Keller hinabgestiegen, hatte die verlangte Sorte zu den Herren ins Zimmer befördert und dem glücklichen Bräutigam wahrhaftig Bescheid thun müssen; darauf hatten die Vettern noch eine ganze Weile mit einander geplaudert und getrunken, und Reginald war gesprächiger und heiterer gewesen als seit lange. Nur, als Fritz ihn beim Abschied im Vorsaal auf die Schulter schlug und mit unvorsichtig lauter Stimme dazu rief: „Nun mach’ es mir bald nach, Freundchen! Teufel auch! Vergiß, was sich nicht ändern läßt! Ist’s die nicht, nun, so ist’s eben eine andere!“ da hatte der „Junker“ mit seiner ruhig beherrschten Stimme erwidert: „Laß das ruhen, Fritz! Darüber komme ich nicht hinweg!“ – und Frau Lehmann, die ihren Herrn gleich darauf an ihrer geöffneten Küchenthür vorüberschreiten sah, konnte wahrnehmen, daß die Fröhlichkeit von seinem Antlitz wie weggewischt war. –


*      *      *


Schönfeld sollte sterben, das Todesurtheil war bestätigt worden, der Mann hatte seinen Willen! Reginald von Conventius ging schon in der letzten Zeit vor der Entscheidung täglich zu „Nummer achtundfünfzig“; bald früh des Morgens, bald zu vorgerückter Stunde, wenn der Sommerabend niederzusinken begann, sah man die hohe, schlanke Gestalt des Pfarrers von Sankt Lukas [811] über den Gefängnißhof schreiten, Gretchen Remmlers freundlichen Knix – das Kind wußte ihm sehr oft zu begegnen – jedesmal mit ein paar herzlichen Worten erwidernd. Wenn dann Remmler die Zelle des zum Tode Verurtheilten aufschloß und der Prediger über die Schwelle trat, dann kam ihm der Gefangene schon bis dorthin entgegen, und in seinem Blick war zu lesen, wie wohl ihm jetzt der Besuch that, den er zu Anfang so schroff zurückgewiesen hatte.

Freilich war es immer mehr die Persönlichkeit Reginalds, die ihn fesselte, als das Amt, das er vertrat. Sehr allmählich erst ging der Prozeß in ihm vor sich, nicht nur zu beachten, wie der Mann zu ihm sprach, sondern auch dem, was er sprach, aufmerksames Gehör zu schenken. Und die Thatsache, daß Reginald ein flottes, lustiges Leben als reicher Majoratsherr und Offizier hätte führen können und das alles, väterlichen Segen und Erbtheil dazu, muthig und ohne zu schwanken in die Schanze geschlagen hatte um seines Glaubens willen, – diese Thatsache hatte gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht und sein Nachdenken von dem Manne selbst auf die Sache gelenkt, der er diente. „Es muß ihm doch ungeheuer ernst damit sein, wenn er alles das darum aufs Spiel setzen konnte!“ sprach es in seinem Innern, und: „Er glaubt in allem Ernst jedes Wort, das er spricht, darauf könnte man die Hand ins Feuer legen!“ – und wieder: „Es muß doch ein ganz merkwürdiges Ding sein um solch einen felsenfesten Glauben; wer den hätte! Man könnte den Pfarrer beneiden um seine unerschütterliche Zuversicht!“

Jetzt, da Schönfeld schon seit langer Zeit von seinen einstigen Genossen losgelöst war, konnten solche Gedanken eher bei ihm Eingang finden und Wurzel fassen als früher, da ihnen von anderer Seite entgegengearbeitet wurde. Dann aber war die Bestätigung des Todesurtheils, so gelassen und selbstbeherrscht sie der Gefangene auch aufgenommen hatte, nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Er hatte es so gewollt, das war gewiß, und er wollte es auch jetzt noch nicht anders – das Leben ekelte ihn an, und er wünschte, es wie eine Last von sich zu werfen. Aber die Gedanken über „Etwas nach dem Tode“ ließen ihn nun doch nicht mehr los; er hatte sie früher verlacht und nur immer von einem traumlosen Ausruhen, einem ewigen Schlaf gesprochen. Der tiefe Ernst, mit dem ihn Conventius bat, für seine unsterbliche Seele zu sorgen, die unerschütterliche Ueberzeugung, die er ihm auf alle Fragen und Zweifel entgegenstellte, prallten nicht so wirkungslos an ihm ab, wie es die ersten Male den Anschein hatte; es arbeitete weiter in ihm, oft fand er sich gegen seinen Willen in Grübeleien vertieft – neue Widersprüche, neue Gegengründe tauchten in ihm auf, die er dem Pfarrer unterbreiten wollte, – ungeduldig sehnte er dessen nächsten Besuch herbei, und immer wieder zerflossen alle seine nebelhaften Zweifel und Bedenken vor der glorreichen Sonne dieses sieghaften Gottesglaubens in nichts und sanken haltlos in sich zusammen. Conventius war ein viel zu feiner Menschenkenner, um nicht mit innerer Freude diese Wandlung zu bemerken, aber er hütete sich wohl, diese Freude zu zeigen, den Nachtwandelnden vorzeitig anzurufen – er sprach von sich selbst, seinem eigenen Empfinden, seinen Erfahrungen und fragte niemals: „Und wie steht es nun mit Dir? Glaubst Du endlich?“

Von Zeit zu Zeit sprach er ein kurzes Gebet, frei aus seinem Herzen heraus – das bewegte den Gefangenen jedesmal in tiefster Seele, denn Conventius betete nicht in pathetischen, großen Worten – er sprach ganz schlicht und vertrauensvoll, wie ein Kind mit seinem Vater spricht, von dem es ganz genau weiß: er giebt mir das, was mir gut ist!

Annie Gerolds liebliche Frühlingsblumen waren allgemach verdorrt; sie hatten schön geblüht und köstlich geduftet, und der Gefangene hatte sie emsig gepflegt im Verein mit Remmler, der sie stets vor Anbruch der Nacht auf den Flur hinaus- und jeden Margen wieder hereintrug. Jetzt prangte nur ein hoher, schöner Rosenstock, mit zahllosen weißen Blüthen und Knospen bedeckt, in der Zelle, sowie eine schlanke, feingefiederte Palme – beides Gaben von Conventius. – –

Draußen brütete eine erdrückende Schwüle. Die weißen Pflastersteine des Gefängnißhofes flimmerten grell im Sonnenschein, es that den Augen weh, darauf hinzusehen, Verdrossen und träge schlenderten die Gefangenen in der Gluth dahin, von den Aufsehern überwacht. Am ganzen Himmel war kein Wölkchen sichtbar, unerbittliches Blau, soweit der Blick reichte.

Schönfeld durfte in diesen letzten Tagen, die er noch zu leben hatte, manche Vergünstigung erfahren, machte aber von diesem Vorzug nur geringen Gebrauch. Den Kopf in die Hand gesetzt, sah er gedankenverloren zu seinem hochgelegenen Fenster empor, durch dessen Gitterstäbe ein Stückchen des lachenden Juni-Himmels hereinblaute. Hatte man sich dort in der fernen Unendlichkeit wirklich Gott zu denken – die Urkraft, die Allmacht, von der alles Lebendige ausgeht – zu der alles Lebendige zurückkehrt? Zu der auch er so bald schon zurückkehren sollte? Trotz der Sommerhitze überlief ihn ein plötzliches Schaudern. Sterben – sterben durch Henkers Hand! Von keinem betrauert, von niemand beweint, schimpflich und schmählich gewaltsam vom Leben zum Tode gebracht zu werden! Aber hatte denn nicht auch er dem Lauf der Natur vorgegriffen, war nicht auch durch seine rohe Gewalt ein Menschenleben verkürzt worden? Er hatte gut sagen, daß es ein elendes, nutzloses, ja, ein verwerfliches Dasein gewesen sei, das er vernichtet habe, daß er seine That nicht bereue – er würde ja doch die Erinnerung an die zuckende, blutüberströmte Gestalt, wie sie hilflos vor ihm zusammengesunken war, an die starren, verglasten Augen, die ihn aus dem fahlen Leichengesicht anstierten, nie verlieren! Und es war keineswegs der Ekel vor dem Leben allein, das ihn den Tod herbeisehnen ließ – es war das ewig lebendige Bild seiner Blutthat, das ihn verfolgte, und das ihn ebenso sehr sein eigenes Dasein verwünschen machte. Wie hatten sie ihn belobt und umjubelt, die Gefährten, als er ihnen seinen „Plan“ mittheilte! Er sah es noch, das düstere, rauchige Lokal, in dem sie ihre Zusammenkünfte damals hielten, sah die verwegenen, wilden Gesichter, die gierigen Blicke, athmete die erstickend schwüle Atmosphäre, hörte die wüsten, lästerlichen Reden: „Tod und Verderben den Reichen!“ „Nieder mit den Kapitalisten!“ „Unsere Todfeinde, die Besitzenden!“ „Zu oberst das Unterste und umgekehrt!“ „Wollen doch ’mal sehen, wie das den oberen Zehntausend gefällt!“ – Und sie hatten ihn begeistert als ihren Retter, ihren Führer gepriesen, … und dann hatte er ihnen die Kastanien aus dem Feuer geholt und war beinahe fertig damit gewesen, als man kam und ihn griff. Aber die andern waren allesammt frei ausgegangen – er hatte keinen einzigen vom „Verein“ genannt, keinen Kameraden verrathen! Niemals hätte er das gethan, nie in seinem ganzen Leben! Ob Conventius das wußte, als er dem Gefangenen, der sich selbst in überströmender Bitterkeit „einen gemeinen Verbrecher“ genannt hatte, lebhaft widersprach: „Gemein? Das Wort paßt nicht auf Sie! Ein gemeiner Verbrecher sind Sie nicht!“

Heute saß er noch hier und sann und sah den goldenen Sonnenstrahl, der durch die Eisenstäbe seines Fensters schlüpfte und eine glänzende Bahn bis zu ihm zog – hörte das Schwirren der Schwalben, die fröhlich aus- und einflogen, unbekümmert darum, daß sie ihre Nester unter den Dachfirst eines Gefängnisses gebaut hatten – zählte die Glockenschläge einer tief dröhnenden Thurmuhr in seiner Nähe – athmete die schwüle Sommerluft … und in wenig Tagen lag er verscharrt in einem versteckten Winkel, und niemand würde an seinem verlassenen Grabe niederknieen und um ihn weinen und Blumen auf seinen Hügel pflanzen! Der Menschheit hatte er dienen wollen – freilich auf falschem Wege, wie er jetzt recht wohl einsah – aber die Menschheit stieß ihn aus ihrer Gemeinschaft …

Ein Zittern kam über ihn, dessen er nicht Herr zu werden vermochte. Konnte das Todesfurcht sein? Heinrich Schönfeld und Todesfurcht! Unmöglich! Er haßte ja das Leben, er wünschte sich den Tod! Was aber heute sein Geist für wunderliche Sprünge that! Da war er auf einmal mitten in seiner frühesten Kinderzeit – ein kleiner, etwas schwerfälliger Junge, nicht so lärmend wie seine Kameraden, – und in demselben Hause, in dem er mit seinen Eltern und Geschwistern eine finstere Hinterwohnung innehatte, wohnte auch der Flickschneider Oehmke mit seinem kleinen Töchterchen Lieschen. Konnte das Lieschen lachen und lustig sein! All die winkligen Ecken und steilen Treppen des alten, baufälligen Hinterhauses hallten von ihrem helltönigen Lachen wieder – und worüber hatte sich denn das Lieschen im Grunde zu freuen? Ueber nichts! Denn es bekam nicht einmal immer satt zu essen, und der Vater war ein verkümmerter, trauriger Gesell, der das Kind wenig beachtete. Aber jeder im Hause hatte es lieb, und es liebte getreulich alle wieder. Wenn Lieschen einmal irgendwo ein paar gute Bissen erhascht [812] hatte, so theilte sie dieselben redlich mit ihren Gefährten, ebenso aber verlangte sie ihren Antheil, wenn ein anderer etwas Schönes hatte. Unbefangen, als müßte es so und nicht anders sein, streckte Lieschen dann sein Händchen aus, um die erwartete Gabe in Empfang zu nehmen, und blieb diese einmal aus, dann kam ein Zug äußersten Erstaunens in seine klaren Kinderaugen – es begriff eben gar nicht, daß man etwas haben und nichts davon abgeben könne! –

Und eines Tages war das sonst so rothwangige, lachlustige Kind todtenbleich und still ins Haus gebracht worden – es hatte einen grauenhaften Sturz aus einer hohen Bodenluke gethan und war auf der Stelle todt gewesen – das Haus war seitdem wie ausgestorben, und Heinrich Schönfeld hatte seine ersten bitteren Schmerzensthränen geweint und seinen ersten Kummer gehabt. „Heini“ hatte sie ihn immer gerufen, da sie mit dem r noch ihre Mühe hatte – es hatte ihn seitdem nie wieder ein Mensch so genannt! –

Jahrzehnte hindurch hatte er nicht mehr an das kleine Geschöpf gedacht – wie stand es ihm jetzt urplötzlich lebhaft, greifbar deutlich vor Augen in seinem kurzen Kleidchen von verschossener rother Farbe und den abgewetzten winzigen Lederschuhen! Allerdings – sein Leben sollte zu Ende gehen, da knüpften die Gedanken unwillkürlich wieder an den frühesten Anfang an – er hatte das irgendwo gehört oder gelesen! – Diese Einsamkeit, die ihn umgab – diese tiefe, beklommene Stille! Und jetzt wieder dieser eisige Schauer – immer noch dies seltsame innere Zittern! War er krank? Er horchte angestrengt hinaus – war keine Menschenstimme vernehmbar – fiel kein Tritt auf den Steinfliesen des Flurs? Alles still, wie ausgestorben! Wenn doch der Pfarrer käme! Aber um diese Zeit würde es sicher nicht geschehen. Wieviel Uhr mochte es sein? Die alte Freundin vom nahen Thurm hatte so lange nicht zu ihm gesprochen – oder hatte er es nur überhört? Seinen eigenen Herzschlag konnte er belauschen – angstvoll – unregelmäßig! Allein und verlassen! – Conventius hatte gesagt: „Allein und verlassen ist niemand! Gott ist bei ihm, sobald er ihn ruft!“

War er auch bei ihm, dem zum Tode Verdammten, der Blut vergossen und fremdes Gut genommen hatte? War das Gott, der aus dem Angstruf der zitternden Seele sprach – war das Gott, der seine Hände jetzt zusammenfügte und sein Haupt sich beugen ließ? „Erbarme Dich meiner!“ flüsterte er tonlos – und noch einmal: „Erbarme Dich meiner!“

Da fiel mit dumpfem Ton eine ferne Thür ins Schloß – noch eine – aber schon näher – wieder eine – sehr nahe – rasche, feste Tritte wurden hörbar – ein wohlbekannter Laut von aneinander rasselnden Schlüsseln – es kam jemand – er blieb nicht länger allein mit seiner hilflosen Angst! Auf der Schwelle stand eine hohe, schlanke Gestalt mit einem edeln schönen Gesicht – stand und sah in das Antlitz des Gefangenen, der immer noch regungslos am Tisch saß – und winkte hastig dem Schließer zum Gehen, trat dicht zu dem Verurtheilten heran, schloß seine warmen, lebensvollen Hände gefaltet um die eiskalten, bebenden und sagte mit leiser Stimme: „Wir wollen heute miteinander beten!“ – – –

Nun war es schon seit geraumer Zeit still in der Zelle; Reginalds tiefe Stimme war verstummt, verstummt waren auch die leisen, abgebrochenen Laute aus Schönfelds Brust. Aber immer noch hielt der Geistliche die Rechte des Mörders fest in der seinen, und dieser klammerte sich an die starke, warme Hand wie an die letzte Stütze, die das Leben, aus dem er so bald scheiden sollte, ihm noch bot. – Der Sonnenstrahl war weitergerückt, er fiel nur ganz schräg noch in das Zimmer und streifte Reginalds blondes Haar. Die drückende Schwüle hatte nachgelassen, der Gefangene vermochte wieder frei zu athmen.

„Ich habe einen Wunsch!“ begann er endlich mit heiserer, stockender Stimme.

„Wenn es in meiner Macht steht, ihn zu erfüllen, so soll das geschehen!“

„Ich – ich möchte Ihnen von meiner Vergangenheit erzählen – aus meinem Leben – aber Sie haben gewiß keine Zeit –“

„Ich habe immer Zeit!“ entgegnete Reginald mild. „Und Sie wissen es ja, für Ihr Leben habe ich viel Interesse gehabt. Das wenige, was ich aus den Akten über Sie weiß, ist nur, daß Sie in Hamburg geboren sind, wo Sie etwa bis zu Ihrem achtundzwanzigsten Jahre als Kaufmann, theils Handlungsgehilfe, theils Comptoirist, gelebt haben – die Thatsache, daß Ihnen die Eltern sehr früh gestorben, die Geschwister fremd geworden sind – daß Sie dann eine geraume Zeit in London waren und von da nach Amerika gingen, wo Sie lange in verschiedenen Städten – New-Orleans, Cincinnati, St. Louis, San Francisko – Ihren Aufenthalt nahmen, um endlich wieder nach Europa zurückzukehren. Alles, was dazwischenliegt, ist mir verborgen –“

„Es ist das beste, daß das meiste davon Ihnen auch verborgen bleibt!“ fiel Schönfeld ein. Seine Brauen hatten sich finster gefurcht, um seine Lippen lief ein Zucken. „Von dem Tage an, da ich nach London ging, war ich schon das, was man vom Standpunkt staatsbürgerlicher Rechtschaffenheit einen Verbrecher nennt – das Mitglied, bald das Oberhaupt einer fest organisirten Gesellschaft, von deren System und Verbreitung ich nicht reden werde. Aber ich habe mir vorgenommen, Ihnen die volle Wahrheit zu sagen über ein anderes Stück meiner Lebensgeschichte, von meiner Hamburger Zeit möchte ich mit Ihnen sprechen. Denn dort ist gewissermaßen die Wurzel zu suchen von allem, was später verderblich und bösartig in mir aufstrebte. Daß ich die Eltern früh verlor, als ich noch in die Hamburger Stadtschule ging, wissen Sie. Ich war der älteste von fünf damals lebenden Geschwistern, Vermögen hatten wir keinen Heller, und es galt, sobald als möglich etwas zu verdienen. Man nahm mich alsbald aus der Schule, in der ich mich nicht schlecht gehalten hatte, – namentlich war ich ein guter Rechner gewesen – und gab mich als Laufjunge, Austräger und so weiter in ein kaufmännisches Geschäft, in dem ich es sehr schwer hatte und nur wenig erwarb. Ich kam nicht weiter, der Herr weigerte sich, mich von meinem untergeordneten Posten auf einen höhern zu erheben, und so ging ich dort fort und kam als Lehrling in ein Materialwarengeschäft, in welchem sich einer der dortigen jungen Leute meiner annahm, mir Bücher lieh, mich rechnen ließ und Buchführung lehrte. Er fand Vergnügen daran, mich zu unterrichten, nannte mich einen anschlägigen Kopf, der es zu etwas bringen werde, und verhieß mir durch seine Verbindungen – es waren lauter Makler, Kleinhändler, Kaufleute – bald eine bessere Stelle, in der ich meine ‚Fähigkeiten‘ voll entwickeln könnte. Das dauerte denn aber doch ein paar Jahre, während welcher ich eifrig dem Materialwarenhandel oblag, mich aber immer mehr nach einer Comptoirstellung sehnte, die meinen Neigungen am meisten entsprach. Ich frischte in meinen Mußestunden meine halbvergessenen französischen Kenntnisse aus, ich fing an, auf eigene Faust Englisch zu treiben, und stümperte mich langsam in dieser Sprache weiter. Meine Thätigkeit wurde mir aber immer unangenehmer, je älter ich wurde, und so begrüßte ich denn mit Freuden einen Vorschlag, den mein ehemaliger Beschützer, der inzwischen längst das Geschäft verlassen, mich aber nicht aus den Augen verloren hatte, mir machte. Er kam sehr zögernd mit seinem Plan heraus, meinte, es sei kein schöner Posten, den er für mich im Sinn habe, es würde ihn gar nicht wundern, wenn ich es dort nicht aushielte – es sei eben nur, weil meine jetzige Beschäftigung mir so zuwider wäre – und so fort.

Schließlich, auf mein eifriges Zureden, erfuhr ich, daß es sich um eine Stelle bei einem alten, in der Hamburger Geschäftswelt überaus verrufenen Manne handelte, der einen Gehilfen für seinen Buchhalter und Korrespondenten suchte. Der Alte betrieb eine Art von überseeischem Handel, er hatte Antheil an verschiedenen Schiffen, betheiligte sich mit Einlagen von Geld bei mehreren Firmen, die sammt und sonders keinen sehr sauberen Namen trugen, machte auch auf eigene Hand Geschäfte im Getreidehandel, im Kaffeeumsatz und dergleichen – alles mit großem Glück. Sein Haupterwerb aber bestand darin, daß er, mit Hilfe eines abgefeimten Winkeladvokaten, armen Leuten Geld zu hohen Prozenten lieh, sich ihr ganzes Hab und Gut aneignete und die Beraubten nackt und hilflos von seiner Thür jagte, wobei er seine Sache immer so schlau anfing, daß ihn gerichtlich niemand fassen konnte. Von diesem letzteren Umstand erfuhr ich damals nichts, ich hörte nur, der alte Heßberg sei steinreich, außerordentlich geizig, nehme es mit der Reinlichkeit seines Geschäftsbetriebes nicht genau und sei überhaupt ein von allen gemiedener Sonderling. So wenig verlockend das klang, war ich dennoch fest entschlossen, die Stelle anzunehmen, denn ich wollte um jeden Preis in einen [813] neuen Wirkungskreis hinein, und es hätte sich mir, meiner lückenhaften Kenntnisse und mangelnden Verbindungen halber, sicher sobald kein anderer aufgethan. Im übrigen – ich war jung und muthig – was ging es mich an, wie mein künftiger Prinzipal unter den Leuten angesehen wurde unb welcher Art seine Ehrbegriffe waren? Für mich handelte sich’s in erster Linie darum, zu lernen, viel zu lernen, wozu ich fest entschlossen war und wozu sich mir vollauf Gelegenheit bieten würde. – Hätte ich ahnen können, was mir bevorstand – hätte ich ahnen können!“

Schönfeld ließ das Haupt sinken und starrte eine Weile stumm und finster vor sich hin.

„Im alten Theil von Hamburg,“ fuhr er nach einer langen Pause fort, "stand das schmale, baufällige Haus, in das ich meinen harmlosen Jugendsinn, meine unschuldige Welt- und Lebensauffassung hineintrug, um sie auf immer darin zu begraben und Jahre darauf statt ihrer einen bittern, wilden, unauslöschlichen Haß gegen die Besitzenden, die Kapitalisten mit mir zu nehmen. Mich hat keine innere Stimme gewarnt, ich ahnte nicht, daß ich dermaleinst als Anarchist, als Revolutionär über diese Schwelle schreiten würde!

Das alte Haus sah engbrüstig und wie von einem feuchten Schimmel überzogen aus – innen roch es nach dumpfem Moder. Als ich einzog – ich sollte ein Zimmer hier beziehen – empfing mich der Buchhalter, der gleichfalls mit seiner Familie im Hause eine Wohnung hatte. Gleich die Erscheinung dieses Mannes machte mich stutzen – er sah aus wie ein vornehmer Herr, wie ein verkappter Edelmann; seine formgewandten Manieren, seine Redeweise, alles imponirte mir, der ich bisher nichts Aehnliches in meinen Kreisen gesehen hatte, bis zur Verblüffung. Wie kam ein Mann wie dieser hierher – in diese Stellung? Ich erfuhr später, daß er einer aus Frankreich gebürtigen, ehemals hochangesehenen Emigrantenfamilie entstammte, ganz jung und hilflos seine Angehörigen verloren hatte und durch widrige Verhältnisse aller Art herabgedrückt worden war. Eine ausgeprägte Schwermuth, eine Art von unheilbarer Melancholie, die seinem ganzen Wesen gleichsam den Stempel aufdrückte, ließ mir den Mann – seinen Namen möchte ich Ihnen nicht nennen – noch anziehender erscheinen; ich kam lange Zeit gar nicht aus dem Grübeln und Erstaunen über ihn heraus, zumal er eine kaufmännische Gewandtheit, eine Sprachkenntniß und Umsicht an den Tag legte, die mich, den unerfahrenen jungen Menschen, vollständig blendete, indessen auch heute noch meine vollste Bewunderung erregen und verdienen würde.

Er war sehr gütig gegen mich und führte mich gleich am ersten Tage in seine Familie ein, indem er die Hoffnung aussprach, daß ich mich dort anschließen und etwaige Freistunden des öftern im Kreise der Seinigen zubringen würde. Ich fand eine Frau, so zart und schön wie eine Blume, aber wie eine Blume, die im Entblättern, Hinwelken und Sterben begriffen ist – blond, zart, liebreizend, mit großen, unnatürlich klaren Augen, mit Farben wie ein Hauch, und einem eigenthümlich leichten, schwebenden Gang, wie ich ihn nie, weder vorher noch nachher, je gesehen habe. Sie hatte schon damals ein tödliches Leiden, um das sie wußte, das sie aber mit heroischer Tapferkeit Mann und Kindern verschwieg. Ein paar kleine blonde Wesen, zart und süß wie die Mutter, tummelten sich in den düstern, feuchtkalten Zimmern, die mir für diese Frau und diese Kinder wie eine sichere Todtengruft erschienen; dem Vater glich nur ein einziges Kind – sein ältester Sohn, der, als ich ihn zum ersten Male sah, vor einem Reißbrett stand und mit schwarzer Kreide so zauberschnell und mit so genialer Sicherheit einen Kopf aus dem Gedächtniß auf das aufgespannte Papier hinzeichnete, daß ich sprachlos vor Entzücken stehen blieb. Der hochaufgeschossene Junge war etwa siebzehnjährig, Primaner eines Gymnasiums, vielversprechend in jeder Hinsicht, aber so offenbar zum Künstler geboren, daß über seine spätere Laufbahn nicht der leiseste Zweifel aufkommen konnte. Ebenso feingebildet und begabt wie sein Vater, unterschied er sich doch in seinem Wesen auffallend von diesem; der Junge loderte geradezu vor Feuer und Leidenschaft, alles an ihm war Kraft, stürmender Thatendrang – ein prachtvolles, junges Menschenbild! Wenn ich jemals einen Menschen in meinem Leben bewundert und geliebt habe, so war es dieser! Und ich hab’ es ihm bewiesen – ja mit Stolz kann ich es sagen – ich hab’ es ihm bewiesen bis heute! –

Mindestens fünf bis sechs Jahre älter als er, war ich doch der Schüchterne, der Nehmende – er der Großmüthige, Gewährende; seine Erzählungen von seinem Schülerleben, seinen Lehrern und Freunden, seinen Plänen für die Zukunft erfüllten mich mit Begeisterung, ich hätte ihm tagelang zuhören können. Als er mir meine Schicksale abgefragt und vernommen hatte, daß ich die Schule frühzeitig, um des Broterwerbs willen, zu verlassen gezwungen gewesen sei, als er von meinen mühseligen Selbststudien hörte, erbot er sich sofort, mir Unterricht zu ertheilen in allen Fächern, in denen es mir fehlte und die ich doch nicht entbehren zu können meinte. Ich nahm dies Anerbieten voll dankbarer [814] Rührung an, und selten wohl hat ein Lehrer mit mehr gutem Willen und jugendlichem Feuereifer sein Amt betrieben, selten ein Schüler mit solcher Begeisterung und solchem Ehrgeiz gelernt, als es in dem kleinen, kahlen Hinterzimmerchen geschah, welches ich bewohnte. Dies Zimmerchen bekam auch meines jungen Freundes und Lehrers kühne Zukunftsideen zu hören, die alle darin gipfelten, der Mutter, die er abgöttisch liebte, ein behaglicheres Los, ein Jahr im Süden und beste Pflege zu bieten – ‚es ist ja meines Vaters ewiger Kummer, daß er dies nicht kann, denn er liebt die Mutter, wenn das möglich ist, noch mehr als ich. Aber mit guten Bildern kann man natürlich hundertmal mehr verdienen als in dieser elenden Buchhalterstelle! Ist’s nicht eine Sünde und Schande, daß ein Mann mit den Fähigkeiten und Kenntnissen meines Vaters in einer so erbärmlichen Stellung aushalten muß?‘

Ja – es war eine Sünde und Schande – er hatte recht! Daß es ein eisernes, unerbittliches ‚Muß‘ war, welches den Mann zwang, für ein unglaublich geringes Gehalt Dienste zu leisten, die ein anderer zehnfach so hoch bezahlt hätte, das begriff ich schon in den ersten Tagen – welcher Art dieses ‚Muß‘ war, das erfuhr ich erst viel später!“ –

„Sie haben mir aber noch kein Wort von Ihrem eigentlichen Prinzipal gesagt!“ erinnerte hier Conventius den Redenden.

Ein Zug von Ekel und Abscheu ging über Schönfelds Züge.

„Es fällt mir schwer, von ihm zu sprechen!“ murmelte er. „Aber ich kann mir’s ja nicht ersparen; es gehört mit dazu – und wie sehr! Glauben Sie es, Herr Pfarrer, daß Gott seinen Geschöpfen seinen Stempel aufdrückt, sie böswillig und lasterhaft aussehen läßt, wenn sie es sind, und umgekehrt ihnen freundliche, gute Gesichter giebt, wenn es in ihrem Herzen ebenso aussieht?“

„Das thut nicht Gott – die Menschen selbst sorgen dafür, daß die Tugenden und Laster, die ihr Handeln bestimmen und ihr Leben lang mit ihnen gehen, ihren Ausdruck finden in ihrem Antlitz: aber auch das täuscht oft, und es gehört viel Seelenkenntniß dazu, solche Schrift jedesmal richtig zu deuten!“

„Nun – diesmal täuschte es nicht! Selten wohl hat Gottes Sonne eine so niederträchtige Physiognomie beschienen; ein kleiner kahler Schädel von abschreckender Häßlichkeit, ruhelos funkelnde, böse Augen ohne Wimpern und Brauen, die dünnen Lippen beständig in zuckender Bewegung; der Unterkiefer weit vorgeschoben, die Hände zitternd gekrümmt wie die Krallen eines gierigen Raubvogels, dazu eine hohlklingende, pfeifende Stimme und seltsam schleichende, tastende Bewegungen! Er gab vor, sehr kurzsichtig und schwerhörig zu sein, hatte aber die feinsten und schärfsten Sinne, die mir je vorgekommen sind. Zahllose Leute, denen er seine Gebrechen vorheuchelte, glaubten ihm und gingen so in die Falle, die er ihrer Einfalt stellte, indem sie sich in seiner Gegenwart gehen ließen, was er natürlich stets zu seinem Vortheil ausbeutete. In der ganzen Nachbarschaft nannte man ihn allgemein den ‚Bluthund‘ – die Kinder, die vor den Thüren spielten, liefen scheu davon und versteckten sich, sobald er auf die Straße trat, ja, ein paar katholische Frauen, die in seiner Nähe wohnten, bekreuzten sich heimlich, wenn er vorüberging. Die Leute, die geschäftlich mit ihm verkehrten, setzten sich aus den verschiedensten Arten zusammen: da war der elegante Offizier, der hochmüthig mit dem Peitschchen an seine hohen Reitstiefel schlug und mit der Mütze auf dem Kopf im Zimmer stehen blieb – da der derbe, sonnenverbrannte Matrose – die verarmte Witwe aus guter Familie – der heruntergekommene Gutsbesitzer – der stellenlose Handwerker – der verschuldete Student … alle sah man in dem nach dem kleinen, rauchgeschwärzten Hof gelegenen Comptoir verschwinden, in welchem der ‚Bluthund‘ seine ‚Privatgeschäfte‘ betrieb, während der Buchhalter und ich in dem kahlen Vorderzimmer an unsern Pulten das ‚Offizielle‘ erledigten, die Korrespondenz besorgten, Listen ausfertigten, mit Schiffsmaklern und Kapitänen Abrechnung hielten und was sonst noch zum ‚anständigen‘ Betrieb des Geschäfts gehörte. Freilich mußten auch wir tanzen, wie unser Herr und Gebieter pfiff: unnachsichtlich jede Forderung einklagen, keine Stunde über die festgesetzte Frist hinaus Geduld üben. Mahn- und Drohbriefe in den härtesten Ausdrücken abfassen, uns von der beweglichsten Bitte ungerührt abwenden – und so fort. Aber die ‚Privatgeschäfte‘ waren noch viel schlimmerer Art, es war ein Gaunersystem der allergemeinsten Sorte, aber ich ahnte nur einiges davon, denn der ‚Bluthund‘ ließ niemand in seine Karten sehen, und der Buchhalter, der vielleicht um alles wußte, sprach mit mir nie eine Silbe über seinen Prinzipal – sobald ich die Rede auf ihn brachte, verstummte er, bis er mich eines Tages geradezu ersuchte, dies Thema ihm gegenüber nicht wieder zu berühren, es sei ihm unmöglich, darauf einzugehen.

Desto mehr ging sein Sohn darauf ein. Der junge, leidenschaftliche Mensch schäumte vor Wuth und Empörung, sowie nur der Name Heßberg genannt wurde, und ich möchte darauf schwören, daß die allgemein gewordene Bezeichnung ‚der Bluthund‘ von meinem jungen Freunde stammte. Er wußte nicht, auf welche Weise sein Vater diesem Scheusal verpflichtet war, sonst hätte er es mir gewiß gesagt; er sah nur, was auch ich sah, daß der hochgebildete und begabte Mann sich rastlos von früh bis spät im Dienst dieses Schurken mühte, daß er mehr leistete als drei andere, daß ihm dafür der kärglichste Lohn zutheil ward, daß er, die Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit in Person, die nichtswürdigen Räubereien des anderen klar durchschaute, durchschauen mußte – und dennoch auf seinem jammervollen Posten ausharrte, scheinbar taub und blind für alles, was um ihn her vorging … genug, um den Sohn, der seinen Vater über alles liebte und verehrte, außer sich gerathen zu lassen. Nur die unausgesetzte Thätigkeit, seine Vorstudien zum Abiturientenexamen, seine Malerei, die Musik, für die er ebenfalls hervorragend beanlagt war, hoben den Jüngling über dieses Elend des täglichen Lebens, über die Angst um seine Mutter, deren Aussehen immer ätherischer wurde, hinweg, nur, wenn er angestrengt und eifrig arbeitete, konnte er für den Augenblick vergessen. Wenn er einmal zufällig Herrn Heßberg auf der Straße oder im Hausflur traf – was zum Glück selten geschah – konnte er es nicht über sich gewinnen, ihn auch nur zu grüßen. Die Zähne fest aufeinandergebissen, Haß und Verachtung in jedem Zuge des edlen, stolzen Gesichts, sah er starren Blicks an jenem vorbei, als sei er leere Luft. Glückselig machte es ihn, wenn er hier und da ein kleines Bildchen, eine Zeichnung verkaufen konnte; von diesem Gelde rührte er keinen Heller an, er kaufte Wein, Früchte und allerlei Leckerbissen für die Mutter, fuhr bei mildem Wetter ein Stündchen mit ihr spazieren und stellte ihr blühende Blumen ans Fenster. Fast sah es aus, als beneide der Vater den Sohn um diese kleinen Freuden, die er selbst mit all seiner harten Arbeit der geliebten Frau nicht erringen konnte, um jeden kleinen Ritterdienst überhaupt, den der junge Mensch der zarten Frau erwies. –

So ging unser Leben während einiger Jahre hin; meine Freundschaft mit Karl – so hieß der Sohn des Buchhalters – war immer wärmer und fester geworden, und mit unbeschreiblichem Kummer sah ich unserer baldigen Trennung entgegen. Er hatte sein Examen mit Auszeichnung bestanden und sollte in einem halben Jahr die Kunstakademie in München beziehen, woselbst ihm der Vater eines Schulfreundes ein billiges Unterkommen verschafft hatte und ihm einige Mittel zum weitern Studium vorschießen wollte. Daß meines Bleibens dann auch nicht länger in Hamburg sei, stand bei mir fest – ich hatte mir jetzt einige Geschäftskenntnisse angeeignet, auch meine dürftigen wissenschaftlichen Errungenschaften einigermaßen befestigt und erweitert … es ließ sich annehmen, daß ich nun ohne zu große Mühe eine bessere Stellung in einem Comptoir erlangen würde.

Inzwischen waren verschiedene Versuche gemacht worden, bei Herrn Heßberg einzubrechen und die Reichthümer des Geizhalses, die der Glaube der kleinen Leute bis ins Märchenhafte und Unermeßliche steigerte, zu rauben – bisher waren aber diese Unternehmungen jedesmal mißglückt. Bei dem ohnehin mißtrauischen, menschenfeindlichen Charakter des alten Mannes, seinem regen Bewußtsein des grimmigen Hasses, mit dem man ihn von allen Seiten verfolgte, wuchs seine Furcht, ausgeraubt und erschlagen zu werden, von Tag zu Tag. Er ließ kunstvolle Schlösser an seine Thüren, Pulte und Schränke legen, er überwachte die Leute, die dies besorgten, aufs ängstlichste, er versteckte seine Gelder, Papiere und sonstigen Werthsachen auf die ausgesuchteste Weise, gönnte sich bei Tag und Nacht keine Ruhe, schlich zu den ungewöhnlichsten Stunden wie ein Geist mit einer Kerze durch alle Räume, aß und trank kaum mehr, aus Furcht, mau wolle ihm Gift beibringen, und wagte sich nur bei hellem Sonnenlicht, wenn alle Straßen ungewöhnlich belebt waren, ins Freie. Ein geladener Revolver lag tagüber auf seinem Pult im ‚Privatzimmer‘, des Nachts auf einem Tischchen neben seinem Bett, er beargwohnte die Leute, die ihn bedienten, ihm die Nahrungsmittel [815] lieferten, aufs schlimmste, so daß bald niemand mehr bei ihm aushielt. Dabei konnte er doch wieder das Alleinsein nicht ertragen, aber nur der Buchhalter durfte um ihn sein, in jedem andern witterte er einen Spion und Aufpasser. Auch mich duldete er nur selten in seiner Nähe – ‚mein Blick gefiele ihm nicht!‘

In der That fing schon damals, geschürt durch einige junge Sozialisten, deren Bekanntschaft ich gemacht hatte, ein dumpfer Haß gegen solche Blutsauger in mir zu gähren an, und etwas davon mag sich zuweilen in meinen Mienen verrathen haben. Ich war überhaupt in düsterer Stimmung damals. Ich hatte die Familie des Buchhalters liebgewonnen im Lauf der Jahre – ich bedauerte und schätzte den unglücklichen Mann, der wie durch einen Fluch an einen so hassenswürdigen Peiniger gekettet war, ich liebte meinen Freund, liebte auch seine feinen blonden Geschwister, die wie kleine verkleidete Prinzchen und Prinzessinnen in dem finstern Hause umherliefen und oft in mir einen freundlichen Spielkameraden fanden, und ich verehrte aufs innigste die zarte, immer noch schöne Frau, die ohne ein Wort der Klage ihr unheilbares Leiden und den ganzen Jammer ihres haltlosen Lebens trug und mit einer Selbstlosigkeit ohnegleichen für die Ihrigen sorgte und litt. Und ich sah – deutlicher, als ihre Angehörigen es sahen – daß sie hinwelkte und dem Tode nahe kam, während vielleicht – nein, sicher! – sorgsamste Pflege und ein längerer Aufenthalt im Süden dies theure Leben noch auf einige Jahre hätten hinfristen können. Ich hörte von Bankbeamten, von Fabrikdirektoren, von Geschäftsführern, Kassirern und Korrespondenten, die beinahe fürstlich besoldet wurden, – und hier saß ein Mann bei der Arbeit, elf bis zwölf Stunden des Tages, ausgestattet mit einem glänzenden Verstand und riesiger Leistungsfähigkeit – und er verdiente kaum das tägliche Brot für sich und die Seinen, dankte Gott, wenn er seinen Kindern freie Schule auswirken konnte, und mußte sein abgöttisch geliebtes Weib langsam vor seinen Augen hinsterben sehen, weil ihm die Mittel fehlten, ihr die nöthige Pflege zu verschaffen!! –

So war Ostern hingegangen, so das Frühjahr – der Sommer nahte heran … es war um die Zeit der Sonnenwende, wie eben jetzt – und häufige Gewitter gingen nieder. Die Frau des Buchhalters war in dieser Zeit besonders matt, sie konnte sich mit aller Anstrengung kaum auf den Füßen erhalten, und es ging eine so große Veränderung in ihrem Aeußern vor, daß selbst die Kinder es merkten, um wieviel mehr der Gatte und der älteste Sohn! Dazu kam eine entsetzliche Scharlachepidemie, die damals in Hamburg zahllose Opfer hinraffte – und binnen drei Tagen starben zwei der zarten, blonden Kinder – der jüngste Knabe und das älteste Mädchen. Die Eltern und Geschwister waren kaum zu trösten in ihrem Gram, namentlich die arme Mutter war ganz zusammengebrochen und ihren Gatten ergriff eine so große Angst um sie, daß er sich nicht mit dem bisherigen Hausarzt, einem gutmüthigen, unbedeutenden Manne, begnügte, sondern eine wissenschaftliche Größe zu Rathe zog. Die hielt denn mit ihrer Meinung nicht weiter hinterm Berge, nahm den Buchhalter beiseite, sagte ihm klar und deutlich, wie die Dinge standen, stieg in ihren vor der Thür haltenden Wagen und fuhr davon. –

An einem Sonntagnachmittag war’s, und wir beide, Karl und ich, waren gerade auf dem dumpfigen, kleinen Höfchen beschäftigt, einem kleinen Kanarienvogel, der den Kindern gehört hatte und gestorben war, ein Grab zu graben, als plötzlich Karls Vater geisterbleich, mit verstörtem Blick, wie ein Wahnsinniger aus seiner Wohnung an uns vorbeistürzte und, ohne uns zu sehen, durch den niedrigen Thorweg lief, der zur Straße und von dieser aus zum Eingang von Heßbergs Wohnung führte. Diese hatte keine andere Thür sonst, aber dicht an das ‚Privatzimmer‘ des Prinzipals stieß eine kleine, einfenstrige Kammer, in welcher Kohleneimer, Besen, Bürsten und sonstige Dinge aufbewahrt wurden. Ein starkes Drahtgitter vor dem zum Hofe führenden Fenster dieses Raumes war dem Geizhals nicht mehr sicher genug erschienen und es sollte durch ein solches aus mächtigen eisernen Stangen ersetzt werden. Die Arbeiten waren durch den Sonntag unterbrochen worden und das Fenster selbst war der Hitze wegen – es stand ein drohendes Gewitter am Himmel – geöffnet. Karls Blick traf sich mit dem meinen sofort in stummem Einverständniß. In demselben Augenblick, als die Thür zu Heßbergs ‚Privatzimmer‘ mit Ungestüm geöffnet wurde, stiegen wir nach einander geräuschlos durch das nicht hoch gelegene Fenster hinein, drückten uns dicht gegen die Thür und verloren kein Wort von der ganzen Unterredung!“

Auf Schönfelds Stirn standen helle Tropfen – er zog sein Tuch, sie zu trocknen, und athmete ein paarmal zitternd auf. Conventius saß neben ihm, den Kopf in die Hand gestützt, die Blüthen des weißen Rosenstocks nickten über seinem Haupt; er hatte mit lebhafter Aufmerksamkeit zugehört, zuletzt war etwas wie eine unruhige Spannung über ihn gekommen, die er mit Macht von sich abzuschütteln bemüht war. Er mußte mehrmals tief athmen, um die Brust frei zu bekommen, aber ganz nach seinem Wunsch wollte ihm dies nicht gelingen.

„Ermüdet es Sie, Herr Pfarrer?“ fragte der Gefangene.

„Im Gegentheil, es regt mich auf – – und Sie selbst?“

„Mir wird leichter ums Herz werden, wenn ich alles gesagt habe!“

„Gut – so sagen Sie alles!“

„Der Buchhalter sprach in erregtem, lautem Ton, wie ich ihn noch nie hatte reden hören – er muß ganz außer sich gewesen sein. Wir erfuhren nun auch, wodurch ihn der ‚Bluthund‘ in seiner Gewalt hatte, es ging aus den aufgeregten Reden des Mannes nach und nach hervor. Er war mit seinem jungen Weibe und seinem damals vierjährigen Sohn nach Hamburg gekommen, mittellos und verschuldet; wie es dahin gekommen war, was er zuvor getrieben hatte, sagte er nicht. Genug, daß Heßberg seine Lage erfuhr, das Unglück des Mannes ausbeutete und ihn einen Schein unterschreiben ließ, der ihm den Armen vollständig in die Hände lieferte. Natürlich war für das Darlehen, welches Heßberg ihm bewilligte, ein hoher Prozentsatz berechnet, und der Buchhalter hätte eine wirklich große Einnahme haben müssen, um allmählich diese Schuld zu tilgen. Zugleich aber hatte er sich schriftlich verpflichten müssen, in Heßbergs Dienste zu treten von demselben Tage an, da er das Geld zur Bezahlung seiner Schulden erhielt. Diese zweite Verpflichtung wurde sein Verderben, denn sie hinderte ihn, sich eine einträglichere Stellung zu suchen, da er ausdrücklich das Zugeständniß hatte machen müssen, nicht eher seine Stellung als Buchhalter bei Heßberg aufzugeben, als bis er demselben seine Schuld sammt Zinsen auf Heller und Pfennig bezahlt habe. Die Schuldverschreibung und die Dienstverpflichtung banden den unglücklichen Mann an seinen Quälgeist mit doppelter Kette für zeitlebens fest. Es war mir zuerst vollkommen unfaßlich, wie ein Mann mit dieser Geschäftskenntniß in eine solche Falle hatte gehen, sich auf ein derartiges Uebereinkommen überhaupt hatte einlassen können. Aber später mußte ich mir sagen, daß er in Hamburg fremd, hilflos, von Noth gequält, ohne Verbindungen dastand, daß es niemand gegeben hatte, der ihn vor einer Gemeinschaft mit Heßberg warnte, und daß er doch gehofft hatte, allmählich etwas von seinen Verpflichtungen abzuwälzen, weil jene Verschreibung ausdrücklich die Bestimmung enthielt, daß sein Gehalt im Verhältniß zu seinen Leistungen im Lauf der Zeit gesteigert werden sollte. Selbstverständlich wurde es nicht gesteigert, da diese Bestimmung den Ausfertiger des Schriftstücks ja zu nichts verpflichtete, die Leistungen des Schuldners nur mit des Gläubigers Maß gemessen wurden und es lediglich in seinem Belieben lag, das klägliche Gehalt zu erhöhen. Vier Kinder kamen nach und nach hinzu, Krankheit stellte sich ein, die Sorgen mehrten sich, die Einnahme blieb unverändert dieselbe, an allmähliches Abzahlen des Darlehens war nicht zu denken, nicht einmal die Zinsen konnten gedeckt werden, und die eigentliche Schuldsumme, anstatt sich mit den Jahren zu verringern, wuchs und wuchs.

Es ging aus den aufgeregten Reden und Anklagen des unglücklichen Mannes hervor, daß er in der ersten Zeit mehrfach versucht hatte, auf seinen Peiniger einzuwirken, durch Bitten, Vorstellungen, Schilderungen der wahrlich unverschuldeten Nothlage, in die er sammt den Seinigen immer tiefer hineingerieth, Hinweise auf jene versprochene Gehaltszulage … er hätte es ebensogut versuchen können, einen Stein zu erweichen, als diesen Teufel! Er sei ja kein unmündiges Kind gewesen, als er die Scheine unterzeichnet habe, er habe wissen müssen, was er that – das Recht sei durchaus auf seiner, des Gläubigers, Seite, und er selbst zu nichts verpflichtet – er möge es doch versuchen, klagbar zu werden – er, Heßberg, sehe diesem Verfahren mit Seelenruhe entgegen – sowie aber der Schuldner Miene mache, vertragsbrüchig zu werden, eine andere Stelle zu suchen, werde er seine Ansprüche geltend machen und er gedenke ihm doppelt zu beweisen, auf wessen Seite hier das Recht sei! Das waren die Entgegnungen auf alle Bitten des Mannes. Schließlich verstummte dieser und trug sein unabwendbares Unglück [816] mit jener tiefen Schwermuth und finstern Ergebung, die ich vor Jahren schon an ihm kennengelernt hatte, bis zu diesem Tage, da ihm der fremde Arzt als einziges Hilfsmittel, das Leben seines Weibes noch eine Zeit lang hinzufristen, einen längern Aufenthalt im Süden, die sorgsamste Pflege und vollkommene Ruhe genannt hatte. Da brach der Damm der Selbstbeherrschung, der wehrlosen Duldung rettungslos durch vor der wilden Verzweiflung, die den Mann bei dem Gedanken packte, sein Lebensglück, das einzige, was ihm sein trostloses Dasein noch erträglich machte, könnte ihm genommen werden. Wie ich Ihnen schon sagte – er war außer sich, führte eine Sprache, deren ich ihn nie für fahig gehalten hätte – bat und flehte nicht, sondern forderte und drohte – forderte jenen Schuldschein und jenes Versprechen zurück, das ihn für ewige Zeiten an die Sklavenkette schmiedete, forderte diese Papiere, um sie hier, angesichts des Gläubigers, auf ewig zu vernichten, und begehrte ein Kapital dazu, das ihn instand setzte, alles das zu thun, was der Arzt gewünscht hatte.

Und dazu brach ein Gewitter los, so furchtbar, daß das alte, baufällige Haus bis in den Grund hinein erbebte. Soweit ich zurückdenke, nie habe ich ein ähnliches Unwetter erlebt wie an jenem Tag der Sonnenwende – es sind gerade heute sechzehn Jahre seitdem vergangen! Und während der Donner dröhnend über uns hinfuhr, hatte ich Mühe, mit hastig geflüsterten Worten, mit angstvollen Gebärden meinen jungen Freund zurückzuhalten, der am ganzen Körper bebte vor Wuth und während der Anklagen und Zornesausbrüche seines Vaters immer wieder auf dem Sprung stand, sich auf den Teufel zu stürzen, der sie alle ins Elend gebracht hatte. Fahlbleiche Blitze durchzuckten den kleinen, halbdunklen Raum und ließen das Jünglingsgesicht geisterhaft wie ein Todtenantlitz erscheinen; ich träume zuweilen noch von diesem Gesicht. – – Wenn dann das erschütternde Grollen über unsern Häuptern nachließ, hörten wir wieder nebenbei den leidenschaftlichen Ansturm auf Recht, Pflicht, Gewissen – lauter Begriffe, die der Mann, dem sie entgegengeschleudert wurden, gar nicht kannte, die er von sich wies mit seiner hohlen, dünnen, pfeifenden Fistelstimme. Er den Schuldschein hergeben, der hier, in eben diesem Pult, an dem er sitze – er schlug hart mit der Hand auf das Holz – wohlverwahrt liege? Daß er ein Narr wäre! Das hieße denn doch, sein Geld einfach auf die Straße werfen, dazu habe er keine Lust! Und noch Geld obendrein geben? Wofür denn? Für die Schreiberdienste, die ihm der Monsieur mit dem vornehmen, französischen Namen geleistet? Möge er doch das Gesetz anrufen zur Entscheidung – er selbst wisse freilich genau, wie diese ausfallen müsse, aber man könne es ja probiren! Wozu habe man eine kranke Frau und eine Menge hungeriger Kinder, wenn man sie nicht ernähren könne? Er, der Gläubiger, sei noch gütig und geduldig genug gemesen – er brauche nur seine Schuldforderung einzuklagen, und die gesammte Bettelgesellschaft fliege auf die Straße. –

Hier folgte ein dumpfer Wuthschrei des Buchhalters, wahrscheinlich von einer drohenden Gebärde begleitet, denn wir hörten deutlich die angstheisere Stimme Heßbergs: ‚Hinaus – hinaus mit Ihnen, auf der Stelle – oder ich schieße Sie nieder!‘ Eine Thür flog schmetternd ins Schloß – – – – – – – – – Dann – – – –

Wie es sich in der Reihenfolge begab, weiß ich noch heute nicht – nur daß Karl sich plötzlich wie ein Rasender von meinen haltenden Händen losmachte, mich zurückstieß wie einen Spielball und in das Nebenzimmer stürzte. Zugleich brach der Donner über uns mit einer Gewalt los, daß ich meinte, es stürze alles über uns zusammen – kein anderes Geräusch konnte dagegen aufkommen – und als ich, halbgelähmt vor Entsetzen, die Thür des Nebenzimmers öffnete, sah ich in der Nähe des Fensters ein kleines, blaues Rauchwölkchen sich zertheilen, und Heßberg lag entseelt am Boden, während Karl mit dem im Schloß steckenden Schlüssel das Pult öffnete und, anscheinend ganz kaltblütig, nach dem Schuldschein suchte. – – Als er mich gewahrte, als unsere entsetzten Blicke sich trafen, sagte er nur mit tonloser Stimme: ‚Du wirst mich nie verrathen!‘ und ich erwiderte ein ebenso tonloses: ‚Nein!‘

Wir suchten dann gemeinsam den Schuldschein und jene unselige Verschreibung, fanden sie, ließen alles übrige stehen und liegen, wie es stand und lag, und verließen, unter einem neuen Ausbruch des Gewitters, das Zimmer.

[837] „Sie werden vielleicht denken, Herr Pfarrer,“ fuhr Schönfeld nach einer Pause fort, „der Verdacht habe sich sofort auf uns gerichtet. Aber das geschah nicht, und es ging auch alles dabei ganz natürlich zu. Die Leiche des alten Heßberg wurde am späten Abend erst von seinem Bedienungsmädchen in seinem Zimmer aufgefunden. Ob hier ein Selbstmord oder ein Raubanfall vorlag, hatte das Gericht nicht festzustellen vermocht – die Richtung, in welcher die Revolverkugel vorgefunden wurde, ließ beide Annahmen zu – doch lag größere Wahrscheinlichkeit zu der letzteren vor, da Heßberg sich mit der zähen Beharrlichkeit geiziger Greise um so mehr ans Dasein klammerte, je älter er wurde, und eine plötzliche Geistesstörung ebenfalls nicht vorauszusetzen war. Da aber die Papiere des Todten sich in vollkommener Ordnung befanden, kein Thaler an dem in sorgfältigsten Listen verzeichneten Vermögen fehlte, so mußte es entweder ein Mord, aus Wuth und Rachsucht verübt, sein – was bei dem allgemein verhaßten Wucherer leicht möglich war! – oder der Mörder war, unmittelbar nach vollbrachter That, aufgeschreckt, vielleicht durch ein Geräusch in der Nähe vertrieben worden und entflohen. Das tobende Unwetter hatte alle Bewohner des Hauses in ihre Wohnungen gebannt, niemand hatte es gewagt, auch nur ans Fenster zu treten und hinauszuschauen – von einem Schuß, einer geöffneten und geschlossenen Thür, einem Kommen und Gehen hatte kein Mensch bei dem fast unaufhörlichen Grollen des Donners auch nur einen Laut vernommen, niemand vermochte daher auch nur andeutungsweise anzugeben, um welche Zeit etwa der Mord verübt worden sein konnte. Uns beide, Karl und mich, hatte man gegen drei Uhr mit Mützen und Stöcken aus dem Hause gehen sehen – gegen vier Uhr waren wir mit nassen Kleidern, da wir den Rückweg über den Hof nahmen und der Regen wolkenbruchartig herabstürzte, wieder heimgekehrt; wir erklärten, einen Gang in die Stadt unternommen zu haben, unter einen Thorweg geflüchtet und endlich, da der Regen nicht nachlassen wollte, rasch nach Hause gelaufen zu sein. Der einzige Hausbewohner, der Heßberg an diesem verhängnißvollen Sonntagnachmittag gesprochen hatte, war der Buchhalter gewesen – er räumte dies ohne weiteres ein, sagte aus, daß er eine geschäftliche Auseinandersetzung mit seinem Prinzipal gehabt habe und daß diese, da ihre Meinungen weit auseinandergingen, nicht friedlich verlaufen sei, so daß Heßberg Drohungen ausgestoßen und er, der Buchhalter, um sich nicht von seinem mächtig aufkochenden Zorn fortreißen zu lassen, die Unterredung gar nicht zu Ende [838] geführt habe, sondern eiligst aus dem Zimmer gestürzt sei. Seine Gattin bestätigte, daß ihr Mann bleich und erregt etwa fünfzehn Minuten vor vier Uhr bei ihr eingetreten sei und ihr nur kurz berichtet habe, zwischen ihm und Heßberg sei es zu heftigen Erörterungen gekommen, und er danke nur Gott, daß er sich nicht zu Thätlichkeiten habe hinreißen lassen. –

Diese Aussagen wurden zu Protokoll genommen und der Buchhalter einstweilen in Untersuchungshaft gesetzt, nach kurzer Frist aber wegen mangelnder Beweise wieder freigelassen. Welche Angst mag der unglückliche Mann in seinem Innern wegen jenes Schuldscheins und der Verschreibung ausgestanden haben, von denen er während der Verhöre kein Wort gesagt hatte. Seine Auseinandersetzungen mit Heßberg hatten sich auf dessen gewissenlose Geschäftsführung bezogen, hatte er vor Gericht ausgesagt und in der That hatte er in Hast einige Namen von Persönlichkeiten genannt, die Heßberg gleich ihm zu Grunde gerichtet hatte, und hierauf gründete der Buchhalter seine Aussage. Ihm mußte es wie ein Wunder erscheinen, daß jene Papiere nicht aus dem im übrigen musterhaft geordneten Nachlaß des Verstorbenen zum Vorschein kamen – – aber sie blieben verschwunden, und er hat niemals den wahren Sachverhalt geahnt. Das große Vermögen des Verstorbenen fiel, da ein Testament sich nicht vorfand, an ein paar Seitenverwandte, die sich nicht einmal zur Beerdigung einstellten. Ohne Feierlichkeit und ohne Gefolge wurde Heßberg zu Grabe getragen und kein Auge weinte um ihn, keine theilnehmende Hand legte eine Blume auf seinen Hügel.

Ich blieb noch lange genug in Hamburg, um den Verfall der Familie, die mir wie eine eigene lieb geworden war, mitanzusehen; in einem anständigen Comptoir, das viele junge Leute beschäftigte, fand ich ein Unterkommen, und auch mein ehemaliger Vorgesetzter, der Buchhalter, bekam nach längerem Suchen eine ziemlich gut bezahlte Stelle. Aber es war nun alles zu spät. Der Gram um ihre beiden heimgegangenen Kinder, der Schreck und die Angst, ihren Gatten in Untersuchungshaft und vor dem Richter zu sehen, – das war zuviel für die ohnedies untergrabenen Kräfte der zarten Frau. Sie erlosch wie ein Licht, plötzlich, ganz plötzlich, und um den bedauernswerthen Mann ward es tiefe Nacht – er fiel in eine schwere Gehirnentzündung, wurde bewußtlos nach einem Hospital gebracht und starb dort nach vier oder fünf Tagen, ohne seine Besinnung auch nur für eine Stunde wiedererlangt zu haben. Die beiden jüngeren Kinder wurden mit dem kümmerlichen Rest Geld, der sich in der Hinterlassenschaft vorfand, in billige Pflege zu einfachen Leuten gegeben. Wenn ich mich recht erinnere, ist der Knabe im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren gestorben, das Mädchen später als Frau eines Missionärs nach Afrika gegangen, – – man hat nie wieder etwas von ihr gehört. Mein Freund aber, Karl – mein einziger Jugendfreund – –“ Schönfeld bedeckte seine Augen mit der Hand und seufzte tief auf, „er war wie verwandelt seit jenem Unglückstage, das schöne Jugendfeuer in ihm erloschen, die ungestüme, hinreißende Leidenschaftlichkeit dahin! Aelter, ernster, gereifter um zehn Jahre, ohne Lächeln, ohne Freude, ohne Hoffnung – und, was für mich das Schlimmste war, mir innerlich entfremdet von der Stunde an, die mich zum Mitwisser seines Geheimnisses machte! Sonst kettet dies die Menschen fester aneinander, verbindet sie fürs ganze Leben – hier trat das Gegentheil ein! Er wußte bestimmt, ich würde ihn nie verrathen, er vertraute mir vollkommen, und das eine ‚Nein‘, das ich damals gesprochen hatte, wog in seinen wie in meinen eigenen Augen so schwer wie der feierlichste Eid. Aber mein Anblick quälte ihn, rief ihm unausgesetzt den Augenblick zurück, da wir beide uns über die Leiche beugten und der betäubende Donnerschlag über unsern Häuptern losbrach; er bemühte sich, mich sein Empfinden nicht merken zu lassen, mir gegenüber ganz der Alte zu sein – aber es half ihm alles nichts, ich kannte ihn zu gut. Ein einziges Ziel nur hatte er sich gesteckt, ein Ideal schwebte ihm vor: ein berühmter Künstler zu werden! Als ihm Mutter und Vater gestorben war und er seine Geschwister, so gut es eben anging, versorgt wußte, kam er, um Abschied von mir zu nehmen, da er nach München ging – mit seinem vornehmen, blassen Gesicht und den düster flammenden Augen seinem Vater ähnlicher denn je. Der Abschied von mir schmerzte ihn nicht, ich merkte es ihm an, ihn trieb es fort, fort wie mit Sturmesgewalt, er konnte Hamburg nicht rasch genug hinter sich lassen. Ich aber – ich habe nie wieder in meinem Leben einen Freund geliebt, – wie ich ihn geliebt hatte.

Ich bin dann noch eine Zeitlang in Hamburg geblieben, bin immer mehr in die Umtriebe der Anarchisten verstrickt worden – das Leben warf mich herum, hierhin, dorthin, – gefeiert, verwöhnt von meinen Anhängern … gehetzt, verfolgt von dem, was man bestehendes Recht und Gesetz nennt, – ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, nur mit den ‚Parteigenossen‘ verkehrend, nur der ‚Partei‘ lebend. Ich bin dann gesunken, von Stufe zu Stufe …

Er aber, den ich nie vergaß, den ich im Auge zu behalten wünschte, wo ich auch war, was ich auch trieb, wenn er selbst auch nichts mehr von mir wissen, nie mehr an mich denken sollte – er hat es mir nicht schwer gemacht, seine Laufbahn zu verfolgen. Er ist gestiegen, überraschend schnell, hoch und stetig, sein Name glänzt, wie er es gewollt hatte, als einer der ersten Sterne am Himmel der Kunst, und wie er sich auch zurückzieht und vor der Welt flieht, – sie läßt ihn nicht los, bemächtigt sich seiner und trägt ihm ihre Bewunderung, ihren goldenen Lohn und ihren Lorbeer nach. Wenn er selbst auch schweigt … seine Werke reden für ihn, und eine mächtige Sprache ist es, die sie führen! Ich habe oft und viel über ihn gelesen – man nennt ihn unzugänglich, menschenscheu und düster, und seine Bilder athmen die tiefste Schwermuth. Wem ein so unheilbares Gift in den Becher der Jugendlust gemischt wurde – wie soll der in seiner Kunst von Lebensfreuden erzählen können? –

Wir sind nie in ein und derselben Stadt gewesen – er war viel auf Reisen und fast nie in Europa – bis – bis – auf diese letzte Zeit! Man hat ihn hierher nach F. berufen und zum Professor an der Akademie gemacht, und er ahnt es nicht, daß ich ihm so nahe bin – und doch so unerreichbar weit! Er soll es auch nicht ahnen – mit keinem Wort möchte ich seinen Weg kreuzen – ich wollte, er hätte mich vergessen! Ich habe seiner gedacht zu tausend Malen, vielleicht, weil sein Name unauflöslich verbunden ist mit einer der wenigen wahrhaft guten Thaten meines Lebens! Denn eine gute That ist es gewesen, daß ich damals schwieg, und ich freue mich ihrer!

Vor einiger Zeit hat mir der Herr Direktor, durch Ihre Güte, Herr Pfarrer, dazu veranlaßt, Zeitungen zu lesen geschickt, – nicht den politischen Theil, nur die Feuilletons und die allgemeinen Nachrichten und wissenschaftlichen Besprechungen. Darin fand ich denn auch eine ausführliche Besprechung der letzten Gemäldeausstellung, und ein Bild war’s vor allem, das die Kritik zu einem wahren Sturm von Entzücken und Begeisterung hinriß: ‚Der Engel des Herrn‘! Von ihm! Er hat meist landschaftliche Motive gemalt, zuweilen auch Bildnisse, die meisterhaft sein sollen – jetzt wagt er sich auch an diese mystisch religiösen Darstellungen, und sie glücken ihm. Was glückte ihm nicht in seiner Kunst? Er ist ein großes Genie, ich hab’ es immer gewußt. Ich hätte gern dieses Bild gesehen ‚Der Engel des Herrn‘! – Von mir wird er nichts wissen – wie viele Künstler lesen die Gerichtsverhandlungen? Zudem habe ich verschiedene Namen geführt – wer sagt ihm, welches der rechte sei? Was haben sie miteinander zu schaffen – der zum Tode verurtheilte Verbrecher und der weltberühmte Maler, Professor Delmont? Da! Nun habe ich Ihnen dennoch den Namen genannt – Sie haben ihn ohnehin bei Nennung des Bildes errathen – auch thut es nichts! In drei Tagen habe ich zu sterben – – es ist Sonnenwende!!“

*      *      *

Es blieb eine Weile still auf Nummer achtundfünfzig. Der zum Tode Verurtheilte starrte mit einem ganz eigenen Ausdruck zu dem vergitterten Fenster empor, durch dessen Eisenstäbe ein Stückchen des rosig überhauchten Abendhimmels hereinsah. Die Sonne war himunter, aber die Goldglorie, die sie hinter sich gelassen hatte, schwebte noch über der blassen Himmelsbläue. Und der bleiche, schlanke Mann sah hinauf – hinauf und dachte, daß er nur dreimal noch den Sonnenball an seinem Fenster würde vorüberwandern sehen – und dann sollte es für immer zu Ende sein, das Leben, das ihm so wenige Rosen und so viele scharfe Dornen gebracht hatte! Seine Seele! Würde sie hinaufschweben zu den lichten Höhen, von denen jetzt das Sonnengold wie flüssig gewordenes Feuer niederrann – und würde der allerbarmende [839] Gott, der in alle Herzen, auch in das seine, schaute, und der da wußte, wofür er in seinem blinden Wahn gesündigt hatte, ihn aufnehmen und ihm verzeihen? –

„Daß ich Ihnen diese Geschichte erzählte, Herr Pfarrer,“ begann Schönfeld endlich aufs neue, „das soll zugleich die Antwort auf eine Frage sein, die Sie mir vor kurzem einmal vorgelegt haben: ob ich nicht inmitten meines wirren, wüsten Lebens das in mir gespürt hätte, was Sie mir als göttliche Regung ausgelegt und erklärt haben! Ich denke, mein unverändert tiefes und warmes Gefühl für diesen meinen verlorenen Jugendfreund und die Thatsache, daß ich sein Geheimniß bis auf den heutigen Tag treu behütet habe, – ich denke, das ist eine göttliche Regung gewesen!“ –

Immer noch saß Reginald von Conventius unbeweglich da, und die weißen Rosen nickten träumerisch über seinem blonden Haupt. Ein brütender Ernst, ihm sonst fremd, lag über seinen Zügen, und ein banges Fragen stand in seinen Augen zu lesen. Aber er raffte sich auf mit all seiner Kraft und ließ noch einmal die göttliche Lehre von Vergeben und Vergessen über seine Lippen strömen, und aus seinem tiefsten Herzen kam das Gebet, das er zum Schluß für die Seele sprach, die sich ihm anvertraut hatte mit all ihren Irrthümern und ihrer Reue. –

Aber als er um wenige Minuten später durch die Straßen schritt, da war der inbrünstige Ausdruck, der sein schönes Gesicht eben noch verklärt hatte, spurlos verflogen, – einem Nachtwandler gleich ging er mitten durch das fröhliche Gewühl der Menschen, die von ihren Ausflügen heimkehrten oder jetzt noch, nach des Tages Arbeit, ins Freie hinausstrebten – er sah keinen Gruß, der ihm zutheil wurde, beachtete keinen der verwunderten Blicke, die ihn trafen, – fuhr aber plötzlich schreckhaft, wie vor einer Geistererscheinung, zusammen, als er, um eine Straßenecke biegend, auf ein Paar stieß, das ihm gerade entgegenkam: Professor Delmont und Annie Gerold, Arm in Arm, sie, eifrig plaudernd, einen Strauß köstlicher Rosen an der Brust, heiter, jugendschön, wie verklärt von ihrem bräutlichen Glück, – er, stolz und vornehm, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck heimlicher Wonne auf sie niedersehend, ein zärtliches Lächeln um die Lippen. Ein leichter Schreck überkam auch sie beide, als sie so ganz unvermuthet den Prediger von Sankt Lukas vor sich sahen – sie faßten sich aber rasch, grüßten verbindlich und blickten einander dann befremdet in die Augen.

Reginald hatte ihren Gruß nicht erwidert und war, so rasch ihn seine Fuße trugen, weitergestürmt.




14.

Am Nachmittag desselben Tages, der Schönfelds Beichte gebracht hatte, ging es bei Rainers sehr heiter zu. Der neugebackene Bräutigam war da, der vergnügteste Ulan, den je Gottes Sonne beschienen hatte. Er wollte mit seiner Braut und Frau Hedwig Weyland einen Besuch in Professor Delmonts Atelier abstatten, nicht so ohne weiteres – bewahre! Das hatte bei dem unberechenbaren Künstler, der noch dazu auf seine schöne Braut so eifersüchtig war wie ein Türke, übel ablaufen können! Annie Gerold selbst hatte es übernommen, ihre Freunde in das Heiligthum, das nur sehr wenigen offen stand, einzuführen; denn Delmont machte auch darin eine Ausnahme von anderen Malern, daß es ihm gar nicht darum zu thun war, sein Atelier viel besucht und seine Bilder bewundert zu sehen, – im Gegentheil, er wies viele dahin zielende Wünsche ab und nahm den Berichterstattern und Kritikern gegenüber meist eine so herbe Miene an, daß diese Herren ihren ganzen Vorrath von Unparteilichkeit zu Hilfe nehmen mußten, um die Person von der Sache, um die es sich handelte, zu trennen. Frau Weyland und Hedwig Rainer nun hatten, als Annie Gerolds beste Freundinnen, den lebhaften Wunsch geäußert, des Professors Allerheiligstes zu sehen, und Fritz von Conventius hatte sich selbstverständlich angeschlossen, „schon, um zu sehen,“ wie er sich innerlich sagte, „wie ich mich als Bräutigam gegenüber dieser gefährlichen Annie als einer Braut benehmen werde, und ob ich mit Ehren vor ihr und vor mir selbst bestehen kann. Natürlich werde ich das gut zustande bringen, denn ich verliebe mich mit jedem Tage ernstlicher in mein kleines Mäuschen – aber eben darum! Fräulein Gerold soll doch sehen, daß andere Leute auch glücklich sein können, und daß man nicht Braut eines berühmten Künstlers und Professors zu sein braucht, um das Leben wunderschön zu finden!“

Fraut Weyland war zum Kaffee zu Rainers, die ein hübsches Gärtchen besaßen, gekommen – noch aber war’s zu dem beabsichtigten Gang zu früh, und der Lieutenant unterhielt die Damen einstweilen damit, ihnen Julchens neuestes Kunststück vorzuführen. Die begabte Hühnerhündin saß inmitten einer Jasminlaube auf den Hinterbeinen, sie hatte ein Schnittchen Butterbrot auf ihrer Nase liegen und balancirte dieses mit einem sehr unbehaglichen Gesichtsausdruck, ohne indessen ihre Stellung zu verändern. Erst wenn ihr Herr „Attention!“ rief, warf sie den Kopf zurück, fing das Schnittchen Brot in der Luft auf und sank in die gewöhnliche Stellung eines Vierfüßlers zurück, um dann noch vergebliche Versuche anzustellen, das letzte Restchen Butter vermittelst ihrer langen, geschmeidigen Zunge von der Nase herunterzuholen. Diese anspruchslose Kunstleistung unterhielt die Damen bestens und Julchen erhielt viel Anerkennung ob ihrer Gescheitheit. Mama Rainer, die „Perle einer Schwiegermutter“, saß mit ihrem guten, gemüthlichen Gesicht in der Jasminlaube und wünschte sich ihren seligen Mann herbei, auf daß er sehen könne, wie glücklich sein Kind sei und wie klug sie – seine Gattin – gehandelt habe, für Hedwig einen so prächtigen Mann auszusuchen. Frau Rainer war nämlich entzückt von ihrem Schwiegersohn und bildete sich demzufolge ein, sie habe ihn „ausgesucht“! –

„Jetzt wird es bald Zeit, aufzubrechen,“ meinte Frau Weyland, indem sie ihre Uhr zog.

„Wie unbehaglich Sie dazu aussehen!“ lachte Fritz. „Hand aufs Herz, verehrte Frau – haben Sie wieder Ihre Ahnungen? Mein Mäuschen hat mir so etwas davon verrathen! Sollte ich’s nicht sagen, Kleine?“

Das „Mäuschen“ sah ein wenig verlegen aus.

„Frau Weyland liebt es gar nicht, wenn darüber gesprochen wird – nicht wahr, liebe Hedwig?“

„Es kommt darauf an, wer es thut und in welchem Ton darüber gesprochen wird!“ entgegnete die Gefragte. „Meines Mannes spöttische Art kann ich nicht gut vertragen, das räume ich ein, – er hat sich’s aber überhaupt verbeten, daß ich ihm mit solchen Dingen komme. Ich thue es auch nie und bemühe mich redlich, alles ‚Uebernatürliche‘, wie Robert es nennt, in mir zu unterdrücken, denn er behauptet, es schade mir, und es kann ja sein, daß er recht hat. Ich gehe, wenn mich solche Stimmungen überkommen, absichtlich viel unter Menschen, ich lache und schwatze, treibe Musik, arbeite und spiele mit meinen Kindern und lese ein anregendes Buch – lauter Mittel, die meine Gedanken von dem abziehen sollen, was fort und fort in ihnen die Hauptrolle spielt. Zuweilen, wenn mein Ahnen und Befürchten nicht gerade besonders ausgeprägt ist, helfen diese Gegenmittel ganz gut, – ein andermal aber erweisen sie sich als völlig machtlos!“

„Und im gegebenen Fall?“ fiel Hedwig Rainer eifrig ein.

Frau Weyland sah sich ihre Zuhörerschaft der Reihe nach an: die alte Dame war ganz Erstaunen und Glauben, die kleine Braut ganz Theilnahme und freundschaftliches Mitgefühl, und der Lieutenant Fritz, den sie, trotz seiner ihr sehr angenehmen Persönlichkeit, am meisten im Verdacht der Gegnerschaft hatte, zeigte ein ganz sittsames, ernstes Gesicht und sah aus, als interessire er sich sehr lebhaft für die Sache.

„Nun, leider muß ich bekennen“ – Frau Weyland seufzte tief auf – „daß im gegebenen Fall jede Ablenkung bisher nutzlos gewesen ist. Ich habe mich selbst ernstlich deshalb gescholten, habe alles drangesetzt, meine Stimmung zu ändern … umsonst! Es gelang mir nur äußerlich, in meinem Innern blieb alles beim alten. Sie wissen ja, wie lieb ich Annie Gerold habe, nächst meinen Familiengliedern am liebsten von allen Menschen auf der Welt. Immer, seitdem Annie erwachsen ist, hat mich die Idee beschäftigt, wie wohl ihr künftiger Mann geartet sein würde – denn sie ist ja ein entzückendes Geschöpf und ganz dazu geschaffen, einen Mann unendlich zu beglücken! Von all den bisherigen Freiern und Verehrern, die um das reizende Wesen herum waren wie die Motten um das Licht, schien mir bis vor kurzer Zeit kein einziger geeignet, ihr Herz zu gewinnen und zu verdienen – einen ausgenommen – und der ist nicht der Erwählte! Sowie ich Annie mit Professor Delmont zusammen sah, faßte mich die geheime, unerklärliche Angst, die ich so gut an mir kenne, die Angst, daß einem geliebten Wesen ein Unheil drohe; dieses [840] Gefühl kündigte sich sogar schon an, noch ehe die beiden in meinem Hause miteinander in Berührung kamen. Seit der öffentlichen Verlobung habe ich meinen Liebling nur selten gesehen, Delmont ist keine gesellige Natur! Das Paar hat uns natürlich seinen Brautbesuch gemacht, dann hatten wir es eines Abends in kleinem Freundeskreise bei uns – Sie waren ja auch zugegen, liebe Hedwig! und einmal war ich gegen Abend dort; in Heinrichslust trafen wir noch ein paar Mal zusammen – und das ist alles! Aber jedesmal, so sehr ich mich dagegen sträubte, hat sich mein Empfinden verstärkt: dieser Mann macht Annie nicht glücklich – und Annies Herz wird schwer zu leiden haben, denn leider liebt sie den Mann, gegen den ich beim besten Willen nichts einzuwenden habe als mein Gefühl, daß er Annie unglücklich macht! – So – und nun lachen Sie die ‚sensitive Frau‘ nur tüchtig aus! Ich wollte von Herzen, ich könnte mit Ihnen lachen! Ich wollte, ich hätte niemals Erfahrungen gemacht, die mir die Heiterkeit vergehen ließen!“

Es lachte niemand in dem kleinen Kreise, Frau Rainer sah betrübt aus, ihr Töchterchen hatte gar Thränen in den Augen, und der Ulanenoffizier war sehr nachdenklich geworden. Er wußte ja genau, wen Frau Weyland mit dem einen, den sie Annie Gerold gegönnt und gewünscht hätte, meinte, und seine Gedanken weilten bei Reginald, der ja äußerlich unverändert war, weder bleich und krank umherschlich, noch einen unlustigen, gebrochenen Eindruck machte … aber Fritz kannte den Vetter! Reginald hatte seinen Stolz, und in Dinge, die ihn allein betrafen, die kein anderer wandeln oder bessern konnte, ließ er sich nicht hineinreden, die machte er mit sich ab. Daß es auch gerade Annie Gerold sein mußte, an die er sein gutes und großes Herz verloren hatte! Wer dies Mädchen aus tiefster Seele liebte, für den gab es sobald keine Hilfe und kein Vergessen!

In etwas gedrückter Stimmung machten die vier sich endlich auf den Weg.

Bei dem Brautpaar indessen hielt der Ernst nicht lange vor – sie waren ja jung, gesund und glücklich, in guten Verhältnissen, mit der Anwartschaft auf eine schöne Zukunft; dazu heller Sonnenschein, frohe, geputzte Menschen, wohin das Auge sah – es mußte ja alles, alles gut werden, die Welt war gar zu herrlich! Die beiden lachten und schäkerten miteinander, und der Weg zu Professor Delmonts Haus erschien ihnen so kurz, daß sie beide ein erstauntes „Schon!“ hören ließen, als man sich plötzlich am Ziel befand.

In dem prächtigen Treppenflur stand Frau Krämer, die Haushälterin, festlich angethan, und knixte – eben diesen Augenblick sei das Fräulein Braut angekommen: die Herrschaften möchten nur so gütig sein, sich nach dem Atelier hinaufzubemühen. –

„Bist Du schon oft in einem Maleratelier gewesen, Fritz?“ unterbrach Hedwig Rainer die feierliche Stille, während welcher nur der Schleppsäbel des Ulanen gegen die Treppenstufen geklirrt hatte.

„Ja, o ja, verschiedene Male, Mäuschen! ’s ist ganz hübsch, aber mach’ Dir nicht zu ungeheuerliche Vorstellungen von dem, was Du in solchem Atelier zu sehen bekommen wirst!“

„Ich war noch nie bei einem Künstler! Mir ist ganz feierlich und beklommen zu Muthe!“

Fritz stieß ein vielsagendes: „Na!“ aus. Aber als nun Frau Krämer die breite, dunkle, mit hellfarbigen Hölzern eingelegte Thür, die in das Atelier führte, öffnete, da stieß auch er, gleich den andern, einen Ruf der Ueberraschung und Bewunderung aus. – Nicht für sie, die Fremden, hatte Karl Delmont den weiten Raum so herrlich ausgeschmückt – er wußte es, daß seine Braut heute in Gesellschaft ihrer Freunde kommen würde, sein Atelier zu sehen – da mußte es würdig hergerichtet werden. Mit seinen raschen Künstlerhänden hatte er das reiche, köstliche Material, das ihm zu Gebot stand, hierhin und dorthin vertheilt, hatte aus Truhen und Schränken immer mehr neue und kostbare Stoffe hervorgekramt, seine besten Skizzen auf die regellos umherstehenden Staffeleien gestellt und eigenhändig die prachtvollen Gobelins, die allein schon das Entzücken eines Kenners bilden konnten, abgestäubt und anders geordnet.

Die breiten, gleißenden Fensterscheiben waren heute mit scheinbar kunstlos gerafften Brokatstoffen von einer satten Purpurfarbe drapirt und eine verschwenderische Fülle von Blumen war über den ganzen Raum ausgeschüttet. In schöngeschweiften Urnen, in bizarr geformten Vasen und Schalen blühte und duftete es, und auf einem seitwärts gerückten Tische waren die schönsten Früchte in seltenen Krystallgefäßen aufgehäuft, dazwischen standen gläserne Kannen, in denen goldfarbener und dunkelrother Wein funkelte, und auch hier schlanke Büschel von zartgelben und gluthrothen Rosen mit halberschlossenen Kelchen.

Das allerschönste aber in diesem künstlerisch schönen Raume war doch Annie Gerold – Annie in ihrem zartblauen, duftigen Kleid, einen Strauß auserlesener Rosen an der Brust, voll von einem sonnigen Strom des hellen Lichtes getroffen, die freudig erstaunten Augen auf ein Bild gerichtet, das Delmont ihr hinhielt. Es war in Pastell nach jener flüchtig hingeworfenen Bleistiftskizze ausgeführt, die er damals im Geroldschen Garten hastig auf das Papier gestrichelt hatte: Annie, wie sie mit hocherhobenen Armen eine ganze Last schaukelnder weißer Fliedertrauben zu sich niederzieht, das feine Profil aufwärts gerichtet.

Keines von den beiden, die so vertieft auf das Bild schauten, wurde der Kommenden gewahr, – nur Ego, der zur Feier des Tages einen Jasminstrauß im Halsband trug, erhob sich würdevoll von seinem Platz neben dem Marmorkamin und kam den Fremden langsam entgegen, um ihnen, statt seines Herrn, die Honneurs des Hauses zu machen.

„Wie schön – wie entzückend schön ist das alles!“ flüsterte Hedwig Rainer ihrem Verlobten zu und drückte begeistert seinen Arm.

Fritz nickte nur, aber sein Blick streifte immer wieder bewundernd über den prachtvollen Raum, die wunderschön malerische Ausstattung und das lebende Bild, das er vor sich sah.

Ein leichtes Räuspern von Frau Weyland ließ die Gruppe sich lösen.

„Ah – da seid Ihr!“ rief Annie erfreut, lief auf ihre Freundinnen zu, umarmte sie, drückte Frau Rainer ehrfurchtsvoll die Hand und schüttelte dem Ulanenlieutenant die Rechte wie ein guter Kamerad. „Die Thür muß lautlos in den Angeln gehen, wir haben Euch nicht gehört, nicht wahr, Karl?“

Wenn Professor Delmont auch nicht gerade von der Anwesenheit der Gäste und Annies herzlicher Begrüßung derselben erbaut war, so ließ er sich dies doch nicht merken. Freundlich und verbindlich klang sein Willkommensgruß, er lud zum Sitzen ein und lachte fröhlich, als kein einziges der Anwesenden davon etwas wissen wollte. Sie wären gekommen, um zu sehen und zu staunen, nicht aber, sich auszuruhen, erklärte Fritz von Conventius, und zu sehen gebe es hier, daß man tagelang damit zu thun hätte. Mit diesen Worten stellte er sich mitten ins Atelier und sah sich mit einem bewunderungsvollen: „Donner und Wetter, ist das aber brillant hier!“ rundum.

„Hedwig, Liebste, sag’, ist es nicht schön, einzig schön hier – bei ihm?“ flüsterte Annie Gerold in Frau Weylands Ohr und schob ihren Arm durch den der Freundin, während Delmont bei Frau Rainer den Erklärer spielte.

„Entzückend, mein Herz!“

„Er hat mir gesagt, ich darf bei ihm sitzen, wenn er malt, sobald ich seine – seine Frau bin –“ Annie erröthete und lächelte – „er meint, er wird immer nur mich malen … aber das leid’ ich nicht! Einseitig soll er durch mich nicht werden! Sieh nur, die Waffen und Rüstungen und die venetianischen Spiegel! Diese Gobelins sind aus Brüssel, und der Teppich, auf dem wir stehen, ist flandrische Arbeit! Das große Wüstenbild rückt langsam vor, er malt viel zu viel dummes Zeug dazwischen – das heißt, es sind eben lauter Porträts von mir, in Wasserfarben, in Oel, mit farbigen Stiften, in Kreide – wie es gerade kommt! Wenn ich denke, ich soll bald hier sitzen und ihm zusehen! Es ist nicht auszudenken –“

„Wann soll Deine Hochzeit sein, Vögelchen?“

„Ach, Karl will sie schon zu Ende Juli haben, aber Thea meint, dann könne nichts in Ruhe besorgt, alles müsse überstürzt werden. Und weißt Du, Hedwig“ – hier sah Annie sich vorsichtig um und dämpfte die Stimme „so gern ich ihm alles zuliebe thue – hier bin ich auf Theas Seite. Nicht wegen der Ausstattung! Ob wir ein paar Stücke Möbel früher oder später geliefert bekommen und ob mir noch zwei Dutzend Servietten fehlen oder nicht … was thut das? Aber Thea bricht es das [842] Herz entzwei, wenn sie mich so rasch schon hergeben soll, und darum – ihm darf ich das gar nicht sagen – “

„Sie stehen nicht herzlich miteinander, die beiden?“

Annie schüttelte den Kopf, und ihre Augen schimmerten feucht. „Nicht so, wie ich mir’s gedacht – nicht so, wie ich es für Thea gewünscht hatte! Wie Bruder und Schwester sollten sie sich lieben, meinte ich immer, und ich hatte geglaubt, es würde ein Zusammenleben zu Dreien werden; ich habe mir alle Mühe gegeben, es so zu getalten, aber es geht nicht – nein, es geht durchaus nicht!“

„Aber Du bist glücklich, Liebling, nicht wahr?“

„Unendlich, Hedwig! Aber sieh, es ist kein ganz vollkommenes Glück – das mag es wohl auf der Welt überhaupt nicht geben! Wenn ich immer nur an mich allein denken wollte – o, da bliebe mir nichts zu wünschen! Aber nun habe ich mein großes, ganzes Lebensglück für mich allein, und Thea, die mich mit so viel Liebe erzogen und mir tausend Opfer gebracht hat, sie, die so zahllose Dinge entbehren muß, steht von ferne und ist ausgeschlossen von meinem Glück! Sie kann ja Karl unmöglich lieben, denn sie kennt ihn nicht! Niemand kennt ihn, so wie ich ihn kenne, weil er sich keinem so giebt wie mir!“

Frau Weyland zog Annies kleines, süßes Gesicht zu sich herab und küßte die feuchtschimmernden Augen; ihr Herz zog sich schmerzlich zusammen, ihr war beklommener zu Sinn als je! –

Indessen spielte Professor Delmont den liebenswürdigen Gastgeber – er öffnete seine Sammel- und Skizzenmappen, erläuterte dies und jenes, schloß seine in den Ecken stehenden, schweren Truhen auf und nahm herrliche Decken in Buntstickerei aus Tunis und Kairo heraus, zeigte Tschibuks und arabische Schmucksachen, türkische Kostüme und japanische Lack- und Flechtarbeiten vor, beschenkte die Damen mit hübschen, werthvollen Kleinigkeiten, kurz, er war so zugänglich und freundlich, daß Mutter und Tochter Rainer ihm innerlich Abbitte leisteten und der Lieutenant es nicht mehr ganz so unbegreiflich fand, wie ein kluges Mädchen „diesen wunderlichen Kauz von Farbenreiber“ überhaupt lieben könne.

Dann setzte man sich nach stundenlangem Fragen, Staunen, Bewundern um den runden Tisch und sprach dem Wein und den Früchten zu. Ego streckte sich zu Annies Füßen hin und schloß wohlgefällig die Augen, als diese kleinen Füße sich auf seinem breiten Rücken kreuzten; Delmont hatte ein Stück goldleuchtenden Brokats, schwer wie Leder, aufgestöbert, das drapirte er um Annies Gestalt und setzte ihr dazu ein venetianisches Perlenkäppchen auf das kastanienbraune Haar. Wie eine entzückende Dogaressa aus der versunkenen Dogenherrlichkeit, so saß das phantastisch geschmückte Mädchen auf dem alterthümlich geschnitzten Lehnsessel, das hohe Spitzglas mit dem dunkeln Wein in der Hand – „ein Bild zum Malen!“ wie Fritz von Conventius begeistert rief. Er konnte es Delmont nicht verdenken, daß er die schöne Braut unverwandt mit Augen ansah, aus denen ein verzehrendes Feuer brannte – er selbst vermochte kaum den Blick von ihr zu wenden! Gewiß, er war ein glücklicher Bräutigam, und das „Mäuschen“ lag ihm sehr am Herzen – aber diese Annie Gerold war doch ein unvergleichliches Geschöpf! Armer Reginald! –

Die Sonne war schon hinunter, und durch die gewaltigen Scheiben der Atelierfenster sah schon der in voller Pracht des Abendroths erglühende Himmel herein, als die kleine Gesellschaft sich endlich zum Aufbruch rüstete. Annie legte ihre schwere königliche Pracht beiseite und setzte statt des Perlenkrönchens ihren weißen Federhut auf, der ihr Gesichtchen äußerst reizvoll beschattete, – Ego blieb bei den halbgeleerten Weingläsern und Fruchtkörben als Wache zurück, und die Paare setzten sich heiter plaudernd und lachend in Bewegung, um sich an der nächsten Straßenecke zu trennen. Hier war es, wo Delmont und seine Braut die Begegnung mit Reginald von Conventius hatten.

Annie war unwillkürlich stehen gebliehen und hatte ihm nachgesehen.

„Was mag ihm gefehlt haben?“ fragte sie zaghaft. „Er sah so ganz verändert aus, und fast war es, als verursachte ihm unser Anblick einen heftigen Schreck!“

„Er beneidet mich um mein Glück, Herzliebste und ich kann’s ihm weiter nicht verdenken!“

„Nein, nein, das ist es nicht gewesen – das allein sicher nicht! Sahst Du nicht, wie er mit einem Male blaß wurde, blaß wie ein Sterbender, und wie es ihn durchzuckte, als habe ihn ein elektrischer Schlag berührt?“

„Du hast ihn merkwürdig gut beobachtet, den schönen und interessanten Pfarrer zu Sankt Lukas –“

„O Karl! Du weißt, daß ich es nicht ertrage, das zu hören! Ist das nun gut und großmüthig, mich immer damit zu quälen, Liebster?“

„Nein! Aber ich bin auch nicht gut und großmüthig – ich quäle, was ich liebe, und mache Dich, mein einziges Leben, unglücklich – und mich selbst dazu!“

„Karl!“

Sie waren am Geroldschen Hause angelangt – Annie zog die Glocke, und sie traten in den weiten, halbdunkeln Hausflur.

„Kommst Du nicht mit mir hinein?“

„Nein – ich habe Dich doch nicht allein für mich! Wollte Gott, Du wärst erst mein Weib! Annie, mein Herz, mein Alles – meine Welt –“

Er küßte sie, als wollte er ihre Seele in sich trinken – dann trat er rasch über die Schwelle zurück. –

Und Annie lief hastig durch den Flur in ihr Zimmer. Sie wollte Thekla nicht sehen lassen, daß sie weinte – sie hätte ja nicht zu sagen gewußt, warum! Aber sie weinte vor sich hin, unaufhaltsam und leidenschaftlich – es bedrohte sie etwas – ihr Herz zitterte vor einem großen Verlust – und doch wußte sie nicht, wovor es ihr bangte!

*      *      *

Fritz von Conventius hatte „seine Damen“ nach Hause begleitet, und es war ihm ganz gelegen gekommen, daß seine zukünftige Schwiegermutter erklärte, das viele Umherstehen und Beschauen habe sie etwas angegriffen und sie gedenke, sich heute früher als sonst zur Ruhe zu begeben. Die kleine Braut, die sich noch auf ein zärtliches Plauderstündchen mit dem Herzliebsten gefreut hatte, sah ein wenig traurig und enttäuscht aus, aber Fritz wußte es ihr so überzeugend vorzustellen, daß morgen auch noch ein Tag sei und wie er morgen wenig Dienst habe, daher früher abkommen könne, daß sich ihr Gesicht allmählich aufhellte und sie ganz gefaßt von ihrem hübschen Ulanenlieutenant Abschied nahm.

Dieser ging in straffem Rhythmus, von Säbel- und Sporengeklirr begleitet, seines Weges, aber er war tief in Gedanken dabei. Thor von Hammerstein, der ihm begegnete und ihn zu einem Abendschoppen im „Kyffhäuser“, einem berühmten altdeutschen Wein- und Bierlokal, verführen wollte, erfuhr eine deutliche Ablehnung von ihm und mußte allein seinem edlen Ziel zustreben. Dafür nannte Parsifal den neugebackenen Bräutigam in der Stille einen Philister, der schon vor der Ehe sträflich solid sei, und Fritz dachte bei sich: „Dies alte Nilpferd schwemmt seinen sogenannten Herzenskummer jetzt mit Spatenbräu oder Château Larose hinunter. O, reiner Thor, wenn Du – durch Mitleid wissend – ahntest, wen ich soeben stundenlang bewundert habe!“

Es war eine ziemlich späte Stunde, als der Lieutenant vor seiner Behausung anlangte; zu seinem Erstaunen gewahrte er von der Straße aus in seinem Wohnzimmer Licht. Sollte sein Bursch, dieser leichtfertige Schlingel, in dem Glauben, sein Herr bringe den Abend bei der Braut zu, mit gleichgestimmten Freundesseelen dort ein Gelage feiern? –

Fritz zog den Schleppsäbel an sich und ging auf den Fußspitzen über den Flur – er wollte den Missethäter überraschen. Das Oeffnen der Thür ging geräuschlos von statten, jetzt stand er auf der Schwelle seines Wohnzimmers, und dort blieb er wie festgewurzelt stehen – denn vor der hellbrennenden Lampe saß sein Vetter Reginald mit einem bleichen, verstörten Gesicht und fieberhaft leuchtenden Augen, und mit diesen Augen starrte er wie ein Geistesabwesender vor sich hin.

Der erste klare Gedanke, den Fritz hatte, war der: er will in ein Duell auf Tod und Leben gehen und wünscht dich zum Sekundanten – darum ist er hier! Dann fiel es ihm ein, daß Reginald ja Geistlicher sei – eine Thatsache, die der Lieutenant, angesichts der ritterlich schönen Erscheinung des Vetters, auch jetzt [843] noch zuweilen vergaß! – daß also diese Annahme unmöglich stimmen könne … was konnte es denn aber sein?

Bei einem leisen Klirren des Säbels fuhr der Pfarrer von seinem Sitz empor.

„Da bist Du ja! Du mußt mir schon verzeihen, Fritz, wenn ich hier herunterkam – Dein Bursch ließ mich ein – und mir’s bei Dir bequem machte. Du hättest freilich noch viel länger fort bleiben können – – wieviel Uhr haben wir denn? Und wie kommt es, daß Du nicht noch bei Deiner Braut geblieben bist? – Je nun, das ist gleichviel – mich freut es, daß Du da bist! Ich hielt es bei mir nicht aus – ich kann nicht allein sein mit meinen Gedanken, und wenn ich irgend ein Lokal gewußt hätte, wo ich ein paar Bekannte finden würde … wahrhaftig, ich wäre hingegangen, nur um andere Menschen zu sehen – Stimmen zu hören.“

„Dann muß es aber hart über Dich gekommen sein,“ zwang sich Fritz, zu scherzen, „wenn Du, der Heilsapostel und Seelenhirt von Sankt Lukas, Sehnsucht nach einem Kneiplokal verspürst!“

„Du hast recht – es ist hart über mich gekommen!“

Der Ton in diesen Worten und Reginalds Ausdruck dabei ließ den Offizier stutzen. Er trat nahe an den Vetter heran, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihm ernst ins Gesicht.

„Was hat’s denn gegeben, Regi? Kannst Du mir’s nicht sagen?“

„Nein, lieber Fritz, ich kann nicht!“

„Auch wenn ich Dir als Kavalier und Soldat mein Ehrenwort gebe, gegen jedermann zu schweigen?“

Reginald seufzte tief auf.

„Auch dann nicht!“

„Ist es ein Ehrenhandel, in den Du verstrickt bist?“

„Nein, Fritz! Ich weiß nicht – und sieh, das ist das Qualvolle für mich! – was Recht und Unrecht ist, ich weiß nicht, wo meine Verantwortung, wo meine Pflicht liegt!“

„Das wüßtest Du nicht? Du, die verkörperte Gewissenhaftigkeit?“

Fritz fühlte, wie unter seinen Händen die stolze, hohe Gestalt zusammenzuckte, und er sah, wie ein unsagbar leidvoller Ausdruck in Reginalds Augen kam.

„Gewissen! Eben das ist es! Ich kann es vor meinem Gewissen nicht verantworten, zu reden, und ebensowenig vermag ich es, zu schweigen … frag’ mich nicht weiter, Fritz, ich bitte Dich! Du hast mich ja immer liebgehabt und gut verstanden – thu’s auch heute! Hilf mir nur, den heutigen Abend und einen kleinen Theil der Nacht hinzubringen – vielleicht kann ich dann schlafen, und es ist mir morgen etwas leichter zu Sinn! Setz’ Dich her zu mir – so – und erzähle mir viel von Dir – von Deiner Braut – dem Dienst – den Kameraden – alles, was Dir nur einfällt – Du verstehst es ja, so hübsch zu plaudern!“

„Hm! Ja! Es plaudert sich auch ganz besonders hübsch, wenn man seinen besten Freund und Vetter mit solch’ einem Unglücksgesicht dicht vor sich sitzen hat, und er will nicht Farbe bekennen! Das soll kein Vorwurf für Dich sein, Regi – ich seh’s ja: Du kannst nicht sprechen, ’s ist nicht Deine Angelegenheit allein! Richtig? Na, also! Und ich werde Dich nicht mit Fragen quälen – bloß, wenn mein Geplauder nicht ganz so sorglos ausfällt wie sonst, mußt Du mir’s nicht verdenken! Was meinst Du denn, mein Alter, trinken wir am Ende etwas?“

Zu Fritzens ungemessenem inneren Staunen sagte Reginald ein hastiges „Ja.“

„Ich denke, ich muß das Fieber haben,“ setzte er hinzu, während der Ulan eilfertig ein paar Flaschen und Gläser herbeiholte, „ich habe einen wahren Brand in mir.“

Der Lieutenant wollte einen schlechten Witz machen, aber der Witz blieb ihm in der Kehle stecken, als er in Reginalds düster flammende Augen blickte.

„Das wollen wir schon kriegen, Dir wird zu helfen sein, Freundchen!“ äußerte er leichthin und goß den schweren, wie Oel fließenden spanischen Wein, den er sich nur für „große Gelegenheiten“ hielt, in die Gläser. „Gegen Deinen Zustand hilft am besten ein gesundes Räuschchen, und das holt man sich leicht, wenn man sich eine Weile an diese Sorte hält, und man pflegt sehr sanft und tief und traumlos danach zu schlummern, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Wir haben ohnehin bei mir noch gar nicht meine Verlobung begossen. Prosit, lieber Sohn! Das ist ein Weinchen – – Aber sei so gut und thu’ ihm etwas mehr Ehre an und genieße seine Blume mit Verständniß! Man spült einen solchen Tropfen nicht so ohne weiteres hinunter, als wär’s Zuckerwasser!“

Reginald lächelte ein wenig, aber die Augen hielten nicht mit, sie bewahrten ihr düster glimmendes Feuer.

„Verzeih’, lieber Fritz! – Ist Dir’s so recht?“

Er setzte sein halbgeleertes Glas an die Lippen und trank es langsam, Tropfen für Tropfen, aus.

„Bravo! Für einen Laien in der Kunst des Weingenießens eine ganz achtbare Leistung! Schade um Deine schönen Anlagen, die unausgebildet bleiben werden! Hier hast Du ein frisches Glas! Auf meine kleine Braut!“

„Von Herzen! Und nun erzähl’ mir, Fritz, erzähle – – wo warst Du heute? Was hast Du getrieben?“

„O – heute?“ Fritz fühlte sich etwas unbehaglich. „Wie war’s denn gleich?“

„Willst Du es mir nicht sagen?“

„Noch schöner! Warum sollte ich wohl nicht? Es ist ja auch ein Unsinn – Du bist doch ein ganzer Mann – wirst schon mit der Sache fertig werden – und bekommst den Namen noch hundertmal aus aller Leute Mund zu hören: also – wir, meine Kleine, die Schwiegermama, Frau Weyland und ich, waren heute mit Annie Gerold zusammen in ihres Bräutigams, Professor Delmonts, Atelier – – nun, aber – Regi – siehst Du – ich bitte Dich – trinke nicht soviel von dem schweren Zeug – weiß Gott, ich geb’ Dir’s gern, aber Du bist es so gar nicht gewohnt – ich hätte eine leichtere Sorte heraussuchen sollen –“

Reginald hatte sein Glas auf einen Zug hinuntergegossen und es sich neu bis zum Rand gefüllt.

„Laß’ nur, Fritz! Ich würde Deinen Wein und Dir sehr dankbar sein, wenn Ihr mir Selbstvergessenheit verschaffen könntet … nur glaube ich nicht so recht daran! – Sprich doch nur, bitte, sprich! Wie fandest Du die beiden – sie – und – ihn? Sehr glücklich – nicht wahr?“

„Es scheint so! Er ist rasend verliebt in sie – und sie ist ja auch ein wunderschönes Geschöpf, dabei so einzig, so lieblich – holdselig,“ – dem Lieutenant begann sich die Zunge zu lösen – „und heute vollends, in einem venezianischen Brokatstoff und Perlenkäppchen war sie ein traumhaft entzückender Anblick. Und nicht bloß Anblick! Diese ungesuchte Natürlichkeit, dieser rasche Geist – die Anmuth ihres Wesens – Du weißt ja –“

„Ich weiß … jawohl!“

„Kurz, es ist einfache Pflicht und Schuldigkeit von dem Menschen, wenn er sie anbetet. Seine Bilder sind übrigens brillant, sein Atelier prachtvoll, und seine Weine lassen sich trinken – der ganze Mann hat mir heute besser gefallen, als ich das, ehrlich gesagt, für möglich hielt. Und sie? Nach allem, was ich beobachtet habe, muß sie ihn wohl über alles lieben! Trotz dessen ist irgend etwas an diesem von der Natur überreich bedachten Brautpaar, was mir nicht ganz zusagen will. Hat mich vielleicht Frau Weyland mit ihren Kassandra-Ideen angesteckt? Ich bin ein zu einfältiger Kerl, um recht sagen zu können, was es ist – ’s läßt sich auch mehr fühlen, als sagen … irgend ein Schatten liegt dazwischen – – bei ihm, dem Maler, meine ich – sie, die schöne Annie, ist ganz lauterer Sonnenschein! – Aber es mag ja alles dummes Zeug sein, was ich da zusammengedacht und -geredet habe – ich habe bis jetzt noch in meinem ganzen Leben von einer Ahnung keine Ahnung gehabt! Wollen wir noch eine zweite Flasche aufmachen, Regi?“

„Ganz gewiß! Thut es Dir leid um Deinen theuren Wein?“

„Nein!“ sagte der Ulan sehr ernst. „Es thut mir leid um meinen theuren Vetter!“

„Um den sei außer Sorge! Meinst Du, ich könnte zum Trinker werden? Ich möchte nur vergessen und dann schlafen können – ich sagte es Dir schon! Dein Wein ist gut und stark, und doch ist mir’s, als hätte ich bis jetzt nur Zuckerwasser getrunken!“

Fritz, der an Weintrinken Gewöhnte, schüttelte erstaunt den [844] Kopf. Ihm waren die Glieder bereits schwer und die Augen müde geworden, und er hatte vielleicht den dritten Theil nur von dem zu sich genommen, was Reginald getrunken hatte.

„Du wolltest mir ja sonst noch allerlei erzählen – von Deiner Braut zum Beispiel ’ thu’ es doch!“

Fritz gehorchte – er berichtete von Hedwig, der Schwiegermama, Frau Weyland, erwähnte sogar Julchens Kunstfertigkeit mit dem Butterschnittchen – aber Reginald hörte offenbar gar nicht hin. Er nickte ab und zu mit dem Kopf wie ein Automat und goß sich das rasch geleerte Glas beharrlich wieder voll, aber er sprach kein einziges Wort dazu, und seine Augen blickten wie in weite Ferne.

Als Fritzens Regulator ein Uhr schlug und die zweite Flasche geleert war – Reginald hatte sie fast allein getrunken – erhob sich endlich der späte Gast. Die Hand, die er seinem Vetter reichte, fühlte sich fieberheiß an, aber sie zitterte nicht, der Blick war klar, Gang und Haltung fest und aufrecht. Der Lieutenant, dessen Augen umflort waren, betrachtete dies alles als ein Wunder.

„Hab’ Dank, lieber Regi, daß Du noch so spät gekommen bist – vielmehr, daß ich noch so spät – na, ich weiß nicht mehr recht, was ich hab’ sagen wollen – schadet aber auch nichts! Und meine kleine Braut, siehst Du – sie ist ein reizendes Käferchen, wenn sie auch keine Annie Gerold ist! Die Annies laufen nicht zu Dutzenden so herum, muß ich Dir sagen! Dieser Delmont muß mit einem Glückskleidchen geboren sein – es giebt solche Häute – sollen aussehen wie ein Netz – mit denen wird man geboren, und dann hat man ein heidenmäßiges Glück in der Welt! Du hast auch in so einem Kleidchen gesteckt, Deine alte Lehmann hat mir’s anvertraut, sie hat sich das Ding verwahrt und schwört Stein und Bein darauf. Dabei machst Du solche tragische Augen – Glückskind, das Du bist! Pfui! Ein so schöner Kerl – und Prediger zu Sankt Lukas – und Anwartschaft auf gut ’ne halbe Million – – und von den Damen als interessanter Beichtvater und Seelenhirt angebetet – und dies Gesicht dazu! Der Delmont sollte sich auch schämen – hat einen Ruhm wie der selige Rafael und gewiß noch dreimal soviel Geld und eine Braut, mit der sich nun ’mal kein anderes Mädel vergleichen darf – und macht auch solch’ tragische Augen! Geht mir doch, Ihr Glückspilze! – Ich werd’s Euch beweisen – ich Roderich Adalbert Fritz von Conventius, daß man glücklich sein kann ohne Ruhm und Schönheit – und Predigen – und alles! Zum Herbst wird geheirathet! Die Schwiegermama hat es mir heute mit ihren ehrwürdigen Lippen zugelobt! Zum Herbst wird geheirathet - und ein Hallunk meines Namens will ich sein, wenn ich mein Mäuschen nicht glücklich mache – – mein kleines Mäuschen – — das mich so lieb hat … “ – – –

Der Gedanke an das kleine Mäuschen und sein künftiges Lebensglück mußte den Lieutenant ganz überwältigen, denn er umarmte den Vetter und schwor ihm immer wieder, er wolle eher zum Spitzbuben, Räuber und Schurken werden, ehe er das Mäuschen nicht beglücke. Noch auf der Treppe hörte ihn Reginald betheuernd rufen: „Und zum Herbst wird geheirathet!!“ –

Die alte Lehmann saß in Reginalds Vorzimmer und strickte an einem Kinderstrumpf für eines ihrer Enkelchen. Sie konnte ohnehin nicht viel schlafen und suchte nie ihr Bett auf, ehe „Ehrwürden Herr Junker“ zur Ruhe war. Heute war er bei dem lustigen Vetter – nun, das war ihr lieb, etwas Heiterkeit konnte ihm nicht schaden! – – Aber das Gesicht, mit dem er jetzt eintrat, wußte nichts von Heiterkeit zu erzählen; er schalt auch nicht wie sonst seine alte Getreue ob ihres späten Aufbleibens. Mit seiner heißen Hand strich er ihr sanft über den spiegelglatten, eisgrauen Scheitel und hieß sie zu Bett gehen.

[869] In Reginalds Schlafzimmer standen die Fensterflügel weit geöffnet, und der Mond sah herein; ruhig schwamm seine Silbersichel im duftigen Gewölk des Nachthimmels, und ein Heer von Sternen flimmerte um ihn her. Die Luft ging still – kein Laut ertönte in der Sonnenwendnacht! –

Angesichts dieses tiefen Friedens ging es wie ein Sturm über des Mannes Seele. Nein, selbst der ungewohnte Genuß des Weines hatte es nicht vermocht, ihm Vergessenheit zu bringen. Die bis aufs äußerste erregten Nerven arbeiteten dem Einfluß des Weins entgegen und hoben seine Wirkung auf. Nicht betäubt und gedämpft – doppelt scharf und angespannt war sein Empfinden, keine Spur von Müdigkeit oder Verlangen nach Ruhe war über ihn gekommen, sein Gefühlsleben war wacher, thätiger denn je zuvor in ihm.

Er hob seine Augen auf zu dem Wunderwerk des nächtlichen Himmels. Von diesen Höhen war ihm bisher immer noch Trost und Frieden gekommen – aber seine Seele lag heute wie gelähmt in ihm, es war, als seien ihr die Flügel gebrochen, die sie sonst willig und sicher emporgetragen hatten.

Wenn er gewußt hätte, wo Recht und Pflicht für ihn lag – er würde nicht feig gezögert haben, sie auszuüben, gleichviel, was es ihn kostete. Aber dies wußte er nicht! Es war eine Stimme in ihm, die sagte: „Geh’ hin, lebe dein Leben weiter und schweige! Zerstöre nicht zwei liebenden Menschen ihr Lebensglück! Juristisch ist das Verbrechen verjährt, kein irdischer Richter der Welt würde heute mehr das Schuldig über den gereiften Mann aussprechen, der als jähzorniger Jüngling vor nahezu zwanzig Jahren die rasche That verübte. Und es war ja kein wohlüberlegter Mord, den er begangen hatte, nicht mit kaltem Blut hatte er ihn geplant. Nein! Im wilden Zorn gegen den Unmenschen, der die Armuth unterdrückte und zu seinen Zwecken ausnutzte, der seinen Vater zum unglücklichen Mann gemacht, dessen Familienleben vergiftet hatte und nun auch noch zum Uebermaß die abgöttisch geliebte Mutter hilflos in Krankheit und Entbehrung ließ, hatte der leidenschaftliche junge Mann auf seine Weise Gerechtigkeit geübt und ein Geschöpf aus der Welt geschafft, dessen Thaten eine ganz andere Strafe verdient hätten, als einen raschen, plötzlichen Tod!“ –

„Wenn es auch so [870] war,“ entgegnete die andere Stimme, „er hatte das Recht nicht, den alten Mann zu tödten! Gott allein hat zu entscheiden über Leben und Tod, wenn die irdische Gerechtigkeit machtlos ist, den Missethäter zu strafen! Eine Mördergrube würde die Welt werden, wenn jeder nach eigenem Gutdünken sich Recht und Gerechtigkeit verschaffen wollte! Du weißt das genau – hast du es nicht selbst vor kurzem noch dem zum Tode Verurtheilten gesagt, als er trotzig schwor, eine gute That begangen zu haben, indem er ein gemeinschädliches Dasein vernichtete? Liegt denn dieser Fall anders? Und du willst ein Diener Gottes sein, den Menschen den Spruch auslegen: die Rache ist mein – ich will vergelten, spricht der Herr! – und handelst deinen eigenen Worten zuwider? Ob verjährt, ob nicht – ob nach menschlichem Ermessen strafbar oder entschuldigt – es ist deine Gewissenspflicht, zu bekennen, daß du um diesen Mord weißt, entstehe daraus, was da wolle!“ –

Reginald trat verstört vom Fenster zurück und sah sich im Zimmer um – ganz deutlich war ihm gewesen, als höre er eine mahnende Stimme laut zu ihm sprechen! Aber es war niemand da, nur ein leiser Nachtwind machte sich auf und hielt ein raunendes Flüstergespräch mit den Bäumen, die in dem unter seinem Schlafzimmer gelegenen Garten standen. Jetzt waren sie wieder regungslos, und über die schlafende Welt kam tiefer Gottesfrieden. –

„Ich kann nicht – ich kann nicht!“ begann sein stürmisch klopfendes Herz zu sprechen. „Ist es nicht Annie Gerolds Lebensglück, um das es sich handelt? Und ich soll hingehen und ihr’s vernichten mit grausamer Hand und zusehen, wie sie sich an ihrem Gram verblutet? – Und wenn sie dir noch ein fremdes, gleichgültiges Geschöpf wäre, und du hättest nur ihre Schönheit bewundert! Aber du liebst sie … du liebst sie! Und eben weil du sie liebst, kennst du auch ihre Seele – die Seele, die zu dir sprach an dem Abend, da du sie zum ersten Mal sahst und ihre herrlichen, lieben Augen dir von ihrem Herzen erzählten, dem feurig empfindenden, zärtlichen, weichen! Du könntest dies geliebte Leben schützen, und du wolltest es nicht? Nein, was du auch thust – Annie Gerold darf es nie erfahren, daß der Mann, den sie liebt, ein Verbrechen begangen hat!“ –

„Wohl! Nicht durch dich soll sie es erfahren, – wird es ihr dadurch aber auf ewige Zeiten verborgen bleiben? Gottes Mühlen mahlen langsam, du hast es oft genug schon erlebt! Wer hieß dich gerade hierher an die Kirche zu Sankt Lukas kommen – wer führte dich in den ersten Wochen schon mit dem Mädchen zusammen, das du lieben solltest – wer fügte es, daß unter den deiner Seelsorge anvertrauten Gefangenen gerade Schönfeld war, Schönfeld, der bei der ersten Begegnung schon ein unerklärliches Interesse in dir erweckte, daß du dir heilig gelobtest, diese Seele zu gewinnen um jeden Preis? Und da du sie gewonnen hattest – wer zwang ihn, dir gerade jenes Erlebniß aus seiner Jugendzeit zu schildern, welches das Lebensglück dreier Menschen – denn auch das deinige steht auf dem Spiel! – in sich begreift? Du sprichst zu deiner Gemeinde so oft und überzeugungstreu von wunderbarer göttlicher Fügung, und du willst übersehen, daß an dir sich die allerwunderbarste vollzogen hat?“

„Nein – nicht übersehen! Es ist möglich, daß Annie Gerold auf anderem Wege, daß sie es in jäher, grausamer Weise, daß sie es zu spät erfährt, wer ihr Geliebter ist, welche That er begangen hat … durch mich soll sie es nicht hören! Ich kann es nicht! Ihn hat ihr Herz sich erwählt vor vielen andern, und ich habe es nicht hindern können – ich werde es auch nicht hindern, daß sie aus seiner Braut seine Gattin wird!“

„Und dein Gewissen? – Wird es dich nicht Lügen strafen auf der Kanzel – am Altar, von wo du deines Gottes Wort verkündigst? Als Mensch übst du Selbstverleugnung und Großmuth, indem du schweigst – – als Priester wirst du dir selber untreu, wenn du andern predigst: Gott über alles! Was hülfe es, wenn Ihr die ganze Welt gewännet, und nähmet doch Schaden an Eurer Seele? Gebt Gott, was Gottes ist! – – Wer ist der stärkere in dir: der Mensch, der nach Menschenmaß richtet und verfährt – oder der Diener des Höchsten, der alles, was er thut, in seinem Namen vollbringt?“ –

„Aber dies kann nicht Gottes Wille sein – dies nicht! Wie kann ich hingehen und den hochgeachteten, berühmten Mann des langverjährten Totschlags bezichtigen, ihn öffentlich an den Pranger stellen und sein Leben vernichten – nicht seines allein, sondern auch dasjenige des Liebsten, was ich selbst auf dieser Welt habe? Und in welchem falschen, selbstischen Licht stände ich da vor jenen – denn sie wissen es beide, daß ich das Mädchen liebe!“

„Wozu, meinst du wohl, hat Gott dem zum Tode Verurtheilten heute, am Tag der Sonnenwende, seine Beichte in den Mund gelegt, wenn nicht, um dir zu zeigen, daß es Gottes Wille ist, du sollest des Mädchens Verbindung mit diesem Mann verhindern?“

„Ich kann nicht! Nicht diesen Kelch! Ich kann nicht! Für mein ganzes Leben würde ich mir wie entehrt und beschimpft erscheinen!“

„So hättest du nicht Priester werden, nicht deine Seele Gott angeloben sollen! Deine Seele gehört nicht Gott – sie gehört der Welt! So, wie du handeln willst, handelt ein Kavalier, ein Ehrenmann, im Sinn der Kaste, der du angehörst – als demüthiger Knecht Gottes hast du nur einen Weg vor dir!“

„O, ein Wunder – ein Zeichen – eine Offenbarung von oben!“

„Du bedarfst ihrer nicht! Du findest die Offenbarung in der Tiefe deines Herzens – folge ihr! Es ist ein Pfad der Thränen und der Dornen, den du wandeln sollst – aber wer nicht sein Kreuz aufnimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht werth!“ – – –

Im Osten brach das Morgenroth an – ein Hahn krähte in der Nähe – die Baumwipfel schauerten im herben Frühlüftchen – hier und da setzte ein verschlafenes Vogelstimmchen mit einer einzelnen Note ein. Die Sonnenwendnacht war vorüber!

Das Licht im Osten verstärkte sich, wurde strahlender, triumphirender hinter den Baumkronen hub es an, zu glühen wie eine Feuersbrunst – Eos, die rosenfingrige, kam in ihrem Sonnenwagen herauf. –

Zu Ende der Frühling – die Zeit des Sehnens, Hoffens, Erwartens, des schüchternen Blühens und Knospens; jetzt tritt der Sommer in sein Recht, er bringt die Erfüllung – die Entscheidung! –

Eine Fluth von rothgoldenem Licht ergoß sich über den einsamen Mann am Fenster.

„Sonnenwende!“ sagte er laut vor sich hin – dann deckte er seine Augen mit der Hand zu, als blende ihn der Glanz des glorreich aufsteigenden Tagesgestirnes. –




15.

Die Bewohner der „zweiten Hofgasse“ – es gab deren drei in F. – bescheidene, kleine Leute, Handwerker, Krämer, Trödler, waren erstaunt, einen schlanken, sehr hübschen Ulanenoffizier in voller Uniform heute, am Morgen des vierundzwanzigsten Juni, an ihren niedrigen Häuschen ruhelos auf- und abgehen zu sehen. Die „Hofgassen“ gehörten zum ältesten Theil der Stadt, sie waren eng und winkelig und sehr unregelmäßig gebaut, dazu nicht einmal von charakteristischem Aussehen, sondern häßlich und nüchtern. Früher hatte es hier ein paar öffentliche Gebäude gegeben: eine Kaserne, die schon seit Jahren nicht mehr als solche benutzt wurde, halb verfallen war und jetzt als eine Art von Proviantraum diente, und ein Arresthaus, das man ebenfalls nicht mehr brauchte und zu welchem ein viereckiger gepflasterter Hof gehörte, der nach der Straße zu mit einem festen Thor, aus zwei mächtigen, eisenbeschlagenen Flügeln bestehend, abgeschlossen war. – Vor diesem Thor nun ging der Ulanenoffizier, die halbe Hofgasse entlang, seit einer guten Viertelstunde auf und ab. Die Kinder, die vor den Thüren spielten, bewunderten jedes Stück seiner Uniform, und die Frauenzimmer, die ziemlich häufig die Köpfe aus ihren Behausungen streckten, angeblich, um nach ihren Kindern zu sehen, fanden, daß es ein hübscher Herr sei – aber was konnte er hier wollen? – Die Männer waren sammt und sonders schon an ihre Arbeit gegangen, aber auch von ihnen hätten es wenige zu deuten gewußt, was es mit der Anwesenheit eines Offiziers um diese Stunde und in dieser Gegend auf sich habe – sie lasen keine Zeitungen, höchstens kleine Flugschriften und Broschüren, die für den Arbeiterstand gedruckt wurden – und die Angelegenheit, um die es sich hier handelte, war von den Behörden sorgsam geheim gehalten worden und sollte erst als vollzogene Thatsache in kürzester Fassung dem Publikum bekannt gegeben werden. –

[871] Auf dem viereckigen, rings von hohen Brandmauern umgebenen Hof des Arresthauses wurden noch zuweilen Rekruten exerziert – außerdem aber hatte dieser Hof noch eine andere Bestimmung: die in F. vorkommenden Hinrichtungen wurden hier vollzogen.

Lautlos und in aller Frühe schon waren die nothwendigen Vorbereitungen getroffen worden. Selbst die bekanntesten Frühaufsteher der zweiten Hofgasse hätten nicht die kleinste Veränderung wahrzunehmen vermocht: alles sah ganz so aus wie sonst … und wäre auch einigen der dort wohnenden Leute eine Ahnung des Sachverhalts aufgestiegen – das schwere, eisenbeschlagene Thor war fest verschlossen und wies weder Spalte noch Oeffnung auf. Die Neugier wäre also hier ganz vergebens gewesen.

„Klipp-klapp! Klipp-klapp!“ machte der Schleppsäbel in taktmäßiger Bewegung auf dem Steinpflaster – was hatte der hübsche Lieutenant so ernst auszusehen und sich immer wieder so nachdenklich den kleinen Bart zu drehen? –

Neun Uhr! Die Uhr der altersgrauen Nikolaikrche sagte mit ihrer heisern, hohlen Stimme die Stunden her, und der Offizier fuhr zusammen und blieb zum ersten Male während seiner Wanderschaft stehen; es war, als lauschte er, – aber die Thorflügel waren massiv und ließen keinen Laut durch. „Klipp-klapp!“ begann der Säbel von neuem seine Musik auf dem Straßenpflaster.

Die Hausfrauen und Mädchen hörten allgemach auf, aus den Fenstern zu sehen – sie hatten alle zu thun. Die einen gingen auf den Fisch- und Gemüsemarkt in der Nähe, die andern trafen schon Vorbereitungen zum Essen oder warteten ihre kleinen Kinder; es nahm sich kaum eine von ihnen die Zeit, wieder einmal, inmitten der Arbeit, nach dem Ulanen zu sehen: ja – er war immer noch da! –

Ein frischer, leuchtender Sommermorgen – der Himmel mit kleinen, weißflockigen Wölkchen leicht überflogen, die Sonne warm und mild, aber nicht stechend – selbst die kümmerlichen Fleckchen Erde, die hier und da in der zweiten Hofgasse einen „Garten“ vorstellen sollten, grünten lustig, und ein kleiner Dompfaff, der in einem hölzernen Bäuerchen am offenen Fenster hing, pfiff wohlgemuth „Freut euch des Lebens“, brach aber immer in der Hälfte des Liedes ab und begann es unverdrossen von neuem.

Es mochte gegen halb Zehn sein, als sich die schweren Thorflügel knarrend in ihren Angeln drehten: eine Abtheilung Gendarmerie ward sichtbar, welche die Straße entlang marschirte – dahinter kamen einige Herren, die stumm nebeneinander hergingen; hinter ihnen wurde das Thor sorgfältig wieder geschlossen.

„Reginald!“ sagte der Offizier leise und legte einem der Herren die Hand auf den Arm.

„Du, Fritz! Wie kommst Du hierher?“

„Ich – nun, ich wußte ja doch – und so kam ich, Dich abzuholen, und kann bis Mittag mit Dir zusammenbleiben. Ich habe mich vom Dienst für heute frei gemacht.“

„Das ist sehr liebenswürdig von Dir! Darf ich die Herren mit meinem Vetter, Lieutenant von Conventius, bekannt machen?“

Die Herren – der Bürgermeister, ein Polizeirath, ein Regierungsbeamter und Direktor Warnow – zogen die Hüte, ein paar Wechselreden gingen hin und her, doch war niemand zum Plaudern aufgelegt, und am Ende der zweiten Hofgasse trennte man sich.

Die beiden Vettern gingen mit einander weiter. Fritz sah seinen Begleiter zuweilen besorgt von der Seite an. Was hatte Reginald nur? Es konnte kein gewöhnliches Ereigniß, es konnte auch nicht die doch längst erwartete Hinrichtung gewesen sein, die diesen kraftvollen, stählernen Charakter so tief erschütterte – der ganze Mann sah gänzlich verändert aus, er war kaum wiederzuerkennen. Als wenn eine schwere Last ihn niederdrücke, eine Schuld ihn beschwere, so ging er einher.

„Du hast doch jetzt Zeit, lieber Alter, um mit mir zu kommen?“ begann der Lieutenant, indem er seinen Arm vertraulich unter den des Vetters schob.

„Zeit? Jetzt? O ja! Das schon – aber wohin willst Du denn eigentlich mit mir?“

„Dahin, ‚wo man einen Guten schenkt‘, Freundchen! Ich weiß ein stilles, kühles, grünes Gärtchen, nicht allzu weit von hier, ein ganz neues Etablissement, allwo der Wirth sich angenehmer Getränke und einer stilgerechten Bedienung – weiblichen Geschlechts – befleißigt … na, mach’ nur nicht gleich Augen, geistlicher Herr! Ich liebe mein Mäuschen wahrhaftig – aber soll ich mich nun darum nie mehr weiblich bedienen lassen?“

Reginald ließ diese tiefe Frage unerörtert.

„Ehrlich gestanden, Fritz, ich verspüre keine große Lust, mich jetzt und heute in einen öffentlichen Garten hinzusetzen, mitten in ein Gewühl lustiger, plaudernder Menschen –“

„Du hast mir nicht zugehört, lieber Alter, sonst würdest Du so nicht reden! Ich sprach von einem kühlen, grünen, stillen Gärtchen! Wohlgemerkt: von einem stillen! Das ist’s ja eben! Ein neues, von mir zufällig entdecktes Lokälchen, in dem noch wenig oder gar kein Verkehr herrscht – zumal um diese Zeit, Ich wette, daß das ‚Gewühl plaudernder Menschen‘, dessen Du eben erwähntest, aus uns zweien bestehen wird – nun, und das hat gerade nichts Beängstigendes! Du kannst Dir da alles vom Herzen heruntersprechen, gerade als säßest Du zwischen Deinen vier Wänden – kannst mir, wenn Du willst, von Deinem armen Sünder berichten -“

„Verzeih’ mir – nein, das kann ich nicht! Später einmal vielleicht! Du hast auch schon sterben gesehen, ich weiß es, aber es ist ein anderes Ding, ob jemand friedlich in seinem Bett stirbt oder auf dem Schlachtfelde fällt, oder ob er gewaltsam durch den Arm der Gerechtigkeit aus dem Leben geschafft wird! Mich hat es hart angegriffen, und ich werde den Eindruck lange, lange Zeit mit mir herumtragen, das fühle ich! Gesteh’ es ehrlich, Fritz, ich bin ein trauriger Gesellschafter heut’ für Dich; Du solltest mich mir selbst überlassen!“

„Daß doch auch gescheite Leute offenbaren Unsinn schwatzen können! Gesellschafter! Als ob es mir darum zu thun wäre! Wenn Du mich nicht fortschickst …“

„Das nicht! Aber Du mußt mir nicht böse sein, wenn ich so gut wie nichts zur Unterhaltung beitrage.“

„Schon wieder! Unterhaltung! Wer in aller Welt verlangt denn das von Dir? Seit wann kommen wir beide uns mit höflichen Redensarten? Von Dir verbitte ich mir dergleichen geradezu – verstanden? Böse sein! Ich möchte wohl wissen, was Du anstellen müßtest, damit ich Dir böse sei! Basta! Alleinsein ist jetzt ein gefährliches Gift für Dich, daher wirst Du mich sobald nicht los, und solltest Du mich auch in der Stille dafür zu allen Teufeln wünschen!“

„Das wäre nun für mich wirklich ein ungeheuer passender Wunsch!“

„Pardon! Du hast recht! Ich muß mir am Ende wirklich das Fluchen abgewöhnen – Mäuschen und Schwiegermama sind auch nicht entzückt davon. Hör’, Mensch, die Schwiegermama hat mir gestern ein Cigarrenetui ihres Seligen geschenkt, echt vergoldet, von feinster Arbeit – feudal! Dieser gute Mann muß einen ausgesuchten Geschmack besessen haben, seine Witwe zeigte mir noch viel mehr solche feine Kostbarkeiten und ließ die angenehme Aussicht durchschimmern, daß ich allmählich die ganze Hinterlassenschaft antreten würde. Was sollte sie auch damit? In Ehren werde ich die Sachen schon halten – und sie kann sie ohnehin nicht brauchen, denn die wackere Dame raucht nicht!“

Unter solchem Geplauder führte Fritz den Vetter durch verschiedene Straßen, bis sie endlich vor einem hübschen, weißgetünchten Hause Halt machten, das neben einem Garteneingang mit der Inschrift „Gartenwirthschaft“ belegen war.

„Hier gehören wir her“ – der Lieutenant öffnete die hohe Gitterthür und steuerte geradeswegs auf eine schöne, schattige Baumgruppe los, unter welcher eine Anzahl gefällig gebauter Gartenmöbel stand. „Nun, verhält sich’s nicht, wie ich Dir prophezeit hatte: ‚leergebrannt ist die Stätte‘ – da hinten wimmeln ein paar nebelhafte Formen herum, die gehen uns aber nicht das mindeste an. Zenzi – Zenzi – liebliche Maid! – Du mußt wissen, hier giebt’s echtes Münchener Bier und echte Münchener Mädchen in Riegelhauben dazu – angenehm für Geschmack und Auge. Siehst Du, da ist sie!“

Ein zierliches junges Mädchen mit einem frischen Gesicht, dem das Riegelhäubchen allerliebst stand, kam auf Fritzens Ruf wie ein flinkes Bachstelzchen einhergetrippelt und fragte mit einem Knix, was denn die Herren haben möchten.

„Zunächst eine Patschhand, Zenzi! Und dann bringst Du zwei Franziskanerbräu und ein paar Rettige – Radi, Du weißt’s schon! – mit Salz und Butter – ich hab’ einen rechtschaffenen Hunger!“

[874] Zenzi knixte abermals und verschwand mit einem langen Seitenblick auf den schönen, blonden Mann, der weder Gruß noch Scherzwort für sie gehabt hatte.

„Das ahnungslose Wort Gottes! Jetzt thut er’s der Kellnerin an, ohne seine Augen nur aufzuschlagen!“ dachte Fritz für sich und forderte seinen Gefährten auf, sich umzusehen und ihm zuzugeben, daß es hier wirklich hübsch sei.

Ja – Reginald sah sich um und gab es zu. Der sauber gepflegte Garten wies nichts von der üblichen Nüchternheit sonstiger Restaurationsschauplätze auf – es gab liebliche, versteckte Plätzchen in ihm, buschige Anlagen, saftiges Rasengrün und eine Fülle verschiedenfarbiger Rosen zwischen würzig duftenden Nelkenbeeten.

Ab und zu trat ein einzelner Gast durch das Gitterthor und ging an den beiden, die bei ihrem Bierkrug und Rettig saßen, vorüber tiefer in die Anlagen hinein. So auch jetzt eben wieder: ein hochgewachsener, vornehm aussehender Herr schlenderte, von einem wunderschönen Rassehund begleitet, gemächlichen Schrittes den Kiesweg entlang; er stutzte und blieb etwas unschlüssig stehen, als er die beiden Vettern unter den Ahorn- und Lindenbäumen gewahrte.

„Du, Regi,“ raunte der Lieutenant hastig seinem Gefährten zu und erhob sich von seinem Sitz, „ist Dir’s sehr peinlich, mit dem Professor Delmont zusammenzuprallen? Wie der hierherkommt? ’s hilft aber alles nichts, ich muß den Mann anreden, ich bin erst neulich in seinem Haus gewesen, und er machte den liebenswürdigsten Wirth, – das darf nicht ungerochen bleiben! Ergebenster Diener, verehrter Herr Professor! Welcher Wind weht Sie in diesen verborgenen Erdenwinkel?“

„Vermuthlich derselbe, der Sie hierhergetrieben hat!“ erwiderte der Angeredete freundlich, zog den Hut, schüttelte Fritzens dargereichte Hand kräftig und verneigte sich gegen den Prediger. „Durch Zufall habe ich diesen hübschen, stillen Garten entdeckt, in dem man vor lästigem Jubel und Trubel sicher ist, und da meine Braut heute für den beabsichtigten Morgenspaziergang vor allerlei Aussteuersorgen nicht zu haben war, so wußte ich nichts Besseres zu thun, als eben hierher zu kommen, weil mir zum Arbeiten die Stimmung fehlte.“

„Lange wird dies anmuthige Idyll hier nicht währen!“ sagte Fritz gedankenvoll und griff nach einer kleinen hellgrünen Raupe, die sich an einem langen Faden von der nächststehenden Linde heruntergelassen hatte und sich dicht vor seinen Augen hin- und herschaukelte. „Andere Leute werden auch so klug sein, herauszufinden, daß sich’s hier gut hausen läßt – und in kurzer Zeit wird man hier im Garten kein leeres Plätzchen mehr finden, das edle Bier wird getauft werden, und aus dem lieblichen Naturkind Zenzi wird eine abgefeimte Bedienungsmamsell geworden sein!“

„Welch ein düsteres Mene Tekel!“ schob Delmont lächelnd ein.

„Glauben Sie’s mir immer dreist, Herr Professor – in Wirthshausfragen bin ich Autorität – meine Berühmtheit auf diesem Gebiet dürfte freilich bedeutend geschmälert werden, wenn ich meinen Nacken unter das sanfte Joch der Ehe beuge! – Nun, Ego, alter Freund, kennst Du mich noch?“

Das schöne Thier bewegte den buschigen Schweif und sah mit seinen sprechenden Augen zu dem Lieutenant empor.

„Was er doch zu meinem Julchen sagen würde! In ihrer Art ist sie auch ein Original, sehr gelehrig und für Schnepfen und Wildenten geradezu erstaunlich begabt – ’s ist eine Freude, mit Julchen auf die Jagd zu gehen – mehr mit ihr anzufangen als mit manchem Kameraden – in allem Ernst!“

Fritz sprach etwas gezwungen und lachte laut über seinen eigenen Witz; es war ihm peinlich, daß Reginald, sonst der formgewandteste Gentleman, mit keiner Silbe an dem Gespräch theilnahm, sondern stumm, mit niedergeschlagenen Augen, beiseite stand. „Was hat er denn nur?“ dachte der Offizier ungeduldig. „Früher oder später mußte er doch auf ein Zusammentreffen mit Delmont gefaßt sein, und er braucht es ihm wahrhaftig nicht mit dieser Geflissentlichkeit zu zeigen, daß er es nicht verwinden kann, von der schönen Annie um seinetwillen zurückgewiesen worden zu sein! Jetzt steht er da wie der steinerne Gast und macht ein Gesicht, als wäre der Professor der leibhaftige Gottseibeiuns. Es bleibt mir nichts übrig, als Regi zu entschuldigen, zumal der Professor schon ganz mißtrauisch zu ihm herübersieht!“

In der That hafteten Delmonts große Augen mit befremdetem Forschen auf dem Antlitz des Geistlichen – auch ihm schien es unglaublich, daß Conventius, ein Aristokrat, ein Mann der großen Welt, der ihre Formen vollkommen beherrschte, diese auffällige Zurückhaltung zur Schau trug, weil er einen bevorzugten Nebenbuhler vor sich sah!

„Sie müssen gütigst meinen Vetter entschuldigen, er ist heute kein ganz normaler Mensch!“ begann Fritz und nestelte an seinem Säbel. „Sie lesen wohl keine Zeitungen, Herr Professor?“

„Nur die Nachrichten über Kunst und Wissenschaft und das Allernothwendigste von Politik – anderes niemals.“

„Es kommt auch erst jetzt, nachdem alles vorüber ist, eine kurze Mittheilung in die deutschen Blätter – es handelt sich nämlich um einen Anarchisten und Mörder, der heute hingerichtet wurde und den mein Vetter in seiner Eigenschaft als Gefängnißprediger –“

„Ich bitte Dich, Fritz,“ unterbrach ihn nähertretend der Pfarrer von Sankt Lukas plötzlich mit offenbarer Unruhe und Aufregung, „was soll das alles? Brich ab von diesem Thema, nenne keinen –“

„Aber was ficht Dich denn an?“ fiel ihm der Lieutenant ins Wort, nun auch seinerseits ärgerlich, daß Reginald ihm den einzigen Milderungsgrund seines „wirklich ganz unparlamentarischen Betragens“ nicht gestatten wollte, auszusprechen. „Du thust gerade, als sei das alles ein Staatsgeheimniß! Heute noch kann Professor Delmont, wenn er Lust dazu hat, den Namen in allen Abendzeitungen lesen. Also der Mann hat sich in verschiedenen großen Städten auch verschiedene Namen gegeben, einmal nannte er sich Heller, ein andermal Deaks – sein eigentlicher Name aber ist Heinrich Schönfeld, und er stammt aus Hamburg.“

Hier hielt der Lieutenant inne und es wurde ihm seltsam und unbehaglich zu Muth. Delmont war fahl im Gesicht geworden, hatte sich vorgebeugt und starrte mit einem Ausdruck banger Frage und ungläubigen Schreckens in Reginalds Antlitz – dies Antlitz aber war urplötzlich dunkel erröthet, bis unter die Haarwurzeln in Purpurgluth getaucht – die Augen blieben beharrlich gesenkt, der Athem des Mannes kam und ging rasch und hörbar. So wie der Pfarrer von Sankt Lukas da stand, sah er – nicht Delmont! – aus wie das verkörperte Schuldbewußtsein!

Fritz sah von einem zum andern in der tiefen Stille, die seinen Worten gefolgt war; er wußte nicht, was er in seiner Verwirrung denken sollte – das eine fühlte er deutlich: hier lag irgendwo der Schlüssel zu Reginalds seit kurzem so auffällig verändertem Wesen. Was, ums Himmels willen, konnte ihm denn geschehen sein?

Da fühlte der Ulanenlieutenant mit einem Male eine Hand auf seiner Schulter, und er fuhr so heftig herum, als hätte ihn eine Natter gestochen.

„Wetter, Conventius, müssen Sie ein schlechtes Gewissen haben!“ rief Lieutenant Gründlich lachend und legte grüßend die Hand an die Mütze. „Verzeihen die Herren, daß ich Ihnen da so ohne weiteres in Ihr tête-à-tête falle, ich hätte aber gern mit dem Kameraden Conventius ein Wörtchen unter vier Augen gewechselt – soviel kann ich ja verrathen: es handelt sich um das Festessen zu Ehren unseres scheidenden Obersten. Jammervoll, daß er geht, einen solchen Vorgesetzten können wir uns künftig nur abmalen! Ihr Vetter Fritz, Herr von Conventius, hat von uns allen im Regiment entschieden den glücklichsten Arrangirmuskel, eine beneidenswerthe Naturanlage, und ich hoffe, seine Bräutigamspflichten werden ihn nicht verhindern, uns seine Fähigkeiten bei dieser feierlichen Gelegenheit zur Verfügung zu stellen. Für die Herren hat dies natürlich gar kein Interesse – Sie entschuldigen es daher wohl, wenn ich Ihnen den lieben Fritz auf eine kurze Weile entführe! Einstweilen habe ich die Ehre! – Also, Conventius, wir hatten zunächst gedacht, um die Sache würdig einzuleiten …“

Damit faßte Gründlich seinen Kameraden unter den Arm und führte ihn, eifrig in ihn hineinredend, ein Stück weiter, einem kleinen, von Weidengebüsch umstandenen Weiher zu, neben welchem die beiden Offiziere, gänzlich außer Gehörweite und durch ein paar schlankaufgeschossene Birken auch den Blicken entzogen, stehen blieben.

Reginald von Conventius und Delmont standen einander allein gegenüber, – – beide wie von einem Bann umfangen – [875] regungslos. Der gesenkte Blick des Geistlichen hob sich, wie von einer fremden Gewalt gezwungen, und seine Augen, über denen es wie ein Flor lag, sahen in das entfärbte Gesicht des andern. Dann tastete Reginalds Hand unsicher nach seinem auf der Tischplatte liegenden Hut, und er machte eine Bewegung, als wollte er sich zum Gehen wenden.

Da hielt ihn Delmont zurück und fragte mit heiserer, stockender Stimme:

„Er hat Ihnen – hat Ihnen Beichte abgelegt?“ Und, da Reginald stumm blieb, drückte er die geballte Faust auf den Tisch und sagte gebieterisch: „Sie müssen mir das sagen – ich muß es wissen – vielmehr, ich weiß es schon – ich lese es Ihnen ja vom Gesicht herunter …“

Reginald wollte erwidern, aber er brachte kein einziges Wort heraus – was hätte er auch sagen sollen? Er wisse von nichts, Schönfeld habe ihm nicht gebeichtet? Eine offenbare Lüge – er – ein Geistlicher! Und Delmont würde sie ihm keine Minute lang geglaubt haben!

„Daß er meinen Namen ausgesprochen hat!“ vollendeten nach einer Weile flüsternd Delmonts Lippen.

„Er ist ihm wider Willen am Ende seiner Erzählung entschlüpft; er hatte keine Ahnung, daß ich Sie kannte!“ Reginald sprach mit großer Anstrengung.

„Ich glaube es! Er war mir ein treuer, ergebener Freund und ein Mann von Charakter, was auch das Leben und die Verhältnisse später aus ihm gemacht haben! Also hingerichtet!“ Ein Schauer fuhr ihm durch die Glieder. „Und er hat Ihnen alles gesagt – alles – wie es gekommen ist?“

„Nun – und Sie?“

„Ich?“ Der Geistliche richtete sich straff empor. „Ich bin in einen schweren Konflikt mit mir selbst gerathen – Sie werden sich vielleicht vorstellen können … nun, wie dem auch sei: ich habe beschlossen, zu schweigen. Hatten Sie es anders von mir erwartet?“

Ueber Delmonts Züge ging ein Zucken, als er stumm den Kopf schüttelte.

„Ein schwerer Entschluß!“ sagte er endlich wie für sich.

„Gott wird mir verzeihen – ich kann nicht anders handeln!“

„Das meinte ich jetzt nicht – ich dachte an mich selbst!“

„An Sie – warum – was –“

„An den Entschluß, den ich zu fassen habe!“

„Ums Himmels willen – Sie könnten – nur weil ich – Gott weiß es, ohne mein Zuthun! – Ihr Geheimniß erfuhr? Ich bin der einzige lebende Mensch, der darum weiß, und wenn ich Ihnen bei meinem Eid als Priester, bei meinem Wort als Mann, bei meiner Ehre schwöre, nie mit einem Hauch, nie mit einer Miene, gegen wen es auch sei –“

Delmont hob beschwichtigend die Hand.

„Dessen bedürfte es nicht – ein einfaches Wort von Ihnen würde mir genügen. Nicht Ihre Mitwissenschaft ist es“ … er schöpfte tief Athem – dann, nach einer langen Pause: „Es war eine That heißer, jugendlich zorniger Leidenschaft, und nach menschlichem Maßstab kann sie kaum noch an mir gestraft werden. Es war ein schlechter, bösartiger Mensch, gegen den ich meine Hand erhob – gleichviel – es war ein Mord! Glauben Sie, daß ein Mädchen, und wenn es einen Mann noch so innig liebt, ihm ruhig zum Altar folgen möchte, wenn es wüßte, dieser Mann hat gemordet?“

„Ich meiß es nicht! Wenn der Mann nicht den Muth hat, ihr, die sein Alles werden soll, sein besseres Ich, vertrauensvoll sein ganzes Leben klar zu legen, sich offen zu seiner Schuld zu bekennen –“

„Niemals!“ unterbrach Delmont den Redenden hastig. „Ich habe mit mir gekämpft, gerungen – umsonst! Ich weiß es, sie würde sich mit eiserner Kraft beherrschen, aber sie würde nie aufhören, innerlich vor mir zurückzuschaudern – sie – vor mir! Und so muß ich denn mein ganzes Lebensglück und das ihre, unsere Ehe und unsere Stellung vor der Welt auf einer Lüge aufbauen … oder …“ er vollendete nicht, aber er erbleichte bis in die Lippen hinein.

„Nicht so!“ sagte Reginald sanft. „Sie sind in Aufregung jetzt, und wer möchte es Ihnen verdenken? Aber ich bitte, bedenken Sie nur: bisher war Ihr Geheimniß im Besitz eines Menschen, bei dem Sie es sicher aufgehoben wußten; er ist jetzt todt, und das Geheimniß hat den Besitzer gewechselt, die Sicherheit aber ist genau dieselbe. Sie haben bisher oft mit Zweifeln und Bedenken gekämpft und manche schwere Stunde gehabt, ich glaube es Ihnen – Sie werden das auch in Zukunft müssen, es kann Ihnen nicht erspart bleiben – aber Ihre Lage hat sich in nichts geändert.“

Der Künstler lächelte bitter.

„Doch! Sie hat sich geändert! Der Verstorbene war mein Freund, er verdankte mir viel, er hing mit feuriger Liebe an mir – falsch und verächtlich hätte er an seinem liebsten und einzigen Jugendfreunde gehandelt, wenn er mich verrathen haben würde. Ihr Schweigen würde ein ebenso unverbrüchliches sein wie das seine, das weiß ich gewiß, es bedarf dazu keines Eides – was mich aber dort kaum ängstige, weil ich es unbedenklich als etwas Selbstverständliches entgegennahm, das würde mich hier zu Boden drücken. Ich dachte selten mehr an Schönfeld; ich hatte einmal flüchtig gehört, er habe sich in anarchistische Bestrebungen eingelassen, dann war seit langen Jahren alles über ihn verstummt, ich war auf Reisen, deutsche Zeitungen kamen mir selten zu Gesicht – ich dachte zuweilen, er müsse schon lange todt sein. Nicht, daß ich einen Mitwisser bei meiner That gehabt, beunruhigte mein Gewissen … die That selbst war es, die immer wieder in mir aufstand, mich marterte und peinigte, und niemals qualvoller, als wenn ich bei meiner Braut gewesen war. Mit tausend Stimmen schrie es in mir: wie darfst Du es wagen, dies ahnungslose, engelreine Geschöpf an Dein Herz zu drücken, und bist doch des Mordes schuldig? Nur in ihrer Nähe lassen die Furien mich los – mit hundertfacher Gewalt fallen sie mich an, wenn ich sie nicht bei mir habe! – Und jetzt – zu wissen, zu denken: der Mann, der ihrer unsagbar viel würdiger ist als du – der Mann, der sie liebt aus ganzer Seele, den sie wieder lieben würde, wärest du nicht - der ihr ein ungetrübt glückliches, sonnenhelles Los bereiten würde, wie es ihr, dem sonnigen Geschöpf, einzig zukäme … gerade dieser eine Mann, und kein anderer, weiß um deine dunkle That – er schweigt aus Seelengröße, aus Edelmuth – aber er weiß darum … und wenn er fortginge aus Deutschland, und wenn du selbst fliehen wolltest bis ans Ende der Welt: er weiß darum! – Glauben Sie nicht, daß ein solches Bewußtsein ein Leben, das ohnehin von Qual und Reue und Gewissenspein halb zerstört ist, unheilbar vergiften kann?“

Wieder ein tiefes, bedrücktes Schweigen. Nur ein kleiner Fink, der im Lindenwipfel sein Nest hat, sitzt auf einem schwankenden Zweiglein und schlägt aus heller Kehle in den schönen Sommertag hinein, und von fern hört man ein paar Kinder, die sich am andern Ende des Gartens haschen, lustig auflachen.

Endlich sagt Reginalds tiefe, sonore Stimme:

„Sie denken an sich selbst – Sie sprechen von sich selbst – aber sie – Annie!“

In den düstern Augen des Malers nachtet es, und seine Brust hebt sich wie im Krampf.

„Eben weil ich an sie denke …“ hebt er an, bricht aber plötzlich und unvermittelt ab.

„Sie hören noch von mir!“ Er greift nach Reginalds Hand, preßt sie, daß es schmerzt, und eilt hastig, ohne zu grüßen, ohne umzublicken, dem Ausgang zu. –




16.

„Ich möchte doch wissen, was das mit Karl ist!“ bemerkt Annie Gerold gedankenvoll und wickelt ein buntes Seidensträhnchen, mit dem sie gerade ein stilvolles Muster in einen Tischläufer zu nähen begonnen hat, um ihre schönen Hände. „Du wirst nun sagen, Thea, daß ich Dir das im Laufe der letzten Tage mindestens schon hundertmal anzuhören gegeben habe, und daß es nichts weniger als geistreich ist, unaufhörlich über Dinge zu reden, über die man keine Gewalt hat und die man aus eigener Machtvollkommenheit nicht wandeln kann – aber ich kann es nicht ändern!“

Nein, Thekla sagt nichts dergleichen. Sie sitzt in ihrem Lehnstuhl, hat heute einen ausnahmsweise guten Tag und kränkt sich, daß das Vögelchen, so auserkoren zum Glück, nun schon mehrere schlechte Tage zu verzeichnen hat. Draußen fällt ein [876] regelrechter, gleichförmiger, ausdauernder Landregen, der Himmel ist mit einer Schicht von trübem Weißgrau überzogen, und aus den aufgesperrten Drachenmäulern an den Dachrinnen sprudelt es ohne Aufhören.

Thekla hat sich Kopf und Augen ein wenig müde gelesen und sitzt nun müßig da und sieht auf Annie. Ihr ist seltsam weich zu Sinn, schon seit längerer Zeit! Immer näher rückt nun die Frist, da man ihr den Augentrost, das Sonnenlicht, das Herzblatt, das Vögelchen fortnehmen wird, und die „gelehrte Thekla Gerold“ findet, daß das ganze Arsenal der Kantschen, Fichteschen, Schopenhauerschen, Hartmannschen Philosophie, mit dem sie gegen sich selbst zu Felde zieht, nichts ausrichtet gegenüber dem bangen, unsäglich trostlosen Gefühl, das sie jedesmal beschleicht, wenn sie es sich recht eindringlich sagt und vorstellt: ohne das Vögelchen! –

„Wann bekamst Du doch seinen Brief mit der Nachricht von der Reise?“ fragt sie, obgleich sie dies ganz genau weiß; sie weiß, Annie spricht am liebsten von ihm!

„Genau vor vier Tagen, am vierundzwanzigsten Juni, gegen Abend. Ich hatte ihn morgens fortgeschickt, weil ich unmöglich Zeit für ihn hatte, und wir hatten verabredet, er sollte am Abend kommen; statt seiner langte um sechs Uhr ein Zettel an, ganz eilig geschrieben, er müsse schleunigst verreisen, würde mir bald näheres melden. Bis jetzt warte ich noch darauf!“ Annies Stimmchen wurde etwas unsicher. „Es muß doch etwas Geschäftliches sein!“

„Selbstverständlich ist’s das!“ schaltet Thekla ein.

„Ja – wenn ich nur wüßte, was! Er hat ja alles mit mir besprochen, ich weiß, was er fertig hat! Das Wüstenbild kann’s nicht sein, das steht noch auf der Staffelei – aber freilich – einer kann es gesehen haben und wünscht, darüber zu unterhandeln – dann müßte doch aber der Kunsthändler hierherkommen, um mit Karl abzuschließen. Oder vielleicht das Nildelta – er hat schon so viele Angebote zurückgewiesen … reisen lassen will er das Bild nicht, zu Ausstellungen hat er’s auch nicht schicken mögen, und die Galerien, die es kaufen wollten, waren ihm nicht bedeutend genug. Er ist ja ein berühmter Künstler und weiß selbst am besten, welchen Werth seine Bilder haben! Aber daß es so furchtbar eilte! Daß er nicht ein paar Minuten mehr fand, Lebewohl zu sagen!“

„Und er hat Dir wirklich das Ziel seiner Reise nicht genannt?“

„Aber Thea! Würde ich Dir das verschwiegen haben?“

„Nun – er hätte Dich ja darum bitten können, es mir zu verschweigen!“

„Dann würde ich Dir gesagt haben, daß er dies that! Nein, ich habe keine Ahnung, wo er geblieben sein kann!“

„Findest Du es nicht etwas sonderbar, Vögelchen, daß er Dir, seiner Braut, dies verschweigt?“

Noch vor zwei Tagen würde Annie dies nie und nimmer zugegeben und ihren Geliebten kräftig vertheidigt haben; aber zwischen vorgestern und heute lagen achtundvierzig Stunden voll bangen Wartens, voll muthloser Gedanken, voll quälender Ungewißheit. Sie senkte daher jetzt das Köpfchen und sprach ein tonloses „Ja“.

„Möchtest Du einmal hierher zu mir kommen, Vögelchen?“ fragte Thekla sehr sanft.

Vögelchen kam. Es rückte sich den Schemel herbei und setzte sich so dicht als möglich neben Theklas Sessel, die Wange an Theklas Arm gelehnt. Es war lange her, seit sie diese Stellung zum letzten Male eingenommen hatte.

„Möchtest Du mir nicht vertrauen wie sonst immer? War nicht im Wesen Deines Verlobten zuweilen etwas, was Dir auffiel? Ich tadle ihn ja nicht“ – Annie hatte eine abwehrende Bewegung gemacht – „ich frage Dich nur! Er liebt Dich über alles, das weiß ich – Du liebst ihn wieder – er ist ein hochberühmter, gefeierter Künstler, dem Gold, Ruhm und Ehren von allen Seiten zuströmen … wie geht es zu, mein Herz, daß er bei alledem nicht glücklicher ist? Hast Du nicht oft darüber nachgedacht?“

„Sehr oft – sehr oft!“ Annie versteckte ihr Gesicht an Theklas Arm und brach in Thränen aus.

„Vögelchen – mein liebes – mein Kind – weine nicht so, ich bitte Dich! Sieh, mir ist es aufgefallen, wie Delmonts Gesicht oft einen so harten, fremden Ausdruck annahm, wie seine Augen sich verdüsterten, er immer wortkarger und finsterer wurde, – es ist für mich ganz sonnenklar, daß ihn etwas drückt und quält; hast Du keine Idee, was es sein könnte? Hat er Dir’s niemals angedeutet?“

„Nein, niemals, Thea!“ Annie hob ihr Gesichtchen empor und wischte sich die Thränen aus den Wimpern. „Ich hab’ es ein einziges Mal in letzter Zeit versucht, ihn zu fragen, als diese düstern Stimmungen immer häufiger wurden – jetzt, da unsere Hochzeit so nahe ist! – aber er hat mir nichts sagen wollen. ‚Ich kann nicht!‘ hat er ausgerufen, mit einem so gequälten Gesicht, daß ich mir innerlich Vorwürfe machte, nicht meinem Vorsatz treu geblieben zu sein, nämlich, abzuwarten und ihm zu vertrauen in dem Gedanken, er müsse es am besten wissen, ob er mir etwas sagen könne oder verschweigen müsse! Hedwig Weyland sagte einmal, im Leben der Männer gebe es mancherlei, was sie allenfalls ihrer Frau, nie aber ihrer Braut anvertrauen würden. Daran habe ich immer denken müssen und versucht, mich damit zu trösten – es wollte aber nicht recht gehen!“

Thekla streichelte sanft Annies Haar. Sie litt nicht an Ahnungen wie Hedwig Weyland, aber sie sagte sich aus eigener Beobachtung jetzt zum hundertsten Mal innerlich, daß ihr Vögelchen kein glückliches Los erwarte an der Seite dieses Mannes. Warum mußte Annie gerade ihn lieben? Wer ihr das hätte sagen können!

Es blieb lange still im Zimmer. Vor den Fenstern machten ein paar Spatzen mit verregnetem, gesträubtem Gefieder einen schüchternen Versuch, zu zwitschern, gaben aber bei dem trostlosen Wetter diesen verwegenen Gedanken alsbald wieder auf. Eintönig – eintönig plätscherte der Regen herab, die Luft war weich und schwer.

An der Hausthür klang das Glockenspiel. „Ich wollte, wir bekämen Besuch,“ dachte Thekla, „sei es nun schon, wer es sei, meinetwegen Hertha Kreutzer oder sonst eine von den jungen Zieräffchen – es wäre immerhin eine kleine Zerstreuung.“

Es kam kein Besuch, sondern Agathe mit einem Brief. „Für Dich – Vögelchen, ’s ist eine italienische Postmarke drauf, die kenne ich!“

Thekla sah, daß Annie jählings erblaßte beim Anblick des Briefes, sie winkte darum der Alten, die erwartungsvoll dastand, das Zimmer zu verlassen, und wandte sich selbst ihrem Buche zu, um anscheinend eifrig zu lesen. Annie war aufgesprungen und las ihren Brief in der Nähe des Fensters.

Thekla zwang sich gewaltsam dazu, ihre junge Schwester nicht zu beobachten; sie sah unausgesetzt in das Buch hinein, aber sie hatte keinen Schimmer von Verständniß für das, worauf ihre Augen ruhten.

Endlich drehte sich Annie vom Fenster weg und kam auf Thekla zu, und diese hob den Blick und sah in das junge Gesicht, das todesblaß war und einen hilflosen Ausdruck zeigte.

„Lies Du, Thea – und sag’ mir, ob das sein kann – und wenn Du es begreifst, erklär’ es mir – ich kann das ja gar nicht verstehen!“

Sie griff sich mit beiden Händen an die Stirn – dabei fiel der Brief in Theklas Schoß. Diese nahm ihn und faltete ihn auseinander; Annie setzte sich auf die Seitenlehne des Sessels, legte ihren Arm um Theklas Schulter und sah mit ihr in den Brief hinein. Er war aus Florenz datirt.

„Ich bin hierher gegangen, Annie – nicht, weil ich Geschäftliches hier zu thun habe, sondern weil ich geflüchtet bin vor Dir – ja, vor Dir – und auch vor mir selber!

In meinem Wesen ist Dir manches räthselhaft gewesen, ich weiß es genau, und das wäre geblieben – ich hätte Dir mein Inneres nie ganz erschließen können, auch wenn Du mein Weib geworden wärest. Das hätte die schönste Blüthe des ehelichen Glücks, das Vertrauen, im Keim erstickt, es hätte Dein sonniges Gemüth getrübt und Dich unsicher und unglücklich gemacht, denn Du sahst den dunklen Schatten jetzt schon, wie er schwer und erdrückend über mir hing … um wieviel mehr würdest Du ihn empfunden haben im engen Verkehr des ehelichen Zusammenlebens, dessen vornehmste Bedingung in dem Satz enthalten ist: was trifft – trifft beide! –

Es hätte beide getroffen, aber nicht in dem Sinn, in welchem dieser Satz gemeint ist! Oft schien es mir, als ob in Deiner Nähe alles Finstere von mir weiche, wie Nebel vor der Sonne [878] fliehen, aber es schien auch nur so, denn in der letzten Zeit hat Dein klarer, liebevoller Blick, wie er in banger Frage auf mir ruhte, meine Qual noch verzehnfacht!

Um Gotteswillen, frage nicht – nein – ich mache es Dir unmöglich, daß Du fragst! Ich leide mehr, als ich sagen kann, und ich glaube nicht, daß ein Mensch auf dieser leiderfüllten Erde unglücklicher ist als ich. Die Verkörperung seines höchsten Ideals von Glück und Lebensfülle vor sich zu sehen, dicht vor sich – und zu wissen, es ist erreichbar – man darf nur den Muth haben, die Hand auszustrecken, es sich anzueignen, um überreich fürs ganze Leben zu sein und nun sich unaufhörlich sagen zu müssen, du hast kein Recht darauf – Annie – kann es einen trostloseren Gedanken geben? –

Ich denke an Dich und an mich zugleich, wenn ich Dein Schicksal von dem meinigen löse: es hätte für mich keine Ruhe – keinen Frieden – nur ewige Angst – eine Seelenfolter, die mich das Leben nicht ertragen ließe, gebracht, für Dich aber eine jährlich, täglich wachsende Pein – ein ruheloses Grübeln – ein Heer von quälenden Gedanken … dies das Los eines Wesens, dem ich ein Paradies auf Erden hätte bereiten wollen?

Versuch’ es, mir zu verzeihen, daß ich in Dein Leben eingriff, daß ich die Kraft, die Selbstbeherrschung nicht besaß, Dir fern zu bleiben! Annie, mein Herz, verzeih’ mir das! Ich blicke zurück auf eine Erinnerung, einen Liebestraum, so wonnig und schön, wie nur die Gottbegnadeten unter den Menschen ihn haben dürften – Dir stehle ich eine köstliche Spanne Glück und Freude, denn Dein treues zärtliches Herz wird lange um mich trauern und es schwer finden, mich zu vergessen, ich weiß es! Aber, glaube es mir, ich werde hart bestraft dafür, daß ich Dir dies angethan!

Und Du bist jung, bist vielseitig begabt und elastischen Geistes; Gottlob, für Dich wird die Zeit noch die große, allmächtige Trösterin sein, die sanft und unmerklich Dein wundes Herz zu heilen versteht. Für mich ist sie nur das Mittel, mehr und mehr aus einem Leben entrückt zu werden, das keine Sonne und keine Hoffnung mehr kennt.

Denke an mich als an einen unheilbar Kranken, dem nichts zu helfen imstande ist – selbst nicht Deine Sorge und Deine Liebe! –

Und versuche nicht, meine Spur zu entdecken, es wäre umsonst! Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich schon weit von dem Ort entfernt, an welchem ich ihn schrieb, und ich habe Sorge getragen, daß man mich nicht auffindet. Ob ich später wieder arbeiten kann, weiß ich nicht – es ist wie eine todte Wüste in mir und um mich her! –

Wie ich Dir danke für alles, was Du mir gewesen bist, das vermag ich in Worten nicht auszudrücken. Mein ganzes Leben, Dir allein gewidmet, würde nicht ausgereicht haben, Dir dies zu beweisen. Ueberschwänglich reich hast Du mich gemacht, und daß ich nun so bettelarm dastehe, ist lediglich meine Schuld.

Ich werde mein Leben nie freiwillig von mir werfen, denn ich habe eine Schuld zu sühnen und will sie büßen, aber Du, Annie, sende, wenn Dir mein Andenken theuer ist, ein Gebet zu dem Gott, an den Du glaubst, empor, er möge mein Dasein bald auflösen in das große Nichts, das alles Lebende in sich aufnimmt!

Noch einmal kniee ich im Geist zu Deinen Füßen, wie ich es im Lehen so oft gethan habe, und sage Dir tausendfältigen Dank und flehe Verzeihung an für mich!
 Karl Delmont.“


Thekla hatte gelesen und bog den Kopf zurück; Annie war noch immer merkwürdig blaß und ihre Augen flimmerten.

„Träume ich das alles nur, Thea?“ fragte sie endlich mit halber Stimme.

„Mein Kind – komm’ hierher – so – blick’ nicht so starr vor Dich hin – könntest Du nur weinen!“

Annie schüttelte den Kopf.

„Mir ist so, als hätte mir jemand das Herz in der Brust todtgeschlagen – und das hat Karl gethan, der mich so lieb hatte! Aber ich werde ja nicht daran zu Grunde gehen; gebrochene Herzen giebt es nicht mehr, sagen die Menschen!“

Sie nahm den Brief, legte ihn sorgfältig wieder zusammen und steckte ihn in den Umschlag, alles mit einer ganz unnatürlichen Ruhe, die Thekla je länger je mehr beängstigte. Dann stand sie auf und räumte ihre Arbeit fort, sammelte jedes verstreute Seidenfädchen auf, schloß alle Haken des Etuis und trug es an seinen Platz. Endlich blieb sie mitten im Zimmer stehen und sah sich darin um.

„Wenn ich nur wüßte, was ich jetzt noch im Leben soll!“ sagte sie halblaut vor sich hin.

Thekla biß die Zähne fest zusammen und senkte den Kopf tief auf ihre Brust. Sie wußte es ja so genau: der Schmerz ist immer selbstsüchtig, und die Jugend ist meist, ohne es zu wissen, hart – sie denkt an sich und schont nicht des andern! Aber daß auch Annie so war, – ihr Kind – ihr Kleinod – das Wesen, das sie vom ersten Tage seines Daseins mit selbstloser Liebe und Sorgfalt behütet, das für sie, die arme Kranke, der einzige Zweck ihres Daseins gewesen war, und das nun sie fragte, was sie im Leben noch solle!! – –

Annies Blick war auf den Fensterscheiben haften geblieben, an denen der Regen niederrann. Draußen standen die Bäume, die Blumen still, mit ergebungsvoll gesenkten Häuptern, wie gebadet in Thränen.

Lange starrte das junge Mädchen hinaus, endlich wandte sie sich mit einer müden Bewegung ab; dabei fiel ihr Blick zufällig auf Thekla, und sie sah, daß diese weinte!

Das hatte Annie noch nie gesehen bei der älteren, so ungewöhnlich selbstbeherrschten Schwester, die alle „Empfindsamkeit“ so herbe verspottete. Es mußte sie etwas hart angefaßt haben, daß ihr die Thränen kamen, – und diese Thränen hatte sie verschuldet, sie, Annie, mit ihren harten, herzlosen Worten! –

Und beim Anblick des Leidensgesichts, das von lebenslangen Qualen sprach, und der lautlos geweinten Thränen, die um Annies willen flossen, schmolz auch die Rinde um das junge Menschenherz, das seinen ersten großen Schmerz erfahren hatte, und Annie schluchzte auf: „Thea – ach, Thea, verzeih’ mir! Weine nicht! Ich bin schlecht gewesen, aber ich bin so unglücklich!“ Und sie weinte, als sollte ihr das Herz brechen! – –




17.

Der Herbst war dahin und ein rauher, stürmischer, böser Herbst war’s gewesen, der dem lachenden Sommer gefolgt war … jetzt zog der Winter in das Land – ein weißer, lautloser Gast.

Die alten Leute in F. sagten es immer wieder, sie könnten sich keines ähnlichen Winters entsinnen – es schneite und schneite ohne Unterlaß, sacht und still, vom Morgen bis zum Abend, und wenn die Arbeiter sich tagüber müde geschaufelt und die Straßen einigermaßen frei gemacht hatten, dann schneite es leise und unaufhaltsam über Nacht weiter, und die Mühe begann von neuem. An den Häusern thürmten sich die Schneewälle immer höher empor, obgleich lange Wagenreihen ununterbrochen hin- und herfuhren, die Schneemassen fortzuschaffen. Wind gab es keinen; die Flocken schwebten so ruhig vom gleichmäßig grau in grau getönten Himmel herab, als sollte das so fortgehen bis ans Ende aller Tage. Die Leute, die im Erdgeschoß wohnten, sahen nichts als Schneeberge vor sich, die täglich anwuchsen; man fragte einander umsonst, wo das eigentlich hinauswollte, und nur die Kinder waren vergnügt, schrieen, lachten und schneeballten und versanken oft bis an die Brust in den leuchtend weißen lockern Massen.

Trotz des Schnees begann man dennoch, Gesellschaften zu geben. Die bekannten gastfreien Häuser thaten ihre Pforten auf – Diners, Soupers, große Routs, musikalische Abendunterhaltungen, Bälle – jeder Tag hatte ein anderes vergnügtes Gesicht. Die jungen Damen hatten sich nun in die Ulanen gefunden und die Dragoner fast ganz vergessen – nun, die Ulanen waren in der That entzückend, und einer von ihnen, dieser prachtvolle Lieutenant von Conventius, hatte inzwischen seine blonde Hedwig heimgeführt und machte ein famoses Haus; auch Thor von Hammerstein, Parsifal genannt, hatte sich verlobt, und zwar mit Hertha Kreutzer, die kein Hehl daraus machte, daß sie eigentlich lieber einen andern gehabt hätte (ebenso, wie ihr Verlobter lieber eine andere gehabt hätte, setzten die boshaften „Freundinnen“ in der Stille dazu!), indessen es ginge nicht immer im Leben so, wie man wolle, und ihr Erwählter war sehr verliebt und sehr wohlhabend, und vor Herthas erfreuten Blicken gaukelten die schönsten Zukunftsträume von kostbaren Toiletten und endlosem Vergnügen.

Aber – aber! Es gab viele Unzufriedene in diesem schneereichen Winter! Zumeist waren sie männlichen Geschlechtes – doch liefen auch viele weibliche mit unter. Der „Stern“ der drei letzten Saisons, die Perle unter den jungen Damen, Annie Gerold, [879] fehlte – saß ruhig daheim bei ihrer kranken Schwester und studirte und nähte und strickte für die Armen und zeigte ihr liebliches Gesichtchen selten bei ihren Freunden, selten auch auf der Straße, denn sie erging sich am liebsten in ihrem Garten, in welchem sie stundenlang auf und ab wandern konnte, mit ernsten, dunkeln, schwermüthigen Augen vor sich hinsehend.

Niemand wußte recht zu sagen, weshalb Annies Verlobung aufgelöst worden sei und wer von den beiden, die ein so überglückliches Paar geschienen hatten, sie gelöst haben könnte! Annie hatte zu Hedwig Weyland nur gesagt. „Es ist alles zu Ende! Frag’ mich nicht, wenn Du mich lieb hast!“ Nun, Frau Hedwig hatte sie lieb und triumphierte gar nicht, daß ihre Ahnungen wieder einmal eingetroffen waren – sie fragte wirklich niemals, kam aber sehr oft, Annie zu besuchen, und weinte im stillen manche Thräne um das zerschlagene Lebensglück ihres Lieblings. Durch sie hatte sich das Gerücht verbreitet, Delmont sei unheilbar krank gewesen und habe es darum nicht über sich gewonnen, Annies Leben an das seine zu ketten. Man fand es sehr unrecht von ihm, daß er sich, wenn er seinen hoffnungslosen Zustand kannte, überhaupt mit Annie verlobt habe – aber man bemitleidete das junge Mädchen allgemein und verschonte es mit lästigen Fragen.

Das letztere war es, was Frau Weyland gewollt hatte. Diese und die kleine Frau von Conventius besuchten Annie am häufigsten, ohne auf Gegenbesuche zu rechnen, ohne überhaupt von ihr irgend etwas zu verlangen. Sie thaten das, was echte Freundinnen immer thun sollten; sie gaben, ohne je zu fragen: wann bekomme ich etwas wieder? –

Die Herren also waren entrüstet, daß ihnen eine Tänzerin und Gesellschafterin wie Annie Gerold fehlte, und mancher kräftige Fluch über den „verdammten Kerl, den Maler“, kam von den bärtigen Lippen der Ulanenoffiziere, nicht zum wenigsten von denen des Lieutenants von Conventius, der an Delmonts unheilbare Krankheit durchaus nicht glauben wollte. „Der Mensch sah so gesund aus wie ich und Du!“ pflegte er zu seiner rosigen kleinen Frau zu sagen. „Und wenn ich an sein Gesicht und an das von Regi denke, damals im Münchener Biergarten – und ich denke oft daran! – dann könnte ich meinen Kopf drum wetten, daß hier ein Geheimniß sitzt – nur daß ich nicht sagen kann, wo! Und Du kannst’s auch nicht, Mäuschen – was?“

Nein – Mäuschen konnte es auch nicht! – –

Unter den Damen gab es ebenfalls zahlreiche mißvergnügte Elemente. Man ging so fleißig zur Kirche und erbaute sich wirklich an den guten Predigten und sammelte für die Armen eines ganz besondern Sprengels und trug dem Geistlichen dieses Sprengels namhafte Summen ins Haus und hatte keine Annie Gerold mehr zu fürchten, die besagter Geistlicher früher offenbar ausgezeichnet hatte, die er aber jetzt nie mehr wiedersah … und trotz alledem blieb dieser wunderliche Heilige, der Pfarrer von Sankt Lukas, wie von Stein! Er nahm sehr selten eine Einladung an, schaute ungerührt in all’ die fromm aufgeschlagenen, thränenfeuchten Augen und bewegten Mienen, hörte all’ die Bekenntnisse und Aengste schöner Seelen ruhig mit an und tröstete sie auf die unpersönlichste Art und Weise, die sich denken ließ – hielt die hilfbereiten zarten Händchen nicht eine Sekunde länger fest, als die nothwendigste Höflichkeit erheischte, und strich die Summen für die hungernde Armuth dankend ein, ohne anscheinend zu ahnen, daß die edlen Spenderinnen hierbei noch einen profanen Nebengedanken haben könnten!

Dabei verschönte sich der Mann von Mal zu Mal, und seine Reden wurden immer inniger und tiefer, so daß die Gläubigen Sturm liefen zur St. Lukaskirche. Offenbar glaubte Pfarrer von Conventius jedes Wort, das er sagte, – und schon diese Thatsache allein, abgesehen von seinem Aeußern, seiner Herkunft und seinem gewinnenden Wesen, eroberte ihm viele Herzen, denn das fühlt die Menge von selbst, wenn ein Geistlicher aus der Tiefe seiner Ueberzeugung redet.

Langsam, langsam ging der Winter hin, und nicht wie im Jahr zuvor kam der Frühling schon im März – er ließ diesmal auf sich warten, er ließ sich bitten und herbeisehnen von aller Welt und kämpfte sich endlich verstohlen zwischen allem Schneewirbel und Nebelgewölk hindurch – Gottlob, nun war er da!!

Und als es Frühling geworden war, ging Annie Gerold mit dem Weylandschen Ehepaar nach Italien.

Den ganzen Winter hindurch hatte Thekla die junge Schwester zu überreden gesucht: „Thu’ es!“ Und immer hatte Annie geantwortet: „Laß’ mich doch hier. Ich möchte bei Dir bleiben!“ Aber Thekla dachte an das Sprichwort vom steten Tropfen, der den Stein höhlt, und sie kam beharrlich wieder mit ihrem Vorschlag, den Frau Weyland mit eifrigen Bitten unterstützte, bis Annie endlich mit einem etwas ungeduldigen: „In Gottes Namen denn – ja!“ ihre Einwilligung gab.

Die Reisevorbereitungen waren getroffen, die Koffer gepackt, die Abschiedsbesuche erledigt, morgen früh sollte es fortgehen. In ihrem gemüthlichen Wohnzimmer saßen die Schwestern abends bei der Lampe zusammen. Thekla hielt ihren geliebten Fichte in der Hand und las Annie daraus vor.

„Hieraus ersiehst Du,“ sagte sie und ließ das Buch sinken, „was Fichte mit seiner Lehre des welterschaffenden und weltbeherrschenden Ichs meint: die innere Kraft des strebenden Ichs sei die Einbildungskraft, und von der schöpferischen Einbildungskraft gehe die ganze Wirksamkeit des Menschengeistes aus!“

„Wer nun aber über keine schöpferische Einbildungskraft verfügt?“ warf Annie ein.

„Der kann auch nicht wirksam sein!“ lautete Theklas Antwort.

„Wie zum Beispiel ich! Ich komme mir in meinem Innern so alt und zerbrochen vor – wo sollte ich wohl jetzt und jemals überhaupt schöpferische Einbildungskraft hernehmen?“

„Die hast Du stets in Dir gehabt, mein Vögelchen, obgleich Du nie Lieder komponirt, Statuen gemeißelt oder Dramen geschrieben hast – schöpferische Einbildungskraft steckt eben in jedem mit Phantasie begabten Menschen, und reicher ist selten jemand an Phantasie gewesen als gerade Du. Auch jetzt ist diese Schöpferkraft keineswegs todt in Dir, wie Du annimmst, nur matt und unlustig – sie wähnt sich vernichtet, ist es aber nicht – und wenn sie allgemach zu erwachen, ihre Flügel zu regen beginnt, so wirst Du zuerst erstaunt sein, dann unwillig, wie das möglich sei, Du wirst Dich dagegen wehren … aber, Liebling, Du wirst es nicht hindern können!“

„Meinst Du, Thea?“ fragte Annie gedankenvoll. „Du hast so oft recht in dem, was Du sagst, und Du kennst mich besser als irgend jemand, vielleicht besser, als ich mich selbst kenne … aber ich weiß nicht, ob Dein Scharfblick Dich nicht diesmal doch täuscht. Wäre mir mein Liebster gestorben, dann wäre es doch anders – der Tod ist der unerbittlichste Abschluß von allem, was Hoffnung und Sehnsucht heißt. Ich aber – ich hoffe freilich nichts mehr, ich weiß es ja genau, es ist vorbei für immer … aber oft habe ich das Gefühl, als müßte mich die Sehnsucht tödten!“

Mit einem Gefühl heißen Schreckens blickte Thekla in Annies Antlitz. Das junge Wesen hatte sich so tapfer beherrscht, war äußerlich so unverändert, daß die ältere Schwester schon heimlich den segensreichen Einfluß der mächtigen Bundesgenossin, der Zeit, zu spüren gemeint hatte. Irrthum! Und Thekla mußte Annie recht geben: die Beendigung ihres Liebesglücks hatte etwas Gewaltsames, Unnatürliches gehabt; alles war zu Ende, aber es hatte kein erlösender Accord dabei mitgeklungen, mit einer schrillen Dissonanz war es vorbei gewesen. Einen Todten kann man heiß beweinen, man soll ihm alles verzeihen; in dem Schmerz um einen lebendig Todten kann die trauernde Seele keine Ruhe finden! –

Die Reise – die Reise! Andere Menschen – täglich wechselnde Bilder, herrliche Kunstschätze, überschwänglich schöne Naturgenüsse – dazu Annies empfängliche Seele, ihre lebhafte, rasche Auffassung … Tausenden ist schon auf diese Weise das wunde Herz geheilt worden. Tausenden wird es noch geheilt werden. Thekla hielt Annies Hand, die schöne Hand, die Karl Delmont so zahllose Male geküßt und bewundert hatte, still in ihren beiden Händen und sah liebevoll in das liebliche Gesicht mit den großen, sehnsüchtigen Augen. – – – –

*      *      *

Etwa acht Wochen später war’s und in Bellaggio am Comersee. Dorthin war das Weylandsche Ehepaar mit Annie Gerold vor der Hitze, die in Italien zu herrschen begann, geflüchtet, und nun sahen sie von dem Balkon ihres herrlich gelegenen Hotels einen Sonnenuntergang mit an, der die Berge in Feuerflammen [880] badete und den Spiegel des herrlichen Sees in ein Goldmeer verwandelte.

In Annies Augen schwamm ein träumerischer Glanz, wie ihn Hedwig Weyland, die fein beobachtende Freundin, gar nicht liebte. Wenn Annie so aussah wie jetzt, dann gingen ihre Gedanken verbotene Wege, das war sicher, – und sie war in der letzten Zeit so heiter und vergnügt gewesen, daß das Ehepaar sich miteinander von Herzen dessen gefreut hatte. Sie sagte nicht mehr zu allem „Ja“, was man ihr vorschlug, sie fand nicht alles gut und schön, wie Weylands es wollten, – sie hatte ihre eigenen Ideen, dachte sich dies und jenes aus und zeigte deutlich, daß sie wieder einen Willen besaß … ein überaus günstiges Zeichen, wie Frau Hedwig immer wieder gegen ihren Robert betonte.

Jetzt aber dieser weltentrückte Blick, – es wurde Frau Weyland eigenthümlich beklommen ums Herz. Doch nicht wieder Ahnungen? Ums Himmelswillen! Daß nur Robert nichts merkte! Sie sah ihn heimlich von der Seite an: nein, er merkte gar nichts, er zog seine Uhr und wunderte sich, warum der Kellner die Zeitungen nicht bringe, die Post müsse doch längst angekommen sein!

Nach einer kleinen Weile trat der Erwartete durch die Glasthür und legte ein ganzes Packet des gewünschten Lesestoffs vor Herrn Weyland hin, deutsche, französische, italienische Blätter, alles durcheinander.

„Bitte, meine Damen!“ Weyland hielt seiner Gattin und Annie die Zeitungen zur Auswahl hin.

„Wie galant er sich anstellt!“ lachte Hedwig. „Als wenn wir nicht genau wüßten, daß er die deutschen Blätter für sich beansprucht und stillschweigend voraussetzt, wir würden, mit Rücksicht auf ihn, die ausländischen für uns nehmen nicht wahr, Annie?“

„Es ist ein feines Kompliment für Euch darin enthalten,“ behauptete Herr Weyland mit großem Ernst, indem er ohne weiteres die „Allgemeine Zeitung“ auseinanderfaltete – „Ihr seid als kluge und gebildete Damen der verschiedensten Idiome mächtig, ich gewöhnliche Kaufmannsseele aber verstehe nur das mütterliche Deutsch, allenfalls noch englisch – weiter schreibt Paulus nichts!“

Damit vertiefte er sich in sein Blatt, um, nach einigen Minuten schon, eine seltsame Unruhe blicken zu lassen. Er sah sichtlich betroffen aus, räusperte sich leicht, starrte beharrlich seine Frau an, um ihren Blick auf sich zu lenken, rückte mit dem Stuhl hin und her, knisterte mit der Zeitung, – umsonst! Hedwig war ganz vertieft in ihre Lektüre, Annie gleichfalls – nun, das traf sich günstig, aber seine Frau! Sie wollte ja immer so feinfühlend und ahnungsvoll sein – warum war sie es denn in diesem Augenblick nicht, da die Gelegenheit es so gebieterisch erforderte?

Endlich hatte Herr Weyland unter dem Tisch den Fuß seiner Frau gefunden, und er trat ihr heimlich darauf, so daß sie sich umwandte und ihn ansah. Endlich! Er winkte mit den Augen nach Annie hinüber und schob der Gattin möglichst unauffällig die Zeitung hin – sie sollte lesen.

Es dauerte eine Weile, ehe Frau Weyland das fand, was ihres Mannes Aufmerksamkeit erregt hatte. Endlich traf ihr Blick darauf – eine Notiz unter „Verschiedenes“ war’s:

„In Calcutta ist am achtzehnten Juni, kurz nach seiner Ankunft, der berühmte Porträt- und Landschaftsmaler Karl Delmont am gelben Fieber gestorben.“

In Hedwigs Hand bebte das Blatt und sie warf einen besorgten Seitenblick auf Annie, die sich in den französischen „Moniteur“ vertieft hatte. Wie, wenn jene Nachricht auch in diesem Blatt zu lesen stand, wie es die größte Wahrscheinlichkeit war?

Die beiden Gatten wußten nichts besseres, als einander sorgenvoll anzusehen – verstohlen natürlich, damit Annie es nicht merke. Sie wußten beide nicht, was sie thun sollten – wenn Annie nun auch in ihrem Blatt die Nachricht fand … was würde werden? Und wenn sie dieselbe nicht fand … waren in dem Fall nicht sie, Weylands, verpflichtet, ihr die Trauerbotschaft mitzutheilen? –

Auf dem Balkon, der ihnen zunächst lag – das große Hotel besaß deren mehrere – ging es lebhaft und lustig her. Man unterschied deutlich die verschiedenen Stimmen – helle, hohe Kinderlaute, dazwischen einen väterlichen Baß und ein weiches, verschleiertes Frauenorgan, abwechselnd mit einer sonoren Männerstimme – die beiden letzten sicher einem Brautpaar zugehörig, denn der tiefe Baß warnte ein paarmal nachdrücklich: „Alfred, verwöhnen Sie uns das Kind nicht so sehr!“ Dann bewunderte wieder jemand den herrlichen Sonnenuntergang, und ein Plan zu einem gemeinsamen Ausflug für den nächsten Tag wurde besprochen; die Kinder jubelten laut darüber und versprachen, sehr artig zu sein, wenn man sie mitnehme. Frau Hedwig hörte mit halbem Ohr hinüber, ohne einen Augenblick den Gedanken an ihre junge Freundin aufzugeben.

Plötzlich bemerkte sie, wie das Zeitungsblatt in Annies Hand seltsam raschelte und bebte – sie bog sich ein wenig vor: Annie starrte mit weitoffenen Augen in das Blatt, als ob sie ihren Sinnen nicht traue, dann ließ sie es langsam sinken, und Frau Hedwig sprang auf und legte den Arm um sie.

Aber Annie war zu jung und zu gesund, um ohnmächtig zu werden. Sie blieb bei wachen Sinnen, sah das Abendgold auf den Bergen verglühen und im Wasser zittern, gewahrte die besorgten Gesichter ihrer Freunde, wie sie sich über sie neigten, und hörte deutlich den Ton einer Zither, die drunten im Hotelgarten jemand sehr kunstfertig zu spielen begann. Eine wehmüthig süße, einfache Volksmelodie war’s, und der rührende Ton der Zither machte, daß es wie das Schluchzen eines zum Tode betrübten Menschen klang.

„Annie – liebes, liebes Herz – Du hast gelesen –“

Sie nickte nur und blieb stumm und regungslos sitzen wie zuvor.

Auch die Freunde schwiegen – was hätten sie sagen sollen? –

Nebenbei auf dem Balkon war alles still – sie hörten der Zither zu, die ihr trauriges Lied zu Ende klagte. Als der letzte Ton verhallt war, da war auch die Farbenpracht am Himmel und im See dahin – hier wie dort schwamm nur noch ein sanfter, rosiger Abglanz der verschwundenen Herrlichkeit. Und durch die tiefe Stille hörte man deutlich eine Stimme von drüben her sagen: „Heut’ haben wir Sonnenwende!“ –




18.

„Es ist nicht wahr, daß man im späten Alter keine festen, dauernden Freundschaften mehr schließt, es kommt hier wie überall auf die Persönlichkeiten an. Alte Freunde können uns oft, wenn seltsame, ungewöhnliche Verhältnisse an sie herantreten, ganz fremd erscheinen – und neue Freunde werden uns zuweilen so rasch vertraut, daß wir immer wieder verwundert nachsinnen müssen, ob es wirklich erst eine so kurze Spanne Zeit her ist, seit wir sie kennen!“

Thekla Gerold war’s, die diese Behauptungen aufstellte, und sie that dies offenbar viel weniger darum, um demjenigen, der ihr zuhörte und auf den sich ihr ganzer Ausspruch bezog, eine Freude zu bereiten, als um sich selbst ihre Idee klarzulegen – „laut vorzudemonstriren“, wie sie das nannte.

Der ihr gegenübersaß und dem dies Bekenntniß galt, war Reginald von Conventius, der Pfarrer von Sankt Lukas.

Es war ein der Dauer nach kurzes, aber sehr festes, inniges Freundschaftsband, das diese beiden Menschen vereinigte. Als Annie mit Weylands abgereist war, da hörte Reginald durch seinen Vetter Fritz, wie einsam Thekla jetzt sei. Zwei alte, erprobte Freunde ihres verstorbenen Vaters, die sie sehr lieb hatte und die viel um sie gewesen waren, hatte der Tod im letzten Winter abgerufen, ein dritter war von F. fort zu seinen verheiratheten Kindern gezogen, ein vierter bettlägerig krank! diese vier alten Freunde einer schönen, vergangenen Zeit entbehrte sie schwer – Fritz von Conventius mit seiner jungen Frau zeigte sich wohl dann und wann bei Thekla, aber dies lebenslustige Paar war sehr begehrt, seine Zeit immer knapp, und die vielen andern Besucher des Geroldschen Hauses waren alle nur Annies wegen gekommen; sie begnügten sich, Thekla einen Pflichtbesuch abzustatten, und das war alles.

Bücher sind eine gute Gesellschaft, und die „gelehrte Thekla Gerold“ war die letzte, die das jemals unterschätzte – aber nur auf Bücher angewiesen sein, wenn man noch ein Herz hat, vollends ein solches, das durch eine junge, liebreizende Schwester gehörig verwöhnt war, ist doch nur ein einseitiger Genuß, und so fand Fritz denn, als er die kranke Dame wieder einmal [882] besuchte, einen so traurigen Ausdruck in ihren Augen, eine so trübe Stimmung in ihrem Gemüth, daß es ihn in seinem guten Herzen bekümmerte und er sich zu seinem Vetter Reginald darüber aussprach.

„Siehst Du, Regi, sie dauert mich mehr, als ich es sagen kann, und ich gäbe wer weiß was drum, ihr zu helfen. Da sitzt nun das arme Geschöpf und sehnt sich nach der Schwester und hat, außer Lamprechts, die zwar bieder, aber doch nur mit Bildung schwach behaftet sind, keine menschliche Seele, die sich seiner annimmt. Das Mäuschen und ich haben den besten Willen, aber weiß der Kuckuck, ’s will sich gar nicht recht thun! Dabei ist sie wirklich eine bedeutende und herzensgute Person, die Thekla!“

Darauf hatte Reginald ihn mit seinen schönen, ernsten Augen angesehen und gefragt: „Was meinst Du, Fritz – ob ich einmal zu ihr hingehen könnte?“

Der Ulan hatte den Vetter darauf feurig umarmt und gerufen: „Ja – dreimal ja, Du Prachtkerl!“

Und Reginald war hingegangen. –

Von jenem Tage schrieb sich die Freundschaft der beiden. Sie verstanden einander in der That wunderbar, der gläubige Diener Gottes und der Freigeist. Das rein menschliche Element war es, was hier den Sieg behielt – und dann vereinte sie beide ein Gefühl, das stärkste, das jedes von ihnen hatte! Es dauerte nicht lange, da wußte es Thekla, ohne daß Reginald es ihr in klaren Worten gesagt hatte, daß er Annie nach wie vor mehr liebe als alles in der Welt – und er fühlte es heraus, gleichfalls ohne daß sie es ihm eingestand, daß sie ihm ihr Kind am liebsten gegönnt hätte. Das war die Brücke, auf der sie sich trafen, das war der Hintergrund aller ihrer Gespräche: Annie! Thekla las ihm aus Annies Briefen vor, sie berichtete von ihrer Stimmung während des Herbstes und Winters, sie theilte ihm die Beobachtungen mit, die sie während Annies kurzer Brautzeit gemacht hatte – nichts verschwieg sie ihm … und wiederum war Thekla der einzige Mensch, dem Reginald das Geständniß machte, er wisse um die Ursache von Delmonts verstörtem Wesen und um die innere Gewalt, die ihn gezwungen habe, sein Verlöbniß zu lösen, wenn er auch nie den Schleier dieses Geheimnisses lüften dürfe.

Thekla rechnete sich mit ihrem scharfen Geist etwas heraus, was der Wahrheit ziemlich nahe kam; sie hütete sich aber, mit Fragen oder Anspielungen in Conventius zu dringen; dazu war er ihr zu werth, hielt sie ihn zu hoch.

Die Nachricht von Delmonts Tod, die durch alle namhaften Zeitungen ging, hatte selbstverständlich auch ihren Weg nach F. gefunden – aber die beiden Freunde hatten nur die Thatsache erwähnt und alles weitere unberührt gelassen. Auch Annie hatte ihrer Schwester kein Wort von ihrem Empfinden geschrieben, nur den Wunsch ausgesprochen, bald heimzukehren, da sie sich nach Thekla sehne.

Heute war der fünfzehnte August, auf den folgenden Tag erwartete man Annies Heimkehr.

Reginald hatte mit Lamprechts Hilfe Theklas Rollstuhl in den Garten gebracht, und hier saß sie nun mitten im Grünen, von Schmetterlingen umspielt, von Bienen umsummt, und sprach ihre Ansichten über alte und neue Freundschaften aus.

„Unser Verkehr wird mir recht fehlen!“ schloß sie seufzend.

„Mir auch, liebe Freundin!“

„Aber ich sehe nicht ein – bestehen Sie wirklich in allem Ernst darauf, sich nie mehr bei mir sehen zu lassen, sobald Annie hier ist?“

„In allem Ernst – und mit Recht! Mein Erscheinen hätte für Ihre Schwester nur eine Bedeutung, nämlich die, ich wolle mich aufs neue um sie bewerben! Und dazu wäre wahrlich der Zeitpunkt jetzt schlecht gewählt!“

Thekla nickte ihm zu und hielt ihm ihre Hand hin.

„Es ist das Richtige so! Aber Sie haben mich sehr verwöhnt – ich werde schwer ohne Sie fertig werden!“

„Sie bekommen ja den schönsten Ersatz – nein, das nicht! Ersatz im vollsten Sinne des Wortes giebt es ja nicht, darüber sind wir beide einig! Aber es ist ja mehr als das! Ihr Liebstes kehrt Ihnen zurück – und ich – ich darf Ihnen manchmal schreiben – ja? –“

„Gewiß! Und ich werde Ihnen manchmal antworten. Welch ein kläglicher Ersatz – da ist das Wort schon wieder! Nun, wer kommt denn da?“

Durch den Gartensaal eilte es auf leichten Füßen, kam durch die offenstehende Glasthür, die Stufen herab – eine leichte, schlanke Gestalt, den Schleier zurückgeworfen, die Augen voller Thränen.

„Thea! Liebste! Wieder bei Dir!“ –

Reginald war emporgesprungen, peinlichste Ueberraschung in den Mienen. Heute schon! Er griff verwirrt nach seinem Hut, wollte sich unbemerkt zurückziehen –

Da richtete Annie sich auf aus Theklas Armen, bleich und verweint, und hielt ihm die Hand hin.

„Herr von Conventius! Wie danke ich Ihnen Ihre Freundschaft für meine Schwester!“

„Die findet ihren Dank in sich!“ gab er zurück. Er hatte sich rasch gefaßt, streifte die schöne Hand flüchtig mit den Lippen und wandte sich zum Gehen. „Verzeihen Sie mein Hiersein, Fräulein Gerold, Ihre Schwester erwartete Sie erst morgen!“

„Ich hatte zu große Sehnsucht ich hielt den Rasttag in München nicht aus, wie ich mir’s vorgenommen hatte, sondern reiste geradeswegs hierher. Ach – daheim – wieder daheim!“

Sie sah sich in dem sonnigen, grünen Garten um und drückte Theklas Haupt an ihre Brust.

„Mir will scheinen, Du siehst wohler aus, als da ich Dich verließ!“

Thekla blickte auf Conventius.

„Ich habe einen sehr geduldigen guten Freund und Tröster gefunden!“ entgegnete sie; und leiser setzte sie hinzu: „Sieh, nun will er gehen – und nicht mehr wiederkommen. Willst Du ihn nicht bitten, Annie, daß er es dennoch thut?“

Ein leises Erröthen stieg in Annies Gesicht, aber sie wandte sich, ohne zu zögern, zu ihm und sagte: „Ich bitte – kommen Sie wieder!“ – – –

Er kam – zuerst sehr selten nur und als Theklas offizieller Freund – dann häufiger – auch als Annies Freund, ihr Berather und Helfer im Wohlthun. – Aber mit einundzwanzig Jahren kann man nicht nur selbstlos in andern aufgehen – und die Stürme, die um diese gesegnete Zeit daherbrausen, die beugen ein Menschenkind wohl schwer danieder, aber sie knicken und vernichten es nicht ganz. – Und der Thau kommt und der Regen – und dann fängt es an, lind zu wehen, und die Sonne bricht durch! –

Ein wenig stiller, ein wenig ernster, aber unendlich liebreizend und in tiefster Seele dankbar war Annie Gerold in ihrem zweiten bräutlichen Glück.

Und als sie dann das grenzenlose Entzücken Reginalds sah, seine anbetende Liebe, die kein anderes Ziel, keinen weiteren Zweck kannte als ihr Glück … wie sollte sie da nicht aufblühen, schöner und holdseliger denn je? Es kam die Zeit, da war sie wieder das heitere, glückselige Vögelchen früherer Zeiten, verwöhnt, geliebt, bewundert von allen, und doch ihres Vaters Wort zur Wahrheit machend: „Verwöhnt es immerhin! Das schadet dem Kinde nichts! Es braucht viel Liebe, und es giebt ja auch aus seinem reichen, goldenen Herzen unaufhörlich, ohne zu rechnen!“ –

Das Haus Gerold schwamm im Glück, und nur Thekla fand des Streites kein Ende mit Fritz von Conventius, der da behauptete, er freue sich doch am meisten über dies Paar und seines Regi Glück – mehr noch als Thekla! Was wollte sie denn? Auf seines Stammhalters Taufe hatten die beiden sich ja miteinander verlobt – das mußte ihn doch wohl am meisten freuen, ihn, den Gastgeber, Vater, Freund und Vetter, der nun endlich der schönen Annie den lange vorher begehrten Verwandtschaftskuß auf die Lippen drücken durfte! –

Karl Delmont ist nicht vergessen – Annie bewahrt sein Andenken wie seine Bilder in treuem Herzen, und Reginald, der glückliche, dankbare Reginald, bewahrt sein Geheimniß – sein schönes, geliebtes Weib soll es nie erfahren, warum er am Tag der Sonnenwende so nachdenklich gestimmt ist, und wer in dem versteckten Grabe schlummert, auf welches ihr Gatte jedesmal zur Zeit der Sonnenwende einen Kranz niederlegt.