Sprachliche Kleinigkeiten

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Autor: M.
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Titel: Sprachliche Kleinigkeiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 474
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[474] Sprachliche Kleinigkeiten. Es ist interessant zu beobachten, wie gewisse Sprachfehler namentlich durch den täglichen Gebrauch in den öffentlichen Blättern sich festsetzen und schließlich zur Regel werden. So findet man in den zahllosen Concertanzeigen aller Orte wohl durchgängig die Schreibweise „Musikchor“, „Trompeterchor“. Dieselbe kann jedoch nicht als richtig anerkannt werden. Das aus dem Griechischen stammende Wort „Chor“ bedeutete ursprünglich einen mit Gesang verbundenen Reigentanz, und ist dann auf jede Sängerschaar übertragen worden. Es heißt also richtig: Sängerchor, Chorgesang, Chorist. Durch eine naheliegende Verwechslung hat man dieses Wort „Chor“ auch auf eine „Musikbande“ angewendet. Allein offenbar haben wir es in diesem Falle mit dem französischen Worte „corps“ (von dem lateinischen corpus) = „Körperschaft, Gesellschaft“ zu thun, demselben Worte, welches uns in den Zusammensetzungen „Armeecorps“, „Turnercorps“, „Schützencorps“ u. s. w. völlig geläufig ist. Selbst beim Ballet, wo nach der ursprünglichen Bedeutung das Wort „Chor“ eher am Platze wäre, schreiben wir „Balletcorps“, weil es im Französischen, welchem alle diese deutschen Ausdrücke entlehnt sind, heißt: corps de ballet. Und ebenso gewiß sagt man französisch: corps de musique, und nicht etwa choeur de musique. Folglich ist auch im Deutschen zu schreiben: Musikcorps, und nicht: Musikchor.

An Musik und Theater anknüpfend, wollen wir ferner der sehr verbreiteten falschen Aussprache des Wortes „Orchester“ erwähnen. Dieses aus dem Griechischen stammende Wort, in lateinischer Form = orchestra, bezeichnet ursprünglich den zwischen der Bühne und dem Zuschauerraume befindlichen Tanzplatz, auf welchem in der griechischen Tragödie und Komödie der Chor seinen Reigentanz aufführte. Es ist dann auf den Sitzraum der Musiker in dem neuern Theater, weiterhin auf das Musikcorps selbst übertragen worden. Die französischen Form ist orchestre und wird ausgesprochen: orchestr’, wie überhaupt „ch“ in den meisten aus dem Griechischen entlehnten französischen Wörtern wie „k“ lautet. Die meisten Deutschen aber, welche ihr Französisch gelernt zu haben glauben und daher wissen, daß im Französischen „ch“ gewöhnlich wie unser „sch“ gesprochen wird, übertragen diese Aussprache fälschlicher Weise auch auf das Wort „Orchester“ und sprechen ganz unrichtig: „Orschester“. Man halte sich entweder an die griechisch-lateinische Aussprache und spreche demnach das Wort aus, wie es geschrieben wird. „Orchester“, oder man spreche nach französischer Weise: „Orkester“.

Noch unerträglicher ist die ebenfalls aus mangelhafter Kenntniß der französischen Aussprache hervorgegangene Mißhandlung eines schönen Eigennamens, wie sie namentlich in Sachsen üblich ist. Der Vorname „Eugen“ ist ebenfalls griechischen Ursprungs und bedeutet. „edelgeboren“. Die lateinische Form lautet: Eugenius, die hiervon abgeleitete französische: Eugène. Die Aussprache dieser letzteren ist ungefähr = „Oeschän“, wobei das „sch“ möglichst weich zu sprechen und der Ton auf die letzte Silbe zu legen ist. Hiermit vergleiche man die sächsische Aussprache dieses Namens: „Eischeen“, welche obendrein den Ton auf die erste Silbe legt, und denke sich beispielsweise das bekannte Soldatenlied in dieser Weise recitirt oder gesungen: „Prinz Eischeenius, der edle Ritter!“ Warum hält man sich nicht an die ursprüngliche griechisch-lateinische Form Eugenius, abgekürzt Eugen, und spricht sie gerade so aus, wie sie geschrieben wird? Für jedes sprachlich gebildete Ohr ist es eine wahre Pein, wenn der ursprüngliche Wohlklang griechischer oder lateinischer Wörter durch eine vermeintlich oder halb französische Aussprache in obiger Weise verdorben wird.

M.