Spruch und Bild, insonderheit bei den Morgenländern

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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Spruch und Bild, insonderheit bei den Morgenländern
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aus: Zerstreute Blätter (Vierte Sammlung) S. 105-146
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Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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[105]
II.
Spruch und Bild,
insonderheit
bei den
Morgenländern.
––––––
Einige rhapsodische Gedanken.
––––

[107] Gewöhnlich hält man nichts von geringerem Werth, als Sprüche; wie bald, denkt man, ist ein Spruch gesagt! wie bald eine sogenannte Weisheitlehre vorgetragen! Man verlegt sie also in die Kindheit des menschlichen Geschlechts; man läßt sie höchstens als ersten Unterricht, als eine Verstandes- und Sprachübung gelten.

Vieles hievon ist wahr; und die Zeit ist allerdings längst vorüber, in der man durch räthselhafte oder scharfsinnige Sprüche, den Ruhm eines Salomo, oder des achten Weisen Griechenlandes erlangen könnte. Indessen hatte auch in den ältesten Zeiten die Sache eine andre Beschaffenheit, und es lassen sich Gründe anführen, [108] warum insonderheit die Morgenländer so viel auf diese Spruchweisheit hielten.

Ein Spruch nämlich setzt Weisheit, Weisheit setzt Erfahrung voraus; und ich wüßte kaum, was das menschliche Leben dem Verstande für eine bessere Ausbeute liefern könnte, als eben diese aus Erfahrung gebildete, in eine anziehende Form gekleidete Weisheit. Wenn diese nun ein Spruch heißt: so sind Sprüche gleichsam das ganze Resultat des beobachtenden menschlichen Verstandes; nur man muß Verstand haben, ihren Verstand zu fassen, und Gefühl haben, die Schönheit ihres Ausdrucks zu fühlen.

Glaube doch niemand, daß an jedem Gegenstande Jeder dasselbe sehe und wahrnehme; sonst würde es keine verschiedene Meinungen in der Welt geben. Glaube niemand, daß jede verwickelte Aufgabe im menschlichen Leben Jeder auf gleiche Weise sich auflöse oder vielleicht nur irgend aufzulösen, die Besonnenheit und geläufige Uebung habe: denn wäre dies, so würde es keine [109] Blödsinnige, keine Sklaven der Gewohnheit, keine Gedankenlose Nachsprecher geben. Jemehr man die Menschen in ihrer Gedanken- und Handlungsweise verfolget, desto mehr wird man inne, wie wenige unter ihnen selbst denken, und wie schwer es auch diese Wenigen werde, immer zu denken. Man rechnet so gern mit Ziffern; man bringt so gern den Traum einer Wahrnehmung unter die Formel einer allgemeinen Lehre, einer entweder von uns oder von andern gemachten Beobachtung, wodurch denn mit der leichtesten Mühe der rohen Materie gleichsam Gestalt und Form wird. Die hellsehenden Geister, die solche Gestalten der Beobachtung erschufen und auch der Sprache in glücklichen Formen einprägten; sie waren, in welcher Zeit und unter welchem Volk sie lebten, die Lockmanns, Sadi, Aesops, oder wenn man will, die Salomonen und Solons ihrer und der folgenden Zeiten. Sie hatten Perlen aus dem Grunde des Meers geholt; sie hatten aus einer rohen Masse geläuterte Goldmünzen gepräget, deren innerer Werth [110] von Verständigen anerkannt, deren Summe nachher als ein Resultat des Verstandes der Nation, als ein Schatz ihrer Sprache geschätzt ward; ihre Sprüche blieben.

Und warum hätten sie nicht also geschätzt werden sollen? Besitzt unser Verstand eine edlere Gabe, als diese Formenschöpfung? Ist es nicht ein Trug, wenn wir glauben, daß in einer Erfahrung jener allgemeine Satz, diese sittliche oder politische Lehre schon liege? Sie liegen darinn, aber nur nach der Materie; der Form muß ihnen der menschliche Geist erst geben; da man dann eben so sicher sagen kann, daß der menschliche Geist sie in die Begebenheit hinein- als daß er sie herausdenke. Wie selten sind nun, (nochmals gesagt,) diese eigenthümlichen, ursprünglichen Denker unter den Menschen! Man folgt so gern andrer Rath, sieht, auch wenn man mit eignen Augen zu sehen glaubt, so oft mit fremden Augen, und geht im Gängelwagen der Sprache. Für Viele ist es also das Höchste, anzuwenden, was sie gelernt haben; und das höchste Verdienst [111] um sie bestehet darinn, daß man sie nur das Wahre, das Richtige lernen lasse, und sie dies wahr und richtig anwenden lehre.

Immer also sind mir die Erfinder seiner Sprüche, die Formenschöpfer richtiger und feiner Resultate, in jeder Art der Beobachtung und Erfahrung als die wahren Gesetzgeber und Autonomen des menschlichen Geschlechts vorgekommen, die, indem sie selbst dachten und treflich sprachen, zugleich für andre dachten, und ihrem Gesetz also zu denken, als einem schweigenden Imperativ durch die Form ihres Ausdrucks gleichsam Sanction gaben. Unter den Morgenländern findet sich eine Menge dieses geprägten Goldes verständiger Beobachtung und Erfahrung; woraus dann auch, wie aus so vielem andern erhellet, wie alt die Cultur unsres Geschlechts in Orient sei! Ich denke noch der Zeiten mit Anmuth, in denen ich als Kind den Hiob, den Prediger Salomo, oder als Knabe den Aesop, griechische und lateinische Gnomologen, und nachher in oder aus mehreren Sprachen scharfsinnige [112] Gedanken, schöne Einkleidungen einer anziehenden Wahrheit, kurz Beobachtungen, Sinnsprüche, Lehren in einer feingewählten Form des Vortrages las. Es schien mir, daß man nicht aus, sondern mit ihnen denken lernen solle, und ich bemerkte mit Freuden, daß unter allen Nationen mehrere der würdigsten Männer dieselbe Liebhaberei gehabt, und Apophthegmen, Sprüche, Maximen theils aus andern gesammlet, oder übersetzt, theils ihre Gedanken selbst in dergleichen Form zu bringen gesucht haben. Ein Verzeichniß derselben zu geben, ist dieses Orts nicht; mir gnüget es anjetzt, da ich blos meine vorstehende Sammlung der Sprüche Sadi’s, und andrer, morgenländischen Dichter zu rechtfertigen habe, Einiges anzuführen, das den Ursprung derselben, ihren Werth oder Unwerth, sodann auch ihren Gebrauch näher erläutert.

[113]
1.

Unter dem Namen der morgenländischen Dichtkunst begreift man gewöhnlich die Poesie so verschiedner Völker und Zeiten Asiens, als man in Europa schwerlich unter Einem dergleichen Hauptnamen begreifen möchte.

Die Poesie der Ebräer, als die älteste, faßt schon einen Zeitraum vielleicht von mehr als einem Jahrtausende in sich, und gehet der Literatur der Araber, Griechen und Römer größtentheils ganz vorher. Sie ward in einer Sprache geschrieben, die sich zur eigentlich-wissenschaftlichen Cultur nie ausgebildet hat, weil ihr lebendiger Gebrauch als einer Nationalsprache zu schnell unterging; man kann also diese Poesie nicht anders als ein frühverblühetes Kind, die Tochter der Jugend eines zerstreueten Volks betrachten, das seitdem nie seine Sprache hat fortbilden können. Ihr Eindruck aufs menschliche Gemüth ist, [114] mit andern verglichen, kindliche Naivetät, Religiosität, Einfalt. 1) [1]

Die Poesie der Syrer übergehen wir ganz; sie waren Versmacher, aber keine Dichter. 2) [2]

Desto merkwürdiger ist die Poesie der Araber worden, die Eine der Hauptrollen in der Welt gespielt hat, ob sie gleich an Schönheit der Formen im Ganzen jeder Dichtart, an die Poesie der Griechen schwerlich reichet. Aus eigenthümlicher Wurzel entsprossen, ist sie der reine Abdruck des Volkes, das sie erfand, seiner Sprache, Lebensart, Religion, und Empfindungsweise. Fast ein Jahrtausend hin hat sie, und zwar eine Zeitlang unter den glücklichsten Umständen, geblühet; [115] ja ihre Wurzeln sind noch nicht ausgestorben, sondern der Sprache nach noch jetzt über zwei große Welttheile lebendig verbreitet. 3) [3] In einem so großen Zeitraum, so weit umher verbreitet, und mit stolzer Hochachtung von den Arabern verehret, konnte und mußte sie allerdings eine so künstliche Gestalt gewinnen, daß gegen sie die Poesie der Hebräer wie ein Kind dastehet. Das Volk der Wüste, nachher Ueberwinder und Besitzer der Welt, ward auch in seinen Bildern stolz, reich und heftig; ihre Beschreibungen sind Prachtvoll und glänzend, ihre Sentenzen gedrängt, künstlich, und, dem Islamismus zu Folge, andächtig und erhaben. 4) [4] Oft ward Ein Scharfsinn auf den andern gepfropft, und aus einer seinen [116] eine feinere Wendung dergestalt sublimiret, daß für uns Europäer eben der Geist ihrer weisen Sprüche und Reden, auf den sie es am künstlichsten anlegten, gewöhnlich zuerst verrauchet. Da überdem nun diese Nation im Ganzen immerhin in einer Art Barbarei blieb, in welche sie, seitdem Türken und andre Völker ihre Eroberungen in Besitz nahmen, noch tiefer hinab sank: so wird selbst in ihrer Poesie ein sonderbarer Contrast von Rohheit und Feinheit merkbar. Hohe Beschreibungen, edle Empfindungen wechseln mit harten Gesinnungen, insonderheit des Stolzes und der Rache, dergestalt ab, daß man oft nicht weiß, ob man einen Räuber oder einen Helden, einen Stolzen oder einen Wahnsinnigen reden höre. Welch ein weites Feld der Verschiedenheiten in dieser Dichtkunst giebt auch ein Erdstrich von Samarkand bis nach Marokko, ein Zeitraum lange vor Mohammed bis auf unsre Zeiten, ein Abstand von dem feinsten Hofdichter zur Zeit so vieler Chalifen und Fürsten, die der Poesie huldigten, bis zu einem Beduin der Wüste, der auch [117] seine weisen Sprüche im Munde führet. Ueber eine Menge solcher Verschiedenheiten ist ein allgemeines Urtheil sehr mißlich.

Die Poesie der Perser endlich, eine Tochter der Arabischen, ist die jüngste und feinste. Als Persien von den Arabern unter den Khalifen Omar und Osman erobert ward, gewann ihre Poesie unter diesem Volk, das von einer leichtern Natur war und Artigkeit, Musik, Wohlleben liebte, bald eine neue Blüthe; insonderheit ward Schiras in der Zeitfolge der Geburtsort mehrerer ihrer berühmtesten Dichter. Scheikh Moslaedin Sadi, dem die meisten Blumen unsrer Sammlung zugehören, war unter diesen; daher es nicht unangenehm seyn wird, auch nur Etwas von seinem wenig-bekannten Leben zu hören. Im Jahr 1193. gebohren, traf er gerade in die unglücklichen Zeiten der Kreuzzüge von Einer, der Türkenanfälle von der andern Seite. Den Kreuzziehern gerieth er sogar zum Sklaven in die Hände, und mußte an den Festungswerken in Tripoli arbeiten. Ein Kaufmann von Haleb (Aleppo) [118] kaufte ihn für zehn Goldgülden los, gab ihm darüber noch hundert mehr, als Brautschatz für seine Tochter, die er mit ihm vermählte. Wir wollen hören, was der liebliche Dichter selbst davon saget:

Aus meines Freundes zu Damaskus Armen
ging Unmuthvoll ich in die Wüstenei
Jerusalems, und lebte da mit Thieren;
bis ich den Franken in die Hände fiel.

Sie schleppten mich nach Tripolis, wo ich
mit Juden ihren Wall aufführen mußte.
So steckt’ ich lang’ im Koth, bis aus Aleppo
ein Mächtiger, einst mein Bekannter, mich
anredete: „wohin, o Musladin,
bist du gerathen? Lebst du hier?“

[119]

Als ich die Menschen floh und auf den heiligen Bergen
Gott nur suchte, gerieth unter Unmenschen ich hier.
Leichter, des Freundes Fessel ertragen, als außer dem Garten
Freiheit suchen, die uns ärgere Bande gewährt.

Mitleidig sah er meine Sklaverei,
und kaufte mich mit zehn Dukaten los,
und führte nach Aleppo mich, und gab
mit seiner einz’gen Tochter mir noch hundert
Dukaten. Ob nun Sadi glüchlich war?

Die Tocher war herrschsüchtig, harten Sinnes,
von frecher Zunge, meinem Rathe stets
zuwider; also daß die Ehe mir
all’ meines Lebens Süßigkeit verdarb.
Suchst du die Höll’ hier unter dem Himmel: so suche die Wohnung
Eines friedlichen Manns, dem sich ein Dämon gesellt.

[120]

„Bist du nicht, sprach sie, jener Sklave, den
mein Vater sich mit zehn Dukaten kaufte?“
Ja, sprach ich, ja! Mit zehnen kauft’ er mich;
mit hundert hat er mich an dich verkauft.

Als der Jäger ein Lamm von Wolfes Schlunde befreite,
und am Abend es sich selber zum Bissen erkor,
Sprach das Lamm: „o ich dacht’ es nicht, daß du, mein Erretter,
der mich vom Wolfe befreit, selber mit wärest ein Wolf.“


Sonst wissen wir wenig von Sadi’s Lebensumständen. Er führte das Leben eines Derwisch, und brachte es größtentheils auf Reisen zu. Er gedenkt an seine Flucht aus Schiras vor den räuberischen Türken, an seine Wallfahrten nach Mekka, an eine Reise nach Raschgar in Indien, [121] wo er einen schönen Jüngling fand, der, als er den Namen Sadi hörte, ihn nicht von sich lassen wollte. Sadi antwortete ihm mit einer Geschichte und beehrte seinen Abschiedskuß mit einem sehr zarten Spruch auf den Abschiedskuß der Freundschaft. 5) [5] In seinem wandernden, freien Zustande lernte er, wie sein Rosen- und Fruchtgarten davon gnugsame Proben giebt, die Sitten aller menschlichen Stände und Lebensalter seiner Gegenden, in Persien, Syrien, Arabien kennen. Auch an Höfen hat er gelebt, wie sein erstes Buch zeiget, in dessen herzlichen Zueignung an Abu-Bekr, König in Persien oder in Damaskus, er sich sehr demüthig entschuldigt, warum er so selten seinem Hofe erscheine. Kurz, Sadi scheint die Blüthe der moralischen Poesie für seine Sprache, in der er außerordentlich rein und lieblich geschrieben haben soll, gebrochen zu haben, wie denn seine Poesie für eine Rose derselben Jahrhunderte lang gegolten hat und noch gilt; er trägt also mit Recht, Trotz der Unfälle seines Lebens, [122] den Zunamen des Glücklichen: denn dies bedeutet Sadi. Sein erstes Buch schrieb er im fünf und achtzigsten Jahr seines Lebens, da gewiß seine Erfahrung reif geworden war, und soll über hundert Jahre gelebt haben. Seine Landsleute nennen Ferdusi ihren ersten heroischen, Enweri, ihren ersten Elegischen, Sadi ihren ersten lyrischen Dichter; und obgleich Haphyz, von dessen Gazellen oder Liebes-Oden wir zu einer anderen Zeit Proben geben werden, 6) [6] hundert Jahre nach ihm in lyrischen Gedichten den höchsten Ruhm erhalten: so ist doch des Sadi Ruhm und Werth in seiner Gattung dabei ungekränkt geblieben. Unweit Schiras liegt er begraben, 7) [7] und er wird als ein Heiliger mit Recht [123] verehret. Auch in seinem Buch von der Liebe und Jugend, bei dessen Beschluß er selbst sagt, daß wenn Leila und Metz nun wieder aufstehen sollten, sie aus diesem die Kunst zu lieben lernen könnten, überschreitet er die Grenzen der Ehrbarkeit nie; und fast jedes Wort, jede artige Wendung seines Vortrages ist, nach dem beliebten Ausdruck der Morgenländer, eine Perle.

[124]

Schöne Gesinnungen gleichen den Perlen und Edelgesteinen;
Lose dahingestreut, glänzen sie köstlich und schön.
Aber verband sie die Kunst; so werden in Königes Krone
oder im Armband sie Männern und Frauen zum Schmuck.

*     *     *
[125]
2.

________


Ob also gleich die Poesie der Morgenländer mit mancher Unterscheidung gesprochen werden muß: so hat und behält sie doch allerdings ihren allgemeinen Hauptcharakter, der aus der Sprache dieser Völker, aus ihrer gemeinschaftlichen oder verwandten Religion, Regierungsform, Lebensweise, zum Theil auch aus ihrer Geschichte und Abkunft sehr wohl zu erklären stehet. Da wir uns hier blos an ihrem Spruchreichen, parabolischen Ausdruck zu halten haben: so dünkt uns ein einziges Wort zureichend, den Charakter desselben in seinem Ursprunge und in seiner Natur zu bezeichnen. 8) [8] Im vielartigen Gebrauch dieses Worts, das prägen, ein Bild aufdrücken, vergleichen, d. i., ein Gleichniß oder Bild durch das Gewicht eines Spruches ausdrücken, nachmals herrschen, d. i. sein Wort aufdrücken, mit seinem [126] Befehl bezeichnen heißt, liegt die ganze Genesis, Kraft und Anwendung dessen, was ein Spruch, eine parabolische Rede seyn soll.

„Poesie, sagt ein Autor, den der Geist des Alterthums, insonderheit des Morgenlandes, von vielen andern belebte, 9) [9] Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts, wie der Gartenbau älter als der Acker, Malerei als Schrift, Gesang als Deklamation, Gleichnisse als Schlüße, Tausch als Handel. Ein tieferer Schlaf war die Ruhe unserer Urahnen, und ihre Bewegung ein taumelnder Tanz. Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; und thaten ihren Mund auf zu geflügelten Sprüchen.

„Sinne und Leidenschaften reden und verstehen nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkenntniß und Glückseligkeit.“

Leidenschaft allein giebt Abstraktionen sowohl als Hypothesen Hände, Füße, Flügel; [127] Bildern und Zeichen Geist, Leben und Zunge. Allenthalben in der menschlichen Gesellschaft zeigt sich die Wirkung der Leidenschaften, wie alles, was noch so entfernt ist, ein Gemüth im Affect mit einer besondern Richtung trift; wie jede einzelne Empfindung sich über den Umkreis aller äußern Gegenstände verbreitet; wie wir die allgemeinsten Fälle durch eine persönliche Anwendung uns zuzueignen wissen, und jeden einheimischen Umstand zum öffentlichen Schauspiele Himmels und der Erde ausbrüten. Kurz, die Vollkommenheit der Entwürfe, die Stärke ihrer Ausführung; die Empfängniß und Geburt neuer Ideen und neuer Ausdrücke; die Arbeit und Ruhe des Weisen, sein Trost und sein Eckel daran, liegen im fruchtbaren Schooße der Leidenschaften vor unsern Sinnen vergraben.“

Was unser Autor so überströmend und selbst parabolisch sagt, hat Bako, haben andre Philosophen auf ihre Weise behauptet; und es wäre schön gewesen, wenn der gelehrte und Sprachenreiche Commentator der asiatischen Dichtkunst, [128] Wilhelm Jones, darauf nähere Rücksicht genommen hätte. Er würde uns in seiner Gallerie orientalischer Bilder 10) [10] jedesmal im Zusammenhange gezeigt haben, wie nur der Verstand das Bild prägt, Leidenschaft oder Empfindung dasselbe überträgt, ausmalet oder schnell verläßt und sich zu einem andern wendet. Dies geschieht am Ohio wie am Euphrat, am gelben Strom wie an der Themse; nur allerdings nicht allenthalben mit gleichem Geschmack, in gleichem Maas, auf gleiche Weise.

Die Sprache des Morgenländers, selbst ihrem Bau und Genius nach, will Kürze; dies hilft den Sentenzen, den Machtsprüchen des Verstandes und der Leidenschaft, sehr auf; es macht sie zu Blitzen, zu Pfeilen. Eben daher aber muß es auch geschehen, daß Pfeil dem Pfeile, Blitz dem Blitze oft zu schnell nachfliegt; da sich [129] denn unsre kühlere Phantasie bald an der Widerwärtigkeit, bald am Uebermaas der Bilder stößt, und Gold auf Silber, Silber auf Gold gesetzt findet. Hier sollten wir bedenken, daß bey allen Völkern, bey denen die Prose, zumal durch Geschichte, Redekunst und Philosophie, nicht ausgebildet war, immer derselbe Fall eintrat, und daß sich überhaupt die leidenschaftliche Sprache, das os divinum, magna sonaturum ein viel Mehreres erlaubt halte, als z. B. der erzählenden oder der schildernden Poesie zusteht. Auch bey den Griechen, wie schnell läuft Pindar selbst bey seinen Sprüchen aus einem Gleichniß ins andre! wie kühn setzt er oft die widerwärtigsten Bilder zusammen, so daß unsre Sprache, die sich sehr kühne Zusammensetzungen erlauben darf, ihm dennoch nicht nachfolgen kann. So ists mit mehreren lyrischen Dichtern der Griechen; so mit dem Spruchreichen Chor ihrer Tragödie, wenn man es mit der Sprache der handelnden Personen vergleicht; und warum sollte es in der Poesie der Morgenländer anders seyn müßen, da sie in Mündung [130] und Composition der Bilder Lehrer unsres Geschmacks zu seyn nicht begehren? Beim feingebildeten Sadi ist der Fall solcher Bilderhäufung viel seltner, als in andern, zumal Arabischen Dichtern; und doch zweifle ich, ob er, ganz übersetzt, für uns ein durchhin lesbares Buch seyn würde. Eben die Zusammenreihung scharfsinniger Gedanken und Sentenzen die die Morgenländer als eine Perlenschnur lieben, ist uns fremde; wir lösen lieber die Schnur auf und gebrauchen ihre Kleinode einzeln.

Ferner. Der Morgenländer liebt, wie in Kleidern, so auch in Sprüchen, helle Farben: sein heiterer Himmel verlangt dieselbe; er kann das Grau und Schwarz nicht ertragen. Auch der Geschichte webt er also helle Bilder, z. B. der Nacht, des Morgens, des neuen Jahres, der Pracht, des Aufzuges ein, wie die Geschichte des Nadir-Schach, des Tamerlan u. a. zeiget. Bei Sadi ist dies zwar der Fall nicht so häufig; er erzählt so einfach als Aesop und Lockmann seine Geschichte; wo er indessen die Stimme erhebt, [131] mahlt er seine Gleichniße, seine Lehren mit eben so lebhaften Farben. Ob ich nun diese gleich geschwächet gnug habe, so bittet er dennoch jedes schwache Auge, das an sanftere Verflößungen gewöhnt ist um Verzeihung; er schrieb nicht für uns, sondern für Perser. Ist die Einfassung nicht gut: so ändere man sie, und nutze den Edelgestein seiner Lehre.

Endlich reden die Morgenländer so oft und gern über Hinfälligkeit der Welt, über Eitelkeit der Dinge, Kürze des Lebens, Wechsel des Glücks und der Ehre, daß manchem rüstigen Mann oder Jünglinge dies eine verderbliche Predigt scheinen könnte. Hier entschuldigt sie ihre Weltgegend, ihre Regierungsform, ihre Religion und ganze Verfassung. Gehen sie nicht auf den Trümmern der größesten Königreiche, der reichsten Staaten, der prächtigsten Denkmale der Vorwelt? und was predigen ihnen diese anders, als Nichtigkeit der Dinge, Eitelkeit aller Pracht und Reichthümer der Weltherrschaft? Vom Gebürge Kaf an bis zu den Grenzen des Meers, von diesen bis zu den [132] Wüsten Arabiens und der Thebaide sehen sie Gräber der Könige, Ruinen von Tempeln und Königsstädten, bis sich ihr Blick abermals mit Pyramiden und Gräbern der Könige endet. Der Verständige, der diese Dinge erblickt, siehet Völker um sich, jenen so ungleich, die einst diese herrlichen Werke bauten. Sie sind hinunter; ein träges Volk bewohnt ihre Gräber, und zerstört, vom Joch der Armuth, der Unwissenheit, und des Despotismus gedrückt, täglich mehr an diesen köstlichen Trümmern. Mich dünkt, diese Ansicht könne uns schon Weisheit-Sprüche über die Vergänglichkeit der Dinge lehren. Vollends einem Muhammedaner, der in einer Religion, und unter einer Regierungsform lebt, welche eben beide die größten Zerstörerinnen dieser alten Weltherrlichkeit gewesen, der unter einer Regierungsform lebt, in welcher nichts heilig und sicher, alles der Willkühr, dem schnellsten Wechsel, dem albernsten Ungefähr unterworfen ist, und das Höchste immer ans Niedrigste grenzet; einem solchen ist es wohl zu verzeihen, wenn er sich seine Weisheit [133] zum Ruhekissen macht, und sich über die Vergänglichkeit der Dinge der Welt mit ihrer Vergänglichkeit tröstet. Gut, daß wir Europäer in einem jüngern Lande und einem jüngern Menschenalter leben; gut, daß wir uns nicht durch ein Opium solcher Lehre, „daß doch Alles Nichts, alles hinfällig, unvollkommen und eitel sei“ in den gefährlichen Traum wiegen laßen dürfen, bei dem freilich das Hinfällige hinfallen, das Unvollkommene unvollendet bleiben muß, weil niemand Hand daran leget. Gut, daß wir nicht, dem Irrglauben der Morgenländer zu Folge, unser Schicksal von oben erwarten, indeß Verschmitzte oder Verwegne, Scheinheilige oder Freche die Genien sind, die unser Schicksal hienieden schreiben; vielmehr daß wir es für Würde, Natur und Charakter der Menschheit halten, durch Vernunft und nach Billigkeit unser Schicksal uns selbst einzurichten und aufzuzeichnen. Eben hiezu aber wird uns Sadi, ob er gleich ein Derwisch war, auch gute Winke geben. Und dann, da alles was ein Anfang hat, doch auch sein Ende finden [134] muß, und nur ein Thor oder ein Kind sich dieses verbergen könnte; da vielmehr das Ende eines Schauspiels, einer Musik und Handlung uns den Schlüssel zu ihrer ganzen Aufführung geben muß; wer wollte nicht zuweilen auch die Schrift eines schönen Grabmahls lesen? ob man gleich freilich deßhalb nicht immer auf dem Todtenacker wohnen möchte. Auch in diesem Punkt ist Sadi kein trauriger Rabe, sondern eine Nachtigall, singend der vergänglichen Rose. Lasset uns hören, wie er sein Werk schließt:


Vollendet ist mein Blumengarten nun
mit Gottes Huld. Was ich hineingepflanzt,
gehöret mir; ich stahl es andern nicht.
Rühmlicher stehet uns an ein eignes Kleid, das ergänzt ist,
als ein neues, so wir bettelnd von andern erborgt.
und ob nun Sadi seiner Lehre gleich
die holdanziehendste, die lieblichste

[135]

Einkleidung suchte; dennoch wird der Stumpfsinn
mit kecker Zung’ ihn brausend also schmähn:
„Kein Kluger ists, der an so leere Müh
des Geistes Saft verschwendet, und den Rauch
der Lampe, Nächte durch, dafür verschlingt.“
Ihr Guten und Verständigen, ihr kennt
den Werth der Perlen, die ich hier verband,
der Arzenei, die ich mit Honig mischte.
Guten Rath zu ertheilen, verwandt’ ich vom eigenen Leben
Manchen guten Theil; Freund, zur Erinnerung Dir.
Willt du folgen, wohlan! Wo nicht, so hab’ ich erinnert:
Sadi wünschet dir Glück; wünsche du Sadi die Ruh.

[136]
3.

________


Ich kann diese rhapsodische Abhandlung nicht schließen, ohne meine Gedanken, oder wenigstens meinen Traum über den Werth vortreflicher Sprüche geäußert zu haben. Wie wirs auch verbergen mögen, wir müssen, wenn wir Menschen seyn wollen, nach Grundsätzen handeln. Auch der Pöbel kann sich ihnen nicht entziehen, so verderbt sie bey ihm auch oft seyn mögen; ja wir finden solche eben bey der Gattung von Menschen, die nach bloßen Vorurtheilen handelt, am unverholensten und stärksten. Von Sancho-Pansa an kennen wir eine Classe Personen, deren ganze Weisheit ein Schatz von Sprüchwörtern ist; und was sind Sprüchwörter anders, als kurze, kräftige, oft sehr sinnreiche Volkssprüche, die als Grundsätze der Denk- und Lebensart, als unzweifelhafte Axiome des gesunden Verstandes und der Sittenweisheit gelten. Diese, wenn sie gut sind, verhönen zu wollen, finde ich ungerecht [137] und unmenschlich; vielmehr sollte man das Gold in ihnen von den Schlacken läutern, sie sodann, wie man kann, zu Ehren bringen, und durch sie unmerklich die wahre Bildung des größesten Theils einer Nation fördern. Durch fremde, unverständliche, oder zu feine und gelehrte Grundsätze kann dies nicht geschehen; es geschieht aber dadurch, wenn man in Reden ans Volk oder in Schriften, die zunächst für dasselbe geschrieben würden, ihm die Lieblingsgedanken seiner Seele, die geheimen Freunde seines Herzens und seiner Handlungsweise zu seiner Fortbildung gleichsam entwendet. In allen guten Volksschriften, im Landpriester von Wakefield z. B., und in einer der lehrreichsten Schriften, die unsre Sprache besitzt, Lienhard und Gertrud ist dieser natürliche Kunstgrif sehr wohl gebraucht. Benjamin Franklin, ein hochachtungswürdiger Name, hat ihn in seinen periodischen Blättern und Kalendern für Nordamerika vortreflich anzuwenden gewußt und sein einziger Aufsatz „Die Wissenschaft des guten Richards“ enthält einen solchen Schatz [138] von Lebensregeln, daß man in mancher Rücksicht fast aufs ganze Leben nichts mehr bedürfte. Auch zur Umbildung eines andern Theils der Nation, der in Vorurtheilen seines Standes, mithin oft in schlechten Grundsätzen und Lebensregeln erzogen, nach solchen am schädlichsten handelt, sehe ich, wenn dessen Umbildung möglich ist, kein andres Mittel als dieses: „man kehre die seinigen gegen ihn selbst, oder bringe ihm beßere Führer seiner Gedanken bei, als die sind, nach denen er sonst handelt.“

Niemand, der auf sich selbst aufmerksam gewesen, auch der gebildetste Mann, wird an der Wirksamkeit dieser Busenfreunde seiner Denkart zweifeln; vielmehr gehet die ganze Bildung, die Menschen sich selbst oder einander gewähren können, dahin, solchen innern Rathgebern Sprache, Gehör, Kraft und Nachdruck, vor allen aber jene untrügliche Wahrheit zu verschaffen, ohne welche sie schädliche Rathgeber werden. Welcher moralische Mensch hat nicht bei sich bemerkt, daß bei mancher Krise seiner Gedanken ihm ein entschiedener [139] vortreflicher Grundsatz, der Spruch und das Beyspiel eines standhaften, gutmüthigen Mannes ausnehmend zu statten kam, und ihm zur stärkenden oder heilenden Arznei, zur Gesundheit und Labung diente? Jetzt erhob sich dadurch seine niedergedrückte Seele, sein Fuß trat fester an solchem Stabe einer guten Erinnerung auf, sein Schritt ward freudiger und kühner. Jetzt stählte sich die Brust gegen die Pfeile des Neides oder der Verführung, wie durch einen dargereichten Schild der Minerva, jetzt sank die auflodernde Glut des Hasses, der Ungeduld, der Rache und des Unmuths schnell nieder, wenn, wie heilige himmlische Tropfen, einige Kraftvolle, von uns anerkannte Worte eines Weisen, als eines Engels in Menschengestalt, sie berührten. Dies war das Zaubermittel, wodurch jene alten Helden, die Weisen der Vorwelt auf ihre Schüler und Nachfolger Wunderdinge wirkten; je mehr sie wirkten, desto kürzer waren ihre Sprüche und Lehren. Zeugnisse davon geben die Pythagoräische und Stoische Schule, von welchen, insonderheit von [140] der letzten, wir noch einen Reichthum der edelsten Samenkörner besitzen, deren die menschliche Seele und Sprache nur fähig seyn kann. Epiktets, Seneka’s Mark-Antonin’s und so vieler Anderer Schriften sind Schatzkammern dieser, der vortreflichsten menschlichen Sprüche und Sentenzen; der Geist derselben theilte sich der ganzen Literatur der Alten dergestalt mit, daß Dichter, Redner, Geschichtschreiber, Kunstrichter und Rechtsgelehrte daran Theil nahmen, und sich dadurch jenen Grundsatzreichen Ausdruck schuffen, ohne welchen alle Kunst und Gelehrsamkeit ein leerer Schatte bleibet. Man durchgehe die Sprüche, die Stobäus, Erasmus, Lipsius, Grotius, Neander und mehrere aus den Alten gesammlet, und denke an Sokrates, der, auch zu diesem Zweck des Euripides Schauspiele als eine Schule des thätigen Unterrichts anempfahl; ja man denke an den Stifter des Christenthums selbst, dessen Evangelien, außer wenigen Begebenheiten und Wundern, fast ganz aus kurzen Sprüchen und parabolischen Einkleidungen bestehen, wodurch [141] sie eben aufs menschliche Gemüth so sonderbar wirkten. Noch jetzt erholen sich alle Menschen von religiöser Erziehung und Bildung an kurzen, kräftigen Sprüchen der Bibel oder geistlicher Lieder; diese sind gleichsam die Muskeln und Nerven, durch welche sich der ganze Bau ihrer Gedanken lebendig reget. Und so wird auch ein ächter Schüler der Alten, der mehr als Gelehrter seyn will, nach Grundsätzen derselben, als ein klassischer Weiser, handeln. *) [11]

Mich dünkt also, wer zur Bildung einer Nation auch auf diesem Wege beytragen will, der folge den alten Weisen und bringe Grundsätze in menschliche Seelen; oder er beßre die darin vorhandenen, und gebe ihnen Anziehung, Kraft, unbestechliche Wahrheit: denn ungebildet muß jeder [142] Mensch, jedes Volk heißen, dem es entweder an diesen Grundsätzen fehlet, oder das sie geringe hält und nicht ausübet. Wie sehr es nun manchen Zeiten und Völkern an ihnen fehle, zeigt die Erfahrung. Viele in der Jugend gelernte Grundsätze liegen so fern ab von unsrer Lebensweise, daß, weil wir sie nirgend geübt sehen, wir zuerst ihnen, zuletzt allen Grundsätzen den Glauben entziehen, und uns begnügen nach Neigung und Gewohnheit zu leben. Da wir aber, wie angezeigt ist, dennoch nie ganz als Thiere leben können, vielmehr insgeheim immer nach Grundsätzen, wenn gleich nach schlechten Vorurtheilen handeln; wozu dieser Unglaube an jede edlere Form der menschlichen Denkart? Er erniedert die Seele eben so sehr, als er das Herz verenget und lähmet. Laß es seyn, daß andern die schönsten Sprüche und Maximen blos Worte bleiben; dir bleiben sie das nicht, wenn du ihren Werth erkennest, dich an ihnen freuest, und in ihnen lebest. Nein, ihr habt nicht vergebens geschrieben, auch ihr Weisheit- und Sittenlehrer neuerer Nationen [143] Montagne und Charron, St Pierre und Fenelon, Racine und Diderot, Montesquieu und Rousseau; jenseit des Meeres Bako, Sidnei, Shaftesburi, Addison, Pope, Fielding, Sterne und so viele andre andrer uns näherer Länder. Nicht nur unter euren Völkern habt ihr Ideen, Grundsätze, Maximen ins Licht gestellet, oder in Gang gebracht; sondern indem ihr ihrem Ausdruck zugleich klassische Anmuth und Präcision gabet, seyd ihr damit Vernunft- Sprach- und Sittenlehrer der Menschheit auf eine Reihe von Geschlechtern hin geworden. Jemehr eure Denkart die Denkart andrer wird, desto mehr berichtigen, stärken und verfeinen sich gerechte, gütige, edle Menschengedanken: das Richtmaaß ihrer Urtheile wird einstimmiger und gerader, die Bleiwaage ihrer Handlungen sicherer und feiner. Auch in Gesprächen der Gesellschaft gebt ihr bei denen, die euch verstehen und lieben, den Ton an, und bringet dadurch statt eines scythischen Geschreies, bey dem jeder Vogel nach seiner Weise singet, melodische [144] Harmonie in die Grundsätze und Gedanken der Menschen. Denn, wie man sich auch gebehrden möge, Unbilligkeit und Unvernunft, die Kinder der Eigennutzes und der Leidenschaft, die barbarischen Feinde unsres Geschlechtes und Wohlseyns, sie bestehen am Ende doch nicht gegen allgemein anerkannte Grundsätze, den Kanon ächter Menschlichkeit und Wahrheit.

Doch wohin verschlägt mein Nachen? Er findet sich auf der Höhe des Meers, da er doch nur ein niedriges mit einigen kleinen Blumen besäetes Ufer halten sollte. Da will ich denn nur, was das Vermögen unsrer Nation in diesem Felde betrifft, noch dieses hinzufügen.

Von jeher hat sich die Denkart der Deutschen durch moralische Sprüche und biedere Grundsätze dergestalt ausgezeichnet, daß wir ihnen sogar manches andre dagegen aufgeopfert haben, und nur neulich von diesem Wege abgekommen zu seyn [145] scheinen. An unsere alten Renner, Freidank, Waldis, Reineke u. a., deren Sprache leider veraltet ist, nicht zu gedenken, schlugen Opitz, Logau, Hadedorn, Haller, Gellert, Utz, Leßing, Gleim, Cronegk und andre noch lebende Dichter, die ich nicht zu nennen brauche, dieselbe philosophisch-moralische Bahn ein, so daß wir gewiß an schöngesagten Lehren keinen Mangel haben; um so mehr aber fehlet es uns vielleicht daran, daß die Gesinnungen und Sprüche dieser Dichter auch in die Erziehung und Denkart, wenigstens in das Gedächtniß und den Umgang der Nation, wie bei andern Völkern die Sprache ihrer Dichter übergegangen wären: denn ohne allen Zweifel kennen Engländer und Franzosen ihre vorgenannten Schriftsteller zehnfach besser, als wir die unsern kennen, lesen, anführen und gebrauchen. Ueber die Ursachen davon ließe sich ein langes Kapitel schreiben; besser wäre es, wenn man sie wegräumen könnte. Dem moralischen [146] Genius unsrer Nation also, der die alten Alexandriner seines Opitz, Logau, Hallers, Hagedorns, Kästner ziemlich vergessen zu haben scheint, widme ich, wie einer Indischen Gottheit, auch diese wenige, vielleicht schon welke Hexameterblumen zu gleichem Schicksal, und werfe sie demüthig in den königlichen Hauptstrom unsres Vaterlandes, den ehrwürdig-schleichenden Lethe.


  1. 1) Ich bin hierüber kurz, theils weil die vorstehende Sammlung nicht aus Ebräern genommen ist, theils weil ich von der Gnomologie dieses Volks an einem andern Ort zu reden habe.
  2. 2) Eichhorns Vorrede zu seiner Ausgabe von Jones commentar. poeseos Asiat. Lips. 1777. Imgleichem die Syrer, ein Fragment in Meusels Geschichtforscher. B. 5. S. 117.
  3. 3) Citata siehe in Dahlers Handbuch der Literaturgeschichte an den gehörigen Orten. Es wäre schön, wenn Eichhorn eine charakteristische Geschichte dieser Poesie, sofern sie in Europa bekannt ist und in seinem Gesichtskreise gäbe.
  4. 4) Die Sammlung dieses Theils hat nur wenig Arabische Stücke; S. 88. 89. 91. 97.
  5. 5) S. 93.
  6. 6) Das Stück S. 90. ist von Haphyz.
  7. 7) Es wird nicht unangenehm seyn, die Beschreibung dieses Grabes aus einer der neuesten Reisen über Persien hier zu lesen; Eine englische Meile östlich vom Garten Dil Guschaje (Erweiterung des Herzens) ist das Grab des berühmten Sadi. Es liegt am Fuße eines Berges, der Schiras gegen Nordost begränzt [123] und ist ein großes viereckiges Gebäude, an dessen oberem Ende zwei Akloven in der Mauer angebracht sind. Der zur rechten Hand ist das Grab des Dichters, noch ganz in dem Zustande, wie damals, da er begraben ward, von Steinen gebauet, sechs Fuß lang und drittehalb breit. An den Seiten derselben sind verschiedene Sentenzen in den alten Neskhi-Buchstaben eingegraben, die sich auf den Dichter und seine Werke beziehen. Sadi lebte ungefähr vor fünf hundert und funfzig Jahren, und seine Werke stehen wegen ihrer Moralität und wegen der darinn enthaltenen vortreflichen Lehren, bei allen Orientalischen Nationen in großer Achtung. Ueber dem Grabe ist ein Deckel, von schwarzem, mit Gold gemahltem Holz, woran eine von den Oden des Dichters in den modernen Nustalihk-Buchstaben steht: [124] und wenn man dieses Brett wegnimmt, so sieht man den leeren steinernen Sarg, worinn er begraben ward. Diesen bestreuen Sadis Verehrer, die hieher kommen, sorgfältig mit Blumen, Rosenkränzen und mancherlei Reliquien. Oben auf dem Grabe liegt zu jedermanns Ansicht ein sehr schöne Abschrift von Sadis Werken, und an den Mauern sind verschiedene Persische Verse von denen Personen angeschrieben, die von Zeit zu Zeit hier gewesen sind. Nahe bei diesem Gebäude sieht man Gräber verschiedener frommen Leute, die hier auf ihr eigenes Verlangen beerdigt worden sind. (S. William Franklin’s Bemerkungen auf einer Reise von Bengalen nach Persien. Seite 48.
  8. 8) משל
  9. Kreuzzüge des Philologen. S. 163. f.
  10. Von der Rose und Nachtigall, Nacht und Locke, Morgenröthe und Wangen, Rubin und Lippen u. s. f. Cap. V - VIII. Comment. de poesi Asiat.
  11. S. Heyne’s schöne Vorrede zu Glandorfs Ausgabe der Pythagoräischen Sprüche:Sententiosa vetustissimorum gnomicorum quorumdam poëtarum opp. Lips. 1776.