Streifzüge bei den Kriegführenden/4. Im Wartesalon des Kriegsschauplatzes

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Autor: Paul d’Abrest
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Titel: Streifzüge bei den Kriegführenden - 4. Im Wartesalon des Kriegsschauplatzes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 436–438
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Streifzüge bei den Kriegführenden.
4. Im Wartesalon des Kriegsschauplatzes.
Eine Stadt, die sich nicht grämt. – Sommertoilette der Häuser und Damen. – Auf der Chaussee. – Rumänisches Militär. – Die Lieferantenbörse vor dem Café Boulevard. – Soirée beim Bürgermeister Rosetti. – Von den Reporters.


Als die Krisis ihren Höhepunkt erreicht hatte und Rumänien veranlaßt wurde, mit der Pforte zu brechen, ohne daß die Russen sich noch im Lande zum ausreichenden Schutze befanden, da mag wohl eine Weile den Bukarestern unheimlich zu Muthe gewesen sein. Man bedenke auch – ein kühner Tscherkessen-General, der mit seinen wilden Schaaren bei Giurgewo über die Donau gesetzt hätte, würde damals leicht bis zur Hauptstadt vorgedrungen sein, und er hätte immerhin Zeit genug gehabt, die schöne, üppige „Stadt der Freuden“ zu bulgarisiren. Wenn man den Eifer in Betracht zieht, mit welchem die Baschi-Bozuks die Hühnerhöfe und die Scheunen der armseligen Rajah-Dörfer ausraubten, kann man sich leicht eine Vorstellung von der Thätigkeit machen, welche die erwähnten Herren angesichts der preiswürdigen Beute der Magazine in der Calea Mogosaï entwickelt haben würden. Doch glücklicherweise kam es nicht so. Die Tscherkessen blieben fein drüben jenseits des großen Wassers, und jetzt stehen zwischen dem Donaustrande und dem sechszig Kilometer davon entfernten Bukarest Redouten, Belagerungsgeschütze und eine starke Abtheilung der russischen Armee. Man fühlt sich daher auch geborgen und grämt sich nicht im Geringsten. Die rumänische Hauptstadt ist im strengsten Sinne des Wortes der Wartesalon des Kriegsschauplatzes, aber in diesem Wartesalon geht es festlich und gemüthlich zu. Morgen vielleicht mag der Wind, wenn er etwas schärfer bläst, wie sonst das Echo der gegen Rustschuck drohenden Kanonensalven hierher bringen und übermorgen die Stadt sich mit Verwundeten anfüllen, aber heute wird geplaudert, promenirt und cokettirt, und wenn man Abends vor den Conditoreien sitzt inmitten der aufgeputzten Herren und Damen, die mit der vollständigsten Seelenruhe ihr Eis oder ihr Dulciates, von unzähligen Gläsern Eis-Wasser begleitet, verzehren, so fragt sich unwillkürlich unsereins, was er hier suche und ob der ganze Krieg nicht ein Gebilde der Phantasie sei. Vor allem freut sich Bukarest des herrlichen Sommers, der nach langem Zögern endlich seine verklärenden, blumenduftenden, allerdings etwas heißen Strahlen spendete.

Bukarest ist ein Aufenthalt, den man im Sommer genießen muß. Ohne die goldige Juni-Sonne verschwindet der ganze eigenthümliche Reiz der Decoration dieser Stadt. Um die Hauptader, um den Ring, den Boulevard von Bukarest, die Calea Mogosaï, welche einen durchaus großstädtischen Charakter hat, laufen in der Kreuz und in der Quere eine Menge sich in's Unendliche ausdehnende Straßen, wo sich kleine Villen, Cottagen, manchmal auch niedrige, aber graziöse Bretterhütten aneinanderreihen, aber alle mit wohlgepflegten Gärten versehen. Das Leben im Freien ist für den Bukarester ein Bedürfniß, so lange es eben die Witterung erlaubt; mag das Häuschen, in dem er wohnt, noch so unansehnlich, die Stuben noch so eng sein – ein freier Raum mit schattigen Lorbeerbäumchen und dem saftigen Rasenplatz muß sich dabei befinden. Die meisten dieser Häuser haben ein einziges Stockwerk, welches nur durch wenige Dielen über dem Erdboden erhöht dasteht, und da die Fenster fast immer geöffnet sind, so hat der Vorübergehende einen sofortigen Einblick in das behäbig und elegant ausgestattete Innere, sowie in das gesellige Leben der rumänischen Familie. Aber auch für die Wenigen die keinen Garten zum Privatgebrauch haben, ist gesorgt. Außer dem großen Promenade-Ort mitten in der Stadt, dem Cismé-Su-Garten und dem kleineren Episcopal-Garten hat jede Restauration ein Sommerlocal im Freien, wo bis spät in die Nacht hinein die braunen Naturvirtuosen, die Zigeuner, für musikalische Unterhaltung sorgen. So genießt man in Bukarest beinahe alle Annehmlichkeiten eines Landaufenthaltes mit sämmtlichen immer mehr und mehr sich ausbildenden Bequemlichkeiten einer Stadt. Ja, man könnte sich sogar die Illusion gönnen, daß man statt einer Kriegsfahrt eine Badereise nach irgend einer der fashionabelsten Stationen unternommen hat, wenn man den Reichthum, den Glanz und namentlich die Eleganz der Toiletten in Betracht zieht. Es ist bekannt, daß Rumänien sich in vielen Beziehungen Frankreich zum Muster genommen und bis auf die Krisen, die häufigen Minister- und Beamtenwechsel, Staatsstreiche und dergleichen, die an der Seine normale Ereignisse sind, gewissenhaft nachahmt. Da versteht es sich von selbst, daß, während die Männer in politischer Richtung dem französischen Modell nachstreben, die Damen die Pariser Moden nicht etwa copiren, sondern mit denselben genau Schritt halten. Man muß aber der Bukarester Damenwelt das Zeugniß ausstellen[WS 1], daß sie den Pariser Putz mit ebenso großer verführerischer Kunst zu tragen weiß wie ihre Vorbilder. Die feinen Gesichtszüge der walachischen Frauen, in denen griechische Schönheit und italienische Anmuth innig mit einander verschmolzen, sind für die jetzigen Moden wie geschaffen. Aber es geht eben hier mit den Damen wie mit den Bukarester Gesammt-Eindrücken: die Sommertoilette steht auch den Evastöchtern hier am besten, und man kann sich schwerlich eine Bukarester Grazie ohne den Strauß frischer, blühender Rosen am Busen denken.

Wer das Leben und Treiben dieser Hauptstadt am besten beurtheilen will, der verfüge sich zwischen sechs und acht Uhr Abends nach der Chaussee Kisselew, der Landstraße, die nach Plojeschti führt und die zur Zeit der russischen Occupation von 1828 vom Gouverneur Grafen Kisselew angelegt wurde. Den Anfang dieser Landstraße (in einer Ausdehnung von etwa zwei Kilometer) bildet eine schattige Promenade, wo sich während der erwähnten zwei Stunden Alles einfindet, was entweder einen Wagen besitzt oder einen solchen zu miethen im Stande ist. Hat man mit einem gesellschaftskundigen Cicerone diese Strecke befahren, so kennt man das ganze Bukarest, die Bojaren-, die Finanz-, die politische und die galante Welt. Selbstverständlich wimmelt es jetzt auf der Chaussee von Uniformen. Die rumänischen Officiere zeichnen sich durch den vornehmen Schnitt ihrer Montur und den Chic, mit welchem sie dieselben tragen, aus. Die Infanterie-Uniform ist an und für sich ziemlich einfach; die Uniform der Artillerie ist bei den Officieren eine getreue Copie der französischen, mit Einschluß der zierlichen, silberbeschlagenen Patronentasche. Die Cavallerie dagegen und die Adjutanten des Fürsten sind mit wahrhaft theatralischem Pomp ausstaffirt: rothe Waffenröcke mit schwarzen Schnüren, sehr eng anliegende Lederhosen von der Sorte, wie sie Graf d'Artois wünschte, als er seinem Schneider erklärte: „Wenn ich in die Hose hineinfahre, so nehm ich sie nicht“, hohe ungarische Stiefel mit Verzierungen und auf dem Kopfe eine Fellmütze mit Reiherfeder. Denken Sie sich dazu bald ein melancholisch-schwärmerisches, bald ein recht martialisches Gesicht, und Sie haben den rumänischen Cavallerie-Officier fertig.

Viel einfacher dagegen nehmen sich hier die Russen aus, deren Montur vom Feldzuge bereits sehr stark gelitten hat, sodaß sie im Vergleiche zu ihren rumänischen „Waffenbrüdern“ defect und staubig wie die Graskäfer aussehen. Waffenbrüder? Hm, hm, ich habe ebenso wenig auf der Chaussee einen russischen Officier mit einem rumänischen in demselben Wagen fahren wie ich solche in der Stadt zusammen an einem Tische sitzen gesehen. Doch – eine Ausnahme muß gemacht werden. Als wir zur Stadt zurückfuhren, wirbelte uns eine gewaltige Staubwolke entgegen. Indem dieselbe sich zertheilte, erblickten wir einen Vorreiter in reicher Livrée und hinter demselben einen vierspännigen Galawagen, darin aber auf dem nämlichen Kissen einen rumänischen und einen russischen Officier. Hinter dem Wagen trabte eine Abtheilung von Leibgensd'armen, superbe Burschen, sechs Fuß hoch, stramm und von imponirendem militärischem Aussehen, eine Leibwache, wie der Beherrscher einer Großmacht sie sich nicht schöner wünschen könnte. Die beiden Insassen des Wagens waren Fürst Karl von Rumänien und der von Plojeschti herübergekommene Generalissimus der russischen Armee, Großfürst Nicolaus Nicolajewitsch. Verkörpert sich in der Reckengestalt des russischen Großfürsten der strenge, unbeugsame Mann des Schwerts, bei dem jede einzelne Bewegung auf die Gewohnheit des Befehlens hinweist, so verräth die von dem schwarzen Vollbarte umrahmte lebhafte Physiognomie des rumänischen Souveräns ein geistreiches, mit zäher Energie gepaartes [437] Wesen. Der Großfürst imponirt; Fürst Carol gewinnt; das ist der Unterschied, der mir auf den ersten Blick zwischen den beiden Spazierfahrenden auffiel. Es wunderte mich nicht wenig, wahrzunehmen, wie der Fürst von allen Seiten nicht mit bloßer Höflichkeit, sondern mit Wärme, ja oft mit Begeisterung begrüßt wurde. Das war vor Jahren, ja vor Monaten selbst nicht so. Aber seitdem hat sich Vieles in Rumänien geändert.

Der Fürst, den die Parteien nur als ein Spielzeug für ihre Umtriebe zu betrachten gewohnt waren, steht heute im vordersten Treffen. Man verhehlt sich nicht, daß die Existenz Rumäniens heute auf diesen beiden Augen beruht, und nicht ohne Grund beschworen die Minister Seine Hoheit, sich nicht mehr solchen Gefahren auszusetzen wie bei Kalafat. Der Fürst aber soll die Herren vom Ministerconseil aufmerksam gemacht haben, daß er einen andern Souverän, der sich ebenfalls mit der Türkei im Kriege befunden, sehr bitter getadelt habe, weil er sich dem Feinde gegenüber niemals blicken ließ. So versteht Fürst Carol die Kriegführung nicht.

„Unsere Truppen sind jung und waren noch nicht im Feuer,“ soll er zu einem der Herren Minister geäußert haben. „Es kann nöthig sein, daß sie in einem schwierigen Momente durch das Beispiel ihres obersten Kriegsherrn angeeifert und hingerissen werden müßten, und in diesem Momente darf ich nicht an Ort und Stelle fehlen.“

Diese Worte sind in das Publicum gedrungen und haben zur Popularität des Souveräns nicht wenig beigetragen. Der Krieg wird also vielleicht eine Annäherung des herrschenden Fürsten und seines Volkes zur Folge haben; bei dem Charakter des Fürsten Carol und bei den Eigenschaften, die man an demselben rühmt, kann eine solche Annäherung nur segensreiche Wirkungen nach sich ziehen.

Neben dem militärischen Zuwachs, den der Krieg zur größten Freude der ehrenwerthen Gilde der Hôteleigenthümer der Bukarester Bevölkerung zugeführt hat, muß ich zur Charakteristik der jetzigen Verhältnisse auch ein anderes Contingent nicht militärischer Natur anführen. Es sind dies die zahllosen Lieferanten und Geschäftsunternehmer, welche die Aussicht auf Gewinn hinter der russischen Armee hierhergelockt hat. Wer einigermaßen die Verhältnisse in Rußland und in der Walachei kennt, wird leicht voraussetzen, daß die Unternehmer sämmtlich Israeliten sind. Man findet darunter alle Schattirungen und Tonarten vertreten, von dem Gentleman aus Odessa, der mit Generalen auf freundschaftlichstem Fuße verkehrt und Mitglied dortiger Clubs ist, bis zu dem schmierigen bessarabischen oder moldauischen Juden in der langen, fettigen Kutte, den bekannten Haarlocken und dem nichts weniger als appetitlichen orthodoxen Gepräge.

Das Hauptquartier dieser Lieferanten ist das Café du Boulevard, das größte in ganz Bukarest. Da wird tagtäglich eine förmliche Lieferantenbörse abgehalten, welche auf das Trottoir heraus fluthet und zu gewissen Stunden sogar die Passage hemmt. Selbstverständlich würden die Geschäftsmacher auch der rumänischen Regierung gerne Anerbietungen machen, aber bis jetzt zeigt sich die hiesige Verwaltung von der Cassen-Façade aus besonders schwach. Die Waaren würde man schon annehmen, aber die Bezahlung auf geeignetere Zeiten verschieben. Darauf gehen die Makler jedoch nicht ein, und das leiseste Ducatengeklimper gilt ihnen weit mehr, als die überschwänglichsten Versprechen für die Zukunft. Kurz und gut, es giebt da für die unternehmungslustigen Philanthropen, welche eine vortheilhafte Partie Patronen oder eine Ladung Revolver oder einen Haufen ärarischer Hosen „nur gegen baar“ anbringen möchten, wenig zu machen. Der rumänischen Regierung aber, welche für Israeliten gerade keine besondere Vorliebe hegt, sind die Leute, seitdem mit ihnen nichts zu machen ist, ein Dorn im Auge. Es soll sogar, so erzählte man sich auf der „Lieferantenbörse“, welche die Muße zum Plappern übrig hat, ein hiesiger Minister bei dem russischen Consul wegen der Anwesenheit so vieler Söhne des auserwählten Volkes Klage geführt haben. Aber der russische Consul soll geantwortet haben, „er bedauere, daß nicht noch mehr da wären“. In der That ist die russische Militärbehörde mit ihren durchweg jüdischen Lieferanten vollständig zufrieden. Die Leute, welche man im Voraus einen heilsamen Schrecken einjagte, halten ihre Contracte pünktlich, liefern gute Waare und nehmen ohne Ceremonien die Bons statt baaren Geldes. Viele sollen erklärt haben, daß sie mit der Einzahlung derselben bis zum Ende des Krieges warten wollen.

Die Central-Verwaltung des russischen Heeres in Bukarest hat ihre Bureaux in dem Erdgeschosse der „Société financière de Roumanie“ aufgeschlagen. In diesen für 10,000 Franken auf ein Jahr gemietheten Räumen geht es bei Tag und Nacht äußerst lebhaft zu. Hier werden die Verträge unterzeichnet und die Proviantcolonnen organisirt, die sich dann nach allen Richtungen hin bewegen. Hier werden schließlich die Rechnungen geprüft und die famose Bons ausgefertigt. Hoffentlich werden sie ihren Cours besser halten, als die Actionen des Unternehmens in den Nebenräumen, welches, eine Schwindel-Gründung[WS 2] ersten Ranges, Ruin und Selbstmorde verursachte.

Obgleich die Convention Bukarest mit der Anwesenheit russischer Truppen verschonen wollte, sieht man doch häufig ganze Bataillone, allerdings unbewaffnet, durch die Stadt ziehen; dem Wortlaut des Tractats wird zwar insofern Genüge geleistet, als diese Schaaren nicht in der Stadt selbst, sondern in einer kleinen Entfernung von derselben Quartiere beziehen. Der Bukarester Spießbürger also, der sich den Anblick eines Stückes Lagerleben gönnen will, braucht sich nur eine Viertelstunde von der Stadt zu entfernen. Schon von weitem winkt ihm die eigenartige Einzäunung der russischen Zeltenstädte – die doppelte oder dreifache Wagenburg von hochbeladenen Heuwagen. Die vier bis sechs weißen Stiere, die so einem Transportmittel als Vorspann dienen, kauern auf dem Boden; die Bauern, welche ein saures Gesicht schneiden, weil man sie gewaltsam requirirte und ihnen blos für Wagen, Vorspann und ihre Mühe zwei Francs zahlt, sitzen neben ihren Thieren. Innerhalb der von den Wagen gebildeten Einzäunung stehen die Zelte aus grau-weißlicher Leinwand, aber solid und gegen den Regen hinreichend Schutz bietend. In jedem dieser Zelte lagern acht Mann auf frischem Stroh; die graue Militärkapuze dient ihnen als Bettdecke. Die Herrn Officiere haben es nicht besser, nur daß sie statt zu acht zu drei in einem solchen Zelte einquartiert sind. Um jedes Lager (es giebt deren überall in der Umgebung von Bukarest) sind eine Menge von Holzbuden erstanden, worin der Krieger, wenn es ihm seine Mittel gestatten, sich an Schnaps, Thee, Wurst laben kann, ohne den weißen Landwein zu vergessen, der schon manchem zu Kopfe gestiegen ist und manchen Arrest auf dem Gewissen hat. Im übrigen bieten die russischen Infanteristen sehr wenig Interessantes; das erste Mal hört man wohl mit einigem Befremden dem schrillen eintönigen Musiciren zu, mit welchem sie sich die Zeit zu vertreiben suchen; beim zweiten läßt man es bleiben. Dagegen erhalten die Kosaken die Neugierde wach. Es lohnt sich auch die Steppensöhne etwas näher zu studiren, die sich selber so wenig pflegen und um so besser ihre Waffen und Pferde. Den Carabiner, den er beständig in einem Futteral von Leder sorgsam verwahrt führt, hegt der Soldat wie seinen Augapfel; das Rößlein verhätschelt er wie ein verwöhntes Kind. Wenn z. B. ein Kosak in Bukarest Stafette reitet und vor irgend einer behördlichen Thür auf Auskunft und Bescheid warten muß, so sucht er stets in der Nähe des Hauses einen grünen Platz aus, wo das Rößlein grasen kann, während da oben die Depesche oder der Auftrag schriftlich ausgefertigt wird. In seinem ganzen Auftreten ist der Kosak voll auffallender Gutmüthigkeit; möglich, daß er im Kampfe einem Löwen gleichen mag, aber wenn er so ruhig und so fromm auf seinem geliebten Pferde dasitzt, möchte man ihn viel eher für einen Heiligen halten, der den Pallasch und Tschako nur der Spielerei zu Liebe trägt.

Den wildesten Gegensatz zu den Kindern des Don und Dniepr bilden die tatarischen Hülfstruppen, welche man öfters das Unrecht begeht mit den Kosaken zu identificiren oder zu verwechseln. Diese Tataren dürften um kein Haar besser sein als die wildesten im Dienste des Sultans stehenden Baschi Bozuks. Das Aussehen, die gemein-lüsternen und habsüchtigen Züge sind bei den Tataren der Krim genau so prägnant, wie ich sie im vorigen Jahre bei den auf den Stufen der Moscheen in Stambul lagernden Gesellen zu beobachten Gelegenheit hatte. Die braven Burschen scheinen die Bundesgenossenschaft Rumäniens nicht vom richtigen völkerrechtlichen Standpunkte aufgefaßt zu haben, denn sie benahmen sich wie in Feindesland. Es wurden einige Exempel statuirt, die indessen nicht viel nützten, und da schließlich über die zweckentsprechende Verwendung dieser Mannschaft gegen andere [438] Muselmänner Zweifel erhoben wurden, so schiffte man die zügellosen Burschen wieder nach der Heimath ein, nachdem man sie zuvor vorsichtshalber entwaffnet hatte. Ihre Officiere dagegen, von denen viele nicht Asiaten, sondern Polen oder biedere Balten sind, bleiben im Dienste, und man sieht deren viele in den Gärten, wo, wenn es dunkel wird, die Zigeuner auftauchen. Solch ein musikalisches Kneip-Institut befindet sich dem von mir bewohnten Hôtel gerade gegenüber. Durch die der Hitze wegen geöffneten Fenster bringt mir regelmäßig die Nachtluft bis ein Uhr in der Frühe die nämliche auf der Geige begleitete Melodie, die mir seitdem (kein Wunder auch) beständig in den Ohren summt. Ich war am Ende doch neugierig, den beharrlichen und ausdauernden Naturmusikanten zu sehen, der die Geduld hatte, sechs Stunden jeden Abend die nämliche Arie zwanzigmal zu wiederholen. Im Hintergrunde des stark besetzten Gartens in einem Musik-Kiosk stand der Virtuose – kupferbraun wie ein Sioux mit struppigem Haar und weißen Zähnen; er fiedelte und sang mit rührender Ueberzeugung. Hinter ihm saßen etwa vier andere braune Gesellen, die, ohne sich um den Tact zu kümmern, auf’s Gerathewohl mit Contrebaß, Geige und einem eigenartigen Instrumente, welches den Singsang der Waldvögel nachahmt, darauf los musicirten. Von Zeit zu Zeit tauchte aus der kleinen Gesellschaft ein junges geschniegeltes Bürschchen mit krausem Haar und weiblichen Manieren auf, welches sich nach rechts und links verneigte, ein Couplet sang und dann mit noch zierlicherer Verbeugung abtrat. Das Ganze wäre urkomisch, wenn die seltsamen Typen der Virtuosen der Sache nicht einen romantisch-fesselnden Anstrich verleihen würden.

Ebenso wenig wie dem äußeren Verkehr hat der Krieg dem geselligen Leben Bukarests Eintrag gethan. Unter Anderen werden die kleinen zwangslosen Donnerstagssoiréen des Bürgermeisters von Bukarest, Herrn C. A. Rosetti, stark besucht. Rosetti, eines der Häupter der demokratischen Partei, die sich jetzt am Ruder befindet, ist zugleich Präsident der Abgeordnetenkammer und hat gewiß auf die staatliche Gestaltung der Dinge hier einen ebenso großen Einfluß, wie irgend ein Minister. Herr Rosetti, der den größten Theil des Jahres in Paris zubringt, bewohnt, wenn er in Bukarest weilt, das Haus, wo sich die Redaction des Blattes „Romanul“, dessen Eigenthümer und Gründer er ist, befindet. Im Redactionssaale, der während der Soiréen als Rauchzimmer benutzt wird, befindet sich unter anderen eine Zeichnung, die Mazzini auf dem Todtenbette darstellt, und ein sehr schönes Portrait von Garibaldi (Lithographie) mit der eigenhändigen Widmung des Eremiten von Caprera: „A mon cher ami Rosetti. Garibaldi.“ Der heutige Bürgermeister von Bukarest, dem letzthin die Ehre zu Theil wurde, am Bahnhofe den Beherrscher aller Reussen zu begrüßen, ist ein intimer Freund nicht nur der beiden italienischen Freiheitshelden, sondern der hervorragendsten Führer der europäischen Revolutionspartei überhaupt. Es liegt auch etwas vom eingefleischten Carbonaro in den scharfen ausdrucksvollen Zügen des in seinem Wesen höchst liebenswürdigen Stadtoberhauptes. In dem Salon des „Romanul“ finden sich viele hervorragende Persönlichkeiten der Partei ein: Senatoren, Deputirte, Richter, Beamte und in deren Begleitung ihre Damen und Töchter. Während die Männer über Politik discutiren, musiciren die Damen und – um eben den Zeitumständen Rechnung zu tragen, zupfen sie Charpie für den künftigen Gebrauch.

Es wäre unmöglich, wie ich es versuchte, von dem heutigen Bukarest eine richtige Skizze zu entwerfen, ohne gleichzeitig der beträchtlichen Schaar von Berichterstattern zu erwähnen, welche der Krieg hierher gelockt hat. Alt-England schreitet selbstverständlich voran; die Berichterstatter der „Times“, des „Daily News“, des „Standard“, des „Telegraph“ etc. sind die Aristokraten unter uns. Die Herren haben unbeschränkte Creditbriefe und ihre Diener und Pferde, die indessen ruhig im Stalle bleiben, bis das Hauptquartier mobil wird. Das benachbarte Oesterreich, welches bei diesem Kriege doch gewissermaßen jetzt schon betheiligt ist, hat ebenfalls ein starkes Contingent gestellt; jedes große Wiener Blatt hat in Bukarest allein zwei Correspondenten, abgesehen von denjenigen, die im Lande links und rechts patrouilliren. Von den deutschen Zeitungen sind nur die ganz großen Tagesblätter vertreten; auch Italien hat ein Häuflein hierher gesandt. Der Berichterstatter des römischen „Fanfulla“ hatte sogar das Glück, für einen Spion gehalten zu werden und mit dem Gefängnisse von Braila Bekanntschaft, wenn auch nur vorübergehend, zu machen.

„Wie hat es Ihnen dort gefallen?“ fragte ich den transalpinischen Collegen.

„Nicht übel,“ murrte er. „Die Einrichtung ist comfortabler als in manchem Hôtelzimmer.“

Die französische Presse ist ebenfalls durch etwa zehn Pariser vertreten, die meistens in ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Auftreten den Ruf französischer Sitte und Eleganz rechtfertigen.

Paul d’Abrest.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ausstelleu
  2. Vorlage ohne Bindestrich