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TBHB 1945-05-12

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Textdaten
Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1945-05-12
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Entstehungsdatum: 1945
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Originaltitel: Sonnabend, 12. Mai 1945.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom 12. Mai 1945
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Einführung

Der Artikel TBHB 1945-05-12 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 12. Mai 1945. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über vier Seiten.

Tagebuchauszüge

[1]
Sonnabend, 12. Mai 1945.     

[1]      Es ist immer noch kein Strom da. – Die Russen sind tatsächlich aus Ahrenshoop abgezogen, nur die Offiziere liegen noch draußen in der Kolonie im Quartier. Sie scheinen außer sehr viel Essen u. Trinken nichts zu tun zu haben.

     Herr Gräff hat durch Anschlag am Schwarzen Brett bekannt gemacht, daß er die Geschäfte des Bürgermeisters „im Einverständnis mit dem Kommandanten“ wieder übernommen habe. Dieser einverstandene Kommandant ist aber nicht mehr da.

     Gestern Abend war Herr Brandt bei uns. Er, Paul u. ich besprachen, was zu tun sei, um der zu erwartenden Hungersnot entgegenzutreten. Gräff ist dem nicht gewachsen, er besitzt keine Initiative u. es taucht immer öfter die Idee auf, daß ich die Geschäfte übernehmen soll. Ich weigere mich jedoch entschieden. Ein Anderer ist nicht da. Also spreche ich dafür, daß man Gräff ruhig im [2] Amte lassen soll, nur soll man ihm Männer zur Seite geben, die Initiative besitzen u. den Kram machen. So wäre Paul für die ganze Verwaltung ausgezeichnet geeignet u. er könnte dann später, wenn sich die Verhältnisse geklärt haben, auch das Amt übernehmen. Herr Brandt wäre sehr geeignet, Lebensmittel von den Gütern jenseits des Bodden heranzuschaffen u. vor allem könnte er den Paetow'schen Hof, der ja nicht erst jetzt schlecht bewirtschaftet wird, ertragreich machen. Jedenfalls sind drei Maßnahmen dringend erforderlich. 1) Es müssen diejenigen Lebensmittel, die in den Geschäften noch vorhanden sind, so sichergestellt werden, daß sie an die Allgemeinheit ausgegeben werden u. nicht bloß an einzelne Freunde der Ladeninhaber. Bei Reichert=Saatmann soll noch immer etwas vorhanden sein, trotz der Plünderung, doch werden diese Lebensmittel unter der Hand an die guten Freunde abgegeben. 2) Es müssen neue Lebensmittel zugeführt werden. In Wustrow ist z.B. ein Dampfer mit Mehl angekommen. Was für Wustrow möglich ist, muß auch für uns möglich sein. Der Schlachter muß in die Lage versetzt werden, Schlachtvieh heranzuschaffen. Herr Brandt ist ebenfalls bereit, nach Ribnitz zu fahren. Man muß notfalls den hier einquartierten Offizieren die Sache vorstellen u. sich von ihnen beraten lassen. 3) Es muß der Hof von Paetow sachgemäß bewirtschaftet werden, wozu Herr Brandt ebenfalls bereit ist. Ferner müssen die Russen veranlaßt werden, in Althagen ihre Pferde nicht auf die Aecker zu treiben. Es sollen dort 300 Pferde auf den Aeckern stehen u. den jungen Roggen abweiden.

     Ich will nun heute zu Gräff gehen u. ihm dies alles vorstellen u. ihn fragen, was er zu tun gedenkt. Falls er nichts unternimmt oder unternehmen will, will ich zu Deutschmann gehen u. zu Kapitän Krull u. will beide zu einer Besprechung einladen mit Paul, mir u. Herrn Brandt. –

     Gestern Abend um 10 Uhr beobachtete ich, daß ein geschlossener Kutschwagen, vom Darss her kommend, vor den Eingang zum Strandweg hielt. Ein Mann lief in den Strandweg hinein. Gleich darauf ertönte Lachen u. Weibergekreisch aus der Holzbaracke hinter Dohnas Haus, wo Flüchtlinge aus Ostpreußen oder Stettin wohnen. Unter ihnen sind drei junge Mädchen, von denen man mir erzählt hat, daß sie sehr enge Beziehungen zu unserem bisherigen russischen Kommandanten gehabt hätten. Eine Mädchenstimme rief einen Namen u. sagte „Dein Liebster ist schon da!“ Dann war viel Gekreisch u. Gelache. Nach einiger Zeit kam jener Mann, der in den Strandweg gelaufen war, wieder heraus in Begleitung von zwei Mädchen. Die eine der beiden stieg mit dem Mann in den Kutschwagen, die andere blieb zurück. Der Wagen wendete u. die Zurückbleibende rief „Alles Gute!“ Darauf fuhr der Wagen in raschem Tempo in Richtung Darss zurück, die Zurückgebliebene ging wieder in den Strandweg. – Es wird also wohl unser bisheriger Kommandant gewesen sein, der sich das Mädchen abgeholt hat.

     Nachm. 4 Uhr. Ich war morgens bei Gräff. Ich fand ihn an einem Tischchen in der kleinen Veranda vor seinem Hause, wo er Lebensmittel-Bezugscheine ausgab. Es war ein immerwährendes Kommen u. Gehen, teils Deutsche, teils [3] Russen. Die Leute erzählten, daß jetzt bei der Batterie in Althagen ein großer Anschlag sei, nach dem sich alle Männer zwischen 17 – 50 Jahren zu melden hätten, ferner, daß alle Flüchtlinge bis zum 14. Mai, also Montag, den Ort zu verlassen hätten, u. endlich, daß alle Radiogeräte abzuliefern seien. Es ist zu erwarten, daß dieselbe Anordnung auch für Ahrenshoop erfolgen wird. Die Flüchtlinge sollen nach Ribnitz transportiert werden, wie sie von dort weiterkommen werden, weiß niemand. u. wenn sie weiterkommen, weiß niemand, wohin sie gehen sollen, denn meistenteils existiert ihre Heimat ja nicht mehr. Mitnehmen können sie natürlich garnichts. – Die Ablieferung der Radio-Geräte ist völlig unbegreiflich.

     Gräff wußte mir nichts zu sagen. Er zeigte mir die Verfügung, daß er die Bürgermeister-Geschäfte wieder zu übernehmen habe u. die vom Kommandanten in Wustrow ausgefertigt ist. Er weiß aber nicht, wer denn nun eigentlich als Behörde zuständig ist. Er hat Passierscheine vorbereitet für den Schlachter Leplow u. a. Leute, aber da er ja nicht mit jedem solchen Schein nach Wustrow laufen kann, muß er warten, bis irgend ein höherer Offizier einmal kommt, um solche Scheine zu unterzeichnen. Dann aber ist solch ein Passierschein von zweifelhaftem Wert, da kein russischer Soldat sich daran kehrt. Die Leute werden unterwegs trotzdem ausgeplündert. Leplow würde niemals mit Schlachtvieh bis hierher kommen, auch wenn er irgendwo solches noch auftreiben würde. Bisher hat Gräff solche Unterschriften wenigstens von den Majoren bekommen, die bei Frau Longard wohnten, aber diese sollen nun auch fort sein. Alles Bettzeug haben sie mitgenommen. Gräff wartet nun auf den Kommandanten von Dierhagen, der bisher jeden Tag mit dem Auto nach Ahrenshoop gekommen sein soll u. der nach Gräff's Beschreibung ein Mann ist, mit dem sich reden läßt. Jedenfalls sind die Schwierigkeiten ungeheuer u. man kann Gräff keinen Vorwurf machen, wenn keine Ordnung ist. Ich sagte ihm, daß in Wustrow ein Schiff mit Mehl angekommen sei, wovon er nichts wußte. Von Reichert=Ribnitz wollte er wissen, daß er total ausgeplündert sei u. deshalb Lebensmittel nicht hierher schicken könne. Von Saatmann meinte er, daß es dort keine Lebensmittel mehr gäbe, außer etwas Zucker. Ich bezweifelte das, konnte es aber nicht beweisen. Vom Paetow=Hof sagte er, daß dieser total ausgeplündert sei. Nach dem, was Herr Brandt gestern abend sagte, müssen aber doch noch Saatkartoffeln da sein u. auch noch anderes Saatgut, denn Brandt sagte, er habe Paetow u. auch Waterstradt geholfen, Kartoffeln zu pflanzen u. zu säen. Ich konnte Gräff nun auch nichts weiter sagen, als daß Paul bereit wäre, ihm zu helfen. Es schien, als ob er bereit wäre, sich helfen zu lassen. Paul muß sich ihm notfalls aufdrängen. Vorläufig hat das zwar noch kaum Zweck, denn das Gemeindeamt ist total demoliert. Die Russen haben sämtliche Schränke u. Schreibtische erbrochen, Stühle zerschlagen u. mit den Akten ihre Feldküche geheizt. Alle Grundstücks-Akten sind vernichtet.

     Martha ist eben zu Deutschmann gegangen, um ihn zu interessieren, daß Paul in die Gemeinde-Geschäfte eingeführt wird. Auch Küntzels sind ja Flüchtlinge u. müssen Ahrenshoop räumen, wenn hier ein solcher Befehl erlassen werden sollte, was bestimmt zu erwarten ist.

[4]      Ich pflanzte weiter Dahlien u. einige junge Zwiebelpflanzen, die uns Frau Schuster heute früh brachte. Um 3 Uhr hatten wir ein kurzes, heftiges Gewitter mit minimalem Niederschlag.

     Vormittags waren Frau Soehlke u. Frau Kuhnke da u. erzählten von den Zuständen in Althagen, die noch viel unsicherer sind als bei uns. Es ist eine furchtbare Not. Man muß lachen, wenn man an die vier Freiheiten denkt, die Herr Roosevelt versprochen hat u. unter denen die Freiheit von Furcht die begehrenswerteste war. Wir kommen Tag u. Nacht nicht aus der Furcht heraus. Dazu kommt, daß es jetzt überhaupt keinen Strom mehr gibt, sodaß man keine Nachrichten hört. Wenn man uns dann noch die Radio-Geräte fortnehmen wird, dann weiß man überhaupt nichts mehr. Heute hat es bei Leplow Fleisch gegeben. Die Leute haben stundenlang angestanden. Beinahe hätte es aber auch dies nicht gegeben, da die Russen heute früh bei Leplow eingedrungen sein sollen, um das Fleisch fortzunehmen. Es konnte schließlich noch verhindert werden. Spangenberg haben sie zwar bis jetzt noch seine Pferde gelassen, – ein wahres Wunder, denn die Pferde sind gut, aber sie haben ihm heute auch noch den zweiten Wagen fortgenommen, nachdem der erste schon vor mehreren Tagen fortgenommen wurde. Wenn wir über Wustrow Lebensmittel bekommen sollten, werden keine Wagen dasein, um sie abzufahren.