TRAN Nummer 13

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Textdaten
Autor: Kurt Schwitters
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Titel: TRAN Nummer 13
Untertitel: Das Privatscheuertuch. Beiträge zur Phaenomenologie des kritischen Genusses
aus: Der Sturm, 11. Jahrgang, Heft 7-8 (Oktober 1920), S. 114–116
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Erscheinungsdatum: 1920
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Quelle: Blue Mountain Project
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[114] TRAN Nummer 13

Das Privatscheuertuch

Beiträge zur Phaenomenologie des kritischen Genusses[1]

„In einem solchen kritischen Augenblick, da alle kaum gewonnenen Masstäbe“ des Kritikers G. F. Hartlaub „wieder problematisch zu werden drohen, betritt man (man - G. F. [115] Hartlaub) eine grosse Ausstellung in Darmstadt.“ Die Allerhöchsten Herrschaften gingen zur Kirche und beteten zum Höchsten. (Würde mit Drahteinlage.)

Zunächst „schneidet“ man „leichtsinnig die Frage einer Umschau an“, scheibenweise, wie Beutelwurst etwa. Man (- G. F. Hartlaub) schaut hier um und da um, diesen um und jenen um, bis er so ziemlich alles umgeschaut hat. (Die Herren Kritiker führen Buch, zum Abreissen.)

Darauf bringt Herr G. F. Hartlaub au[t]omatisch eine Art von Querschnitt zustande: „Eine Farbenromantik, wollüstige Farbentraumkunst, die beständig hemmungslos in Geheimnissen schwelgt“, und „eine Art von Hellsichtigkeit für Halbseelisch-Fluidales, Aurisches, scheint Allgemeingut geworden“, so sehr Allgemeingut, dass Herr G. F. Hartlaub diese Dinge auch schon erkennt. (Im nächsten Augenblick galoppiert ein Unterlehrer.) „Man taucht in sinnlich-übersinnliche Farbenstrudel, Gefühls- und Gedankenformen, Sehen und Hören vergeht Herrn G. F. Hartlaub, es wird ihm ganz wässerig vor den Ohren. „Aber es ist erschreckend, wie sich dies Verlieren, dies gestaltlose Schwärmen, dies Gemisch von Theoretik, mystischer Schwelgerei rächt.“ Na endlich! Aber warum tun Sie denn das, Herr G. F. Hartlaub? Ich bin auch ganz erschrocken über Ihr sich Verlieren, Ihr gestaltliches Schwärmen, dies Gemisch von Theoretik und Schwelgerei in Ihrer Kritik. Sie nennen so etwas ja einen „kosmischen Wirbel“, nicht wahr? (Wir müssen siegen!) Und Sie meinen ja, dass sich dabei „die Einheit der schöpferischen Persönlichkeit in fast krankhaftem Sinne aufzulösen droht“. (Hier fühle ich, dass Ihr bitter werdet!) An dieser Stelle scheint sich tatsächlich die Einheit der schöpferischen Persönlichkeit Herrn G. F. Hartlaubs in fast krankhaftem Sinne aufgelöst zu haben. Schade, dass er gerade in diesem aufgelösten Zustande des kosmischen Wirbels vor die „anspruchsvollen Sinfonien und Kompositionen“ Muches, Bauers und vieler anderer „in Fortsetzung des hier ganz ungenügend vertretenen Kandinsky“, sowie vor meine Bilder gewirbelt wird: (Menschen sind kosmische Lächerlichkeiten, confer Nebel) „oder der ganz über Verdienst bestaunte und bespottete Schwitters mit kunstgewerblichem Witz den Kubismus Pikassos in alten Plunder umsetzt.“ Wir alle werden in einem Satze umgeschaut.

Armer Mann! (man) Wie kann man etwas fassen, wenn man keine Fassung hat?

Schade, wenn wir doch wenigstens eine Arbeit in kammermusikalischem Format dabei gehabt hätten, das scheint ja für Herrn G. F. Hartlaub ein Kriterium für musikähnliche Kunst zu sein. (Ein Weiser baut Euch Künstler auf.) Ein Glück, dass Paul Klee dieses musikähnliche Format hat, sonst läge auch er schon längst unter den Umgeschauten. (Das Ross ist vom Teufel geritten.) Darauf geht Herr G. F. Hartlaub „zurück zum Gegenstande“! (Ein lahmes Ross wird abgeführt.) Es ist schade, dass er sich an dieser Stelle ein wenig irrt, und zwar in der Reihenfolge der Entwicklung; aber das macht ja bei einem grossen Kritiker nichts aus. (Wenn der Vorrat geht zu Ende, schieb den Schieber vor behende.) Ich darf Sie doch wohl so verstehen, Herr G. F. Hartlaub, dass Sie Nolde u. a. als einen Rückschlag auf unsere neusten Bilder bezeichnen. Herr G. F. Hartlaub, Sie sind, glaube ich, der Rückschlag auf den Herrn Kritiker, welcher demnächst erst geboren werden wird. (Ein Stück Butter gibt den Pilzen erst die rechte Weihe.) „Bescheidener bleibt es auf alle Fälle, und es steht unserer sehnsüchtigen Zerfahrenheit besser an, statt in Legenden und Dogmen, Mythen und Mysterien vorläufig noch in unverbindlichen Märchen und Träumen sich übersinnlich auszuleben.“ Armer Mann, sone sehnsüchtige Zerfahrenheit muss doch was Schreckliches sein! Leben Sie sich, Herr G. F. Hartlaub, nur in Ihren übersinnlichen Träumen unverbindlich aus, aber sehen Sie sich vor, dass solche unverbindliche Träume nicht „allmählich steril“ werden. Vielleicht finden Sie doch noch einmal behende volgitierend oder auch voltigierend den Weg aus der kosmischen Sackgasse der theoretisch mystischen Kritik, sagen wir mal aus dem steril gewordenen, kosmischen, wollüstig feudal, halbseelisch fluidalaurischen Strudel zur Wirklichkeit. Ueberlassen Sie es nur den Künstlern, selber zu beurteilen, ob reine Malerei eine Sackgasse ist. Ich behaupte: „Die reine Malerei ist keine Sackgasse, auch wenn alle Gassenjungen sie in den Sack stecken“. (Lesen Sie die Formulare des Jacques, [116] des berühmten Toilettemannes, über Wissenschaft und Haarwuchs.) Kritiker sind kosmische Kleinlichkeiten.

Kurt Schwitters

  1. In Anlehnung an G. F. Hartlaubs Artikel: „Deutscher Expressionismus“, 15. 7. 20 / Frankfurter Zeitung