TRAN Nummer 7

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Textdaten
Autor: Kurt Schwitters
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Titel: TRAN Nummer 7
Untertitel: Generalpardon an meine hannoverschen Kritiker in Merzstil
aus: Der Sturm, 11. Jahr, Nr. 1 (April 1920): S. 2–4.
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Erscheinungsdatum: 1920
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Quelle: bluemountain.princeton.edu
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[2] TRAN Nummer 7

Generalpardon an meine hannoverschen Kritiker in Merzstil

Alle Herren konnten nicht berücksichtigt werden, die Zahl ist zu gross. (Das gehört beiläufig nicht hierher.) Ich behalte mir vor, die anderen Herren später zu kritisieren. (Merzstil heisst arbeiten.) Damit sich niemand zurückgesetzt fühlt, nehme ich die Reihenfolge alphabetisch. (Die Klammern gehören selbstverständlich auch nicht hierher.)

1.) Herr Fg. (Frerking.) (Hann. Tageblatt) ist ein wenig zu alt, um mit uns jungen Künstlern fühlen zu können. (Meiers Imprägnierungsmasse[WS 1] macht alte Segeltuchdecken wie neu und garantiert wasserdicht.) Das entschuldigt aber leider nicht, dass Herr Frerking Kritiken schreibt: (Wie lerne ich dichten?) Auch ein Kunstkritiker muss über ein gewisses Etwas verfügen, sagen wir mal: Urteilsfähigkeit. Ich zitiere Ihr eigenes Wort: „Der Wein im Fasse muss erst gären, bevor er reif und wohlschmeckend wird.“ (Oh Ihr ungegorenen Kritiker!) Mit Aufzählen des Materials, aus dem ein Kunstwerk geformt ist, verrät man nur seine Unfähigkeit zu kritisieren. (Die Gemeindesteuerschraube mit Benzinmotor.) Faule Witze sind bei einer ernsthaften Kritik nicht von Vorteil (Augen auf!): „trotzdem nicht ganz wertlos, denn den Ingredienzien aus dem Mülleimer fügte er ein wirkliches kupfernes Zweipfennigstück hinzu.“ (Ich nämlich.) (Nie wiederkehrende günstige Gelegenheit!) Was wollten Sie wohl sagen, Herr Fg., wenn ich von Ihren biederen Besprechungen etwa schriebe, sie wären konfus (praktische, leichtfassliche Unterweisung in Lehre und Beispielen nebst Übungsaufgaben), und glichen einem unordentlichen Häufchen Gerümpel (kaufe alte Zahngebisse, Bruchstücke und einzelne Zähne.), aber sie wären trotzdem nicht ganz wertlos (pro Zahn 15 M. u. mehr.), weil sie dem zwanglosen Gemengsel in einem Mülleimer verblüffend ähnlich sähen. (Bettfedern, Betten, ein sehr lohnendes Geschäft für Möbel- und Polsterwarenhandlungen.) Was würden Sie wohl sagen? (Verfasser und Verleger überreichen hiermit dem Dichter ein Büchlein, das bestimmt ist, die erste Anleitung zur Ausübung der Dichtkunst zu geben.) Aber ich bitte Sie, sich daraufhin einmal Ihre Besprechungen durchzulesen. (Sicher ist, dass das Talent zum Dichten angeboren werden muss.) (Zu jeder Bettstelle und Matratze gehört ein Bett.)

2.) Und Sie, Herr Dr. Erich Madsack! (Hann. Anz.) Sie wissen doch: „Der seelische und geistige Gehalt eines Bildes liegt bekanntlich in der Ölfarbe.“ (Sturm X, 9: Nachsicht Zeugen von Herwarth Walden.) (und ca. 30–40 M. können Sie an jeder Bettstelle verdienen.) da halte ich es doch für überflüssig, dass (extra verdienen, wenn) Sie meinen (Sie auch die Betten dazu liefern.) „Pappdeckelnageleien“ (Alleiniger Fabrikant des weltberühmten Merzstils) mit Ihrem „Schneiderwerkstättenkehricht“ hübsch verzieren (Gekochte Krankheit ist Gesundheit, gekochte Gesundheit ist ewiges Leben.) und diese internationalen Emballageschneiderwerkstättenpappdeckelkehrichtverzierungen unter Ausserachtlassung Ihrer mit Selbstbewusstsein zur Schau getragenen Hilflosigkeit (Mann mit Zaunpfahl.) mit Hilfe meiner Spielwarenindustrie für grosse Kinder. (Wen meinen Sie mit der Bezeichnung „grosses Kind?“ Bislang ist jedenfalls ausser Ihnen noch niemand auf den Gedanken gekommen.[)] Komm, spiel mit mir! (Ferner empfehle ich Lederglanz, Lederappretur, Momentlederschwärze, fertig gezogenen Pech usw.) aus der hannoverschen Kunstpflege (etwa Anzeigerbesprechung?) Wenn Sie das Präparat aber noch nicht kennen, dann lassen Sie sich sofort eine Probesendung kommen. (unter Hinterachtlassung) beinahe hätte ich es vergessen. (hinter über Gegenachtsetzung) von wegen! (oder gegen vorherige Einsendung von 8,00 M.) weshalb nämlich immerdar [(]Lebens, Volks, Unfall, Haftpflicht, Feuer, Einbruchsversicherung mit beschränkter Hirntätigkeit.) ebenfalls gegen von wegen hinter (Zeitungsstil überragt) zu loser Art in Anbetracht veristischer Mittelmässigkeit wesentlich entlastet haben sollte. (nicht für Kinderwärterinnen!) Ich kann mich doch auch ganz gelehrt ausdrücken. Jawohl! (Preis 37 Pfennige.[)] noch dazu mit Dampfbetrieb. Nun weiss doch jeder, was Kunst ist. (Wenn ohne Erfolg, Geld zurück.) Ihre Kritik, Herr Doktor, dagegen beweist, ich bedaure es erwähnen zu müssen, indem ich Ihre eigenen Worte verwende, zu welch bedauerlichen [3] Missverständnissen die jüngste Kunstrichtung Kritiker zu verführen vermag, die nicht hinter die Oberfläche künstlerischen Schaffens zu schauen vermögen. Bilden Sie sich etwa ein, Sie vermöchten das?

3.) Und Sie, Herr Dr. ASch. (Adolf Schaer.) (Hann. Kurier.) Sie schreiben: „Was soll man sagen zu den wunderlichen Schöpfungen von Kurt Schwitters, der die Welt au[f]s neue mit seinen Merzzeichnungen usw. zum Besten hat? Soll man wirklich aufgeklebte Papierfetzen und Hosenflicken für „Kunst“ hinnehmen? Soll man solche Verirrungen ernst nehmen? Soll man sie der Ehre zornigen Widerspruches würdigen? Am besten ists, man hält sich an den Satz: „Der Rest ist Schweigen“, hoffend, dass Schweigen am ehesten dem ganzen Unfug „den Rest gibt“. Ich stelle die Gegenfrage: „Soll man wirklich solche Quasselei[WS 2] ernst nehmen?“ Was sie „schweigen“ nennen, das nenne ich nämlich quasseln. (Leistungsfähige Bezugsquelle für Tran, weil direkt aus der Transiederei bezogen.) Kritik ist ja bekanntlich die Feststellung, mit welcher Sorte von Pinseln ein Maler gearbeitet hat. (Achtung! Achtung, Scheuklappen! Achtung! Patent-Scheuklappen! Patentscheuklappen sind die leichtesten der Welt, die den richtigen Winkel, in dem sie stehen, nie verändern können. Jede Form ist aus einem Stück gearbeitet und wiegt nur ca. 100 Gramm das Paar. Bequemer Sitz. Zu haben bei den meisten Grossisten und Sattlern.) Übrigens erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass mein Kollege, Herr Marc Chagall, Sie wissen doch, der Mann mit dem seelenvollen Bildnis, (edel sei der Mensch, hilfreich und gut.) den Sie bereits dreimal Chagall genannt haben, nicht Max Chagall heisst[,] sondern Marc Chagall. (Pferde- und Hunde-Kämme aus Alluminium sind unerreicht.) Allerdings ist die Verwechslung des Namens Chagall begreiflich, denn er stellt zum ersten Male aus. (Leichenpferdedecken, hervorragende Neuheit. Verlangen Sie bitte Ansichtssendungen.) Ich erwähne dieses besonders, damit nicht etwa jemand auf den falschen Verdacht käme, Sie hätten sich bislang erst wenig mit der Kunst beschäftigt. (Heiterkeit im Zuschauerraum.) Trotzdem warne ich Sie, meinen Kollegen immer wieder Max Chagall zu nennen. Wenn Sie mir nicht glauben, so fragen Sie die Besitzerin dieses Chagall, Frau Amalie von Garten (Eugenie von Garvens) sonst behaupte ich nächstens, Sie hiessen August Adalbert von Scheere. (Hochwertige Qualität.) Dann könnte aber ein böser Mensch behaupten, August von Scheere schnitte mit einer adeligen Scheere aus, was einem August edel erschiene, statt Kunst zu kritisieren. Und es täte mir wirklich leid, wenn man „Ihr Treiben der Lächerlichkeit preisgäbe“. (Rheinisch-Westfälische Zeitung 25. 2. 20.) Ich würde Ihnen übrigens in Freundschaft raten, in Zukunft wirklich zu schweigen, und zwar überhaupt. Zwar haben Ihre Kritiken „wenigstens noch den Vorzug erheiternd zu wirken“, aber man möchte doch nicht gern Anlass zum Gelächter geben, ohne es zu wollen. (Kutschermäntel, Wagendekorationen, sowie sämtliche Sachen zum Trauerfuhrwesen liefere in bekannten guten Qualitäten.)

4.) Und Sie, Herr Hein Wiesenwald, mehrheitssozialistischer Schriftsteller, sagen wir mal Kunstschriftsteller für den Hannoverschen Volkswillen! [(]das Lieblingsblatt der Mädchenwelt.) Ihre Besprechungen sind fast zu kindisch, als dass es sich lohnte, darauf einzugehen. (Die Kuh hat hinten einen Schwanz, vorn einen Kopf und in der Mitte einen Pompadour.) Bitte stellen Sie sich einmal vor, Sie würden als unparteiischer dritter sich selbst beobachten, wie Sie, als erwachsener Mensch, in den städtischen Anlagen sich laut mit den Vögeln unterhalten. (Konzen[t]riertes Restitutions-Fluid extra stark, f. Pferde u. sonstige Haustiere nach d. Rezept des Hofrossarzt Fabricius, seit üb. 30 Jahr. bewährt, wirkt hervorragend gegen Steifwerd., Schulter-, Kreuzlähme, Verrenkung, Verzerrung, Verstauchung, sowie Schwächen all. Art.) Ich glaube, Sie würden laut loslachen. (Wer fabriziert gut gegerbte Rossleder, zu Kummeten geeignet?) Und Sie haben es in Ihren Kritiken so oft erzählt, dass Sie sich Ihre Anregung zu Besprechungen der Kunst in der Unterhaltung mit den Vögeln holen, dass man es Ihnen, so komisch es an sich klingt, ohne Weiteres glauben muss. (Lass dein Pferd nur ruhig weiterarbeiten, jede Büchse trägt diese Fabrikmarke.) So etwas nennen Sie also Kunstkritiken? (Man nimmt [4] einen weichen Lappen über den Finger, fährt damit sanft über der Oberfläche der Kreme herum. Hat sich etwas angehängt, so trage man dieses Wenige in dünnster Schichte auf.) Das ist also Kritik für das Volk? Mein Herr, ich hoffe, das Volk wird gegenüber dieser Art von Kritik kritisch sein, selbst ohne meine Kritik an Ihrer Kritik. (Meierin ist ein grosser Fortschritt für Ihr Geschäft. Sie kennen sicher schon diese Schmiere, die ein unentbehrliches Mittel für jeden Pferde- und Viehbesitzer ist, da sie alle Schäden schnell und sicher beseitigt.) Wenn es übrigens noch nicht genügt, wenn Sie mit Frau und Kind und zwei Wandervögeln in die Kunstaustellung gehen, wenn das noch nicht genügt, damit Sie sich konzentrieren können, dann rate ich Ihnen: Nehmen Sie doch das nächste Mal ein Paar richtige Vögel, Wiesenwaldvögel und einige Jagdhunde mit oder auch einen Rucksack mit Feldflasche und belegten Butterbroten. (Ein fast unglaublicher Kritiker.) Abkochen wird für die Herren Vogelkundigen in Kunstausstellungen stets gern gestattet.

Jedenfalls aber erkenne ich den Wagemut der Herren Kritiker meiner Vaterstadt stets gern an.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Kurt Schwitters

(Hauptmann von Köpenick in der Malerei)

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: lmprägnierungsmasse
  2. Vorlage: Ouasselei