Taubstumm geworden

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Autor: Dr. Rudolf Haug
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Titel: Taubstumm geworden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 636, 638 f.
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Taubstumm geworden.
Von Dr. Rudolf Haug.


„Taubstumm werden?“ fragst du verwundert, verehrte Leserin; du hattest gedacht, ein Taubstummer würde immer als solcher geboren. Nein, dem ist nicht so! Nicht von den Unglücklichen, die mit diesem Gebrechen behaftet zur Welt kommen, wollen wir heute sprechen, sondern auf die Armen, die als Vollsinnige die erste Zeit ihres Lebens verbrachten und nachträglich erst Gehör und Sprache verloren, auf ihre Leidensgeschichte wollen wir einen kurzen Blick werfen.

„Herr Doktor! ich weiß nicht, was das mit meinem Jungen ist“ – so spricht mich in der Klinik eine junge Mutter an, indem sie mir einen scheinbar kerngesunden, pausbäckigen Knaben von fünf Jahren vorführt – „er will gar nicht sprechen lernen; ich glaube, er hat eine schwere Zunge. Meinen Sie nicht, daß es besser würde, wenn man ihm die Zunge löste? Er muß aber auch schlecht hören, denn ich kann ihm rufen, schreien, läuten, es geht ohne Eindruck an ihm vorbei, und das Sprechen hat ganz aufgehört. Früher hat er auf alles aufgepaßt, auf das kleinste Geräusch, und hat auch schon ganz nett angefangen, nachzuplappern. Aber ich dachte, er entwickelt sich eben ein bißchen langsam; jetzt bin ich aber doch ängstlich geworden.“

Ich untersuche das Kind und kann, obschon das Trommelfell und die Teile des sogenannten Mittelohrs sich vollständig normal verhalten, feststellen, daß es auf beiden Seiten taub, gänzlich taub für alle und jede Tonwelle ist. Das Kind ist taubstumm und wird es bleiben zeitlebens!

Ich setze der armen Mutter so schonend als möglich mein trauriges Resultat auseinander, sie ist zu Tode erschrocken und Thränen stürzen ihr aus den Augen, als sie ihren Einzigen, ihren Liebling nur noch als einen halben Menschen weiß.

Wie aber ist es gekommen, daß das Kind, das doch über zwei Jahre gut, recht gut gehört hatte, taub geworden ist?

Im Alter von zweieinhalb Jahren war der Knabe, nach Aussage der Mutter, nur kurze Zeit unter starkem Fieber und heftigen Kopf- und leichteren Rückenschmerzen, begleitet von Bewußtlosigkeit, krank gewesen, hatte dabei kaum über das Ohr geklagt, allein als er aufstehen sollte, konnte er sich nicht erheben, er fiel um bei den Gehversuchen, ebenso litt er noch einige Zeit an Schwindel. Das alles verlor sich bald, aber die Empfindungslosigkeit gegen Töne und Geräusch aller Art, die schon während und besonders nach der Erkrankung auffiel, schwand nicht mehr; das Kind war durch eine Hirnhautentzündung taub geworden. Das ist eine und zwar eine der häufigsten Ursachen der erworbenen Taub- und Stummheit.

Ein anderes Bild.

Vor mir steht ein vierzehnjähriges, sonst gut und kräftig entwickeltes Mädchen, das mich mit scheuem, unstetem und mißtrauischem Blicke mustert. Sie hatte früher schon über ein Jahr die Schule besucht und war bei dem Lehrern wegen ihrer raschen Fassungsgabe, ihrer Aufmerksamkeit und ihres Fleißes beliebt gewesen und hatte ihren Platz immer unter den Ersten gehabt. Da bekam sie an ihrem siebenten Lebensjahre das Scharlachfieber, währenddessen sich eine Ohrentzündung auf beiden Seiten entwickelte, die das Trommelfell zerstörte. Deswegen war sie aber damals noch nicht taub, sie hörte allerdings schlechter, aber man konnte noch ganz gut mit ihr reden. Die Eiterung, die sich eingestellt hatte, ließ man ruhig fortschreiten, ohne sich um sie zu kümmern; „es wird schon gut werden von selbst, wenn sie sich entwickelt,“ hieß es. Statt dessen aber ging die Sache einen ganz anderen Weg – der Eiter fraß die Knochen an, die Gehörknöchelchen faulten heraus und von Tag zu Tag nahm ihr Gehör ab, bis sie völlig taub war. Anfänglich sprach sie noch klar, bald aber wurde die Stimmgebung monoton, verschwommen, dann schließlich rauh und unartikuliert; jetzt stößt sie rauhe, harte, unverständliche, tierähnliche, grunzende Laute aus, sie ist taubstumm geworden durch eine vernachlässigte Ohrerkrankung.

Verallgemeinern wir diese zwei der Wirklichkeit entnommenen Fälle, so können wir sagen, daß es in frühester oder früher Kinderzeit erworbene schwere Allgemeinerkrankungen, wie Gehirnhautentzündung, Mumps – auch der scheinbar so harmlose und gutartige Tölpel oder Mumps kann völlige Taubheit zur Folge haben – Scharlach, Diphtherie, Masern sind, aus denen die Kinder, je nach Lage der Umstände, als Taube hervorgehe und, wenn diese Ertaubung vor dem achten Jahre etwa eintritt, taubstumm werden können. Das ist das Gewöhnliche; viel seltener kommt es vor, daß ein Kind sein Gehör durch einen Sturz, Fall, durch Verletzung des Ohres bei den Versuchen, eines hineingeratenen Fremdkörpers habhaft zu werden, durch plötzlichen Schreck oder ererbte Krankheiten verliert.

Wie kommt denn nun eine solche erworbene Taubstummheit überhaupt zustande? Das ist das Wichtigste und Interessanteste für uns. Zu dem Zwecke müssen wir aber zurückgreifen auf die Art und Weise, wie wir hören und sprechen lernen.

Das Ohr kommt gleich dem Auge so ziemlich vollentwickelt zur Welt, deshalb sieht aber und hört ein Neugeborenes noch nicht völlig – es müssen sich erst beide Funktionen allmählich entwickeln. Die Außenwelt, alles was uns umgiebt, ist es, was die Schulung unserer Sinnesorgane bewirkt. Aus unserer Umgebung dringen die Schallwellen als Töne oder Geräusche auf das jugendliche Ohr ein, es in einer gewissen Weise erregend. Jetzt wird das vorher gewissermaßen stumpf gewesene Sinnesorgan zur Aufmerksamkeit gezwungen, es empfängt die Töne nicht nur, sondern es leitet sie weiter auf das Centralorgan über, woselbst sie die Empfindung des Hörens auslösen. Je öfter nun dieser Weg der Sinnesleitung betreten wird, je häufiger er also geübt wird, um so schärfer und deutlicher werden allmählich die einzelnen Klangbilder vernommen und voneinander unterschieden werden müssen. Es werden mithin jetzt die Töne in ihrer verschiedenen Qualität und Reihenfolge ins Gehörcentrum übertragen und von diesem aus findet ein entsprechender Eindruck auf eine andere Gehirnpartie, das Sprachcentrum, statt; von diesem letzteren aus werden sie weiterhin aus reflektorischem Wege auf die den Sinneseindruck auslösenden nervösen Bahnen im stimmerzeugenden Apparate, im Kehlkopf, übergeleitet: das junge Menschenkind versucht den Schalleindruck durch die Stimme wiederzugeben, am Anfange noch unsicher, bald aber treffend.

Dazu kommt nun noch ein weiterer außerordentlich wichtiger Umstand; alle Eindrücke auf unser Gehirn von außen her, mögen sie sein welcher Natur sie nur immer wollen, hinterlassen in ihm Erinnerungsbilder, und es liegt auf der Hand, daß, je öfter solche Sinnesreize eingeleitet werden, das Bild derselben ein um so klareres, schärferes und zugleich mehr und mehr festes, unverrückbares und unvergeßliches werden muß. Was früher viele Mühe gekostet hat, bis es verstanden wurde, durch diese Einübung wird es im Augenblicke gehört und auch richtig erklärt, bezw. gesprochen.

Wir haben instinktiv angefangen zu sprechen. Das aber wiederum beruht auf dem jedem Geschöpfe der Tierwelt eigenen, mehr oder weniger ausgesprochenen Nachahmungstriebe; er ist es, der uns alles, Sprechen, Hören, Sehen, Fühlen und Deuten, im Laufe der Zeit durch die immer und immer wiederkehrende Benutzung und Uebung der betreffenden Nerven lehrt. Und all diese verschiedenen und verschiedenartigsten Bilder muß das jugendliche Gehirn notwendig in sich aufnehmen, um das Vollmaß zur Bildung der Begriffe zu erreichen, ohne welche eine ersprießliche Weiterentwicklung einfach unmöglich ist. Nun ist es aber durch die Erfahrung, durch die mannigfachsten Beobachtungen erhärtet und zweifellos richtig, daß nahezu der gesamte geistige Bildungsstoff dem sich ausbildenden menschlichen Individuum, dem Kinde, nicht auf dem Wege des Sehens, sondern eben hauptsächlich aus dem des Hörens zugeführt wird. Die weitaus größte Anzahl der Begriffe wird uns sowohl in der Familie als in der Schule durch Vermittlung des Ohres, durch die Worte der Eltern und Geschwister sowie der Lehrer eingeprägt.

Die natürliche und unabweisbare Folge einer in der allerfrühesten Kindheit erworbenen sehr hochgradigen Schwerhörigkeit oder Taubheit muß daher darin bestehen, daß ein Kind, das überhaupt keine Töne und Geräusche zugeleitet erhält, vermöge der Funktionszerstörung des Gehörorganes auch keine das Hören betreffenden Erinnerungsbilder sammeln und auf die Sprachsphäre überleiten kann; es wird der Weg zum Sprechen nicht betreten [638] werden können: das Kind wird taubstumm, es lernt überhaupt nicht sprechen.

Taubstummheit kann aber auch, wie unser zweiter Fall zeigt, als spät erworbene auftreten, wenn ein Kind nicht nur zu sprechen begonnen, sondern sogar schon die Sprache geläufig beherrscht hatte; dies tritt ein bei einer Ertaubung im Alter von etwa sechs, sieben Jahren.

Aber wie kann das sein, fragst du, daß eine einmal vorhandene Sprachfähigkeit wieder völlig erlischt?

Der Grund hiefür ist einfach genug. Es sind bei einem Kinde in dem genannten Lebensabschnitte die Bahnen, wenn ich mich so ausdrücken darf, noch nicht so ausgetreten, so gründlich begangen, es haften die Erinnerungsbilder noch nicht so unverrückbar fest in ihrem Centraldepot; es werden, wie ein nicht mehr gebrauchter Weg auf einer Wiese von Gras überwuchert wird und bald unerkenntlich ist, die vorhandenen Erinnerungsbilder mehr und mehr erblassen, da von außen keine neuen mehr eingeführt und die alten nicht wiederholt werden, bis sie endlich infolge des Reizmangels gänzlich verschwinden; die Nervenbahnen werden des Leitens mehr und mehr ungewohnt, sie veröden.

Sehr falsch wäre es, glauben zu wollen, daß bei solch taubstumm Gewordenen gleichwie bei den taubstumm Geborenen irgend etwas am Stimmapparate fehle, was beim Volke oft seinen fälschlichen Ausdruck findet in dem Angewachsensein der Zunge, weshalb „die Zunge gelöst werden müsse“, etwa wie bei einem Star, dem man das Sprechen beibringen will; der Kehlkopf, die Stimmbänder, die Zunge, das alles ist für gewöhnlich bei einem Taubstummen völlig normal in Ordnung und doch kann er nicht sprechen.

Die Sprache wird durch das Ohr beherrscht, geleitet; das Ohr lehrt uns die unendliche Modulationsfähigkeit unseres Stimmorganes; ein schöner Gesang, ein guter ansprechender Vortrag ist nur dem möglich, der im Vollbesitz seiner Gehörsfunktion ist.

Man mag mir da vielleicht entgegenhalten, Beethoven, der große Heros, war ja auch taub und hat trotzdem noch seine wunderbaren musikalischen Tonwerke zu schaffen vermocht. Gewiß war Beethoven in späteren Jahren, nachdem sich die Erkrankung schon frühzeitig in geringerem Grade eingestellt hatte, taub. Er hat auch seine eigenen Werke nicht mehr hören können, aber bei ihm waren die Tonbilder in all ihren feinsten, nur denkbaren Abstufungen mit einer solchen wunderbaren, unverwischbaren Klarheit noch zur Zeit des guten Hörens eingeprägt worden, daß die Erinnerung an sie in Verbindung mit der ihm eigenen echt künstlerischen Genialität es ihm ermöglichte, alles innerlich Erlebte, musikalisch wiedergeboren, in die wahre, hehre, mit ergreifender Macht auf das Gemüt des Hörers eindringende Formgestaltung zu bringen.

Wäre aber bei Beethoven diese Taubheit nicht erst im gereiften Alter bei lange völlig intakt entwickeltem Organismus aufgetreten, sondern schon in früher Kindheit, so wäre der große Künstler, der selbstschaffende, formende Genius unfehlbar überhaupt nicht zur Entwicklung gelangt: wir hätten nie einen Beethoven unser eigen nennen können.

Indes müssen wir immer festhalten, Beethoven war eine jener genialen gottbegnadeten Ausnahmenaturen, denen eben manches gelingt, was einem gewöhnlichen Durchschnittsmenschen in seiner Lage nicht mehr zu erreichen möglich ist.

Uebrigens wäre man sehr falscher Meinung, wollte man glauben, das Leiden habe keinen Einfluß auf die Schaffenskraft und besonders auf die Schaffensfreudigkeit des Tonheros gehabt; diese Taubheit war der böse Dämon, der Fluch, der ihn der Verzweiflung nahe brachte, der aus ihm einen mißtrauischen, einsamen Mann machte, dem beinahe jede Lebensfreude vergällt schien.

Welch’ gewaltigen Einfluß das Ohr auf die Sprache, ja auf das ganze Thun und Lassen, auf die ganze Existenz hat, können wir noch häufig genug bei Erwachsenen, die infolge irgend welcher Erkrankung hochgradig schwerhörig oder taub geworden sind, beobachten. Während beim Kinde sich die Sprachfähigkeit völlig verliert, indem die Stimme, mehr und mehr rauh, bis zur unartikulierten, tierischen Stimmgebung herabsinkt, sehen wir beim Erwachsenen, meist nicht gar lange Zeit nach Verlust des Gehörs, die Sprache ganz gleichmäßig eigenartig monoton werden, es fehlen alle Hebungen und Senkungen des Rhythmus, dazu wird sie noch recht oft hackend, skandierend, stockend, so daß man einen derartigen Patienten sofort erkennt, sobald er nur den Mund aufmacht. Dabei verfallen solche Personen sehr leicht in zwei Extreme; die einen schreien unnatürlich, ohne Veranlassung laut, da sie annehmen, andere Menschen verständen ebenso schlecht wie sie selbst, oder aber, andere wieder sprechen übermäßig leise in dem Glauben, sie steigerten ihre Stimme in einer für den Durchschnittsmenschen unangenehmen Stärke. Aber auch in geistiger, psychischer und moralischer Beziehung äußert die Taubheit einen sehr ungünstigen Einfluß; es macht sich bei allen Tauben eine gewisse Aengstlichkeit, außerordentliche Empfindlichkeit, Mißtrauen und Mißmut neben einer gewissen Unklarheit und Verschwommenheit bemerkbar, was eben alles einfach ein Resultat des Bewußtseins ihres Zustandes ist; sie halten sich für nicht vollwertige Menschen und und deshalb zuweilen ungerecht gegen sich und andere. Sie geraten deshalb in den Ruf, boshaft, bösartig oder beschränkt und verstockt zu sein, obschon sie thatsächlich nichts weniger als das sind.

In Wirklichkeit sind sie arme bemitleidenswerte Menschen, sie sind „vom Menschlichsten im Leben, vom Leben mit den Menschen“, von dem harmonischen Zusammenwirken mit unserer Mitwelt bis zu einem gewissen Grade ausgeschlossen, es wird ihnen das Dasein, der Lebensgenuß in einer bitteren Weise vergällt, ganz abgesehen von den schweren Folgen, die durch das Nichtmehrausübenkönnen eines Berufes und dergleichen erwachsen können.

Kehren wir zu unseren Taubstummen zurück und werfen, ehe wir zum Schlusse kommen, noch einen kurzen Blick auf die Verbreitung der Taubstummheit überhaupt, der angeborenen sowohl als der erworbenen.

Nehmen wir die Bevölkerung der gesamten Erdoberfläche zu 246 Millionen Menschen an, so hat sich an der Hand der statistischen Untersuchungen ergeben, daß sich hierunter 191000 Taubstumme befinden; es treffen also im Durchschnitte auf je 10000 Menschen 7,7 Taubstumme. Den niedrigsten Prozentsatz mit 3,35 Taubstummen auf je 10000 Einwohner zeigen die Niederlande, den höchsten die Schweiz mit 24,5; Deutschland steht mit 9,66 dieser Unglücklichen auf je 10000 seiner Bewohner ebenso wie Oesterreich etwas über der Durchschnittsziffer. Gewiß recht bedeutende Zahlen! Als Eigenheiten dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß das männliche Geschlecht im allgemeinen überwiegt und daß die Taubstummheit in Gebirgsgegenden häufiger zu finden ist als auf dem Flachlande.

Und nun fragst Du mich zum Schlusse, kann man denn einem solch’ furchtbaren Leiden nicht abhelfen, nicht vorbeugen?

Bis zu einem gewissen Grade lassen sich beide Fragen bejahen.

Wenn wir auch den verheerenden Folgen einzelner das Ohr betreffenden Erkrankungen wie Gehirnhautentzündung, Mumps so ziemlich machtlos gegenüberstehen, so könnte und kann doch noch viel gerettet werden durch eine sorgsame Ueberwachung und durch eine geradezu peinlich durchzuführende Schulung des etwa noch vorhandenen Restes von Gehörsinn, indem man mit solchen armen Kleinen tagtäglich häusliche Sprachübungen anstellt, ihnen langsam, laut und deutlich zuerst nur die Vokale vorspricht und dann langsam allmählich auf Worte, die die Namen von in der Umgebung befindlichen Gegenständen, Personen, Tieren bezeichnen, übergeht; dabei soll immer auf den betreffenden Gegenstand mit dem Finger gedeutet und das Wort so lange wiederholt werden, bis es wirklich nachgesprochen ist. Es ist wunderbar, welch günstige Erfolge man da noch, freilich nur bei niemals erlahmendem Fleiß und Eifer, erzielen kann; aber Geduld erheischt es, und wieder Geduld und dann erst recht die Geduld eines Engels! Das wäre vor allem die Aufgabe der Mutter eines solch unglücklichen Kindes; sie kann es vielleicht dadurch noch der drohenden geistigen Nacht entreißen. Und überhaupt ist diese Methode, bei der man zugleich die Kinder lehren kann, die Lautbildung von den Lippen abzulesen – eines der Haupthilfsmittel aller hochgradig Schwerhörigen und Tauben – die beste, einfachste, sicherste und erfolgreichste, aber auch mühevollste!!

Viel besser dran sind wir bei den z. B. nach Scharlach entstandenen Gehörleiden; hier kann eine zur rechten Zeit richtig eingeleitete ärztliche Hilfe außerordentlich viel erreichen, ja in vielen Fällen kann das Gehör, auch wenn es schwer erkrankt gewesen war, wieder ganz oder wenigstens nahezu ganz hergestellt werden; es kann hier der Taubheit und mit ihr der Stummheit vorgebeugt werden. Leider aber geschieht dies nur in einer verhältnismäßig geringen Anzahl; man sieht den Ohrenfluß sogar für etwas Heilsames an, das die bösen Säfte vom Körper ableitet und [639] um keinen Preis vertrieben werden darf, da er sich sonst auf die Augen oder innere Organe schlägt. Dieses – ich bitte zu verzeihen, wenn ich angesichts der traurigen, so häufigen Folgen etwas heftig werde – verwünschte Gehenlassen hat schon manches jungblühende Menschenleben geopfert, hat schon Tausende von Existenzen untergraben, ihre Entwicklung verhindert. Es ist ja zweifellos besser geworden in den letzten Jahrzehnten, aber immer werden noch oft genug die furchtbaren Folgen solcher Ohrerkrankungen zu wenig beachtet.

Ganz abgesehen von der Taubstummheit als Folge möchte ich hier nur ganz kurz darauf hingewiesen haben, daß solche Ohreiterungen nicht bloß bezüglich der Zerstörung der Hörfunktion ins Auge gefaßt werden dürfen; es wohnt ihnen allen eine unmittelbare Lebensgefahr inne und keiner, der an einem ungeheilten Ohrenflusse leidet, ist auch nur einen Tag sicher, daß er nicht einer vom Ohr aus sich entwickelnden Blutvergiftung oder einer Entzündung, die sich auf das Gehirn fortsetzt, zum Opfer fällt; er gleicht, wie ich andernorts einmal gesagt habe, einem Manne, der mit brennender Cigarre aus einer offenen Pulvertonne sitzt.

Aus diesem Grunde haben auch die Lebensversicherungen ihr besonderes Augenmerk auf alle gerichtet, die mit Ohrenfluß behaftet sind, sie werden grundsätzlich nicht aufgenommen.

Zu Beginn der Erkrankung muß der Hebel angesetzt werden, da kann und wird beinahe immer eine Heilung zu erzielen sein! Später, wenn das Leiden monate- und jahrelang gedauert hat, ist es sehr, sehr schwer, ja oftmals wegen der bereits erreichten Zerstörungen gar nicht zu heilen, und die Eltern müssen sich gar oft in einem solchen Falle an die Brust schlagen und sagen „Zu spät; unser Kind ist ein geistiger Krüppel durch unsere eigene Säumnis!“ Wenn es tot auf der Bahre vor ihnen liegt, dann freilich wird das bittere Weh der Selbsterkenntnis, der Selbstanklage gar manches Elternherz durchwühlen, allein zu spät, zu spät! –