Telegraphische Wunder

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Titel: Telegraphische Wunder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 48-50
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Der zeichnende Telegraph
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Telegrafische Wunder.


Die Idee, flüchtigen Verbrechern statt ihres Signalelements in einem sogenannten Steckbriefe gleich ihr Conterfei nachzusenden, hat in unserer Zeit der Photographie eine sehr große Wirksamkeit gewonnen. Besondere Verbrecher-Albums werden angelegt, um die Portraits von Personen, die öfter derartige Maßregeln erfordern, bei der Hand zu haben, und wenn ein bisher Unbescholtener das Weite sucht, so geht eine der ersten Bemühungen der Polizei darauf hinaus, eine Photographie der ihr interessant gewordenen Persönlichkeit bei ihren Freunden zu ergreifen, um derselben vermittelst der „Gartenlaube“ oder des „Kladderadatsch“ eine weite Verbreitung und dem Urbilde eine unfreiwillige Berühmtheit zu verleihen. Dieses Mittel hat sich sehr häufig als probat erwiesen, aber da die Herstellung des Holzschnittes, die Fertigstellung der Zeitung und ihre Verbreitung eine gewisse [49] Zeit erfordern, Verbrecher aber sehr schnell und ohne Aufenthalt zu reisen pflegen, so kamen diese Portraits in noch häufigeren Fällen zu spät, um von Nutzen zu sein.

Gegenwärtig werden nun auf der Parser Polizei Versuche angestellt, Steckbriefe mitsammt dem Medaillonportrait des Verbrechers, und zwar in der Größe eines Fünffrankstückes, nach beliebigen Richtungen zu telegraphiren Es sind dies zwar nur unschattirte Umrißzeichnungen, wie sie die Schattenrisse der guten alten Zeit darboten, aber da sie der Telegraph in jeder Ferne mit aller mir wünschenswerthen Genauigkeit nachzeichnet, so ist immerhin damit viel gewonnen. Die alte Drohung, welche Virgil die Dido an den Aeneas richten läßt:

„Es ziehet mein Schatten Dir nach, wo Du weilst; Du
büßest Verräther!“

läßt sich mit einer kleinen Verwechselung von Mein und Dein, die bei Betrügern und sonstigen Steckbrieflern nicht viel auf sich hat, nunmehr parodiren:

„Dein Schattenriß folget Dir nach, wo Du weilst; Du
büßest Verbrecher!“

Der erwähnte Versuch wurde in Gegenwart einer Commission, an deren Spitze sich der Polizeipräfect Boisin und der Chef des Sicherheitsbureaus Jacob befanden, in der Weise angestellt, daß das Profilbildniß des Letzteren - denn Profilaufnahmen lassen sich in einfachen Linien am leichtesten wiedergeben - nach Lyon telegraphirt wurde. Wenige Minuten darauf kündigte der Telegraph an, daß der fingirte Bösewicht in effigie soeben glücklich in Lyon angelangt sei. Um nun der Pariser Commision die Zweifel zu benehmen, ob das Portrait auch getreu durch den Draht übermittelt worden sei, erbat man es sich zur nochmaligen Vergleichung mit dem Originale telegraphisch zurück, und alsbald hatten die Anwesenden das Vergnügen. das Portrait ihres Chefs, unangegriffen von der halbstündigen Reise nach Lyon und zurück, in Paris wieder begrüßen zu können. Kurz darauf telegraphirte übrigens der Lyoner Polizeichef das Bild eines wirklichen Flüchtlings, eines Bankbeamten, der mit der Casse durchgegangen war, und sein Pariser College konnte die Agenten, welche er sofort zum Lyoner Bahnhofe sendete, mit dem telegraphischen Portrait des Diebes versehen.

Ich bin ziemlich sicher, daß mancher meiner Leser bei dieser Nachricht an den Kalauer gedacht haben wird von jenem biederen Landmanne, der ein Paar Stiefeln an den Telegraphendraht gehängt haben soll. um sie seinem in Feindesland bei der Armee stehenden Sohne recht schnell zukommen zu lassen, allein mit diesen Portraittelegrammen hat es, wenn die uns gemachten Mittheilungen sich in ihrem ganzen Umfange bestätigen, wohl seine Richtigkeit, wahrscheinlich ist die Erfindung jedenfalls und man muß sich eigentlich wundern, daß die Sicherheitsbehörden erst jetzt auf dieses Mittel verfallen sind. Denn es werden demnächst vierzig Jahre, daß der englische Mechaniker Bain einen Apparat ersann, um Schriftzüge und Zeichnungen jeder Art, Pläne, Entwürfe, Facsimiles etc. durch ein höchst sinnreiches, aber ganz einfaches Verfahren telegraphisch in die Ferne zu senden, so daß z. B. ein Brief in der Originalhandschrift damit telegraphirt werden konnte. Der französische Ingenieur Caselli hat dieses sinnreiche Verfahren bedeutend vervollkommnet, und im Jahre 1862, wurden mit seinem Apparate bereits auf den Linien Paris–Lyon, Paris–Amiens und Paris–Marseille achtmonatliche Versuche angestellt, welche vollkommen die Ausführbarkeit der Idee zeigten, aber den zeichnenden Telegraphen doch für allgemeine Zwecke nicht geeignet erwiesen. Die neu verbesserten Apparate sollen indessen so praktisch sein, daß man sie alsbald auf allen französischen Präfecturen einführen will.

Um dem geneigten Leser, der an die Möglichkeit, Zeichnungen zu telegraphiren, nicht eher glauben will als bis er eine Idee des Verfahrens erhalten hat, entgegen zu kommen, wollen wir versuchen, in aller Kürze das Princip der älteren Einrichtung, welches höchst wahrscheinlich auch der neueren zu Grunde liegt, darzulegen. Man denke sich einen Metallstift, der, durch ein Uhrwerk sehr schnell, aber höchst regelmäßig bewegt, über eine unverrückbar darunter liegende Metallfläche derartig hingleitet. daß er sie, wenn die Spitze abfärbte, allmählich mit lauter engen Parallellinien bedecken wie man sagt, überschraffiren würde. Wenn man nun vorher mit Harzlösung oder einer Farbe, welche den elektrischen Strom nicht durchläßt, eine einfache Linearzeichnung, Schriftzüge oder dergleichen auf der Platte gemacht hätte und ließe nun einen elektrischen Strom von der Zeichnungsplatte auf die Spitze übergehen so würde dieser Strom jedesmal dann einen Augenblick unterbrochen werden, wenn die Nadel den nichtleitenden Strich der Zeichnung kreuzt. Indem man ferner diesen Strom auf beliebige Entfernung zu einem ganz genau gleichlaufenden und zu derselben Zeit telegraphisch in Thätigkeit gesetzten Uhrwerke hinleitet und die gleichlaufende Nadel desselben nur dann und so lange das Papier färbend berühren läßt, wie der Strom ausbleibt, so muß dort in hundert Meilen weiter Entfernung genau dieselbe Zeichnung entstehen welche an ersterer Station zeitweilig stromunterbrechend wirkt. Man läßt dabei einen elektrischen Reservestrom färbend wirken indem man ein mit Cyankalium getränktes feuchtes Papier anwendet, welches aus Metallgrund liegt und jedesmal, wenn die Eisenspitze es berührt, mit Hülfe des elektrischen Stromes blau gefärbt wird. Wie das Licht bei der Photographie. so wirkt hier der elektrische Strom färbend, indem er eine chemische Verbindung von blauer Farbe (Berlinerblau) erzeugt, und man könnte ebenso gut den aus der Ferne kommenden Strom diese Zersetzung bewirken lassen, würde aber dann bei der erwähnten Anordnung ein negatives Bild (weiß auf blauschraffirtem Grunde) erhalten. Ueberhaupt ist das Princip der mannigfachsten Wandlungen fähig, und es ja immerhin möglich, daß dieser sogenannte Pantelegraph in einer vervollkommneten Gestalt alle anderen verdrängt, sodaß wir unsere Depeschen in Originalschrift erhalten und alle möglichen Gerichtsacte in der Ferne vollzogen und höchst eigenhändig auf hundert Meilen Entfernung unterschrieben werden könnten. Der Caselli’sche Apparat arbeitete noch etwas zu langsam. obwohl er eine Originalhandschrift von fünfzehn Worten schon in einer einzigen Minute in beliebiger Entfernung wiedergab, wenn letztere nämlich in eine Zeile gebracht würden.

Der alte Graf Oxenstierna gab seinem Sohne als diplomatische Hauptregel auf. „Schreib’ nie einen Brief!“ und das erste Gebot für Steckbriefs-Aspiranten heißt schon lange: „Laß Dich nicht photographiren!“ Sie kennen die Wichtigkeit dieser Vorsicht recht gut und machen die Sache dem Polizei-Photographen oft durch Gesichterschneiden sehr sauer. Mit Rücksicht auf die neue Anwendung wird man die Verbrecher-Photographien ohne Zweifel künftig en profil anfertigen lassen und besondere Physiognomien-Zeichner ausbilden, die gegebenenfalls im Stande sind, nach einem En-face- Bilde die Profil-Ansicht herzustellen. Diese Gefährlichkeit der Photographie erinnert an den bei allen Naturvölkern verbreiteten Aberglauben, daß man sein Bild niemals in fremde Hände gelangen lassen dürfe, weil mit Hülfe desselben dem Originale der größte Schaden an Leib und Leben zugefügt werden konnte. Jede Verletzung des Bildes sollte dem Originale einen entsprechenden Schaden zufügen, und noch vor wenigen Jahrhunderten war dieser Aberglaube in Frankreich und England der Gegenstand einer Reihe großartiger Staatsprocesse. Aber der gewaltige Unterschied der Zeit malt sich darin, daß man heute nicht mehr mit den Abbildern einer Person Verbrechen verüben zu können glaubt, sondern sie umgekehrt benutzt, Verbrechen auszurotten und zu erschweren. Wer ein gutes Gewissen hat, braucht sich vor dem Photographen nicht zu fürchten wie die Indianer, die da meinen, der Bildnißmaler nähme einen Theil ihres Selbst mit sich fort.

Nicht weniger merkwürdig mag es erscheinen, daß der Telegraph neuerdings vielbeschäftigten Aerzten auch die Möglichkeit gewährt hat, ihren Patienten telegraphisch den Puls zu fühlen, nachdem man schon seit einigen Jahren angefangen hatte, denselben zu photographiren. Der amerikanische Arzt Dr. Upham in Salem bei Boston hat kürzlich einen Kreis seiner Zuhörer den Puls von Kranken sehen lassen. die in denselben Augenblicke in dem vierzehn Meilen weit entfernten Stadthospitale von Boston in ihren Betten lagen. Ein Telegraphendraht setzte das Spital mit dem Hörsale in Verbindung, und in derselben Zeit, in welcher die Schläge des Herzens voll einem automatisch wirkenden Apparate durch den Draht befördert wurden, erschienen sie bereits auf der Wand des Hörsaals, durch Magnesiumlicht sichtbar gemacht, als Schattenspiel, welches genau Zahl und Rhythmus derselben wiedergab.

Die telegraphischen Fortschritte häufen sich in der Neuzeit [50] förmlich. So hat die Firma Siemens und Halske in Berlin neuerdings einen kleinen, leicht transportablen und ohne Mühe anwendbaren Kriegs-Telegraphen erdacht, um jeden einzelnen Vorposten mit seinem Commando in Verbindung zu setzen, und die einfachen Zeichen, die für diesen Zweck in Betracht kommen, zu geben. Nichts würde aber an praktischer Bedeutung dem sogenannten Multiplex-Apparat von Meyer gleichkommen, der seit dem achtzehnten September auf der Strecke Berlin–Frankfurt in Thätigkeit ist. Derselbe soll es ermöglichen, eine größere Anzahl Depeschen gleichzeitig vermittelst derselben Drahtleitung zu befördern, so daß man also mit viel weniger Leitungen und Arbeitskräften auskommen wird. Ein Quadrupler-Apparat, wie er auf der genannten Strecke in Thätigkeit ist, befördert zweitausend Worte in der Stunde, was durch keine andere Vorrichtung bisher zu erzielen gewesen ist. Die Herren Bochotte und Bourbonce in Paris haben ihrer Akademie nun gar einen Bericht vorgelegt, nach welchem sie unter Umständen ohne alle Drahtleitung telegraphirt haben, und zwar, indem sie das Wasser der Seine als Leitung benützten. Das Verfahren wäre zwar nicht für die allgemeine Anwendung geeignet, da gewisse natürliche Strömungen der Elektricität dabei in Betracht kommen, aber es könnte sich vielleicht für Ausnahme-Fälle (belagerte Festungen) nützlich erweisen.

Praktisch wichtiger versprechen die Versuche zu werden, die telegraphischen Leitungen direct derartig mit den Locomotiven in Verbindung zu bringen, daß diese gleichsam selbst für ihre Sicherheit sorgen, indem sie nach der nächsten Station automatisch voraus melden, wenn sie eine bestimmte Stelle der Bahnstrecke passiren. Eine Art Besen mit Metallfasern, der an dem Bauche der Locomotive angebracht ist, fegt im Darüberhinfahren über eine erhöhte und mit einer Metallplatte bedeckte Stelle des Bahnkörpers und in demselben Augenblicke ertönt auf der nächsten Station das Auskunftssignal, welches also niemals vergessen werden kann. Solche Apparate sind von Lartigne, Forest und anderen Ingenieuren construirt worden und auf mehr als einer Linie bereits in Wirksamkeit. Eine noch einfachere derartige Vorrichtung, um das Befahrenwerden eines Schienenstranges telegraphisch voraus zu melden, ist von Professor Robinson erdacht und auf einer von Boston ausgehenden Bahn vor einigen Monaten in Anwendung gebracht worden. Die beiden Schienen des Stranges werden nämlich bei dieser neuen Einrichtung selbst als Telegraphendrähte benützt, in denen beständig ein geschlossener schwacher Strom kreist, so lange nicht eine Locomotive diese Schienen betritt und vermöge ihres Metallkörpers selbst die Schließung bewirkt. Dann geht der Strom selbstverständlich nicht mehr bis zur nächsten Station, und ein dort an weit sichtbarer Stelle angebrachter Hufeisenmagnet, den dieser Strom sonst beständig umkreist, läßt seinen Anker fallen, das Signal stellt sich von selbst auf „Gefahr“. Dieser einfache Apparat ist nur darum nicht schon längst erfunden, weil man nicht für möglich gehalten hat, daß man sich der beiden Schienen als isolirte „Drähte“ bedienen könne, und es also auch nicht versucht hat. Die bereits seit länger als einem halben Jahre fortgesetzten Versuche auf der Linie Boston–Lowell zeigten aber, daß die Isolation bei jedem Wetter vollständig ist. Es kommt nur darauf an, daß der Strom schwach bleibt, und deshalb hat Robinson die Strecke in Abtheilungen von je zwei englischen Meilen getheilt, für welche je ein Element den Dienst, als niemals schlafender Wächter, der auch nur alle sechs Monate einmal gespeist zu werden braucht, versieht. So muß der elektrische Strom nach allen Richtungen für unsere Sicherheit sorgen.