Untergang der Enzinger

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Johann Gottfried Munder, eventuell auch Wilhelm Friedrich Munder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Untergang der Enzinger
Untertitel:
aus: Stuttgarter Stadt-Glocke Nr. 90 vom 11. April 1845, S. 357-359
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: J. G. Munder
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung: Raubrittergeschichte aus einer Fortsetzungsgeschichte "Die Burg Rauber auf dem Hasenberg"
Siehe auch Schwäbisch Gmünd
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Stadtglocke rauber 1.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]
[357]
Untergang der Enzinger.

Fort zogen die v. Enzinger gen Lenningen bei Kirchheim, wo ein alter Edeler v. Sulzburg saß, der in Ruhe lebte und seine beiden Burgen auf der Alp zu verkaufen ausbot. Der Roßwaager erwarb sich die Veste Eck unweit Teck und stellte dieselbe quaderfest her. Nicht lange aber dauerte sein Wohnen auf der neuen Burg, so zog er auf Raub aus und Alles war gerecht, was auf dem Rücken der Krämer, an den Lenden der Bauern, oder auf Frachtwagen des Weges daher kam, dabei litten gar viel die Umwohner und die handeltreibenden Städte Gmünd, Kirchheim, Nürtingen, Reutlingen und Blaubeuren, zuweilen auch Eßlingen. Etlich und fünfzig Jahre duldeten die Städter diese Plage, weil sie nie die rechte Spur finden konnten. Denn der schlaue Burgherr hatte seinen Rossen, worauf er mit seinen Gesellen auf Freibeuterei ritt, die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, so, daß wenn er hinritt, die Huftritte sich zeigten, als ob er hergeritten wäre. Endlich kundeten dieß die Gmünder ab, überfielen das Raubnest, so lange der Stegreifler mit seinem Troß abwesend war, brachen, so viel sie konnten, von den Mauern ab, nahmen an Tragbarem mit, was thunlich ward, zuneben aber auch die Herrin nebst ihren zwei Knaben. Als der Burgherr heim kam, entsetzte ihn das Geschehene gar sehr und er jagte den Gmündern nach, holte sie ein, wurde aber von ihnen mit blutigem Kopfe heimgeschickt. Nach wenigen Wochen ritt er freiwillig nach Gmünd, um sich ehrenvest dort niederzulassen, und bei seiner Familie zu leben. Bald ward er wohlgelitten daselbst, und unter dem Namen Edler [358] v. Rauber, that er der Stadt als Kriegsbannherr viele Dienste, und starb daselbst in großem Ansehen. Sein Begräbniß ward ihm in der St. Johanneskirche benannter Stadt gegeben, unter dem Männlein mit dem sogenannten „Zweifelsstrick“, welcher drei in einandergeschlungene Brezeln vorstellt. Der eine seiner Söhne war rückenkrumm, zum Kriegsdienste untauglich, aber ein gelehriger Herr, der schon jung an Jahren zum Stadtschreiber gemacht wurde und später zum Stadtrichter vorrückte. Der zweite war ein kräftiger, stolzer Mann, dem der Stadtdienst nicht behagte und in das Schloß sich zurücksehnte, wo er als Kind wohnte, um daselbst unabhängig zu leben. Er gab seinen Vorsatz der Stadtgemeinde zu erkennen, die unter Vermittlung seines Bruders ihm ein ansehnlich Abfindgeld zahlte, womit er stracks abritt, nachdem er geschworen hatte, Frieden halten zu wollen gegen Gmünd treulich und ohne Gefährde. Vierundzwanzig Jahr später, brachte man einen hohen Mann, mit bleichen Haaren, gefangen nach der freien Reichsstadt Gmünd, den man als Räuber überwältigt hatte, im Schlichterholz (Schurwald). Unter keinen Umständen verrieth der Geworfne seinen Namen und es wurde ihm, den 6. des Erntemonats 1399, auf dem Marktplatz zu Gmünd die rechte Hand abgehauen und er hierauf an den „Schneller ob dem Rößlein“ gehängt. Nachdem er todt war und der Henker seine Kleider ihm abnahm, fand sich sein Name roth geätzet auf seinem rechten Arme, wodurch es klar wurde, wer er war, und daß sein eigener Bruder sein Richter war, worüber dieser sich also entsetzte, daß er ein Jahr später, am Mariä Himmelfahrtstage 1400, starb. Mit ihm erlosch die Familie der „Roßwaager“, was noch zu Anfang dieses Jahrhunderts auf einem Votivstein in der Dominikanerkirche, welche jetzt ein Roßstall ist, zu Gmünd zu schauen war. Den Stein zierte oben ein Wappen, das einen Reiter vorstellte, welcher über eine hohe Mauer herabspringt, unten war ein nackter Mann, welcher verschiedenen Ritterschmuck um sich herliegen hatte, und mit hochgeschwungenen Armen eine Tafel zerschlug. Dazwischen stand:

Hier fand Herr Enzing lobereich
Nach Mühwerk Todeslager!
Schwach war sein Körper, stark sein Geist,
Der Letztsproß der Roßwaager.
Ihm ward die Schickung zubestimmt,
Dem Bruder abzukünden
Das Leben, das peinrecht verwirkt
Er hatt’ mit Raubessünden.
Drob grämete der Edelmann
Sich also ab hienieden,
[359] Daß er nachdem in einem Jahr
Sein Haupt geneigt zum Frieden.
Obgleich sein Nam hier allweg hieß:
„Hans Anton Marx von Rauber,“
So war er untrem Brusttuch doch
Von jedem Unrecht sauber.
Deshalb han ihm dieß Mal erricht’,
Frei Gmündens lobsan Städter,
Und dieß hat ihm sein Freund gedicht’,
Mönch Xaver Hammerstätter,
Um’s vierzehnhundert und erste Jahr,
Da eben es just Bluschtmond (Mai) war.


Anmerkungen (Wikisource)

Die reißerische Geschichte, erschienen im Rahmen der berüchtigten "Sagen-Fabrikate" der Stuttgarter Stadtglocke (vgl. Klaus Graf, Sagen rund um Stuttgart, Karlsruhe 1995, S. 56-60 UB Frankfurt/M. und den Wikipedia-Artikel über den ADB-Fake Webercus), wurde in Schwäbisch Gmünd seit den Sagen der Heimat von Georg Stütz (1864-1948) irrtümlich als Lokalsage aufgefasst, obwohl es sich um eine literarische Erfindung handelt.

Erneut aus der Stadtglocke abgedruckt und mit einer Wiedergabe der noch nicht gemeinfreien Fassung von Georg Stütz versehen wurde der Text von Klaus Graf, Der Stadtrichter von Gmünd. Eine erfundene Sage aus der "Stuttgarter Stadt-Glocke" 1845, in: einhorn-Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1998, S. 99-106 Internet Archive. Dort finden sich weitere Erläuterungen.