Veilchen (Die Gartenlaube 1853)

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Titel: Veilchen (Die Gartenlaube 1853)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, 26, S. 264-266, 273-276
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[264]

Veilchen.

Nach dem Leben.

In einem hübschen kleinen Zimmer saß auf einem Lehnstuhle eine bejahrte Frau. Die blendendweiße Haube bedeckte ihr Haar ganz. Sie hatte die Hände in einander gefaltet; ihre Augen waren geschlossen und ihre Lippen bewegten sich in lautloser Rede. Sie schien zu fühlen, daß ein Bote des Herrn in ihrer Nähe war. Unfern von ihr stand an die Wand gelehnt ein Mann, der in trübem Sinnen den Blick zur Erde kehrte.

„Glück in’s Haus! Ich bring’ Ihnen eine Enkelin, Frau Heinemann,“ sagte eine Frau, die, einen Säugling auf dem Arme, in die Stube trat; es war die Kindfrau.

„Wo, wo ist sie?“ fragte die Alte hastig und schien aufstehen zu wollen, aber kraftlos sank sie zurück, denn sie konnte nicht ohne Beistand stehen und gehen.

Die Hebamme reichte ihr das Kind, welches Frau Heinemann zärtlich küßte und an ihre Brust drückte. – „Ich danke Dir, Herr, für diese Freude in meinem Trübsal. Doch meine Augen sind trübe, sagt, was hat meine Enkelin für Augen?“

„Blau wie die Veilchen,“ erwiderte die Kindfrau.

„Veilchen! Ich hatte eine liebe Jugendfreundin dieses Namens; ihr zu Ehren soll meine Enkelin auch so heißen. Doch wo ist mein Sohn Ruben, daß er seine Tochter segne und sein Weib in ihrer schweren Stunde tröste, Moses?“

„Ich kann nicht begreifen, wo er bleibt,“ erwiederte dieser und schaute sorgenvoll zum Fenster hinaus. – „Widerwärtiger Handel!“

„Was für ein Handel?“ fragte seine Mutter.

„Leidige Geldsachen, wie sie alle Tage vorkommen.“ erwiederte der Sohn in einem gezwungen gleichgültigen Tone. – „Jetzt kömmt er wohl, ich höre Schritte auf der Treppe.“

Er trat in das größere Nebenzimmer, dessen Ausgang zum Vorsaale führte. Aber nicht Ruben erschien, sondern Levi, der jüngste der drei Brüder.

„Ist er noch nicht hier?“ fragte der Eintretende.

„Nein, und auch Du hast ihn nicht gefunden? Es wird mir wirklich bange,“ sagte Moses leise, nachdem er seinen Bruder gebeten, dasselbe zu thun.

„Er ist um zwei Uhr bei Reichardt’s gewesen und hat, wie ich vom Ladendiener gehört habe, mit seinem Herrn in dessen Stube gesprochen; dann ist er hastig fortgestürzt und niemand will ihn weiter gesehen haben.“

„Ich kann mich eines bänglichen Gefühls nicht erwehren. Es ist eine eigne Sache mit den Empfangscheinen. Ich traue Reichardt nicht. Gott vergebe mir, wenn ich ihm Unrecht thue.“

„Es läßt sich nichts sagen. Du weißt, wie Ruben ist. Er hat einen verschlossenen Charakter. Wollte man ihn fragen, würde er sich sehr gekränkt fühlen, weil er meint, wir mißtrauen seiner Cassenführung.“

Moses rieb sich in großer Aufregung die Hände und sagte: „Ich gäbe was andres um die Papiere! Es ist mir noch wie heute, daß Ruben damals hereinkam, froh, daß wir die paar tausend pünktlich gezahlt hatten. Er legte die Scheine auf den Tisch, um den Rock auszuziehen. Dann ging er hinein zur Mutter und ich verließ die Stube. Mehrere Wochen darauf sagt er mir erst, er könne die Papiere nicht finden und wolle sich von Reichardt noch einmal quittiren lassen. Ich wüßte kein Stück im Hause, das wir nicht durchsucht hätten. Und doch habe ich es erst heute Morgen bei etwas gethan, das unserer Forschung entgangen war, in unserer Mutter Amsterdamer Bibel. Mir träumte vorige Nacht, eine Lichtgestalt trete an mein Bett und sage: Erhebe dich, Levi, und schlage das Buch der Bücher nach, du wirst finden, was du suchst! Ich wachte auf und wollte der Weisung des Traumes folgen, aber ich bedachte, daß die Mutter beunruhigt würde und verschob es bis zum Morgen, wo ich denn nichts fand.“

„Wenn es bei Reichardt brennte oder er stürbe und seine Bücher wären nicht in Ordnung oder – er wäre ein Schurke, wir wären verloren,“ sagte Moses bebend.

Die Thüre des Nebenzimmers öffnete sich und die Amme mit dem Kinde trat heraus. Der jüngere Bruder begrüßte den Ankömmling ebenfalls zärtlich.

„Lassen wir die finstern Gedanken,“ sagte Moses, allein mit seinem Bruder. „Ruben hat einen Geschäftsfreund getroffen, ist mit ihm in’s Gespräch gekommen und hat Zeit und Ort vergessen. Doch jetzt vor allem Licht, es ist ja fast Nacht geworden.“

Als er die Thür öffnen wollte, geschah dies von außen. Die Magd mit einer Küchenlampe in der Hand zeigte sich. Mit einem lauten Schrei fuhr sie zurück und schlug die Thüre wieder zu.

„Was fällt Ihr denn ein, Hanne?“ fragte Moses unwillig, nachdem er die Magd hereingelassen hatte.

„Ach, nehmen Sie’s nicht übel, Herr Heinemann,“ sagte sie leise und sah sich mit einem verstörten Blicke halb um, – aber ich war selbst sehr erschrocken. Schon den ganzen Nachmittag ist’s immer gewesen, als sei jemand um mich herum.“

„Was macht meine Schwägerin?“ fragte Levi.

„Vorhin fragte sie alle Augenblicke nach dem Herrn, aber seit einer Viertelstunde ist sie ganz ruhig. Sie murmelt einmal vor sich hin, dann schweigt sie wieder, als spräche sie mit jemandem. Mir grauete, ich mußte heraus.“

Die Hausthüre unten öffnete sich, Stimmen und Tritte erschallten, man kam mit schweren langsamen Schritten die Treppe herauf, als trage man eine Last. Moses öffnete die Thüre, um Ruhe zu gebieten. Hinter ihm schaute Levi hervor. Aber beide erstarrten vor Entsetzen bei dem Anblicke, der sich ihnen darbot.

Auf dem Vorsaale dicht an den Stiegen hatten zwei Männer eine Tragbahre hingestellt. Auf derselben lag, von einem groben Linnentuch bedeckt, ein Leichnam. Die Decke hatte sich etwas verschoben und zeigte das bleiche aufgedunsene Gesicht Ruben Heinemann’s. Kleine Wasserströme, die von der Bahre ausliefen, zeigten, wie der Unglückliche geendigt hatte. Tiefes Schweigen herrschte. Plötzlich erschallte ein Schrei in der großen Stube. Gedankenlos wandte sich Levi und sah, wie seine Mutter in [265] der Thüre ihres Zimmers stand, von wo aus sie die Bahre erblicken konnte, und wie sie im Umsinken begriffen war. Er eilte herbei und fing sie auf; Moses gewann ebenfalls wieder Besinnung. Er winkte den Trägern, leise die traurige Last in’s Zimmer zu tragen und sandte dann Levi und die Magd nach Aerzten. Lange saß er vor der Leiche seines Bruders im finstern Brüten. Dann nahm er die Lampe und begab sich in die Krankenstube. Er fand die Amme nicht mehr vor. Mit einer bangen Ahnung trat er an das Bett der Wöchnerin; er neigte sich über sie – kein Athemzug – ihre Hand war kalt. Entsetzt holte er die an der Thüre zurückgelassene Lampe herbei: – seine Schwägerin war todt.

„Der Schrecken hat sie getödtet. Gott sucht unser armes Haus schwer heim,“ murmelte er und drückte ihr die Augen zu. Das Kind fing an zu wimmern. Er hob es auf und drückte es mit Thränen an seine Brust.

„Armes Wesen,“ sagte er mit gebrochener Stimme. – „Vater und Mutter hast Du schon beim Eintritte in die Welt verloren. Für die Mutter wird der Himmel sorgen, Väter sollst Du zwei haben.“

„Es ist vorbei,“ sagte Moses beim Eintreten in das Zimmer zu seinem Bruder, der ihm erwartungsvoll entgegentrat. – „Wir sind ruinirt. Reichardt hat geschworen, daß Ruben ihm nur den vierten Theil der Summe, also tausend Thaler gezahlt hat. Wir haben keinen Beweis, daß die ganze Summe abgetragen ist und müssen den Rest nachzahlen.“

Levi war unendlich bestürzt. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf und sagte: „Ich hatte immer noch die geheime Hoffnung, daß Reichardt es nicht auf’s äußerste treiben würde, denn bei Gott! ich bin fest überzeugt, daß Ruben die ganze Schuld abgetragen und Reichardt einen Meineid geschworen hat.“

„Es drängte sich mir unterwegs ein Gedanke auf,“ nahm Moses mit zitternder Stimme das Wort, „den ich durchaus nicht bannen konnte. Du weißt, Ruben war am Morgen seines Todestages bei Reichardt; sollte ihn dieser nicht vielleicht durch das Ableugnen der empfangenen Zahlung zur Verzweiflung gebracht haben, so daß sich unser Bruder selbst –“

Sprich es nicht aus, das Schreckliche!“ fleht Levi. – „Auch ich habe in bittern Stunden daran gedacht. Gott allein kann hier das Wahre sehen und er läßt keinen Frevel ungerochen.“

„Jetzt muß vor allem unsere Sorge sein, unser ganzes Hab und Gut flüssig zu machen, denn Reichardt will den Rest seiner Forderung auf einmal und sogleich.“

„Wie!“ rief Levi, blaß vor Schrecken. – „Dreitausend Thaler sogleich bezahlen!“

„Nur durch meine dringendsten Vorstellungen, die selbst der Bürgermeister unterstützte, gelang es, wenige Wochen Aufschub von Reichardt zu erlangen. Wir müssen eben unsere Waaren, unser Hausgeräthe, kurz Alles zu Geld machen. Es ist besser, wir verkaufen selbst und behalten unsere Ehre, als daß man es uns verkauft und die Ehre auch verloren geht.“

„Weißt Du, Moses, die Mutter darf um Gottes willen nicht merken, daß wir – blutarm geworden sind; sie würde den Tod davon haben. Bei ihr muß alles bleiben, wie es ist.“

„Versteht sich. Sie muß ihre Chokolade Morgens forttrinken; sie ist von Jugend auf daran gewöhnt. Ich werde kein Bier mehr trinken.“

„Ich werde nicht mehr schnupfen und rauchen. Und unser armes Töchterchen, Veilchen? Sie braucht jetzt weiter nichts als die Mutterbrust, und die hat sie gefunden. – Höre, Levi, Du bist noch ein junger Mann, Du könntest heirathen, damit Veilchen eine rechte Mutter bekommt, die sie doch besser pflegen würde als unsere Base. Was meinst Du?“

Levi war roth geworden. „Nein, nein,“ sagte er, „das geht nicht. Aber warum willst Du nicht heirathen; Du bist nur fünf Jahre älter als ich und ein viel hübscherer Mann?“

„Du weißt, ich bin im Herzen kein Jude mehr; deshalb mag ich keine Jüdin. Eine Christin kann ich nicht heirathen, weil ich nicht getauft bin. Und das darf ich nicht, um unsere Mutter nicht tödtlich zu kränken.“

„Ist’s nicht bei mir dasselbe?“

„Einstweilen muß also Alles bleiben, wie es ist.“

„O, ich bin jetzt ganz getrost und muthig,“ sagte Levi etwas erheitert. – „Wir werden viel mit Schmerz entbehren, aber auch neue ungewohnte Freude kosten.“

„Gewiß, Levi. Doch wir müssen uns noch mehr einschränken. Unsere kleine Familie braucht wenig Platz, wir können die Hälfte unserer Wohnung abgeben.“

„Richtig. Auch die Magd ist übrig, eine Aufwärterin genügt.“

„Nun müssen wir auf einen Erwerb denken. Fällt Dir vielleicht etwas ein, Levi? Ich habe bei der Masse von Entwürfen, uns aus der gegenwärtigen Noth zu retten, noch nicht Zeit gehabt, an die Zukunft zu denken.“

„Unser bisheriges Geschäft können wir allerdings nicht fortführen; es fehlt uns an Capital und Credit. Wie wäre es, wenn wir ein Commissionsgeschäft errichteten? Die Leute kennen uns als rechtlich. Verdienen wir auch im Anfange nur wenig, so macht es sich wohl mit der Zeit, wenn man an uns einige Gewandtheit neben der Rechtlichkeit wahrgenommen hat.“

„Die Sache ist nicht übel. Wohlauf denn, in Gottes Namen, sie angegriffen!“

Sechzehn Jahre sind vergangen; sie sind für die wackern Brüder Heinemann dahin mit allen Sorgen, Anstrengungen, Entbehrungen und Aufopferungen. Es ist ihnen gelungen, ein ehrenvolles, wenn auch ärmliches Leben zu führen und – was ihr kindliches Herz mit Stolz und geheimer Freude erfüllte – ihre alte Mutter vollkommen in dem Wahne zu erhalten, daß sie wohlhabende Söhne habe. Wie viele Verlegenheiten freilich hatten sie zu überwinden, wie viele Nothlügen mußten sie über die widerstrebenden Lippen pressen! Erleichtert wurden diese Anstrengungen, den Schleier der Täuschung über den Zustand ihres Hauswesens zu werfen, durch den Umstand, daß die alte Frau seit jenem Schreckensabend ihren Lehnsessel nur mit dem Bette vertauschte und umgekehrt. Der Stolz der kleinen Familie war Veilchen; sie war die treue Pflegerin ihrer Großmutter und stand schon seit mehreren Jahren [266] dem Hauswesen fast allein vor. Dafür hütete die Alte sie auch wie ihren Augapfel und suchte sie nach Kräften zu entschädigen, daß sie ihr die Feierstunden opferte. Da erzählte sie ihr von den Wundern ihrer Vaterstadt Amsterdam, von den großen Kauffahrerschiffen und vom Meere; wie prachtvoll die Synagoge dort sei und wie groß die Zahl derer, die den wahren Gott verehren. Als die Kleine in das Alter trat, wo der Mensch gewöhnlich anfängt, für sein künftiges Leben zu lernen, verlangte Frau Heinemann von ihren Söhnen einen jüdischen Lehrer für ihre Nichte. Nur mit großer Mühe gelang es, sie davon abzubringen, Veilchen wurde wie andere Kinder in die Stadtschule geschickt. Nun mußte sie aber wenigstens aus der Religionsstunde wegbleiben, die Alte wollte sie selbst in ihrem Glauben unterrichten. Das arme Kind hatte doppelte Mühe, in der Schule mußte es das ABC lernen, und zu Hause sollte es bei der Großmutter die großschnörkeligen hebräischen Schriftzeichen unterscheiden. Nach der Mühe kam aber auch der Genuß, denn Frau Heinemann, die eine gute Erziehung genossen hatte, las mit dem Mädchen ausgewählte Stücke des alten Testamentes und erklärte die feinen Holzschnitte in dem Buche. Das waren denn gewöhnlich Feststunden für das gute Veilchen.

Es war ein trüber Novembernachmittag und die Dämmerung brach bereits herein. Veilchen hatte ihre Hausgeschäfte besorgt und setzte sich mit ihrem Strickzeuge zur Großmutter. Der Ofen, in welchem ein stattliches helles Feuer brannte, sang ein lustiges Lied und die Begleitung zu der Weise gab ein Topf mit brodelndem Kaffee, welchen Veilchen zur Erquickung der heimkehrenden ausgefrorenen Oheime beigesetzt hatte.

„Veilchen,“ sagte jetzt die Alte mit ganz veränderter Stimme, daß das Mädchen tief in ihr Herz hinein erschrack. – „Veilchen, ich muß euch jetzt verlassen; der Herr hat mich so eben zu sich gefordert. Aber bevor ich von dannen gehe, will ich Dich ermahnen: bleibe dem Glauben Deiner Väter treu und hüte Dich vor den Christen. Doch ich sehe es, sie werden Dich bereden. Meine Söhne sind wacker, aber ach! – ich verstehe die Welt nicht mehr – sie sind abtrünnig. Ich segne sie, doch Du, mein Herzblatt, höre nicht auf sie, wenn sie Dich verlocken wollen. Schwöre mir das zu, und Du wirst glücklich sein.“

Veilchen war aufgesprungen, aber das Entsetzen hatte sie der Sprache und des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt.

„Fällst Du aber ab,“ fuhr die Alte mit ihrer geisterhaften Stimme fort, „so wird der Herr Dich strafen, wie – Deinen Vater. Ach, ich weiß es. Der Gott unseres Volkes wich zornig aus seinem Herzen und seine Stelle nahm Satan ein, der ihn in die Fluthen trieb. Bleibe dem Herrn der Heerschaaren treu, mein Kind. Die heilige Schrift, die mir einst mein Vater gab, als ich eine Jungfrau wurde und die stets mein Trost im Leben gewesen ist, sie sei Dein künftiger Führer. Und nun lebe wohl, mein goldenes Kind. Der Herr segne Dich und behüte Dich und halte seine starke Rechte über Dir immerdar und ewig.“

Veilchen hatte sich von der ersten Bestürzung erholt, aber sie konnte nichts thun, da die Großmutter ihre Hand krampfhaft fest hielt. Es wurde ihr immer länger und wehmütiger, und ihre Thränen flossen reichlich, während jene tief stöhnte. Endlich ließ die alte Frau ihre Hand los und machte eine Bewegung, als wolle sie jemanden umfassen, doch ihre Arme sanken sogleich schlaff herab. Ein letzter Seufzer und sie war verschieden. Jetzt übermannte das Entsetzen das junge Mädchen; sie verließ hastig das Zimmer und eilte die Treppe hinab, um ihre Oheime unten zu erwarten. Diese traten so eben zur Hausthüre herein. Wenige Worte genügten, sie von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen. Die wackern Söhne konnten weiter nichts thun, als ihrer Mutter den letzten Dienst erweisen, dann überließen sie sich ohne Zwang den Ausbrüchen ihres Schmerzes, den ihre kindlichen Herzen bei diesem schweren Verluste empfanden.

[273] Rastlose erhöhte Thätigkeit ist die beste Arznei gegen den Gram. Die beiden Brüder hatten dies vor Jahren schon und jetzt wieder erprobt. Mit Unruhe sahen sie, wie Veilchen’s Auge immer trüber, ihre Wangen immer blässer wurden, wie sie selbst hinsiechte, und sie beriethen sich unter einander, auf welche Weise das Heilmittel am leichtesten anzuwenden sei.

„Sie soll das Kleider- und Putzmachen lernen,“ sagte Moses. – „Die Besorgung des Hauswesens läßt ihr noch zu viel Zeit zum Brüten. Das wird sie zerstreuen und außerdem kann sie sich etwas verdienen, womit sie einmal ihre Ausstattung bestreiten kann.“

„Es ist überhaupt gut,“ bemerkte Levi, „wenn sie ein wenig unter die Menschen kömmt. Die Mutter hat es nach ihrer Art recht gut mit ihr gemeint, daß sie das Kind beständig unter ihren Fittigen hielt, aber das taugt nichts für ein junges Mädchen, wenn sie ist, als wäre sie in die Welt hineingeschneit.“

„Sehr richtig. Vielleicht wäre es dann am besten, wir suchten einen anständigen Dienst für sie. Bei fremden Leuten wird sie Welt und Menschen schneller und besser kennen lernen, als bei uns zu Hause.“

„Könntest Du es denn über das Herz bringen, Dich von dem guten Kinde zu trennen?“ fragte Levi mit gerührter Stimme.

„Freilich, freilich, das Herz würde mir bluten, wenn ich sie in die kalte herzlose Welt schicken müßte,“ erwiederte Moses, der ebenfalls weich geworden war. – „Nur der Gedanke könnte mich trösten, daß es zu ihrem Glücke wäre. Noch eins, lieber Levi,“ fuhr der ältere Bruder zögernd fort – „komme es, wie es will – mag sie nun bei uns bleiben oder nicht – das wollen wir nicht länger verschieben, was mir zur Begründung ihres äußeren Glückes nothwendig scheint – Du weißt, was ich meine.“

„Ich verstehe Dich vollkommen,“ fiel Levi ein. – „Du sprichst von ihrer Taufe. Du hast ganz recht; als Jüdin wird sie stets auf Hindernisse bei ihrer Lebensreise stoßen. Ueberdem ist die Rücksicht auf unsere gute Mutter weggefallen.“

„Doch muß der Uebergang leise sein. Wenn wir ihr die Binde jäh von den Augen rissen, könnte sie leicht mit der Achtung vor der alten Lehre auch die vor ihrer Lehrerin verlieren. Sie hat noch nicht genug Verstand und Menschenkenntniß, um zu wissen, daß man in verjährtem [274] Irrthume befangen doch ein vortrefflicher Mensch sein kann.“

Es geschah, wie die Brüder verabredet hatten. Ganz allmälig entledigten sie sich des Zwanges, welchen sie sich im Betreff der Speisen aus Achtung vor den religiösen Vorurtheilen ihrer Mutter aufgelegt hatten. Ebenso unterließen sie gewisse andre Gebräuche, die bisher wenigstens zu Hause von ihnen beobachtet worden waren. Man ruhte nicht mehr am Sabbath, sondern am Sonntage von den Mühen der Woche. Veilchen sah das Alles mit stillem Erstaunen, doch da keiner ihrer Oheime ein Wort über diese Veränderungen verlor, schwieg sie auch und that bald wie sie.

Weihnachten kam heran. Wie oft hatte Veilchen in frühern Jahren mit leuchtenden Augen und pochendem Herzen die von Christbäumen erleuchteten Fenster der Nachbarhäuser angesehen und wohl gar ein jauchzendes Aufschreien der beschenkten Kinder mit scharfem Ohre aufgefangen, aber stets hatte ihre Freude einem bittern Gefühle Platz gemacht – was ging Christus sie an?

Mit ähnlichen Empfindungen, wenn dieselben auch nicht mehr so stark wie einst sich geltend machten, da sie über die frohen Täuschungen der Kindheit hinaus war, ging Veilchen auch jetzt am heiligen Abende aus ihrer Nähstunde nach Hause. Sie öffnete die Thüre und – o welche Ueberraschung! Inmitten der Stube stand ein Tisch und auf demselben, in einem Klotze befestigt, ein kleines Christbäumchen. Die Oheime waren mit schmunzelnden Gesichtern beschäftigt, die Wachslichtchen an demselben anzuzünden und hier und da noch ein Zuckerherz, eine vergoldete Nuß oder einen versilberten Apfel anzuhängen. Auf dem Tische vor dem Baume lagen noch allerhand Geschenke in einem Korbe. Beim Geräusche, welches das Oeffnen der Thüre verursachte, wandten sich beide Männer von ihrer eifrigen Beschäftigung ab und sahen ihre Nichte bewegungslos und mit strahlenden Augen auf der Schwelle stehen.

„Nein, da ist sie schon, das böse Kind,“ sagte Moses lachend. – „Wir wollten sie überraschen und sie überrascht uns. Nun komme nur her, Du kannst Dir jetzt Deinen Baum selbst anzünden.“ – Und er rieb sich lächelnd die Hände.

Aber Veilchen warf ihren Beutel beiseite und eilte schluchzend, weinend und lachend zu gleicher Zeit, von einem Oheim zum andern und küßte und herzte jeden von beiden tausendmal. Dem guten Levi liefen die hellen Thränen über die Wangen und seine Hand zitterte, als er die übrigen Wachslichter anbrannte.

„Nun sieh, Veilchen, was Dir der heilige Christ bescheert hat,“ sagte Moses. – „Es ist freilich nicht viel, denn sonderbarer Weise sieht er bei der Vertheilung seiner Gaben immer den Geldbeutel der Alten an.“

O diese Herrlichkeiten! Kam der heilige Christ zum ersten Male zu Veilchen, so schien er auch alles nachholen zu wollen. Da gruben die wühlenden Hände des Mädchens eine schöne Tuchhaube mit Pelzverbrämung an’s Licht, dann folgte ein Biberrock, ein Umschlagetuch (der heilige Christ schien die Kälte draußen auch gemerkt zu haben), eine funkelnagelneue Schürze, ein Gebündel Stricknadeln und Garn, Röllchen mit Zwirn und Seide in allen erdenklichen Farben, eine Büchse mit Nähnadeln. Doch wer könnte die Kostbarkeiten alle herzählen? Als sie so ein Stück um das andere herausnahm und immer noch kein Ende werden wollte, schaute Veilchen bald den Korb an, bald die Oheime, und diese lachten bei jedem Griffe, den sie that, hell auf vor Vergnügen. Aber ganz unten am Boden des Korbes unter Aepfeln und Nüssen und Pfefferscheiben zeigten sich auf einmal zwei Bücher, in schwarzes Leder gebunden und mit Goldschnitt. Das Mädchen warf einen fragenden Blick auf die Männer, deren Gesichter auf einmal ganz ernst geworden waren. Moses nickte ihr zu als wolle er sie ermuntern, nur zuzugreifen. Sie that es zögernd und hielt in den Händen – ein neues Testament und ein Gesangbuch.

Und nun begann Moses in eindringlicher Rede dem tiefbewegten Mädchen auseinander zu setzen, wie er und seine Brüder, sobald sie zur Einsicht gekommen seien, stets die Absicht gehabt hätten, die jüdische Religion, welche sie als veraltet erkannt, zu verlassen und Christen zu werden; wie sie aber stets aus Liebe zu ihrer altgläubigen Mutter den Schritt unterlassen hätten, was vielleicht unrecht gewesen wäre, denn man solle Gott mehr lieben als die Menschen; wie Veilchen’s Vater nur durch seinen plötzlichen Tod gehindert worden sei, sie gleich bei ihrer Geburt taufen zu lassen, wie er beabsichtigt. Das letzte Hinderniß, die Rücksicht auf die Mutter, sei gehoben, Veilchen aber zugleich ein großes und verständiges Mädchen geworden, welches selbst die Entscheidung in der Sache geben könne.

Veilchen weinte sehr, die Warnung ihrer sterbenden Großmntter fiel ihr ein; mit schwerem Herzen versprach sie zu gehorchen.

„Davon kann keine Rede sein,“ sagte Moses. – „Gott behüte, daß ich Dir Zwang anthäte. Lerne das Christenthum kennen, wie Du das Judenthum kennst, dann prüfe und behalte das beste.“

„Nun kommt,“ nahm Levi das Wort. – „Jetzt wollen wir Weihnachten feiern, Nüsse knacken, Aepfel schälen und Kuchen essen. Ist das nicht ein herrlicher Abend? Das Bäumchen mit seinen Lichtern erhellt nicht nur die Stube, nein auch das Herz. Kommt, seid froh in seinem Namen, dessen Fest wir feiern.“

Moses traf Verabredung mit einem würdigen Geistlichen, und so hatte Veilchen dreimal die Woche Religionsstunde. Nicht lange dauerte es, so sehnte sie den Glockenschlag herbei, der sie zum Pfarrer führte, und auch dieser freute sich herzlich, wie er gestand, über seine gelehrige Schülerin. Was Moses vorausgesehen hatte, geschah: Veilchen kam selbst und erklärte ihren Entschluß, Christin werden zu wollen. Man bestimmte, sie solle an dem Confirmandenunterricht Theil nehmen, dann getauft und zugleich mit confirmirt werden.




Am ersten Pfingstfeiertage strömte eine ungewöhnlich große Menschenmenge in die Stadtkirche, darunter viele Mädchen in weißen Kleidern und angehende Jünglinge, die sich gar stattlich in den schwarzen Fräcken ausnahmen, denn es hatte sich das Gerücht verbreitet, es werde ein schönes Judenmädchen getauft.

Veilchen, die mit ihren Oheimen, zwei Freunden derselben und einem Rathsherrn, welcher die dritte Pathenstelle [275] bei ihr versehen sollte, in einem Seitenstuhle saß, war während des Gottesdienstes in einer fieberhaften Aufregung. Als der Geistliche, es war ihr Lehrer im Christenthume, an das Taufbecken trat, erhob sich das Mädchen rasch, aber sogleich wich alles Blut aus ihrem Gesichte und sie mußte sich auf den Arm ihres Oheims stützen. Der verständige Pfarrer sprach nur wenige passende Worte, weil er einsah, wie angreifend das alles für ein zartes Mädchen sein müsse. Als er mit der feuchten Hand ihren Scheitel berührte, sank der schöne Täufling mit einem leisen Schrei in die Arme des ihr zunächststehenden Pathen, doch sie erholte sich sogleich wieder und die Handlung endigte ohne weitere Störung.

„Gott verdamm mich,“ sagte ein junger Herr, der mit zwei andern in einem Kirchstuhle stand. – „Ich gäbe gleich zehn Thaler drum, wenn sie mir in den Arm gefallen wäre, das prächtige Kind. Seht nur, wie sie die Augen so schmachtend aufschlägt; man möchte gleich des Kukuks werden. Was sagen Sie, Reichardt? Sie sind ganz Blick,“ wandte er sich zu einem andern, der Veilchen unverwandt ansah.

„Ruhig, Sie stören ja die Versammlung,“ erwiederte der Angeredete.

„Na wahrhaftig, noch geschehen Zeichen und Wunder,“ sagte der Erste lachend. – „Reichardt wird fromm. Von solch’ einem reizenden Apostel ließe sich wohl jeder gern bekehren.“

Veilchen war auf die Namen Viola Augusta getauft worden, da die Oheime sie bei ihrem alten Namen fortzunennen wünschten, beide Benennungen paßten vortrefflich für sie. War sie doch anspruchslos wie ein verschämtes süßduftendes Veilchen und doch so erhaben in ihrer Bescheidenheit. Als sie da stand, wagte sie einen scheuen Blick auf die christliche Gemeine, der sie nun auch angehörte und flüsterte: „Alle will ich sie lieben, und sie werden auch mich lieben.“ – Armes Veilchen!

„Aber was wandelte Dich an, Kind?“ fragte Moses auf dem Heimwege.

„Als ich die nasse Hand auf dem Scheitel spürte, war es mir gerade, als schlüge eine Welle über meinem Haupte zusammen.“




„Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Heinemann,“ fragte eine ärmlich gekleidete Frau, die schüchtern grüßend eingetreten war.

Moses betrachtete sie forschend und sagte dann: „Sie kommen mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht besinnen.“

„Ja, ich habe mich verändert in den siebzehn Jahren. Ich bin ja die Hanne, die dazumal bei Ihnen gedient hat, wie – wissen Sie,“ – dabei sah sie Veilchen an.

„Richtig, jetzt erkenn’ ich Sie wieder. Setzen Sie sich. Wie geht’s, wie steht’s?“

„Ich danke, nicht besonders. Ich wollte mich eben bei Ihnen nach einem Dienste erkundigen, ich habe gehört, Sie geben sich damit ab.“

„Nun, wir haben immer derlei Aufträge. Wie heißen Sie denn? Noch wie sonst oder – ?“

„Ich war verheirathet und heiße Käufling.“

„Da könnte sie wohl die Aufwartung bei uns bekommen; ich bin ohnehin mit Christeln nicht zufrieden,“ sagte Veilchen.

„Auch das. Da kommen Sie morgen gleich zu uns, Hanne. Wenigstens für den ersten Riß ist gesorgt.“

„Ja, Sie sind immer gute Herren gewesen,“ erwiederte die Frau gerührt. – „Der Mensch weiß oft nicht, was er thut, sonst besänn’ er sich anders. – Und das ist das Töchterchen! Ja, wie die Jahre hingehn! Es ist mir, als wär’ es gestern Abend gewesen, daß Sie auf die Welt kamen, Mamsellchen. Ach, das war eine Nacht! – Mit Herrn Reichardt halten Sie wohl keine Freundschaft mehr wie ehedem?“

„Herr Reichardt ist ein steinreicher vornehmer Mann geworden, und wir arme Leute, das paßt nicht zusammen,“ erwiederte Moses mit einem bittern Lächeln.

Hanne murmelte etwas vor sich hin und schüttelte den Kopf leise. – „Die Frau Mutter lebt wohl schon lange nicht mehr, sie war damals schon bei Jahren?“

„Doch ist sie erst vorigen Spätherbst gestorben.“

„Eine brave Frau, Gott habe sie selig; habe oft an sie gedacht. Nun da will ich so frei sein und morgen kommen, weil Sie so gütig gewesen sind.“ – Damit stand Hanne auf und ging.




O süßes Geheimniß verschwiegener erster Liebe! Veilchen ging so still und feierlich, so verklärt umher; eine tiefe Befriedigung sprach aus ihrem ganzen Wesen. Kam aber der Abend herbei und mit ihm die Stunde, wo sie ihren Heinrich in Hannen’s kleinem Stübchen sehen sollte, dann bemächtigte sich ihrer eine fieberhafte Unruhe, die sich nur legte, wenn sie in seinem Arme ruhte. Oft fiel es ihr freilich schwer auf das Herz, daß sie ein Geheimniß vor ihren Oheimen hatte, aber stets beruhigte sie Heinrich damit, daß gerade in der Heimlichkeit ihrer Liebe deren Weihe beruhe. Wenn das Paar in ihrer kleinen Stube saß, stand Hanne wohl in einem dunkeln Winkel mit gefalteten Händen und pries sich im Stillen selig, daß sie die beiden jungen Leute so glücklich gemacht. Sie ging überhaupt mit einem zufriedenlächelnden Gesichte umher, als habe sie etwas recht Tüchtiges vollbracht und die Lösung einer schweren Aufgabe gefunden.

Frühling und Sommer starben lächelnd hin, denn sie sahn Veilchen glücklich; es kam der rauhe Herbst, der die Blüthen des Sommers tödtet.

Heinrich war schon einigemale nicht erschienen, Veilchen wurde immer blässer, und Hanne, selbst beunruhigt, vermochte ihr keinen Trost zu geben. In der Abenddämmerung traf ihn endlich die Aufwärterin auf der Straße. Sie sagte ihm, wie sehr sich seine Geliebte ängstige, er möge doch kommen, ihre Unruhe zu stillen.

„Ich will Ihnen was sagen, Frau Käufling,“ erwiederte er verdrießlich. – „Ganz offen: ich bin der Geschichte überdrüssig. Wozu soll es ferner führen? Ueberdies verlob’ ich mich nächster Tage. Sie sehen ein,“ –

„Verloben!“ unterbrach sie ihn mit erstickter Stimme. „Und Veilchen?“

Der junge Mann zuckte verlegen die Achseln. „Lieber Gott! sie ist ein liebenswürdiges, prächtiges Mädchen, ich habe sie recht gern, aber – heirathen kann ich sie doch nicht.“

[276] „Und was soll ich ihr sagen?“ fragte Hanne mit heiserer Stimme.

„Sagen Sie ihr, was ich Ihnen eben mitgetheilt habe und sie solle sich einen andern suchen. Und nun gute Nacht!“

Die Frau blieb stehen und sah dem Davoneilenden mit einem Blicke entsetzlicher Wuth und Verzweiflung nach. – Wieder betrogen! stöhnte sie. – Nun nimmt es ein Ende.

Als sie am andern Morgen ihre Dienstleistungen bei Heinemann’s verrichtet hatte, sagte sie: „Ich wollte auch Lebewohl sagen; ich muß nämlich eine kleine Reise in Erbschaftssachen antreten; ich darf das nicht versäumen. Die Tochter meiner Wirthin wird die Aufwartung für mich besorgen. Bleiben Sie gesund und wohl und behalten Sie mich in gutem Andenken.“

„Nun, Sie thun ja, als nähmen Sie auf ewig Abschied,“ meinte Levi.

„Ich denke, nicht auf ewig,“ erwiederte Hanne.

Veilchen, bleich wie eine Lilie, reichte ihr stumm die Hand und sah sie mit einem Blicke an, als verstände sie vollkommen, was jene meine.

Als Hanne die Thüre hinter sich schloß, schluchzte sie laut auf.

Nachmittags eilte Moses sehr verstört nach Hause. Er grüßte Veilchen leise, die nähend am Fenster saß, setzte seinen Hut hin und stellte sich an das andere Fenster. Nach einiger Zeit erst wagte er einen halben Blick auf das Mädchen zu werfen; er schien aus ihrem Anblicke Muth geschöpft zu haben.

„Veilchen,“ sagte er mit zitternder Stimme und trat einen Schritt auf sie zu. – „Ich muß von andern Leuten erfahren, daß Du liebst, und daß es der Sohn unsres“ –

Sie hatte sich bei der Anrede von der Arbeit aufgerichtet; eine glühende Röthe überzog ihre blassen Wangen; sie stieß einen Schrei aus und hielt die Hände vor das Gesicht.

„Ruhig, liebes Kind; ich mache Dir ja keinen Vorwurf. Du wußtest nichts von dem unseligen Handel, und Du hast keine Mutter, der Du Dein Herz öffnen konntest. Doch nun, da ich es einmal weiß, schenke mir auch Dein volles Vertrauen.“

Veilchen schüttelte wehmüthig den Kopf und erwiederte nichts; sie ging in ihr Nebenzimmer und brachte ihrem Oheim die alte hebräische Bibel.

Dieser schlug sie auf und blätterte. Da fand er Rosen, Nelken und Vergißmeinnicht, Liebesgaben von Heinrich, aber verwelkt! Es lagen auch Zettel und Briefe darin. Moses prüfte, las alles, aber sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr. Er blätterte weiter. Plötzlich schrie er laut auf und sprang in die Höhe; in der Bibel lag eine Faltung Papiere.

In diesem Augenblicke trat Levi ein und betrachtete verwundert seinen Bruder.

„Kennst Du diese Papiere?“ rief ihm dieser entgegen und hielt sie in die Höhe.

„Die Empfangscheine von Reichardt!“ stammelte der andre.

„Nun, sei getrost, Veilchen!“ sagte Moses, seine Nichte umarmend, nahm alle Papiere aus der Bibel zusammen und verließ eilig das Zimmer.




Zwei Tage später wurde Moses zum Commerzienrath Reichardt beschieden. Er traf ihn als Sterbenden. Bei Heinemann’s Erscheinen bedeutete er den anwesenden Notar, den Geistlichen und den Arzt ihn zu verlassen und winkte jenem.

„Sie war bei mir,“ flüsterte er Moses in’s Ohr, der sich über ihn herneigte.

„Wer?“ fragte dieser.

„Nun, Ihre Hanne. Sie sagte mir, sie habe Barmherzigkeit gefunden und bedürfe nur Ihrer Verzeihung noch.“

„Hanne, meiner Verzeihung?“ wiederholte Moses verwundert.

„Sie hat mir vergeben, daß ich sie einst zum Diebstahle Ihrer Documente verlockte. Ja, ich that es, Herr Heinemann. Ich machte durch Hannen Ihre Familie unglücklich, aber sie selbst und ich wurden noch unglücklicher. Die Erscheinung der Frau hat mich recht getröstet, denn ich hoffe nun, daß Gott auch mir sich als ein gnädiger Richter erweisen und Ihre Verzeihung mir zu Theil werden wird. Nicht wahr, ich täusche mich nicht, Sie vergeben Ihrem sterbenden Feind?“

Moses war tief bewegt von dem was er vernommen. Alles ward ihm mit einemmale klar, die Möglichkeit der Entwendung, Hannen’s sonderbares Benehmen in frühern Jahren wie neulich. Er reichte dem sterbenden Manne die Hand, welche derselbe dankbar zu drücken versuchte.

„Sie sind besser als mancher Christ, Herr Heinemann. O wie konnt’ ich mich so schwer an Ihnen vergehn! Ich hab’ es gut zu machen versucht. Sie sind mein Erbe, mein Universalerbe. Ihr liebes Mädchen dauert mich; er war ihrer Liebe nicht werth.“

„Was sagen Sie? Sprechen Sie von Ihrem Sohn?“

„Nicht mehr mein Sohn. Er hat mich verlassen, der Bube. Mein halbes Vermögen hat er mit genommen. Gott wird ihn finden und züchtigen. Und nun, edler Mann, leben Sie wohl, meine Stunde kömmt. Dank Ihnen, Sie haben sie mir leicht gemacht.“

Moses drückte ihm die Hand und eilte mit schwerem Herzen nach Hause. Er fand seine Nichte bei der hebräischen Bibel sitzen. Er umarmte sie schweigend und küßte sie. Veilchen lächelte trübe und wies auf das Buch.




Wie vor siebzehn Jahren hielten die Brüder eine Todtenwacht. Auf demselben Platze wie damals ihr Vater lag heute Veilchen und das Wasser troff von ihr. Mitleidig hatte die Fluth den schönen Leib verschont und um das Haupt der Dulderin einen Kranz von Wasserpflanzen gewunden. Mit beiden Händen fest hielt sie die Bibel.