Vernünftige Gedanken einer Hausmutter (1)

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Autor: C. Michael
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Titel: Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
1. Der Mutter Stufenjahre
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 8-9
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.
1. Der Mutter Stufenjahre.

Kürzlich hörte ich von einer jungen Frau, die seit wenig Wochen glückliche Mutter war, die Aeußerung: „Es ist doch wunderbar, wie vollständig solch ein kleines Wesen unsere ganze Welt verändert! Viel, viel mehr, als es das Heirathen gethan hat. Der Schritt von der Frau zur Mutter ist noch viel bedeutender, als der vom Mädchen zur Gattin.“

Wie sehr hat sie Recht, die junge Mutter! In ihrem ganzen Leben hat eine Frau nie so viel Neues auf einmal zu lernen, wie in den ersten Wochen ihrer neuen Mutterwürde. Jede Person, die sich ihr nähert, spricht nur von kleinen Kindern, sodaß sie binnen vierzehn Tagen die Leiden und Freuden von vielleicht einem halben Hundert Wöchnerinnen herzählen hört. Es wird nach allen Richtungen hin die Pflege und Ernährung des kleinen Neugebornen besprochen, und von der alten Waschfrau an bis zur eleganten Freundin in der Seidenschleppe bringt jede Frau andere Erfahrungen und Beispiele an das Bett der jungen Mutter.

Wenn sie zum ersten Male wieder eine Zeitschrift in die Hand nimmt, ruft gewiß Jemand im Zimmer: „Du, da hinten steht ein interessanter Artikel über Ammen!“ Wird die Zeitung gebracht, so kann man darauf wetten, das junge Mütterchen schlägt sofort die Geburtsanzeigen auf, und es interessirt sie lebhaft von allen diesen wildfremden Frauen, ob sie Knaben oder Mädchen bekommen haben, und wie viele dieser Eltern von dem Ereigniß „hoch erfreut“ sind, wie viele andere es blos „ergebenst anzeigen“. Dies Alles ist von höchstem Interesse. Hat man es gelesen, so wird die Zeitung zugeklappt und weggelegt. Was könnte denn sonst noch darin stehen? – Die Welt ist ja doch nur dazu erschaffen, daß in ihr Babies geboren werden; was später aus allen diesen Säuglingen wird, ob sie sich verloben, heirathen und sterben, ob sie mit einander Krieg führen oder Frieden schließen – wie gleichgültig ist all dies einer Mutter, die ihr erstes Kindlein im Arme hält! – Aber langsam, ganz unmerklich rückt eine andere Zeit heran.

Wir meinen jetzt, die ganze Welt geht in die Schule und wird erzogen. Da ist so ein Zeitabschnitt von zehn bis zwölf Jahren im Leben unserer Kinder, wo die erste Frage, die man an neue Bekannte richtet, lautet: „In welche Schule schicken Sie Ihre Knaben?“ oder: „Haben Sie eine Erzieherin für Ihre Mädchen?“ Das Jahr wird nur nach den regelmäßig wiederkehrenden Prüfungen und Ferien gemessen.

„Wann ist der oder jener Besuch bei Euch gewesen?“ fragst Du, und die Antwort lautet:

„Gleich nach den Osterferien.“

„Wann hatten denn die Kinder die Masern?“

„Kurz vor den Herbstferien, also Anfang September.“

Es ist sonderbar! In dieser Zeit haben auch alle Leute, mit denen man verkehrt, schulpflichtige Kinder! Oder ist es umgekehrt? Verkehrt man nur mit solchen, die welche haben?

Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß die gleiche Spannung auf die nächsten Censuren, der gleiche Jammer über blässer und magerer werdende Kinder, dasselbe Schwanken zwischen Instituten und Hauslehrern wie bei uns in jedem Hause herrscht. Die ganze Welt ist eine einzige große Schule, in der alle Menschen sich blos in Lehrende und Lernende theilen. Und diese Periode ist vielleicht die Krone des Mutterlebens.

Noch halten wir das Schicksal der geliebten Kinder zum größten Theil in eigener Hand. Wenn es auch viele Sorge und Mühe kostet, man sieht doch täglich, ja stündlich die Resultate dieser Mühen! Man kann Alles ändern, was Einem fehlerhaft dünkt, und welche Befriedigung, wenn solche Aenderung sichtlich von gutem Erfolg gekrönt sein wird! Von Tag zu Tag [9] entwickeln sich die Kinder mehr; sie sind schon im Stande, uns Freund und Freundin zu sein, und doch denken sie noch immer nur mit unseren Gedanken, fühlen nur unser eigenes Empfinden nach in dem reinen Kinderherzen. Noch ist keine Hoffnung geknickt, kein Traum zerstört; noch blickt die Mutter mit fester Zuversicht in die Zukunft. Sie hat ja die Kinder nach ihrem heiligsten Wissen und Können erzogen; sie hat ihr Herzblut daran gewendet, Tag und Nacht nie ein Opfer gescheut, um für ihre Lieben das zu ermöglichen, was ihr das erreichbar Beste schien; wie also könnte es ihnen jemals im Leben fehlen? Sie sind brav und gut; natürlich müssen sie auch glücklich werden. Da hat eines Tages die Mutter wieder einmal ein stilles Stündchen der Ueberlegung und bemerkt plötzlich, wie doch nach und nach Alles so anders geworden ist um sie herum. Es ist auch in ihrem Hause die Zeit herangerückt, wo man keinen Roman und keine Novelle mehr lesen mag, weil das, was man lebendig vor Augen hat, viel interessanter ist, als alle Bücher.

Das ist der zweite große Abschnitt im Frauenleben; ein Abschnitt, bei dem die Mutter all ihre Kraft, all ihren felsenfesten Glauben braucht, um ihn würdig zu durchleben. Jetzt ist mit Verstand und gutem Willen Alles, jetzt ist mit all der unermeßlich reichen Mutterliebe allein nichts mehr gethan. Das Kind verlangt, was Du ihm nicht geben kannst, und es treten neue menschliche Gewalten herein in sein Leben. Du bist nicht mehr die einzige Vermittlerin zwischen deinem Kind und seinem Schicksal: – das ist das Große, Erschütternde dieses zweiten Lebensabschnittes. So viele Eltern wollen es nicht begreifen und meinen, auch dann noch die Schicksalslenker ihrer Kinder bleiben zu können, wenn diese durch den urewigen Gang der Natur bestimmt werden, fortan die eigene Bahn zu wählen. Es liegt ja so nahe, es ist so begreiflich, daß treue Eltern auch den erwachsenen Kindern das bleiben wollen, was sie ihnen von Geburt an waren, aber es ist ein großer, oft sehr unheilvoller Irrthum. Unsere treu gemeinten, bestangelegten Pläne scheitern. Ergieb dich darein, sorgendes Mutterherz, und kämpfe nicht gegen das, was nie anders gewesen ist und nie anders sein wird.

Und wenn alles besser ausgegangen ist, als du gedacht, wenn Söhne und Töchter den Beruf gewählt und den eigenen Herd gegründet haben, dann fängt die Großmutter wieder von vorn bei den – Babies an und macht noch einmal bei den Enkelkindern denselben Kreislauf von Freuden und Sorgen durch, nur vergrößert durch das Weh, daß man oftmals ihrer Erfahrung nicht glauben will, und daß sie, den Enkeln gegenüber, wohl noch Rath, aber keine Entscheidung mehr hat. Endlich wachsen auch die Enkel heran und treten in die Welt; die Zahl der Lieben, über die man sich freut und für die man sorgt, wächst von Jahr zu Jahr; was interessirt dann zuletzt die Urgroßmutter ausschließend, sie, welche Kinder, Enkel und Urenkel von allen denkbaren Altersstufen besitzt? Ja, seht ihr, dann kommt eine Zeit, wo uns Hunderterlei ganz gleich lieb und wichtig ist, und wie man bei vernichtend schwerem Leide manchmal momentan nichts bemerkt, als eine an der Wand kriechende Fliege oder die am Fußboden tanzenden Sonnenlichter, ebenso kann eine alte Frau, die mehr als ein Viertelhundert Menschen ganz gleich innig liebt und völlig aufgeht in deren verschiedenartigen Freuden und Sorgen, in einer Art von Erschöpfung ihre Gedanken auf irgend eine Lappalie richten: ob der Tischler die Nägel gerade oder schief einschlägt, ob man die Fenster schon heute oder lieber erst morgen putzen soll, ob der eben gekaufte Stoff auch gut in der Wäsche halten wird? Man vergräbt sich förmlich in solch eine nichtige Sorge, schläft nicht ein darüber und bekommt Herzklopfen davon, und das kommt nur daher, daß keine unserer großen Sorgen die andere so zu überragen vermag, wie es in jüngeren Jahren die Ernährung unseres ersten Kindes, die erste Prüfung des Sohnes, das Liebedämmern im Herzen der ersten Tochter oder ihre Hochzeit und ihr erstes Wochenbett gethan hat.

Wie Unrecht geschieht aber dann oft solch einem alten Mütterchen! Da heißt es: Ach, die ist schon abgestumpft. Der ist ihr Strickstrumpf wichtiger als alles Uebrige. –

Und wer von Euch Allen, Ihr Jüngeren, kann es wissen, was in diesem alten Herzen noch lebt, so bunt, so reich, so tief versenkt, daß vielleicht nur die Abschnitzel davon, wie Schaum, an die Oberfläche ausgestoßen werden? Wer von Euch kann die Gedanken zählen, die sie geduldig und ergeben einstrickt, Masche um Masche, in das Strümpfchen für den jüngsten Urenkel; wer vermöchte es, die Bilder zu malen, die an ihr vorüber ziehen während der einförmigen Arbeit?

Ihr aber lächelt, wenn sie von dem seichten Alltagsgeschwätz um sie herum kein Wörtchen gehört und verstanden hat.