Von Friedrich Gerstäcker

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Textdaten
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Autor: Herbert König
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Titel: Von Friedrich Gerstäcker
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 418–421
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Von Friedrich Gerstäcker.[1]


All’, all’ sind sie fort,
Die alten bekannten Gesichter.

In dem so gastfreien Hause der Wittwe Karl Maria von Weber’s sah ich zuerst unsern Freund, wenn auch nur im Bilde. Der talentvolle, früh verstorbene Sohn des Hauses, Alexander, hatte Gerstäcker in seinem amerikanischen Trappercostüm gemalt, das fast ganz aus Leder bestand und sehr primitiver Natur war, weshalb auch Gerstäcker jahrelang unter uns nur „Lederstrumpf“ genannt wurde. Er war schon damals (Mitte der vierziger Jahre) eine feste, gedrungene Erscheinung mit dem scharfen Blick der Jugend und dem entschlossenen Wesen eines Mannes, der auf eigenen Füßen zu stehen gewohnt ist.

Erst 1852–1855 als er von seiner großen Reise über Batavia nach der Heimath zurückkehrte und in Leipzig ankerte, sollte ich ihn persönlich kennen lernen. Es war dies in einem Zimmer des Hôtel de Bavière bei Dawison, der eben in Leipzig gastirte. Ein kleiner fester Mann, „mit unvertilgbarem Reise- und Wüstenstaub im Gesicht“, wie ich ihm später lachend zurief, einem wilden Bart und krausem Haar, stand breitbeinig mitten im Zimmer, die Hände in den Taschen seiner von ihm unzertrennlichen Joppe. Um den sehnigen sonnverbrannten Hals war ein Halstuch mit einem Schifferknoten geschlungen, eine Weste existirte nicht. Ich bekenne, im ersten Augenblick begriff ich nicht recht, wie dieser Wildling, so zuversichtlich er auch dastand, in Dawison’s Salon kam. Dieser mochte mich errathen und frug mit seiner raschen Art: „Ihr kennt Euch wohl nicht? Das ist ja Gerstäcker und das mein Freund König.“

Schnell ergriff ich seine Hand. „Herr, Sie muß man ja lieben.“ Und ich denke, wir sind treue Freunde bis an’s Ende geblieben.

Ehe ich in meinen Erinnerungen weiter gehe, drängt es mich, über Gerstäcker’s Charakter Einiges einzuschalten. Wenn

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Die Gartenlaube (1872) b 419.jpg

Friedrich Gerstäcker.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

Humboldt’s Aeußerung, daß Energie die erste Tugend des Mannes sei, berechtigt ist, so war Gerstäcker einer der tugendhaftesten Menschen, die mir vorgekommen sind. Da er weniger aus sich schöpfte, sondern bei seinen schriftstellerischen Arbeiten am liebsten Gesehenes und Erlebtes Zug für Zug ab- und niederschrieb, waren ihm seine Reisen eine Nothwendigkeit geworden, theils um der Aufrechthaltung seines Namens willen, theils aus Existenzrücksichten. Und so trat der rastlose Mann namentlich seine letzte Reise, die ihm Pflicht wie Ehre geboten, mit schmerzlichem Lächeln an, denn er mußte! Verstimmt kehrte er auch zurück und [420] warf sich so recht reisemüde in meinen Lehnstuhl mit den Worten: „Gott sei Dank, daß ich wieder da bin! Ich sattle so leicht nicht wieder.“

Aber nicht sowohl auf diese seine Energie, die jede Bequemlichkeit stolz und leicht von sich abschüttelte, die ruhigen Genuß selten kannte, die sich Strapazen aufbürdete, wie sie wenig andere menschliche Schultern zu tragen vermögen, will ich bei Berührung seines Privatcharakters den Hauptaccent legen, als auf seine hohe Biederkeit und Verachtung alles Dessen, was Liebedienerei, Knechts- oder Bedientensinn heißt. Und in diesem Sinne ist es mir eine Freude und Ehre, in diesen Blättern meinen Wahrnehmungen Ausdruck geben zu dürfen, der, in die wenigen, aber schönsten Worte zusammengefaßt, lautet: er war ein Mann!

Wir wurden bald intim, trotz der Verschiedenheit unserer Naturen. Das Auspacken seiner Kisten und Gruppiren der Hunderte von Gegenständen in seinem Arbeitszimmer machte ihm viele Sorge. Da war ich nun ein ganz guter Gesell. Ich arrangirte mit ihm, nagelte an, knüpfte und steckte fest, und in wenigen Stunden hingen die Erzeugnisse aller fünf Welttheile an den Wänden. Gerstäcker war dabei in einem furchtbaren Negligé, so daß seine gute Mutter laut aufschrie, als sie zufällig hereintrat. Auch empörte es sie, wie er bei der Ausschmückung Europa hatte durch einen Frack, Cylinder und ein Paar Glacéhandschuhe vertreten lassen. Solche harmlose Scherze waren ihm ein wahres Gaudium, und er konnte dabei lachen, bis ihm Thränen in die Augen traten. Sonst war sein Temperament ernst, wohl ein Nachhall seines langen einsamen Lebens in den Wäldern und Prairien Amerikas. Wie Gerstäcker in der Wahl seiner Wohnungen nie besonders glücklich und vielleicht deshalb ziemlich veränderlich war, so auch diesmal. Sein Logis in Leipzig war bescheiden, aber durchaus freundlich. Doch dauerte es nicht lange, und wir nagelten wieder und diesmal im Dorfe Plagwitz bei Leipzig, indem ihn plötzlich eine Inclination für’s Landleben faßte. Hier waren wir nun sehr viel und oft zusammen, so daß ich glaube, ich war mehr bei Gerstäcker’s als zu Haus. Dies Familienleben war ein ebenso solides wie ungenirt-behagliches. Frau Gerstäcker (seine erste Gattin) war eine vorzüglich kluge und zusammenhaltende Hausfrau, die ihren Mann und seine näheren Freunde sehr richtig taxirte und danach zu fassen verstand und auf diese Weise eine seltene Harmonie in ihren häuslichen Kreis brachte, was Jeder bemerkte und dankbar empfand. Nur einmal zogen wir ihre Ungnade auf uns, als wir des Abends des Nachbars große mit Quecksilber gefüllte Glaskugel (solche Kugeln haßte nämlich Gerstäcker ganz besonders) in’s nahe Kornfeld trugen und am andern Morgen den bekümmerten Besitzer suchen und rennen sahen, wie eine Gluckhenne, die ein Küchlein verloren hat. Wir erhielten eine furchtbare Strafpredigt, so daß der Weltreisende und ich des andern Abends die famose Glaskugel wieder aus dem Kornfelde holten und auf ihr Postament setzten.

Der zu solchen und ähnlichen Scherzen leicht aufgelegte Mann war der Ernsteste am Schreibtisch. Nur in Ausnahmelaunen empfing er dann Besuche und nur sehr kurze, sonst war es strenge Hausregel, daß Niemand vorgelassen werde, „wenn der Herr arbeitete“. Und wie er Alles mit Energie angriff, so vor Allem bei der Arbeit. Ohne Unterbrechung schrieb er des Tags seine sechs bis acht Stunden, und dies Wochen, ja Monate hindurch. Dann war er völlig abgespannt und erholte sich durch kurze Jagdausflüge, wenn es die Jahreszeit gebot, oder spielte regelmäßig seine Partie Whist. Namentlich durch seine Reisen zur See war es ihm zum Bedürfniß geworden, Alles so stark als möglich zu genießen, so mäßig er auch in seiner Lebensweise war. Aber was er genoß, mußte vorzüglich sein: die schwersten Cigarren, der beste Rum, die vorzüglichsten Cap- oder spanischen Weine; auch liebte er starke Gewürze; wo er das nicht fand, ging er ungern hin, wie er offen gestand, und wollte man es Gerstäcker bei sich behaglich machen, mußte man sich allerdings förmlich auf seinen Besuch vorbereiten. Wer glaubte, von ihm über seine Reisen viel erzählen zu hören, irrte sich gewaltig. „Wozu schreibe ich denn?“ sagte er dann in seiner kurzen offenen Weise.

Es ist bekannt, daß der Herzog von Coburg Gerstäcker in seine Nähe zog. Nie hat wohl ein Fürst einen uneigennützigeren Mann aus dem Volke kennen gelernt. Ich gestehe, mir bangte anfangs für Gerstäcker, als dürfte sein naturwüchsiges Wesen für den glatten Hofboden allzuwenig passen. Aber der ausgezeichnete Kern seines Wesens wird wohl auch hier erkannt und gewürdigt worden sein, und man darf hoffen, daß jener hohe Herr mit gleicher Trauer die Todesbotschaft des armen Freundes empfing wie wir. Wie oft war ich Zeuge, wenn Gerstäcker in die Enge getrieben wurde, Diesen oder Jenen beim Herzog zu protegiren! Kalt und bestimmt entgegnete er dann gewöhnlich: „Da kommen Sie an die unrechte Quelle, ich rede mit dem Herzog nie über so Etwas.“

Eine schändliche Carricatur rührt aus jener Zeit, die ich Gerstäcker sendete, als er nach Coburg übersiedelte. Er erschien lebensgroß als herzoglich coburgischer Jagdsecretär, mit kurzen Hosen und Kreuzbänderschuhen. In einem Begleitschreiben ermahnte ich ihn, sich nicht durch die Hofluft etc. verderben zu lassen und der Stellenjägerei zu ergeben. Er nahm das Conterfei mit nach Coburg, und hat es, wenn ich nicht irre, dem Herzog selbst gezeigt.

Ehe Gerstäcker nach Braunschweig übersiedelte, wo er die letzte Ruhe finden sollte, wohnte er mehrere Jahre mit wenigen Unterbrechungen in Dresden. Er hatte sich zum zweiten Male verheirathet und lebte in den wünschenswerthesten Verhältnissen. Trotz unserer Nachbarschaft und unserer unveränderlichen Beziehungen, kamen wir sonderbarer Weise nicht so oft zusammen, als wir geglaubt hatten. Doch nagelte ich wieder seine transatlantischen Erinnerungen in seinem Arbeitszimmer auf, wobei uns sein jüngstes Kind, ein reizendes kleines Mädchen, das er zärtlich liebte, wacker zwischen den Beinen herumlief. Bis auf einen nahen Verwandten, Consul Kinder, Dawison und meine Wenigkeit, hatte er keinen besonders näheren Umgang. Er schloß sich schwer an, hielt aber erprobte Freunde fest, wie alle tüchtigen Menschen. Bei der Aufführung seines Dramas „Der Wilderer“ am Dresdener Hoftheater, das sich eines sogenannten Hochachtungserfolges erfreute, blieb er ziemlich gleichgültig, und hätte sich gewiß kein Haar ausgerissen, wenn es durchgefallen wäre. Aber wie Alle, die ihn kennen lernten, ihn liebgewinnen mußten, so konnten auch die Schauspieler nicht genug des Lobes erheben von seinem gewinnenden, einfachen Auftreten. Dawison spielte damals noch die Hauptrolle des Stückes, die eigentlich seiner Individualität wenig entsprach, aber mit größter Hingebung schon aus Liebe zu seinem alten Freunde Gerstäcker. Dem schlossen sich die anderen Mitspielenden wetteifernd an, und wenn auch nicht als dramatischer Dichter, so doch, was nicht weniger ist, als liebenswerther Mensch, ging Gerstäcker an diesem Abend triumphirend aus dem Theater. Wie niemals eitel und sich überhebend, so sprach er auch darüber nur wie über einen Versuch, den er sich erlaubt habe, den er aber zum zweiten Mal unterlassen wolle. Und er stieß lachend mit den Anwesenden darauf an, die sich nach dem Theater zu heiterem Festmahl im Hôtel de Pologne versammelt hatten.

Plötzlich kündigte mir Gerstäcker eines Tages an, er wolle nach Braunschweig übersiedeln; über seine Motive ließ er mich im Unklaren. Ich zog bald darauf auf’s Land, und, wie dies leider im Leben so oft vorkommt, wir kamen einander nach und nach aus dem Gesicht. Er ging nach Braunschweig – und wir sollten ihn nicht wieder sehen.

Gerstäcker als Schriftsteller zu beleuchten, war nicht meines Amtes, das haben vor mir bessere Köpfe gethan. Möge aber der Leser aus den kleinen Zügen, die ich hier aus der Erinnerung zusammenstellte, den Privatmann erkennen und lieben lernen – so ist der Zweck dieser Zeilen erreicht.

Neben seinem sonst so praktischen Wesen, das sich selbstverständlich in der großen Schule des Lebens herausgebildet hatte, war er unbegreiflicher Weise, was man so unter der eigentlichen Lebenspraxis versteht, oft von einer fast kindlichen Naivetät. Während es ihm eine Kleinigkeit gewesen wäre, um einen Umweg zu ersparen, durch einen Fluß zu schwimmen, bedachte er sich bei den einfachsten Vorkommnissen des Alltagstreibens fast bis in’s Peinliche. So beim Miethen einer Wohnung, welche Calamität ich in Dresden mit ihm durchmachte, verrannten wir drei geschlagene Tage, ehe er zum Ziel gelangen konnte, und zuletzt, nachdem ihm Alles zu theuer oder zu großartig gewesen war, miethete er eine sehr großartige und sehr theure Wohnung in einem der elegantesten Viertel der Stadt, er, der nie größere Gesellschaften bei sich sah. [421] Doch halt, daß ich nicht lüge! Seiner jungen Gattin zu Ehren gab er mehrmals solche, und ich sah ihn sogar einmal im – Frack, als er einen Hausball gab. Meine böse Zunge fürchtend, gelobte er mir später, das nie wieder zu thun. Wie mir unser gemeinschaftlicher Freund Freiherr v. W. schrieb, der 1849 nach Californien ging, und mit seinen Brüdern ein altes verlassenes spanisches Kloster, Mission Dolores, bewohnte, wo Gerstäcker lange Zeit als Gast war, zeigte er sich dort von einer ganz besonderen Harmlosigkeit, wo Jeder, der nur etwas den Augenblick zu nützen verstand, in allen Ehren sein Schäfchen in’s Trockene bringen konnte. Gerstäcker grub und wusch dort auch eine Zeitlang Gold, aber er wählte, wie mir mein Gewährsmann mittheilte, gerade die unglücklichste Jahreszeit dazu. Zu dem geringsten kaufmännischen Geschäft, von einer eigentlichen Speculation ganz abgesehen, zeigte er sich gänzlich unfähig, um so besser versorgte er aber die kleine Ansiedlung durch seine Büchse, und man kennt die Größe und Stärke eines braven californischen Hirsches.

Einer ergreifenden Scene gedenkt hierbei Herr v. W., als er mit Gerstäcker und einem dritten Jagdgenossen von einem größeren Streifzug zurückkehrt, und auf Büchsenschußweite einen Menschen sieht, der mit Händen und Armen winkt, als er die drei Jäger zu Gesicht bekommt. Der Mensch arbeitet sich näher, mehr kriechend und sich auf die Erde werfend, als vorwärts schreitend. Jetzt ahnen sie das Entsetzliche: der Mensch befindet sich auf einer jener unheimlichen Triebsandstellen, die, unter dem menschlichen Tritte nachgebend und immer weichend, das Opfer zuletzt verschlingen. Aber der Unglückliche arbeitet sich dennoch mit übermenschlichen Kräften so weit vorwärts, daß sie seine Stimme, zuletzt seine Worte vernehmen können. Er fleht, man möge ihn erschießen – die drei Männer stehen todtenbleich da – er wirft die Arme schrecklich empor, die Kräfte verlassen ihn, er sinkt und sinkt, und in wenigen Minuten ist Nichts zu sehen als eine glatte Fläche.

Mir ist in dem Augenblick nicht erinnerlich, ob Gerstäcker in einer seiner Schriften dieses erschütternden Falles gedacht hat. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt, – und so erzählte mir unter Anderen Herr v. Weber, wie entrüstet der gute Gerstäcker gewöhnlich gewesen sei, habe man sich in seiner Gegenwart Scherze erlaubt, die seiner reinen Natur zuwider. So habe bei ihnen ein alter Förster (ich glaube aus Thüringen) gelebt, den das Schicksal auch in die neue Welt verschlagen. Der alte Mann sei fast zu nichts mehr nützlich gewesen, und um sein Brod nicht gänzlich als Almosen zu betrachten, habe er die Büchsen gereinigt und, wenn größere Gesellschaft gewesen, bei Tische bedient. Bei besonderen Feierlichkeiten habe er dabei seine alte Dienstuniform mit dem Hirschfänger getragen. Dies habe Gerstäcker förmlich empört, und trotz des alten Mannes Sträuben habe dieser nicht mehr bedienen dürfen, so lange Gerstäcker auf Mission Dolores weilte. Ich habe Gerstäcker bei ähnlichen Gelegenheiten öfter beobachtet und so recht den edeln Kern seines Wesens schätzen gelernt. Jeder Bedrückung, jeder Gemeinheit, im Kittel oder in Glacéhandschuhen, war er entschiedener und rückhaltsloser Feind. War der Fall ein besonders starker, so wurde er roth, als schäme er sich des Andern willen, dann sehr bleich, und nannte die Sache ohne Ansehen der Person eine Gemeinheit oder Nichtswürdigkeit. Trotzdem war er nie Händelsucher, nur in den äußersten Fällen vergaß er, wie der echte Mann, jede Rücksicht, und war dabei in seiner Entschiedenheit so imponirend, daß er nicht so leicht auf Widerstand stieß. Als ich ihn einst fragte, wie er sich bei einer Herausforderung benehmen würde, sagte er: „Da ich Niemand absichtlich beleidige, würde ich jedenfalls um Entschuldigung bitten, und wäre Jener nicht damit zufrieden, ihn einfach niederschlagen.“ Und er war der Mann dazu.

Oft befremdete es mich oder that mir im Interesse meines Freundes weh, wenn ich wiederholt hören mußte: Gerstäcker trägt in seinen Schriften zu stark auf, Dies und Jenes sei eines Münchhausen nicht unwürdig, und wie ähnliche Randglossen heißen mögen. Solchen unsanften Bemerkungen möchte ich dadurch entgegen treten oder sie berichtigen: daß Gerstäcker es liebte, hier und da zu fabuliren, ohne jedoch im geringsten dabei die Absicht zu haben, dem Leser Münchhauseniaden oder dergleichen aufzutischen. Er hoffte, man würde die Sache nehmen wie sie ist, und nicht aus einer Mücke einen Elephanten machen. Denn nie habe ich einen wahrheitsliebenderen Mann gekannt, als es Gerstäcker im Privatleben, im Kreise seiner Freunde und Bekannten war. Er hat deren viele, und ich weiß, sie werden mir beistimmen. Seine Güte gegen arme Teufel war geradezu rührend. Und ich erinnere mich genau noch der Scene, wie ich ihn Reiseeffecten in einen Waggon der Leipzig-Dresdner Eisenbahn schleppen sah, die einer verschämten Armen gehörten, der er die Mittel verschafft hatte, mit einem leidlichen Taschengelde in die Heimath zurückkehren zu können. Und die Dame war weder jung, schön, noch interessant, eine alte, gebrechliche, durch Elend stumpf gewordene Frau, die im Kissen lag, das ihr Gerstäcker sorglich unter den Kopf steckte, und statt des Dankes nur leise nickte. So schrieb er auch für den alten Schauspieldirector Magnus in Dresden den „geschundenen Raubritter“, welcher in erster Zeit dem tief herabgekommenen Mann leidlich volle Häuser machte, da das Publicum den Scherz verstand und den Autor ahnte.

Herbert König.




  1. Es bedarf wohl den Lesern der Gartenlaube gegenüber nicht einer besondern Motivirung, daß ich das bereits im Frühjahr 1870 veröffentliche Portrait Gerstäcker’s heute nochmals zum Abdruck bringe. Der plötzliche, Allen unerwartete Tod meines lieben und treuen Mitarbeiters und der Umstand, daß Gerstäcker selbst dieses Portrait als das ähnlichste von allen bisher erschienenen bezeichnete, noch mehr aber der seit dem ersten Erscheinen erfolgte Hinzutritt von mindestens 50,000 neuen Abonnenten, die das Bild noch nicht kennen, entschuldigen wohl hinlänglich diesen Doppelabdruck. Wie sprechend ähnlich das Portrait war, schilderte Gerstäcker in seiner humoristischen Weise selbst sehr drastisch. Er schrieb mir Anfang Juni 1870 aus Hamburg, kurz nach Erscheinen des Bildes: „Hol’ der Teufel Ihre Gartenlaube, lieber Keil. Ich laufe jetzt wie ein steckbrieflich Verfolgter in der Welt umher. – ‚Um sieben Uhr, Herr Gerstäcker,‘ sagte der Cassirer eines Hamburger Winkeltheaters, als ich ihn frug, wann es anginge, mit einem malitiösen Lächeln. ‚Ist schon bezahlt, Herr Gerstäcker,‘ bemerkte der Kellner auf der Uhlenhorst bei Hamburg, als ich mit mehreren Freunden dort gegessen hatte. Auf der Dammthorstraße kaufe ich Fische; die beiden jungen Damen im Laden stoßen sich miteinander an und kichern: ‚Nicht wahr, Herr Gerstäcker, wir sollen das Packet in’s Hôtel de l’Europe schicken?‘ Es bleibt mir jetzt weiter nichts übrig, wenn ich Schandtaten begehen will, als meinen Bart abzurasiren und eine Perrücke zu tragen mit vielleicht einer blauen Brille, und das Alles danke ich dem verwünschten Bilde.“ – Daß er den Bart nicht abrasirt und keine Perrücke getragen hat, beweist am besten sein Brief aus Frankreich, wohin er während des Krieges auf meine Aufforderung gegangen war. Er schreibt aus Pont-à-Mousson: „Das verteufelte Portrait spukt noch immer nach. Als ich vor einigen Tagen von Langeweile geplagt auf den hiesigen Bahnhof gehe, war eben ein langer Zug mit Militär angekommen. Arglos schreite ich über den Perron, als plötzlich seitwärts von mir der Ruf ertönt: ‚Hurrah, Gerstäcker – da kommt Gerstäcker!‘ Ich sehe mich verwundert um und schreite auf die Rufer zu mit der Frage, woher sie mich denn kennten? ‚Na nu, Gartenlaube!‘ antwortet ein stämmiger Landwehrmann und reicht mir seelenvergnügt die Hände. Spion werde ich hier unter diesen Umständen nicht spielen können.“ Von dem liebenswürdigen Menschen und Freunde, nicht von dem Weltreisenden, hoffe ich ein anderes Mal mehr zu erzählen. Mit Gerstäcker ist einer der ehrlichsten, besten Menschen begraben.