Von der Macht des Gemüths durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu seyn/Von der Hebung und Verhütung krankhafter Zufälle durch den Vorsatz im Athemziehen

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5. Von der Hebung und Verhütung krankhafter Zufälle durch den Vorsatz im Athemziehen[Bearbeiten]

Ich war vor wenigen Jahren noch dann und wann vom Schnupfen und Husten heimgesucht, welche beyde Zufälle mir desto ungelegener waren, als sie sich bisweilen beym Schlafengehen zutrugen. Gleichsam entrüstet über diese Stöhrung des Nachtschlafs entschloss ich mich, was den ersteren Zufall betrifft, mit fest geschlossenen Lippen durchaus die Luft durch die Nase zu ziehen: welches mir anfangs nur mit einem schwachen Pfeifen, und da ich nicht absetzte, oder nachliess, immer mit stärkeren, zuletzt mit vollen und freyen Luftzuge gelang, es durch die Nase zu Stande zu bringen, darüber ich dann so fort einschlief. -- Was diess gleichsam convulsivische und mit dazwischen vorfallenden Einathmen (nicht wie beym Lachen ein continuirtes stossweise erschallendes) Ausathmen, den Husten betrifft, vornemlich den, welchen der gemeine Mann in England den Altmannshusten (im Bette lie[36]gend) nennt, so war er mir um so mehr ungelegen, da er sich bisweilen bald nach der Erwärmung im Bette einstellte und das Einschlafen verzögerte. Dieses Husten, welches durch den Reiz der mit offenem Munde eingeathmeten Luft auf den Luftröhrenkopf erregt wird[1], nun zu hem[37]men bedurfte es einer nicht mechanischen, (pharmacevtischen) sondern nur unmittel(38)baren Gemüthsoperation: nämlich die Aufmerksamkeit auf diesen Reiz dadurch ganz abzulenken, dass sie mit Anstrengungen auf irgend ein Object (wie oben bey krampfhaften Zufällen) gerichtet und dadurch das Ausstossen der Luft gehemmet wurde, wel(39)ches mir, wie ich es deutlich fühlete, das Blut ins Gesicht trieb, wobey aber der durch denselben Reiz erregte flüssige Spiechel (saliva) die Wirkung dieses Reizes, nämlich die Ausstossung der Luft, verhinderte und ein Herunterschlucken dieser Feuchtigkeit bewirkte. — — Eine Gemüthsoperation, zu der ein recht grosser Grad festen Vorsatzes erforderlich, der aber darum auch desto wohlthätiger ist.

  1. Sollte auch nicht die atmosphärische Luft, wenn sie durch die Eustachische Röhre (also bey geschlossenen Lippen) circuliert, dadurch, dass sie auf diesem dem Gehirn nahe liegenden Umwege Sauerstoff absetzt, das erquickende Gefühl gestärkter Lebensorgane bewirken; welches dem ähnlich ist, als ob man Luft trinke; wobey diese, ob sie zwar keinen Geruch hat, doch die Geruchsnerven und die denselben nahe liegende einsaugende Gefässe [??]rkt? Bey manchem Wetter findet sich dieses Erquickliche des Genusses der Luft nicht; bey anderen ist es eine wahre Annehmlichkeit sie auf seiner Wanderungen mit langen Zügen zu trinken: welches das Einathmen mit offenem Munde nicht bewährt. — — Das ist aber von der grössten diätetischen Wichtigkeit, den Athemzug durch die Nase bey geschlossenen Lippen sich so zur Gewohnheit zu machen, dass er selbst im tiefsten Schlaf nicht anders verrichtet wird und man folglich aufwacht, so bald er mit offenem Munde geschieht und dadurch gleichsam aufgeschreckt wird; wie ich das anfänglich, ehe es mir zur Gewohnheit wurde auf solche Weise zu athmen, bisweilen erfuhr. — Wenn man genöthigt ist stark oder bergan zu schreiten, so gehört grössere Stärke des Vorsatzes dazu von jener Regel nicht abzuweichen und eher seine Schritte zu mässigen, als von ihr eine Ausnahme zu machen; ingleichen, wenn es um starke Motion zu thun ist, die etwa ein Erzieher seinen Zöglingen geben will, dass dieser Einathmung durch den Mund machen lasse. Meine jungen Freunde (ehemaligen Zuhörer) haben diese diätetische Maxime als probat und heilsam gepriesen und sie nicht unter die Kleinigkeiten gezählt, weil sie blosses Hausmittel ist, das den Arzt entbehrlich macht. — Merkwürdig ist noch: dass, da es scheint, beym lange fortgesetzten Sprechen, geschehe das Einathmen auch durch den so oft geöffneten Mund, mithin jene Regel werde da doch ohne Schaden überschritten, es sich wirklich nicht so verhält. Denn es geschieht doch auch durch die Nase. Denn wäre diese zu der Zeit verstopft, so würde man von dem Redner sagen, er spreche durch die Nase (ein sehr widriger Laut), indem er wirklich nicht durch die Nase spräche, und umgekehrt er spreche nicht durch die Nase, indem er wirklich durch die Nase spricht: wie es Hr Hofr. Lichtenberg launigt und richtig bemerkt. — Das ist auch der Grund, warum der, welcher lange und laut spricht (Vorleser oder Prediger), es ohne Rauhigkeit der Kehle eine Stunde lang wohl aushalten kann; weil nämlich sein Athemziehen eigentlich durch die Nase, nicht durch den Mund geschieht, als durch welchen nur das Ausathmen verrichtet wird. — Ein Nebenvortheil dieser Angewohnheit des Athemzuges mit beständig geschlossenen Lippen, wenn man für sich allein wenigstens nicht im Discurs begriffen ist, ist der: dass die sich immer absondernde und den Schlund befeuchtende Saliva hiebey zugleich als Verdauungsmittel (stomachale), viellecht auch (verschluckt) als Abführungsmittel wirkt; wenn man fest genug entschlossen ist sie nicht durch üble Angewohnheit zu verschwenden