Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache

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Autor: Johann Gottlieb Fichte
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Titel: Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache
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Auflage: 1
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1795
Verlag: Hofbuchhändler Michaelis
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Erscheinungsort: Neu-Streelitz
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[255]

IV.
Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache.


In einer Untersuchung über den Ursprung der Sprache darf man sich nicht mit Hypothesen, nicht mit willkürlicher Aufstellung besonderer Umstände, unter welchen etwa eine Sprache entstehen konnte, behelfen; denn da der Fälle, welche den Menschen bei Erfindung und Ausbildung der Sprache leiten konnten, so mancherlei sind, daß sie keine Forschung ganz erschöpfen kann; so würden wir auf diesem Wege eben so viele halbwahre Erklärungen des Problems erhalten, als Untersuchungen darüber angestellt würden. Man darf sich daher nicht damit begnügen, zu zeigen, daß und wie etwa eine Sprache erfunden werden konnte: man muß aus der Natur der menschlichen Vernunft die Nothwendigkeit dieser Erfindung ableiten; man muß darthun, daß und wie die Sprache erfunden werden mußte.


Man hüte sich insbesondere bei dieser Untersuchung, so wie bei jeder andern, das Resultat, das man etwa zu finden [256] hofft, schon zum Voraus im Auge zu haben. Man denke sich in den Gesichtspunkt der Menschen hinein, welche noch überhaupt keine Sprache hatten, sondern sie erst erfinden sollten; welche noch nicht wußten, wie die Sprache gebaut sein müsse, sondern die Regeln darüber erst aus sich selbst schöpfen mußten. Jedem, der dem Ursprung der Sprache nachforscht, muß die Sprache so gut als nicht erfunden sein: er muß sich denken, daß er sie erst durch seine Untersuchung erfinden soll.


Ferner hat man bei allen Untersuchungen über Entstehung der Sprache es auch darinn versehen, daß man zuviel auf willkürliche Verabredung baute; daß man z. B. meinte: da ich ein Buch liber, βιβλον, book u. s. w. nennen kann, so müssen die Nationen einig geworden sein, die eine, dieser bestimmte Gegenstand solle Buch — die andere, er solle liber, u. s. w. heißen. Aber auf eine solche Uebereinkunft dürfen wir wenig rechnen, da sie sich nur mit der größten Unwahrscheinlichkeit denken läßt, und wir müssen daher selbst den Gebrauch der willkürlichen Zeichen aus den wesentlichen Anlagen der menschlichen Natur ableiten.


Sprache, im weitesten Sinne des Worts, ist der Ausdruck unserer Gedanken durch willkürliche Zeichen.


Durch Zeichen sage ich, also nicht durch Handlungen. — Allerdings offenbaren sich unsere Gedanken auch durch die Folgen, welche sie in der Sinnenwelt haben: ich denke und [257] handle nach den Resultaten dieses Denkens. Ein vernünftiges Wesen kann aus diesen meinen Handlungen auf das, was ich gedacht habe, schließen. Dies heißt aber nicht Sprache. Bei allem, was Sprache heißen soll, wird schlechterdings nichts weiter beabsichtet, als die Bezeichnung des Gedankens; und die Sprache hat außer dieser Bezeichnung ganz und gar keinen Zweck. Bei einer Handlung hingegen ist der Ausdruck des Gedankens nur zufällig, ist durchaus nicht Zweck. Ich handle nicht, um andern meine Gedanken zu eröffnen; ich esse z. B. nicht, um andern anzudeuten, daß ich Hunger fühle. Jede Handlung ist selbst Zweck: ich handle, weil ich handeln will.


Ich habe mich bei der Erklärung der Sprache des Ausdrucks „willkürliche Zeichen“ bedient. Darunter verstehe ich hier solche Zeichen, welche ausdrücklich dazu bestimmt sind, diesen oder jenen Begriff anzudeuten. Ob dieselben mit dem Bezeichneten natürliche Aehnlichkeit haben, oder nicht, das ist hier völlig gleichgültig. Ich mag zu dem andern das Wort Fisch sagen — ein Zeichen, das mit dem Gegenstande, welchen es ausdrücken soll, gar keine Aehnlichkeit hat — oder ich mag ihm einen Fisch vorzeichnen; ein Zeichen, das mit dem Bezeichneten allerdings Aehnlichkeit hat — in beiden Fällen habe ich keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei dem andern zu veranlassen — folglich kommen beide Zeichen darinn überein, daß sie willkürlich sind.

[258] Sprachfähigkeit ist das Vermögen, seine Gedanken willkürlich zu bezeichnen. Ich drücke mich absichtlich so allgemein aus, damit man nicht gleich an eine Sprache für das Gehör denke. Von der Ursprache läßt sich gar nicht behaupten, daß sie bloß aus Tönen bestanden habe, bloß Gehörsprache gewesen sei. Diese leztere kann erst weit später entstanden sein, und läßt sich nur unter Voraussetzung der Ursprache, und auf eine weit verwickeltere Art deduciren.


Die Frage, die sich uns zunächst darbietet, ist folgende: Wie ist der Mensch auf die Idee gekommen, seine Gedanken durch willkürliche Zeichen anzudeuten? Diese enthält unter sich folgende zwei: 1) Was brachte den Menschen überhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In welchen Naturgesetzen liegt der Grund, daß diese Idee gerade so und nicht anders ausgeführt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den Menschen bei der Ausführung leiteten?


Ich mache mich deutlicher. Die Sprache ist das Vermögen, seine Gedanken willkürlich zu bezeichnen. Sie setzt demnach eine Willkür voraus. Unwillkürliche Erfindung, unwillkürlicher Gebrauch der Sprache enthält einen innern Widerspruch. Man hat sich zwar auf unwillkürliche Töne beim Ausbruch der Freude, des Schmerzes u. s. w. berufen, und daraus gar manches über Erfindung und Gesetze der Sprache ableiten wollen; aber beides ist völlig verschieden. Unwillkürlicher Ausbruch der Empfindung ist nicht Sprache. [259] Um die Willkür zur Erfindung einer Sprache zu bestimmen, wurde eine Idee derselben vorausgesetzt. Daher die Frage: wie entwickelte sich in den Menschen die Idee, ihre Gedanken sich gegenseitig durch Zeichen mitzutheilen?


Allein daraus, daß sie sich die Aufgabe aufstellten, eine Sprache zu erfinden, folgt noch nicht, daß ihnen überhaupt, und durch welche Mittel ihnen die Ausführung gelang. Daher die zweite schon angeführte Frage: giebts in der menschlichen Natur Mittel, welche man nothwendig ergreifen mußte, um die Idee einer Sprache zu realisiren? Kann man diesen Mitteln nachspüren, und, wie mußten sie gebraucht werden, wenn durch sie der Zweck erreicht werden sollte? Fänden sich solche Mittel, so ließe sich wohl eine Geschichte der Sprache a priori entwerfen. Und sie finden sich allerdings.


Zuförderst: auf welchem Wege wurde die Idee von einer Sprache in dem Menschen entwickelt. - Es ist im Wesen des Menschen gegründet, daß er sich die Naturkraft zu unterwerfen sucht. Die erste Aeußerung seiner Kraft ist gerichtet auf die Natur, um sie für seine Zwecke zu bilden. Selbst der roheste Mensch trifft irgend eine Vorkehrung für seine Bequemlichkeit und seine Sicherheit; er gräbt sich Höhlen, bedeckt sich mit Laub, und wenn er des Feuers etwa habhaft werden kann, zündet er Holz an, um sich so gegen den Frost zu schützen. Er wird von allen Seiten arbeiten, die feindselige Natur zu bezwingen, und wo er das nicht kann, wird er sie scheuen. So fürchtet der Mensch den Donner, weil [260] er sich außer Stande sieht, die Natur in dieser Aeußerung ihrer Kraft zu beherrschen. Sollten wir Mittel finden, dieselbe auch hier zu bezwingen, so würde sich jene Furcht bald verlieren. Der Mensch macht sich die Thiere dienstbar, oder flieht sie, wenn er das erstere nicht vermag. So war gewiß, ehe man die Kunst erfand, Pferde zu zähmen, dieses große starke Thier dem Menschen ein Gegenstand des Schreckens: jetzt, da er es sich unterworfen hat, fürchtet er es nicht mehr.


In diesem Verhältnisse steht der Mensch mit der belebten und leblosen Natur: er geht darauf aus, sie nach seinen Zwecken zu modificiren; aber diese widerstrebt der Einwirkung, und nimmt oft genug sie gar nicht an. Daher sind wir mit der Natur in stetem Kampfe, sind bald Sieger, bald Besiegte, — unterjochen oder fliehen.


Wie verhält sich dagegen der Mensch ursprünglich gegen den Menschen selbst? Sollte wohl zwischen ihnen im rohen Naturstande dasselbe Verhältniß statt finden, welches zwischen dem Menschen und der Natur ist. Sollten sie wohl darauf ausgehen, sich selbst unter einander zu unterjochen, oder, wenn sie sich dazu nicht Kraft genug zutrauen, einander gegenseitig fliehen?


Wir wollen annehmen, es wäre so, so würden gewiß nicht zwei Menschen neben einander leben können: der Stärkere würde den Schwächern bezwingen, wenn dieser nicht flöhe, sobald er jenen erblickte. Würden sie aber auf solche [261] Art wohl jemals in Gesellschaft getreten, würde durch sie die Erde bevölkert worden sein? Ihr Verhältniß würde ganz so gewesen sein, wie es Hobbes im Naturstande schildert: Krieg Aller gegen Alle. Und doch finden wir, daß die Menschen sich mit einander vertragen, daß sie sich gegenseitig unterstützen, daß sie in gesellschaftlicher Verbindung mit einander stehen. Der Grund dieser Erscheinung muß wohl in dem Menschen selbst liegen: in dem ursprünglichen Wesen desselben muß sich ein Princip aufzeigen lassen, welches ihn bestimmt, sich gegen seines gleichen anders zu betragen, als gegen die Natur.


Ich weiß recht wohl, daß viele behaupten, die Menschen giengen von Natur darauf aus, einander zu unterjochen. Was auch immer gegen diese Behauptung sich einwenden lassen möge, so ist doch soviel gewiß, daß sich aus der Erfahrung mancherlei scheinbare Gründe für dieselbe auffinden lassen, und daß sie folglich der entgegengesetzten Behauptung, wiefern diese auch nur als Erfahrungssatz aufgestellt würde, in Rücksicht auf Gültigkeit gleichgesetzt werden könnte. Diese entgegengesetzte Behauptung muß also eben darum, damit ihre Gültigkeit entschieden sei, aus einem in der Natur des Menschen selbst liegenden Princip abgeleitet werden. Wir wollen dieses Princip aufsuchen.


Der Mensch geht darauf aus, die rohe oder thierische Natur nach seinen Zwecken zu modificiren. Dieser Trieb muß untergeordnet sein dem höchsten Princip im Menschen, dem: sei immer einig mit dir selbst; nach welchem Princip er in den [262] allgemeinsten Aeußerungen seiner Kraft beständig fort handelt, auch ohne sich desselben bewußt zu sein. Der Mensch sucht also - nicht gerade aus einem deutlich gedachten, aber aus einem durch sein ganzes Wesen verwebten, und dasselbe ohne alles Hinzuthun seines freien Willens bestimmenden Princip — die nicht vernünftige Natur sich deswegen zu unterwerfen, damit alles mit seiner Vernunft übereinstimme, weil nur unter dieser Bedingung Er selbst mit sich selbst übereinstimmen kann. Denn da er ein vorstellendes Wesen ist, und in einer gewissen Rücksicht, die wir hier nicht zu bestimmen haben, die Dinge vorstellen muß, wie sie sind, so geräth er dadurch, daß die Dinge, die er vorstellt, mit seinem Triebe nicht übereinstimmen, in einen Widerspruch mit sich selbst. Daher der Trieb, die Dinge so zu bearbeiten, daß sie mit unsern Neigungen übereinstimmen, daß die Wirklichkeit dem Ideal entspreche. Der Mensch geht nothwendig darauf aus, alles, so gut er es weiß, vernunftmäßig zu machen.


Wenn er nun in diesen Versuchen auf einen Gegenstand stoßen sollte, an welchem sich die gesuchte Vernunftmäßigkeit, ohne seine Mitwirkung schon äußerte, so wird er sich in Rücksicht auf diesen aller Bearbeitung wohl enthalten, da er dasjenige, was einzig und allein durch sie hervorgebracht werden soll, an dem entdeckten Gegenstande schon findet. Er hat etwas gefunden, was mit ihm übereinstimmt; würde es nicht ungereimt sein, einen Gegenstand, seine Triebe entsprechend machen zu wollen, der schon, ohne sein Zuthun, demselben entspricht? Das Gefundene wird ihm ein Gegenstand [263] des Wohlgefallens sein: er wird sich freuen, ein mit ihm gleichgestimmtes Wesen – einen Menschen angetroffen zu haben.


Aber woran soll er diese Vernunftmäßigkeit des gefundnen Gegenstandes erkennen? An nichts anderm, als woran er seine eigne Vernunftmäßigkeit erkennt — am Handeln nach Zwecken. — Die bloße Zweckmäßigkeit des Handelns aber an sich allein, würde zu einer solchen Beurtheilung noch nicht hinreichen; sondern es bedarf noch die Idee des Handelns nach veränderter Zweckmäßigkeit, und zwar von einem Handeln, das verändert ist nach unsrer eignen Zweckmäßigkeit. Gesetzt der Naturmensch handle auf einen Gegenstand, der entweder nach gewissen Regeln aufwächst, Früchte trägt, u. s. w., oder einen, der nach einem gewissen Instinct auf Nahrung ausgeht, schläft, erwacht u. s. w., und den er deshalb als nach Zwecken handelnd beurtheilt. Sobald ein solcher Gegenstand, auf den der Naturmensch seinen Zwecken gemäß gehandelt hat, seinen Gang fortgeht, ohne nach Maßgabe jener Einwirkung eine Veränderung in seinem Zweck anzunehmen, so erkennt er ihn nicht für vernünftig. Als zweckmäßig und freihandelnd werde ich nur das Wesen ansehen, das seinen Zweck, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe anwende, auch ändert. Z. B. Ich brauche Gewalt auf ein Wesen, und es braucht sie auch, ich erzeige ihm eine Wohlthat, es erwiedert sie; so ist immer Veränderung des Zwecks nach dem Zwecke, den ich für dasselbe habe: mit andern Worten, es ist eine Wechselwirkung zwischen mir und diesem [264] Wesen. Nur ein Wesen, das, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe äußerte, den seinigen in Beziehung auf diese Aeußerung ändert, das z. B. Gewalt braucht, wenn ich gegen dasselbe Gewalt brauche, das mir wohlthut, wenn ich ihm wohlthue, nur ein solches Wesen kann ich als vernünftig erkennen. Denn ich kann aus der Wechselwirkung, welche zwischen ihm und mir eingetreten ist, schließen, daß dasselbe eine Vorstellung von meiner Handlungsweise gefaßt, sie seinem eigenen Zwecke angepaßt habe, und nun nach dem Resultate dieser Vergleichung seinen Handlungen durch Freiheit eine andere Richtung gebe. Hier zeigt sich offenbar ein Wechsel zwischen Freiheit und Zweckmäßigkeit, und an diesem Wechsel erkennen wir die Vernunft.


Der Mensch geht also nothwendig darauf aus, Vernunftmäßigkeit außer sich zu finden; er hat einen Trieb dazu, der sich deutlich genug dadurch offenbart, daß der Mensch sogar geneigt ist, leblosen Dingen Leben, und Vernunft zuzuschreiben. Beweise davon finden sich häufig genug in den Mythologieen und den Religionsmeinungen aller Völker u. s. w. Wie wir gesehen haben, ist es der Trieb nach Uebereinstimmung mit sich selbst, welcher den Menschen anleitet, Vernunftmäßigkeit außer sich aufzusuchen.


Eben dieser Trieb mußte in dem Menschen, sobald er wirklich mit Wesen seiner Art in Wechselwirkung getreten war, den Wunsch erzeugen, seine Gedanken dem andern, der sich mit ihm verbunden hatte, auf eine bestimmte Weise andeuten, [265] und dagegen von demselben eine deutliche Mittheilung seiner Gedanken erhalten zu können. Denn ohne diese Auskunft mußte es sich häufig ereignen, daß der eine die Handlung des andern mißverstand, und auf eine Art erwiederte, die ganz gegen die Erwartung des Handelnden war; ein Fall, der den Menschen in offenbaren Widerspruch mit seinen Zwecken versetzte, und folglich geradezu gegen die Uebereinstimmung mit sich selbst stritt, welche er bei der Aufsuchung vernünftiger Wesen beabsichtigte. — Ich meine es vielleicht mit jemand gut, und will ihm mein Wohlwollen durch Handlungen zu erkennen geben. Allein jener deutet diese Handlungen unrichtig, und erwiedert sie durch Feindseligkeiten. Ein solches Betragen muß nothwendig bei mir den Gedanken veranlassen, daß der andre meine Absichten verkenne; und diesem Gedanken muß bald der Wunsch folgen, ihm meine Gesinnungen auf eine weniger zweideutige Art ankündigen zu können.


So wie es mir mit andern geht, so andern mit mir. Wie leicht kann ich die wohlmeinende Handlung eines andern mißverstehen, und mit Undank vergelten? So wie ich aber seine Absicht besser einsehe, so werde ich wünschen mein Vergehen wieder gut zu machen, und um deswillen von seinen Gedanken künftig besser unterrichtet zu sein. — Ich wünsche also, daß der andere meine Absicht wissen möge, damit er mir nicht zuwider handle, und aus gleichem Grunde wünsche ich, die Absichten des andern zu wissen. Daher die Aufgabe zur Erfindung gewisser Zeichen, wodurch wir andern unsere Gedanken mittheilen können. [266] Bei diesen Zeichen wird indessen einzig und allein der Ausdruck unserer Gedanken beabsichtiget. Wenn ich auf jemand erzürnt bin, so zeigt sich ihm dieser Zorn allerdings durch feindliche Behandlung. Aber da ist die Absicht bloß, meine Gedanken auszuführen, nicht aber, ihm ein Zeichen davon zu geben. Bei der Sprache aber ist lediglich die Bezeichnung Absicht, nicht als Ausdruck der Leidenschaft, sondern zum Behufe einer gegenseitigen Wechselwirkung unserer Gedanken, ohne welche, wie so eben bemerkt wurde, eine unserm Triebe angemessene Wechselwirkung der Handlungen nicht bestehen kann.


Durch die Verbindung mit Menschen wird also in uns die Idee geweckt, unsere Gedanken einander durch willkürliche Zeichen anzudeuten — mit Einem Worte: die Idee der Sprache. Demnach liegt in dem, in der Natur des Menschen gegründeten Triebe, Vernunftmäßigkeit außer sich zu finden, der besondere Trieb, eine Sprache zu realisiren, und die Nothwendigkeit, ihn zu befriedigen, tritt ein, wenn vernünftige Wesen mit einander in Wechselwirkung treten.


Wir denken uns bei der Sprache gewöhnlich nur Zeichen fürs Gehör. Wie es gekommen ist, daß wir uns mit unsrer Sprache eben an diesen Sinn wenden, wird in der Folge erklärt werden. Hier ist kein mögliches Zeichen ausgeschlossen; so wie in der Ursprache sicher eben so wenig irgend eins ausgeschlossen war.[1] [267] Die Aufgabe zur Sprache ist jetzt vorhanden: wie soll ihr aber nun Genüge geschehen?


Die Natur offenbart sich uns besonders durch Gesicht und Gehör. Zwar kündigt sie sich uns auch durch Gefühl, Geschmack und Geruch an: aber die Eindrücke, welche wir aus diesen Wegen erhalten, sind theils nicht lebhaft, theils nicht bestimmt genug, und wir lassen uns daher bei äußern Wahrnehmungen vorzüglich durch Gesicht und Gehör leiten, wenn und wo uns der Gebrauch dieser Sinne nicht versagt ist. So wie die Natur den Menschen etwas durch Gehör und Gesicht bezeichnete, gerade so mußten sie es einander durch Freiheit bezeichnen. — Man könnte eine auf diese Grundregel aufgebaute Sprache die Ur- oder Hieroglyphensprache nennen.


Die ersten Zeichen der Dinge waren, nach diesen Grundsätzen, hergenommen von den Wirkungen der Natur: sie waren nichts weiter, als eine Nachahmung derselben. Hier war die Mittheilung der Gedanken selbst willkürlich, wie sie es bei jeder Sprache sein muß, aber nicht die Art dieser Mittheilung: es stand in meiner Willkür, ob ich dem andern [268] meine Gedanken bezeichnen wollte, oder nicht; aber im Zeichen selbst war keine Willkür.


Diese Bezeichnung der Dinge durch die Nachahmung ihrer in die Sinne fallenden Eigenschaften gab sich leicht. Der Löwe wurde z. B. durch die Nachahmung seines Gebrülls, der Wind durch die Nachahmung seines Sausens ausgedrückt. So wurden Gegenstände, die sich durch das Gehör offenbaren, durch Töne ausgedrückt: andere, die sich durchs Gesicht ankündigen, konnten im leichten Umriß etwa im Sande nachgebildet werden. Z. B. Fische, Neze, mit einigen Gesticulationen und Winken gegen das Ufer hin begleitet, waren für den, an welchen diese Zeichen gerichtet waren, eine Auffoderung zum Fischen.


Diese Sprache war leicht erfunden, und hinreichend, wenn etwa zwei beisammen waren, um sich zu unterhalten, oder in der Nähe zusammen arbeiteten. Jeder giebt auf des Andern Zeichen Acht: der eine ahmt einen Ton nach, der andere auch; der eine zeichnet etwas mit dem Finger, der andere auch. So verstehen sie einander: der eine weiß, was der andre denkt, und dieser weiß, was jener will, daß er denken solle. Man stelle sich aber vor, daß diese zwei für sich arbeiten, und entfernt von einander sind, z. B. auf der Jagd. Einer will dem andern einen Gedanken mittheilen, der sich nur durch ein Zeichen fürs Gesicht ausdrücken läßt; aber zum Unglück richtet der andere seine Blicke nicht auf ihn, oder kann seine Zeichen wegen der großen Entfernung nicht [269] bestimmt erkennen. Hier ist die Unterredung unmöglich. —


Ferner: man denke sich mehrere, die um sich zu berathschlagen, versammelt sind. — Dies wird bei rohen und uncultivirten Menschen, wie wir hier sie uns denken, oft der Fall sein, weil sie oft des gegenseitigen Raths bedürfen. — Man erwäge ob die angenommene Hieroglyphensprache für eine so große Gesellschaft bequem sein werde. Gesetzt, es sind ihrer zehn beisammen; während einer redet und achte zuhören, fällt es dem zehnten ein, auch etwas vorzutragen. Aber alle seine Zeichen werden nicht beobachtet, weil die übrigen auf den ersten merken. Wie soll er es anfangen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen?


Man erinnere sich einer Bemerkung, welche die tägliche Erfahrung bestätigt. — Das Gehör leitet unwillkürlich die Augen: man richtet sich nach der Gegend, wo ein Schall herkam, selbst ohne sich mit Bewußtsein die Absicht zu denken, der Ursache dieses Schalls nachzuspüren; ja, man hat oft Mühe sich des Hinsehens zu erwehren. Da es der vorausgesetzten Person in der Ursprache frei steht, sich sowohl fürs Gesicht, als fürs Gehör auszudrücken, so wird Er, unsrer, nicht gerade deutlich gedachten, aber dunkel gefühlten Bemerkung zufolge, auf den letztern Sinn zu wirken suchen, um die Gesellschaft vor’s erste nur aufmerksam auf sich zu machen, und mag vielleicht zuerst einen unarticulirten Ton, etwa ein Hm! von sich geben. Jetzt werden die andern ihre [270] Blicke auf ihn richten, und er kann durch Zeichen für das Gesicht mit ihnen sprechen. Aber sie sind vielleicht in den Gedankenkreis desjenigen, der zuerst zu ihnen sprach, und der jetzt unterbrochen ist, unwiderstehlich hineingerissen, er allein interessirt sie, und sie wenden ihre Blicke von dem Zehnten wieder hinweg. Dies wird demselben nicht gleichgültig sein. Er ist überzeugt, daß das, was er vortragen will, von der größten Bedeutung sei, — und wird sich nicht so ruhig gefallen lassen, daß seine Rede so wenig Eingang findet. Je stärker in ihm das Verlangen ist, sich mitzutheilen, desto lebhafter muß er auch sein Unvermögen fühlen, durch Zeichen fürs Gesicht der Versammlung seine Gedanken bemerkbar zu machen: und dieses Unvermögen, verbunden mit der Erinnerung an die Wirkung welche der Laut, den er gleich anfangs von sich gab, auf die Gesellschaft machte, muß nothwendig die Vorstellung in ihm veranlassen, daß er die Gesellschaft nöthigen würde, auf seine ganze Rede zu achten, wenn sein Vortrag aus bloßen Gehörzeichen bestehen würde.


Noch mehr. Man verwandle die vorausgesetzte Gesellschaft in eine solche, wo jeder reden will — jeder wird wünschen, daß er die Hieroglyphensprache, in welcher Zeichen fürs Gesicht mit Gehörzeichen abwechseln, in eine bloße Gehörsprache umschaffen könnte, um mehr Eingang und Aufmerksamkeit zu finden. Durch eine solche Auskunft würde auch derjenige, der sich in dem zuerst angeführten Falle befand, in den Stand gesetzt werden, dem andern auch in der Entfernung, oder in der Dunkelheit seine Gedanken anzuzeigen. [271] Durch diese Mängel der Ursprache, daß sie die Aufmerksamkeit nicht erregt, sondern sie schon voraussetzt, daß sie nur in der Nähe und am Tage anwendbar ist, entstand nothwendig die Aufgabe, dieselbe in eine bloße Gehörsprache zu verwandeln.


Wie soll nun aber diese Aufgabe gelöst werden? Wie soll der Mensch Gegenstände, die sich durch den Ton nicht charakterisiren, durch Töne bezeichnen? Der Hirt wird sein Vieh, und die Feinde desselben, den Löwen, den Tiger, den Wolf, durch die Nachahmung ihrer Stimmen bezeichnen. Aber wie soll er einen Fisch, Vegetabilien und andere Gegenstände, welche uns die Natur nicht durch Töne ankündigt, fürs Gehör bezeichnen?


Dazu kommt noch, daß, so wie sich allmählich die Bedürfnisse der Menschen vermehren, auch immer mehr Dinge in Gebrauch kommen, z. B. Zelte, Netze und andere Werkzeuge, die, ihrer Natur nach, keinen Ton von sich geben. Und doch soll auch für diese ein bezeichnender Laut gefunden werden.


Man beruft sich gewöhnlich, um die Erfindung solcher Bezeichnungen zu erklären, auf Verabredung: man nimmt an, die Menschen, in einer Lage, die ihnen eine Gehörsprache nothwendig machte, wären übereingekommen, diesen Gegenstand Fisch, jenen Netz zu nennen u. s. w. Allein dies ist grundlos. Denn erstlich, wie sollte man auch nur auf den Einfall gekommen sein, Gegenstände durch willkürliche Töne bezeichnen [272] zu wollen, nachdem man sie bisher immerfort durch natürliche Zeichen ausgedrückt hatte? Dann, wie kam es, daß derjenige, welcher die Töne vorschlug, sie selbst nicht wieder vergaß, oder noch mehr — daß sie von der ganzen Horde behalten wurden? Endlich, wie wäre es denkbar, daß eine Menge ungebundner Menschen sich dem Ansehen eines Einzigen unbedingt unterworfen — daß sie einen Vorschlag, der sich auf nichts, als die Willkür dieses Einzigen gründete, so willig angenommen hätten?


Noch ist, bei der ganzen Deduction der Sprache, und insbesondre bei der gegenwärtigen Untersuchung, wohl zu merken, daß die verschiedenen Momente der Erfindung und Modification einer Sprache nicht so schnell auf einander gefolgt sind, als sie hier erzählt werden. Wer weiß, wie viel tausend Jahre verflossen sind, ehe die Ursprache Sprache fürs Gehör wurde?


Ferner ist es durch die Erfahrung bestätigt, daß die Sprachen sich immer ändern, immer neue Modificationen annehmen; daß aber diese Veränderlichkeit nach Maaßgabe der Cultur, welche eine bestimmte Sprache hat, sich stärker oder schwächer äußert. Vorzüglich zeigt sich durch Erfahrung, daß die Sprache sich am meisten bei einem Volk ändert, das noch nicht schreibt, sondern bloß spricht; weil der ursprüngliche Ton eines Zeichens, wenn er einmal verloren gegangen ist, nirgends wieder aufgefunden werden kann. Wo aber geschrieben wird, da wird der Ton festgehalten, und es [273] läßt sich immer wieder bestimmen, wie ein Wort ausgesprochen werden muß. Durch Erfindung der Buchstaben wurde also die Sprache sehr befestigt.


Eine lebende Sprache verändert sich demnach immer im umgekehrten Verhältniß mit ihrer Cultur; je mehr Ausbildung sie erhalten hat, desto weniger rückt sie vorwärts, je uncultivirter sie noch ist, desto mehr modificirt sie sich; und sie verändert sich am stärksten, wenn ihre Laute noch nicht durch Schriftzeichen festgehalten werden. Diese Bemerkung brauchen wir, um uns zu erklären, wie die Ursprache sich in Gehörsprache verwandelt hat.


Die Fortsetzung im folgenden Heft.
[287]
I.
Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache.
(Beschluß der im vor. Heft. abgebr. Abhandl.)


Nach diesen Vorerinnerungen kommen wir zur Beantwortung der Frage selbst: wie ließ sich Hieroglyphensprache in Gehörsprache umschaffen?


In der Ursprache mußten bald die Zeichen fürs Gehör, welche Nachahmung natürlicher Töne waren, z. B. die Bezeichnung des Löwen, des Tigers u. s. w., die durch das ihnen eigenthümliche Gebrüll ausgedrückt wurden, merkliche Veränderungen leiden. Bei einem Volke, das – wie von den Stämmen der Wilden bekannt ist — die Zusammenkünfte liebt, in Gesellschaft arbeitet und schmaust u. s. w., wird es leicht dahin kommen, daß Ein Mensch durch die Ueberlegenheit seines Geistes einen Vorzug vor den Uebrigen behauptet, und, ohne durch Stimmen dazu erwählt zu werden, den Heerführer im Kriege, und in ihren Versammlungen den Sprecher [288] vorstellt. Ein solcher Mensch, auf dessen Reden man vorzüglich achtet, wird sich durch Gewohnheit eine Geläufigkeit im Sprechen erwerben, und durch diese Geläufigkeit bald dahin kommen, daß er die Dinge nur flüchtig bezeichnet, sich es nicht übel nimmt, den oder jenen Ton im Reden zu überspringen. Man wird sich an diese Abweichung bald gewöhnen, und diese flüchtigere Bezeichnung leicht verstehen lernen. Allmählich wird er sich von der eigentlichen Nachahmung der natürlichen Töne immer mehr entfernen, seine Bezeichnung wird nach und nach flüchtiger kürzer und leichter werden, so daß sich — vielleicht nach einem Zeitraum von einigen Jahrzehnden schon — zwischen seiner Bezeichnung eines Gegenstandes und dem natürlichen Ton, durch welchen sich dieser dem Gehör ankündigt, kaum noch eine Aehnlichkeit wird entdecken lassen. Die Andern, die sich bemühen, diese leichtern Gehörzeichen verstehen zu lernen, werden es bald bequemer finden, diese Art zu sprechen, die sich durch ihre größere Leichtigkeit empfiehlt, auch nachzuahmen.


Je weiter nun die Menschen in dieser von der Natur sich entfernenden Bezeichnungsart fortgiengen, desto lebhafter mußte sich ihnen, selbst bei der flüchtigsten Aufmerksamkeit auf sich selbst, und ihre Art, sich auszudrücken, die Bemerkung aufdringen, daß, da man Dinge fürs Gehör auf eine andere Art, als sie von Natur tönen, ausdrücken könne, man vielleicht auch Dinge, die an sich tonlos sind, durch einen Ton bezeichnen könnte. — Welchen Weg mußte man nun einschlagen, um diesen Gedanken zu realisiren? [289] Wenn auch gewisse Dinge sich nicht ausdrücklich unserm Ohr ankündigen, so kömmt ihnen doch zufälliger Weise, unter besondern Umständen ein Ton zu. Z. B. der Reif hat an sich keinen Ton, wenn man aber über denselben weggeht, so entsteht ein gewisses, charakteristisches Rauschen, von welchem er leicht benannt werden konnte: der Wald tönt an sich nicht, wohl aber, wenn man durchs Gesträuche geht, u. s. w. Oft konnte auch ein Zufall, welcher sich ereignete, als gerade ein Mensch mit der Betrachtung eines Gegenstandes sich beschäftigte, die Erfindung eines Tons für denselben veranlassen. Z. B. jemand sah eine Blume, indem flog eine Biene, welche Honig aus derselben gesaugt hatte, sumsend davon; er sah beides noch nie, in seiner Phantasie vereinigte sich jetzt das Sumsen mit dem Gedanken an die Blume, und diese Verbindung leitete ihn sehr natürlich darauf, für die Blume und Biene eine Bezeichnung zu finden.


Auf diese Weise kam man darauf, Dinge nach gewissen, zufällig mit ihnen verbundenen, oder auf sie bezogenen Tönen zu benennen. Man denke sich nun den Trieb, eine Zeichensprache in Gehörsprache umzuschaffen, selbst dann noch in fortdauernder Wirksamkeit, als schon die bekanntesten Gegenstände — diejenigen, die im Kreise der täglichen Beschäftigungen des Menschen lagen, für das Ohr bezeichnet waren: so ist es sehr begreiflich, wie man endlich darauf geleitet wurde, auch Töne zu Bezeichnung eines Gegenstandes festzusetzen, zu welchen auch nicht einmal ein zufälliger Laut Veranlassung gab. Um die Bedeutung eines solchen Tones zu erklären, mußte der [290] Erfinder ihn durch andre schon bekannte Töne erläutern; durch deren Zusammensetzung er selbst neue Worte bilden konnte. So war es ihm leicht möglich, durch Zusammenstellung mehrerer Töne, deren Gegenstände mit dem zu bezeichnenden Objecte in gewisser Beziehung standen, seine Sprache mit neuen Bezeichnungen zu bereichern.


Aber, wer war es denn, der für die Erfindung und Ausbildung einer Gehörsprache zu sorgen hatte? und wie konnte eine solche willkürliche Bezeichnung, die von einem Individuum aufgestellt wurde und wozu in dem Gegenstand entweder gar keine oder nur eine zufällige Veranlassung war, als ein allgemeinverständlicher Ausdruck in Umlauf gebracht werden? Der Natur der Sache nach mußte dieses Geschäft vorzüglich dem Hausvater und der Hausmutter einer Familie angehören, die bei ihren häuslichen Geschäften oft Gelegenheit hatten, mancherlei neue Töne zu erfinden, womit sie ihren Hausgenossen die Bearbeitung eines Gegenstandes in einem Ausdrucke auftragen konnten, den sie anfänglich durch Vorzeigung des Gegenstandes erklärten. Durch den häufigen Gebrauch wurden diese Ausdrücke dem Vater und der Mutter selbst geläufiger.


Allein, wenn auch der Hausvater sich durch die von ihm erfundenen Bezeichnungen seiner Familie verständlich machte; wenn ihm auch z. B. sein Sohn, wenn er eine Rose verlangt hatte, die Blume brachte, welche er mit diesem Ausdruck meinte: wie sollte dies Wort in der ganzen Horde gemein [291] bekannt werden? Warum sollte doch der zweite und dritte Nachbar nicht die Freiheit gehabt haben, die Rose anders zu benennen? Mithin ließe sich aus dem Vorgetragenen nur erklären, wie die Sprache der Familie gebildet und erweitert wurde; nicht aber, wie die Sprache der ganzen Horde sich entwickeln konnte. — Dieser Einwurf läßt sich auf folgende Art auflösen.


Es wird unter uncultivirten Völkern immer wenige geben, welche Kopf und Lust genug besitzen, sich mit Ausbildung der Sprache vorzüglich zu beschäftigen. Daher werden diejenigen, welche Fähigkeit und Neigung zu diesem mühsamen Geschäfte zeigen, schon dadurch bald über die Horde großen Einfluß gewinnen. Wenn nun dieselbigen Menschen außer diesem Verdienste auch noch andere Talente besitzen, die sie zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten ihres Volks geschickt machen, (und dies läßt sich um so leichter annehmen, da die Menschen, wie wir sie hier uns denken, noch nicht durch äußere Verhältnisse zu einer einseitigen Bildung verleitet, leicht von mehrern Seiten zugleich sich auszeichnen konnten): so werden sie bald an der Spitze der Horde stehen, und in ihren Rathsversammlungen das Wort führen. Diese werden nun die Bezeichnungen, die sie für die Bedürfnisse ihrer Familie erfunden hatten, in die Volksversammlung bringen; man wird sie annehmen und fortbrauchen. Auf diese Art wird sich die Erfindung eines Hausvaters bald durch die ganze Horde verbreiten. [292] Aber wie sollte man diese Ausdrücke immer verstehen, und behalten? — Man muß sich nur nicht vorstellen, daß dies alles auf einmal und plötzlich geschehen sei. Der Sprecher brachte nicht etwa ganze Reihen neuer Töne vor, die er auf einmal zu behalten ausdrücklich aufgab; sondern die Ausdrücke kamen im Fluß der Rede einzeln vor, und waren, wenn auch nicht an sich, doch durch den Zusammenhang mit andern bekannten Worten verständlich. Aller Augen und Ohren sind auf den Redner gerichtet; man merkt genau auf ihn, prägt sich das Gehörte sorgfältig ein, und gebraucht die gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie.


Bisher waren wir beschäftigt, zu zeigen, wie einzelne Gegenstände fürs Gehör bezeichnet wurden. Mit mehreren Schwierigkeiten wird die uns nun bevorstehende Untersuchung über Bezeichnung allgemeiner Begriffe verbunden sein. Es giebt in der Wirklichkeit keinen Gegenstand, der, außer dem Merkmale seines Geschlechts, nicht auch das Merkmal einer besondern Gattung dieses Geschlechts an sich trüge. Es giebt zum Beispiel keinen Gegenstand, von welchem sich weiter nichts sagen ließe, als daß er ein Baum, und nicht zugleich, daß er etwa eine Birke, Eiche, Linde u. s. w. sei. Wie kam man demnach darauf, allgemeine Begriffe, z. B. den des Baumes, auszudrücken?


Zu Bezeichnungen der Gattungsbegriffe gelangte man sehr leicht. Ein Hausvater zeigte einem seiner Kinder eine Blume, die er Rose nannte. Bald darauf schickt er [293] es, ihm die Rose zu holen. Das Kind hatte mit diesem Tone gewiß den Begriff jener bestimmten individuellen Blume verbunden, welche ihm der Vater gezeigt hatte. Es findet aber die bestimmte Blume nicht mehr, doch erblickt es daneben eine Blume von gleicher Gestalt, welche dem Kinde nun auch Rose heißt. Es reißt sie ab und bringt sie dem Vater, der die Blume als Rose anerkennt. So kommen beide überein, daß der Schall Rose nicht bloß jenen einzelnen Gegenstand aus jener bestimmten Stelle, sondern überhaupt alle Blumen von derselben Gestalt, derselben Farbe, demselben Geruche bedeute. — So war vielleicht in der gleichen Zeitreihe mit dem ersten Versuche einer Gehörsprache die Bezeichnung der Gattungsbegriffe möglich. — Richtig ist überhaupt, daß die Gattungsbegriffe sich eher entwickelten, als die des Geschlechts, weil, um sich die letztem zu denken, ein höherer Grad von Abstraction erfodert wird. Folglich mußten auch wohl die Bezeichnungen für jene früher entstanden sein, als die Bezeichnungen für die letztern. Auch ist kein so dringendes Bedürfniß da, den Geschlechtsbegriff — z. B. den des Baums zu bezeichnen, als etwa die Gattungsbegriffe Birke, Eiche u. s. w.


Diejenigen Namen von Gattungsbegriffen, denen das Zeichen des Geschlechtsbegriffs, zu welchem sie gehören, nicht angehängt ist, sind gewiß früher erfunden worden, als die Namen ihrer Geschlechtsbegriffe; hingegen, wo man dem Ausdrucke eines Gattungsbegriffs die Bezeichnung seines Geschlechts beigefügt findet, da ist der erste gewiß später erfunden [294] worden. So sagt man nicht Birkenbaum, Fichtenbaum, weil die Namen dieser Gattungen von Bäumen früher waren, als die Bezeichnung des Geschlechts. Hingegen sagt man Birnbaum, Apfelbaum, Nußbaum u. s. w. weil hier der Gattungsbegriff später zu unsrer Kenntniß kam, als der seines Geschlechts. Denn es ist bekannt, daß diese Gattungen von Bäumen in Teutschland nicht einheimisch, sondern erst zu uns gebracht worden sind, da schon die wilden Baumarten, und das Geschlecht selbst bezeichnet war. Man nannte demnach die nun eingeführten fremden Bäume, ehe man einen bestimmten Namen für sie wußte, mit dem Geschlechtsworte: Bäume. Die Frucht hatte indeß schon vorher einen Namen, den man vielleicht durch die Kaufleute erfahren hatte, und so entstand denn der Ausdruck: Apfelbaum, Birnbaum u. s. w.


Sehr abstracte Begriffe wurden erst ganz spät benannt, und die Zeichen derselben sind öfters vorher Zeichen der Gattung gewesen. — Einer der aller abstractesten Begriffe ist der eines Dinges; durch welches Wort ein Seiendes überhaupt bezeichnet wird. Im Teutschen ist die Ableitung dieses Wortes weniger verwickelt, als im Lateinischen, da das Wert Ens in dieser Sprache nicht das Existiren, sondern den reinen Begriff des Seins ausdrückt. Im Teutschen hieß wohl anfänglich alles, was als Werkzeug zu etwas gebraucht wird, ein Ding. Dies sieht man bei Kindern und ungebildeten Menschen, die anstatt des eigentlichen Ausdrucks (wenn sie etwas entweder noch nicht kennen oder sich dessen nicht sogleich [295] entsinnen können) z. B. für Feder sagen: ein Ding, womit man schreibt. — Diese Bedeutung des Wortes Ding bestätigt sich dadurch, daß es sehr nahe mit Düng und Dung zusammenhängt, und auch sonst oft damit verwechselt wurde. Z. B. bei Luther kömmt das Wort Ding häufig als Endung eines Wortes vor; als, statt Deutung — Deutding u. s. w. und wenn man in den ältern Denkmälern unserer Sprache nachforschen wollte, so würde man es noch öfter in dieser Gestalt finden. Nach und nach schob man nun diesem Worte einen höhern Sinn unter, und so wurde endlich aus der Bezeichnung eines Gattungsbegriffs, aus dem Ausdrucke für ein Etwas, das zum Behuf eines andern da ist, die Bezeichnung eines der allgemeinsten Begriffe, die Bezeichnung eines Etwas überhaupt.


Noch mehr Schwierigkeit findet sich bei der Erklärung des Wortes Sein. Sein drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus, und der Mensch muß sehr ausgebildet sein, um sich zu der reinen Vorstellung desselben erheben zu können. Da wir indeß die Worte: sein, ich bin, du bist u. s. w. auch in den Sprachen uncultivirter Völker antreffen, so kann es wohl jene hohe, nur der schärfsten Abstraction zugängliche Idee nicht sein, was ursprünglich durch diese Zeichen ausgedrückt wurde: Sie bezeichnen in jenen frühern Perioden einer Sprache — was sie auch uns in den meisten Fällen, wo wir uns ihrer bedienen, bedeuten — das Dauernde im Gegensatz des Wandelbaren, oder den sinnlichen Begriff der Substanz. Es versteht sich, daß ich dieses [296] Wort hier in dem Sinne nehme, in welchem man es vor der Wissenschaftslehre genommen hat, und nehmen mußte. Ich erkläre den Begriff der Substanz transscendentell nicht durch das Dauernde, sondern durch synthetische Vereinigung aller Accidenzen. Die Dauer ist nur ein sinnliches Merkmal der Substanz, welches man aus dem Zeitbegriff hineinträgt. Offenbar ist nicht das Dauernde, sondern nur das Wandelbare Gegenstand unserer Wahrnehmungen. Denn, da jede äußere Vorstellung nur durch ein Afficirtwerden entsteht, welches nur dadurch möglich ist, daß ein Eindruck auf unser Gefühl geschieht, folglich eine Veränderung in uns veranlaßt wird; so ist klar, daß jeder Gegenstand, dessen wir uns bewußt werden sollen, sich uns durch und in einer Veränderung ankündigen müsse. Etwas bleibendes ist demnach nicht wahrnehmbar; aber wir müssen alle Verwandlung auf etwas Bleibendes beziehen — auf ein dauerndes Substrat, welches aber nur ein Product der Einbildungskraft ist. Auf dieses Substrat wird nun das Wort sein oder ist angewendet. Keine Handlung unsers Geistes wäre ohne ein solches Substrat, und ohne eine Bezeichnung für dasselbe keine Sprache möglich. Daher kömmt das Wort Sein in einer Sprache vor, sobald sie nur anfängt, sich zu entwickeln. Aber es kömmt unter keiner andern Bedeutung vor, als daß es das Dauernde, welches allem Wechsel zum Grunde liegt, anzeigt.


Eine andere noch schwierigere Untersuchung, welche wir anzustellen haben, betrifft die Erfindung von Zeichen für geistige [297] Begriffe. Zuvor muß der Begriff da gewesen sein, ehe man eine Bezeichnung für ihn suchen konnte. Wir wollen also zuerst versuchen, den Weg, auf welchem jene Ideen sich entwickelten, ausfindig zu machen.


So lange der Mensch durch Nothdurft getrieben, nur um Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse bekümmert ist, wird er zum Nachdenken, und insbesondere zur Entwickelung geistiger Begriffe keine Zeit haben. Sobald aber die Sinnlichkeit bis zu einem gewissen Grade ausgebildet ist, und der Mensch sich eine Geschicklichkeit erworben hat, sich seine Bedürfnisse leicht zu verschaffen, wird er auch durch den der Seele einwohnenden Trieb des Fortschreitens angeleitet werden, geistigen Ideen nachzuforschen. Er wird gewohnt, eine sinnliche Erscheinung sich aus einer andern, und diese wieder aus einer dritten zu erklären. Wenn ihm nun, bei diesem Erklärungsgeschäft, eine und dieselbe Erscheinung sehr oft vorkömmt, so wird er diese, als die letzte Ursache aller übrigen, annehmen. Hier wird seine Forschung vielleicht eine Zeitlang befriedigt stille stehen; aber bald wird er auch von der Erscheinung, welche ihm bis jetzt letzte Ursache war, wieder den Grund aufsuchen, und so zuletzt aus dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen übergehen müssen. — So ist nach und nach das Urtheil entstanden: es ist eine Welt, mithin auch ein Gott.[2] [298] Hat sich aber der gemeine Verstand einmal zu der Idee einer übersinnlichen Ursache der Welt erhoben, so entdeckt er von diesem hohen Gesichtspunkt aus bald auch die übrigen geistigen Ideen, der Seele, Unsterblichkeit, u. s. w. [299] So wie sich nun bei einem Menschen diese Ideen mehr und mehr aufklärten, regte sich auch in ihm der Trieb, andere mit dem, was erforscht hatte, bekannt zu machen; denn nie ist der Trieb, sich mitzutheilen, lebhafter, als bei neuen und erhabenen Gedanken. Es mußten also auch Zeichen für jene Vorstellungen aufgefunden werden. Diese Zeichen finden sich, bei übersinnlichen Ideen aus einem in der Seele des Menschen liegenden Grunde, sehr leicht. Es giebt nämlich in uns eine Vereinigung sinnlicher und geistiger Vorstellungen durch die Schemate, welche von der Einbildungskraft hervorgebracht werden. Von diesen Schematen wurden Bezeichnungen für geistige Begriffe entlehnt. Nämlich das Zeichen das der sinnliche Gegenstand, von welchem das Schema hergenommen wurde, in der Sprache schon hatte, wurde auf den übersinnlichen Begriff selbst übergetragen. Diesem Zeichen lag nun freilich eine Täuschung zum Grunde, aber durch dieselbe Täuschung wurde es auch verstanden, weil bei dem andern, welchem der geistige Begriff mitgetheilt wurde, an dem gleichen Schema auch der gleiche Gedanke hieng. — So muß, um ein recht auffallendes Beispiel zu geben, die Seele, das [300] Ich, als unkörperlich gedacht werden, in so fern es der Körperwelt entgegengesetzt ist. Wenn es aber vorgestellt werden soll, so muß es außer uns gesetzt, folglich unter die Gesetze, nach welchen Gegenstände außer uns vorgestellt werden, unter die Formen der Sinnlichkeit gebracht, und mithin im Raume vorgestellt werden. Hier ist ein offenbarer Widerstreit des Ich mit sich selbst: die Vernunft will, daß das Ich als unkörperlich vorgestellt werde, und die Einbildungskraft will, daß es nur als den Raum erfüllend, als körperlich erscheine. Diesen Widerspruch sucht der menschliche Geist dadurch zu heben, daß er etwas, als Substrat des Ich, annimmt, das er allem, was er als grobkörperlich kennt, entgegensetzt. Also wird der Mensch, wenn er noch gewohnt ist, Materialien zu seinen Vorstellungen vorzüglich durch den Sinn des Gesichts zu erhalten, zu einer Vorstellung des Ich, einen solchen Stoff wählen, der nicht in die Augen fällt, den er aber sonst wohl spürt, z. B. die Lust, und wird die Seele Spiritus nennen.

Diese Art der Bezeichnung verfeinert sich nach Maßgabe der Verfeinerung der Begriffe. Eine Philosophie, die alles aus Wasser entstehen läßt, und folglich Wasser für das erste und feinste Element hält, würde die Seele durch Wasser bezeichnen. Bei zunehmender Verfeinerung der Begriffe wird sie durch Lust, anima, Spiritus ausgedrückt; und bei noch höherer Cultur, wenn man schon von Aether hört, wird man sie durch Aether bezeichnen. — Auf diese Art werden für geistige Begriffe Bezeichnungen gefunden. [301] Die Uebertragung sinnlicher Zeichen auf übersinnliche Begriffe ist indeß Ursache einer Täuschung. Der Mensch wird nämlich durch diese Bezeichnungsart leicht veranlaßt, den geistigen Begriff, welcher auf eine solche Weise ausgedrückt worden ist, mit dem sinnlichen Gegenstande, von welchem das Zeichen entlehnt wird, zu verwechseln. Der Geist wurde z. B. durch ein Wort bezeichnet, welches den Schatten ausdrückt: sogleich denkt sich der ungebildete Mensch den Geist als etwas, das aus Schatten bestehe. Daher der Glaube an Gespenster, und vielleicht die ganze Mythologie von Schatten im Orcus.


Die Täuschung war aber unvermeidlich; man konnte jene Begriffe nicht anders bezeichnen. Wer demnach seine Denkkraft noch nicht genug geübt hatte, um dem gebildeten Geiste des Forschers, der zuerst jene geistigen Ideen in sich entwickelte, in seinen schärfern Abstractionen folgen zu können, der konnte auch unmöglich den Sinn fassen, in welchem jener die bildlichen Ausdrücke verstand. Ein solcher glaubte also, es wäre bloß von den sinnlichen Gegenständen, von welchen die vorgetragenen Zeichen entlehnt waren, die Rede, und dachte sich also die geistigen Gegenstände sehr materiell. — Daher entsteht auch nicht aller Aberglaube durch Betrügerei, sondern dadurch, daß geistige Ideen nicht anders, als durch sinnliche Worte ausgedrückt werden konnten, und daß derjenige, der sich nicht bis zum Bezeichneten erheben konnte, bei dem ersten rohen Zeichen stehen blieb. [302] Bisher beschäftigte sich unsere Untersuchung bloß mit der Frage: wie kamen die Menschen darauf, einzelne Gegenstände durch in die Sinne fallende Zeichen auszudrücken? Wir haben also bloß die Entstehung der Worte untersucht. Aber Worte allein machen noch keine Sprache aus. Sprache besteht aus der Zusammenfügung mehrerer Worte zur Bezeichnung eines bestimmten Sinnes. Auch erhalten die einzelnen Worte erst durch diese Zusammenfügung, durch den Ort, welchen sie in der Verbindung mit mehreren andern einnehmen, völlige Verständlichkeit und Brauchbarkeit zur Bezeichnung unserer Gedanken. Wenn ich zu jemand sage: Rose — so wird bei ihm nichts, als die bloße Vorstellung der Rose hervorgebracht werden. Wenn ich ihm aber sage: bringe mir die Rose; so weiß er bestimmt, was ich gedacht habe, und was ich will, daß er thun soll. — Zu einer vollständigen Erklärung des Ursprungs der Sprache ist daher auch erfoderlich, die Entstehung jener Zusammenfügung mehrerer Worte, d. h. der Grammatik zu zeigen.


So irrig es ist, zu glauben, daß die willkürlichen Bezeichnungen der Gegenstände durch eine besondere Uebereinkunft der miteinander vereinigten Menschen gebildet worden seien, so irrig ist es auch, anzunehmen, daß Grammatik durch Verabredung entstanden sei. Eine Verabredung zu einem solchen Zweck setzt einen Grad von Geistesbildung, und insbesondere von Philosophie der Sprache voraus, der bei den Menschen aus der Stufe der Cultur, auf der wir sie hier uns denken müssen, gar nicht statt finden konnte. — Vielmehr [303] muß die Ableitung der Grammatik ebenfalls von einem, in dem Wesen des Menschen liegenden Grunde, von der natürlichen Anlage zum Sprechen ausgehen, und zeigen, wie diese Anlage durch das Bedürfniß geweckt, und nach und nach auf die Erfindung der verschiedenen Arten der Wortfügung geleitet wurde.


Die ersten Wörter waren gewiß ganze Sätze: sie faßten, vielleicht in einer einzigen Sylbe; welche wiederholt werden konnte, ein Substantiv und ein Zeitwort in sich. Z. B. Die Nachahmung des Löwengebrülls deutete der Horde an, es komme ein Löwe. — Man hat behauptet, die ersten Worte seien Zeichen des Vergangenen gewesen. Dies läßt sich aber nicht wohl annehmen: denn, wenn diese Worte das Geschehene hätten bezeichnen sollen, so müßten vergangene und gegenwärtige Zeit schon genau von einander abgesondert gewesen sein, und zum Behuf dieser Unterscheidung beide ein bestimmtes Zeichen gehabt haben. Die ersten Worte waren vielmehr so unbestimmt als möglich; sie bezeichneten keine bestimmte Zeit, sondern waren bloß aoristisch: es wurde das Vergangene und Gegenwärtige zugleich ausgedrückt. Z. B. ein Löwe will eine Horde anfallen. Dies kündigt der, welcher es sieht, durch ein Geschrei an, und drückt dadurch die vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zeit zugleich aus; denn er zeigt dadurch an, daß er den Löwen gesehen habe, daß er sie darauf aufmerksam machen, und ihnen die Folgen von dessen Annäherung anzeigen wolle, damit sie sich zu gemeinschaftlicher Vertheidigung rüsten können. [304] Also die ersten Worte faßten in sich ein Substantiv und ein Zeitwort: das Tempus war der Aorist, die Person ganz gewiß die dritte; denn die Ursprache fängt an mit dem Erzählen, und der Ton der Erzählung redet in der dritten Person. — Die ersten Zeitwörter waren weder Activa, noch Passiva, sondern Neutra. Denn das Neutrum bezeichnet einen Zustand, der durch sich selbst bestimmt ist, der folglich auch, seiner Einfachheit wegen, am frühesten zum Bewußtsein, und zur Bezeichnung kommen mußte.


Für alles das, was wir hier über die ursprüngliche Gestalt der Zeitwörter sagen, können die Wurzelwörter der orientalischen Sprachen zur Bestätigung dienen: diese sind Neutra, haben aoristische Zeitbedeutung, und gehen von der dritten Person aus.


Jedes Ding wurde in der Ursprache durch seine höchste Eigenthümlichkeit ausgedrückt. Diese höchste Eigenthümlichkeit eines Gegenstandes bestand wohl in demjenigen, wodurch sich dieser Gegenstand dem Bewußtsein der rohen Naturmenschen am lebhaftesten ankündigte. Dieses Auffallende an einem Dinge konnte nun schon an sich ein Ton sein, und dann ahmte man denselben nach, um den Gegenstand, dem er angehörte, zu bezeichnen. Wenn es sich aber ursprünglich einem andern Sinne, als dem Gehör entdeckte, so suchte man auf die oben beschriebene Art einen Ton, welcher mit jener ausgezeichneten Eigenschaft in Beziehung stand, um auf diese Art wenigstens mittelbar den Gegenstand durch seine Eigenthümlichkeit zu bezeichnen. [305] Nun sollten aber noch andere Eigenschaften, die einem Gegenstand zukommen, auf Veranlassung der Umstände, auch ausgedrückt, als demselben zugehörig dargestellt werden. So wurde der Löwe durch Nachahmung seines Gebrülls angedeutet. Jetzt sollte ihm aber noch ein andres Prädicat zugeschrieben werden, welches ihm zufällig zukam. In diesem Falle mußte der Ton, welcher den Löwen bezeichnete, verbunden werden mit einem andern, durch welchen die zweite Eigenschaft bezeichnet werden sollte. Z. B. es sollte ausgedrückt werden: der Löwe schläft: hier mußte das Zeichen des Löwen mit dem des Schlafs (etwa mit dem Tone des Schnarchens) zusammengesetzt werden; und dies hieß denn: „der Löwe, der sonst brüllet, schläft.“ — Bei dieser Zusammensetzung konnte aber nicht so lange auf dem Tone des Löwen in der Aussprache verweilt werden, als sonst geschah, da man, unsrer Voraussetzung zufolge, durch den Ton des Löwen den ganzen Satz: der Löwe kömmt, ausgedrückt hatte, wo freilich der Ton, welcher hier den ganzen mitzutheilenden Gedanken bezeichnete, gedehnt und mit Nachdruck ausgesprochen werden mußte. Allein, wenn dieses Zeichen mit einem andern, auf welchem der Hauptsinn des ganzen vorzutragenden Satzes liegt, und welches also auch in der Aussprach durch einen längern und stärkern Ton unterschieden werden mußte, verbunden werden sollte, so mußte jenes erste Zeichen kürzer und leichter ausgedrückt werden, so daß es mit dem folgenden gleichsam in Ein Wort zusammenfloß. Auf diese Art entsteht aus einem Zeitworte ein Particip, das durch öftern Gebrauch, vielleicht auch durch Hinzukunft einiger [306] äußerer Zeichen sich leicht in ein Substantiv verwandeln kann. Es gehört also zum ursprünglichen Charakter des Substantiv, daß ein solches Wort kürzer und zusammenfließend mit dem folgenden Worte vorgetragen wurde.


Daraus erhellt auch — was man sonst ebenfalls aus einer besondern Verabredung erklären zu müssen glaubte — wie man darauf komen mußte, die Zeitwörter durch bestimmte Endsylben zu bezeichnen, und durch andere Endungen, z. B. us, os, u. s. w., die Substantiven zu charakterisiren. Nach unsrer Deduction mußte ein Wort, welches als Substantiv gebraucht werden sollte, den Satz eröffnen: und da das Wort, welches den Satz schloß, durchgängig den stärksten Ton erhielt, weil es denjenigen Begriff ausdrückte, auf dessen Mittheilung es hauptsächlich abgesehen war; so mußte, weil unsere Kehle bei mehreren zugleich vorzutragenden Tönen nur Einen stärker aussprechen kann, nothwendig das Substantiv, als das vorangehende Wort, leichter und mit dem folgenden zusammenfließend ausgedrückt werden, da hingegen das Zeitwort, welches, unserer Theorie gemäß, immer das letzte Wort in einem Satze war, sich dadurch auszeichnete, daß auf ihm der volle Ton ruhte.


Wir gehen jetzt zu einer andern Untersuchung fort, bei welcher uns, wie bei allen folgenden über die verschiedenen Arten der Wortfügung, die Aufschlüsse leiten werden, welche das so eben gefundene Resultat uns über die Entstehungsart fast aller Formen der Wortverbindung giebt. In dem vorher [307] angeführten Falle sollte ein Gegenstand durch zwei Bestimmungen bezeichnet werden. Gesetzt nun aber, ein Gegenstand soll mit drei oder mehreren Bestimmungen zugleich ausgedrückt werden, es soll z. B. angedeutet werden: der schlafende Löwe ruht aus, so muß hier nach der von uns aufgestellten Regel, der Löwe, als der Hauptbegriff im ganzen Satze, zuerst bezeichnet werden: hierauf folgt die nähere Bestimmung des Löwen, nämlich daß er schläft: und zuletzt kommt eine besondere Bestimmung dieses Schlafs — das Ausruhen. In dieser Verbindung muß demnach das Zeichen des Schlafs, welches in der vorher angeführten Zusammensetzung als das Hauptwort einen starken und gedehnten Ton hatte, abgekürzt, und zusammenfließend mit dem Zeichen des Ausruhens, das hier den Hauptsinn des ganzen Satzes enthält, aus dem folglich in der Aussprache am längsten verweilt werden muß, vorgetragen werden.


Man sieht ohne meine Erinnerung ein, daß in dieser Zusammensetzung die Bezeichnung des Schlafs, welche vorher ein Zeitwort war, auf dieselbe Art, wie indem vorher aufgestellten Satze die Bezeichnung des Löwen, zu einem Particip geworden ist; woraus sich leicht, etwa durch einige äußere Modificationen, ein Adjectiv bilden kann. — So entstehen Participien, Substantiven und Adjectiven. Aber man könnte fragen: warum ist aus manchen Bezeichnungen ein Substantiv, aus andern ein Adjectiv entsprungen, da doch sowohl das eine, als das andere, sich aus einem Zeitworte, und durch die Zusammensetzung desselben [308] mit einem andern Zeitworte gebildet hat? — Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Bei den ersten rohen Versuchen einer Wortfügung mochten nämlich Adjectiv und Substantiv nicht so streng unterschieden sein, als wir sie jetzt in unsern Sprachen unterschieden finden: zumal da die Verschiedenheit beider Bezeichnungsarten nicht sowohl auf innern Merkmalen, als auf dem besondern Gebrauche beruht, der von der einen, und von der andern gemacht wird. Substantiv war der Natur der Sache nach dasjenige Wort, welches den Hauptbegriff, oder das Subject eines Satzes bezeichnete: Adjectiv hingegen war jedes Wort, sobald es eine nähere Bestimmung des Hauptbegriffs auszudrücken gebraucht wurde. Auf diese Art konnte dasselbe Wort, wenn es in dem einen Satze das Subject der Rede, in dem andern nur ein Prädicat dieses Subjectes ausdrückte, bald in substantiver, bald in adjectiver Bedeutung vorkommen. — Die eigenthümliche Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjectiv ist auch wohl erst später hinzugekommen. Für uns sind sie nun, nachdem durch gewisse äußere Merkzeichen der schwankende Unterschied zwischen beiden fixirt ist, scharf von einander abgeschnitten; aber in der Ursprache durfen wir sie uns noch nicht eben so von einander unterschieden denken.


Aus dieser Gleichartigkeit ergiebt es sich auch, warum sich Substantiv und Adjectiv fast immer in den Endungen gleichen. Da beide durch Abkürzung des Stammworts und durch Verkettung desselben mit einem andern stärker und gedehnter auszudrückenden Worte entstehen, so folgt, daß sowohl [309] das eine, als das andere, mit einem Tone enden muß, der sich leicht dem folgenden Worte anschließen läßt: da hingegen die Zeitwörter einen rauhen, harten Ton haben mußten, weil sie den Satz schließen, und ihm den Nachdruck geben mußten. In cultivirten Sprachen werden freilich die Zeitwörter diesen rauhen Ton mehr oder weniger verlieren, weil sie dann eben so oft in der Mitte, als am Ende eines Satzes vorkommen. Denn der gebildete Mensch begnügt sich nicht mit Sätzen, wie sie hier aufgestellt sind: mit der einfachen Zusammenstellung eines Substantivs, Adjectivs und Zeitworts. So wie sich sein Geist mehr und mehr mit Vorstellungen bereichert, wird auch durch die mancherlei Bestimmungen, die er den vorgetragenen Begriffen als Erläuterungen beifügt, die Zusammensetzung verwickelter, der schlichte Satz zur Periode erweitert, und die ursprüngliche Wortfügung folglich verändert.


Durch diese Zusammenfügung mehrerer Worte bildete sich auch allmählich ein eigenthümlicher Unterschied des Substantivs von dem Zeitwort, welche ursprünglich ein gemeinschaftliches Stammwort ausmachten, das einen Gegenstand und eine Handlung zugleich andeutete (wie nach dem oben angeführten Beispiele der ursprüngliche Ton, der den Löwen bezeichnete, zugleich auch die Ankunft des Löwen ausdrückte). In der Verbindung mit andern Worten, wo es nicht mehr den ganzen Gedanken ausdrücken sollte, mußte ein solches Wort nicht mit dem vollen Ton, sondern leicht und fließend ausgesprochen werden, weil ein andres Zeichen folgte, auf welches [310] der Nachdruck gelegt werden mußte. Durch einen solchen leichtern und kürzern Ton konnte sich das Substantiv in der Folge überhaupt recht wohl von dem Zeitworte, von welchem es abstammte, unterscheiden, ohne daß im Ganzen die Aehnlichkeit verloren gieng, welche selbst noch in unsern Sprachen zwischen Substantiv und Zeitwort, wenn sie aus derselben Quelle entsprungen sind, statt findet.


Hier noch etwas über die Stellung der Worte, welche zusammengefügt werden sollen. Wenn ausgedrückt werden soll: der Löwe schläft und ruht aus; so wird zuerst der ursprüngliche Ton des Löwen, hier in substantiver Bedeutung, d. h. nicht mit der ganzen Stärke des Tons als Hauptwort, sondern kürzer abgebrochen mit dem folgenden Ton zusammenfließend, vorgetragen: zu diesem wird, als ein Adjectiv, der Ton des Schlafens hinzugefügt, und zuletzt kommt das Zeitwort ausruhen. Der ursprünglichen Wortfügung gemäß, gehört also dem Substantiv der erste Platz. Wie kömmt es zu dieser Stelle? — Der Naturmensch hält sich im Vortrage seiner Gedanken genau an die Ordnung, in welcher die Vorstellungen in der Seele auf einander folgen. Immer kömmt aber im Denken das am wenigsten Bestimmte zuerst, und hierauf folgen die nähern und noch nähern Bestimmungen. Folglich mußte auch in der Natursprache das für uns Unbestimmte, oder am wenigsten Bestimmte zuerst gesetzt werden, und die nähern Bestimmungen erst nachfolgen. Nun ist das Substaniv immer das Unbestimmteste: durch ein Adjectiv, das [311] hinzukömmt, wird es näher, und durch das Zeitwort endlich nach der Absicht hinlänglich bestimmt.


Dieser Ordnung zufolge steht also in der Ursprache das Adjectiv immer nach dem Substantiv. Aber wir finden, daß diese Ordnung nach Maßgabe der Cultur der Sprachen sich ändert. Sobald eine Sprache nicht mehr bloß Natursprache ist und sich der Sprache der Vernunftcultur nähert, wird in ihr das Adjectiv bald vor bald nach gesetzt. Bei Homer z. B. finden wir meistens das Adjectiv nach dem Substantiv. In der lateinischen Sprache stehen die Adjectiven schon häufig voran. In der teutschen Sprache aber kann das Adjectiv niemals nach dem Substantiv gesetzt werden. Im französischen setzt man auch das Adjectiv mehr vor als nach; wenn aber mehrere Adjectiven mit dem Substantiv verbunden werden sollen, so läßt man immer jene auf das letztere folgen, z. B. un homme vertueux et bien faisant; welche Verbindungsart, um des Nachdrucks willen der auf jedes der Adjectiven gelegt werden kann, allerdings einen entschiedenen Vorzug vor der Teutschen hat. — Wie kann es in einer Sprache dahin kommen, daß das Adjectiv jener Ordnung des Denkens gerade entgegen, zuerst gesetzt wird? — In dem Fortschritt der Cultur einer Sprache müssen die Wörter nicht mehr als einzelne Wörter gedacht werden, sondern mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden als Ein Begriff gedacht. So wird auch das Substantiv nicht mehr als einzelner Begriff gedacht, der nachher durch Adjectiven bestimmt werden solle, sondern er wird mit diesen sogleich zusammen [312] gedacht als Ein Begriff, und jene können ihm also auch vorhergehen.


Eine andre Frage, die wir jetzt zu untersuchen haben, betrifft die Entstehung des Activs und Passivs. Die ersten Zeitwörter waren Neutra. Aus dem ursprünglichen Neutrum läßt sich das Activ leicht entwickeln. Das Neutrum bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, einen Zustand, in welchem sich der Gegenstand der Rede befindet: bezieht man nun diesen Zustand auf ein anderes Object, welches mit demselben in Verbindung steht, so wird auch das Neutrum in ein Activ verwandelt. Z. B. in dem Satze: der Löwe frißt — drückt das Wort fressen einen durch sich selbst völlig bestimmten Zustand des Löwen aus, und hat also eine völlig neutrale Bedeutung. Sage ich aber: der Löwe frißt das Schaf, so ist dieses Zeitwort ein Activ: denn hier wird die durch dasselbe dem Löwen zugeschriebene Handlung auf ihr Object bezogen.


Aus eben diesem Beispiele erhellt auch, daß das Wort für den Gegenstand, welcher mit der Handlung des Subjects in Verbindung gesetzt werden soll, schon als Substantiv gebraucht sein, und ein festes Merkzeichen seiner substantiven Bedeutung haben mußte, wenn die erwähnte Wortfügung, und folglich auch die Verwandlung des Neutrums in ein Activ zu Stande kommen sollte. Der Löwe, welcher hier Subject des Satzes ist, wird durch den gewöhnlichen Laut, der eine Nachahmung seines Brüllens ist, ausgedrückt. Dieser Löwe frißt. Auch dies kann durch den eigentlichen Ausdruck [313] bezeichnet werden. Aber wie soll ich nun das Schaaf ausdrücken? Wenn ich dieses auch durch seinen eigentlichen Ton andeuten will, so kann dieser Ton, welcher zugleich das Zeitwort des Blöckens ausdrückt, für dieses Zeitwort genommen werden, und dann bedeutete der ganze Satz: der fressende Löwe blöckt. Nun haben wir zwar weiter oben gesehen, daß das Substantiv sich von dem Zeitworte, von welchem es abgeleitet wurde, durch den leichtern Ton, in welchem es vorgetragen wurde, unterschied. Allein dieses Merkmal ist hier nicht anwendbar, da das Substantiv hier nicht den Satz anfängt, sondern beschließt, und folglich nach unserer Theorie einen gedehnten und starken Ton erhalten muß. Diesem möglichen Mißverständnisse ist also nicht eher abzuhelfen, als bis für das Wort, durch welches das Schaf in substantiver Bedeutung, bezeichnet werden soll, ein bleibendes Unterscheidungszeichen gefunden worden ist. Dies konnte aber auf die oben angegebene Art leicht geschehen, indem die Abkürzung, mit welcher ein solches Wort, wo es ein Substantiv ausdrückte, ausgesprochen wurde, bald in einen fixen eigenthümlichen Laut verwandelt werden mußte; wobei sehr leicht auch noch ein Mittelton eingeschoben werden konnte, um dasselbe mit dem darauf folgenden Worte leichter zu verbinden. Solche Modificationen des ursprünglichen Tons wurden durch wiederholten Gebrauch so mit dem Worte verwebt, daß sie zuletzt einen Bestandtheil desselben ausmachten, und zu Merkzeichen der substantiven Bedeutung eines Wortes dienten. Ehe aber dergleichen Bestimmungen vorhanden waren, war der ganze Satz nicht auszudrücken, und eher [314] war kein Activ, sondern alle Zeitwörter blieben, was sie ursprünglich waren — Neutra.


Um die Entstehung des Passivs zu erklären, muß ein Bedürfniß aufgezeigt werden, welches die Menschen zur Erfindung dieser Sprachbestimmung leitete; denn, daß in der Ursprache irgend etwas ohne Noth, bloß zur Verschönerung des Vortrags erfunden worden sei, läßt sich nicht annehmen. Um diese möchte man sich wohl bei den ersten rohen Versuchen einer Sprache nicht sehr bekümmert haben; da sagte man wohl eher: man schmähet mich, als — ich werde geschmähet; der Löwe zerreißt das Schaf, als — das Schaf wird vom Löwen zerrissen.


Ein solches Bedürfniß des Passivs tritt ein, wenn eine Handlung vorkömmt, welche, nach unsern Einsichten, einen Urheber hat, den wir aber auf keine Weise entdecken können. Sie muß erstlich einen Urheber haben; denn hat sie keinen, oder können wir keinen annehmen, so drücken wir uns durch das Impersonale aus — wir sagen: es donnert, regnet, u. s. w. Zweitens muß der Urheber unbekannt sein, und gar nicht errathen werden können; denn, gesetzt der Wolf hätte ein Schaf geraubt, so wird der noch ungebildete Naturmensch, auch selbst wenn er nicht Augenzeuge von dem Vorgange gewesen ist, doch nicht sagen: das Schaf ist mir geraubt worden; sondern: der Wolf hat das Schaf weggenommen; weil er schon aus Erfahrung weiß, daß dieser Schafe raubt. Das Bedürfniß des Passivs [315] trat also erst dann ein, wenn eine Handlung da war, bei der man eben so klar sah, daß sie einen Urheber haben mußte, als man sich bewußt war, daß man diesen Urheber nicht errathen könne. Ursprünglich wurde daher auch wohl das Passiv durch ein Zeichen ausgedrückt, wodurch der Redende andeutete, daß ein Urheber da sei und daß er ihn nicht kenne. Man hängte vielleicht den Worten, welche die That selbst ausdrückten, den Satz an: ich weiß nicht, wer es gethan hat. Wenn nun diese Worte bei gleicher Gelegenheit mehrmals gebraucht wurden, so mußte es bald dahin kommen, daß sie geschwinder ausgesprochen wurden, mit dem Zeitworte, welches die Handlung bezeichnete, enger zusammengeflossen, und zuletzt einen Bestandtheil desselben ausmachten. Ob ein solcher Zusatz ursprünglich dem Zeitworte vorgesetzt, oder angehängt wurde, läßt sich nicht bestimmen. Im ganzen aber folgt so viel, daß ursprünglich das Passiv wohl durch einen kleinen Zusatz zum Zeitwort ausgedrückt wurde, welcher eigentlich das Zeichen der Unbekanntheit des Urhebers war.


Das Verbum medium bezeichnet eine Handlung, welche auf uns selbst zurückgeht: es gründet sich auf höhere Abstraction, und kann daher in einer Ursprache nicht wohl vorkommen.


Die Entstehung des Numerus läßt sich auf folgende Art erklären. — Der Singular fand sich von selbst; er war der ursprüngliche Numerus; die ersten Wörter wurden alle im Singular gebraucht. Nun sollte aber der Horde eine [316] Mehrheit angezeigt werden; es wollte z. B. einer sagen: es kommen mehrere Löwen! wie sollte er das andeuten? Durch das natürliche Bild einer Heerde: durch Dehnung und Wiederholung des Tons, und dadurch, daß dieser Ton immer fortschallte. Um wie viel oder wenig man den Ton dehnen, oder wie oft man ihn wiederholen sollte, um die mehrere Zahl anzudeuten, war vermuthlich nicht bestimmt. Der Pluralis wurde demnach durch Verlängerung des Wortes ausgedrückt.


Der Pluralis war aber anfangs nur nöthig bei Zeitwörtern, keineswegs bei Substantiven und Adjectiven[3]; denn es verstand sich von selbst, daß auch sie, wenn sie von einem Zeitworte im Plural begleitet wurden, in der mehreren Zahl zu nehmen waren. Der Numerus der Substantiven und Adjectiven ist daher in der Ursprache nicht zu suchen: er ist keineswegs eine durch Nothwendigkeit gefoderte Sprachbestimmung, sondern eine Erfindung, welche das Streben nach Bestimmtheit und Eleganz im künstlichen Vortrage nöthig machte. Aber bei Zeitwörtern war der Plural unentbehrlich.


Die verschiedenen Personen der Zeitwörter wurden ohne Zweifel in folgender Ordnung gebildet. Diejenige Person, welche zuerst in der Sprache bezeichnet wurde, war gewiß die dritte; denn ursprünglich wurde in keiner andern, als in der dritten Person geredet. Man nannte einen jeden bei seinem eigenthümlichen Namen: N. N. solle das thun! Die folgende, welche zunächst der dritten ihre besondere [317] Bezeichnung erhielt, war die zweite Person; weil man bei Verabredungen und Verträgen bald das Bedürfniß fühlte, dem andern zu sagen: das sollst Du thun. Das Ich, als die erste Person, zeugt, (besonders wo es an der Endung des Zeitworts selbst angehängt ist), von höherer Vernunftcultur, und wurde also auch zuletzt bezeichnet. Bei Kindern sehen wir, daß sie immer in der dritten Person von sich sprechen, und sich, als das Subject, von welchem sie etwas sagen wollen, durch ihren Namen ausdrücken, weil sie sich bis zum Begriff des Ich, bis zur Absonderung desselben von allem außer ihnen noch nicht erhoben haben. Ich drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus.


Wie eine dritte, zweite und erste Person im Plural gebildet werden konnte, ergiebt sich leicht, wenn der Plural schon vorhanden war.


Die Tempora der Zeitwörter wurden wahrscheinlich auf folgende Art erfunden. Die ersten Zeitwörter wurden blos aoristisch gebraucht: aus dem Aorist konnte leicht das Präsens gebildet werden, oder vielmehr — man mußte den Aorist bald selbst als Präsens verstehen, weil die Bestimmungen bei rohen Nationen sich fast immer auf die gegenwärtige Zeit beziehen. Mehr Mühe mochte wohl die Erfindung der Bezeichnungen für vergangene und zukünftige Zeit kosten. Als man zuerst das Bedürfniß fühlte, Vergangenes und Zukünftiges auszudrücken, gab man wohl die Zeit, in welcher etwas geschehen war, oder geschehen sollte, ganz genau [318] an; es wurde z. B. nicht gesagt: es hat sich zugetragen, sondern: es trägt sich vor so und so viel Tagen zu; nicht: es wird sich ereignen, sondern: es ereignet sich nach so viel Tagen. Diese Art sich auszudrücken war dem noch ungebildeten Menschen sehr natürlich. Vollkommene Präcision im Ausdrucke kündigt eine höhere Verstandscultur an, als man den ersten Erfindern der Sprache zuschreiben kann. Der ungebildete Mensch theilt nicht bloß das mit, was der andere von einer Sache wissen soll, oder will, sondern auch was er selbst davon weiß. Daher giebts in den uncultivirten Sprachen eine Menge überflüssiger Bestimmungen, eine Menge Ausdrücke, die, der Verständlichkeit des Ganzen unbeschadet, weggelassen werden könnten. So auch mit den Bestimmungen der Zeit. Die Zeit, in welcher etwas vorgegangen war, oder kommen sollte, wurde, so weit man zählen konnte, bestimmt hinzugesetzt. Wo, man aber auf einen Zeitraum stieß, welcher eine so genaue Bestimmung nicht zuließ, da bediente man sich, wie uns noch einige Spuren in alten Sprachen zeigen, der Worte: morgen, gestern u. s. w., um die verflossene oder zukünftige Zeit unbestimmt auszudrücken.


Aus dieser Bezeichnungsart mußten aber bald mehrere Mißverständnisse entstehen. Wie leicht konnte es Zwist verursachen, wenn der zweideutige Ausdruck morgen für den besondern Fall, in welchem er gebraucht wurde, nicht gehörig bestimmt war? Z. B. es sagte einer zum andern: ich gebe dir das morgen. Hier konnte morgen eben sowohl den nächstkünftigen, [319] als jeden andern folgenden Tag bedeuten. Der andere legt es von dem nächstkünftigen Tage aus, und kömmt um die Sache abzuholen: jener weigert sich aber das Versprochne abzuliefern, weil er es nicht auf morgen, sondern überhaupt auf die Zukunft zugesagt hätte. Durch Fälle dieser Art konnten leicht Mißhälligkeiten entstehen, an welchen sich das Bedürfniß einer bestimmten Bezeichnung für Vergangenheit und Zukunft deutlich offenbaren mußte. Diesem Bedurfniß konnte vielleicht schon dadurch abgeholfen werden, daß man solche allgemeine Worte, wie morgen, gestern u. s. w., wenn sie die verflossene oder kommende Zeit überhaupt ausdrücken sollten, mit dem Zeitwort zusammenfließender, schneller und kürzer aussprach, und im Gegenthell dieselben Worte, wenn sie bestimmt den zunächst vergangenen oder zukünftigen Tag bezeichnen sollten, durch einen festen, längern Ton ausdrückte. So wurde zum Ausdrucke der vergangenen und zukünftigen Zeit ein Zusatz zum Zeitworte gefunden, welcher nach und nach inniger mit demselben zusammenfloß, und das Perfectum und Futurum in seiner jetzigen Gestalt bildete.


Es fragt sich noch: wie entstanden die verschiedenen Casus? - Der Nominativ und Accusativ sind wohl diejenigen, auf welche man am frühesten kam. Man bedurfte sie auch bei der einfachsten Wortfügung, und sie ließen sich auch leicht durch die Stelle, welche sie in einem Satze bekommen mußten, charakterisiren. Das Subject einer Rede mußte, als der unbestimmteste Begriff, immer die erste Stelle [320] in einem Satze einnehmen. Bei jeder Wortfügung mußte also ein Substantiv vorangehen; darauf folgte das Zeitwort, der Ausdruck des Zustandes, in welchem sich das Subject befand. Sollte nun dieses Zeitwort bezogen werden auf einen Gegenstand, welcher mit der durch dasselbe bezeichneten Handlung des Subjects in Verbindung stand, so mußte dieses seinen Platz gleich hinter dem Zeitworte erhalten. Dieser Anordnung der Worte gemäß, muß das Substantiv, da es das Subject des Satzes anzeigen, gleichsam nennen soll; im Nominativ, das Object aber, welches auf die Handlung des Subjects bezogen wird, im Accusativ stehen; folglich der Nominativ den Satz anfangen, der Accusativ denselben beschließen. — Der Accusativ mußte mithin auch, weil kein Wort weiter auf ihn folgte, den längsten und stärksten Ton haben, der Nominativ aber flüchtig ausgesprochen, und mit dem Zeitworte verflochten werden. Es mußte sich also bei einem und demselben Worte leicht unterscheiden lassen, ob es im Nominativ, oder Accusativ stehe, indem in dem letztern Falle entweder eine Verlängerung, durch Zusetzung mehrerer Buchstaben oder Sylben, oder doch eine Verstärkung des Tons statt fand.


Der Genitiv wurde als nähere Bestimmung des Substantivs angehängt, und ich glaube wohl, daß der Name, den er führt, den ursprünglichen Gebrauch bezeichnet, welchen man von diesem Casus machte. Man bediente sich seiner zur Bezeichnung der Abstammung eines Menschen, indem man erst den Sohn, und dann den Vater nannte. Späterhin [321] wendete man diese Bestimmung auch auf das Besitzthum an, man sagte z. B. das Schaf des Markus u. s. w. Der Genitiv hatte deshalb auch seine Stelle, durch die er bezeichnet wurde, unmittelbar nach dem Substantiv, zu dessen näherer Bestimmung er diente. Z. B. man wollte unter einer Horde einen bezeichnen, der mit mehrern andern einen gleichen Namen hatte; so setzte man, um ihn nicht mit einem von diesen Andern zu verwechseln, den Namen seines Vaters hinzu, als: Markus Caji, u. s. w. Da nun, nach den Grundsätzen, welchen wir bei der Ableitung der Grammatik gefolgt sind, jedes Wort, je weiter es in der Reihe der Zeichen zurückstand, einen desto längern und stärkern Accent erhielt: so mußte auch der Genitiv einen längern oder stärkern Ton bekommen, als der Nominativ, hinter welchem er seinen Platz hatte.


Auch der Ablativ ist, wie der Genitiv, entstanden, um ein Wort näher zu bestimmen, und drückte vielleicht anfangs das von einem Orte Nehmen aus. Er ist mit dem Genitiv gewissermaßen gleichartig; beide drücken die Beziehung mehrerer Nennwörter auf einander aus. Die Entstehung dieser beiden Casus ist allerdings in der Ursprache zu suchen. Es war unter rohen Völkern sehr nothwendig, dergleichen Beziehungen recht verständlich auszudrücken. Wie leicht konnte man einem verdrießlichen Mißverständnisse vorbeugen, wenn man, um einen Menschen desto genauer kenntlich zu machen, den Namen seines Vaters zu dem seinigen hinzufügte; so wie man auch in allen alten Geschichtschreibern [322] zur nähern Bestimmung des Sohnes den Namen des Vaters hinzugesetzt findet.


Aber um alle die verschiedenen Beziehungen der Gegenstände auf einander zu bezeichnen, ist weder der Genitiv noch der Ablativ hinreichend; es bedarf also auch noch der Präpositionen. Eine der gewöhnlichsten solcher Beziehungen ist z. B. die Localbeziehung, als: das Haus im Dorfe, u. s. w. Diese Beziehungen wurden ursprünglich wohl dadadurch ausgedrückt, daß man einen Buchstaben, eine Sylbe oder einen fast unmerklichen Ton einem von den beiden Nennwörtern, welche aus einander bezogen werden sollten, beifügte. Da dieser Zusatz, den man sich übrigens als Präfix oder Affix denken kann, nicht geschrieben, sondern ausgesprochen wurde, so ließ sich auch nicht bestimmen, ob er einen besondern Ton ausmachte, sondern er floß in der Aussprache mit dem Zeichen, welchem er vor- oder nachgesetzt wurde, zusammen.


Der Dativ bezeichnet die Beziehung einer Handlung auf ein Drittes, auf etwas außer dem Subject und Object, auf welches die Handlung eigentlich abzweckt. Z. B. ich gebe das Brod, ich nehme das Brod: hier fehlt offenbar die Beziehung auf ein drittes, um dessen willen die Handlung vorgenommen, dem das Brod gegeben, oder genommen wird. Setze ich diese Beziehung hinzu, sage ich z. B: ich gebe oder nehme das Brod dem Hunde, so habe ich auch den Dativ. Da der Gegenstand, mit welchem eigentlich die Handlung vorgenommen wird, zur Bestimmung der Handlung unmittelbar [323] gehört, so muß auch der Accusativ, welcher dieses Verhältniß des behandelten Gegenstandes zu der Handlung bezeichnet, unmittelbar nach dem Zeitwort stehen; und der Dativ, welcher den Gegenstand bezeichnet um dessen willen die Handlung eigentlich geschieht, folgt jenem nach. Er wird also den Satz schließen, und folglich einen vollern Ton bekommen, als der Accusativ selbst.


So entstand Grammatik bloß durch das Bedürfniß der Sprache, und durch die Fortschritte, welche die menschliche Vernunft nach und nach machte. Denn selbst bei der einfachsten Mittheilung der Gedanken mußte sehr vieles durch Beziehung der Worte auf einander ausgedrückt werden, und der natürliche, durch die Vernunft geleitete Gang der Sprache brachte den Menschen, ohne daß Verabredung erfoderlich gewesen wäre, auf die Bestimmung der verschiedenen Arten jener Beziehung.


Man könnte gegen diese Theorie einwenden, daß es verschiedene Sprachen gebe, denen man ihre Entstehung nach den von uns vorgetragenen Regeln nicht ansehe. So soll, unserer Darstellung gemäß, das Wurzelwort immer ein Zeitwort sein, und dieses Zeitwort soll ursprünglich in Einem Tone mehrere Begriffe ausdrücken, soll ursprünglich in der dritten Person vorgetragen werden, und aoristische Bedeutung haben. Nun zeigt sich in der griechischen und lateinischen Sprache offenbar das Gegentheil. In den Zeitwörtern derselben ist augenscheinlich nicht die dritte, sondern die erste Person diejenige, [324] aus welcher alle übrigen gebildet sind, ist nicht der Aorist, sondern das Präsens die Wurzel. Woher also diese Verschiedenheit, wenn unsre Theorie richtig ist? Nehmen wir auch an, daß die genannten Sprachen keine Ursprachen gewesen sind, sondern sich aus schon entstandenen gebildet haben; so müssen wir doch zugeben, daß sie zuletzt aus solchen hervorgehen mußten, welche auf die hier vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch nicht die leichteste Spur von jener Ursprache. Denn, mag sich eine Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so viel Modificationen in sie hineintragen, so müssen sich doch in ihr noch Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten Person, und nicht aus der ersten, die Form der übrigen abgeleitet, und der Aorist, nicht das Präsens das Wurzelwort sein.


Auf diesen Einwurf läßt sich folgendes antworten. Man sah sich bald genöthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, man mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht vorgekommene Töne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Töne gebrauchen, mußten auf jeden Fall das Gepräge der Bildung tragen, welche der menschliche Geist in dem Zeitpunkt jener erfundenen neuen Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und betrachtet alles [325] aus dem Gesichtspunkte des Ich: er wird also auf dieser Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitworts von der ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, daß ein neues Wort, gebildet in Zeiten höherer Cultur, von den ursprünglichen Formen derselben Sprache abweichen mußte. Im Anfange wurden nun solche Worte mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald wurden jene allgemein, und verdrängten die letztern. Denn, so wie die Nation in ihrer Cultur weiter vorrückte, mußte sie nothwendig die neuern Formen ihren Begriffen angemessener finden, und über dem Gebrauche derselben die ältern bald vergessen.


So wird selbst bei einem Volke, das von allen äußern Einflüssen frei bleibt, sich mit keinem andern Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie verändert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und anderen Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die leichteste Spur an sich trägt. Man würde sich also irren, wenn man glaubte, die Griechen, Römer und andere hätten nie eine Ursprache gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fänden. Jene Urtöne sind nach und nach aus der Sprache verschwunden, als sie sich durch Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volks besser entsprachen.


Eine eigene Erscheinung in den neuern Sprachen sind die Hülfsworter; das: ich bin, werden u. s. w. Diese Bezeichnungen, wo sie sich in einer Sprache finden, beweisen [326] einen hohen Grad der Abstraction. Man fand vermuthlich bald einen besondern Nachdruck in der auszeichnenden Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Ründung gewann. Aber immer ist es Zeichen einer noch höhern Cultur, wenn einzelne Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter auszudrücken. Die Ausstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer Sprache wenigstens nicht früher möglich, bis in ihr der Begriff des Leidens oder das Passiv schon ausgedrückt ist.


  1. Ich beweise hier nicht, daß der Mensch ohne Sprache nicht [267] denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könne. Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für viel zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, daß ohne sie überhaupt kein Vernunftgebrauch Statt gefunden haben würde.
  2. Dieses Urtheil ist durch die kritische Philosophie angefochten worden, als eine Täuschung. — Aus dem Gesichtspunkte des [298] philosophischen Räsonnements können wir nicht sagen: es ist eine Welt. Das, was außer mir ist, kann ich bloß fühlen, und in dieser Rücksicht nur glauben. Daß Dinge außer mir sind, ist also bloßer Glaubensartikel: und wie will man aus etwas, das bloß geglaubt werden kann, etwas Erweisbares, einen demonstrativen Vernunftsatz machen? — Dieser Einwurf geht aber nur gegen den Philosophen, der — anstatt, wie er sollte, das Theoretische von dem Praktischen, das, was innerhalb der Gränzen des Gefühls geglaubt wird, von dem was über diese Gränzen hinaus, im Gebiete des Verstandes erkannt wird, scharf zu unterscheiden — etwas bloß zu glaubendes für etwas Erkennbares annimmt, und auf dieses vermeintlich Erkennbare einen Beweis gründen will, der seinem Gehalte nach für den Verstand gültig sein soll. Daß Dinge außer uns sind, erkennen wir nicht; das Dasein dieser Dinge wird uns nur durchs Gefühl und im Gefühl gegeben, und ist also bloß Gegenstand des Glaubens. Nun ist es wohl ein einleuchtender Widerspruch, aus einem solchen Glauben die Existenz irgend eines Uebersinnlichen erweisen, aus etwas Geglaubtem auf ein Uebersinnliches einen Schluß machen zu wollen, der für den Verstand, und nicht bloß für das Gefühl überzeugende Kraft hätte. Ein solcher Schluß würde die Foderung enthalten: entweder, daß der Verstand, der, in wie fern er Verstand ist, nur erkennen, und nur durch Erkanntes überzeugt werden kann, glauben; oder: daß das Gefühl, welches, als Gefühl, uns nur etwas zum glauben geben kann, erkennen soll. — Also aus dem bloß gefühlten Dasein der Dinge außer uns können wir nicht erweisen, daß ein Gott sei. Aber aus einem Gefühle läßt sich leicht ein anderes entwickeln: wir können von einem Gefühle auf die Annehmbarkeit [299] eines andern, mithin von dem Glauben an die Dinge außer uns, auf die Glaubwürdigkeit des Daseins eines höchsten übersinnlichen Wesens schließen. Diesen Schluß macht der gemeine Menschenverstand; und, da es ihn, nicht obliegt, Gefühl und Erkenntniß streng zu unterscheiden, er auch gar nicht vorgiebt, sie unterschieden zu haben: so wäre es ein bloßer Mißverstand, wenn man gegen das Urtheil des gemeinen Verstandes, „daß ein Gott sei“, jenen Einwurf der Kritik geltend machen wollte.
  3. Vorlage: Ajectiven