Von der neuen Ästhetik zur materiellen Verwirklichung

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Textdaten
Autor: Theo van Doesburg
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Titel: Von der neuen Ästhetik zur materiellen Verwirklichung
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aus: De Stijl, 6. Jahrgang, Nr. 1 (März 1922): S. 10–14.
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Entstehungsdatum: Juli 1922
Erscheinungsdatum: 1923
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Quelle: De Stijl. 2. [Teil] 1921_1932. Complete Reprint 1968. Amsterdam: Athenaeum, Den Haag: Bert Bakker, Amsterdam: Polak & Van Gennep, 1968, S. 333–335 Commons
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[10] THEO VAN DOESBURG

VON DER NEUEN ÄSTHETIK ZUR MATERIELLEN VERWIRKLICHUNG


Bauen heißt noch nicht gestalten.

Auch ein allmähliches Verzichten auf alles Überflüssige, auf den üblichen dekorativen Farb- und Form-Schmuck heißt noch nicht gestaltend bauen; es ist undekoratives Bauen. Gestaltendes Bauen ist mehr.

Auch das Nebeneinander- oder Aufeinanderzimmern von Wohnkisten oder Bauzellen nach bestimmtem Typus und Normalmaß ist noch nicht gestaltendes Bauen. Hier wird die Tätigkeit des Bauen mechanisch wiederholend, wie die Tätigkeit des Photographen oder die Verwendung historischer Baustile.

Die kommunal-organisierte (scheinbare) Raum-Ökonomie (Normalisierung) hemmt das gestaltende Bauen. Gestaltendes, schöpferisches Bauen bezieht sich auch nicht auf die Verstraffung von Rund und Schräg zum Geraden, auf sichtbares Bloßlegen der Bindungen und Gerüste des Skeletts der Konstruktion. In diesem Fall ist die Tätigkeit des Bauens anatomisch eingestellt wie die Malerei zur Zeit des Naturalismus.

Dies alles sind nur Vorbedingungen, die zum gestaltenden Bauen führen können.

Ein nur konstruktives Bauen bedingt an sich noch nicht die Gestaltung.

Es ist schwach gesagt eine „visuelle“ Einstellung, beim Bauen an ein Aufeinanderhäufen zu denken.

Dies steht auf der gleichen Stufe wie die primitive, vor allem südliche Auffassung vom Gestalten als einer Tätigkeit, die einzig nur Beziehung zur dreidimensionalen Formplastik hat. Für den modernen Menschen können Bauen und Gestalten identisch sein mit Formen, Ausdrücken (auch formlos z. B. allein mit Farbe), Zusammenfassen und Organisieren.

Zum Gestalten gehören notwendigerweise Mittel. Im [11] modernen Sinn (gegenüber dem ausschließlich „nur konstruktiv“ eingestellten) ist Gestalten:

Organisierung der Mittel zu eindeutig realer Einheit.

Zu diesen Mitteln rechne ich den Raum und die Materialien.

Alles was diese Einheit zerreißt, bringt die Architektur wieder zurück auf die untergeordnete Stufe, auf der sie bisher stand.

Erst in unserer Zeit ist durch die führende Kunstart: die Malerei, der Weg gewiesen worden, den die Baukunst zu gehen hat um gleichwie die gestaltende Malerei und Plastik, mechanistisch und diszipliniert im Material das zu realisieren, was bei den anderen Künsten bereits imaginär (ästhetisch) vorhanden ist.

Es soll niemanden befremden, daß die Kunst, die vom Beginn des 20. Jahrhunderts ab die Führung übernahm, die Malerei, a posteriori eine ideale Ästhetik schuf. Das neue Lebensbewußtsein fordert die Vernichtung des Zweiwelten-Systems[1], hat dieses Bedürfnis nach Einheit, nach einer unteilbaren Weltrealität und zeigt den Willen, das, was die ideale Ästhetik der „freien Künste“ erwies, in der Baukunst materiell zu realisieren.

Nicht nur in Holland, sondern auch in Rußland (von 1917 ab) ging diese neue Bewegung „von der Ästhetik zur materiellen Verwirklichung“ aus der konsequenten Entwicklung der Malerei (in Holland aus dem Neoplastizismus, in Rußland aus dem Suprematismus und Proun) hervor.

Jetzt erst werden sich die Architekten ihrer Ausdrucksmittel bewußt.

Der feste doch einseitige Glaube der Dualisten an ein architektonisches Gleichgewicht von Geist und Materie ist mittelalterlichen Ursprungs und machte eine nüchterne [12] klare Organisierung der Materialien zu einer eindeutigen realen Einheit ganz unmöglich. Erst mit der Verdrängung einer vorherrschend religiösen Lebensauffassung durch eine mehr wissenschaftliche (zur Zeit der Renaissance) wurden Material und Materialkontrast als Ausdrucksmittel erkannt.

Im Mittelalter wurde die Materie symbolisch, in der Renaissance überwiegend sinnlich dekorativ angewandt. Dank den Fortschritten in der Physik wurde in unserer Zeit nicht nur der Glaube an die Materie (als einer festen Körperlichkeit) umgeworfen, auch auf dem Gebiet der Kunst wird die Materie in ihrem innersten Wesen als Energiezustand erkannt.

Für den gestaltenden Architekten ist es wesentlich, die Unterschiede des Energiezustandes der verschiedenen Materialien zu erfahren, um durch kontrastierende Verwendung der verschiedenen Energiezustände das zu realisieren, was die Maler im Grundmaterial[2] der Gestaltung (der Farbe) gezeigt haben.

In meinen in Deutschland gehaltenen Vorträgen über die Farbe habe ich zuerst den Versuch gemacht, die Farbe (vom Gesichtspunkt der bildendem Kunst aus) als „Materie“ und die Materie als differente Energie zu erklären. Die Ablehnung der Farbe in der bildenden Kunst als prismatische Lichtempfindung (wenn auch mehr oder weniger metrisch geordnet) oder als symbolisch literarisches Medium, erregte bei den Darlegungen über das Grundmaterial der Gestaltung kaum Widerspruch. Und doch wurden hier von der Farbe als dem Grundmaterial der bildenden Kunst aus, prinzipielle Forderungen für die Entwicklung der Baukunst gestellt.

Wie der gestaltende Maler in zwei oder drei Raumdimensionen kontrastierende, dissonierende oder komplementäre Energien zu eindeutiger Harmonie organisieren muß, so ist es Aufgabe der gestaltenden Architekten, dasselbe mit seinem Material zu tun. Nicht auf [13] dekorative Art gemäß sinnlich-geschmacklicher Wirkung, sondern schöpferisch gemäß dem den Materialien eigenen kontrastbildenden Energiezustande.

Wie etwa in der gestaltenden Malerei gelb und blau zwei kontrastierende Energien ausdrücken, so tun das in der Baukunst zwei kontrastierende Materialien, z. B.:

Holz — Einschrumpfen.
Beton — Gespanntheit.

Dissonierende Materialien sind dagegen z. B.:

Beton — starre Gespanntheit.
Eisen — elastische Gespanntheit (Ziehcharakter).

Nur die Werke, in denen durch schöpferische Besonnenheit des Konstrukteurs die Energiekraft ein Maximum von Ausdruck erreicht, sind gestaltete Werke.

Eine eiserne Brücke ist gut, d. h. gestaltet, wenn die verschiedenen Materialien derartig zur Einheit organisiert sind, daß ein Maximum von Energiekraft erreicht ist. Ein Gebäude ist gut, d. h. gestaltet, wenn die verschiedenen Materialien (einschließlich des Lichtes) derartig zur Einheit organisiert sind, daß ein Maximum von Energiekraft erreicht ist.

Die außerordentlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die hierdurch sich ergeben, lassen sich in einem kurzen Artikel nicht aufzählen. Ausgehend von den stärksten Kontrasten: Leere und Masse, dem Durchsichtigen, Offenen von Glas gegenüber dem Undurchsichtigen, Geschlossenen von Stein wird der Konstrukteur neben dem Verhältnis von Lage, Stand und Maß, das Verhältnis der kontrastierenden, dissonierenden und komplementären Energien aufspüren und zur Einheit organisieren.

So verwirklicht sich die ideale Ästhetik der einen Kunst in den Materialien einer andern und es vereinigen sich ideale und mechanische Ästhetik, vorbedachte künstlerische Gestaltung und utilistische konstruktive zu einem vollkommenen Gleichgewicht. Das Gleichgewicht ist „Stil“.

Hierdurch wird das Gebiet der Gestaltung für alle geöffnet. Es wird die Aufgabe aller Menschen, die Materialien zu organisieren und, wenn nötig, neue zu schaffen. [14] Schafft der Architekt den Entwurf als Forderung (ohne ästhetische Voraussetzung), so muß der Ingenieur das Material finden zur Ausführung. Die Baukunst führt niemals zum Ausdruck des schöpferischen Zeitbewußtseins, wenn der Architekt ängstlich und passiv mit den bisher vorhandenen Materialien sich begnügt. Fordert ein Projekt ein bestimmtes Material, so muß der schöpferische Ingenieur das gewünschte Material erfinden oder das vorhandene Material umbilden.

Einzig diejenigen, welche sich zufolge der idealen Ästhetik in die Welt der Materialien einarbeiten, werden auf mechanisch-technischem Weg die Materialien entdecken, die durch ihre kontrastierende, dissonierende, oder komplementäre Energie (einschließlich der Farbe) die neue Gestaltung in der Architektur ermöglichen.

Betrachten wir die Verwendung der Materialien in der heutigen Architektur, so fällt uns auf, daß fast überall in der sogenannten Baukunst das Material (durch sentimentale Überlegung) ermordet ist. Genau wie in der sogenannten Malerei, in der ebenfalls durch sentimentale Überlegungen die Energiekraft des Materials (der Farbe) getötet ist. Dieser verbrecherische Mißbrauch des Materials als Stoff (Holz, Stein, Farbe, Glas, Eisen) hat seinen Ursprung in einer zur Karikatur verzerrten Verherrlichung einer dualistischen Einstellung auf ein Jenseits des Geistigen und ein Hier des Stoffes.

Mit der Verwirklichung der Ästhetik in der Materie wird eine Lebenshaltung gestaltet, die die Trennung von Jenseits und Wirklichkeit aufhebt.

Diese Gestaltung des Lebens als einer Totalität leitet die neue Kultur ein.

Weimar 1922.


  1. Unter Zweiwelten-System ist zu verstehen: die zum allgemeinen Maßstab gewordene Vorstellung einer imaginären geistigen Welt im Gegensatz zu einer konkret stofflichen.
  2. In meinem demnächst erscheinenden Buch „Neue Gestaltungslehre“ (in 4 Teilen: Farbe, Form, Raum, Gestaltung) wird diese Auffassung ausführlich dargelegt.