Von einem Herzoge und einem Hamburger Bürger

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Von einem Herzoge und einem Hamburger Bürger
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 341–344
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[341]
116. Von einem Herzoge und einem Hamburger Bürger.
(Um 1700.)

Vor vielen Jahren kommt einmal ein Herzog von Mecklenburg oder Braunschweig-Lüneburg incognito an einem Sonntage in der Frühe nach Hamburg, und verspürt alsobald die Lust, ohne alle Begleitung sich die Stadt ein wenig anzusehen; wandelt also beschaulich durch die stillen Gassen, betrachtet die steinernen Kaiserbilder am Rathhause, die Giebelhäuser [342] im Neß, den Bacchus am Eimbeck’schen Hause und[1] andere Merkwürdigkeiten mehr. Als nun die Glocken zur Hauptpredigt läuten, da gedenkt er seines Schöpfers und tritt in die eben geöffnete Petri-Kirche. Daselbst war es noch fast leer und ganz still. Er geht also ein wenig umher und besieht sich die Kirche und ihre Kunstwerke; lieset die Inschriften auf den alten Grabsteinen, beschaut sich die schönen Holzfiguren, z. B. die heilige Beata mit dem Booksbeutel; bertachtet auch mit Rührung das schöne Bild von der Flüchtigkeit des menschlichen Lebens, wo ein Knäblein unter Blumen auf einem Todtenschädel schläft, ein anderes mit einer Kinderklapper auf dem Steckenpferde reitet, und dahinter auf des Todes Stundenglase die Worte stehen: heute mir, morgen dir! Nachdem er nun auch das mächtige Bild an der Norderwand des Altars bewundert, darauf die Stadt Hamburg im Alterthum ganz natürlich abgeschildert ist, mit Bischöfen, Rittern, Bürgern und Volk im Vordergrunde, und er noch darüber sinnt, ob dies den Empfang des Cardinals Raimund im Jahre 1503 vorstellen solle, oder ob es auf Heliodor’s Einzug in Jerusalem zu deuten sei, – da hat sich mittlerweile die Kirche gefüllt und der Gottesdienst beginnt. Darum tritt der Herzog vom Altar ins Mittelschiff zurück, um sich einen Platz zu suchen. Bei den prächtigen Gestühlten des Raths und der Beede, darin mit krausen Kragen, Sammet-Rock und Mantel schon viele Herren saßen, geht der Herzog bescheidentlich vorbei, dahin gehörte er nicht, das fühlte er; in einem entfernteren einfachen Gestühlte nahm er darauf neben einem jungen stattlichen Bürger seinen Sitz.

Dieser betrachtet den Herzog forschend von der Seite, und gewahrt gleich an seinem reisemäßigen und unansehnlichen Anzuge, daß er ein „Butenminsch,“ ein Fremder, sein müsse, und zwar nichts Sonderliches; etwa, da er doch in Haltung [343] und Gebehrde nichts vom Handel und Gewerbe verräth, irgend ein vacirender Student, oder ein armer Teufel vom Adel; er rückt dem Fremden deshalb etwas ferner, als dieser näher rückt, um in sein Gesangbuch mit einzukucken. Nun, das geht so hin; der Pastor betritt die Kanzel und beginnt einen sehr schönen Sermon; der Herzog hört aufmerksam zu. Der Vers zwischen der Predigt wird gesungen, der Herzog versucht, obwohl wieder vergebens, bei seinem Nachbar einzukucken. Das stille Gebet kommt, der Herzog verrichtet es vorübergebeugt, wie er’s seine Nachbarn verrichten sieht, nur ohne deren Husten, Räuspern und Schnauben hinterher, das ihn fast Wunder nimmt. Der Pastor verlieset das Evangelium des Tages, wobei der Herzog, nach seines Landes Gewohnheit, sich erhebt, um es stehenden Fußes in Ehrfurcht zu vernehmen. Als er aber alle Nachbarn sitzen bleiben sieht, da setzt er sich geschwind wieder nieder, um keinen Anstoß zu geben, obschon Mag. Lange’s Aergerniß ihm fremd war. Bald darnach, als der Pastor eben im besten Auslegen der Schrift begriffen ist, da erhebt sich ein feiner Ton, es klingelt hier, es klingelt da, die Klingelbeutel gehen herum, die ganze Gemeinde geräth in Bewegung, zieht die Börsen, zählt Münze, blickt sich um, wo der Sammler grade das rothe Sammet-Säckel mit dem langen Stock in ein Gestühlte hereinreicht; man grüßt ihn, hllft ihm dienstfertig den Stock regieren, bietet ihm eine Prise u. s. w. „Sonderbar,“ denkt der Herzog, „das möchte doch vorher oder nachher passender geschehen, als grade jetzt,“ – langt aber in die Tasche, zieht einen Silberling heraus, ein Markstück oder so etwas, und legt es vor sich hin.

Kaum gewahrt dies sein ungefügiger Nachbar, der grade seinen Schilling in der Hand hält, als er sich ärgert, daß der pauvere Butenminsch mehr opfern will, als ein rechtschaffener Bürger von Hamburg, der warm in der Wolle sitzt; zieht [344] also ein Doppelmarkstück aus der Tasche und legt es mit Geräusch neben sich, wobei er sich kräftig räuspert und den Fremden anblickt. Der legt nach einer Weile noch einen Species-Thaler zu seinem Markstück, und denkt, nun wird’s genug sein. Aber der Bürger läßt sich nicht lumpen, und legt seinerseits einen Dukaten bei; worauf der Herzog, der doch sehen möchte, wie weit solch ein Hochmuth gehe, einen Louisd’or hinzufügt; dies Spiel wiederholt sich noch einige Male, stets überbietet der Bürger den Fremden, und grade hat er eine Summe von 18 bis 20 Dukaten vor sich liegen, als an ihn zuerst der Klingelbeutel kommt. Er rafft also den Goldhaufen zusammen, und schüttet, stolz und triumphirend seinen Nebenbuhler anblickend, zum höchsten Erstaunen des sammelnden Sub-Diaconen, die 20 Dukaten in dessen Beutel. Der Herzog aber steckt darauf ruhig seine Goldstücke wieder in die Tasche und wirft nur das anfängliche Markstück in den Klingelbeutel, – zum allerbittersten Verdruß des jungen Bürgers, der nun wohl einsah, daß er sich sehr unnütz so alteriret hatte.

Merke: daß der Herzog zu diesem Schwank unter der Predigt sich hinreißen ließ, ist nicht zu loben, – aber eben so wenig ist es die Andachtsstörung durch den Klingelbeutel, die den ersten Anlaß gab; des unhöflichen Bürgers Uebermuth aber ist erst recht tadelnswerth und verdiente wohl eine kleine Kirchenbuße. Da nun solche Bestrafung der Herzog in einer so artigen stillen Manier ausführte und dem Gotteskasten zu St. Petri damit eine so erkleckliche Beisteuer zu Wege brachte, so mag ihn dieses Schwankes wegen sein Beichtiger wohl absolvirt haben.

Anmerkungen

[388] Sagenhaft, nach mündlicher Ueberlieferung. Die Geschichte soll übrigens früher schon in einem Buche erzählt sein.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: und und