Von einem feinen Diplomaten

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Von einem feinen Diplomaten
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 352–354
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[352]
120. Von einem feinen Diplomaten.
(Um 1720.)

Als Herr Eberhard Ludwig Schlaaf durch seine Handlung ein Millionär geworden war, da schwoll ihm der Muth nach hohen Dingen. Ein leicht zu erwerbender Doctor-Hut, der manchen seiner kaufmännischen Mitbürger von der Bürde städtischer Aemter befreiete, war ihm zu gering. Eine reichsfürstliche Agentur, welche Andere zu demselben Ziele führte, genügte eben so wenig. Er strebte nach höherem, nach diplomatischem Range, und gab daher mit Vergnügen sein Handelsgeschäft nebst Bürgerrecht auf und den Zehnten an die Kämmerei, als er richtig Kurhannöverscher Resident geworden war. Ob seine alten Freunde ihn deshalb höher schätzten, bleibt dahin gestellt; ob seine neuen Collegen, die wirklichen hier lebenden Diplomaten, ihn für voll ansahen, ist um so zweifelhafter, da er (bei sonstigen trefflichen Seiten neben der Eitelkeit) doch in Betreff seiner Sitte, Denkungsart, Redeweise und Tournüre schwerlich zu ihnen gepaßt haben wird. Von ihm und seinem seltsamen Gebahren nach erfolgter Ranges-Erhöhung gingen damals viele Geschichten im Schwange, von welchen die folgende uns aufbewahrt ist.

Ein benachbarter Herzog lebte nebst Gemahlin und Gefolge einige Wochen in Hamburg. Der Resident Schlaaf war überglücklich, als diese Herrschaften seine Einladung zu einem Gastmahl annahmen, welches er für sie auf seinem Landhause [353] an der Elbe, unterhalb Ottensen,[1] veranstaltete. Eine auserlesene Gesellschaft von Standespersonen vereinigte dieser Schmaus, dessen Schüsseln zahllos waren. Daß der allzueifrige Wirth Weine anbot, die er gar nicht besaß; daß er im Uebermaaß seiner Sorge, die Hoheiten zu amusiren, sogar die Virtuosen der Tafelmusik und seine Dienerschaft auszankte; daß er schon beim dritten Gange mehr als ziemlich berauscht erschien: das wußten die höflichen Gäste, die seine Art schon kannten, als geringe Verstöße gegen die gute Lebensart bestens zu ignoriren. – Eine ausnehmende Feinheit aber hatte er sich für den vierten Gang ausgedacht, um der Herzogin eine Artigkeit zu erweisen. Diese war unter den anwesenden Damen die einzige mit Diamanten geschmückte, und übrigens etwas corpulent. Das ausbündig galante Compliment bestand nun darin, daß er vor die Herzogin ein gebratenes ungemein feistes Spanferkel stellen ließ, welches mit den Juwelen seiner Frau, mit Ohrgehängen, Halsband und Diadem schönstens geschmückt war.

In demselben Augenblick soll zufällig die Musik eine damals beliebte Arie: „wie lächelt hold dein Ebenbild,“ gespielt haben. Die ganze Gesellschaft, welche bis dahin den statiösen Ernst eines solchen Gastmahls noch ziemlich bewahrt hatte, brach jetzt in ein unaufhaltsames von den Hoheiten abgestimmtes Gelächter aus, dem der gutmüthige Wirth sich gern anschloß, obschon er den Grund nicht begriff. Als aber ein schalkhafter Gast dem Ferkel den Kopf abhieb und denselben, mit allem Geschmeide daran, in die Wohnung der Herzogin zu bringen befahl, – als könne es nur des Wirths Absicht sein, ihr durch Verehrung des Schmuckes seine Devotion zu bezeugen, [354] wobei alle Gäste solche Artigkeit laut priesen, – da machte der Resident, noch mehr aber seine Gattin, gewaltig große Augen und verlegene Mienen, bis die gütige Herzogin den Schwank endigte und den gekrönten Ferkelkopf der Frau vom Hause zustellen ließ.

Damals war es in Hamburg bei Festmahlen gebräuchlich, daß die Gäste gegen Ende der Tafel des Hausherrn Gesundheit tranken, gleichsam als Anerkennung seiner guten Bewirthung, was man „ein Glas zur schuldigen Danksagung“ nannte. Als nun bei diesem Banquet solcher Brauch nicht befolgt wurde (indem der Herzog ihn entweder nicht kannte, oder nicht mochte, ein andrer aber als der Vornehmste den Toast nicht ausbringen durfte), da vermeinte Herr Schlaaf, der ihn ungern entbehrte, es sei sehr artig, wenn er dem Gedächtniß des Herzogs zu Hülfe käme. Er wandte sich also an denselben und rief ihm ganz freundlich zu: „Durchlaucht, noch ein Glas Burgunder zur schuldigen Danksagung?“

Anmerkungen

[388] Ebendaselbst, S. 343. Lediard versteckt den Namen des Residenten Schlaaf (der erst 1738 starb) unter der Bezeichnung „Morpheus,“ wozu jetzt, nach 125 Jahren, kein Grund mehr vorhanden ist. Die letzte Geschichte wird auch von einem späteren Rathsherrn erzählt.

  1. Noch vor einigen Jahren als Schlaafs-, gewöhnlich Slavs-Hof bekannt.