Von ochsigen Dingen

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Von ochsigen Dingen
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 359–362
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[359]
122. Von ochsigen Dingen.
(Um 1730.)

Seit alten Zeiten haben die Ochsen in Hamburg einen großen Werth gehabt, wie ihr Name einen guten Klang. Neben dem Biere hatte das Ochsenfleisch den guten Ruf Hamburgs im Auslande erhöht. Und noch mehr als unsere dem Derben und Massigen minder gewogene Gegenwart, wußte die Vergangenheit den Ochsen zu schätzen.

Um 1730 lebte zu Hamburg Herr Balthasar, ein Rathmann von altem Schrot und Korn, wohlbeliebt wie wohlbeleibt; der überragte wie König Saul das Volk um eines Hauptes Länge, und wohin er trat, da wuchs kein Gras. Die Arbeitsleute, wenn sie ihm auf der Straße nachsahen, redeten ihm gern das Beste nach, was sie wußten, darum sagten sie wohl: „dat is noch’n Kerl ass’n Oss!“ Er besaß viel practische Einsichten und Erfahrungen, war freundlich und gutherzig, so daß Jeder ihn ehrte, und seiner Gemüthlichkeit wegen liebte. Man konnte von ihm sagen: in der [360] ehrlichen Haut steckt ein zufriedenes Stück Fleisch, und eine kreuzbrave Seele nicht minder. Herr Balthasar hatte nur eine Passion, das war die Ochsen-Passion. Nicht allein, daß er täglich dreimal Ochsenfleisch essen mußte, sondern er besaß soviel Interesse an dieser Thier-Gattung, daß er ihre Natur studierte und nicht nur Mark und Nieren prüfte, sondern auch in ihre innerlichste Eigenthümlichkeit eindrang. Darum brachte er gern seine Muße im Küterhause zu, hinterm Breitengiebel, wenn Ochsen geschlachtet wurden, und gab Acht, wie die Knochenhauer es machten. Sein schönster Moment aber war der, wenn der Ochse den niederschmetternden Schlag auf die Stirn bekam. Dann pflegte er nachdenklich zu werden und endlich zu murmeln: „wenn ick man wüss, wie so’n Ossen to Mood is, wenn he een vör’n Kopp krigt!“

Natürlich saß Herr Balthasar immer als Baas oben an, wenn die berühmten „Ossen-Mahltieden“ auf dem Baumhause (Winters alle Mittwochen 2 Uhr) gehalten wurden. Da waren alle Speisen aus Ochsenfleisch, und zum Nachtisch kamen „Ossenoogen,“ dicke kugelrunde Kuchen. Wenn dann die fröhliche Gesellschaft manchen tüchtigen „Sluck up de Ossentung“ gegossen, dann wurde zum Schluß gegen 1 Thaler Einsatz, ein Mastochse ausgewürfelt, den Herr Balthasar erlesen hatte. Und er verstand sich auf den Ochsenhandel, und kannte alle Finessen dabei. Wenn er nur 5 Minuten lang ein Thier angeblickt und höchstens noch mit der Hand etwas befühlt hatte, so wußte er genau, wie viel Pfund Fleisch, Knochen, Talg u. s. w. das Beest habe, und immer traf’s zu. Darum sagte man ohne Schmeichelei von ihm, daß er den trefflichsten Ochsen-Verstand in ganz Hamburg habe, was viel bedeuten wollte.

Wenn die Schlachtzeit kam, 6 bis 8 Wochen im Herbste, wo jeder Hamburger, vornehm oder gering, wenn er nur das [361] Geld dazu hatte, neben mehreren Schweinen auch einen oder zwei Ochsen in seinem Hause einschlachtete, – eine Zeit, in welcher die Straßen vom Ochsengebrüll wiederhallten, in den Rinnsteinen Ochsenblut floß, fast an jeder Hausthür ein Mastthier hing, und keine andere Gespräche aufkommen konnten, als Ochsengespräche, was die Fremden oft mit Verwunderung erfüllte, – dann war diese „Slachteltied“ für Herrn Balthasar natürlich eine ganz besondere „Högetied.“ Der Kopfschlachter brauchte bei ihm nur die Schweine abzuthun, denn dem riesigen Ochsen den Schlag vor den Kopf zu geben, das ließ Herr Balthasar sich nicht nehmen, und alle Hausgenossen, Freunde und Nachbarn standen dabei, wenn der kräftige Mann das Beil schwang, das er nie zum zweitenmale zu heben brauchte, um das Thier zu fällen, von dem er so gern gewußt, wie ihm dabei zu Muthe sei. Wenn es dann gehäutet, ausgeweidet und gestreckt war, so wurde es üblichermaaßen einige Tage lang auf der Hausdiele an die Wand gehängt. Da prunkte denn das schöne Vieh, Papier-Manchetten an den Füßen, einen weißen Kragen um den Hals, ein Damast-Tuch um die Brust, ausgespannten Bauches, darin ein Brett, worauf ein Humpen Rheinwein, um des Verblichenen Gedächtniß zu feiern. Tannenzweige umkränzten das Ganze und vier Lichter brannten beständig davor. Dann strömte Jung und Alt herbei, um „Herr Balthasar sinen Capital-Ossen“ zu bewundern, hernach aber in der Vorstube eine Herzstärkung einzunehmen. Und Herr Balthasar war so stolz auf sein Werk, daß er’s sich nie versagte, selbst den Erklärer zu machen, weshalb sein Gesinde ihn zu jedem Besuch herbeirufen mußte. Dann erschallte der Köchin Stimme laut durchs Haus: „Wolweisheit! kamen Wohlweisheit mal gau herdal, da is Een, de will’n Ossen sehn!“

Herr Balthasar hatte sich durch thätigen Fleiß zum reichen Mann emporgearbeitet; und auch da sah er immer selbst nach [362] dem Rechten, und verließ sich nicht auf Andere. Darum, als er seinen Sohn etablirte, und ihm das Hauptbuch übergab, schrieb er eigenhändig nach dem großen Lateinischen „Laus Deo“ fogenden Denkspruch vorn hinein: „Gott givt uns wol de Ossen, man wi möten se bi de Höörn in’t Huus trecken.“

Einst that Herr Balthasar einen schweren Fall, er stürzte kopfüber eine Speichertreppe hinunter und schlug auf der Gasse mit der Stirn gegen einen Eckstein - „he slög dal ass’n Oss,“ – so daß er bewußtlos liegen blieb. Man hob ihn auf, trug ihn ins Haus, – allmählig kam er aus tiefer Ohmnacht zu sich und begrif das Vorgefallene. Seine ersten Worte aber waren, indem ein zufriedenes Lächeln fein ehrliches Antlitz verklärte: „na, nu wees ick doch ook, wie’n Ossen to Mood is, wenn he een’ vör’n Kopp krigt!“

Anmerkungen

[388] Eine Zusammenstellung mehrer Anekdoten, wozu das alte Hamb. Lustspiel: „die Schlachteltied,“ Schütz, Holst. Idiot. III 181–183; Richey, Hamb. Idiot. 179, und die von einem längst verstorbenen angesehenen hiesigen Bürger erzählte Liebhaberei Anlaß gegeben hat. Der Name ist natürlich fingirt.