Vorposten-Gepäck

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Vorposten-Gepäck
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 230-231
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Vorposten-Gepäck.
Skizze von Fr. Gerstäcker.

Wenn man aus unseren geordneten Verhältnissen heraus plötzlich in das wilde Kriegsleben Frankreichs eintritt und nun nichts als Zerstörung und Wüsteneien sieht, wo früher der häusliche Herd glücklicher Menschen gestanden, da dreht sich Einem manchmal das Herz um und man fragt sich: mußte denn das Alles sein? konnte nicht das Nämliche erreicht werden ohne diese muthwillige Verwüstung aller Orten?

Ich glaube ja, aber – was da ist, hat auch eine Berechtigung zu sein, und betrachten wir das große Ganze, so wissen wir noch gar nicht, ob es nicht auch eben wieder seinen Zweck hat und ihn erfüllt.

Unsere Soldaten sind keine Engel, sondern auch nur Menschen wie alle übrigen, und daß sie im Lande der Nation, die uns zu diesem Kriege förmlich gezwungen, nicht überall glimpflich verfuhren, kann man allerdings vom humanen Standpunkt aus bedauern, braucht sich aber wahrhaftig nicht darüber zu verwundern oder gar Zeter darüber zu schreien. Es hätte Manches unterbleiben können, da es nun aber einmal geschehen und nicht mehr zu ändern ist, so kann man sich auch nicht verhehlen, daß es für die Zukunft vielleicht noch selbst manches Gute hat.

Die Herren in und um Paris herum werden sich, mit diesen unvermeidlichen Folgen eines jeden Krieges vor Augen, auch so viel länger daran erinnern, was es eigentlich heißt, ihren sonst wohl gemüthlichen und ruhigen Nachbar verächtlich zu behandeln und mit ihm sogar einen Streit vom Zaune zu brechen. Diese Cassagnacs, Girardins, Victor Hugos, Gramonts und wie die Schreier und Maulhelden alle heißen, die bis jetzt nur französische Siege in fremden Ländern registrirten, und auf Kosten dieser ihre Gloire aufspeicherten, können jetzt aus eigener Anschauung sehen, was es heißt, in blindem Wahnsinn ein Volk gegen das andere zu hetzen, und die Jahrzehnte, die Frankreich jetzt daran zu arbeiten hat, um den erlittenen Schaden wieder – und wenn auch nur einigermaßen – auszumerzen, werden ihm eine sehr nützliche Warnung für die Zukunft sein und Europa ferner vor Ueberfällen von dieser unruhigen Seite her bewahren.

Und was hat das Alles mit „Vorpostengepäck“ zu thun? – Alles eben, denn gerade dies Vorpostengepäck, das ich dem Leser gleich näher beschreiben werde, zwingt uns unwillkürlich solche Gedanken auf, denn unbedeutend ist es wahrlich nicht.

Jeder, der den Kriegsschauplatz besucht hat, bestätigt, daß in den Städten und Ortschaften, in welchen die Einwohner ruhig in ihren Häusern blieben diesen allerdings schwere Einquartierungslast als unvermeidlich auferlegt, ihr Eigenthum aber, soweit es Geld, Werthsachen, Möbel und Hausgeräthe betraf, auch stets geschont wurde, ja daß man die Aermeren sogar noch mit von dem ernährte, was die Soldaten als Rationen bekamen. Leider aber war die Bevölkerung Frankreichs durch die gewissenlosen Pariser Zeitungsschreier so mit Lügen und Schreckensberichten über die deutschen Barbaren erfüllt worden, daß sie beim Nahen des gefüchteten Feindes lieber mit Weib und Kindern flohen und Alles im Stich ließen, um nur nicht den entsetzlichen Prussiens in die Hände zu fallen und von ihnen gemißhandelt, vielleicht gar ermordet zu werden.

Das Resultat blieb, daß die einziehenden Truppen fast ausschließlich vollkommen unbewohnte, oft sogar törichter Weise verschlossene Häuser vorfanden, und dann auf ihre eigene, nicht sehr zarte Art zu wirthschaften anfingen.

Rohes Volk giebt es überall, manchmal waren sie auch wohl durch den heimtückischen Widerstand, den sie durch Franctireurs erfahren, durch Ermordung Einzelner aus der Truppe, durch Verrath und Hinterlist gereizt, und ließen es dann die Stätten entgelten die früher ihren Feinden Schutz geboten. Rückten sie dann weiter, so ließen sie eine Wüste mit leeren Mauern hinter sich, und die nachfolgenden Cameraden mochten selber sehen, wie sie sich unterbrachten – allerdings ein nicht leichtes Unternehmen, als besonders das Wetter kalt wurde und die muthwillig zerschlagenen Fensterscheiben und verbrannten Thüren keinen Schutz mehr gegen die eisigen Winde boten.

Von da an wurden die Herren ein wenig vorsichtiger, und wo sie – was ja doch fortwährend geschah – wieder in neue, noch nicht von der Kriegsfurie erreichte Stellungen vorrückten, sahen sie mehr auf ihren persönlichen Comfort, als daß sie sich einfach der Zerstörungswuth hingegeben hätten was freilich schließlich den fernen Eigenthümern wieder nicht zum Vortheil gereichte.

Besonders in der Cernirungslinie um Paris wechselten die Truppenaufstellungen sehr häufig und ganze Bataillone wie einzelne Compagnien zogen bald da, bald dorthin, theils um Stellungen zu verstärken, die man besonders gefährdet wußte, theils auch nur von angestrengtem Vorpostendienst abgelöst und durch frische Mannschaften ersetzt zu werden.

Da traf es sich denn manchmal, daß solche Abtheilungen, die ziemlich behagliche Quartiere verlassen hatten, in vollkommen öde und ausgeräumte Nester einziehen mußten, und dort weder Matratzen noch Tische oder Stühle, ja nicht einmal einen Teller oder eine Tasse vorfanden. Das aber behagte ihnen nicht; sie waren gewissermaßen schon verwöhnt worden und fingen jetzt an, für ihre eigene Bequemlichkeit zu sorgen.

Was sie nämlich an Möbels oder sonstigem Hausgeräth besaßen, ließen sie nicht mehr zurück, vielmehr suchten sie es von nun an mitzunehmen ja, sie vervollständigten auch ihre „Einrichtung“ aus anderen, nicht besetzten Gebäuden, soweit sie sich im Bereich derselben befanden.

Vor ihnen lag z. B. ein Dorf oder ein Städtchen, das vom Feinde geräumt, von den Unseren aber noch nicht besetzt war und in das, um unser Einrücken zu verhindern die französischen Granaten einschlugen und den Ort in Brand zu setzen und zu zerstören suchten. Das hat aber in Frankreich insofern seine Schwierigkeiten, als die Häuser dort – selbst die der Dörfer – fast durchschnittlich aus solidem Mauerwerk bestehen und eben nicht brennen. Man kann zuweilen das innere Material durch Feuer zerstören – aber auch nicht immer; die Mauern bieten dazu keineswegs die Hand, und im günstigsten Falle zertrümmern die Granaten das Dach und reißen die Wände auseinander.

Möbels bleiben in solchen Fällen noch immer hier und da zurück, und unsere Truppen gingen dann insofern auf den Fang aus, daß sie sich eben Abends in das Granatfeuer hineinwagten und für sich „retteten“ und „rollten“, was eben zu retten und zu rollen war.[1]

Blieben unsere Soldaten nun längere Zeit in einem solchen Ort und bekamen Gelegenheit, sich mit Stahlfedermatratzen, Fauteuils, Stühlen, Betten etc. behaglich einzurichten so dachten sie auch natürlich gar nicht daran, alle die Gegenstände, die sie sich hier mühselig „erworben“ hatten, den neu Einziehenden als gute und willkommene Beute zurückzulassen und nachher in ihrem neuen Aufenthaltsort wieder mit leeren Wänden zu beginnen. Vielmehr wurden Wagen und Pferde requirirt, wo sie nur möglicher Weise zu beschaffen waren (und die Officiere sorgten selber mit dafür), und jetzt begannen die betreffenden Compagnien aufzuladen, was eben nicht niet- und nagelfest war – ja, selbst das wurde zuweilen losgerissen und aufgepackt, wie man denn z. B. nie einen Ofen mit seinen Röhren zurückließ.

Als ich von Le Vert galant nach Margency fuhr, traf ich in Montmorency auf eine solche ausziehende Colonne, die näher zu den vorgeschobenen Batterien rücken sollte, oder auch sonst vielleicht andere Verwendung gefunden haben mochte, und etwas Pittoreskeres ließ sich wirklich kaum denken.

Den Soldaten selber war ich kurz vorher begegnet, hatte aber auf ihre Zahl nicht besonders geachtet, und erfuhr erst später, daß es nur zwei Compagnien – nicht einmal ein volles Bataillon, wie ich zuerst geglaubt – gewesen sei. Unmittelbar hinter ihnen [231] aber, und kaum eine Viertelstunde entfernt, folgte die Wagencolonne, und wenn eine ganze Ortschaft ausgewandert wäre, hätte sie nicht mehr Gepäck (und zwar Alles anderen Leuten zugehörig) haben können.

Im Ganzen zählte ich zwanzig mit Pferden bespannte größere und kleinere Wagen, aber doch meistens Zweispänner, von denen manche zwei bis drei Stahlfedermatratzen, keiner aber weniger als eine, mitführten, und was für ein buntes Gemisch von Dingen war dann außerdem aufgepackt! Fein gepolsterte und überzogene Fauteuils, Mahagonitische und Tische aus weißem Tannenholz, kostbar geschnitzte Stühle, eiserne Oefen und Ofenrohre, die Gott weiß woher requrirt worden, eiserne Töpfe und Porcellangeschirr, Federbetten und Roßhaarmatratzen; Spiegel sogar und Fenstergardinen, wenn man diese auch zu anderweitigen Zwecken verwandte; Schütten Stroh (d. h. volle Weizengarben) und wollene Decken oder Ueberzüge – mit einem Wort den buntesten Mischmasch, den man sich auf der Welt nur denken kann. Eine Anzahl von Handkarren, die Männer in blauen Blousen zogen, bildeten dazu den Nachtrab, und einzelne Soldaten gingen als Wache nebenher.

Der Verdacht lag nämlich ziemlich nahe, daß die französischen Fuhrleute sich kaum ein Gewissen daraus gemacht haben würden, einen Theil dieses noch entschieden französischen Eigenthums auch irgendwo anders abzusetzen, und der richtige Herr desselben hätte sich nachher schwer legitimiren können. Das aber gab dem ganzen Zug eine besonders bunte Färbung, daß jeder Wagen wenigstens zwei Hunde angebunden mitführte, während die Wachen noch selber einzelne an der Leine hatten. – Die französischen Hunde sind überhaupt in dem ganzen Kriege, und völlig unschuldiger Weise, am schlechtesten weggekommen, denn in Paris selber wurden sie einfach geschlachtet und verzehrt, während man sie in den bis jetzt besetzten Departements, wo man ihrer nur habhaft werden konnte, annectirte.

Hund schien dabei Hund; vom edelsten Pointer bis zum verachtungswürdigsten Spitz herunter hatte Jeder seinen Liebhaber und seinen Strick gefunden, und wenn sich auch manche gutwillig in ihr Schicksal fügten und geduldig neben ihrem neuen Herrn oder dessen Burschen einhertrotteten, so protestirten doch andere wieder ganz entschieden gegen das unbequeme deutsche Halsband, suchten den Kopf rückwärts durch die Schlinge zu ziehen – genau so, wie es die französischen Generale gemacht hatten – und zeigten auf jede mögliche Art und Weise ihre Unzufriedenheit mit der jetzigen Behandlung. Aber es half ihnen Nichts, denn die Soldaten lassen, was sie einmal haben, nicht so leicht wieder los, und nur einmal war ich Zeuge, daß ein solcher einen Hund, den er an einem ledernen Riemen führte, wieder herausgeben mußte – aber freilich auch nicht an seinen richtigen französischen Herrn.

Als die Truppen in St. Denis einrückten, führten sie, wie gewöhnlich, ebenfalls eine Anzahl Hunde mit, und ein Soldat hielt einen prachtvollen braunen Jagdhund an der Leine, als er von einem höheren Officier eines anderen Regiments erspäht wurde, der wie ein Wetter auf ihn zufuhr.

„Halt, mein Bursch! Wo hast Du den Hund her? Der gehört mir.“

„Von meinem Herrn Lieutenant,“ stotterte der Bursch verlegen, der Majorsuniform gegenüber.

„Dann sag’ Du nur Deinem Herrn Lieutenant,“ erwiderte da der ältere Herr, „daß der Major sein Eigenthum reclamirt hat,“ und damit ließ er ohne Weiteres den Hund frei, der den Major allerdings – wer weiß seit wie lange erst! – kannte und mit augenscheinlicher Freude an diesem emporsprang.

Der Herr Lieutenant aber war entschieden um seinen Hund. Wohin nun diese zwei Compagnien jetzt auch kamen, so richteten sie sich dort, und wenn sie vollkommen leere Häuser vorfanden, doch mit ihren Betten und Meubeln behaglich ein, und die nach ihnen ihre behaglichen Quartiere bezogen, mochten sich ebenso versehen oder sonst zuschauen, wo sie etwas herbekamen, denn dafür sorgte die wenn auch noch so umsichtige Militärverwaltung nicht.

Das ist nun auch Alles ganz gut, und im Kriege mag es gehen und läßt sich eben nicht ändern; weshalb wollten die Franzosen nicht mit uns in Frieden leben! Wie wird das aber jetzt nach einmal erst abgeschlossenem Frieden, und welche Heidenverwirrung ist dann, neben den zerstörten Wohngebäuden, unter dem beweglichen Besitzthum der verschiedenen Landbewohner angerichtet!

Mancher freilich, der vielleicht, als er fortlief, einen Strohsack und ein paar tannene Tische und Bänke zurückließ, findet in seinem Schlafzimmer Stahlfedermatratzen und in der Stube mit Plüsch überzogene Meubeln (wenn auch von verschiedenen Farben.), aber im Ganzen haben sich die Betten, Sophas und Fauteuils doch so über die verschiedenen Ortschaften zerstreut, ja stehen sogar manchmal draußen in einer bombenfesten Hütte neben den Batterien bis an die Kniee im Schlamm, daß es rein unmöglich sein würde, auch nur das Ameublement einer einzigen Stube wieder zusammenzutragen, denn Meilen liegen oft zwischen den einzelnen Theilen. Zufällig mag Mancher in einer ganz andern Ortschaft auf sein eigenes Sopha oder auf seine eigene Matratze zu liegen kommen, aber wie will er beweisen, daß es sein Eigenthum ist – ja wird er es in dem jetzigen Zustande, mit Schmutz bedeckt und von Stiefeln und Sporen arg heimgesucht, nur überhaupt wiedererkennen?

Aber was kümmert das unser leichtherziges Soldatenvolk, das Strapazen und schlechtem Wetter hat genug trotzen müssen, um es sich auch einmal, wo es das irgend haben konnte, bequem zu machen! Und ist es doch Thatsache, daß sie weder Betten noch Hausgeräth je aus einer Wohnung mitgenommen haben, die von ihren Bewohnern nicht verlassen worden. Fanden sie dort Wein oder Lebensmittel, so war das freilich eine andere Sache, aber sämmtliche verlassene Gebäude wurden dagegen von vornherein für vogelfrei erklärt, und wenn wir noch einmal nach Frankreich hineinkommen sollten, was die französische Kriegspartei ja herbeizuführen sucht, so mag das Volk wenigstens aus dieser ersten „Invasion“ etwas gelernt haben: was nämlich so ein Vorpostenzug für Gepäck braucht, wenn er überall auf wüste und leere Wohnungen trifft.


  1. Es mag hier ebenfalls am Platze sein, die beiden technischen Worte „retten“ und „rollen“ zu bezeichnen, die eben nichts weiter bedeuten als „annectiren“, aber mehr en détail. Der Soldat hat dabei noch einen andern Ausdruck, denn wenn man ihn fragt, was er für den oder jenen ihm eben nicht eigenthümlichen Gegenstand gegeben habe, so antwortet er gewöhnlich: „Fünf Sous!“ und wenn der Preis mit der Sache nicht im Verhältniß steht und man ungläubig mit dem Kopfe schüttelt, so erklärt er es pantomimisch, indem er mit seinen fünf Fingern in die Luft hineingreift und das Wort mit etwas stärkerem oder schärferem Accent wiederholt: „Fünf zu.“