Vorwort (Das Ausland, 1828)

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Titel: Vorwort
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aus: Das Ausland, Nr. 1 und 2, S. 1–2
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
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Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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[1]
Vorwort.

Wenn aus dreitausendjähriger Nacht der Sänger der Ilias an das Licht stiege, erweckt durch den schneidenden Weheruf der Verzweiflung, der lauter als das Klirren der Schimitars kämpfender Palicaren, als das Allahgeschrei der Osmanlis, durch den Donner der Geschütze dringt; und wenn er nun die Kunde vernähme von der großen Schlacht, die zur Rettung seines Volkes, vereinigt, Männer geschlagen, die Gallien gesendet, das meerumfluthete Eiland der Britten und der fernste Norden: so würde er freudig in die Saiten der Lyra greifen, die Helden zu begrüßen, die größeres gethan, als die Vorkämpfer seiner erzumschienten Achaier, als der schnelle Achilleus und der Völkerhirt Agamemnon, der ausdauernde Odysseus und der trotzige Aias, – die Helden, die durch Einen kühnen Schlag die schönen Fluren seines Griechenlandes befreit haben von den Horden der Barbaren, die in den Staub gestürzten Tempel seiner Götter entsühnt von der Schmach, die ihre Trümmer entheiligte. Aber vergebens würde er unter den Reihen der Kämpfenden jene Gestalten suchen, die, durch den Zauber seines Liedes mit ewiger Jugend begabt, als gewaltige Riesen durch die schwachen Geschlechter der Menschen schreiten. Oder wäre wohl einer dieser Männer stolz genug, zu sagen: Ich bin dein Achilleus!

Eine größere Welt fände der Sänger, keine größeren Männer. Eine größere Welt? Und der Mensch, ist er nicht die Welt? ist er allein um so ärmer geworden, je reicher sich diese vor ihm ausgebreitet hat?

Millionen sind in den Staub gesunken, Millionen Herzen, alle geschwellt zu frischen Hoffnungen, muthigem Streben und tapferen Kämpfen, haben aufgehört zu schlagen. In die Lüfte verweht ist der bunte Traum ihres Lebens; nur einzelne hohe Geisterbilder stehen aufrecht auf den weiten Feldern des Todes, die lebendigen Zeugen der Vergangenheit, und hüten die Schätze, welche ganze Generationen gesammelt haben, um sie der unbegrenzten Zukunft zu überliefern. In die Furchen, die das Schwert gezogen, hat diese ihren göttlichen Samen gestreut; und unsterblich lebt in Lied und Lehre, was im Leben selbst längst unter den Trümmern der Tempel, Paläste, Hütten begraben liegt. Kein Samenkorn ist verloren gegangen, jedes hat seine Frucht getragen; und durch die Ernte bereichert hat der Geist der Zeiten alle Länder und Völker durchwandert und immer weiter und weiter die Grenzen seiner Herrschaft hinausgerückt. Vergebens hat der Mensch versucht sich ihm entgegen zu stellen. Als unwilliger Sclave mußte er unbewußt an dem großen Werke fortbauen helfen, wenn er es verschmähte als Freier den Zwecken der Gottheit zu dienen.

Mit stolzem Selbstbewußtsein blickte einst der römische Dichter auf die wenigen, nur kaum geahnten Länder, die es leicht seyn würde der Römermacht zu unterwerfen, wenn das unbesiegte Volk die Waffen nicht gegen sich selbst kehrte:

Wo sich Titan erhebt, wo die Nacht die Sterne befestigt,
Dort, wo der Mittag brennt in der Gluth versengender Stunden,
Wo der starrende, nie dem Frühling weichende Winter
Mit dem scythischen Frost den eisigen Pontus bekleidet –
Da läg’ alles gebeugt, der Serer, der ferne Araxes,
Und wo von einem Geschlecht noch weiß der quellende Nilus.

Aber weit über des Römers Scythien hinaus, weit über den Araxes und das Land der Serer und die glühende Wüste Lybiens ist jetzt das Reich gebreitet, das europäischer Civilisation gehorcht, seine Schätze dem Forscher zu Füßen legt, der im Dienste der Wissenschaft unblutige Eroberungen macht. Zwei neue Welten sind aus der unbekannten Tiefe des unermeßlichen Oceans emporgestiegen; und die Wunder der Phantasie – Magnetberge, welche die Fugen des Schiffes lösten, Meerungeheuer, die es in den Abgrund zogen, Syrenen, welche den kühnen Seefahrer auf ihre Klippen lockten – sie alle sind verschwunden, um dem größern Wunder der Wirklichkeit zu weichen. Kaum ist noch ein Punct der Erde geblieben, den der Fuß des Europäers nicht betreten, wie kein Stern des Himmels, der seinen Wanderungen nicht geleuchtet hätte.

Leichten Kaufes genießen wir nun die Frucht, die im Verlauf vieler Jahrhunderte langsam zur Reife kam. Aber wie das Gold, das der Geisterfürst dem Unwürdigen gab, sich in seiner Hand in schlechtes Laub verwandelte; so verliert auch die Frucht der Civilisation ihren Werth, wenn sie nicht von würdigen Händen empfangen wird. Die Küstenländer des vordern Asiens und Nordafrikas, einst blühend in allem Glanze, den Kunst und Wissenschaft, Gewerbe und Handel gewähren können, jetzt eine weite Wüste, von Barbaren beherrscht, liegen als warnendes Beispiel vor unsern Blicken, und halten uns die Lehre vor, daß das Edelste in seiner Entwürdigung und Zerstörung zum Abscheulichsten wird.

Aber mögen auch Einzelne die schöne Frucht verschmähen, ganze Völker sie von sich weisen: der Stamm, dem wir sie verdanken, wird ewig grünen, und immer reichere [2] Blüthen treiben, immer herrlichere Früchte tragen. Wie die Sonne zuerst nur einzelne Gebirgsgipfel erleuchtend, immer weiter und weiter in die Thäler am Fuße derselben hinabdringt, bis sie endlich ihre Strahlen weithin über die ganze Gegend sendet: so hat die Civilisation, das Wissen, im höchsten Sinne des Worts, das einst nur in der einsamen Brust des gottbegeisterten Sehers ruhte, sich allen folgenden Generationen in immer weiteren Kreisen mitgetheilt, als Geheimniß anfangs einzelnen Familien oder Stämmen, dann einzelnen Städten, von diesen den umgebenden Völkern, bis dasselbe das Gesammteigenthum jenes Theiles der Welt wurde, welcher jetzt, als der einzige zur Humanität gereifte, auch der einzige herrschende ist. Dieß ist unsere Größe, die uns über das Alterthum erhebt. Dieses ehrte am höchsten nur den Sieg der physischen Gewalt; das Schwert war es, welches die Verhältnisse der Völker schuf, während der Geist, auf einen engen Kreis beschränkt, außerhalb desselben weder Wirkung übte, noch Anerkennung fand. Wenn der Grieche nicht mehr Griechenland, wenn der Römer nicht mehr Rom sein nennen durfte, so war die Welt für ihn verloren. Unserer Zeit war es vorbehalten, den unvergänglichen ewigen Sieg der Geistesmacht zu erkennen; die Civilisation bildet, unabhängig von zufälliger Gewalt, die inneren, bestimmt die äußeren Verhältnisse der Nationen, und schlingt ein allgemeines geistiges Band um alle Glieder der großen Familie, welche die Erde bewohnt. Dem freien Denker, ungerecht verurtheilt von dem Tribunal eines Hofes, einer Stadt eines Staates, steht die Appellation an die Welt offen an jenes Gemeingewissen der Völker, welches zwar oft frevlem Spiel zum Hebel, noch frevelhafterem Hohne zur Zielscheibe gedient hat, aber bereits allzugewaltig richtend eingeschritten ist, als daß auch der blödeste Sinn länger sein Daseyn abläugnen könnte. Thöricht wäre es, wenn eine engherzige Politik die Wirkung desselben zu hemmen suchte. Seine Triumphe zu feiern, ist die würdigste Aufgabe der Politik, die sie ahnte, als sie durch die Stiftung eines europäischen Völkerbundes den kühnen Traum Heinrichs des Vierten zu verwirklichen suchte.

Schon breitet der Baum der Wissenschaft und Civilisation, dessen Stamm in Europa gewurzelt ist, seine Zweige über alle Theile der Erde aus. Ihn auszurotten, wäre vergebliches Bestreben; da, jenem amerikanischen Wunderbaume gleich, auch von diesem jeder einzelne Zweig, so wie er sich zur Erde senkt, auf’s neue Wurzeln schlägt, und einen neuen Stamm und bald einen ganzen unverwüstlichen Wald bildet.

Die schönsten Blüthen aller der verschiedenen Stämme dieses wunderbaren Baumes zu sammeln, soll das angestrente Bemühen der Männer seyn, welche sich zur Redaction der Zeitschrift vereinigt haben, von der wir dem Publikum die ersten Blätter vorzulegen im Begriff sind. Möge die Freundlichkeit der Nehmenden mit dem guten Willen und Eifer der Anbieter und Geber in gleichem Verhältniß stehen!