Vorwort (Neue Berliner Musikzeitung 1846)

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Textdaten
Autor: Otto Lange
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Titel: Vorwort
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Entstehungsdatum: 1846
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Verlag: Ed. Bote & G. Bock
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalherkunft: Neue Berliner Musikzeitung, Probenummer, Erster Jahrgang No. 1a, 16. December 1846
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Programmatische Erläuterung zur Neuerscheinung der Zeitschrift
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[1]
Vorwort.


Schriftsteller beginnen ein neues Werk nicht selten mit den Worten: „Einem längst gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen“ u. s. w. Auch wir könnten so beginnen. Allein wir vermeiden ein solches Vorwort. Es würde von uns den Nachweis jenes Bedürfnisses verlangen, und der liesse sich nicht anders liefern als durch eine oppositionelle Stellung, die wir von vorn herein gegen bestehende musikalische Zeitschriften einnähmen. Wozu die frischen Kräfte, welche sich bei dem Unternehmen betheiligen, sogleich in einen Kampf verwickeln? Ist doch die Zeit so reich an negativen Elementen, dass wir uns ihnen schwerlich werden entziehen können! Es spreche also die neue Zeitschrift für sich selbst durch ihren Inhalt. Das, was sie von andern unterscheidet, wird sich bald herausstellen. Im Allgemeinen aber sei der Standpunkt, welchen wir zu vertreten beabsichtigen, als der des musikalischen Fortschritts bezeichnet. Was ist Fortschritt? Eine schwierig zu beantwortende Frage; hat doch neulich irgend Jemand zu deduciren gesucht, dass in den meisten Fällen der Rückschritt recht eigentlicher Fortschritt sei. Und nun gar musikalischer Fortschritt! Etwas Wahres ist freilich daran. Man sollte in den meisten Fällen sagen: Andersschritt oder auch Neuschritt. Damit wird die Sache aus ihrer inhaltlichen Sphäre in das Gebiet der Formen übertragen, und wo hat man es mehr mit den Formen, mit formellen Gestaltungen zu thun als gerade in der Kunst?

Alles wiederholt sich ja im Leben,
Ewig jung bleibt nur die Phantasie!

Es kommt nicht sowohl darauf an, dass man neue Gebiete erobert, als vielmehr darauf, dass man auf den vorhandenen Neues gestaltet. Neue Formen sind das eigentliche Zeichen der Originalität in der Kunst. Die Technik der Instrumente mag noch so weit ausgebildet, zu den vorhandenen mögen noch so viel neue Instrumente erfunden werden: dies bringt keinen Fortschritt in der Kunst zu Wege, obwohl es ihm förderlich sein kann. Wir kommen im Laufe unsres Vorworts auf diese Frage zurück, und um nicht vorzugreifen, geben wir der Uebersicht wegen das Programm unserer Zeitung mit einigen Bemerkungen über die Art und Weise, in welcher wir die neue Musik-Zeitung auszustatten gedenken.

Der leitende Artikel. – Wir verstehen darunter eine möglichst gedrängte Abhandlung über einen Gegenstand aus der musikalischen Gegenwart. Wie in einer politischen Zeitschrift der leitende Artikel die politischen Bewegungen und Ereignisse der Gegenwart auf ein Princip zurückzuführen sucht und damit die Wirklichkeit aus ihren zerstreuten Momenten zu einer philosophischen Einheit erhebt, so scheint uns die Aufgabe eines leitenden Artikels für eine Musikzeitung darin zu bestehen, den musikalischen Ereignissen und Erscheinungen der Gegenwart durch eine principielle Behandlung eine sichere, musikalisch-wissenschaftliche Basis zu geben. Von diesem Gesichtspunkte aus werden unsere leitenden Artikel ihren Stoff aus dem Kunstleben der Gegenwart entnehmen. Dieses wird von ähnlichen Gegensätzen wie die politische Gegenwart getragen. Die Richtungen der Composition sind überaus mannigfaltig, die Theorie der Musik beruht auf verschiedenen Principien, das Virtuosenthum und die praktische Ausübung der Kunst verfolgen ihre eigenen besonderen Wege. Auf der einen Seite entschiedene Missbilligung solcher Kunstrichtungen, die sich in hohem Maasse Geltung zu verschaffen gewusst haben, auf der andern Seite unbedingtes Lob derjenigen Arbeiten und Leistungen, die auf einem bereits veralteten Standpunkte stehen, und umgekehrt, der vielen dazwischen liegenden Mittelstufen gar nicht zu gedenken! Wenn es auch nicht in dem Wesen [2] des leitenden Artikels liegt, seinen Gegenstand vollständig zu erschöpfen; wenn vor allen Dingen seine Aufgabe nicht darin bestehen kann, die praktischen Gegensätze der Kunst theoretisch zu vermitteln, (die Vermittelung ist immer nur ein Mittel): etwas unter allen Umständen Förderndes liegt in seinem Begriff; er wird jedenfalls eine Ansicht enthalten, ein individuelles Gepräge tragen und als Ansicht, als selbständig durchgeführte Meinung einen Anspruch auf Kritik Geltung machen und mindestens einen Stein zu dem grossen Gebäude der Musikwissenschaft herbeitragen. Ein specielles Interesse aber wird ihm immer der Stoff verleihen, sofern dieser aus dem gegenwärtigen Zustande der Musik entlehnt ist.

Die Kritik im weitesten Sinne des Worts. Dieses Kapitel soll bei Weitem den grössern Theil unserer Zeitschrift einnehmen. Warum? ergiebt sich aus der Sache selbst. Wir haben den höchsten Begriff von der Kunstkritik. Sie ist ein nothwendiges Moment in der Entwickelung der Kunst. Freilich darf man nicht Alles Kritik nennen, was sich als solche breit macht. Erwägt man indessen, welchen Einfluss z. B. der scharfsinnige Lessing einst auf die Gestaltung der Dichtkunst als Kritiker ausübte, wie er durch das Zurückgehen auf die allgemein gültigen Gesetze der Schönheit die grosse Epoche der deutschen Dichtkunst herbeiführen half, so ergiebt sich historisch nicht bloss der Werth und die Bedeutung, sondern auch die Nothwendigkeit der Kritik. Das Gebiet derselben in der Musik ist sehr umfassend, da wir es hier mit den Kunstproducten und den ausübenden Künstlern fast immer zugleich zu thun haben. Die Grundgedanken einer zeitgemässen und für weil sein die Kunst erspriesslichen Kritik zu entwickeln, ist hier nicht der Ort. Besondere Artikel sollen darüber ein Näheres enthalten. Es kommt uns hier nur darauf an, die formellen Gesichtspunkte derselben anzugeben, zu zeigen, welche Forderungen die Zeit an die Kritik richtet und welch ein in die Augen fallendes Bild sie dem Künstler darzustellen hat. Ueber Musik schreibt heut zu Tage fast ein Jeder. Wer sich einiger Stylgewandtheit rühmen kann, wer als Belletrist aufgetreten ist und somit den Boden der Kunst berührt hat, oder, was noch schlimmer ist, wer eine allgemein journalistische Feder führt – ein Jeder schreibt über Musik. Diese heilige, himmlische Kunst mit ihrem geisterhaften, ahnungsvollen Wehen, das tief in jede empfindende Brust dringt; diese mystische Orakelsprache, deren Deutung freilich immer nur den Eingeweihten möglich ist, von der aber doch alle Welt mächtig ergriffen wird, – sie bildet einen Tummelplatz für correspondirende Literaten und eifrige Neuigkeitskrämer. Und in der That ist wohl nichts leichter, aber auch sobald nicht etwas schwerer, als über Musik zu schreiben. Die Pforte, durch welche man in das Reich der Töne eingeht, ist sehr breit, und Viele sind, die sich zu derselben hindrängen. Aber der Weg wird immer schmaler, je näher man dem Ziele kommt. Viele müssen umkehren, sie mögen wollen oder nicht. Unterlassen wir den Entwurf eines unerquicklichen Bildes! Statt dessen nur einige Andeutungen über die Form und das Wesen der Kritik. Unsere Kritik sei positiv, scharf und bestimmt, kein refeirirender Theaterzettel, überall selbstständig, individuell, so dass man in der Meinung die Person des Kritikers achte und ehre. Der Kritiker spreche Ansichten aus und zwar seine eigenen, er begründe sie, er verfahre principiell. Lässt sich das Princip seines Urtheils nicht halten, so wird mit diesem das Urtheil von vorn herein fallen. Es falle immerhin. Das ist besser, als vages Hin- und Herreden. In der Musik wird jede Seite derselben, das musikalische Kunstwerk, der ausübende Künstler, ja selbst das musikalische Instrument der Kritik unterworfen. Auf diese Weise erscheint ihr Gebiet sehr reichhaltig. Wenn gleich wir dasselbe nach allen Seiten hin zu vertreten gedenken, soll doch der artistische Theil der Kunst vorzugsweise den Stoff liefern. Was die ausübende Kunst anlangt, so unterliegt die Feststellung der Principien der Kritik keiner so grossen Schwierigkeit. Der Fortschritt in der Technik lässt sich verfolgen; welchen Einfluss diese in ihrer Vollendung auf den Ausdruck des musikalischen Gedankens ausübt, lässt sich hören. Und wer Ohren hat zu hören, der hört es gewiss, sowohl beim Virtuosen des Gesanges wie des Instruments. Da, wo die Musik sich mit der dramatischen Kunst verbindet, tritt nun freilich noch ein neues Element hinzu, das der Darstellung. Allein auch hier stehen die auf Anschauung begründeten Gesetze der Schönheit so fest, dass die Kritik nicht Gefahr läuft, gegen den Künstler ungerecht zu werden, wenn sie scharf und bestimmt auftritt. Bedenklicher wäre die Sache in Bezug auf die musikalischen Compositionen. Wir setzen voraus, der Componist beherrsche die Form des Ausdrucks vollständig, über grammatische, theoretische Fehler sei er hinweg, er führe seine Gedanken mit Geschick durch. Und dennoch werden wir gegen ihn uns kritisch erklären können, nicht, weil sein Werk schlechthin tadelnswerth ist, sondern weil es unter dem gegenwärtigen Standpunkte der Kunst steht, Für einen schaffenden Künstler giebt es kein ungünstigeres Urtheil, als wenn man von seinem Werke sagt: „Schon da gewesen.“ Was heisst das? Sein Werk bietet nichts Neues in der Erfindung der Melodie, seine harmonischen Combinationen sind durchaus bekannt, seine Rhythmik ist gewöhnlich, seine Zusammenstellung der Instrumente bietet nichts Originales. Kann man dies nachweisen, kann man die Anknüpfungspunkte, die Schule der Vorzeit auffinden; tritt uns ein entschiedener Mangel an Selbstständigkeit entgegen, so sind wir mit dem Werke fertig, die Schärfe und Bestimmtheit des Urtheils erscheint hinlänglich motivirt. Man missverstehe uns indess nicht. Zur Motivirung eines Urtheils können noch allerlei Rücksichten hinzutreten. Der Künstler ist Anfänger. Als solcher lehnt er sich an einen Meister an. Dies verdient Anerkennung und Nachsicht. Dann aber dringen wir auf Emancipation, auf freie Bewegung des musikalischen Schaffens, im Namen des Fortschritts und der freien Entwickelung der Kunst. Wir sind der Meinung, dass in der untergeordnetsten Kunstform, in einem Walzer oder was es sei, wahrhafte Originalität an den Tag gelegt werden könne. Oder der schaffende Künstler liefert uns eine bestimmte Tendenzcomposition. Er will ein Uebungsstück für Schüler schreiben, er will als praktischer Musiklehrer einen methodischen Unterrichtsgang geben. Immerhin werde eine solche Arbeit auf ihrem Standpunkte anerkannt und nicht verworfen, weil sie etwa in ihrem musikalisch-schöpferschen Theile der Originalität entbehrt. Endlich aber werden unsere Leser noch einmal fragen: Was ist musikalischer [3] Fortschritt? Womit bezeichnen wir den gediegenen schöpferischen Standpunkt der musikalischen Gegenwart? Kommt er aus Frankreich, Italien, oder ist er bei uns heimisch in den rauschenden Tönen der neuesten grossen Oper u. s. w.? Absolut verwirklicht ist der Standpunkt niemals. Enthalten ist er gewiss in der Gegenwart; er liegt aber zerstreut in den verschiedenen Elementen der Kunst. Und dafür ist eben die Kritik, dass sie die Erscheinungen sondere und sichte, nicht mit eklektischem Auge eine Ansicht bilde, sondern auf die Höhe des Ideals sich erhebe und so in Wahrheit über den Erscheinungen stehe. Da kann es denn freilich heissen: Irren ist menschlich. Es handelt sich dann aber in der That um nichts mehr und nichts weniger, als um das Princip. Dieses steht oder fällt, und damit sind wir an der Stelle angelangt, von der wir oben ausgingen.

Wie wir hiermit den allgemeinen Gesichtspunkt der Kritik angegeben haben, sei mit Wenigem mir noch bemerkt, dass wir denselben nicht sowohl auf die Erscheinungen der musikalischen Literatur, als auch auf die Kunstleistungen und Kunstinstitute anzuwenden gedenken. Oper und Concerte in einer der ersten, durch den hohen Grad ihrer Intelligenz in seltenem Rufe stehenden Städte bieten dazu hinreichenden Stoff, und ein Blatt, welches Kunstzwecken ausschliesslich dient, wird sich nie wegen Mangels an Raum entschuldigen dürfen, wenn man ihm den Vorwurf einer mangelhaften Begründung seiner kritischen Aussprüche macht. Ein motivirtes Urtheil, es sei noch so scharf ausgesprochen, ist dem wahren Künstler erfreulicher als jede Halbheit. Schärfe und Bestimmtheit ohne Begründung fallen in sich selbst zusammen. Das Eine bedingt das Andere.

Die Correspondenzen sollen gewissermassen eine Reisekarte durch die musikalische Welt sein. Wir sind zu diesem Zwecke mit den angesehensten Städten Europa’s in Verbindung getreten und hoffen durch interessante Nachrichten besonders demjenigen Theile unserer Leser die Lectüre des Blattes angenehm zu machen, in dem der Sinn für Kunstneuigkeiten fortwährende Nahrung sucht. Doch haben die Correspondenzberichte auch ihre ernstere Seite; sie bilden wie in jeder Zeitschrift, so auch in dem Kunstblatte ein wichtiges Moment. Von zuverlässigen Berichterstattern ausgehend dürfen sie wohl als ein Bild der historischen Entwickelung der Kunst angesehen werden und somit dem Musiker vom Fach gerade das am besten gewähren, was die Historie sonst gewöhnlich in sehr trockenen Umrissen darbietet, zumal der historische Standpunkt in der Kunst nur von Nichtkünstlern heut zu Tage noch festgehalten wird. Das rein Historische in der Kunst hat nur Interesse, sofern es der Gegenwart angehört, weil wir in ihr leben und uns ihrer Aeusserlichkeit nicht entziehen können.

Endlich das Feuilleton. Ein geschicktes Feuilleton erscheint uns wie das stärkende und erquickende Mahl nach mühevoller Arbeit. Darum steht es auch immer am Ende einer Zeitung. Es könnte freilich auch stehen wo es wollte; denn nach ihm greift doch der grösste Theil der Leser zuerst. Ein geschmackvoll eingerichtetes Feuilleton pflegt verschlungen zu werden.

Doch lassen wir unsern Feuilletonisten lieber selbst sprechen; das Kapitel ist so eigener Natur, dass nicht ein Jeder darin zu Hause ist.

Zum Schluss recht viel Nachsicht bei unseren Lesern? 0 nein! Die Redensart ist all zu bekannt. Man würde auch fragen: Wozu das? Wollen wir nicht lieber Gleiches mit Gleichem vergelten? Auch gut! Aber überall Gerechtigkeit und Wahrheit!

Heitern Sinn und reine Zwecke:
Nun! man kommt wohl eine Strecke!

Dr. O. Lange.