Wachskerzen

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Autor: Georg Hiltl
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Titel: Wachskerzen
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[353]
Wachskerzen.
Ein Stück Geschichte von George Hiltl.

In der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien herrschte große Aufregung. Schon seit Wochen waren starke Transporte gefangener Ungarn, Männer theils hohen, theils niederen Ranges, durch die Straßen der Kaiserstadt gebracht und in verschiedenen Häusern eingekerkert worden. Jene Verschwörung, in der Geschichte unter dem Namen Zriny-Nadasdy’sche Verschwörung bekannt, war zum Ausbruch gekommen, hatte eine Zeit lang die Gemüther erregt, war mißglückt, verrathen und verkauft und wurde zuletzt ertränkt in dem Blute der Edlen, welche ihr Leben für eine schon bei ihrem Beginnen verlorene Sache eingesetzt hatten. Die Kerker faßten nicht mehr die große Anzahl der Compromittirten, man mußte sie in Privathäusern einquartieren, deren Fenster in der Eile vergittert wurden und die mit Wachen angefüllt, kleinen Citadellen glichen.

Die beunruhigendsten Gerüchte durchkreuzten sich. Der Kaiser Leopold I. war schwer erkrankt, es schien fast, als wolle die Vorsehung seine Hand nicht mehr zum Unterschreiben der Menge von Todesurtheilen brauchen, die voraussichtlich mit dem kaiserlichen Namenszug versehen werden mußten. Dazu regte sich mächtig der Feind jenseits des Rheines, der allgewaltige Ludwig XIV., seine diplomatischen Netze mit bewunderungswürdiger Schlauheit auswerfend, die Höfe mit gleißnerischer Freundlichkeit umnebelnd, bis zuletzt ein Blitzstrahl das Gewölk zerriß und die Kriegsfurie mit gezücktem Schwert heraustrat. Jetzt beschäftigte den französischen Herrscher lebhafter als je sein lange gehegter Plan: die Nachfolge auf den Thron der spanischen Habsburger an das Haus Bourbon zu bringen. Günstiger war nie ein Zeitpunkt für die Intriguen Ludwig’s gewesen.

Leopold war ohne männliche Nachkommen. Sein jüngerer Bruder, Carl Joseph, war 1664 bereits gestorben. Starb der Kaiser, so war ein Erbfolgekrieg wohl unausbleiblich[1], und wer hätte dem mächtigen Ludwig widerstehen können, der, mit England durch Carl’s II. Schwäche, mit Schweden und den bedeutendsten Reichsfürsten alliirt, außer den Generalstaaten keinen Feind von Bedeutung gegenüber sah? vor dessen Heeren Feldherren wie Turenne und Condé zogen, denen man damals noch keinen Eugen oder Marlborough entgegenstellen konnte? –

Das Haus Oesterreich wankte. – Zweihundertundfunfzig Streiter befanden sich zu jener Zeit in Wien. Es waren Streiter ad majorem Dei gloriam! die Patres der Gesellschaft Jesu. Sie hatten den Kaiser ganz in ihrer Gewalt, nannten ihn ihren „Leopoldus Magnus“, erhielten tausendfache Gnadenbeweise von ihm und – bereiteten durch ihre fanatische Bekehrungssucht die Empörung in Ungarn vor, die durch Ludwig XIV. unterstützt wurde. Die Magyaren mußten nun die Sündenböcke für alles Hochverrätherische und Treulose sein, was am kaiserlichen Hofe im Dunkeln sich ausbreitete. Auf ihre Rechnung arbeiteten die Väter, welche bereits seit dem Jahre 1668 im Dienste Ludwig’s XIV. standen, dessen wachsender Macht sie vor der bedrohten des Habsburgers den Vorzug gaben.

Leopold I. mußte beten – viel, sehr viel beten, und er betete gern. In jener Zeit, die allerdings mehr als jede andere den bedrängten Herrscher aufforderte, sein Gemüth zu Gott zu erheben, machten seine Gewissensräthe – die Jesuiten – Politik durch die Religion. Der Kaiser hörte knieend drei Mal des Tages die Messe. Der Pater Müller lieh ihm sein Ohr in der Beichte. Religiöse Gespräche bildeten den Haupttheil der Tagesunterhaltung. Alle Gegenstände, deren der Kaiser sich bediente, mußten durch Priesterhand geweiht sein.

Am 22. März 1670 erschien, als es bereits dunkelte, ein Mann, der einen kleinen Handwagen zog, vor dem Oekonomie-Gebäude der kaiserlichen Burg zu Wien. Die Küchenbeamten nahmen seine für den Haushalt bestimmte Ladung sofort in Empfang. Dieselbe bestand in zwei ziemlich bedeutenden Kisten. Die Begleiter des kleinen Handwagens und seines Führers waren für eine zur kaiserlichen Haushaltung gehörige Lieferung sonderbar genug. Es waren nämlich zwei in die Tracht der Jünger der Gesellschaft Jesu gekleidete Männer. Der herbeigerufene Haushofmeister verbeugte sich tief. Einer der schwarzen Herren war der Pater-Procurator, der Andere ein minder hohes Werkzeug des Ordens. Geschäftig wollten die Küchendiener sich der vom Wagen herabgenommenen Kisten bemächtigen, als der Pater sie mit sanfter Stimme zurückhielt.

„Meine Freunde,“ sprach er, „wisset Ihr auch, daß diese Kästlein mit Zartheit behandelt sein wollen? Traget sie leise in die Vorzimmer, damit ihr Inhalt nicht verderbe oder unwürdig aufgeschichtet werde.“

„Hochwürden werden mich sehr verbinden, wenn Sie mir mittheilen, was die beiden Kästchen Herrliches enthalten, damit ich meine Maßregeln zu ihrer Sicherung treffen kann, bis ich sie in die Hand des dienstthuenden Kammerherrn abgeliefert habe,“ sagte der Haushofmeister, die beiden Kasten mit ehrfurchtsvollen Blicken betrachtend.

[354] „Erfahren Sie, mein Freund,“ erwiderte der Procurator, „daß die Kisten eine Anzahl geweihter Wachskerzen enthalten, deren Flammen von nun an in den Zimmern des kaiserlichen Herrn leuchten sollen. Erhält er doch Alles, dessen er sich bedient, aus den Händen der Unsrigen, die es geweiht haben für seinen Dienst. Theilen Sie den mit der Einrichtung der Zimmer betrauten Dienern mit, daß kaiserliche Majestät dem hochwürdigen Beichtvater, Pater Müller, zu erkennen gegeben haben, wie Sie neben andern geweihten Gegenständen auch solche Kerzen in Ihren Zimmern zu brennen wünschen. Es soll also von jetzt ab aus diesem Vorrathe genommen werden.“

Nachdem der Procurator sich überzeugt, daß die Kisten in gehöriger Art und Weise abgeliefert worden, entfernte er sich mit seinem Begleiter. Noch an demselben Abende brannten in dem Gemache Kaiser Leopold’s geweihte Kerzen, welche von nun an immer in Gebrauch blieben.

Acht Tage später erkrankte der Kaiser heftig. Trotz der gesegneten Lichter überfiel ihn ein Siechthum, dessen kein Arzt Herr werden, dem keine Fürbitte Stillstand gebieten konnte.

„Die ungarischen Malcontenten haben dem Kaiser Gift beigebracht,“ hieß es in Wien. „Der Nadasdy hat’s gethan, der schon den Niclas Zriny umgebracht hat.“[2]


Auf der Landstraße, welche Schwechat mit Wien verbindet, fuhr eine leichte Reisekalesche. Der Kutscher trug einen breitkrämpigen Hut und hatte ein paar Pistolen in seinem Ledergürtel stecken. Rechts und links neben dem Fuhrwerk ritten kaiserliche Dragoner. An den Hüften der Reiter kirrten die Pallasche, über den Sattelknopf hatten sie ihre gespannten Carabiner gelegt. Diese Begleitung deutete den Vorübergehenden an, daß sich im Innern des Fuhrwerks ein Gefangener von Wichtigkeit befinde.

Der zweisitzige Reisewagen führte zwei Männer nach Wien, von denen der Jüngere die Uniform der kaiserlichen Leibgarde trug. Sein Antlitz verrieth auf den ersten Blick den Südländer und bildete durch den lebensfrohen Ausdruck, welcher auf demselben sich zeigte, einen scharfen Contrast zu der Schwermuth, die in den Zügen des neben ihm sitzenden älteren Mannes ausgeprägt war. Der Letztere, dessen Person die militärische Bedeckung galt, war in schwarzen Sammet gekeidet. Ein langer, mit kostbarem Pelzwerk verbrämter Mantel aus feinem Tuch bedeckte seinen Körper vollständig. Auf dem Haupte trug er eine enganliegende Kappe, unter deren Rändern sich graue Locken hervorstahlen. Das geistvolle, edle Gesicht hatte jene gelbliche Farbe angenommen, die dem Elfenbein eigen, wenn es Jahrhunderte alt geworden ist, die Farbe der Denker oder der Dulder. Große schwarze Augen funkelten neben der Adlernase, und ein langer Bart fiel auf die Brust herab. Der Officier war der Rittmeister Luigi Scotti von der kaiserlichen Leibguardia, sein Gefangener der gelehrte, angefeindete Adept, Arzt und Philosoph Giuseppe Franceseo Borri.

Es war ein merkwürdiger Mann, dieser Borri. Aus adeligem Geschlecht stammend, hatte er sich mit glühendem Eifer den Wissenschaften zugewendet. Seine Vaterstadt Mailand verließ er, um die ewige Stadt Rom zu besuchen. Hier, an der für solche Beschäftigung gefährlichsten Stätte, arbeitete er emsig an seiner Vervollkommnung in den geheimen Künsten der Chemie. Borri suchte, wie die meisten gelehrten Hitzköpfe seiner Zeit, den Stein der Weisen. Wenn er bis zum Grauen des Morgens vor seinem Heerde im Laboratorium stand, wenn die Retorten glühten, wenn die seltsamsten Mischungen, in Fluß gerathen, auf und nieder wogten in den wunderlich geformten Gefäßen, dann leuchtete die Freude aus den bleichen Zügen Borri’s, und wenn er nach langen Mühen eine chemische Analyse zu Stande gebracht, dann warf er sich beglückt auf das Lager und entschlummerte, um im Traume weiter zu arbeiten. Aber die erregte Phantasie des Gelehrten schweifte hinaus aus den engen Wänden des Laboratoriums; sie heftete sich an Dinge und Fragen, die nicht mit einzelnen Experimenten zu beseitigen waren. Sein reger Geist flog auch in das Gebiet der Theologie und der Kirche und rief ihm zu: „Der Papst ist nicht der Hohepriester, wenn er an seiner Stirne nicht das Gotteszeichen trägt.“

Im Traum und Wachen verfolgten ihm diese Zweifel und ließen ihm keine Ruhe, bis sich diese Marter zu Erscheinungen und Visionen steigerte. Endlich hielt er sich berufen, diese Zweifel einem Priester mitzutheilen und furchtlos zu sprechen. Er hielt Reden gegen die Herrschaft des Papstes und stützte sich dabei einestheils auf übernatürliche Eingebungen, während er auf der andern Seite wieder seine chemischen Experimente in die erste Reihe stellte und bewies, daß die heilige Dreieinigkeit, die Menschwerdung Christi und dergleichen aus den Grundsätzen der Scheidekunst hergeleitet werden müßten.

Die Jesuiten, bei denen er als Jüngling studirt hatte, verfolgten ihn heftig. Sie erlangten seine Verhaftung durch das Inquisitions-Tribunal. Borri flüchtete aus Rom nach Mailand und von da nach Straßburg. Während dessen ward sein Bildniß zu Rom am 3. Januar 1661 durch die Hand des Henkers verbrannt, sein Name an den Galgen geschlagen. Seine Schüler wurden eingekerkert. In Straßburg nicht geduldet, ging Borri nach Amsterdam. Hier war er sicher. Er hatte allerdings den Stein der Weisen gefunden, denn die umfassendsten Studien hatten einen großen Arzt aus ihm gemacht. Borri konnte die Menge kaum befriedigen, welche von ihm geheilt sein wollte. Das Geld floß ihm in großen Summen zu und erlaubte ihm, ein glänzendes Haus zu machen. Seine chemischen Versuche hatten ihm namentlich ein dunkles Gebiet der Natur erschlossen; Borri war ein genauer Kenner der Gifte, ihrer Wirkungen und deren Heilung. Nachdem er viele, fast an’s Wunderbare grenzende Curen vollendet, namentlich Augenleiden geheilt hatte, ging er nach Hamburg. Hier machte er die Bekanntschaft der Königin Christine. Wenige Monate später ward er nach Kopenhagen berufen. Er setzte auch hier alle Welt in Staunen durch seine Gelehrsamkeit. Eine Bedienten-Kabale stürzte ihn. Nach dem Tode des Königs Friedrich III. verließ er den Norden Europas, um sich nach der Türkei zu begeben. Er kam am 10. April 1670 zu Goldingen an der schlesischen Grenze in das Haus eines Edelmannes, entschlossen, von hier aus seine Reise nach der Türkei durch Mähren und Polen fortzusetzen.

Hier gerieth Borri in die Hände der kaiserlichen Gewalt.

Eines Tages befand sich in dem kaiserlichen Gemache der Hofburg zu Wien der päpstliche Nuntius in angelegentlichem Gespräch mit Kaiser Leopold begriffen. Es galt der ausgebrochenen Empörung in Ungarn. Gerade als der Priester mitten im heftigsten Redeflusse sich befand, als er gegen die Aufständischen donnerte, ward dem Kaiser eine neue wichtige Depesche überbracht. Sie enthielt Berichte von den Vorgängen. Ein langes Verzeichniß von Personen, die compromittirt waren, lag dabei. Der Secretair las die Nachrichten, dann las er die Namen. Alle ließen den Nuntius gleichgültig. Endlich kam ein Name an die Reihe, bei dessen Nennung der Priester unwillkürlich in die Höhe fuhr. Franz Borri stand auf der Liste der Verdächtigen; es sollten Anzeichen vorhanden sein, nach denen der Arzt in unmittelbarer Verbindung mit den Malcontenten stehe.

„Borri,“ rief der Nuntius mit Zähneknirschen, „Borri ist zu fangen? Majestät, sofort in Verhaft mit ihm! Es ist einer der gefährlichsten Sendlinge. Er wußte sich dem rächenden Arme des heiligen Officiums zu entziehen. Sein Fang ist ein doppelter Gewinn, für Thron und Kirche.“

Leopold hätte nie, am allerwenigsten aber im jetzigen Augenblicke, dem Andringen eines Priesters widerstanden, und so ward der Rittmeister Scotti in besonderer Mission nach Goldingen gesendet, um Borri zu verhaften.

Am 22. April erschien der Hauswirth Borri’s mit verlegener Miene im Speisesaale und kündigte dem Arzte das Eintreffen eines kaiserlichen Commissärs an, der Befehl habe, ihn zu arretiren. Offenbar hatte der Wirth die Rolle des Verräthers gespielt, wenn er auch vorgab, daß Borri’s Aufenthalt und Name durch Reisende nach Wien gemeldet sei. Der Rittmeister, ein Landsmann Borri’s, aus Florenz gebürtig, behandelte den Verhafteten mit größter Artigkeit und theilte ihm mit, daß er in Verdacht stehe, Verbindungen mit einem der Oberhäupter der Verschwörung, Stephan Tököly, zu haben. Borri nahm Abschied von seinem falschen Freunde, stieg mit dem Rittmeister in die bereitgehaltene Kutsche, die Escorte, zwei Dragoner, setzte sich in Trab, und fort ging es auf Wien zu. –

Die Unterhaltung der beiden Reisenden ward wesentlich dadurch gefördert, daß sie Landsleute waren und sich in italienischer Sprache ihre Mittheilungen machen konnten. Im Verlaufe des Gespräches äußerte Scotti:

„Lieber Freund, mich dünkt, Sie müssen große Feinde unter [355] der hohen Geistlichkeit, eben Ihrer Wissenschaften wegen, haben; denn sogar der Nuntius des Papstes zählt zu Ihren Gegnern.“

„Dann,“ entgegnete Borri, „erkenne ich die wahrhafte Ursache meiner Gefangennehmung.“

Scotti theilte dem Gelehrten ferner mit, daß der Kaiser Leopold seit längerer Zeit an einem schleichenden Uebel leide, dessen kein Arzt Herr werden könne.

„Man sagt,“ fuhr der Rittmeister fort, „der Kaiser habe Gift bekommen.“

„Sollten seine Aerzte das nicht bemerkt haben?“ sagte Borri, „und könnten sie alsdann das Gift nicht aus dem Körper jagen? Mich würde eine solche Aufgabe nicht in Verlegenheit setzen, sobald ich mich von dem Vorhandensein des Giftes überzeugt haben würde. Der Kaiser wäre in diesem Falle der Erste nicht. Vielleicht bin ich berufen, den, der mich verfolgt und gefangennehmen läßt, zu heilen. Mein lieber Landsmann, eröffnen Sie dem Kaiser, daß, wenn er wirklich Gift erhalten habe, so wollte ich ihn davon befreien, um zu zeigen, daß ich keiner Rache wegen der mir durch meinen Arrest geschehenen Beleidigung fähig bin.“

Scotti versprach, dem Kaiser von der möglichen Hülfe Nachricht zu geben.

Am 28. April Mittags kamen die Reisenden in Wien an. Borri’s Gefängniß befand sich im Gasthofe zum Schwan. Zehn Tage vorher waren in eben diesem Hause zwei Hauptführer der Verschwörung, Peter Zriny und Frangipani, eingeschlossen gewesen. Sie hatten sich nach Wien begeben, um sich dem Kaiser freiwillig zu stellen. Jetzt saßen sie zu Neustadt in enger Haft. Es liefen einige Menschen zusammen, als Borri vor dem Thore des Gasthauses ausstieg. Im Ganzen aber erregte seine Ankunft wenig Aufmerksamkeit, da die Einbringung ungarischer Gefangener bereits ein alltägliches Schauspiel für die Bewohner Wiens geworden war.

Borri ward mit großer Höflichkeit behandelt, „Herr Arrestant“ von den wachthabenden Soldaten angeredet und in das beste Zimmer geführt. Allein gelassen und eingeschlossen warf der ermüdete Gelehrte sich auf das einfache Ruhebett und verfiel in tiefen Schlummer. Er mochte bereits mehrere Stunden geschlafen haben, als ihn das Klirren der Thürschlösser weckte. Er richtete sich empor. Es war schon finster geworden. Die Thür öffnete sich, und Borri sah seinen Landsmann Scotti, der in einen Mantel gehüllt war und eine Blendlaterne trug, eintreten.

„Geschwind,“ begann der Rittmeister, „machen Sie sich fertig.“

„Soll ich schon ein Verhör bestehen?“

„Nein. Der Kaiser will Sie sprechen. Ihr Ruf als Arzt ist ihm bekannt. Bei meinem Rapporte nahm ich die Gelegenheit wahr, dem hohen Kranken Ihr Anerbieten mitzutheilen. Der Herr hofft auf Sie, mußte aber die Nacht abwarten, da er nicht will, daß Etwas davon in’s Publicum komme, denn Sie sind ihm als einer der hartnäckigsten Ketzer geschildert worden.“

„Hätte mich mein Gewissen der Ketzerei beschuldigt,“ sagte lächelnd Borri, „so hätte mich der Kaiser nicht gefangen. Meine innere Ruhe, mein Eifer, das Elend meiner Mitmenschen zu erleichtern, geben mir die Kraft, meine Verhaftung ruhig zu ertragen. Gehen wir. Meinen Dank, Scotti, für Ihre Empfehlung, mit der Sie aber sicherlich auch dem Kaiser einen Dienst erweisen.“

Arm in Arm wandelten die Beiden durch die dunkeln Gassen, bis sie vor der Hofburg angelangt waren. Hier übergab Scotti seinen Gefangenen dem Kammerdiener, der den Arzt durch eine lange Reihe von Zimmern bis in das kaiserliche Vorgemach geleitete, woselbst er ihn niederzusitzen bat; der Kaiser werde ihn rufen lassen.

Borri befand sich nicht allein. Verschiedene Personen führten eine lebhafte Unterhaltung. Der Gelehrte hatte die sein Haupt bedeckende Capuze zurückgeschlagen und zeigte sein intelligentes, edles Gesicht offen. Er bemerkte, daß er der lebhafte Gegenstand der Unterredung zweier Geistlicher war, welche sich die Ursache seiner Anwesenheit nicht zu erklären vermochten.

Nach Verlauf einer Viertelstunde trat ein Kammerherr des Kaisers in das Gemach, ersuchte die Anwesenden höflichst, sich zu entfernen, und gab Borri einen Wink, ihm zu folgen. Sie durchschritten wieder einige Zimmer und blieben vor einer mit Sammet beschlagenen Thüre stehen. Der Hofherr öffnete, hob den schweren Vorhang zurück und winkte dem Arzte einzutreten. Borri befand sich im Cabinet des Kaisers.

Das Gemach, an sich düster, ward durch zwölf Kerzen erhellt, welche auf silbernen Leuchtern, von denen jeder in drei Arme auslief, brannten. Verschiedene große Gemälde, meist Scenen aus dem Leben der Heiligen darstellend, zierten die Wände. Neben diesen Bildern befanden sich auf Consolen allerlei Kuriositäten. Zur Seite eines kleinen Arbeitstisches stand ein sehr großer Betstuhl, über welchem ein prächtig gearbeitetes Crucifix hing. Die Fenstervorhänge waren geschlossen. Das Halblicht, welches trotz der Beleuchtung im Zimmer herrschte, gestattete dem eingetretenen Arzte anfangs nicht, die Gegenstände genau zu unterscheiden. Nach und nach traten sie deutlicher hervor, und Borri erblickte einen kleinen Mann, der neben dem Arbeitstische, in einem Armstuhl sitzend, einige ungeduldige Bewegungen machte. Es war der Kaiser Leopold. Der kranke Herr trug einen grünseidnen Schlafrock, auf dem Kopfe eine Mütze, die in eine Art von Augenschirm auslief. Seine Füße waren mit Decken umwickelt. Das Gesicht zeigte eine Bleifarbe und war sehr eingefallen.

„Dort sitzen Seine Majestät,“ sagte der Kammerherr zu Borri in italienischer Sprache. Der Arzt trat einen Schritt vor und verbeugte sich.

„Ihr seid der mailändische Cavagliere?“ begann der Kaiser mit einer Stimme, die vor Frost zu zittern schien, obwohl der Kamin eine behagliche Wärme ausströmte.

„Zu dienen, Ew. Majestät!“

„Mir thut’s leid, Euch als Gefangenen hier zu sehen, aber Ihr seid es gegenwärtig nicht.“

„Ohne gefangen zu sein, würde ich nicht das Glück gehabt haben Ew. Majestät zu sehen.“

„Von Eurer Wissenschaft habe ich viel Nützliches gehört, wiewohl Ihr in anderer Hinsicht ein gefährlicher Mann sein sollt!“

„Beides glaube ich Ew. Majestät gern. Denn in der Welt folgt die Verfolgung immer dem Lobe nach.“

„Weswegen gebt Ihr Euch mit Religionssachen ab? Ueberlaßt das der Geistlichkeit.“

„Ich halte die Religion für einen großen Schatz. Warum sollte ich mich nicht mit ihr beschäftigen?“

„Ihr seid katholisch?“

„Ja, Majestät.“

„Habt aber, wie man mir sagt, Eure Religion schon einige Mal geändert, und sollt Stifter einer neuen sein.“

„So sagen meine Feinde, welche auch zugleich die Feinde Ew. Majestät sind.“

„Wie meint Ihr das?“

„Nur Diejenigen, welche weder Religion noch Menschenliebe kennen, haben mich hierhergebracht. Weil die Leute, welche dem freien Gedanken Fesseln anlegen wollen, immer die Feinde Gottes sind, so können sie nicht die Freunde Ew. Majestät sein, von der ich so Etwas nicht erwarte.“

Hier machte der Kammerherr die Bemerkung: „Dem Cavagliere steigt die Inspiration in das Gehirn!“

„Wer ist der Mensch,“ rief Borri mit verächtlichem Achselzucken, „der sich erdreistet von Inspiration zu sprechen?“

„Es ist mein Kammerherr,“ sagte begütigend der Kaiser. „Er hat zuweilen launige Einfälle.“

„Er möge sie in meiner Gegenwart hinunterschlucken,“ entgegnete der Arzt mit strengem Tone. „Es verdrießt mich schon genug, dergleichen Leute in der Umgebung Ew. Majestät zu sehen.“

„Nicht so empfindlich, mein guter Cavagliere,“ rief Leopold. „wollte ich mich über alle dergleichen Bemerkungen ärgern, wäre ich längst in die Grube gefahren.“

„Ich schweige nie, Majestät, wenn es gilt, meine Ansicht auszusprechen. Bevor ich also das Glück habe, weiter mit Ew. Maj. sprechen zu dürfen, stelle ich die Bedingung: daß jener Mensch schweige.“[3]

Der Kaiser winke dem Kammerherrn mit der Hand. Dieser trat zurück.

Von der bigotten Richtung Leopold’s zeugte diese Unterhaltung am deutlichsten. Statt den Arzt über seinen Zustand, der offenbar gefährlich war, zu befragen, ließ sich der Kaiser zunächst mit dem Philosophen, d. h. Ketzer, in religiöse Plänkeleien ein. Das Gespräch drehte sich nun um Borri’s schon oben angeführte Behauptungen in Betreff der heiligen Dreieinigkeit. Leopold prüfte die theologischen Kenntnisse des Arztes, seine Ansichten über die [356] Mutter Maria und dergleichen mehr, ein Examen, bei welchem die Dialektik Borri’s immer den Sieg davon trug.

Endlich sagte der Kaiser: „Euch steht in Rom eine Verantwortung bevor. Möge sie von keinen üblen Folgen begleitet sein. Nun aber höre ich, Ihr gebt Euch mit chymischen Heilungen ab; darüber möchte ich Euch lieber hören, als über theologische Dinge. Was habt Ihr von meinem Zustande gehört?“"

„Nichts als die Vermuthung: Ew. Majestät sollen Gift bekommen haben. Um aber meine Ansichten darüber aussprechen zu können, müßte mir der Leibarzt Ew. Majestät die Ordination vorlegen, ich könnte mich dann bestimmter äußern.“

Auf Befehl des Kaisers ward nach dem Leibarzt gesendet. – Allein mit dem Kaiser geblieben, heftete der Arzt seine forschenden Blicke auf die zusammengefallene Gestalt des Kaisers, befühlte dann die Haut des Leidenden und ließ endlich seine Augen die Wände entlang, bis zur Decke des Zimmers schweifen, musterte sodann alle Gegenstände mit großer Aufmerksamkeit und blickte schließlich wieder zur Zimmerdecke empor, unverwandten Blickes mit zusammengezogenen Augenbrauen, als wollte er sich hineinbohren in die Blumen und Schnörkel, welche, in reicher Stuccaturarbeit ausgeführt, den Plafond des kaiserlichen Zimmers bedeckten. Die Augen des Kaisers folgten ängstlich den Blicken und Bewegungen Borri’s. Der arme Kranke stöhnte leise. Er erwartete den Ausspruch des Arztes, eine Vermuthung, einen Trostspruch.

„Nun, Borri,“ keuchte er. „Was meint Ihr?“

„Meine Vermuthung,“ entgegnete der Arzt mit fester Stimme, „ist fast zur Gewißheit geworden. Ew. kaiserliche Majestät haben Gift bekommen.“

„Heilige Mutter, erbarme Dich!“ schrie der Kaiser.

„Ich muß, wie gesagt, auch den Leibmedicus sprechen. Doch glaube ich, er wird meine Ansicht theilen. Ebenso kann ich auch mit Bestimmtheit die Heilung Ew. Majestät voraussagen. Es ist noch Zeit dazu.“

„Und woraus schließt Ihr auf Vergiftung? Meine nächste Umgebung speiset mit mir fast aus derselben Schüssel. Bemerkt Ihr an meinem Körper Etwas?“

„Mein Kaiser,“ sprach Borri, „nicht der Körper Ew. Maj., sondern die Luft Ihres Wohn- und Schlafzimmers ist vergiftet. Sobald der Leibmedicus gekommen ist, wollen wir Anstalten treffen, daß Ew. Majestät andere Zimmer beziehen.“

„Wie wollt Ihr das wissen, da ich Nichts davon verspüre?“

„Ew. Majestät sind zu stark an den giftigen Dunst gewöhnt, als daß Sie es bemerken könnten.“

„Und wo sollte dieser Dunst herkommen?“

Der Arzt ging langsam und feierlich auf die vergoldeten Gueridons zu, auf welchen dreiarmige Leuchter mit brennenden Kerzen standen. Er nahm die Leuchter herab, trat an den Tisch des Kaisers und stellte sie zu den andern Leuchtern. Zwölf brennende Kerzen befanden sich dicht bei einander.

„Woher der Dunst kommt?“ fagte Borri, seine Hand ausstreckend. „Von Ihren Wachskerzen, Majestät. Sehen Sie nicht das rothe Feuer der Flamme?“

In diesem Augenblicke trat der Kammerherr ein.

„Das Feuer ist lebhaft,“ entgegnete der Kaiser, „scheint mir aber nicht ungewöhnlich.“

„Sie bemerken den feinen, weißen Dunst nicht, der den natürlichen Wachskerzen nicht eigen ist?“

„Meine Augen sind so schwach. Seht Ihr es, Kammerherr?“

Der Gerufene mußte bejahend antworten.

„Ihre Augen,“ sagte Borri verächtlich, „sind besser als Ihr Gehirn, Herr Kammerherr.“

Der Leibarzt des Kaisers erschien.

„Ihr kommt recht,“ rief der Kaiser. „Hier dieser Cavagliere behauptet, die Luft meines Zimmers sei vergiftet. Habt Ihr die Ordinaten bei Euch?“

„Hier, Majestät; sie sind vom ersten Tage Ihrer Unpäßlichkeit an geführt,“ sagte der Leibarzt.

Borri durchsah die Papiere. Er fand die Verordnungen vollständig richtig und umsichtig. Der Leibarzt, erfreut über diese Anerkennung, ließ sich Borri’s Argwohn mittheilen.

„Sehen Sie,“ rief Borri. „Doctor, sehen Sie den feinen, schnellaufwirbelnden Dampf? Jetzt betrachten Sie die Zimmerdecke. Sehen Sie den Absatz, welchen der Dunst dort oben schon abgelagert hat?“

„Ich sehe Alles und beuge mich vor Ihrem Scharfblick, Cavagliere,“ sagte der Doctor. „Ich gestehe Ew. Majestät, daß ich seit einigen Tagen bereits Verdacht schöpfte.“

„Brennen Majestät überall solche Kerzen?“ fragte Borri. „Es wäre wichtig, zu wissen, ob im Gemache der Kaiserin auch derlei Lichter benutzt werden.“

Der Kammerherr mußte zwei brennende Kerzen aus dem Zimmer der Kaiserin holen. Man verglich die Flammen. Die Lichter des Kaisers brannten in düsterrother, unruhiger Flamme, ein feiner Dunst, der gleich einem Schleier den oberen Theil der Kerze einhüllte, ward durch häufige Funken zerrissen, welche von dem Dochte abspritzten und gleich elektrischen Entladungen knisterten. Die Kerzen aus den Zimmern der Kaiserin brannten ruhig, wie jede gewöhnliche Wachskerze.

„Hier steckt das Gift,“ rief Borri triumphirend, seine weiße, verknöcherte Hand auf einen Leuchter des kaiserlichen Zimmers legend. „Soll ich jetzt Ew. Majestät zeigen, daß diese Kerzen ein feines Gift auswerfen?“

„Ohne Weiteres.“

Borri schloß die Thüre des kaiserlichen Gemaches. Er und der Leibarzt löschten sogleich die verdächtigen Kerzen. Dann traten Beide in einen Winkel, nahmen eine silberne Schüssel und begannen über derselben das Wachs der Kerzen von dem Dochte abzulösen. Sobald letzterer bloßgelegt war, theilte Borri dem Kaiser seine Ansichten mit. Leopold ließ den Kammerdiener rufen und befahl, daß der ganze Vorrath von Lichtern in sein Zimmer geschafft werde. Sie wurden aus dem Schranke im Vorzimmer genommen. Ihr Gewicht betrug noch dreißig Pfund. Borri zeigte dem Kaiser sogleich eine auffallende Erscheinung: jede Kerze war oben und unten mit einem goldnen Kränzchen eingefaßt, offenbar um sie nicht zu verwechseln. – Eine genaue Untersuchung ward vorgenommen. Sie ergab, daß die Dochte der für das kaiserliche Zimmer bestimmten, besonders gezeichneten Kerzen reichlich mit Arsenik getränkt waren. Es ward ein Hund eines Küchenjungen herbeigeschafft, in ein Seitencabinet gesperrt, und es wurde ihm eine Schüssel mit Fleisch vorgesetzt, zwischen welches man kleingeschnittene Stückchen der aus den Kerzen gezogenen Dochte gemischt hatte.

Unterdessen brachte man den Kaiser in andere Gemächer. Auf Befehl des Monarchen mußte Jeder das tiefste Stillschweigen über die ganze Begebenheit beobachten. Borri und der Leibarzt gingen in die Schloßapotheke, entfernten hier alle Gehülfen und bereiteten eigenhändig ein Gegengift für den Kaiser. Borri analysirte sofort die Bestandtheile der getünchten Dochte und erhielt aus ihnen einen reichhaltigen Niederschlag von Arsenik. Er hatte angeordnet, daß man ihn rufen möge, sobald der Hund Unruhe zeige, die Wirkung des Giftes war aber so schnell, daß Borri den Hund schon todt fand, als er zum Kaiser zurückkehrte. Beide Aerzte begannen die Heilung des Kaisers noch an demselben Abende. Borri’s Medicin bestand besonders in schweißtreibenden Mitteln, er wendete diese Cur stets bei Vergiftungen an.

Leopold hatte kaum sein Zimmer geändert, als er auch den Befehl gab, den Lieferanten der Wachskerzen zu arretiren. Als solcher ward der Jesuiten-Procurator ermittelt – aber – nicht mehr in Wien angetroffen.[4] Borri blieb auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers in der Nähe und behandelte den Monarchen, dessen Besserung täglich zunahm. Der Leibarzt unterstützte den Gelehrten auf’s Beste, und am 19. Mai konnte der Kaiser bereits wieder ausfahren.

Fortwährend hatte er Unterhaltungen mit Borri, der ihm genauen Bericht über das medicinische Verfahren erstatten mußte. Der Arzt hatte die Wirkungen des Giftes und dessen Quantum auf das Schärfste ermittelt und sogar die an der Decke befindliche Ablagerung chemisch untersucht. Er behielt zwei Kerzen als Beweise zurück, die übrigen wurden zu den Analysen verwendet. Das Gewicht der Kerzen betrug 24 Pfund, das der getünchten Dochte 3½ Pfund, woraus Borri schloß, daß die Giftmase 2¼ Pfund betragen müsse. Als der Kaiser diese Resultate vernahm, äußerte er: „Da hätten sie mich in einigen Monaten ad Patres schicken können.“ Borri speiste am kaiserlichen Tische und ward sehr ausgezeichnet, zum nicht geringen Aerger seiner geistlichen Feinde, die indessen des Kaisers Wankelmuth gut genug kannten, um zu wissen, daß ihnen ihr Opfer dennoch nicht entgehen merde. Dieselbe Ansicht herrschte unter den Eingeweihten am Hofe. Scotti betrachtete [358] seinen berühmten Landsmann nur mit Blicken des Mitleids, und der Leibarzt äußerte unumwunden: „Lieber Borri, die Stellung des Kaisers hat Ihre Feinde nur vermehrt. Wer hier den Haß der Priester sich zugezogen, ist als verloren anzusehen. Sie werden Ihr Schicksal in Rom vollendet sehen.“

„Meinen Geist,“ entgegnete Borri, „schlägt keine Verfolgung nieder.“[5]

Es dürfte kaum glaublich erscheinen, daß Leopold in der That seinen Lebensretter der Gewalt des Offciums in Rom auslieferte, wären nicht leider in der Geschichte ähnliche Beispiele genug vorhanden.

Am 14. Juni 1670 verabschiedete der vollständig geheilte Leopold seinen Arzt Borri. Er dankte ihm innig und mit Thränen in den Augen, und bedauerte (!), daß er nicht jene Erkenntlichkeit zeigen könne, die er dem Arzte nach der Empfindung seines Herzens schuldig sei. Borri habe sich aber im Punkte der Religion so weit „verstiegen, daß es nothwendig sei, ihn von seinem Irrthume zu heilen.“ Der Papst werde eine Commission niedersetzen. „Doch habe ich,“ fuhr der Kaiser fort, einen Revers durch den päpstlichen Nuntius ausstellen lassen, daß Euch in keinem Falle an Leib und Leben Etwas geschehe. Mein Gesandter in Rom wird Euch das in Gegenwart der päpstlichen Commission eröffnen. So lange Ihr lebt, wird Euch von mir oder meinen Erben jährlich die Summe von 200 Ducaten gezahlt werden, als Merkmal, was Ihr an mir gethan. Kommt Ihr in Sachen der Religion zu besserer Ueberzengung, so werde ich sehen, was zu thun ist. Gott nehme Euch in seinen Schutz – dies ist mein Wunsch. – Lebet wohl!“ – –

Er reichte dem Arzte die Hand zum Kusse, die Borri mit seinen Thränen benetzte, Thränen der Rührung und – des Bedauerns. Am folgenden Tage ward der Gelehrte unter Bedeckung nach Rom geführt. – Der Procurator war und blieb verschwunden. Die schwarze That aber ward verschleiert, und nach wie vor herrschten die Finsterlinge und ihr Einfluß. Und Borri?

Er ward zu Rom in der Engelsburg in lebenslänglicher Haft gehalten. Anfangs durfte er die Burg nie verlassen. Endlich aber erhielt er so viel Freiheit, daß er ungehindert aus- und eingehen, auch ärztliche Curen verrichten durfte. Dies verdankte er dem energischen Auftreten des französischen Marschalls d’Estrées, den er zu Rom von schwerer Krankheit heilte. Er vollendete nun später noch viele namhafte Curen und starb im Jahre 1681. Der Jesuiten-General Pater Gonzalez besuchte ihn oft in der Engelsburg und wendete Alles an, um von ihm das Arcanum zu erlangen, wodurch er die Gifte aus dem menschlichen Körper trieb. Gonzalez legte ihm sogar ein Formular seines Unschuldszeugnisses vor und versicherte ihn der vollkommenen Freilassung. Borri schlug aber die Entdeckung des Geheimmittels, immer ruhig lächelnd, mit den Worten ab: „Diese Wissenschaft verträgt sich nicht mit den Regeln des heiligen Ignatius von Loyola.“ [6] – In Wien ward die Sache bald vergessen. Die Hinrichtungen der ungarischen Rebellen verlöschten das Entsetzen, welches die düstre Begebenheit erregt hatte.

Am wahrscheinlichsten ist es wohl, daß die That auf Antrieb der französischen Partei gegen Leopold gewagt wurde. Aus welchen Gründen, ist oben angeführt. Der sogleich bei Seite geschaffte Pater-Procurator mag irgendwo eine Entschädigung erhalten haben,[7] und nach den Sätzen des Ordens war man nicht für die schlechte That eines Einzelnen verantwortlich. Am 20. September 1713 schreibt aber Prinz Eugen an Sinzendorf aus Philippsburg: „Mit der Auswahl Bentenrieder’s als politischen Adjutanten bin ich zufrieden und werde Sorge für die Gesundheit dieses vortrefflichen Mannes tragen, daß ihn keine Besorgniß selbst wegen der Aqua tofana anwandelt. Man muß über Manches einen Schleier werfen, wie es Kaiser Leopold that, als er von dem unglücklichen Borri überzeugt wurde, daß sein eingesogenes Gift von den auf seinem Tische gebrannten Wachskerzen herrühre.“ [8]


  1. Die Ansprüche der einjährigen Tochter Leopold’s, Marie Antoinie, stießen zusammen mit denen seiner Schwestern, Marie Anna von Spanien und Eleonore, Gemahlin des Polenkönigs Michael Wisniowiecki.
  2. Zriny wurde auf der Jagd erschossen, wahrscheinlich von dem sehr übelberüchtigten Nadasdy.
  3. Wörtliche Unterredung des Borri mit Leopold I. u. d. Bericht des Cardinals Passionei.
  4. Bericht des Cardinals Passionei.
  5. Bericht des Cardinals Passionei.
  6. Bericht des Cardinals Passionei.
  7. Bericht des Cardinals Passionei.
  8. Politische Schriften des Prinzen Eugen      Band 7. S. 45.