Weibliche Handarbeit

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Textdaten
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Autor: A. Panzer
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Titel: Weibliche Handarbeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 634–636
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Weibliche Handarbeit.
Von A. Panzer.


Schaffen und Streben ist Gottes Gebot;
Arbeit ist Leben; Nichtsthun der Tod.

Es dürfte vielen Leserinnen auffallend erscheinen, daß man etwas so Langweiliges, Unbedeutendes, wie die weibliche Handarbeit in den Augen der meisten Frauen jetzt nun doch einmal ist, in einem Blatte wie die „Gartenlaube“ überhaupt besprechen kann. Die „Gartenlaube“ hat aber schon manche Vergessenheit an's Licht des Tages gezogen, schon für viele unschuldig Verachtete eine Lanze gebrochen und hat es auch mir vergönnt, für die verpönte, geistestödtende Handarbeit hier einzutreten.

Gottfried Semper äußert sich einmal über den Verfall der modernen Stickerei und sagt dabei unter Anderem etwa Folgendes über die Art, wie unsere Vorfahren bei dieser Arbeit zu Werke gingen: „Unsere Aeltermütter waren zwar keine Mitglieder der Akademien der Künste, noch Albumsammlerinnen, noch hörten sie ästhetische Vorträge, aber sie wußten sich selber Rath, handelte sich's um die Zeichnung zu einer Stickerei.“ Diese Bemerkung des großen Lobredners der textilen Kunst findet weiteste Anwendung auf die ganze weibliche Handarbeit, wenn sie auch gelegentlich der Stickerei zum Ausdruck kam.

Unsere Altvordermütter liebten und schätzten die Kunstfertigkeit der Hände und pflegten sie darum in künstlerischer Weise. Die Mehrzahl der Frauen der Gegenwart zögert keinen Augenblick, die weibliche Handarbeit, als etwas ihrer Unwürdiges, mit souveräner Verachtung zu behandeln, aus dem einfachen Grunde, weil sie ihre Bedeutung nicht zu schätzen weiß. So sind denn nach und nach Sinn und Verständniß für die schönste Beschäftigung des Weibes verloren gegangen, und nur eine verschwindende [635] Minderzahl pflegt noch die Kunst, welche dereinst so viele „Wunder der Nadel“ schuf.

Sonst erzog man die Mädchen zu Arbeit und Häuslichkeit; jetzt werden sie mit Gelehrsamkeit aufgepäppelt. Da steht auf dem Stundenplan: Physik, Chemie, Aesthetik, Nationalökonomie, Botanik, Kunstanschauung, Formensinn, Haushaltungskunde und wer weiß was nicht noch Alles. Ist jedoch die Lehrzeit vorbei und das Gelehrte soll zur Anwendung kommen, dann wissen die jungen Mädchen das einfachste Naturereigniß nicht von seiner erhaben schönen Seite aufzufassen, sondern zittern und beben bei jedem Gewitterschlage. Das Studium der Chemie hat ihnen nicht einmal so viel Aufklärung gebracht, daß sie wüßten, es sei gesundheitsgefährlich, Säuren in einem kupfernen Kessel zu verwahren. Von Aesthetik und Formensinn ist ebenfalls nichts zu merken, weder in ihren Arbeitsspielereien – Phantasiearbeiten genannt – noch in ihren Toiletten. Trotz Botanik wissen sie grüne Petersilie von Schierling nicht zu unterscheiden und Haushaltungskunde haben sie wohl darum studirt, damit das Dienstmädchen die junge Frau um so besser betrügen kann. Und so geht es fort, denn der ganzen Ausbildung fehlt die richtige Basis. Die von Bildung strotzenden Fräulein denken sich unter einer tüchtigen Hausmutter immer nur eine robuste Gestalt mit blauer Schürze, rothem Gesicht und violetten Händen, die man mit der Köchin auf eine Stufe rangirt. Und doch sind meistens gerade diejenigen die vorzüglichsten Hausmütter, die es verstehen auch im Salon ihren Platz auszufüllen. Freilich sind solche sehr selten geworden, seit man sie mit Büchergelehrsamkeit dazu befähigen möchte und nur noch ausnahmsweise einem Mädchen zumuthet, daheim die Händchen frisch zu rühren und das Alles praktisch zu erlernen, wovon ihre Freundinnen in langen Vorträgen zu hören bekommen, um niemals klug daraus zu werden. Bei der Vielwisserei kommt es lediglich auf den Ausputz, die Tünche an. Der ganze Unterricht erstreckt sich auf Dinge, die hauptsächlich gelehrt werden, glänzende Examina zu erzielen, von den Lernenden aber in sehr kurzer Zeit wieder vergessen sind. Dadurch entsteht jene unselige Oberflächlichkeit, welche sich immer mehr in der Frauenwelt breit macht und so unendlich weit entfernt ist von der wahren Bildung, wie die moderne Oeldruckbilder von ihrem Original.

Die Knaben werden doch für ihren künftige Beruf erzogen – warum denn die Mädchen nicht? – Zeigen sich bei einem Knaben nur wenig geistige Anlagen, so giebt man ihm von vornherein eine Bildung, die ihn für einen seinen Fähigkeiten entsprechenden Berufszweig vorbereitet. Die Mädchen aber müssen alle in der „höhern Töchterschule“ zu gleichem Geistreichsein gedrillt werden.

Bei all den angesammelten Geistesschätzen wissen diese Dämchen, wenn sie daheim sind, nicht, wo sie vor Langeweile bleiben sollen, und quälen sich und ihre Umgebung mit verdrießlichen grämlichen Gesichtern, die nur durch das Wort „Amusement“ erhellt werden können. Da sieht man sie planlos durch die Straßen schlendern, nur um die Zeit todtzuschlagen und nebenbei ihr Lärvchen bewundern zu lassen.

Ein Mädchen, zu viel auf der Gasse,
Kommt ab von der richtigen Straße.

Das bedenkt die Mama jedoch nicht im geringsten, sintemal sie froh ist, daß das Töchterchen sich ein bischen zerstreut. Als ob das glückliche Jugendalter überhaupt der Zerstreuung bedürftig wäre, wenn es nicht schon angekränkelt ist von der Hypercivilisation unserer Tage! Man halte die Mädchen nur gehörig zur Arbeit an! Dann hört alle Langeweile von selbst auf, und die nervösen, bleichsüchtigen Mondscheingestalten werden froher, frischer Jugend Platz machen müssen. Mit der Pflege der Arbeit wird dann auch ein besserer Geschmack Verbreitung finden, so daß künstlerisch gebildete Augen nicht mehr nöthig haben, sich entsetzt von der „Krone der Schöpfung“ abzuwenden, wenn sie daher kommt mit unsicherem Gange, schwankend auf hohen Stöckelschuhen in einer Bekleidung, die aller Aesthetik Hohn spricht.

Anstatt die kleinen Mädchen stundenlang den Marterkasten, Clavier genannt, bearbeiten zu lassen, mache man ihre Händchen lieber geschmeidig, indem man ihnen die Fingerfertigkeit, welche die künstlerische Ausübung der weiblichen Handarbeiten unbedingt erfordert, durch regelmäßiges, wenn auch nicht zu lang anhaltendes Einüben der Elemente nach und nach beibringt! Eine solche Beschäftigung der kleinen Töchter ist von unsagbarem Werthe für's ganze Leben. Das Stillsitzen an und für sich übt schon vortrefflich in der großen, für das Weib unentbehrlichen Tugend der Selbstbeherrschung; es weist frühzeitig auf den künftigen Beruf des Weibes hin, der ihr engere Grenzen zieht, als dem allbesiegenden Manne. Wenn damit auch keineswegs angedeutet sein soll, daß der Frau der freie Aufschwung der Seele versagt wäre, so wird sie sich doch immer nur im Kleinen groß zeigen können, am größten aber, wenn sie ihren schönsten Ehrenplatz, den als Mutter der Völker, ganz und voll auszufüllen versteht.

Erziehen kann nur die Liebe. Darum muß auch die Mutter das Hauptwerk thun in der Erziehung der Kinder. Weil sie die einzig wahre Liebe hat, wird sie viel schneller zum Ziele kommen, als die allerbeste, geübteste Lehrerin. Freilich, ein bischen Mühe macht's. Indessen braucht man nur ernstlich zu wollen, der Lohn ist dann so unaussprechlich süß. Und der angeborene Thätigkeitstrieb hilft über viele Schwierigkeiten hinweg. Man eröffne der Kleinen nur eine Perspective, die etwa so aussieht: Wie wird sich Papa freuen, daß du nun schon so geschickt und fleißig stricken oder häkeln kannst! Die Händchen bewegen sich schneller, geschickter; immer emsiger wird das Kind und hat die Mühen des Anfanges überwunden, weit früher, als man zu hoffen gewagt hätte. Wie reizend, wenn sie dann voll strahlenden Glückes ihre erste Arbeit zeigt! Welch Hochgefühl für die Mutter, wenn sie sich sagen kann: das ist dein Werk!

Der häusliche Fleiß ist von den weittragendsten Folgen auf das ganze Familienleben. Ja, die weiblichen Handarbeiten sind so zu sagen der Kitt, welcher die einzelnen Glieder des Hauses zusammenhält. Selbst auf den rohesten Mann übt ein Kreis thätiger Frauen einen unbewußten, magnetischen Zauber aus. Dem Fleiße abholde Frauen dagegen begeben sich ihres größten Reizes, denn wahre Weiblichkeit ist unzertrennlich von stillem, rührigem Schaffen und Wirken. Die Natur legte doch einmal in das Weib regeren Arbeitstrieb als in den Mann. Wie viele Beispiele dafür geben uns die Sitten und Gebräuche der Völker! Bei welchen Schilderungen unser Auge auch haften mag, überall begegnen wir der Arbeitslust des Weibes. Ob sie sich nun im künstlerischen Schaffen regte und der Nachwelt damit Denkmäler ihrer Zeit hinterließ, oder ob die Frau dem träge einherschlendernden Gatten die eigentlich ihm, dem Stärkeren, gebührende Last abnimmt, überall entdecken wir den Thätigkeitstrieb des Weibes. Und nur die Neuzeit will dieses edle Gut verkümmern lassen; die wohlthätigste aller Anlagen soll unentwickelt bleiben, am Ende gar gehemmt werden in ihrem Gedeihen. Dort, wo die Frau sich dem Nichtsthun ergiebt, hört sie auf, Weib in des Wortes schönster, edelster Bedeutung zu sein. Das unsäglichste Mitleid verdienen in dieser Beziehung die Orientalinnen, weil ihre Erziehung sie zu einem Vegetiren ohne Zweck und Ziel führt, das sie zu jeder freien Meinungs- und Willensäußerung untauglich, ihre Person aber zum Spielzeug des Mannes macht. Die orientalische Frau lernt Arbeit nicht kennen, und so fehlt ihrem Lebenswege die holde Freundin, welche über alle Drangsale, über allen Kummer hinweg hilft. Denn nur wer es versteht, ganz in Thätigkeit aufzugehen, kann niemals wahrhaft unglücklich werden. Arbeit erhebt die Seele in freie, ideale Räume; sie ist der wirksamste Sorgenbrecher. Wie vielseitig sie sich auch gestalten mag, von der hehren, auf Geistesschwingen ruhenden Gedankenarbeit an bis zu der mühseligen des Steineklopfers, die Wirkung der Arbeit bleibt allezeit eine wohlthätige, wie sie auch in jeder Sphäre gleich achtbar ist, wenn – mit treuer Pflichterfüllung gearbeitet wird.

Die weibliche Handarbeit aber nimmt unter den so verschieden gearteten Actionen keineswegs einen untergeordneten Rang ein, wenn man den weitgehenden Einfluß der Weberei und Stickerei auf den Entwickelungsweg der bildenden Künste in Betracht zieht, wenn man bedenkt, welche Anhaltspunkte die Ueberreste weiblichen Fleißes dem Forscher dort gewähren, wo die „papierene Geschichte“ ihn im Stiche läßt. – Zu einer Zeit, wo die Malerei noch nicht erfunden war, da stickten Frauenhände Epopöen und verewigten mit ihren Darstellungen die Thaten der Männerwelt, die Sitten ihres Zeitalters. – Und die graueste Vergangenheit schuf mit der Nadel jene Fabelgestalten, die später im griechischen Olymp Leben bekamen und zu jener anmuthenden Mythologie wurden, die in ihrer rein menschlichen Poesie ewig unerreicht [636] bleiben wird. Auch die Bibel erwähnt die Wunderwerke babylonischer Stickerinnen, wie z. B. Buch Josua (7, 21) und Hesekiel (23, 14).

Im classischen Alterthume ist das Weib ebenfalls unzertrennlich von häuslichem Schaffen. Ueberall, wo Homer Frauengestalten in seine Dichtungen verwebt, läßt er sie in rühriger Thätigkeit begriffen erscheinen. Selbst Göttinnen führen Spindel oder Nadel und schaffen „unsterbliche Arbeit“. – Die Griechen aber schrieben ihrer hochverehrten Göttin Pallas Athene die Erfindung des Spinnens und Webens zu und zeigen dadurch am besten, welch hohen Werth sie diesen Arbeiten beimaßen. – Eine der berühmtesten Handarbeiten des Alterthums war der Peplos der Athene. Die überaus prächtige und kolossale Stickerei war von zahllosen Arbeiterinnen ausgeführt, welche von Priesterinnen beaufsichtigt wurden, und stellte in kunstvollster Arbeit auf Scharlachgrund den Gigantenkampf und andere der Ortsmythe und der Geschichte Athens entnommene Scenen dar. Dieses kostbare Teppichwerk war dem Volke nur alle fünf Jahre einmal zugänglich, wo es während der Panathenäen (zwei von den Gesammtathenern zu Ehren ihrer Schutzgöttin gefeierte Feste) in dem Tempel der Athene ausgestellt und unter allen Seltenheiten am meisten bewundert wurde.

Die Chinesinnen stickten schon 2205 Jahre vor Christo und haben besonders den Plattstich auf die höchste Stufe der Vollendung gebracht; man stickt daselbst noch heute lebensgroße Figuren und zusammenhängende Compositionen zur Bekleidung der Wände, gemeinhin auf leinene Stoffe mit schöngefärbten Seidenfäden. – Das Mittelalter schätzte und pflegte gleichfalls in hohem Grade die Arbeit weiblicher Hände. Die Herrscherinnen verschmähten es nicht, im Kreise ihrer Hoffräuleins am Webstuhle oder Stickrahmen zu sitzen und Kunstwerke in's Leben zu rufen, die noch heute unsere Bewunderung erregen. Das Kleid, welches die Frauen jener Epoche trugen, hatten sie gemeinhin selbst gewebt und gefertigt, wie sie auch für das Costüm ihrer männlichen Angehörigen selbst thätig gewesen waren.

Wie anders dahingegen ist die weibliche Handarbeit heute beschaffen! Wohin wir blicken, stilloser Mischmasch, geistloses Nachahmen unbrauchbarer, unkünstlerischer Formen. Das freie Schaffen, welches auch die „Künste der Nadel“ kennzeichnen muß, ist der civilisirten Frauenwelt verloren gegangen und findet sich nur noch bei den Barbaren und halbcivilisirten Völkern. Die Indianer besticken heute, wie ehemals, ihre primitiven Toilettenartikel und Jagdgeräthe mit schönen, nachahmungswürdigen Mustern. – Am Dnjepr und in der Ukraine regt die Frau ebenfalls unermüdlich die Hände und weiß sich und ihre Umgebung mit den Erzeugnissen solchen Schaffens zu schmücken. Betrachten wir einmal den Anzug einer kleinrussischen Bäuerin! Staunenswerth ist die Fülle von Stickereien und Spitzenkanten, die derselbe zeigt. Aber da macht sich nicht etwa Ueberladung breit; nein, reiner natürlicher Kunstsinn, die unverdorbene Freude am Ornament tritt in diesen Zierrathen zu Tage. Das Hemd allein ist ein kleines Cabinetsstück. Der Kragen, die Achseln, die Aermel, ja selbst der untere Rand ist mit Stickereien verziert oder doch wenigstens mit Fäden von rother und blauer Farbe in stilvollen Linien durchzogen. Dem analog verhält es sich mit allen ihren Costümstücken. Allenthalben malt die Frauenhand mit der Nadel die reizendsten Kunstformen.

Fragt man nun, woher diese Halbbarbaren all das Schöne haben, so kann allerdings mit Bestimmtheit versichert werden, daß sie Akademien nicht besuchen, wie ihnen auch die höhere Töchterschule unbekannt ist. Die Kunstfertigkeit vererbt sich eben von Kind auf Kindeskind und treibt ihre Schönheitsblüthen fort und fort, während die Handarbeiten unserer ästhetisirenden, kunstverständigen Damen nur Spott erregen können.

Die Sophakissen und Fußschemel, belebt mit den Insassen des zoologischen Gartens, die Tabletdecken mit reliefgestickten Chocoladenmädchen, die aus gehäkelten Blumen zusammengestellten Schutztücher und dann jene zahllose „Phantasiearbeiten“, von denen jede ein Nilungeheuer an und für sich ist, wann werden sie endlich verschwinden, um würdigeren Producten der Frauenhand Platz zu machen? Erst dann, wenn es gelingen sollte, die Frauen von dem hohen Werthe der weiblichen Handarbeit und des häuslichen Fleißes, von der Nichtigkeit ihrer jetzigen Beschäftigungen zu überzeugen. Dann wird auch die Epidemie der Langeweile, welche in gewissen Kreisen so furchtbar überhand nimmt, verschwinden. Der ungemessene Hang nach Putz und Flitter, die Jagd nach Vergnügungen, die nur zu oft den Lebenszweck unserer Frauenwelt ausmachen, müssen dort weichen, wo Arbeit der Lar des Hauses ist, wo die Mutter den Töchtern als einzig nachahmungswerthes Vorbild, den Söhnen als Ideal edler Weiblichkeit erscheint.

An den Müttern also ist es, mit aller Energie und Selbstüberwindung den alten Schlendrian der Arbeitsspielerei auszurotten und ihre Töchter zu Arbeit und geregelter Thätigkeit zu erziehen. Die Mutter muß die kleinen Mädchen schon zu freiem, künstlerischem Schaffen anregen, nicht aber ihren Geschmack schon frühzeitig durch mechanisches Einstudiren abgedroschener, formloser Muster verderben. Es giebt der künstlerischen Vorbilder genug; das junge empfängliche Auge muß nur mit den Schönheiten bekannt gemacht, darauf hingewiesen werden; es verwerthet reine Linien überraschend schnell, jedenfalls viel schneller als die absurden Vorlagen, welche man jetzt beim Handarbeitsunterricht zur Anwendung bringt. Wir sehen von der Tapisseriestickerei, die ja besonders in Berlin wegen ihrer – Stillosigkeit Weltruf hat, ganz ab. Betrachten wir einmal die Häkelmuster!

Wer in diesem Genre kunstfertig sein will, der gestaltet Blumen (!) aus weißer Baumwolle, und jemehr Geschick, um so eifriger wird jedes Blättchen und Stielchen, jedes Aestchen und Knöspchen nachgeahmt, um – weißbaumwollene Natur herauszudüfteln. Besondern Abscheu hat die Gegenwart vor der Stickerei. Daran läßt sich nicht viel verderben, denn die Eigenschaften, welche das Gestrick charakterisiren, gereichen ihm gleichzeitig zur Zierde und machen „Knüffelei“ und „Düftelei“ fast unmöglich; darum überläßt man auch das Produciren mit Stricknadeln in vornehmer Herablassung – alten Weibern und begnügt sich mit den Ergebnissen der Strickmaschine, so gut oder so schlecht sie nun eben ausfallen mögen.

Doch ich darf nicht weiter gehen. Der knapp zugemessene Raum gestattet mir nicht mein Thema so auszuführen, wie ich wohl möchte. Sollte es mir indessen gelungen sein, Interesse an der „unschuldig Verachteten“ erregt zu haben, dann erzähle ich später einmal die „Geschichte der Handarbeit“. Bis dahin aber bitte ich inständigst lieber nur ganz kunstlose Arbeiten auszuführen, als den Geschmack immer mehr mit den Künsteleien der Nadel zu verderben.