Wiborg

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Autor: unbekannt
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Titel: Wiborg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 373
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wyborg, Festung in damals russisch Finnland
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Wiborg.

Unter den Festungen, mit denen der finnische Meerbusen wie umpanzert ist, und welchen gegenüber die englisch-französische Flotte unter Napier und Parseval-Deschènes bisher eine nie geahnte Bedächtigkeit an den Tag gelegt hat, nimmt Wiborg keinen unbedeutenden Rang ein. Wenn von ihm auch gerade nicht gilt, was erst vor einigen Tagen ein Kollege Napier’s im englischen Parlament von den Festungen Kronstadt und Sweaborg sagte, „daß sie von der Seeseite her uneinnehmbar seien“, so ist ein Angriff auf Wiborg doch immer noch mit so viel Schwierigkeiten und Fährlichkeiten verknüpft, daß er nur mit außerordentlichen Anstrengungen und bedeutendem Kraftaufwande glücklich durchzuführen wäre. Gewissermaßen kann Wiborg „ein Kronstadt, in verjüngtem Maßstabe“ genannt werden; seinen ziemlich geräumigen Hafen schützen zwei stark befestigte Inseln, zu denen sich furchtbare in Granitfelsen angelegte Landbatterien gesellen, welche Tod und Verderben drohend in die See hinaus klotzen, während der Zugang zum Hafen außerdem durch unzählige kleine Inseln, Klippen, Scheeren, Untiefen, die sich wie überall an der Küste Finnlands so auch hier vorfinden, wesentlich erschwert wird.

Die Gartenlaube (1854) b 373.jpg

Wiborg.

Wiborg ist die älteste Stadt Finnlands und kam schon 1745 von Schweden an Rußland, woher denn auch die Bewohner in weit höherem Grade russifizirt sind als die übrigen Finnländer. Ein englischer Reisender, der vor einigen Jahren Wiborg besuchte, spricht davon mit kurzen Worten wie folgt: „Als ich am Morgen nach meiner Ankunft in meinem Schlitten erwachte, kamen mir die Straßen wie ein Wunder vor. Die weißen Häuser mit grünen Dächern und orientalischen Kuppeln, die stolzen Paläste der Reichen, die Bewohner mit bloßen Hälsen, langen wallenden Bärten, in weite blaue Kaftan’s gehüllt, das Allen zusammen mahnte an den träumerischen üppigen Orient und nicht an das nüchterne bescheidene Finnland. Die Wiborger sind von [helden]artig robustem und majestätischem Aeußern, so daß man sie kaum für die willenlosen Diener den nordischen Kolosses, dem sie unterworfen wurden, halten mag.“

Der östlich von Wiborg gelegene Winga-Sund wird neuerdings mehrfach als einer der Punkte bezeichnet, welcher von den Westmächten als Basis einer nachdrücklichern Operation gegen Rußland benutzt werden dürfte. Würde eine solche Landung im Winga-Sunde wirklich versucht und glücklich zu Stande gebracht, so wäre es jedenfalls um Wiborg zugleich mit geschehen, und Rußland säh’, so zu sagen, seine Feinde vor den Thoren Petersburgs stehen. Nur gehörten zu einem derartigen Beginnen mehr als 20,000 Mann, auf welche Stärke die unter Baraguy d’Hillier’s eingeschifften französischen Landtruppen angegeben werden, und ein verhältnißmäßig so schwaches Corps würde bei aller Tapferkeit hier wie auf jedem andern Punkte Finnlands dem sicheren Verderben Preis gegeben sein, wenigstens dann, wenn der Winter hereinbricht, wo Rußland von dem übrigen Europa förmlich abfriert, und der eisige Gürtel, der alle Küsten des baltisches Meeres umschlingt, jede Mitwirkung der westlichen Flotten unmöglich macht.