Wie Meister Menzel lebt

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Autor: Agnes Schöbel
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Titel: Wie Meister Menzel lebt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 798–799, 801
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Wie Meister Menzel lebt.
Von Agnes Schöbel. Mit Abbildungen von Georg Schöbel.

Wer sich unter Menzels Heim und Atelier Prunkräume, wie sie sich Lenbach, Makart, Herkomer oder Alma Tadema schufen, vörstellt, der würde verwundert vor dem schlichten Hause in Berlins Westen, Sigismundstraße 6, stehen bleiben und dann kopfschüttelnd drei

Treppen hinaufsteigen, bis er die Thür erreicht hat, neben der ein einfaches Porzellanschild ihn belehrt, daß hier „A. Menzel“ wohnt. Kleinbürgerliche Räume thun sich auf, das Licht fällt durch oft gewaschene Gardinen, durch Musselinvorhänge mit eingedruckten Bouquets auf Urväter Hausrat, auf längst aus der Mode gekommene Polstermöbel mit ein paar verschossenen Tapisserien, auf eine Servante, hinter deren Glaswänden allerhand Familienraritäten aufgestellt sind. Die Wände schmücken einfach gerahmte Bilder, zum teil von des Meisters Hand herrührend. Das einzige Prunkstück inmitten all dieser Schlichtheit bildet ein kostbarer Flügel, der auf Menzels musikalische Neigungen hindeutet.

Jener unbeschreibliche Hauch, wie er Großmutter. oder Altjungfernstübchen durchschwebt, liegt über diesem friedlichen Heim. Hier lebt der große Maler seit Jahren mit seiner Schwester, der Witwe des Musikdirektors Krigar, deren Kinder er als die seinen betrachtet. Als er vor Zeiten in Albrechtshof (der jetzigen Rauchstraße) wohnte, konnte man ihn morgens beobachten, wie er in dem poesieerfüllten, buschumhegten und blumendurchblühten Garten seine goldköpfigen Neffen im Kinderwagen umherkutschierte.

Der Eingang zum Atelier, das eine Treppe höher als die Wohnung liegt, ist für Besucher vom Hofe aus gelegen. Der Meister selber erreicht es von seinen Privaträumen aus, über einen langen Gang, zu dessen linker Seite ein mit grünen Ripsmöbeln ausgestattetes Zimmer voller Studien liegt.

Der hohe, durch eine unvergleichliche künstlerische Persönlichkeit [799] geweihte Raum ist von einer Einfachheit, die geradezu verblüffend wirkt. Graue, durch den Rauch eines eisernen Ofens geschwärzte Wände, – aber welche Meisterwerke blicken von ihnen herab! Jenes herrliche, leider noch unvollendete Kolossalgemälde „Friedrich II. am Morgen von Leuthen“, das zwei Kaiser zu besitzen wünschten und zu dessen Fertigstellung sie den Maler drängten, ohne ihn doch bis heute dazu bewegen zu können! „Wenn ich da einmal herangehe, da giebt’s noch Arbeit!“ äußerte sich Menzel hierüber. Die Stelle des Alten Fritz ist bisher noch leer auf der Leinwand, obwohl ganze Partien des Werks schon vollendet sind. Hat doch der Meister die Eigentümlichkeit, jede Einzelheit eines Bildes gleich fertig auf die dazu ausersehene Stelle zu setzen ohne Aenderung, mit festen sicheren Strichen nach einer bis ins kleinste durchgeführten Skizze. „Man muß jeden Pinselstrich nachrechnen können, nichts darf mit Pedal gemalt sein,“ pflegt er sich auszudrücken auf die Rolle des Pedals beim Klavierspiel hindeutend.

Weiterhin erblickt man an den Wänden Studien zu dem gleichfalls noch unvollendeten Bild „Friedrich II., österreichische Offiziere im Schlosse zu Lissa überraschend,“ sowie das wunderbar gemalte Brustbild einer älteren Frau, neben Gipsmasken und anderen Abgüssen. Im übrigen füllen den Raum Tische mit Malgeräten, eine Art von Estrade, ein Schreibsekretär alten Stils und Staffeleien. Die letzteren sind leer, bis auf eine, welche das gerade in Arbeit befindliche Bild trägt. Nirgends liegen Cartons oder Skizzenblätter umher. Mit der peinlichsten Sorgfalt läßt der Meister dergleichen von Mappen aufnehmen, die er in einem Nebenraum verwahrt.

Er ist überhaupt ein abgesagter Feind des von so vielen gepriesenen ersten Wurfs. „Zu Anfang ist man der größte Esel,“ hat er selber zu diesem Punkt bemerkt.

Zeitweilig war Menzel genötigt, sein Atelier zu verlassen: wegen auswärts abzuhaltender Sitzungen und während jener Jahre, da er an der „Krönung König Wilhelms in der Schloßkirche zu Königsberg“ malte, für welche Zeit man ihm, wie schon im voranstehenden Aufsatz bemerkt ward, den Garde-du-Corps-Saal im Königlichen Schlosse zu Berlin eingeräumt hatte.

Unsere Abbildung auf Seite 804 führt den an Gestalt so kleinen, an Geist und Genie so großen Meister bei der Arbeit an diesem Werke vor. Man hatte die den Raum sonst füllenden Rüstungen bei Seite geschoben, um Platz zu gewinnen für die Aufstellung der Riesenleinwand (sie ist 14 Fuß lang und 11 Fuß hoch), sowie für das Gerüst für den Maler.

Menzel selbst äußerte sich über jenen ehrenvollen Auftrag folgendermaßen: „Sonnabend den 12. Oktober 1861 überraschte mich der damalige Kultusminister v. Bethmann-Hollweg durch die Mitteilung, daß der König den Akt der Krönung in einem Bilde festgehalten zu sehen wünsche und daß ich zu denk Maler desselben ausersehen sei.“ Einen Tag vor der Krönung reiste der Künstler nach Königsberg, um das Innere der Kirche, sowie ihre Ausschmückung zu skizzieren, sowie den günstigsten Standpunkt zum Erfassen des historischen Vorganges zu wählen. Die Tribüne für die Mitglieder des Herrenhauses erschien ihm dazu am geeignetsten. Seine körperliche Kleinheit bereitete ihm aber nicht geringe Schwierigkeiten. Er selber bemerkt darüber: „Der meist hochgewachsenen Umstehenden wegen mußte ich während der Stunden des feierlichen Aktes auf einem Stuhle stehen, dessen Wackeln meinem heftigen Zeichnen nicht zur Erleichterung diente.“

Die Vorstudien zu dem großen Werk erforderten Monate. Am 6. April 1862 begann Menzel das Bild in Angriff zu nehmen. Die ungeheuersten Schwierigkeiten türmten sich vor dem Maler. Galt es doch, den Urbildern zu den 132 Porträts, die festzuhalten waren, Porträts der erlesensten Vertreter der Monarchie und des Volkes, Sitzungen abzuringen, was bei der knapp zubemessenen Zeit jener Persönlichkeiten, bei dem raschen Wechsel ihres Aufenthaltsortes eine fast nicht zu lösende Aufgabe schien. Auch die Königin Augusta weigerte sich, dem Künstler zu sitzen. Die vier zu dem Bilde gemachten Studien nach ihrem Kopfe sind von Menzel auf Hoffesten flüchtig entworfen. Aber der Mann mit dem Eisenkopf, dem die künstlerische Gewissenhaftigkeit über alles geht, setzte schließlich an allen Stellen und den „schwierigsten“ Herren gegenüber seinen Willen durch. Die Porträtsitzungen begannen am 19. März 1863 und am 16. Dezember 1865 konnte das Werk als vollendet im edelsten Sinne des Wortes gelten. Ein Historienbild von überzeugendster Echtheit, von erhabener Größe und Wucht der Darstellung war der Welt geschenkt durch ihn, der seine Zeit und die vergangener Jahrhunderte versteht und erfaßt wie kein zweiter – durch Meister Adolph Menzel!

Schier unerschöpflich scheint die Arbeitskraft des rastlos schaffenden Künstlers. Nur sein Geburtstag, der 8. Dezember, gehört der Geselligkeit, sonst steht er Tag für Tag in seinem einfachen Arbeitsraum. Vom Morgen an bis gegen 1/2 2 Uhr malt er, dann wird ihm ein mäßiges Frühstück gebracht, das er häufig stundenlang unberührt läßt. Es kostet immer Mühe, ihn zu bewegen, sich zum Mittagsmahl einzufinden. Nach demselben arbeitet er weiter bis in die neunte Stunde hinein. Dann greift er zu seinem Schlapphut und geht ins Café Josty, um bei einer Schale „Melange“ den „Punch“ zu durchblättern. Unser Bild S. 801. läßt ihn uns in solcher Mußestunde belauschen. Häufig nimmt er auch bei Frederich oder in der Società Italiana ein Glas Weißwein. Im Winter folgt er hin und wieder einer Einladung. Selten versäumt er den Besuch des Joachim-Quartetts und der Symphoniesoireen der Königlichen Kapelle. Menzel ist, wie wenige, ein Verehrer der klassischen Richtung, besucht aber nur Instrumentalkonzerte. Die leider zu früh heimgegangene Hermine Spies, die durch den Zauber ihrer Stimme und ihrer Kunst Seelen zu schmelzen verstand, hat es nicht erreicht, den Meister in einem ihrer Konzerte zu sehen. „In solchen Liedern, da ist immer von so Amouren die Rede, und davon verstehe ich nichts,“ entschuldigte er in humoristischer Weise sein Fernbleiben. Den Quartettsoireen in den Häusern seiner Kollegen Becker und Paul Meyerheim hat er stets mit hohem Interesse beigewohnt und sich an des berühmten Tiermalers herrlichem Cellospiel oftmals erquickt.

Wenn man Menzels Gesicht, das wie verschlossen und verriegelt erscheint, betrachtet, so sucht man vergebens darin nach einem Zug, der jenen seinen geistreichen Humor andeuten könnte, den der Meister wie einen goldenen Regen hingesprüht hat über Hunderte seiner Zeichnungen. Und doch taut der Ernste, Strenge in Gesellschaft guter Freunde auf, lacht wie ein Kind über die harmlosesten Scherze und läßt ein Brillantfeuerwerk blitzender, feingeschliffener Bemerkungen sprühen. Der anmaßenden Unzulänglichkeit gegenüber kann er sarkastisch, schroff, ja grob werden.

Die weit verbreitete Ansicht, daß Menzel ein griesgrämiger Weiberfeind sei, ist wie so manches über ihn umlaufende Geschichtchen Legende. Er ist charmant mit Damen von einer feinen altmodischen Galanterie, wenn er auch die schönste Frau und ihren Namen bald wieder vergißt. Daß sein Inneres je von einer großen Liebe, ja nur von einer flüchtigen Neigung erfüllt gewesen wäre, davon meldet keine Ueberlieferung der mit ihm jung Gewesenen. Vielleicht liegt in diesem gänzlichen Fernbleiben aus der Atmosphäre der Leidenschaft das Geheimnis der starren Größe des Mannes. Unbeirrt von irgend einem Einfluß, von Beifall oder Mißgunst der ihn Umgebenden schritt er seinen Weg dahin. Der Kunst opferte er alles: Bequemlichkeit, die Freuden des Lebens, jede Rücksicht, auch die auf hochgestellte Persönlichkeiten. Während der Hoffeste steht er ungeniert auf einem Stuhl, beobachtend, messend, skizzierend. Er, einer der Kleinsten unter den Größten, hat bewiesen, zu welchen Höhen Unerbittlichkeit gegen sich selber zu führen vermag. Er durfte, als der alte Wrangel ihn jovial mit „Na, Sie kleiner Mann“ anredete, voll stolzer Gelassenheit erwidern: „Excellenz sind gewohnt, die Menschen nach der Elle zu messen.“

Ruhm und Gold, Ehrungen ohnegleichen sind über Menzel ausgeschüttet worden, alle Erdenpracht hat sich in berückenden Bildern vor seinen Augen entfaltet. Niemals versäumt der Kaiser eine Gelegenheit, den von ihm hochverehrten Künstler durch eine Ansprache auszuzeichnen. Eine dieser nicht seltenen Begegnungen ist in unserer Abbildung S. 789 wiedergegeben. Im letzten Sommer ersann der Kaiser für den Mann, der seinen großen Ahn, dessen Armee und Zeit so meisterhaft vergegenwärtigt hat, jene im voranstehenden Aufsatz von Ludwig Pietsch schon gewürdigte Huldigung, daß er am 13. Juni Menzels Bild „Konzert bei Hofe in Sanssouci“ an der historischen Stätte darstellen ließ und neben seiner Gemahlin selber dabei mitwirkte. Zwei Riesengrenadiere empfingen den greisen Künstler am Eingang des Schlosses (Bild S. 796) und die Leibkompagnie der Fridericianischen Garde exerzierte vor ihm.

So auf den Höhen des Lebens wandelnd, umstrahlt von der Sonne einzigen Ruhms, ist Menzel einfach geblieben, anspruchslos wie kaum ein anderer. Er kennt nur einen Luxus, den der Arbeit, – nur eine Genugthuung, die des Schaffens, – nur eine Freude, die am Schönen und Wahren!

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Die Gartenlaube (1895) b 801.jpg

Menzel im Café Josty.
Nach einer Originalzeichnung von G. Schöbel.