Wie die Bergstadt Clausthal königlichen Besuch hatte

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Autor: Adolf Ey
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Titel: Wie die Bergstadt Clausthal königlichen Besuch hatte
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aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Schaltjahr 1932, S. 42S. 44
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[42]
Wie die Bergstadt Clausthal königlichen Besuch hatte.
Von Adolf Ey.


     Georg den Fünften, den König von Hannover, hatte ich, als ich 15 Jahre alt war, in seiner Residenz aufgesucht, ohne ihn zu Gesicht zu bekommen. In demselben Jahre stattete er uns einen Gegenbesuch in Clausthal ab. Das war ein Jubel für uns Jungen. Freie Tage und immer etwas neues zu sehen. Überall wurden die Wege, die oft grundlos waren, ausgebessert. Aussichtstürme und dergleichen errichtet. Auf dem Pflaster mußte das Gras ausgestochen werden, und das gehörte nicht zu den Annehmlichkeiten; denn unser Zaun war lang, und meines Beistandes glaubte Mutter nicht entraten zu können. Aber wir stachen und hackten drauf los, bis die Steine wieder einigermaßen blos lagen. Und nun konnte er kommen.

     Mit Blumen, Vogelbeeren und Tannenhecken waren die Häuser bekränzt, hier und da flatterte eine gelbweiße Fahne.

Mutter Ey greift ein.

     Als die Wagen vor unserem Haus vorbeifuhren, standen wir auf dem Tritt. Es waren noch mehrere sangeskundige Freunde meines Vaters dabei. Sie hatten die Absicht, ein musikalisches Hoch auszubringen, aber als der Vierspänner [43] beim Nachbarhause fuhr, fehlte den Männern der Mut. Da griff meine Mutter ein. Sie stimmte mit hellem Tone an, und nun ließ Vater sie nicht im Stich. Die anderen fielen ein, und der König gab ein Zeichen, daß der Wagen halten sollte. Mit freundlichem Gruße fuhr er dann weiter.

     Wir Jungen stürmten natürlich hinterher und konnten uns nicht genug in Hoch- und Hurraschreien tun. Heute erscheint es mir begreiflich, daß da ein altes Harzweib sich den Kopf haltend zu uns umwandte und uns verzweifelt zurief: „Junges, su gahzt doch net su!“ Wir schrien, als ob wir es bezahlt kriegten.

     Ich wurde dann still, ähnlich wie später in den siebziger Jahren, als der alte Kaiser Wilhelm im Residenzschloß zu Hannover eine Ovation entgegennahm.

     Nachdem die Gesangevereine ihre Lieder vorgetragen hatten, wurde von der Menge gemeinsam „Deutschland, Deutschland über alles“ gesungen. Mit der mir eigenen Begeisterung, bei damals noch kräftigem Stimmaterial sang ich mit, als ein Schutzmann mich plötzlich anhauchte: „Seien Sie doch ruhig!

Sie verderben ja den ganzen Gesang!“

Ich war wie niedergeschmettert.

     Nicht weit von dem heutigen Johanneser Kurhaus, jenseits der Echowiese, stand ein hölzerner Turm auf der Ernst-Augusthöhe. Da hinauf wurde der blinde König geführt, um das liebliche Bild, das sich schlängelnde Innerste, das kleine Wildemann mit seinen wie aus einem Nürnberger Spielkasten genommenen Häuschen, die grünen Wiesen und die dunklen unendlichen Wälder umfaßte, in seine Seele aufzunehmen. Armer König! Er gab sich dazu her. Drüben an dem Berghang weidete eine Kuhherde. Das wohlabgestimmte Geläute war das einzige von all dem Anmutigen, was zu ihm drang.

Familie Ey singt.

     Ein andermal führten sie ihn auf die Ahrendsberger Klippen oberhalb von Romkerhall im Okertal. Vater mietete zwei Leiterwagen mit schweren Karrengäulen. Ein Doppelquartett mit Frau und Kind drängte sich auf Bretterbänken zwischen grünem Gewinde.

     Als der König aus der bescheidenen Halle auf den Klippen heraustrat, sangen Vater und seine Freunde: Wer hat dich, du schöner Wald . . . Der König ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein. Dieses Lied hatte er besonders lieb.

     An dem Wege, der von Gemketal zu dem Arendsberge hinaufführte, stand eine Köte. [44] Dort warteten ihm Köhler mit ihrer Suppe auf, in die sie diesmal etwas mehr Schmalz getan hatten als sonst.

     Der König hatte einen Adjutanten untergefaßt. Er schritt sicher und aufrecht, das edle und vornehme Gesicht nach oben gerichtet. Unterwegs sprach er mit einem Fuhrmann, der in seinem weißen Kittel nebenherging. Wie unsereiner ein Kind gewöhnlich zuerst sagt: In welche Schule gehst du? so fragten die Fürsten jeden jungen Mann: In welchem Regiment hat er gedient? Das war auch die leutselige Unterhaltung des Königs mit dem Fuhrmann.

     Als wir abends mit Hoch- und Hurrarufen durch die Walddörfer Ober- und Unter-Schulenberg fuhren, stellten die armen Leute ihre Talglichter in die Fenster, da sie uns für den Königlichen Zug hielten.

     Die wunderbarste Feier wurde dem Blinden von dem Balkon des Amtshauses in Clausthal geboten. Jedesmal wenn eine Fürstlichkeit oder ein Minister den Harz besuchte, ehrte sie die Knappschaft mit einer Aufwartung.

     Auf dem geräumigen Marktplatz zwischen der eigentümlich anheimelnden hölzernen Kirche und dem langgestreckten kahlen Amtshaus zogen mehrere tausend Bergleute mit grünem Schachthut, schwarzem Kittel, blankem Hinterleder und hohen Gamaschen, das brennende Grubenlicht am Daumen in Reih und Glied auf. Dazwischen Pocharbeiter mit ihrem Gerät, dann die Hüttenleute mit breitrandiger Mütze, in weißem Hemd mit gelbem Schurzfell, die brennende Fackel in der Hand. Das Bergmusikkorps blies. Die Knappen sangen:

Glück auf, ihr Bergleut, jung und alt

Ein hoher Beamter versicherte dem König die Liebe und Treue seiner Harzer. Ein brausendes Hoch rauschte zu ihm empor. Die Lichter leuchteten, wie wenn Tausende von Sternen auf den Marktplatz gefallen wären. Und nun kam das Schönste für uns Jungen.

     In einem Dachfenster des Amtshauses blitze ein Licht auf, und sofort knallten mehr als hundert Peitschen, die gut eingeübt waren, ihren Fuhrmannsgruß los. Dieses Klitsche Klatsche – das war der Text – erschien uns wie die wunderbarste usik. Die Bergfuhrleute standen in ihren Schirmmützen, schneeweißen langen Kitteln und langen grauen Gamaschen, nördliche von der Kirche in tiefstem Dunkel. Das war doch noch geheimnisvoll, so ganz anders wie die Leute da draußen im grellen Licht. Wenn die Laterne da oben im Amtshause eingezogen wurde, verklang das Peitschenkonzert, wie ein gut geriebener Salamander, scharf und knapp. Für uns war damit der Höhepunkt vorüber.

     Der König redete noch, ich weiß aber inht was. Wieder Musik, Gesang, Hoch rufen, und der Zauber verschwand.

     Was für eine Komödie! Immer wieder hörte ich, wie ein Bergmann zum andern sagte: „Dar arme Karrel! Von all dan Gelächt kanner nicht sahn“.

     Die Königin Marie, zu deren Ehren der Schacht seinen Namen erhielt, war auch in Clausthal anwesend. Der Kronprinz, 14 Jahre alt, gewann schnell die Zuneigung der Leute. Er sollte auf dem Marktplatz eine Ziege bei den Hörnern gefaßt und dafür Stubenarrest erhalten haben. Solch ein Junge! Wenn der erst auf dem Throne säße!

Ein unverfälschter Harzer.

     Vorläufig spielte ein Pucher, ein Pochjunge mit ihm. Die Bergbehörde hatte den Kronprinzen ein kunstvoll gearbeitetes Pochwerk geschenkt, der Pucher sollte es ihm erklären. Als der Junge nun die Kurbel drehte, und die Pochstempel im Takte schwer niederfielen, sagte die scherzhaft aufgelegte königliche Hoheit zu ihm: „Steck doch mal den Finger darunter!“

     „Nä,“ lachte der Junge, „denn isser im ......“. Ich kann das Wort nicht schreiben, aber es lief von Mund zu Mund, und jeder freute sich, daß der zukünftige Herrscher einmal einen unverfälschten Harzer gehört hatte.

     Als der König Clausthal verließ, hatten wir uns oben an der Buntenböckerstraße – er wollte nach St. Andreasberg fahren – aufgestellt. Ein altes Harzweib rief:

     „Ach, Harr Kenig, kumme Se doch balle mol wieder!“

     „Ja, ja, ich komme wieder!“ entgegnete er, in dem er sich im Wagen aufrichtete.

     Er ist nie wiedergekommen.