Zürcher Diskußjonen/Zürcher Diskußjonen No. 18–19

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[1] No. 18–19  [Zweiter Jahrgang.]  1899.

 Nachdruk verboten.


Zürcher Diskuszionen.


Vreneli’s Gärtli


eine Zürcher Begebenheit


von Oskar Panizza (Paris).[1]


Zum „Vreneli’s Gärtli“ – so hatte ich jüngst unzweifelhaft auf einem ehrlichen Schweizerischen Wegweiser in der Umgegend von Zürich gelesen, nicht weit oberhalb der Stelle, wo der junge Georg Büchner, der Verfasser von „Danton’s Tot“ sein Grabmal hat, und nicht sehr weit von der Stelle, wo einst der wunderliche Johannes Scherr an den Abhängen des Zürichbergs seine grausigen Gestalten beschwor.

„Vreneli’s Gärtli“ – das klang so anmutig, so poetisch, so urlieblich und so urdeutsch – das mußte ein gutes Restaurant sein, wenn es eines war; dort mußte es einen guten Wein geben; das mußte ein lokender Berg sein, oder ein zauberisches Tal, wenn es ein Berg oder ein Tal war .....

Aber ich war auch filologisch gebildet genug, um hinter diesem geheimnisvoll andeutenden Wort mancherlei Ur-Alemannisches und Schwäbisch-Singsangliches und Schweizerisch-Schalkhaftes zu vermuten. „Vreneli“, das war kein modernes Wirtshausschild, das war auch keine Wirtin aus dem Kanton, das war überhaupt nichts Polizeilich-Angemeldetes .....

„Vreneli’s Gärtli“ – ein Wegweiser auf offenem Waldweg, auf der Höhe des Zürichberges, und über diesem hinweg nach Norden weisend, durch Wald und Dikicht – – mir war, als stünden die Gebrüder Grimm hinter diesem Wegweiser, und erhöben drohend ihre Arme, quer hinausstrekend wie Wegweiser, und riefen mir zu: Dort geht’s in’s Heidentum!

Ich hatte weder Zeit noch Mut, zu so vorgeschrittener Nachmittagsstunde einen so weiten und gefährlichen Weg einzuschlagen, aber ich war fest entschlossen, diesem germanistischen [2] Wegweiser in tunlichster Bälde nachzugehen: etwas Heidnisches, etwas Literarisches und etwas Filologisches mußte hinter diesem Wegweiser steken.

Am nächsten Tag ging ich zu Papa Schabelitz, der Alles weiß, was im Kanton Heidnisches, Filologisches oder Literarisches paßirt, oder früher einmal paßirt ist, und trug ihm mein Anliegen vor. Er hörte mir lange zu, dann sagte er in seiner troknen, skeptischen Art, mit der er stets den allzu fantastischen Anwandlungen bei seinen Autoren zu begegnen wußte: „Alles ist mir nicht klar. Aber sehen Sie doch einmal in den „Schweizerischen Volksliedern“ von Tobler nach, die mein Freund Huber in Frauenfeld herausgegeben hat. Vielleicht finden Sie dort Etwas. Wein gibt es dort jedenfalls keinen besonderen, sonst wär’ mir das Wirtshaus bekant.“

Ich las im Tobler, und las:

„Danuser war ein wundrige Knab,
groß Wunder got er go schaue;
er got wohl uf der Frau Vrenes Berg
zu dene drî schöne Jungfraue.
 *
„Er schaut zu einem Fensterli i,
groß Wunder kann er da schaue;
drum got er zu dem Frau-Vrenesberg
zu dene drî schöne Jungfraue.
 *
„Die sind die ganze Wuche gar schö
mit Gold und mit Side behange,
händ Halsschmeid a und Maiekrö
– – – – – – – – – – –“[2]

mir ging das Herz auf; ich wußte, daß ich an eine der zauberischsten Stellen des ganzen südwestlichen Deutschlands gelangt war; noch deutlicheren Beweis brachte das folgende Lied:

„Tannhäuser war ein junges Bluet;
der wolt groß Wunder g’schaue;
er gieng wol auf Frau Vreneli’s Berg
zu selbige schöne Jungfraue.
 *
„Wo er auf Frau Vreneli’s Berg ist cho,
chlopft er an a d’ Pforte:
‚Frau Vrene, wend er mi ine lo?
will halten eure Orde.‘
 *
„‚Tannhäuser, i will d’r mi G’spile ge
zu-m-ene ehliche Wibe.‘
‚Diner G’spilinne begehr ich nit,
min Leben ist mer z’liebe.
 *
‚Diner G’spilinne darf ich nüt,
es ist mir gar hoch verbote;
si ist ob’ em Gürtel Milch und Bluet
und drunter wie Schlangen und Chrote.‘“[3]

[3] Die Sache war richtig; ich war auf dem Weg zum Venusberg; ausdrüklich war noch in einer Anmerkung darauf hingewiesen, daß „Vreneli“ ebenso zu der altdeutschen Freia, der Göttin des Liebreizes und der Minne, wie zu der römischen Venus hinweise, also eine lezte Schweizerische Wirtin Wunderhold, die in dieser Zeit der trostlosen Oede und Herzensqual noch freundliche Stuben ihren Besuchern zur Verfügung stelt .....

Donnerwetter! – sagte ich mir – die Sache komt mir gelegen. Die ganze Geschichte erschien mir nun von der äußersten Wahrscheinlichkeit. Denn daß es in diesem Lande noch andere Schweizerinnen gebe, als jene, die in Zürich auf der Bahnhofstraße dem schüchtern mit zärtlicher Werbung sich nahenden Fremden im resolutesten Zwingli-Deutsch antworten: „Nai, gönd Si eweg! I will nüd wüße vo Ihne .....“ das war wol mit Sicherheit anzunehmen. Daß es im Lande Böcklin’s noch andere Huldinnen geben werde, als jene 10,000 Jungfrauen, welche schon im Jahre 1888 die Unterdrükung jeder Freistätte der Liebe, das Umstürzen aller Altäre der Venus und resolute Bestrafung jedes außerhalb der Ehe sich bemerklich machenden Liebes-Verlangens für den Kanton Zürich verlangt, und im Jahre 1897 auch durchgesezt hatten[4], das war wol mit Sicherheit zu erwarten. – Ja ja, die Sache war in Ordnung. Noch einmal hatte das Mittelalter helfend und fördernd in die trostlose Dürre unserer heutigen Herzensangelegenheiten, in die Verarmung unseres Gemüts, in die administrativ-eheliche Polizei-Konstrukzjon der „Liebe“ eingegriffen und wenigstens einige seiner Sontagskinder gerettet. „Vreneli’s Gärtli“ – Garten der FreiaGarten der Venus – den lezten Venus-Berg auf deutsch-administrativer Erde, ich hatte ihn entdekt.

Sogleich machte ich mich am nächsten Tag in aller Frühe auf und tat Geld in meinen Beutel. – Natürlich jubelten mir alle Nachtigallen entgegen, die Gräser hauchten mir ihre wollüstigsten Parfüme zu und mir selbst fielen die lustigsten Melodien aus Brentano’s Wunderhorn und Broceliandes Zauberwäldern ein:

„Da droben auf dem Berge,
da steht ein goldnes Haus,
da schauen alle Frühmorgen
drei schöne Mädchen heraus,
die eine heißt Elisabeta,
die andre Juljettchen mein,
die dritte tu’ ich nicht nennen .....“

Offen gestanden, ich habe immer diese fantastischen Schilderungen, welche man zuweilen bei Dichtern liest, dieses Winken und Sprechen der Blumen, das Auftauchen von Schlößern, wo sich plözlich die Fenster öffnen, und die schönsten Mädchen Einen einladen, zu ihnen zu kommen, für grobe Täuschungen des Lesers, jedenfalls für starke Uebertreibungen gehalten. Gar im modernen Polizeistaat wäre doch die Existenz besagter Schlößer eine pure Unmöglichkeit, und abgesehen von der Schwierigkeit der Ueberwachung schon nach § 180 RStGB., Strafgesezbuch für den Kanton Zürich § 119-120,[5] kaum als im Bereich der Wahrscheinlichkeit gelegen anzunehmen, selbst wenn die Bürgerinnen der nächstgelegenen Gemeinden nicht wegen unlauteren Wettbewerbs klagen solten. [4] Aber nein! Dergleichen existirt. Wirklich war ich in eine ganz merkwürdige, ganz abnormale Gegend gekommen, wo es keine Strafgesezbücher zu geben schien, oder dieselben den Spazen und Finken zum Nesterbau überlaßen wurden. Wirklich tauchten hier ganz seltsame – dieses Wort gebrauche ich in meinen kritischen Schriften nie! – ganz seltsame Blumenformen und wunderliche Gesteinsmaßen auf. Die Wegweiser wurden anders, nahmen höhnische oder vertrakte Formen, Grimaßen und Embleme, Boksfüße und Pansköpfe, in ihre Devisen auf, deuteten alle in einer Richtung, die Schweizer Verordnungen verschwanden auf den Wegtafeln, Blumen und Gräser lachten mich mit einer sicheren, stichelnden Lustbarkeit an, nirgends ein Schandarm, nirgends ein Feldhüter, kein Untersuchungsrichter, kein Staatsanwalt, die Welt schien wie umgewandelt, heitere Züge von lakrotfüßigen[WS 1] Störchen zogen durch die Luft und in der Ferne erglänzte ein schönes Schloß:

„Da droben auf hohem Berge,
da steht ein feines Haus,
da schauen des Abends und Morgens
drei schöne Jungfern heraus.
 *
„Die Eine, die heißet Susanne,
die Andere Anna-Marein,
die Dritte, die will ich mir nehmen ....“

Aber nicht nur die Natur hatte sich verändert, mir selbst wurde ganz jugendlich, ganz leichtfertig zu Mut, die Furcht vor dem Preßgesez, die Angst vor Majestätsbeleidigungen, vor Gedanken-Sünden, und besonders die Furcht vor der Sünde wider den heiligen Geist, waren verschwunden, ich fühlte mein Herz wieder froher schlagen, hatte wieder gesunde, muntere Einfälle, glükliche Ideen, mir wurde ganz leicht, tänzelnd glitt ich über den Boden, ich fühlte mich frei wie ein Vogel, ja, ganz vogelfrei .....

Hier muß ich eine kleine Bemerkung, eine kleine staatsrechtliche Erwägung, einschieben, welche vielleicht zur Erklärung dieser merkwürdigen Gegend und meines noch merkwürdigeren Zustandes beitragen kann. Ich hatte nämlich vor geraumer Zeit mein deutsches Staatsbürger-Recht aufgegeben, und das Schweizerische noch nicht erworben; ich war also weder Deutscher noch Schweizer, weder Baier noch Franzos, ich war nichts, rein nichts, gar nichts, absolument rien! also vogelfrei. – Vielleicht merkten diese Störche und diese Wolken, diese Blumen und diese Bäume meinen Zustand, und illuminirten und verzauberten aus närrischer Freude über diese ungeheure Seltenheit die Gegend und mich selber, und gaben mir diese federleichten Gedanken, diese tüchtigen Illusionismen ein. – Wenn der Leser etwa ebenfalls dieser Ansicht ist, und etwa meine dichterischen Kollegen in Berlin der Meinung sein solten, daß eine derartige, zeitweilige Aenderung des Geistes ein Vorteil für das dichterische Gemüt ist, dann möchte ich ihnen ebenfalls raten, ihr deutsches Staatsbürgerrecht aufzugeben, ihr Deutschtum hinter sich zu lassen, bevor ihnen das Polizeiregiment den lezten Hirnsaft auspreßt, das Majestätsfeuer ihre lezte Herzensfaser ausdört und die Anwendung des Preßgesezes ihnen den letzten Schädelknochen auseinandertreibt, und hieher an die Schweizer-Grenze zu kommen, und eine Zeit lang lieber „Nichts“ zu sein, als in diesem Staate Etwas, und in Frau „Vreneli’s Gärtli“ die kommenden Schreken einer trostlosen, jammervollen Reakzjon zu verschlafen. [5] Ich aber schritt rüstig vorwärts auf dem Weg meiner Polizeiverlaßenheit, glüklich, hier in dieser gesezlosen Gegend statt des hohlen, bleiernen Geschwäzes von Strafgesezbuch-Paragrafen, das glükliche Gepipse und Zwitschern von aufgeregten Amseln und vehementen Staaren zu vernehmen:

„Wißt Ihr, Ihr kleinen Vögelein,
vielleicht den Weg zum Schloß?
die Zinne glänzt im Abendschein,
hoch dehnt sich das Geschoß.
 *
„Frau Venus steht am Fenster dort
im güld’nen Rosenkleid,
die lacht Dich an und spricht kein Wort,
dann schwindet all’ Dein Leid.
 *
„Frau Venus hat ein Händchen klein
so sanft wie Milch und Blut .....“

schön! sagte ich mir, ich bin begierig, wie sie aussehen wird, diese Madame Venus, von der so viel gesprochen wird, die alle Maler malen, die alle Zeichner zeichnen, alle Dichter besingen, alle Schriftsteller beschreiben, und von der uns noch Kornmann im vorvorigen Jahrhundert eine so bewegliche Schilderung gegeben hat[6], diese merkwürdige Dame, die schon vor 2000 Jahren zu Kypris[WS 2] in blendender Schönheit aus dem blauen Meer emporzusteigen pflegte und die vorbeifahrenden Fönizjer an ihre Insel feßelte. Hoffentlich hat sie kleine Füße .....

Die Sonne war unversehens hochgekommen. In der Aufregung des Außerordentlichen, das mich erwartete, war ich schnell und heiß gegangen. Ich war mitten im Wald. Ein Haufen von summenden, lärmenden Stimmen umbrauste mich. Vor meinen Augen gaukelten goldgeschwänzte Fasanen, und jene Märchenstimmung, die uns bei solcher Gelegenheit erfaßt, halb Furcht, halb Grausen, ließ mich vielleicht Dinge sehen, die gar nicht da waren. – Es konte nicht mehr weit sein. Einen Wegweiser hatte ich nicht übersehen. In der Ferne zeigte sich mitten durch das Gebüsch hindurch ein lichter Punkt. Ich ging eilend darauf zu, um von hier aus eine Uebersicht zu gewinnen, und siehe: vor mir, auf prächtigem Wiesenplan, lag ein reizendes Schweizerhaus, in dem schweren Holzstil, wie sie hier allgemein bekant sind, mit schwer vorragendem Gebälk, das Dach mit großen Felsbroken zur Festigung gegen die Stürme beladen, die aufstrebenden Pfeiler, welche die HolzGallerie trugen, mit Epheu und blauem Clematis umwunden; in der Vorhalle, die hochgelegen, lauschig und kühl, standen gedekte Tischchen mit blumigen Tüchern, auf denen goldiger Honig erglänzte, einladend, speisebereit, und unter der Vorhalle, am Eingang, drei Stufen hoch, stand Frau Venus – oder war es die Göttin Freia? – in blendend-weißem Brust-Hemd, die Aermel bauschig gekröpft, knusprig gestärkt, die Brüste prachtvoll vorgeladen, Alles über und über mit hellen silbernen langen Ketten behängt, unter der Talje im gediegenen schwarzen Samtrok, die nicht ganz kleinen Füße in matten, schwarzen Lederschuhen, über denen die weißen Strümpfe blizend sichtbar wurden, die ganze Figur hoch, gewaltig, prachtvoll, sicher, imponirend ..... [6] Offen gestanden, ich war einigermasen erstaunt – ich hatte etwas à la Richard Wagner, „Tannhäuser“ 1. Akt, erwartet: Rosa gaze-Schleier, Tigerfelle, goldene Schlangen auf geschminkten Hautflächen, und – das war das Berner Kostüm. – Sie lächelte mich mit ihren blizenden Augen vergnüglich an, und gab mir wieder Vertrauen. Sie schien meine Beklommenheit zu bemerken und schien sagen zu wollen: Wir sind ja nicht in Kipris, und Du bist kein Fönizjer. Ich kann ja hier nicht aus den Wellen steigen, und Du trägst ja nicht den roten Schiffermantel des Kiprjoten. Man muß mit den Zeiten und mit der Mode gehen, mein Haus steht Dir offen.

Ich begriff das Alles, ich war wieder orjentirt – aber eine neue Besorgnis lähmte meine Schritte. Ich fürchtete, sie werde mich Griechisch anreden, und ich – ich muß es offen gestehen – hatte fast All’ mein Griechisch vergeßen; ja, ich darf es nicht verhehlen, ich wußte sozusagen gar kein Griechisch mehr. Ich wußte noch ἀλήθεια, die Wahrheit, und θάλαττα! θάλαττα!, das Meer – aber von Meer war ja hier gar keine Rede – wir waren ja mitten in den Bergen – ich konte sie also mit diesem Gruß nimmermehr anreden .....

Sie aber lachte, herzig und innig, und sagte: „Grüetsi!“[7]

Dem Himmel Dank! – antwortete ich – daß ich Sie treffe, Sie götliches Wesen – ich hätte Sie mir nicht so groß vorgestelt ....

„Ja, das ischt ja nüd groß ....“

Doch doch – ganz überwältigend – voller Pracht und Schönheit! .... und ich nahm ihre Hände, die nicht sehr klein waren, und bedeckte sie über und über mit heißen Küßen.

„Ja, was mached Si da jezt fur dumms Züg .... lönd Si das blibe!“

Und diese Talje! – rief ich – beim Herkules! – Juno hatte keine gewaltigere – und diese keusche Fülle – Alles frisch vom Morgentau umglänzt – von Selene gewaschen – vom Sol gestärkt .... ich nahm dieses übergewaltige Wesen mit den pochenden Brüsten in meine Arme und preßte es an mich, wie Venus vielleicht nie in ihrem Leben umschlungen worden ist .... es dauerte eine Weile übermenschlichster Anstrengung, dann hörte man einen Schrei, so furchtbar und stimmbandzerreißend, daß man glaubte, Pallas Athene sei mit der flammenden Aegis vom Olymp heruntergefahren, um die Trojaner von den Schiffen zu vertreiben – ein siebenfaches Echo umflamte uns von allen Seiten, eines von St. Gallen, eines von Einsiedeln, eines vom Bodensee, eines von Zürich, eines von Winterthur, eines von Schwyz .... dann ließ ich die Maid los, sezte sie vor mich hin, und trat einen Schritt zurük, um mir die gewaltige Gestalt zu betrachten .....

Sie schien äußerst erbost, ihr Gesicht war über und über mit Purpur übergoßen, und stach von der blizweißen Halskrause und den frischgestärkten Aermeln ab wie eine Schüßel frischgepflükter Himbeeren von dem weißen Tischtuch.

Dann dauerte es eine Weile, und dann hörte man von jenseits des Hauses her ein langgezogenes, friedliches, vertrauliches „Muuuuuh!“ – [7] Ich erschrak. –

Was ist das? – frug ich.

„Ja, das sind ja euseri Chueli .... was mached Si au für Sache da? .... Wo chömed Si da jezt so g’schwind daher? – Isch jezt das au an Affüerig? ....“

Was? Ihr habt Kühe? – Das ist ja reizend! – Da ist ja ganz arkadisch! – Und wo sind Deine Gespielinnen? ....

Sie runzelte die Stirne: „Was isch das? – Das verstahn i nüd! ....“

Ich meine: bist Du ganz allein hier?

„Jä nai – mer sind drei Schwöstere, de Vater ischt g’schtorbe ....“ und mit einer plözlichen Entschloßenheit ging sie nach rükwärts, öffnete die Türe und rief mit heller Stimme in’s Haus hinein: „Bäbeli – Röseli – chömmed ihr jezt da g’schwind use – dä Herr aluege – ja das isch e b’sundere ....“

Bärbeli und Reseli kamen nach wenigen Minuten angestürmt, mit großen Augen, lachendem Mund, die blonden Haare wirr über’s Gesicht hängend, und sahen sich betroffen den Fremdling an. Sie waren nicht so hübsch und so ebenmäßig wie die große prächtige Venus im Berner Kostüm, mehr in’s Breite, Marzjalische gehend, hatten Rechen und Heugabel in der Hand, die Vorderarme nakt, gebräunt, gewaltig, das grobe aber schneeweiße Hemd am Oberarm pritschnaß anliegend, der Hals frei, von einer blauen Glasperlenschnur umfaßt, die Brüste von einem blumigen, kreuzweis von den Schultern in das stramme Mieder hineinverlaufenden Tuch zusammengehalten, die Hüften breit, breit wie eine Tonne, von einem sakgroben, blauen Drilch-Rok umschloßen ....

Und die beiden Schäferinnen vom pentelischen Hain fingen plözlich laut und hell zu lachen an, daß man ihre bliz-weißen Zähne sah und die Heufloken von dem zerschüttelten Körpern stoben.

Und Bärbeli frug: „Was ischt jezt das für es Gschrei gsi vorhi? ....“

„Ja, lueget ihr jezt nur dä Herr da a – sagte Venus – dä hat mi jezt da eso preßt, daß i hab schier nümme schnaufe chönne! ....“ und dabei zeigte sie an ihrer Talje die Stelle, wo ich sie umklammert hatte.

Ja Kinder – sagte ich – ich denke, wir bleiben jezt beieinander, nachdem wir doch beisammen sind – Sol ist uns günstig, Apollo’s goldnes Auge schwärmt über den Himmel, hier ist Kühle, Epheu umrahmt unser Dach, sezt Euch her, holet den Mischkrug ....

„Ja, woher! – schrien Bärbeli und Reseli zusammen – mer händ no ’s Grumet inne z’tue, derna chömmed mer scho use ....“ – Ich hörte aber, wie die Mädchen im Weggehen sich anstießen, und Reseli sagte: „Dä ischt aber jezt än verrukte Herr das, was will jezt der? ....“

Venus aber, die jezt allein zurükblieb, kam zu mir an den Tisch, an dem ich mich niedergelaßen hatte, stelte sich dicht vor mich hin, schaute mir tief in’s Auge und frug: „Was trinkt dä Herr furen Wii? Aen 95er Eglisauer? Oder än Härrliberger?“ – und in diesem dunklen Auge lag etwas wie: Fremdling, nimm keinen billigen, denn Deine ganze bisherige Aufführung ist derart, daß Du Dich hier nicht kannst lumpen laßen wollen ....

So, habt Ihr griechische Weine – erwiderte ich – das ist schön, ja, bring mir vom Beßeren, einen halben Liter, und einen Bißen Brod dazu .... [8] Und Venus wandelte dahin, und die Falbeln ihres samtnen Rokes schlugen gegen die schneeweißen Waden, und mein Herz jauchzte innerlich: endlich! rief ich, einen Schluk Freiheit, ein Asil des ungehemten Menschentums, eine Freistätte der Liebe, unter griechischen Hirtenmädchen, unter dem Schuz der höchsten Göttin selbst – „Vrenelis Gärtli!“ Garten der Freia, welches Entzüken! ..... Polizeifreie Erde, Ihr ungefeßelten Luftzüge, Ihr plappernden Pappeln, die Ihr noch Euren Mund auftun dürft, Ihr rauschenden Wälder, die Ihr noch nicht unter dem Unfugs-Paragrafen seufzt, stelt Euch unter den Schuz der großen, leuchtenden Himmelsgöttin, der Freia, – und Du Venus, Göttin der Liebe, schüze diese heilige Kultstätte vor Frevlern, umgebe dieses Tal mit Schlinggewächsen und Irrgärten, und stelle die scharfen Hauer der Dir ergebenen Wildschweine hinein, damit sie jeden Uniformirten, jeden Polizisten anfallen, der es wagen solte, Dich zur „Schriften-Abgabe“ aufzufordern, von Dir „Heimatschein“ oder „Konsulatszeugnis“ zu verlangen ....

Ich war wieder in meine zornige Stimmung geraten, das ganze Elend unserer deutschen Misere, die Kasernen-Manieren, mit der diese neuen Gottheiten sich bei uns breitmachten, der Zuchthaus-Ton, mit dem man die Herzen der Menschen aneinanderknüpfen wolte, dieses erfror’ne Christentum mit seinen messing’nen Dogmen, das man an Stelle der Liebe sezen wolte, traten wieder in ihrer ganzen Erbärmlichkeit vor meine Seele, und unbedacht schlürfte ich jezt den Labetrunk, den mir die Göttin vorsezte, ungemischt den 2000jährigen Wein von Chios und Tenedos hinunter.

Venus sezte sich zu mir, und wir sprachen miteinander, wie zwei Menschen, die sich zum erstenmal treffen, die aber bei dieser ersten Begegnung wie mit einem Schlag erkant haben, daß sie zusammengehören, daß ein festes, inniges Band ihre Herzen verbindet, lauter und offen, aber nicht ohne kleine Nekereien.

„Miseri – sagte Venus – Du bischt würkli kei ä so en zwiderne Bua – aber säg jezt amal: was isch das für ä wüeschti Sprach, die Du da redst, wo chunst Du eigetli jezt au her? ....“

Ach! – sagte ich – die Sprache wäre nicht das Schlimmste bei uns – ich komme aus Deutschland, sozusagen aus Berlin, weit drüben über’m Rhein, wo die Kornfelder sich dehnen, weithin die Ebenen sich streken und die Polizei überall in die Häuser komt und die Gewißen beängstigt .... Ihr habt dergleichen Feinde hier nicht! –

„Ja nai! – uns schenired hier nu d’ Wölf bi der Nacht – und dene brenne mir eis uf de Pelz ....“

Eben, Ihr entledigt Euch Eurer Feinde, die Euch Haus und Hof bedrohen, durch Totschlag. Das können wir nicht ....

„Ja, warum nüd?“

Bei uns sind die Tiere heilig.

„Heilig? – zwegewas? –“

Wir dürfen sie nicht töten; es gehört das zu unserer Religion.

„Ja, was isch das au wieder für e Religion?“

Der höchste Gott bei uns ist ein Mensch, oder ein Pferd – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – ein Mensch auf einem Pferd, ein Pferde-Mensch, ganz mit ihm verwachsen, vollständig verpferdet, der mit einem fürchterlichen Geschrei, wie Polyphem, über die Lande fährt, [9] Alles zu Paren treibend und Alles zerstampfend. Er kleidet sich in eine Farbe, die nur ihm und seiner Sippe zukomt und unter dieser Farbe verlangt er götliche Ehrerbietung. Und Alle, die ihn anbeten, tragen die gleiche Farbe, und[WS 3] verlangen nun ihrerseits gleiche Ehrerbietung. Und dieses Pferde-Geschlecht wälzt sich durch die Lande mit erbarmungsloser Gewalt. Niemand darf ihnen widerstehen, ja nicht einmal sie anrühren, bei Gefahr langjähriger Zuchthausstrafe, ja selbst bei Totesstrafe! ....

Die Göttin fuhr auf mich los, rasend, und schrie wie eine Erinye so herzzerreißend und markdurchdringend, daß, glaube ich, sechs Meilen in der Runde allen Wölfen das Herz im Leibe schlotterte. Gläser und Literflasche – sie waren leer getrunken – fielen um, die silbernen Ketten der schönen Frau rangen sich an ihrem Leibe empor wie die Schlangen Laokoon’s, und ihr prachtvoller Busen stürmte wie ein freisliches[WS 4] Hagelwetter gegen mich an.

Sie stand jezt dicht vor mir, ihre frischgestärkten Hemdkrausen rührten mich im Gesicht, und mit milder Stimme, während noch ihr Atem heftig keuchte, frug sie mich: „Was nehmetsi jezt au für en Wii, blibed Si bim gliche, oder wendsi jezt den Härrliberger oder emal dä Stammheimer verkoschte? ....“

Ja, meine Süße, rief ich, was Du wilst – wie Du meinst – sie werden ja alle gut sein, Deine Weine, die die Sonne Griechenlands ausgebrütet, die Deine weiße Hand dem hülfesuchenden Wanderer einschenkt .... ich denke, wir probiren einmal einen neuen ....

Und wieder wandelte sie dahin, und die schwarzen Samtfalbeln schlugen an die weißblinkenden Strümpfe.

Ich versank in ein dumpfes Brüten. Dieser Chionier-Wein hatte es mir doch angetan. Man soll beim Weintrinken nicht zu viel reden. Und ich hatte zu viel gesprochen ....

Die Sonne hatte jezt den Zenit erreicht. Wie ein weiches Strahlenbad lag es über der ganzen Gegend, die blumigen Wiesen prangten vor Lust und Ueberfülle, hellblaue Schwaden lagen zwischen den Wipfeln der Bäume, in den Furchen der Waßergräben, und ein fortwährendes „Zßt ....“ – „Zßt ....“ schwirte wie eine betäubende Musik aus all den Halmen und Blumenkelchen ....

Wie wär’s – sagte ich mir – wenn Du Dich hier definitiv niederließest? Vielleicht als Klavierspieler in diesem Venusberg, deßen sie ja bei ihren abendlichen Redouten doch bedürfen. Denn einen heimlichen, zahlreichen Besuch bei einbrechender Nacht hatten ja doch die drei Mädchen gewiß zu erwarten? Oder als Gedichtverfertiger für die zahlreichen erotischen Posizjonen, die es ja hier in dem, sei es platonischem, liebeanbetenden, oder genußheischenden Verkehr mit den drei Huldinnen doch geben mußte? Oder als Herausschreiber der Prospekte für dieses moderne Liebesbad, deßen Kunde ja die Welt mit Staunen und Entzüken vernehmen würde, und das der Schweiz einen neuen ungeahnten Fremdenzufluß zubringen würde? .... Vielleicht war die kantonale Regierung über Alles orjentirt, drükte ein Auge zu, während sie mit dem andern sehnsüchtig auf dieses felsenumstarte, wonneumrauschte Kythera blikte ....

Venus kam zurük, bebend, schnaufend, gewaltig, heiter, friedsam wie eine Göttertochter. In der durchsichtigen Literflasche perlte ein hell-kirschroter Saft. Er hatte eisige Kühle, denn sogleich bedekte sich das Gefäß mit einem diken Reif .... Aber schönste Himmelstochter! [10] – rief ich – Du hast Dich ja ganz schmuzig gemacht! Sieh ’mal hier: Alles voller Spinnweben! Dein schöner, schwarzer Samt-Rok! ....

„Ja, saperlot – meinte sie – in euserem Chäller isch es ja eso feischter, da chönt me si ja dä Hals breche, und Spimugge[WS 5] und Raze und därigs Teufelszüg gid’s da unne, ’s ischt ja schrekli! ....“

Mit dem Teufel stehst Du ja schon lang in Verbindung – dachte ich mir – aber komm’ her – rief ich laut – ich puz’ Dich ab, süße Wunschmaid ....

Und ich nahm die Göttin in meine Arme und zog sie an mich, und klopfte ihr mit meinen Händen den schwarzen Samtrok aus – und klopfte tüchtig .... Heiliger Apollo! – dachte ich mir – ist dieses grazjöse Götterbild, deßen zierlichen Wuchs Praxiteles in dem Marmorbild zu Florenz festgehalten hat, durch den langjährigen Aufenthalt in der Schweiz auseinandergegangen! Welche Gliederfülle! Welche Macht! Welche überirdische, götliche Macht!

Sie aber lachte, lachte herzlich und schlug mir in’s Gesicht. – Dann sezten wir uns und schenkten ein. Kräftig-kühl war dieser neue Wein, griechisch durchfunkelnd und nordisch durchfröstelnd .... Und wir plauderten ....

„Und da gascht jezt Du so mueterseelenällei dur d’ Welt – verhüratet bischt au nüd – äs Ringli häscht au keis am Finger – isch jezt da nirgends Di’s Blibes? ....“

Ach! schönste Venus – meinte ich – das Heiraten ist eine Sache der Zufriedenheit, der Gemächlichkeit, des Friedens mit der Welt – nicht des Kämpfens, des Ausreißens, des Wanderns – aber wer möchte heute auf jener schmuzigen Ebene jenseits des Rheins sich ein Haus bauen, wo jeder Polizist in Deinen Topf gukt, jeder Wachtmeister Deinen Kopf untersucht und jener Pferde-Gott, von dem ich Dir oben erzählte, mit seinen Kutscher-Fingern dem Lande Geseze schreibt? ....

„Jä händ Ihr jezt nüd au es höhers Wäse in Eurer Brust, än ewige, allgüetig-waltende Himmels-Vatter, der Alles erschaffe häd, d’ Sunn, d’ Wälder, d’ Bäumli, d’ Bächli, d’ Chueli, d’ Ghizeli .... glaubed Ihr jezt so ’was nüd? ....“

Doch doch! – aber dieses höchste Wesen hat jener Pferde-Mensch in seinen Besiz genommen; nur durch ihn kommen wir zu seiner Kentnis, es kann nicht direkt in unser Gemüt gelangen; heute herscht nur der Pferde-Kult, wer an ihn nicht glaubt, wer sich nicht vor dem Tier niederläßt und es anbetet, der ist verloren, er bekomt kein Amt, er darf nicht kaufen, er darf nicht verkaufen, er kriegt nicht zu eßen, er ist verfemt, er wird überwacht, er muß fort – fort – fort über die Berge, über die Flüße, über die Grenzen, über die Gebirge, dorthin, dahinaus, hieher – wo die Pferde-Religjon nicht herscht, wo friedliche Menschen wohnen, mit stolzen, aufbäumenden Gedanken und einem warm-pochenden, trozigen Herzen im Leibe ....

„.... und wie lang wird jezt das au dure? ....“

Das wird dauern, bis auf diesem riesigen Stallfeld sich Alles zersezt, Alles in Gestank und Kot aufgeht, und ihnen die Pest an den Hals komt, die ihnen die Gedärme zerrüttet und das Blut vergiftet ....

Ich hatte während der ganzen Zeit Venus sorgfältig beobachtet: kein Zweifel, diese hübsche und kluge Frau hatte von manchen Gästen, die auf Schleichwegen hier durchkamen, schon manche heftige und seltene Märe vernommen, und hatte sich gewöhnt, Alles in klugem Sinn erwägend, das Gehörte bei sich zu behalten und in stiller Stunde weiter darüber nachzusinnen. [11] Aber jezt schien sie mir doch stark und innerlich bewegt. Lange ruhte ihr dunkles Auge auf meinen Zügen. Dann öfnete sie mit süßem Liebreiz ihre Lippen und indem ihre weiße Hand schmeichelnd mein Kinn berührte, so wie Athene es bei Zeus zu tun gewohnt war, sagte sie:

„Wänd Sie jezt no äs Bizzeli Chrüterchäs? ....“

Ach nein, Süßeste – sagte ich – nicht gerade jezt, es paßt jezt wirklich nicht .... das heißt: wenn Du ihn gerade da hast, und es gehört das zu Euren arkadischen Gebräuchen – und wenn Du ihn mit Deinen weißen, zierlichen Händen zurechtrichten und mir in den Mund stopfen wilst, dann mag es geschehen .... ich denke, ich folge Dir in Allem, denn ich bin ja nur ein armer Sterblicher, Du aber die Himmel-Entsproßene, Götliche, Unvergleichliche Tochter des Zeus! ....

„Jä sicherli au! .... nehmetsi das nu! .... das gid wieder an frische Durscht ....“

Und wieder wandelte die Samt-Rok-Umfloßene dahin, und der Sand knirschte unter den schwarz-lakirten Lederschuhen, und die Falbeln schlugen an die blütenweißen Strümpfe, die jezt bei annähernder Dämmerung weißer und verführerischer leuchteten .... Doch, wie von einem neuen Gedanken geleitet, kam sie zurük, nahm die Literflasche und ließ neuerdings ihr Sammet-Auge auf mir ruhen:

„Und was trinkt jezt der Herr für en Wii? – Blibetsi bi dem – oder wändsi jezt än liechte – villicht än Stadtberger 95er – ja dä ischt ja eusre bescht! ....“

Ich war betroffen. Wirklich hatten wir den Liter schon wieder ausgetrunken. Die Weine waren gut, das war kein Zweifel – auch kein Wunder! – denn wo solte man beßeren Wein bekommen, als im Venusberg? – ich dachte es innerlich, ich sagte es nicht laut – obzwar der Weingenuß mit dem Liebesgenuß nicht harmonirt! – Ich überlegte. – Hatte ich wirklich all’ diesen Wein ausgetrunken? – Mein Kopf war frei, mein Sinn munter. – Ich sah Venus an: da stand sie, diese berükende Gestalt, mit den prachtvollen Schultern, den köstlichen Brüsten, über denen ein junger siegessicherer Kopf tronte, Alles in kirsch-blüten-weißen Duft gehült, und von weißen Silberketten überrieselt. So stand sie und blikte auf mich Muskellahmen, Verbitterten und Zerknirschten herunter; und in ihrem Blike lag: Wilst Du jezt noch am Schluße zögern und nicht auch den lezten Schritt wagen? Mich bekomst Du nur so, wie ich will. Wilst Du erobern, dann kenne auch die Künste des Eroberers, und laß die Minen[WS 6] springen. Schon senkt sich Sol, und Selene mit ihrer Silbersichel lauscht in’s Tal. Oben liegen die weißen Linnen gebreitet. Das vorspringende Dach schüzt vor jedem Späher und die Bergschatten umhüllen Dich in geruhsame Nacht .... ob Du Stadtberger tränkest, war meine Frage ....

Ja, beim Henker! Du Liebliche – rief ich – hole den Wein und den Käs, wie Du vorgeschlagen – nimm auch etwas würziges Brod hinzu – und bleib mir nicht zu lange ! ....

Jezt ging sie, stolz und befriedigt, und sicher wie eine Göttin, die gewöhnt ist, keine abschlägige Antwort zu erhalten, sondern den Sterblichen zu befehlen ....

Kühler Abendwind kam jezt aus der Richtung, aus der ich am Morgen gekommen, und die Sonne kroch langsam über die Wipfel. Von der Ferne hörte man das lange „Muh!“ der heimtreibenden Kühe. Ein diker Mantel violetter Schatten legte sich auf die Wiesen, und das „Zßt!“ – „Zßt!“ der Zikaden klang jezt spärlicher aber um so schärfer. Eine unendliche Ruhe lagerte sich breit über das ganze Tal. Das Haus wie ein Glükswurf auf [12] dem Kartenfeld dieser reich besezten Gegend .... Ich wartete einen Augenblik. Dann lauschte ich in mich hinein: daß kein preußischer Schandarm nach menschlicher Berechnung auf Meilenweite hinaus jemals in diesem gesegneten Garden auftauchen könne, erfülte mein Herz wie mit einer kindlichen Dankbarkeit und ließ meine Seele wie auf Adlerfittichen zum Himmel flattern

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Da war sie – Venus – sie war schon wieder da, Hände und Arme voll, die Schlüßel klirten an der Flasche und den Tellern, und die Behäbige keuchte wieder und lachte, und besah sich dann von oben bis unten, ob ihr Gewand wieder mit Teufels-Unrat behängt sei. – Und jezt ging es an, das prächtig duftende braune Brod wurde angeschnitten, der Kräuterkäs gemischt, geknetet und dann aufgestrichen – riesige Happen, lang wie Schwertfische – und dann ging’s an’s Beißen und Sich-Ansehen und Sich-Anlachen und Sich-in-den-Mundsehen und die wilden Augen Beobachten ....

Reseli und Bärbeli zeigten sich unter dem Hausdach und wurden hergewinkt. Sie kamen, schämten sich ihrer Kleidung, wurden ausgelacht, griffen dann ebenfalls tapfer zu, und der Wein ward eingeschenkt und es ward gesipt und wieder rings sich angesehen, und die Lippen beobachtet und gelacht ....

Und Reseli und Bärbeli erzählten von den Wiesen und dem Heuen und den Kühen und der Stallwirtschaft und der Plage .... „ja das ischt zu arg! ....“ und lebten sich selbst – beobachteten nicht, wie ich, skeptisch die Gegend – sondern lebten sich selbst, naiv, wie Blumen und Chueli – erwogen nicht, wie ich, unzufrieden, was sie aus einer Sache machen solten, sondern waren die Sache selbst, wie die Knospe am Baum, frisch und glühend .... nur Venus mit ihrem dunklen Augenpaar wachte klug über das Ganze und hatte noch tief im Herzen Besorgniße und Gedanken ....

Da lagen sie nun vor mir, breit in den Tisch hineingelegt, diese prachtvollen sechs Mädchen-Arme, glühend und strahlend, wie mit Wonne gefült, goldig und rosig wie Borstdorfer Obst, mit bräunlichen Lichtern wie Erdäpfel, ein Schauladen der üppigsten Gerichte, und ich saß da mit meinen dünnen, erbärmlichen Armen, ausgedört wie ein Grübler, mager und vergiftet ....

Welch’ eine Entdekung! – rief ich in mir – wenige Stunden von Deinem Haus, wo Du unter lächerlichen Gedanken zu Grunde gehst, über die Wegweiser Georg Büchner und Johannes Scherr hinweg, zeigen Dir die Brüder Grimm den Weg zum „Vreneli’s Gärtli“, wo eine Hülle und Fülle alles Deßen, was Du ersehnt, über Dich hereinbricht! ....

Wie von einer plözlichen Erwägung abgelenkt, frug ich die Mädchen: „Sagt ’mal Kinder, wo ist eigentlich Eure Grotte, Eure Muschel-Grotte? ....

„Chrotte hämmer nüd – meinte Bärbeli – numme Fröschli! ....“

Und so schwazten wir in den Abend hinein, wie Natur-Menschen, die sich frei von Zwang fühlten, und wo der Unterschied der Sprache, der Nazjon, der Gefühlsweise nicht hinderte, einerlei Herzens zu sein, wo troz Misverständniße ein gemeinsamer Zug innerer Güte Alle umfaßte. –

Aber Venus hatte längst ihr Augenmerk auf mich gerichtet. Die Teller waren leer gegeßen, die Flasche ausgesipt. Mit aufgestelten Ellbogen glozten mich diese Venus-Kinder aus großen, aufgerißenen Augen an .... [13] „Wändsi jezt no es Tröpfli Dôle verkoschte?“ – meinte Venus, und ihr jugendlicher Kopf rührte leise meine Schläfe ....

Dole? – sagte ich – was ist das?

„Ja, das ischt ja eusere Allerbescht!“

Wo wächst der? – meinte ich, da ich den Namen nie gehört ....

„Ja wit unne im Süde, das ischt en fürige! ....

Am Taygetus-Gebirge? – rief ich unwillkürlich.

„So eba da ’rum – und wie isch das, dörfed die Maidli da au mittrinke? ....“

Ja, selbstverständlich! – rief ich – Ihr götlichen Kinder seid alle meine Gäste! .... alle – seid Ihr – meine – lieben – Gäste ....

Die Teller wurden aufeinandergestelt, die Meßer klappernd dazugelegt, und jede dieser staunenswert üppigen Grazjen ging mit einem Teil des Geschirrs, um den neuen Wein zu holen ....

Es war jezt leicht fröstlich geworden. Die Dämmerung hing wie in schweren Mänteln durch die Gegend. Einzelne lichte Punkte, die größten Sterne, wagten sich schon an den Himmel. Die Venus selbst war nicht zu sehen, sie war zu rasch der Sonne nachgefolgt. Eine gespenstige Helle zeigte sich über dem Westen, wie die Leichenbläße des hereinbrechenden Totes. Starr und unerbitlich wie die Totenrichter stand der Wald mit seinen Bäumen. Die Wiesen alle zugedekt und von schwarzer Hand schon berührt. Ein Grausen schritt unnachsichtig durch dieses Tal. Und nur am Himmel glänzte tröstlich und silbern das zarte Profil der bleichen, schmachtenden Selene ....

Venus, die lebende, kam jezt im weißen Schürzchen mit den beiden Mädchen, und brachte Gläser und eine dunkle Flasche. Lüstern wie Mondlicht glänzte die weiße Wäsche der unsterblichen Frau durch’s Tal und der dunkle Saft des neuen Weines nezte wie Blut unsere Finger und Lippen ....

Aber die Schatten hatten sich auch um uns gelegt. Die Bewegungen wurden langsamer, schwerfälliger. Die Worte wurden spärlicher. Die Umriße verwaschener. Auch wir waren unwillkürlich in den Hades geraten. Das dunkle Rebenblut floß geheimnisvoll durch unsere Adern und zwang die Stimmung zu ruhigem, ehernem Verhalten.

Was da Alles noch gesprochen und verhandelt wurde – Interna des Venusbergischen Haushaltes – „.... ’s Bettli, ’s Zimmerli, is ober Stökli, Gschiirli, ’s Wäßerli ....“ ich weiß es nicht mehr .... Ein Zank erhub sich unter den Mädchen, und ich sah die wilden, prächtigen Arme dieser Naturkinder kreuz und quer hin und herfahren und die großen Augen gräßlich aufreißen. – Das Lied des Herrn Tobler ging mir wieder durch den Sinn:

„Danhuser, lieber Danhuser min,
weit ier bei uns verblibe?
I will euch d’ jüngste Tochter gä
zu-m-ene ehliche Wibe ....“

Aber mein Kopf war so schwer geworden, als ob das ganze Taygetus-Gebirge mit all’ seinen Felsen und Rebstöken darauf gelastet hätte. Ich hörte nur noch, daß Venus dem ganzen Streit ein Ende machte und etwa sagte: „Ja, das ischt ja nüd .... dä wit Weg .... dur dä feischtere Wald durre .... was ihm da paßiere chönnt! ....“ Und zu mir sich wendend, sagte sie: „Gälledsi, Si blibed bi eus über Nacht, Si krieged äs guet’s Bettli! ....“ [14] Aber sicher, mein gutes Kind, – sagte ich – wozu wäre ich denn gekommen?

Dann brach man auf. Alles erhob sich. Und wie im Wirbeltanz schwangen sich die götlichen Glieder dieser Anadyomenen[WS 7]durch den Saal. Ich faßte mir an den Kopf. War es wirklich wahr? Und solte ich hier das Unaussprechliche erleben? ....

Die Nacht war jezt plözlich hereingebrochen, und das weiße Busen-Geflitter der götlichen Frau leuchtete wie helle Fakeln durch die Vorhalle. Aus der Ferne, hörte ich deutlich, sante uns noch eine Rohrdommel ihr nächtliches advertissement entgegen – „brrrrrrrum – bum di bum! – brrrrrrrum – brum di bum! ....“ wie ein Tambur, der den Abend-Marsch schlägt. – Löscht die Lichter aus! –

Ich stand noch einen Augenblik an dem großen maßiven Pfeiler, der das Ober-Geschoß stüzte, und blikte hinaus. Ein wunderbarer Frieden lag wie eine schwere Samt-Draperie über der ganzen Gegend, die Luft rein und durchsichtig unter dem violetten Himmel, eine Stille, wie wenn etwas Unerhörtes, etwas Gespenstiges paßiren solte, die ganze Stätte frei für depoßedirte, der Unterwelt entsteigende Geschlechter und unsterbliche Tanz-Reigen .... ,Komt jezt herauf – rief ich – Ihr weißschimmernden Leiber hellenischer Grazje und schütte Deinen Reichtum noch einmal aus unsterblicher Olimp über dieses befruchtete Tal! Steigt empor Ihr Grazjen und Musen, die Ihr katolisches Glokengeläute nicht hören könt, den Zäzilien-Gesang verachtet und von dem Weihrauch den Husten bekomt! Erschließet Eure Gaben und Brüste und führet uns noch einmal vor die alten mänadischen Reigen! Du aber Luna enthülle Dich und steige herab vom Himmel, zeige den glizernden Schnee Deines silbernen Leibes, und entkleide Dich, wie einst Phryne[WS 8], hier vor den schwarz und starr wie Unterweltsrichter dortstehenden Häuptern des Deutschen Waldes! Ihr aber Nachtigallen – woher habt Ihr Euren Namen? – laßet die sehnsüchtigen Laute in die dunkle Nacht hinaus erschallen, droßelt und jubelt, ruft sie herbei all’ die unsterblichen Götterschaaren, die auch damals vom Olimp herunter zusahen, als sie Ares und Aphrodite in brünstiger Umarmung erblikten ....‘

Venus faßte mich resolut am Arm und brachte mich nach Oben .... Ein Flimmern entstand vor meinen Augen .... Schuhe, Röke und Weste fielen wie wesenlose Hüllen von meinem Körper .... Eine Türe fiel schwer in’s Schloß – und ich sank in ein breites, mit groben Bauern-Linnen ausgelegtes Bett ....

Noch lange hörte ich entfernt-heimliches Mädchen-Gekicher, wie wenn Venus mit Silene am Himmel oben noch einen späten, lächerlich – eifersüchtigen Disput ausgefochten hätte – dann schwanden mir die Sinne – und ich tat einen langen, ruhigen, polizeifreien Schlaf.[8]

*
[15]
Intra muros et extra.


Paris, den 14. November 1899. Seit etwa 14 Tagen haben wir Fête auf Montmartre. Montmartre ist das Quartier, in dem ich wohne. Alle Bänkelsänger, Honigverkäufer, Glüksradbesizer, Menascherien, Karußell-Halter, Straßenfotograföre und Wachsfigurenkabinette aus dem departement Seine et Oise haben sich versammelt. Viele hundert Buden. Boulevard Clichy, Place Pigalle, Boulevard Rochechouart, Boulevard de la Chapelle – eine halbe Stunde lang – steht Bude an Bude. Man zeigt auch le mariage interrompu, den Bauchtanz, und das Giljotiniren mit lebensgroßen wirklichen Menschen. – Wunderschön! – Ich verlaße meine stille Studirstube bei den Aebtißinnen – rue des Abbesses – geblendet von all’ dem Feuerschein – und steige hinunter durch die rue des Martyrs – ein Rudel weißer, lebensgroßer Hasen stürzt mir entgegen – ich fahre zurük – was ist das? Bin ich in den Wald Brozeliande[WS 9] geraten, wo Merlin mit Viviane ihren Spuk treiben? – Schneeweiße Hasen, lapins, – was sagte ich: lebensgroß? – sechsfach lebensgroß, wie Hirsche, ca. 500 Stük, in gestrektem Lauf, sie tragen alle einen Louis d’or im Maul, groß wie einen goldenen Teller, haben rote Schabraken mit goldenem Zaumzeug, und sausen dahin, als wäre der wilde Jäger ihnen auf der Ferse. – Ich trete näher: es ist ein Karußell! Hoch postirt, in greller elektrischer Beleuchtung, fahren sie dahin, je fünf nebeneinander, mit ihren prachtvollen langen weißen Ohren. Die Musik spielt Gounod’s „Faust“. – Es sind ca. 80 Musiker irgendwo verstekt. Ein Orchester. Halt! nein, es ist eine Orgel. – Jeder schneeweiße lapin hat eine schneeweiße Bogenlampe über sich, die sich mitbewegt. Alles ist schneeweis. Die Musik spielt Gounod’s „Faust“. – Der lapin – der Hase – nein der lapin! – das Kaninchen – spielt im Herzen und Kopfe der Pariser und Pariserinnen eine wichtige Rolle. Die Simbolik des lapin ist unermeßlich. Aus einem ursprünglich fruchtbaren Gedanken ist er zu gräßlich-komischer Bedeutung gelangt. Alles ist lapin. Jede Situazjon, die Schwierigkeiten und Verwiklungen mit sich bringt, und die man nicht länger beschreiben kann, oder will, ist lapin. Der lapin ist also eine Situazjon. Ein Ereignis. Wenn Jemand sich irgendetwas erhoft, und es trift nicht ein, c’est un lapin! – ein Karnikel. Wenn eine Dame einen Hern liebt in der Hofnung, daß er reich sei, und es zeigt sich dann nach der Heirat, daß er das nicht ist – c’est un lapin! Wenn eine Dame einen Hern liebt, der reich ist, in der Hofnung, bei ihm Liebe zu finden, und sie findet sie dann nicht – c’est un lapin! Alle Hern sind a priori, ohne daß man Näheres von ihnen weiß, und einerlei, wie sie auch beschaffen sein mögen, des lapins. Der lapin ist aber das Lieblingstier aller Damen. Der lapin ist immer sehr dumm – wenn er ein Herr ist, einerlei ob er gescheid ist. Der lapin, das Karnikel, wurde wegen seiner ungeheuren Fruchtbarkeit das Lieblingstier der Damen, und alles Uebrige hat sich dann daraus entwikelt. – Die Damen haben jezt Alle Plaz genommen. Jede sizt auf einem schneeweißen Tier. Sie halten sich an den langen Ohren fest. Die Musik spielt Gounod’s „Faust“. Sie richten ihre Röke und Kleider und zeigen die berühmten kleinen Pariser Füße. Mit ungeheurem Stolz sizen die Mädchen so hoch da droben, und laßen die Straußenfedern auf ihren Hüten wallen. Die Königin aus dem Feenlande mit ihrem Geklingel vor dem weißen Schlitten, die Walter Scott beschreibt, konte nicht gnädiger dreinschauen, als diese stolzen Damen. Sausend begint jezt der Galopp. Die Hasen machen eine dreifache Bewegung. Sie reiten auf und ab wie Schaukelpferde, sie machen einen hastigen Sprung vorwärts, und zum dritten reißt sie die manège herum. Unter den ca. 500 Tieren entdeke ich allein sechs verschiedene Leibesposizjonen, die auf Rechnung des Skulptörs kommen ..... Ein Schreien ..... ein furchtbares lautes Schreien ..... dort, auf der Seite ....... dort fahren ein oder zwei Damen zum erstenmal – die Maschinerie schleudert sie vorwärts – jezt kommen sie vorüber – in den Mienen die gräßliche Angst – sie halten sich krampfhaft an den langen Ohren fest – die Musik spielt Gounod’s „Faust“ – ja, meine Damen, so springt der Hase! – der Inschenjör des Karußells hat keinen Fehler gemacht! – Alles lacht – tausendköpfig steht die Menge herum, fast lauter Hern, lauter lapins – Alles lacht – Alles schreit! – Dort reitet auch ein Herr mit, er hat eine blaue Krawatte – es wird immer toller – große farbige Papierschlangen werden aus dem Innern des Karußells, vom Podjum, wo nur feinere Hern zugelaßen werden, über die Damen auf die Menge geworfen – und auch von der Galerie des Karußells, hoch über den Damen – der Karußell ist eine kleine Stadt – werden Papierschlangen auf die Reiterinnen geworfen – die Damen verstriken sich – ganze Garben von Oransche-Bändern fegen hinter den Damen her – der Wald von Brozeliande – die Musik spielt Gounod’s „Faust“ – dort fährt die blaue Krawatte! – ein Geschrei, ein Geschrei – das Tempo wird wahnsinnig schnell – Herr Direktor, Herr Direktor! lassen Sie einhalten! – zwei Damen fallen! – Es geht nicht – man kann jezt nicht halten – zwei Diener springen hinzu – Alles schaut – [16] Viele Diener fahren auf der manège mit. – Aus dem oberen Stokwerk biegen sich die Köpfe. – Sie wollen sehen, was los ist – nur die geübten Reiterinnen in ihren prachtvollen Kleidern, mit ihren hohen Straußenfedern und winzigen Füßchen, überundüber vollgestäubt mit Oransche, bliken mit unveränderlichem Gleichmut durch den Dunst, die Schlacht und das Geschrei, auf diese Heerde von Tausenden von lapins, die da herumstehen ..... Ich wende mich ab. Das Herz zittert Einem. – Ich steige wieder hinauf in meine stille Stube zu den Aebtißinnen. Es war nur ein Augenblik welterschütternder, herzerzitternder Freude, den ich gesehen. Nur ein Ausschnitt aus diesem großen Jahrmarkt der Leidenschaften. Das erstrekt sich auf fast ½ Stunde so fort. Es sind nicht die verlokenden Phrynen-Tänze des Jardin Mabille[WS 10] und Moulin Rouge. Es ist die gallische, überschäumende Lustbarkeit des Volkes. Alles zittert hier. Alles ist nervös. Mitten unter die Tausende, die da herumstehen, die da umherfluten, ein Wort, ein Funke geworfen – und sofort blizt es los. Die marseillaise! Allons enfants de la patrie! Mitten hinweg von den Karußells, von der meilenweiten Lustbarkeit, stürzt das Volk, die Damen springen von ihren Kaninchen, ihren Pfauen, ihren Straußen, auf denen sie stolz ritten, und Alles läuft heulend zum Staatsoberhaupt, in’s Elysée, schreit und stelt ihn zur Rede, schüzt die Freiheit, – am nächsten Tag ist das Ministerjum gestürzt, das Staatsoberhaupt ist gestürzt, der Präsident oder der König, wer gerade die Dummheit gemacht ..... und dann kehrt das Volk lachend, singend zu seiner Arbeit, zu seiner Lustbarkeit, zu seinen Kaninchen zurük ..... Und dieses Volk, meint Ihr, hat Euch nichts mehr zu lehren? Ist jezt tot für Euch? Schneidert Euch nur noch Eure Kleider und zeigt Euch, wie man Romane schreibt? – glaubt mir, dieses Volk lebt, es lebt heute stärker als jemals, Ihr könt nicht ohne es existiren in Europa – mindestens müßte es Euch doch noch lehren, wie man die Freiheit erobert! – es lebt und es lebe, vive la France! –

*


[WS: Der Anzeigentext wurde nicht transkribiert.]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Dieser Aufsaz stamt aus dem Frühjahr 1898, wie ich zur Orjentirung meiner Freunde und der Leser der Diskußionen bemerken will.
  2. Schweizerische Volkslieder. hrsg. von L. Tobler. Frauenfeld, J. Huber 1882. Bd. I. S. 102.
  3. ebenda Bd. II. S. 159.
  4. Durch Volksabstimmung wurden am 27ten Juni 1897 alle „Häuser“ im Kanton Zürich aufgehoben, und außerdem, durch Neuaufnahme eines Paragrafen in das Straf-Gesezbuch, der Versuch, auf öffentlicher Straße die Zuneigung eines Mädchens zu gewinnen, unter Strafe gestelt. Siehe: Strafgesezbuch für den Kanton Zürich. Neudruk 1897. § 127.
  5. Duldung, Zimmervermietung: Stenglein’s Zeitschrift für Gerichtspraxis in Deutschland Bd. II. 273, III. 185; Verleitung zum Eintritt in ein unsitliches Haus: ebenda Bd. II. 234.
  6. Kornmann, Henricus, Mons Veneris, Fraw Veneris Berg, d. i. Wunderbare und eigentliche Beschreibung der alten Heydnischen und Newen Scribenten Meinung von der Göttin Venere, ihrem Ursprung, Verehrung und Königlicher Wohnung etc. Franckfurt 1614.
  7. Die Schriftleitung muß es sich versagen, hier auf die merkwürdige Sprachmischung einzugehen, welche das Eindringen des Griechischen in das Alemannische der Schweizer Berge schon während der lezten Jahrhunderte vor Christus, von Süd-Gallien, besonders von dem alten Marsilia, dem heutigen Marseille aus, welches eine rein-griechische Kolonie war, erzeugte. Der Verfaßer der obigen Erzählung scheint selbst bei seiner fast gänzlichen Unkentnis des Griechischen dieses seltene Idjom, wie es noch in einigen entlegenen der Polizei nicht zugänglichen Schlupfwinkeln und Kultstätten gesprochen wird, nicht zu verstehen, woraus sich einige komische Verwiklungen und Situazjonen ergeben. Ein Idjotikon des hellenischen Schwizer-Dütsch ist von den fleißigen Herausgebern des Schweizerischen Idjotikon, Staub und Schoch, in Aussicht genommen. Das eine Wort hier können wir ja übersetzen: „Grüetsi!“ heißt: „Welchen Wein trinken Sie?“
  8. Die Meinung, daß hier ein alkoholischer Schluß gewählt worden sei, statt eines erotischen, weil der leztere von den Lesern an der Limmat niemals akzeptirt worden wäre, während der erstere mehr den Landessitten entsprach, dürfte doch nicht ganz stichhaltig ein. Die hellenischen Weine von Eglisau und Herrliberg tun an einem so heißen Sommertag ihre Wirkung, und besonders der Dôle hat, wie ich bestimt versichern kann, seine Muken.

Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. lack-rot
  2. Zypern. Kypris war gleichzeitig auch ein Beiname der Aphrodite, die der Sage nach an der Küste von Zypern dem Schaum des Meeres entstieg.
  3. Vorlage: nnd
  4. schrecklich
  5. Spinnen (alemannisch)
  6. Mine: altgriechische Münze
  7. Anadyomene: wörtlich „Entsteigende“; Beiname der Aphrodite, der durch das berühmte Gemälde des griechischen Malers Apelles gebräuchlich wurde, das die dem Meer entsteigende Göttin zeigt.
  8. Phryne: berühmte griechische Hetäre des 4.Jhdts. Der Legende nach bewegte sie, der Gottlosigkeit angeklagt, die Richter des Areopags zu einem Freispruch, indem sie sich vor den Richtern entkleidete und so ihre Unschuld bewies, da eine so schöne Frau den Göttern unmöglich verhasst sein kann.
  9. Der Sage nach wurde im Wald von Brocéliande der Zauberer Merlin von Nimue in eine Weissdornhecke gebannt, nachdem er ihr die Quellen seiner Zauberkräfte offenbart hatte. Die junge Zauberin Nimue wird mit Viviane, der Herrin vom See identifiziert.
  10. Jardin Mabille: einer der berühmten Bals de Paris. In einem Park an der Champs-Élysées gelegen, war der Jardin Mabille zu seiner Zeit ein Anziehungspunkt für Tausende von Parisern und viele Touristen (darunter Mark Twain und Ambrose Bierce). Jardin Mabille wurde zu einem Synonym für wildes, exzessives Tanzvergnügen. Jules Verne in seiner Reise zum Mond vergleicht die in der Schwerelosigkeit durcheinander purzelnden Passagiere des Raumschiffs mit den Tänzern des Jardin Mabille.


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