Zur Geschichte der Esperanto-Stenographie

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Textdaten
Autor: Karl Wallon (1873–1932)
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Titel: Zur Geschichte der Esperanto-Stenographie
Untertitel:
aus: Deutsche Stenographen-Zeitung, Jahrgang 43 (1928), Hefte 13 und 14/15, Seiten 197–200 und 230–233
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Heckners Verlag
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Erscheinungsort: Wolfenbüttel
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Originalherkunft:
Quelle: Seiten 197, 198, 199, 200, 230, 231, 232, 233
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[197]

Zur Geschichte der Esperanto-Stenographie.
Von K. Wallon (Dresden).
Mitglied des Ausschusses für fremdsprachliche Übertragungen der Einheitskurzschrift und Verfasser der Esperanto-Übertragung.

Zwischen der Welthilfssprache und der Kurzschrift bestehen sehr innige Beziehungen. Es ist keine besonders auffällige Tatsache, daß die Idee einer internationalen Welthilfssprache gerade bei den Kurzschriftlern auf großes Verständnis stößt, wie es andererseits nicht verwunderlich erscheint, daß unter den Anhänger der Idee einer Welthilfssprache viele Kurzschriftfreunde anzutreffen sind, denn sowohl Esperanto als auch die Stenographie haben etwas Gemeinsames: beide wollen im Verkehr der Menschen untereinander den Gedankenaustausch erleichtern.

[198] Die Kurzschrift vereinfacht den schriftlichen Verkehr eines Volkes mit gemeinsamer Sprache und tritt vielfach an Stelle der gewöhnlichen Schrift; das Esperanto hinwiederum – jetzt die einzige überhaupt in Betracht zu ziehende Welthilfssprache – soll als allgemeines internationales Verständigungsmittel nicht bloß für den mündlichen, sondern auch für den schriftlichen Verkehr der verschiedenen Völker untereinander dienen.

Esperanto und Stenographie sind Kulturfaktoren. Ist Esperanto an und für sich schon international (und dabei doch neutral), so ist die Kurzschrift, wenn sie in ihrem Uraufbau zwar ein nationales Gepräge hat, durch die Verwendung für mehrere Sprachen auch bereits mehr oder weniger international geworden.

*

In den ersten Jahren seines Bestehens fand Esperanto nur langsame Verbreitung. Je mehr es aber bekannt und angewendet wurde, desto mehr wurden Wünsche laut, auch für das Esperanto eine Kurzschrift zu haben.

Beim Erscheinen des Esperanto war die Zahl der verschiedenen Kurzschriftsysteme schon groß, und es war begreiflich, daß man vorerst versuchte, dieses oder jenes System dem Esperanto anzupassen, es auf das Esperanto zu übertragen.

Ich habe mich dem Esperanto im Jahre 1889 zugewandt, und es ist mir noch erinnerlich, daß etwa 1890 oder 1891 die damalige Neu-Stolzesche Stenographie auf das Esperanto übertragen wurde, im Druck ist diese Übertragung jedoch nicht erschienen.

Die erste Esperanto-Stenographie, die in Buchform veröffentlicht wurde, erschien 1899, und zwar verfaßt von dem Schweden P. Ahlberg in Stockholm, der das System von Dr. Julius Brauns, das derzeit in einer schwedischen Übertragung vorlag, auf das Esperanto übertrug, an welcher Übertragung W. Brauns in Halmstad (Schweden), ein Bruder des Systemerfinders, hervorragend beteiligt war. Das System Brauns hat in Deutschland nie eine nennenswerte Verbreitung gefunden, obschon es ein theoretisch ganz hervorragendes System ist, und da Esperanto zu jener Zeit auch noch gering verbreitet war, so ist diese Übertragung nur wenig bekannt geworden.

Das englische Kurzschriftsystem von Pitman wurde auf das Esperanto übertragen:

1905 einmal von George Ledger und einmal von Alfred Lindridge, dann 1910 von Josiah Catton.

Dieser Übertragungen bedienten sich fast nur englische Esperantisten.

1905 verfaßte der belgische Advokat Cogen eine Esperanto-Stenographie auf Grundlage des holländischen Systems Groote; die Arbeit Cogens ist jedoch nicht im Druck erschienen.

Im gleichen Jahr suchte Peter Paul Wolk in Jugowskoj (Gouvernement Kasan) unter Verwendung Gabelsbergerscher und Scheithauerscher Schriftprinzipien eine Esperanto-Stenographie zu schaffen, während Redakteur V. V. Bitner in St. Petersburg eine Kurzschrift für Esperanto auf Grundlage der russischen Übertragung des Stolzeschen Systems verfaßte; aber auch diese beiden Übertragungen sind nicht im Druck erschienen.

1905 übertrugen Anhänger des Systems Faulmann in Reichenberg (Böhmen) dieses System auf das Esperanto; eine andere Übertragung des gleichen Systems verfaßte Franz Grubinger in Graz (Steiermark); außer einer Mitteilung in dem derzeitigen Monatsblatte für Faulmannsche Stenographie hat man von diesen Übertragungen jedoch nichts weiter gehört.

[199] Pastor und Parlamentsstenograph Friedrich Schneeberger in Lüßlingen (Schweiz) verfaßte 1905 eine ausgezeichnete Übertragung des Systems Stolze-Schrey; 1911 ist diese Übertragung unverändert von Emil Stark in Magdeburg herausgegeben worden. 1906 gab Schneeberger auch eine Anleitung nebst Sigelliste für die Redeschrift heraus, an die sich die Esperanto-Redeschrift nach Stolze-Schrey von Robert Kreuz in Genf mehr oder weniger anlehnt, wie sein 1926 veröffentlichter Entwurf zeigt. Schneebergers Übertragung hat viele Freunde nicht nur unter deutschen, sondern auch unter ausländischen Esperantisten gefunden, denn sie war nicht nur leicht erlernbar und schreibflüchtig, sondern vermied auch viele offensichtliche Mängel des Muttersystems.

1907 gab der kaufmännische Korrespondent G. Christoffel in Braunschweig, ein Schweizer, sein Lehrbuch der Esperanto-Stenographie nach dem Gabelsbergerschen System heraus, die sich aber trotz der großen Verbreitung der Gabelsbergerschen Stenographie, die ja auf über 30 fremde Sprachen übertragen worden ist und in vielen außerdeutschen Ländern stark benutzt wird, nicht recht durchsetzen konnte. Diese Übertragung war verhältnismäßig schwer erlernbar, sie hatte viele Ausnahmen und krankte auch an vielen Unschreibflüchtigkeiten und Handwidrigkeiten.

Nachdem 1906 Walter Hauschildt eine Übertragung des Systems Scheithauer verfaßt hatte, erschien 1907 eine von dieser nur ganz wenig abweichende Übertragung von Pfarrer August Frohns in Warstade (Hannover); beide Übertragungen zeichnen sich durch große Einfachheit aus und wurden in Esperantistenkreisen viel verwendet.

1908 stellte der Franzose Ch. Barit ein Originalsystem einer Esperanto-Kurzschrift auf, die sich die französischen geometrischen Stenographien zum Vorbilde nahm.

Etwa im gleichen Jahre übertrug Pfarrer A. Creux in Sorens bei Freiburg (Schweiz) das französische System Duployé; das Lehrbüchlein ist recht primitiv ausgeführt.

Die von einem gewissen David in St. Claude in Frankreich aufgestellten Übertragungen der beiden französischen Systems Duployé und Prevost-Delaunay sind nicht im Druck erschienen; außer einer Ankündigung in Esperanto-Zeitschriften hat man nichts weiter darüber gehört.

Zu gleicher Zeit soll ein spanischer Esperantist die spanische Stenographie von Marti auf das Esperanto übertragen haben.

1908 gab Heinrich Roller in Berlin die Esperanto-Übertragung seiner „Weltstenographie“ heraus.

Fast zu gleicher Zeit veröffentlichte der Student Rudolf Sprotte in Charlottenburg folgende Werkchen: 1. „Eine einfache Kurzschrift für Esperanto“. 2. „Eine internationale Kurzschrift, anwendbar für alle Sprachen“. 3. „Eine internationale Kurzschrift „Aoro“ zur Verwendung für Esperanto, sowie für die englische, französische, deutsche, russische und spanische Sprache“. Alle diese Arbeiten lassen zwar Beachtung von Grundsätzen der Arendsschen und Rollerschen Stenographie erkennen, weichen von diesen aber stark ab, daß fast selbständige Kurzschriften entstanden sind.

1908 versuchte ein Anonymus R. W. eine Esperanto-Übertragung des Gabelsbergerschen Systems zu schaffen, ohne indessen über die ersten Anfänge hinausgekommen zu sein.

1909 veröffentlichte Lehrer W. Wohlrabe in Chemnitz eine Übertragung der Nationalstenographie (System Kunowski); wie das Muttersystem ist auch die Übertragung verblüffend einfach.

[200] Im gleichen Jahre erschien eine „Weltkurzschrift“ von Franz Wydrinski in Berlin, die auch für das Esperanto vorgesehen war.

1910 gab Albert Ruthardt in Mühlacker (Württemberg) eine „Internationale Kurzschrift“ heraus, die auch eine Anleitung zum Stenographieren von Esperanto enthielt.

[230] Da die von G. Christoffel bewirkte Übertragung des Gabelsbergerschen Systems viele Esperantisten, die das Gabelsbergersche System schrieben, nicht befriedigte, verfaßte 1910 der damalige Regierungsassessor Dr. Albert Schramm in Dresden (jetzt Professor und Museumsdirektor in Leipzig) eine sehr vereinfachte Übertragung dieses Systems; das Lehrbuch erschien 1921 in zweiter Auflage.

1911 und 1912 erschien die in Esperanto verfaßte und von Dr. Schramm geleitete „Internacia stenografia gazeto Gabelsberger“, deren allmonatliche stenographische Beilage von mir redigiert worden war und in der ich viele Esperantotexte in der Schrammschen Übertragung veröffentlichte.

*

1910 erschien in Riga ein Lehrbuch einer lettischen Stenographie von J. Rose, die auch für Esperanto anwendbar sein sollte, wenigstens findet sich in diesem Lehrbuch ein Esperantotext in Stenographie nach genanntem System.

Bis 1910 sind außer den erwähnten Übertragungen noch folgende bekannt geworden, die nur als Manuskripte vorliegen:

von dem Holländer H. J. Bulthuis eine Übertragung des Systems Scheithauer auf Grund der von Riënts Balt verfaßten holländischen Übertragung,

von dem Holländer S. de Vries in Amsterdam eine Übertragung seines auf geometrischer Grundlage aufgestellten Systems für die holländische Sprache,

von Otto Kirchhoff und O. Legel eine Übertragung der Stenotachygraphie.

*

[231] 1912 erschien ein Lehrbuch einer Esperanto-Stenographie von Ludwig Jakab in Budapest; es ist das eine drucklose Schrift mit buchstäblicher Vokalbezeichnung; die Konsonanten- und Konsonanzenzeichen sind dem Gabelsbergerschen und Faulmannschen System entnommen.

1914 gab der Stenographielehrer P. Flageul in Issy-les-Moulineaux (Seine), Frankreich, ein kleines, auf mimeographischem Wege hergestelltes Lehrbuch seiner Übertragung des französischen Systems Duployé heraus.

Im gleichen Jahre versuchte Lehrer Johannes Bieg in Donzdorf in Württemberg eine Esperanto-Stenographie auf Grundlage der Stenotachygraphie zu schaffen, doch wurden seine Arbeiten durch den Weltkrieg unterbrochen und nachher nicht wieder fortgesetzt.

1920 wurde eine vierte Esperanto-Übertragung der Pitmanschen Stenographie veröffentlicht; diese Übertragung verfaßte Montagu C. Butler in London, und zwar unter Mitarbeit einiger Freunde; das ziemlich umfangreiche Lehrbuch ist ganz vorzüglich ausgestattet: der erläuternde Text wurde mit der Schreibmaschine geschrieben, die stenographischen Wortbilder wurden sehr groß ausgeführt, und dann wurde alles auf 2/3 verkleinert, so daß die danach hergestellten Klischees einen sehr scharfen, deutlichen Abdruck ergaben. Ein ziemlich kostspieliges Herstellungs- und Vervielfältigungsverfahren! Aber auch diese Esperanto-Stenographie hat ihre Freunde fast nur in England gefunden.

Registrator Reinhold Schulz in Kottbus ist der Meinung, daß Übertragungen für Esperanto nicht brauchbar seien, für Esperanto müsse ein besonderes Originalsystem geschaffen werden; er verfaßte 1922 auch eine kurze Übersicht seiner von ihm aufgestellten Esperanto-Original-Stenographie, doch ist er über seine Versuche nicht hinausgekommen.

1926 gab Gymnasialprofessor Dyba in Berlin-Niederschönhausen seine „Ĉies“ genannte Esperanto-Stenographie heraus, und zwar in zwei Teilen: Verkehrsschrift und Redeschrift. Dyba geht eigne Wege, wenngleich Ankläge an verschiedene Kurzschriftsysteme zu finden sind. Sein Werk ist eine fleißige Arbeit, doch können die meisten Wortbilder nicht gerade als schreibflüchtig bezeichnet werden. Obendrein ist der Druck der beiden Büchlein wenig schön und wenig deutlich ausgefallen.

Im gleichen Jahre verfaßte Professor Arndt Scheller in Hildburghausen eine Übertragung der Stenotachygraphie, deren Lehrbuch nur in wenigen hektographisch hergestellten Abdrücken erschien.

Anfang 1927 erschien ein „Führer für Esperanto“ einer „Internationalstenographie“ von F. v. Kunowski. Diese Esperanto-Stenographie schließt sich eng an die von W. Wohlrabe bewirkte Übertragung der Nationalstenographie an.

Professor Ueberfeldt in Bonn hat unter Verwendung Gabelsbergerscher und Stolze-Schreyscher Zeichen eine Esperanto-Stenographie aufgestellt, bei der jeglicher Druck vermieden ist; auch Ueberfeldts Vorschläge sind manchmal recht originell und bieten als Systemstudie viel des Interessanten.

1919 erschien ein „Esperanto-Schlüssel“ für die von P. M. Drexel aufgestellte Kurzschrift, die aber nicht nur recht bizarre Formen aufweist, sondern auch so lang und unbeholfen ausgefallen ist, daß von einer Schnellschrift nicht gut die Rede sein kann.

Anfang Mai 1925 veröffentlichte B. P. Roubos in Dordrecht (Holland) eine Esperanto-Kurzschrift. Verfasser behauptet, die Mehrzahl seiner Zeichen dem holländischen Kurzschrift-System Groote entnommen zu haben, einen Teil auch dem System Pont, einer angeblichen Verbesserung [232] des Systems Balt, der das System Scheithauer aufs Niederländische übertrug.

*

1927 veröffentlichte ich meine im Jahre 1926 verfaßte Übertragung der deutschen Einheitskurzschrift auf das Esperanto, und zwar zuerst als eine Art Systemurkunde im „Esperanto-Praktiko“ und dann als Lehrbuch, nachdem diese Übertragung längere Zeit in der Praxis verwendet und erprobt worden war, und zwar durch den Inhaber des Esperanto-Verlages in Berlin und mehrere seiner Angestellten.

In „Kurzschrift und Wissenschaft“, der Fachbeilage zur Deutschen Stenographen-Zeitung erschien ein von Paul Straßner in Köln verfasster Aufsatz über Übertragungen von Kurzschriften auf fremde Sprachen, wobei neben den Übertragungen auf die englische und französische Sprache auch meine Esperanto-Übertragung erwähnt wird.

Nachdem dort gesagt wird: „... Je nach dem Zwecke gibt es nun zwei Arten von Übertragungen. Entweder sollen sie dem fremdsprachigen Volke nutzbar gemacht werden: dann wird der Bearbeiter nicht vor tiefer greifenden Änderungen zurückschrecken, um das neue System den Häufigkeits- und grammatischen Verhältnissen anzupassen, er wird mehr die Art, als das System selbst übertragen. Oder sie sind nur für den Kenner des Ursystems bestimmt, der auch Arbeiten in einer Fremdsprache zu erledigen hat: dann ist es wahrscheinlich, daß der Bearbeiter nach Möglichkeit das ursprüngliche System erhalten will und nur die notwendigsten Veränderungen vornimmt ...“ heißt es dann von meiner Übertragung weiter: „Von einem dritten Übertragungsversuch macht Regierungsrat Dr. David (vom Stenographischen Landesamt in Dresden) Mitteilung. Er kann als Behelf für Deutsche und als Übertragung im ersten Sinne aufgefaßt werden, denn er ist für die Hilfssprache Esperanto bestimmt. ... Sein jetziger Versuch kann, wie vielfache Schreibversuche ergeben haben, mit den bisherigen Übertragungen wohl in Wettbewerb treten ...“

*

Es ist wohl unbestritten, daß der enorme Aufstieg der Kultur unseres Jahrhunderts, weiterhin die immer stärkere Betonung der Friedensidee unter den Völkern, nicht zum mindesten aber auch die stetige Erweiterung des internationalen Verkehrs schon lange die nationalen Sprachgrenzen durchbrochen hat. Die Verwendung mehrerer Nationalsprachen bildet aber in allen Fällen eine recht große und unangenehme Erschwernis, so daß der Wunsch nach einer allgemein Welthilfssprache immer dringender wird. Die von Jahr zu Jahr größer werdende Verbreitung des Esperanto läßt den Wunsch nach einer Esperanto-Stenographie erklärlich erscheinen, denn bedient man sich in seiner Muttersprache der Kurzschrift, so will man sie auch für das Esperanto gebrauchen.

Genau so, wie sich das Esperanto in seinem Aufbau verhältnismäßig einfach darstellt, muß auch die Esperanto-Kurzschrift einfach sein, indessen darf sie hierbei Kürze und Schreibflüchtigkeit nicht vermissen lassen.

Nicht alle der bisherigen Arbeiten auf diesem Gebiete entsprechen diesen Voraussetzungen, besonders wenn die Schwächen des Muttersystems mit in die Übertragung hineingenommen werden.

Bei einer Übertragung müssen die Zeichen für die Laute der Grundsprache der Phonetik derjenigen Fremdsprache, für die die Übertragung geschaffen werden soll, angepaßt werden, denn es wird ja nur der gesprochene Laut, das gesprochene Wort stenographiert, und das hat zur Folge, dass eine Anlehnung an die Sprache, das Sprechen, und nicht an das geschriebene Wort erfolgen muß.

[233] Die von mir „Rapido“ genannte Übertragung der deutschen Einheitskurzschrift lehnt sich zwar möglichst eng an das Muttersystem an, doch ließen sich einige Änderungen in den Zeichen nicht umgehen, was durch den lautlichen Aufbau des Esperanto bedingt ist; im sonstigen aber hat die Übertragung den Charakter der deutschen Einheitskurzschrift nicht verloren.

Nachdem die deutsche Einheitskurzschrift nunmehr unter Ausschluß aller anderen Stenographiesysteme für den Schulunterricht und für den amtlichen Gebrauch vorgeschrieben und eingeführt worden ist, werden schon nach wenigen Jahren Millionen von Personen deutscher Zunge dieser Kurzschrift mächtig sein, so daß dann deutsche Esperantisten ohne Zweifel nur nach dieser Esperanto-Übertragung greifen werden. Andererseits aber, da Deutschland schon oft für Stenographie und auch für Esperanto vorbildlich gewesen ist, besteht die Möglichkeit, daß durch Esperanto und durch die Esperanto-Übertragung auch noch andere Völker von dem deutschen Muttersystem werden Nutzen ziehen können, wie das beispielsweise bei dem Gabelsbergerschen System der Fall war.