Zweimal Bayreuth

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Autor: Paul Bekker
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Titel: Zweimal Bayreuth
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 258 (27.08.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Zweimal Bayreuth


Was ist Bayreuth?

Zunächst die Erfüllung eines Künstlertraumes, wie er in dieser Art nur einmal geträumt wurde. Es gibt Festspielunternehmungen verschiedenster Gattungen in neuen, amphitheatralisch gebauten Häusern, auf Freilichtbühnen und in alten Arenen. Mit Bayreuth hat das alles nichts zu tun. Wer einmal eine Reihe von Aufführungen in dieser nur dem Theater geweihten Atmosphäre gesehen, einmal das „Parsifal“-Vorspiel aus dem „mystischen Abgrund[“], aus dessen Raumanlage heraus es konzipiert wurde, gehört hat – der weiss, dass sich hier etwas Unnachahmliches offenbart. Stehe man zu dem Phänomen Wagner wie man mag – an der Sicherheit, Grösse und Vollendung, mit der sich hier der Wille zur Tat geformt hat, gibt es nichts herumzudeuteln. Das steht und ist.

Es ist sogar noch dann, wenn Einzelheiten der Aufführung schlecht sind. Man sah schon in früheren Jahren verschiedentlich Fehlgriffe in Besetzungen, Protektionsengagements und andere misslungene Experimente in Bayreuth. Sie wurden unangenehm empfunden, konnten aber nicht eigentlich stören, zumal sie meist nur einzelne Solopartien betrafen. Chor und Orchester, stets aus den besten deutschen Ensembles zusammengesetzt, trugen aus sich heraus, und der Zauber des Ganzen war so mächtig, dass er alles Unvollkommene in das Vollkommene löste.

So war es, und so mag es sich in vielem heute noch verhalten. Man braucht kein Heuchler zu sein, auch kein Schwächling, den ein Weihrauchduft berauscht, um diesem Eindruck zu unterliegen. Hier ist der elementare Durchbruch einer grossen Künstler-Idee, für die der Einsatz eines ganzen Lebens dargebracht wurde. Das ist stark lebendig und somit immer wieder fruchtbar. Nur wer es ganz tief in sich aufgenommen hat, mag sich dann für die eigene Arbeit die Befreiung davon erkämpfen.

Das ist das eine: die Idee von Bayreuth.

Das andere ist die wirkliche Erscheinung.

Die Idee war die Tat Wagners. Die Erscheinung war das Werk Cosimas. Damit stehen wir an der Wurzel der Widersprüche, die sich hier so überschneiden, dass die heutige Erscheinung von Bayreuth sich zur Verhöhnung der Idee gewandelt hat.

Nicht, weil es hier „menschelt“. Das ist zu allen Zeiten in fast allen hohen Angelegenheiten mehr oder weniger der Fall. Gewiss ist Bayreuth seit Jahrzehnten die hohe Schule jener Art geistiger Hörigkeit, die man Byzantinismus nennt und deren Verkehrstechnik sich aus Schmeicheln, Kriechen und anderen, garnicht gralsmässigen Uebelkeiten zusammensetzt. Der Grund hierfür aber lag nicht in der gewöhnlichen Spekulation auf menschliche Eitelkeit. Er ergab sich aus dem System der Hierarchie, das die alle Schranken sprengende Hingabe einer Frau um den schaffenden Mann aufbaute. Für sie war er eben nicht der Musiker und Theaterspieler, als den er sich selbst bezeichnete. Für sie war er der Stifter einer neuen Religion, der Schöpfer einer neuen Menschheit.

Um das grosse und starke Kunstwerk des Theaters herum wuchs und wucherte das Unkraut Weltanschauung. Sie ist eine spezifisch deutsche Pflanze, die sich bei uns überall da einnistet, wo sich ein ursprüngliches und gerades Gefühl zu falschem Geltungsbedürfnis aufbläht und plötzlich metaphysischen Anwandlungen verfällt.

Gewiss lagen Wagner selbst derartige Deutungen seiner Sendung keineswegs fern. Er hatte sich für Gobineau interessiert, hatte für die Tierschutzbewegung, für den Vegetarismus, gegen die Vivisektion geschrieben. Aber das waren für ihn episodische Abschweifungen, die sich aus irgendwelchen zufälligen Anregungen oder Ideenkombinationen ergaben. Gegründet, zusammengehalten und immer wieder zur Ordnung gerufen wurde das alles durch den natürlichen Instinkt des elementaren Theatergenius, für den die ganze Welt eigentlich nur existiert, damit man durch sie und mit ihr Komödie spiele.

Dieser Instinkt, im kleineren Umfange als Regisseurbegabung auf den Sohn Siegfried vererbt, lag Cosima fern. Gerade sie indessen musste der Erscheinung von Bayreuth den Stempel geben. Wagner starb, ehe noch die Erhaltung des Bayreuther Hauses endgiltig gesichert schien. Diese Erhaltung blieb Cosimas Aufgabe und Leistung. Cosima war eine im eigentlichen Sinne unmusikalische Natur. Ausser Wagnerscher Musik hat sie kaum etwas intensiv musikalisch aufgenommen. Ebenso fremd war ihr der naiv elementare Komödiantensinn Wagners. Bei ihr ging alles auf den Stelzen einer verquollenen Kunstphilosophie, die nun aus einer faszinierenden Initiative und persönlicher Autorität heraus Theater zu spielen begann, Weltanschauungstheater.

Aus dem Fluidum dieser Frau bildete sich jener mystisch parfümierte trübe Dunst, der seit einem halben Jahrhundert die geistige Atmosphäre von Bayreuth ausmacht. Ein Kreis anbetender Frauen, meist Angehörige der internationalen Aristokratie, schuf den frömmelnden Kunstdünkel der Auserwählten, literarische Hausknechte wie Hans von Wolzogen und deutschtümelnde Eunuchen ergänzten den französisch katholizierenden Hofton durch entsprechend aufgefärbte Germanismen. Die eigentliche kulturhistorische Prägung aber erhielt dieses Milieu durch die Erscheinung Houston Stewart Chamberlains.

Unter allen Uebelkeiten der nachwagnerischen Periode bedeutet dieser Mann die widerlichste und verächtlichste. Englischer Renegat, trug er kein Bedenken, in den „Kriegsaufsätzen“ sein eignes Land und Volk – nicht etwa eine gegnerische Regierung – vor aller Welt mit Schmutz zu bewerfen, und der deutsche Kaiser trug kein Bedenken, diese Erbärmlichkeiten durch eines der ersten Exemplare des E. K. am weiss-schwarzen Bande zu belohnen. Urbild des geistigen Hochstaplers in der Wissenschaft, hat Chamberlain Bücher über Wagner, Goethe, Kant geschrieben. Aus der impertinenten Minderwertigkeit der eigenen Natur suchte er Persönlichkeiten zu erfassen, deren Wesen ihm ein Buch mit sieben Siegeln bleiben musste. Seine „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, Jahrzehnte hindurch das Konfirmationsgeschenkwerk für die deutsche Jugend, sind das typische Erzeugnis jener dilettantischen Kulturgeschichtsbetrachtung, bei der man nie feststellen kann, was grösser ist: die Unkenntnis des Stoffes oder die Unredlichkeit der Absicht.

So wurde aus Cosima und aus ihrem Schwiegersohn Chamberlain das andere Bayreuth, die Hochburg des Scharlatanismus und der verlogenen Romantik. Aus beiden keimte als dritte Blüte der politische Schwachsinn und das Dunkelmännertum.

Siegfried Wagner, der Erbe, war zu unbedeutend, um sich auf diesem Gebiet hervorzutun. Er machte selbstverständlich mit, im übrigen beschäftigte ihn in erster Linie das Theater als solches. Darin war er der Sohn des Vaters. Nach seinem Tode aber, der nur wenige Monate nach dem Hinscheiden der Mutter erfolgte, ist die Chamberlainsche Saat zu herrlicher Blüte angegangen. In Siegfrieds Frau Winifred, der langjährigen Ludendorff- und Hitler-Verehrerin, kam nun eine Persönlichkeit zur Herrschaft, deren nüchterne Bürgerlichkeit solchen Einflüssen nicht einmal jenen tiefen Fanatismus der Liebe und der Frauenklugheit als Ausgleich entgegenzusetzen hatte, wie er die in ihrer Art stets imposante und hochkultivierte Cosima kennzeichnete.

Dieser neue, letzte Bayreutherkreis, charakterisiert durch Namen mediokrer Kunstfeldwebel wie Elmendorff, Tietjen, Hösslin, bedeutet eine kaum noch überbietbare Deklassierung, würdig der Hakenkreuzflagge, die darüber weht.

Aber der Zauber des Wagner-Vermächtnisses lebt weiter. Und wenn die Wirklichkeit nur noch ferne Erinnerung ist an das, was sein sollte, so bleibt die Idee das Unzerstörbare, jenseits aller Trübungen des Tages.