ADB:Hüllmann, Karl Dietrich

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Artikel „Hüllmann, Karl Dietrich“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), ab Seite 330, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:H%C3%BCllmann,_Karl_Dietrich&oldid=554537 (Version vom 25. Dezember 2009, 09:15 Uhr UTC)
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HüllM1mn: Karl Dietrich H., Geschichtsschreiber, geb. am 10. Septbr. 1765 zu Erdeborn bei Eis leben in der ehemaligen Grafschaft Mansfeld, wo sein Vater Pfarrer war. Nachdem er die höhere Schulbildung auf dem Gymnasium zu Cisleben erhalten hatte, begab er sich zu Ostern 1783 auf die Universität Halle. Hier theilte ee seine Studien zwischen Theologie, Philosophie und Pä- dagogik, die von Niemeyer gelehrt wurde; außerdem besuchte er die sehr beliebten Vorträge des Historikers Krause, ohne jedoch von ihnen in gleichem Grade angezogen oder durch sie seines Berufes bewußt zu werden. Dagegen ist schon damals die Neigung zum Lehrfache in ihm erwacht: den ersten Unterricht ertheilte er im Sommer 1786 am Pädagogium zu Halle und hielt sich den nächsten Winter über bei Salzmann in Schnepfenthal auf, um dessen hier blühende Crziehungsanstalt durch Anschauung und Mitwirkung kennen zu lernen. Im Frühjahr 1786 siedelte er, dem inneren Drange folgend, nach Bremen über, wo er eine Privatschule für Knaben errichtete, die für den Handelsstand bestimmt waren. Fünf Jahre lang hielt er hier mit voller innerer Befriedigung aus, bis er Ostern 1792, um eine feste Stellung zu gewinnen, einem Rufe des Abtes Resewitz als Lehrer des Französischen und der Erdkunde an daß Pädagogium zu Kloster Bergen folgte. Aber auch hier war seines Bleibens auf die Dauer nicht. Nach etwa anderthalb Jahren begleitete er, auf unbestimmte Zeit beurlaubt, einen jungen Edelmann nach Berlin und übernahm, verfuchsweise wie es scheint, eine Lehrerstelle an der dortigen Realschule. Und von hier aus entschied sich endlich seine Zukunft und ergriff er die Form des Lehrberufes, in welcher sich dann alle seine Fähigkeiten und Gaben in möglichster Vollkommenheit entfalteten. Er entschloß sich Dank wohlbegründeter Aufmunterung im Frühjahr 1795 als Privatdocent der Geschichte, zu welcher er sich immer ernstlicher hingezogen fühlte, an der Universität zu Frankfurt an der Oder aufzutreten. Vers its stand er in seinem 80. Lebensjahre; als Schriftsteller hatte er sich überhaupt noch wenig, in dem nun ergriffenen Fache noch gar nicht versucht. Immerhin war es aber keine falsche Stimme, der er bei der getroffenen Wahl gehorcht hat: der Erfolg hat sie gerechtfertigt. Schon nach zwei Jahren wurde er zum außerordentlichen und etwa 10 Jahre später zum ordentlichen Professor dt-r Ge- [331] schichte befördert. Nebst anerkannter Lel)rwirksamkeit hat er in diesen Jahren zugleich als Schriftsteller die Thätigkeit begonnen, die seiner Natur die entsprechendste war und durch welche er all’ das geleistet hat, so weit seine Kraft überhaupt reichte.

Das J. 1808 und die diesem vorausgegangene schwere Krifis, die über den preußischen Staat hereingebrochen war, hatte auch für H. eine Aenderung seiner äußeren Lage im Gefolge. Die Gründung einer neuen Hochschule in Berlin und die Vereinigung der Universität Frankfurt mit der zu Breslau wurde mitten unter den nächsten Nachwehen der erlittenen Niederlage in Aussicht genommen; zugleich aber und zuvörderst sollte die ostpreußische Hochschule aufgebessert und durch Berufung neuer Lehrkräfte gehoben werden. Aus diesem Zusammenhange ging die Verpflanzung Hüllmann’s als– Professor der Geschichte und Statistik nach Königsberg (Herbst 1808) hervor. Neun Jahre hat H. in dieser neuen Stellung, wie er selbst sagt, in den angenehmsten Verhältnissen, aber auch vielseitiger Thätigkeit zugebracht. In dieser Zeit ist er dem damaligen Kronprinzen – dem späteren König Friedrich Wilhelm 1K. – näher getreten, da ihm der Auftrag wurde, demselben geschichtliche Vorträge zu halten. Als Lehrer hat H. überhaupt stets noch mehr geleistet denn als Schriitsteller; man darf das auszsprechen, ohne ihm zu nahe zu tretrn, oder seinem litterarischen Verdienste darum ungerecht zu werdet:. Hier in Königsberg fand er außerdem Gelegenheit, sein großes Talent im Fache der Verwaltung und als Mann der Geschäfte zur Geltung zu bringen. Er ward Infpektor des albertinischen Collegiums, Mitglied –und wiederholt Director der sogenannten wissenschaftkichen Dt-putation und Vorstand der königlichen deutschen Gesellschaft. Und es dauerte nicht lange, so wurde ihm für alle diese seine Gaben ein noch größerer und durchaus erwünschten Schauplatz eröffnet. Daß rauhere Klima Königsbergs hatte H. uiemals zusagen wollen und er sehnte sich aus diesem Grunde, wie sehr ihn alle übrigen Verhältnisse auch befriedigen mochten, nach einer Veränderung seineiz Aufenthaltes. Ein Ruf nach Heidelberg, der im J. 1817 an Wilken’s Stelle an ihn gelangte, versprach alles zu gewährtn, was er sich in dieser Richtung nur wünschen konnte; die Annahme desselben hätte ihn freilich zugleich dem preußischen Staate vielleicht dauernd entzogen. Da trat die Staattsregierung dazwischen und sicherte ihm eine Professur an der in der Errichtung begriffenen neuen rheinischen Universität zu. So verließ denn H. noch im Herbste 1817 Königsberg, nahm zunächst seinen Wohnsitz in Köln und siedelte im Frühjahr des folgenden Jahres nach Bonn über, wo er dem Oberpräsidenten Grafen zu Solms Laubach in der Organisation der neuen Hochschule erfolgreich zur Seite stand und nach der Eröffnung derselben ihr erster Rector wurde. Die ganze noch übrige Zeit seines Lebens hat H. in dieser seiner neuen Stellung zugebracht. Seine große Anziehungskraft ak Lehrer hat ihm hier die reichste Wirksamkeit gestattet und eine seltene Anhänglichkeit seiner Schüler und Zuhörer erweckt. Seine Vorträge umfaßten Geschichte des Alterthums und des Mittelalters, Deutschlands und Preußens, neuere und neueste Geschichte Europa’s, ferner Statistik, Stacrtsrecht und Staatswirthschaft und vor allem auch Culturgeschichte, welche er in edler Erfassung ihres Inhaltes alseiner der ersten, wenn nicht der erste, vom Katheder aus behandelt hat. Sein schon hervorgehobenes Talent zur Verwaltung und als Geschäftszmann hat er auch in Bonn vielfach zu verwerthen Gelegenheit gehabt. Vertrauensmann der Staatsrcgierung wie er war, hat er u. a. mehrere Jahre hindurch daß f schwierige Amt eines Regierungsbevollmächtigten an der Hochschule bekleidet. Politisch gewogen, huldigte H. einer streng conservativen, aber den Lehren der Ge schichte nicht verschlossenen Gesinnung. Seine schriftf1ellerische, in Königsberg erst recht begonnene Thätigkeit hat er in Bonn fortgesetzt und die Gegenstände, [332] die seine Hauptwerke behandeln, sichern ihm eine eigene Stellung in der Geschichte unserer Historiographie zu. Es ist nicht die politische Geschichte im engeren Sinne des Wortes, mit welcher er sich beschäftigte, sondern daß Zuständliche, daß mehr Dauernde im Wechsel, die Einrichtungen des Staates und der Kirche, die Organisation des bürgerlichen Gemeinwesen:-, die Entwickelung des Handels, der Bewirthschaftung des Bodens, kurz Alles, was zwischen äußerer Geschichte, Verfassungskunde und Rechtswissenschaft in der Mitte liegt. Obenan stehen seine „Geschichte des Ursprungs der Stände", die 1880 in völlig neuer Bearbeitung erschien, und das umfassendste seiner Werke, das „Städtewesen des Mittelalters", das in den Jahren 1825–29 in 4 Bänden an daß Licht trat und seinen Namen am weitesten getragen hat, für seine Zeit und angesichts der wenigen Vorarbeiten 1mzweifelhaft eine anerkennungswerthe Leistung, wenn sie -auch schon hinter seinen eigenen Anforderungen an ein Unternehmen der Art zurückblieb. Seine Lehrwirksamkeit hat H. bis zum J. 1841, also bis zu einem sehr hohen Alter fortgesetzt. Seitdem zog er sich immer mehr von der Oeffentlichkeit zurück, bis ihn endlich am 4. März 1846 der Todesengel sanft berührte.

Ferdinand Delbrück in Ad. Schmidt’s Allgemeiner Zeitschrift für Geschichte, 6. Bd. (1846) S. 1–14. – Eigene Skizze Hüllmann’s von seinem Lebensgange in dem Stammbuch der philosophischen Facultät der Universität Bonn. – Die Mehrzahl seiner Schriften sind aufgeführt im Neuen Nekrolog der Deutschen, 1846, Thl. 1, S. 167–168.

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