ADB:Herbrot, Jakob

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Artikel „Herbrot, Jakob“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), ab Seite 45, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Herbrot,_Jakob&oldid=553775 (Version vom 24. Dezember 2009, 08:45 Uhr UTC)
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Herbrot: Jacob H., der letzte zünftige Bürgermeister von AugSburg, war der Sohn eineS auS Schlesien nach Augs3burg eingewanderten KürschnerB, der sich in die Zunft eingeheirathet hatte, aber bei einem Streit auf dem ZunfthauS erschlagen worden war. Sein Geburt;-jahr scheint 1490 zu sein; ein eigenes HauSwesen begann er um 1520 mit einem nur mäßigen Vermögen; denn zu seinem ,,durch Wucher", wie seine Gegner schmähten, erworbenen Vermögen von 400 Fl. hatte ihm seine Frau Maria, eine Tochter deS Kaufmanns Lorenz Kraffter, nur weitere 800 Fl. zugebracht. Aber sein bald bedeutender Handel mit Pelzwerk und Kostbarkeiten verschiedener Art, sowie Geldgefchäfte, wozu der Verkehr der R1-ichStage Gelegenheit bot, machten ihn zum wohlhabenden, bald zum reichen Mann, der durch dieEinrichtung seineS HaufeS, die darin gefeierten Feste und seinen weitberühmten Garten den Glanz der reichsten Hau?-haltungen in der Stadt überbot. Der Kürschnerzunftmeifter trat in die Kaufleutestube über und spielte hier schnell die hervorragendste Rolle an der Spitze der mit den Geschlechtern nicht gleiche Wege verfolge-nden Gemeinde. Der ReformationS- bewegung scheint er sich schon sehr frühe angeschlossen zu haben. Seit 1522 war sie in AugsJ-burg immer kräftiger vorgeschritten, fo daß 15Z42 die Messe abgeschafft und der evangelische GotteSdienst überall eingeführt wurde, 15Z7 die katholische Geistlichkeit sogar die Stadt verkafsen mußte. H. mag dabei schon mitgewirkt haben; denn im folgenden Jahre, von wo an wir feine Wirksamkeit genau verfolgen können, lernen wir ihn schon al–S einen Mann von großem Einfluß unter der Bürgerschaft kennen. Nicht mit gleicher Begeisterung waren die Gesch’kechter für die religiöse Neuerung eingetreten, wie die Zünfte. Aber sie waren zu schwach, um der VolkSsache einen Damm entgegenzusetzen; denn die Zahl ihrer Familien war seit 1Z68 von 51 auf 7 zusammengeschmolzen. A15 um 1538 daß Patriciat durch die Aufnahme von 89 neuen Familien ergänzt wurde, erhob sich eine heftige, wenn auch erfolglose, Opposition dagegen; e3 war »H. mit seinem Anhang", den seitdem die Patricier als ihren Hauptgegncr anzusehen gewohnt waren. Daß er nicht mit Unrecht eine Gefahr für die Ver- fassung der Stadt in dieser Vermehrung der Geschlechter gesehen hatte, lehrte die Folgezeit. Seitdem erweiterte sich die Kluft immer mehr. Die Kaufleute errichteten 1539 eine eigene Stube, und sie war der Herd deS selbftbe-wußten VorgehenS der Bürgerschaft auf kirchlichem und politischem Gebiet, daß noth- wendig die Stadt mit dem Kaiser in Collision bringen mußte. H. und innig mit ihm verbunden, fein Freund Georg Oesterreicher, waren die Seele aller dieser Bestrebungen. Zwar wuch–S dadurch nur die Mißgunst der Geschlechter gegen den »Meister Pellifex«, der dadurch auch ihre HandelSinteressen gefährdete, aber seine Beredfamkeit, seine Freigebigkeit, seine Verbindungen an den Höfen Per. Fürsten, die RepräsentationSgabe des:; weltkundigen Manne-?, welche der- 1emgen der Patricier, die fo gern über daß Ungefchick der Bürger dazu fpotieten, nichtS nachgab und sein entschiedemS Eintreten für den evangelischen Glauben u;1d feine Prediger sicherte ihm um so mehr die Gunst dez VolkeS, daß in ihm semen natürlichen Führer sah. Seine Stellung befestigte sich immer mehr; wir [46] finden ihn al8 Vertreter der Stadt bei dem Wormser Religion8gefpräch (1541), auf dem Nürnberger Reich?-tag (1542), bei der Feststellung der Grenzen der Markgraf- schaft Burgau und bei Verhandlungen wegen eineö neueingeführten Zolleß in München (154Z), bei dem SchiedSgericht zwischen der Stadt Donauwörth und der Familie Fugger (1544), al-Z Berather bei der Einführung der Reformation in Donau- wörth (1545) und bei vielen anderen Anlässen. Wie groß fein Ansehen in der Stadt war, zeigt sich. am besten darin, daß ihn Sebastian Schertlin ,,feinen Landeöherrn« zu nennen pflegte. Seinen Höhepunkt aber erreichte H., alS er in dem wichtigen J. 1546 daß Bürgermeisteramt bekleidete. Schon seit dem Ein- tritt in den fchmalkaldischen Bund hatte die Stadt die kaiserliche Ungnade zu fühlen bekommen. Sie wurde hineingezogen in die Unternehmungen gegen Hein- rich von Braunschweig, die großen Ge1dopfer, die dadurch nöthig wurden, brachten H. zwar manche Anfeindung, vermochten feine Stellung aber nicht zu erschüttern. Auch jetzt, wo der Bruch mit dem Kaiser und die Kriegs-gefahr immer drohender wurde, hielt die Bürgerschaft in ihrer großen Mehrheit zu ihm; Sorge für den evangelischen Glauben und reichZftädtischeS Selbftgefühl beftärkte sie in ihrer Haltung. H. und Schertlin hatten die Zuversicht noch zu erhöhen vermocht, als sie am 16. August 1545 auf dem Frohnhof eine Muste- rung der Bürgerschaft hielten; H. selbst zog im Harnisch voran, fein Sohn, Georg Fugger und Jacob Adler trugen die Rennfahne; Z596 Mann zu Fuß und 470 zu Pferd betrug die kriegStaugliche Mannschaft. Schmähten auch die Gegner über daß ,,von dem übermüthigen H. angestellte Kinderspiel", man ließ sich nicht irre machen; selbst im Augenblick der Entscheidung verhallten die war- nenden Stimmen auS den Reihen der Geschlechter wirkung-SloS, obwol selbst Herbrot’S patricischer College, der entschieden evangelisch gefim1te Ham-z Welser, gegen den Krieg war. AlS nun (im Juli 1546) Schertlin’äs Zug gegen Füssen und die Eroberung der Ehrenberger Klaufe der Siege-?-zuversicht neue Nahrung zugeführt hatte, wagte sich der reich?-städtische Trotz noch kühner hervor; Schmähfchrifteu gegen den Kaiser erschienen; ein Schützling Herbrot’S, der Prä- dicant Bernhard Occchino, war darin am rührigsten. Aber nur zu bald erfolgte der Umschlag. AnfangS August war H. mit Welser zur Begrüßung der Fürsten in Donauwörth gewesen, am 15. August hatte er dem KriegS-rath zu ReichertS- hosen angewohnt und vergebenS für eine energische Kriegsführung zu wirken ge- sucht; bereite?- im October sah die Stadt ihre Mannschaft wieder in ihren Mauern; Schertlin hatte sich schon durch die Feinde durchschlagen müssen; am 27. November hatten die Fürsten ihr Lager bei Giengen verlassen und die oberdeutschc-n Städte preiSgOgeben. Obwol der Muth der Bürger noch immer nicht gebrochen war, wurde Herbrot’S Stellung jetzt eine äußerst schwierige. Während Anton Fugger sich in Eßlingen und Ulm bemühte, »einen christlichen leidlichen Vertrag« von dem Kaiser zu erhalten, fiel H. die schwere Aufgabe zu, der Bürgerschaft die harte Nothwendigkeit, sich zu fügen, klar zu machen. Viele waren für die äußerste Gegenwehr, die Prädicanten bestärkten sie; Schertlin, den KarlH Haß befonderS alS Opfer auSerfehen hatte, wollte nicht weichen. AlZ endlich nach langen Verhandlungen der unerbittliche Kaiser einen letzten Termin von 40 Stunden für die Annahme seiner harten Frieden5-bedingungen gesetzt hatte (biS zum 24. Januar), gelang eS H., Schertlin, von dem man noch TagZ zuvor einen Plan zur Vertheidigung der Stadt hatte ausarbeiten lassen, gegen daß Versprechen völliger SchadloShaltung bei allen bevorstehenden VermögenZ- Verlusten zum freiwilligen Abzug zu vermögen. Die Gesandten leisteten in Ulm die verlangte fußfällige Abbitte, die auf 150000 Fl. endlich ermäßigte Strafsumme wurde gezahlt, indem Anton Fugger und H. der Stadt durch große Vorschüsse s der Stadt zu Hülse kamen, deS Kaiserö Kriegö3volk zog in die Stadt ein, deren Bedrängnisfe sich mehrten, weil von allen Seiten die maßlofesten EntfchädigungS- [47] ansprüche an sie gestellt wurden; aber befondertz drückend laftete die Sorge wegen der Religion8frage auf den Gemüthern, in der niemand dem Kaiser traute. Als nun am 18. Juli 1547 der Cardinal Otto von Truchseß, und zwei Tage später der Kaiser selbst eingezogen war, wurden wirklich mehrere Kirchen für den katholischen Gottes?-dienst weggenommen, der evangelische offen von den Spaniern verhöhnt; zuletzt mußten die Prädicanten froh fein, daß sie überhaupt noch predigen durften. Bald (19. August) hatte H. auch die schmerzliche Aufgabe zu erfüllen, den von 400 Spaniern eZcortirken gefangenen Kurfürsten von Sachsen nach AugSburg einzuholen. Aber daß Schwerfte kam noch. JN der VorauSsicht, daß des KaiserZ Zorn noch in einem andern Blitzstrahl über die trotzige ReichSstadt sich entladen werde, hatte H. schon während der Verhand- lungen in Ulm alleS aufgeboten, um zu verhüten, daß Aug8burg der Sitz deZ nächften ReichtagsS werde. Jhm bangte für die demokratische Verfassung der Stadt. Ein am 18. Juni an ihm geübter ErprefsungSVersuch, wo er, plötzlich in die kaiserliche Pfalz citirt, nur gegen eine Bürgschaft von 25 000 Fl. –– 80 000 waren zuerst verlangt worden, –– lo?-kam, bestätigte schon, wie begründet seine Befürchtung war. A13 mm der Reichö3tag geschlossen, daß verhaßte JnteJ:im verkündigt war –– eine Maßregel, die noch der züNftifche Rath vornehmen mußte –– wurden am Z. August plötzlich die Bürgermeister, der große und kleine Rath und angesehene Bürger vor den Kaiser citirt und ihnen nach einer scharfen ungnädigen Ansprache eröffnet, daß die biSherige Verfassung abgeschafft sei und dafür ein neue?-, rein patricischeS Stadtregiment eingesetzt werde. Die Zünfte wurden aufgehoben, die Zunfthäuser verkauft, der Erlös dem neuen Rath übergeben. Auf Herbrot’S Person war der Zorn de?- Kaisers durch die Ge- schlechter besonderS gelenkt worden, jetzt nach ihrem Sturze machten sie ihrem Hasse noch durch Proccfse gegen ihn Luft, in denen er jedoch vor den Gerichten Recht behielt. Dazu erschienen schändliche Paß-quille und Spottgedichte über ihn. Sie vermochten ihm die .VolkSguNft nicht zu nehmen. Ja sogar in höheren Kreisen wußte er sich zu halten, wie feine Ernennung zum Rath deS KönigS Ferdinand, feine Erhebung in den Adelftand und die glänzende Hochzeit seines SohneS in Wien mit einem Freifräulein von Hieburg zeigt. Auch für feine politische Wirksamkeit schien sich noch einmal die Bahn zu eröffnen. Dez Kaifers.3 DespotiSmuS, der durch ganz Deutschland fühlbar war, steigerte auch in Aug?-burg, wo daß spanische KriegSVolk übeI hauste, die Unzufriedenheit, die zum Jngrimm wuchsH, je mehr auch der evangelische Gottesdienst unterdrückt wurde. Man sah um fo mehr zu dem bewährten VolkSmann H. auf, der die Kühnheit hatte, die 1551 vertriebenen Prädicanten in seinem Haufe noch einige Zeit zu beherbergen. AlS endlich die rückfichtSloseAu53nüizung feine5 SiegeS dem Kaiser auch die bic?-herigen Freunde e11tfremdet hatte, und Kurfürst Moritz mit seinen Verbündeten gegen Tirol zog, konnten H. und fein Freund Oefterreicher, die schon hinter dem Rücken des RathS mit diesen verhandelt hatten, e3 wagen, offen für sie aufzutreten. Al?- der Rath die Bürgerschaft verfammelte und zum Widerstand gegen die Fürsten aufforderte, erklärten die Beiden, sie hätten und wüßten keinen Feind, und die Gemeinde zeigte eine fo entschiedene und drohende Haltung, daß der Rath die Unmöglichkeit, die Stadt dem Kaiser zu eyhalten, erkannte und abtrat. Am 4. April 1552 ritten die BundeSfürften in d;e Stadt ein; Kurfürst Moritz nahm sein Absteigequartier bei H. Nun wurden d1e Zünfte und die vor 1548 bestandene Verfassung sowie der evangelische GotteSdienft wiederhergestellt ; H. sah sich wieder an der Spitze der Stadt als Büygermeifter. Aber keiner der Patricier wollte fein College sein; mit Mühe bt;fttmt;1te man endlich Anton Rudolf zur Annahme der Wahl. Jedoch daß Emgre1fen der Fürsten in die städtischen Angelegenheiten, ihre starken Geldforde- [48] rungen, sowie die Weigerung der Geschlechter, einen Vertrag wegen Aufrecht- . erhaltung der Zunftverfassung einzugehen, erschwerte Herbrot’S Stellung sehr. z Zudem wurde Schertlin, der jetzt rückfichtSloS mit feinen EntschädigungSforde- s« rungen hervortrat, lästig. A18 nun vollendS der Passauer Vertrag kein Wort - zum Schutze detJ zünftischen Regiments enthielt, sah man mit Bangen der An- kunft dez Kaisers entgegen. Am 2C). August erschien er; fünf Tage später wurde der ganze Rath abgesetzt, den Zünften ihr Gold, Silber und alle Baar- I schaft abgenommen, ihre Bücher und Register verbrannt, der Kaufleuteftube ein I Verweis ertheilt. Ein rein patricifcher Rath trat an die Stelle. Hiemit war Herbrot’5 politische Rolle auögefpielt, aber auch die Leben;-kraft der Stadt war gebrochen. Daß über die gefallene Größe sich die Schmähsucht wieder in Spott- I liedern und PaZquillen erging, kann nicht wundern z sagte man sich doch, daß etz mit des KaiserS Einwilligung geschehen fei, alS in der Nacht vor dessen Abzug Graf Jost von Zorn Herbrot’S schönen Garten verwüftete und die Ge- fbäude niederbrannte. –– Für die Dauer war für H. in Aug-Iburg kein Aufent- halt mehr. Er wurde pfalzgräflicher Rath und Pfleger in Lauingen, nachdem : er fein Geschäft, in welchem er schwere Verluste erlitten hatte, 1557 den Söhnen übergeben hatte. Die Lage war damal8 noch keine -ungünstige; 750 958 Fl. betrugen die Activa, 58Z 961 Fl. die Passiva. Da er sich aber nicht ganz von dem Geschäfte lock-gelöst hatte, auS dem er sich eine Rente von Z600 Fl. vorbehielt, hielten sich die Gläubiger an ihn, alS gegen die Söhne, H die schon länger in Geldverlegenheiten waren, 1562 auf der Frankfurter Messe vollends ein Sturm lo?-brach. Nur gering war die Ueberschuldung: 545 014 Fl. Activa gegen 554 62Z Fl. Passiva. Dennoch konnte der alte H. kein Geld aufbringen; feine alten AugSburger Feinde sorgten dafür, daß er kein8 bekam. ,,Der Herbrot ist verdorben; fein Weib vor Leid gestorben; dez freut sich jeder- mann", fo jubelte man dort in Spottliedern. E5 wurde zuletzt ein Gan.tver- ’ fahren gegen ihn eröffnet, und da seine Söhne gcflüchtet waren, der 74jährige Mann nach Neuburg in die Schuldhaft abgeführt. Dort starb er in einer - Herberge am 21. April 1L-74. Die Prädicanten hatten ihm al8 Zwing«lianer MPO daß Abendmahl verweigert; nicht einmal ein ehrlicheZ Begräbniß wollte man ihm gestatten; mit Mühe erreichte etz der Landvogt Jlsung, daß er in einem Winkel deeS GotteL-ackerZ5 am frühen Morgen beerdigt wurde. Noch nach seinem Tode tönte der Haß feiner Gegner in Spottliedern fort. TheilS die Schmähfucht der Zeitgenossen, thei1S die Befangenheit der späteren Zeitgenossen hat dass Bild des5 merkwürdigen ManneS getrübt, dem k erst die neueste Zeit Gerechtigkeit widerfahren ließ. Nachdem v. Li1iencron in den hiftor. VolksJliedern C1?. S. 57Z ff.) ihn besser gewürdigt hatte, hat Hecker in der Zeitfchr. d. hist. V. V. Schw. u. Nbg. 1. 1. S. 34––98 und S. 257–Z10 eine actenmäßige Schilderung feines?- WirkenS gegeben. Auf diesen Arbeiten und auf handschriftlichem Material der Lindauer Stadt- bibliothek und der Bibliothek des hist. Vereins in Augsburg faßt daß Vor- ftehende.

G. Mezger.
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