ADB:Hermann V.

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Artikel „Hermann V.“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), ab Seite 135, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hermann_V.&oldid=553825 (Version vom 5. Dezember 2009, 12:54 Uhr UTC)
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Band 12 (1880), ab Seite 135. (Quelle)
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Hermann V. von Wied, Erzbischof von Köln, geb. am 14. Januar 1477. Er war der drittgeborene Sohn dez Grafen Friedrich von Wied und der AgneS von Virneburg. Ein Kanonikat am Kölner Domstift erhielt er bereitß alS fechS’-jähriger Knabe, 1488. Jm J. 149Z wurde er in der juristi- schen Facultät immatriculirt. Nach dem Tode deS Erzbischoftz Philipp 1505 wurde er einstimmig zu dessen Nachfolger gewählt. Die Regalien erhielt er am 26. April desselben JahreS, die päpftliche Bestätigung am 26. Juni und gegen eine Gebühr von Z6 000 Gulden daß Pallium, drei Jahre später erhielt er die bischöf1iche Confecration. Bei Gelegenheit feiner Jnthronifation wollte er auch feinen feierlichen Eintritt in die Stadt Köln halten, der Rath erklärte aber, nicht eher könne der Eintritt gestattet und die Huldigung geleistet werden, alS biS eine Einigung über die gegenseitigen Rechte erzielt und die Abftellung aller von Seiten der Stadt erhobenen Beschwerden erfolgt sei. Erft im J. 1522 ge- lang e5-.t ein Abkommen zu treffen, wonach der Eintritt am 15. Juli nach her- kömm«lichem Gebrauch stattfinden sollte. Jm deutschen Kirchen- und StaatS- wesen lag etz, daß die Bischöfe sich zunächst alS weltliche- Reich8fürften, und erst in zweiter Reihe als Diözeanobere fühIten. Auch H. wollte in ersterr Reihe Fürst, und erst in zweiter Reihe Erzbischof sein. Vor allem glaubte er seine Tätigkeit den Obliegenheiten seiner landeherrlichen Stellung zuwenden zu sollen. Mit besonderem Eifer ließ er sich die Aufzeichnung, Regelung und Neue- rung einer Menge von Verordnungen, die auf Verwaltung und Rechtspflege Bezug hatten, angelegten sein. Namentlich waren es die auf den Besitzstand in Westfalen, daß Münzwesen, die Polizei und die Rechtspflege bezüglichen Ord- nungen, welche Zeugnis von seiner landesväterlichen Fürsorge gaben. Und nicht blockgeschrieben, sondern auch gehandelt wurde von H. für das Wohl seines Landes. Sein Biograph Me–Shov, ein erbitterter Gegner seiner kirchlichen Rich- tung, rühmt die Milde und Güte feines politischen Regimentes. H. war an die Spitze der Kölner Diözese getreten in einer Zeit, in welcher es sich auf dem Gebiete des wissenschaftlichen und kirchlichen Lebens gewaltig regte, ein anderer lebensfricher Geist die geistige Erstarrung zu lösen und eine vollständige Er- neuerung dez ersterbenden kirchlichen Wesens zu bewirken versprach. H. vertrat in den ersten zwanzig Jahren seiner erzbifchöflichen Wirksamkeit mit aller Ent- schiedenheit die Grundsätze der alten Richtung, und es bedurfte einen eigentümlichen Umftande, um ihn von dieser Partei abzuwenden und zum engen An- schluß an die Neuerer zu bestimmen. Auf dem Reichsstage zu WormS 1521, dem er persönlich beiwohnte, stand er auf der Seite derjenigen, welche darauf drängten, den Reformator Luther in die Reichsacht zu tun. Mit Karl f., für dessen Wahl er mit allen Kräften gewirkt, den er 1519 mit gewählt und 1520 in Aachen gekrönt hatte, theilte er ganz die tiefste Abneigung gegen jede Neue- rung auf kirchlichem Gebiete. Gerne gab er seine Zustimmung dazu, daß während der Anwesenheit des Kaisers in Köln die Schriften Luthers öffentlich verbrannt werden sollten. Diese Execution besiegelte vor aller Welt die feindselige Stellung, welche wie der Kaiser so auch der Erzbischof H., die Universität, die Geistlichkeit und der Rat der Stadt Köln gegen die kirchliche Bewegung ge- nommen hatten und bekundete offen, daß von dieser Seite jede Teilnahme an dem von einem großen Teile der hervorleuchtendsten Männer begonnenen Kampfe gegen die zahlreichen Mißbräuche und Mißstände auf dem Gebiete deS kirchlichen Lebens abgelehnt wurde. Den Kölner Rat erinnerte H. 1522 an [136] die Gebote des Kaisers und des Papstes wieder diejenigen, so der verdammten Lehre Martin Luthers folgten. Bei der für den Bestand des katholischen Kirchentums in der Stadt Köln nicht unbedenklichen Bewegung im Kölner Augustinerkloster 1523 biz 1527 stand H. aus Seiten der Anhänger der alten Richtung. Das Vorgehen deS Kölner Rates gegen Gerhard Wefterburg billigte er in vollem Maße. Jm J. 1524 befahl er dem Kölner Rate, dem Häretiker 1)r. Gerhard zum Gryn daß Geleit aufzusagen und denselben an das Recht zu stellen. Ju dem 1528 von den Ketzerrichtern gegen Adolf Clarenbach und Peter von Fliesteden erhobenen Processe lehnte er e3 ab, Schritte zu thun, diese Ketzer vor dem Feuertode zu bewahren. JN den Wiedertäuferwirren er- mahnte er den Kölner Rath zu entschiedener Strenge in dem Vorgehen gegen diese den Bestand aller socialen Verhältnisse bedrohenden Ketzer. Unter dem 4. März 1534 erfuchte er ihn, daß er, »in Anbetracht der unerhörten, er- schrecklichen und unchristlichen Handlung, so sich um und um zutrage, fleißigft Aufsehen haben wolle, damit alle Ursachen, wodurch der gemeine Mann zu Muthwillen oder Aufruhr gereizt oder zu einer Rottirung, Versammlung oder Secte bewegt werden möchte. zeitig und, ehe daß Feuer überhaNd nehme, ab- geschnitten und getilgt werden.« Jm October begab er sich nach Essen, um mit Johann Friedrich von Sachsen und dem Vischos Franz von Münster sich über die letzterem zu leiftende Unterstützung gegen die in Münster wüthenden Wieder- täufer zu berathen. Er wußte aber mit feiner strengen Rechtgläubigkeit Milde zu paaren. Er gehörte nicht zu den Fürsten, welche in blHnder Verfolgung dez Lutherthum5 eine ihrer wichtigsten Aufgaben erkannten. Melanchthon konnte ihm 15Z9 schreiben: »Wir wissen, daß Du bi?-her vor Graufamkeiten zurück- geschreckt und dem Bunde gegen um? fremd gebkieben bist". Seine innige, treue Anhänglichkeit an da-Z hergebrachtc katho1ische Kirchenwesen war für H. kein Hinderniß, ihn die zahXreichen Schäden und daß vielfache Aergerniß im kirch- kichen Leben klar erkennen zu lassen. Wie Papst Hadrian fl. war er auf;.- tiefste durchdrungen von der unabweisbaren Nothwendigkeit einer du1:chgreifenden kirch- lichen Reform, welche in allen Stufen der hierarchischen Ordnung die fo sehr ge- funkene Di?-ciplin wiederherstellen sollte, ohne den Glauben zu erschüttern und die im Wesen der Kirche begründete Organisation zu vernichten. Durch feinen kirchlichen Sinn und feine katholische Ueberzeugung ließ er sich nicht hindern. der römischen Curie, da wo dieselbe Recht und Billigkeit, fowol wie daß Jnter- esse nicht weniger der Gesammtkirche, als der kölnischen Erzdiöcefe mit Füßen trat, den entschiedensten WLderftand entgegen zu setzen. Seiner Stellung alS deutscher Bischof glaubte er e5 schuldig zu sein, in kirchenrechtlichen Fragen, welche daß Verhältniß der deutschen Bischöfe und deutschen Kirche zum Papste berührten, sich auf den Standpunkt zu stellen, auf welchem die bekannten gru- mmj11a n-u;jO11jS (38rms-mice1O deS 15. JahrhundertS erwachsen waren. Die wohlbegründeten Rechte und Ansprüche de?- Papsteö wollte er nicht anfechten, wol aber war er entschlossen, nicht zu dulden, daß die feiner Leitung anver- traute Kirche der römischen Curie alS eine ergiebige Domäne zur Verfügung ge- stellt werde; alS deutscher Fürst und Bischof wollte er die frommen Stiftungen feiner Diöcese nicht der Habfucht itakienischer Curialen, feiler Diener der römi- schen Curie preiSgeben, die vielfach zum Nachtheil hochverdienter Diöcesanen mit den besten Pfründen providirt würden. JN feinem Widerftande gegen daß seit Jahrhunderten geübte römische AuSbeutungSfystem theilte er völlig die Gesinnung derjenigen Resormfreunde, die bei ihren re?ormatorischen Bestrebungen ganz be- « sonder?- daß nationale Jnteresfe betonten. Aufs?- bestimmtefte weigerte sich H. den geistlichen Legaten und Auditor Peter VorftiuS, der durch Verfügung dez PapfteS mit der Bonner Propstei providirt wurde, in dieser Würde anzuerkennen. [137] H., dem die Förderung der geistigen und religiösen Jnteressen seiner Diöcefanen warm am Herzen lag, bemühte sich, Männer von hoher geistiger Befähigung, gutem Willen und mildern Wesen in feinen Rath zu ziehen. Vor allem waren dietz Tilman vom Graben, der Kanzler Leonhard von Hagen, der Recht8gelehrte Arnold Haltener, 1)r. Johann Gropper und der Official Leonhard Georgii. –– Er erkannte, »daß der Religion und christliche Reformation halber auI ReichStage oder auf dez?- Papstes (:on(:i1iz zu warten gar ein vergeblich Ding sei.« Daher eutfchloß er sich auf eigene Hand diejenige Reform, die er im Jnterefse feiner Diöcese für nothwendig hielt, anzuordnen und durchzuführen. Daß Institut der Provinzialsynode schien ihm ganz besonderS geeignet, seine Reformgedanken zu verwirklichen. Für die nothwendigen Vorbereitungen einer solchen Synode bediente er fich dez Manne?-, der vorzugZweise befähigt war, diese schwierige Aufgabe zu lösen. E8 war dieS Johann Gropper. Obwol der- selbe von Fach nicht Theologe, sondern Jurist war, so glaubte doch H. die Auß- arbeitung eineS EntwurfeS zu den Beschlüssen einer im J. 15Z6 abzuhaltenden Provinzialsynode seinen fähigen Händen anvertrauen zu können. Jn dem von Gropper verfaßten Entwurf wurden Beftimmunget: getroffen, welche wohl ge- eignet waren, die katholische Religion in ihrer Reinheit herzustellen, die Kirchen- zucht zu erneuern und den Einfluß derselben auf die Sitten und die Pflichterfüllung eineS Bischofs, PriesterS und wahren Christen in allen Verhältnissen zu sichern. EZ galt den K-ern dez katholischen GlaubenS und der kirchlichen–DiSciplin fo zu formuliren, daß schwankende GemÜther zu festem Anschluß an die Kirche zurück geführt würden; e3 galt mit geschickter Hand alleZ Mißbräuchliche und alle un- wesentlichen Zuthaten auS dem kirchlichen Leben und Wesen au-3zuscheiden, so daß die vielen gerechten Klagen über Aberglauben, Mißbräuche und leere?- Formen- weft–n verstummen mußten. Sämmtlichen Bischöfen de3 Metropolitansprengels8 wurde ein Exemplar der O–011StjtutjO11eS übersandt, »damit sie desto gefaßter zum 8z–n0t1o erscheinen möchten«. Gleichzeitig wurden sie eingeladen, sich am 6. März in Köln zur P1«ovinzialsynode einzufinden. Auch sämmtliche Theologen und andere zur Theilnahme an dieser Versammlung Berechtigte erhielten ein Exem- plar dez genannten EntwurfeS. Die Synode wurde an dem festgesetzten Tage unter dem Vorfitze HermannZ in der hohen Domkirche eröffnet. Gleich beim Beginn der Sitzungen gab der Erzbischof die feierliche Erklärung ab, daß nichtZ beschlossen werden solle, wa?- den Rechten de?: PapsteS in irgend einer Weise zu nahe trete; ez liege ihm ferne, kirchliche Neuerungen einzuführen und solche kirch- liche Einrichtungen zu beseitigen, welche in der katholischen Ueberlieferung be- gründet feien; aber auch liege etz nicht in der Absicht deckt Concil8, an den im alten Herkommen begründeten Eigenthümlichkeiten der einzelnen Diözesen bezüg- lich de?: Rituö und der kirchlichen Gebräuche zu rütteln. Der Entwurf zu den Beschlüssen wurde von sämmtlichen Synodalen genehmigt. H. hatte nicht?- da- gegen, daß der am 11. Mai 1537 zu Köln gehaltene Kreis:-tag bezüglich deS »gemeinen ConciliumS, fo zu Mantua gehalten werden solle", beschloß, »daß ein Jeder zu der Versammlung deS Concilium5 schicken und seine Beschwerung vorzutragen fick) gefaßt machen möchte". Dabei lag es:- ihm aber ferne, sich durch die schönen Hoffnungen, die Mancher an die italienische Synode knüpfen mochte, . in der Fortführung dez von ihm selbst begonnenen ReformwerkeS aufhalten zu lassen. Jm October 1586 wurde ein Formular, wonach die Beschlüsse der Synode zur AuL3führung gebracht und die Reformation in der ganzen Erzdiöcese vorgenommen werden sollte, veröffentlicht. Die c0.110n8S dez ConcilS selbst wurden erst im J. 1588 in Verbindung mit dem die einzelnen Artikeln erläuternden und erklärenden Religion?-handbuch (011011j1–jäj011) publicirt. Daß Enchiridion war wieder eine Arbeit Gropper’S. Diese?- Handbuch betonte die Nothwendig= [138] keit einer Reform dez CleruZ in ganz besonderer Weise: »Kaum ein Schatten von dem Wesen der alten Kirche, heißt e3 dafelbst, blieb in unsern Cathedral- kirchen zurück; Niemand thut mehr feine Pflicht in alter Weise; die Namen haben wir beibehalten, daß Amt verwaltet Niemand. Kein Wunder, daß die Ketzer, wenn sie sehen, daß kaum einer von den zum geistlichen Dienst bestimmten seineS Amtes waltet, Amt und Person zugleich verfpotten.« H., dem AlleZ daran lag, feine reformatorischen Pläne zu verwirklichen, ohne offen mit der katholischen Kirche zu brechen, begrüßte jreudig die FriedenSpolitik dez Kaisertz, welcher auf den Tagen zu Hagenau 1540, WormS 1540–41 und RegenSburg, 1541 Geltung verschafft werden sollte. Auf dem Tage von Hagenau fand er sich selbst mit seinem Rathe Gropper ein. Letztgenannter machte hier die Be- kanntschaft deS früheren DominicanerS Martin Bucer. Der Reichtztag8abfchied von Regensburg, 1541, bestimmte, ,,die Religion8fache sollte biz zu einem National- concile, und, wenn auch dieseS nicht in den nächsten achtzehn Monaten zu Stande kommen würde, biZ zu einem neuen ReichZtage auSgefetzt werden. Jnzwischen sollten die geistlichen Prälaten darauf Bedacht nehmen, in ihren Bezirken Ord- nung und Reformation vorzunehmen, die zur guten, nützlichen und heilfamen Administration und Regierung der Kirche dienlich und nützlich sei, welche Ord- nung und Reformation auch zu endlicher christlicher AuSgleichung der streitigen religiösen und kirchlichen Fragen vorbereiten werde.« Mit Berufung auf diesen ReichStagSschluß griff H. die 1538 in-J Stocken gerathene Reformation der kirch- lichen Verhältnisse seineS ErzbiSthum8 mit erneutem Eifer auf. ES lag ihm daran, sich in dieser Frage mit den Landftänden zu verständigen. Darum berief er dieselben im September zu einer Besprechung über die vom Kaiser verlangte Reform nach Bonn. Dat?- C·rgebniß dieser Zusammenkunft bkieb weit hinter feinen Erwartungen zurück. ––– H. hatte sich seit dem J. 15Z8 denjenigen, die nur in einer radicalen Reform die religiösen JnteresseN der christlichen Welt sicher gestellt sahen, immer mehr genähert. FreundlicheAu?nahme und mannich- fache Begünstigung hatte im Anfang der dreißiger Jahre der streitluftige Kölner Gelehrte Agrippa von NettesZheim bei ihm gefunden. Nicht unbedeutenden Einfluß auf seine religiösen kirchlichen Anschauungen gewannen der Mathe- matiker NicolauS Bruckner, der Rath Peter Medmann, der Dietrich von Mander- scheid-Schleiden, der Secretär Dietrich von Büchel, der Passauer Domdechant Ruprecht von MoSheim, später der Züricher Reformator Bullinger, Johann Bocksjein und Martin Vucer. Niemand schien dem Fürsten für die Durchfüh- rung der nöthigen Reformen besser geeignet alS Martin Bucer. Schon Ende dez J. 1541 hatte H. diesen Theologen zu sich auf sein Jagdschloß Bufchhofen kommen lassen, um sich mit demselben über die Richtung, in welcher die Kölner Reformation sich bewegen sollte, zu besprechen. Hermann’S Wunsch war e3, daß Vucer sich zuerst mit Gropper und dem Weihbischof Johannes- Nopeliu4;3 Verständige, Gropper der die Hoffnung auf einen fchließlichcn AuZgleich der ver- schiedenen Anschauungen und Ansichten noch nicht aufgegeben hatte, bot gerne die Hand, um auf Grund der in RegenSburg verglichen-en Artikel da?- fo sehnlichft erwünschte Ziel zu erreichen. Er war schon in Hagenau zu Vucer in freundschaftliche Beziehungen getreten. Nopeliu8, der den Erzbischof schriftlich ersucht hatte, den Bucer au8 der Diöcefe ferne zu halten, konnte sich nur mit innerem Widerftreben entschließen, sich zu Unterredungon mit dem abtrünnigen Mönche herzugeben. Sich mit demselben auf einen Compromiß einzulassen, lag ihm ferne, er hatte nur die schwache Hoffnung, den Abgefallenen wieder zur kirchlichen Einheit zurückzuführen. A18 er die Fruchtlosigkeit jeden derartigen Versuch?: erkannte, weigerte er sich die Unterhandlungen mit demselben weiter fortzusetzen. Wegen dieser Weigerung wurde er seiner Stelle als Generalvicar [139] und Weihbischof entsetzt und seine8 GehalteS beraubt. Gr-upper setzte die theo- logischen Unterhandlungen mit Bucer noch eine Zeit lang fort. Bald erkannte er, daß sein Gegner nur in Nebendingen, keineSweg3 aber in den Grundprin- cipien zum Nachgeben bereit war. Er ließ die Hoffnung auf eine endliche Ver- ständigung fahren, schloß sich immer enger an die curialiftischen Theologen der Kölner Universität an und wandte sich immer mehr von den Vertretern frei- sinniger Grundsätze ab. ALS nun auch daß Domcapitel und der Rath der Stadt Köln sich gegen Bucer erklärten, sah H. sich genöthigt, diesen theologischen Rathgeber einftweilen zu entlassen. Nach Bucer’S Abreise glaubte H., der bei den Ständen, Gelehrten und Geistlichen deS ErzbiSthumS ein gleicheS Streben nach Beseitigung aller kirchlichen Mißbräuche vorauSsetzte, wie solcheö bei ihm treibend war, auch ohne die Beihülfe a11Swärtiger Kräfte seine reformatorischen Absichten verwirk- lichen zu können. Am sichersten erwartete er kräftige Unterstützung bei den Landständen zu finden. Auf den 10. März 1542 berief er dieselben nach Bonn, um sich unter Hinweis?- auf den Beschluß deS Regen?-burger ReichStageS ihrer Zustimmung zu seinen Reformbeftrebungen zu vergewissern. Der LandtagSabfchied Vom 11. März sprach sich dahin aus, daß bezüglich der »Reformation der Religion Seine Kurfürstlichen Gnaden den Gelehrten den Auftrag geben wollten, einen bezüglichen ResormationS-Entwurf auszusetzen; wenn dieser Entwurf fertig sei» möge er den Ständen vorgekegt werden, und diese würden durch die That be- weisen, daß sie zu thun geneigt seien, waS der christkiche Name erfordere und jeder Christ zu thun schuldig sei". Sofort entschloß sich H., Hand ans Werk zu legen. Doch die Vorschläge, die er am 1. September den Gelehrten zu Köln unterbreiten ließ, fanden bei dicseN zähen Widerstand. Groppcr, der im October 1542 vom Erzbischof an den Hof der Statthalterin der Niederlande geschickt worden war, vernahm auf dieser Reife, daß H. beabsichtige, in Kurzem den Vucer in daß Erzstift zurückzurufen. Er bot nun seinen ganzen Einfluß auf um den Erzbischof von diesem Vorhaben abzubringen. JN feinen deSfalfigen Bemühungen ließ er auch da nicht nach, als: Bucer im December wirkkich in Bonn anlangte und sich bereitete, das?- Amt eineS HofpredigersJ zu übernehmen. Taz Tomcapitel unterstützte G-Hopper-S Bemühungen. Für kurze Zeit wurde der Erzbischof schwankend, und er gab die Zusicherung, »den Bucer biz auf weitem Bescheid mit Predigen und Lehren auSsetzen zu laffen«, wenn daß Dom- capitcl ihm für Weihnachten einen andern Prediger schicken wolle. Der ver- langte Prediger kam, konnte den Erzbischof aber nicht befriedigen. Tiefer wider- rief daß dem Capitel gegebene Wort und erklärte, daß er gefonnen sei, »den Bucer mit seiner Predigt fortfahren zu lassen«; dabei ertheilte er ihm aber ,,den gemessenen Befehl, nur zu predigen und nicht zu reformiren, auch sich der Ein- führung jeder Neuerung und dez ScheltenS über Mißbräuche gänzlich zu ent- halten und nicht8 von allem anzurühren, worüber dcr jetzige Zwiefpalt fchwebe.« Am 17. December begann Bucer zu predigen. Ter Techant dez Münster- ftifteZ hatte ihm, einem erzbischöflichen Befehk entsprechend, hierzu die Münster- kirchc selbst eingeräumt. Kaum hatte Bucer zum ersten Mal die Kanzel be- treten, fo brach der Sturm gegen ihn loZ, und »eS erhoben, namentXich von Köln, wegen seiner unchristlichen Lehren seine Widerwärtigen die mannichfachften un- gültigen und falschen Anklagen gegen ihn". Die Bewegung auf dem kirchlichen Gebiete spitzte sich in Köln zu einer reinen Perfonenfrage zu, e3 handelte sich darum, ob dem Martin Bucer der Aufenthalt und eine ungehinderte Wirksam- keit in Bonn gestattet werden dürfe, oder ob dieser abtrü1mige Dominicaner auZ der Erzdiöcese verwiesen werden müsse. Daß Domcapitel, der niedere Cleruö, die Universität und der städtische Rath glaubten im Jntereffe dez hergebrachten GlaubenZ und kirchlichen WesenS AlleS aufbieten zu müssen, um H. zur Ent- [140] lassung Bucer’S zu bestimmen-. Bucer kümmerte sich wenig um seine Gegner. Seit er erkannt hatte, daß eine AuSgleichung der einander gegenüberftehenden Anschauungen nicht zu erzielen war, sprach er mit dem höchsten Feuer dem ganzen kirchlichen System der Reformation von der Kanzel daß Wort; die meisten Einrichtungen der katholischen Kirche griff er mit der größten RückfichtS= lofigkeit an. Dem Erzbischof wurde bald klar, daß dieser Reformator nicht der Mann war, Volk und Geistlichkeit von der Nothwendigkeit einer durchgreifenden Reform zu überzeugen und für die von ihm vertretene kirchliche Richtung zu gewinnen. Darum sah er sich nach einem Reformator um der einen milderen und ve1:söhnlicheren Weg einzufchlagen geneigt wäre. Den Bucer berief er von Bonn ab und zog ihn zu sich an seinen Hof nach Brühl. Die Stellung, welche Capitel, Universität und Geiftlichkeit dem Reformator Vucer und den Bestrebungen Hermanns gegenüber eingenommen hatten, mußte dem Erzbischof die Ueberzeugung geben, daß er sich zur Durchführung feineZ Reformationö3werkes3 nach einer andern Unter- stützung umsehen müsse. Diese glaubte er bei den weltlichen Ständen dez Erz- ftifte5 zu finden. Diese bewiesen sich entgegenkommend und nahmen daß Erbieten Hermannö an; fie erklärten, daß sie etz dem Erzbischof anheim stellten, nach seinem Ermessen auS ihrer Mitte einen AuZschuß von gelehrten und gotteS- fürchtigen Männern zu wählen, welche sich mit der Prüfung dez fraglichen ReformationSentwurfeS befassen sollten. Durch solchen Beschluß glaubte sich H. zu entschiedenem Vorgehen auf der eingeschlagenen Bahn hinreichend autoristrt. ES lag ihm nun daran, Kräfte heranzuziehen, mit deren Hülse er einen Reformationtz- entwurF könne anfertigen lassen, den er dem nächsten Landtage vorlegen wollte und der sich der Zustimmung seiner Stände erfreuen werde. Melanchthon vor Allen wurde alS Helfer in der Roth inS Auge gefaßt. Peter Medmann begab sich im Auftrage dez?- ErzbischofS nach Wittenberg, um diesen Gelehrten zur Her- überkunft nach Bonn einzuladen. Melanchthon erhielt vom Kurfürst Johann Friedrich den nöthigen Urlaub, um sich auf sechiS oder sieben Wochen nach Bonn zu begeben. Er brauchte aber in Bonn nicht auf die Unterstützung der vermittelnden Elemente zu rechnen; diese hielten sich von den Arbeiten der neuen Reformation-?- ordnung entfernt. Von Seiten der Kölner Theologen wurde alles? aufgeboten, um da8 Zustandekommen derselben zu Verhindern. – H. und feine Rathgeber machten sich keinerlei Täuschung über den schweren Stand, den sie mit ihren Reformanfchlägen einer Partei gegenüber haben würden, welche mit aller Energie die in der Streitfchrift .1uc1i0jum 01Orj St u11jrerSjtAtjS ausgesprochenen Grund- sätze vertheidigte. Durch die von Seiten Melanchthon’S und einiger protestan- tischen Fürsten gegen diese Schmähfchrift gethanen Schritte wurde die Universität veranlaßt, sich in einer besonderen Klageschrift beim Erzbischof über die verderb- liche Wirksamkeit Bucer«S und Melanchthon’S zu beschweren. Diese ließen auf eine Erwiederung nicht lange warten. –– Daß Domcapitcl zeigte geringe Rei- gung, über die vom Erzbischof mitgetheilten Reformvorschläge, die nach seiner Ansicht einen völligen Umsturz der hergebrachten kirchlichen Verhältnisse im Schoße bargen, in Unterhandlung zu treien. Die Bemerkungen, welche e8 dem Erzbischof über diese Vorschläge machte, trugen den Charakter einer offenen Kriegs5erklärung. Da?- Capitel hoffte H. wieder auf einen andern Weg bringen zu können, wenn e5 erst die Entfernung Bucer’S durchgesetzt habe. Am Z. Februar 154Z überreichte etz ihm eine Schrift, worin eineS weiteren au6J-geführt wurde, warum Bucer nicht alS Kirchendiener in der Kölner Diöcese geduldet werden könne. Hermann-S Hoffnung war auf den Landtag gerichtet, dem sein Reformentwurf vorgelegt werden sollte. Acht Tage vor Eröffnung desselben theilte er dem Dom- capiiel seine ReformationSfchrift mit. DiefesS gab sich vergeblich alle Mühe, diese Schrift von der TageSordnung des Landtages- entfernt zu halten. H. aber ließ [141] sich nicht abhalten, seine Vorschläge den Ständen vorzulegen. Er gab die Zu- sicherung, sich bezüglich der dagegen laut werdenden Bedenken dem Ausspruch eines General- oder National-ConcilS, eines Reich5tageS oder einer Provinzial- synode unterwerfen zu wollen. Dem Capitel gelang eS nicht, die weltlichen Stände zur einfachen Verwerfung der Vorschläge Hermann’Z zu bestimmen. Von dieser Seite wurde erklärt, daß sie mit vollem Vertrauen die Erledigung dieser ganzen Angelegenheit dem Erzbischof überlassen wollten. –– WAS dem Capitel trotz aller Anstrengungen nicht gelingen konnte, erreichte der Kaiser nach einer kurzen Unterredung mit dem Erzbischof. Karl s., der auf seiner Reise« nach dem Gelderlande, in Bonn kurzen Halt gemacht hatte, erhielt von H. die Erklärung, daß er bereit sei, den Bucer zu entlassen, und die Reformation der Diöcese bis,; zum nächsten ReichStage anstehen zu Tassen, wenn feine Gegner jedeS feindliche Vorgehen einstellen und sich jeder unchristlichen Neuerung ent- halten würden. Bucer verließ nun für immer daß Kölner Crzftift. –– Datz Dom- capitel, welche?- mit allen Versuchen, auf gütlichem Wege den Erzbischof zur katho- lischen Partei zurückzuführen, scheiterte, glaubte den letzten Versuch mit einer auß- fÜhrlichen wissenschaftlichen von Gropper verfaßten»Gegc11berichtigung« gegen den ReformationSentwurf machen zu sollen. Mehr ift diese Schrift unter der Ve- zeichnung .-z11tjäjc18»gm8. bekannt. H. glaubte die Angriffe und Vorwürfe dieses .z11rj(1j(18gma nicht ohne Entgegnung hinnehmen zu sollen. Der von Melanch- thon dem Kurfürsten dringend empfohlene Prediger in Kempen, Albert Harden- berg, übernahm e3, eine Widerlegung der Domcapitel’fchen Gegenberichtigung abzufassen. ES nahm den Anschein, alS beabfichtige der Kaiser dem nach Speier berufenen ReichStage die Kölner Kirchenfrage zur Entscheidung vorzulegen. H. Überfandte den Ständen feinen ReformationSentwurf und begab sich auch selbst nach Speier, um persönlich seine Sache vor den Ständen dez ReicheZ zu ver- theidigen. Doch der Kaiser trug Bedenken, die schwierige Kölner Frage zur Ver- handlung zu stellen; den Prälaten selbst blieb e5 überlassen den Streit zum AuStrag zu bringen. Datz Capitel entschloß sich nun, dem Erzbischof im Sep- tember 1544 durch eine eigene DOputation ein prozessualifcheZ Vorgehen gegen ihn anzudrohen, wenn er sich nicht anfchicken wolle, die Neuerungen einzustellen. Datz Capitel war nicht gefonnen, sich von der Ergreifung dez letzten und äußersten RechtSmittelS gegen. den Erzbischof abhalten zu lassen. Ehe es zur Aufstellung- der Appellation schritt, versicherte etz sich der Zuftimung der verschiedenen geist- lichen Jnftitute in der Stadt Köln. Am 9. October einigte sich daß Dom- capitel mit der übrigen StiftS-, Kloster- und Pfarrgeistlichkeit über eine öffent- liche Protest-ation und Appellation an die höchste geistliche und weltliche Obrig- keit. Jn der am 14. November dem Domcapitel überschickten Proteftation gegen die Appellation erklärte H., er könne den Papst nicht al8 einen parteilofen Richter in der fchwebenden Streitfache anerkennen; alS letzte Jnftanz könne er nur den Kaiser, den ReichStag und ein freies christliche?. Concil bezeichnen. Dem Capitel lag daran, die weltlichen Stände deZ ErzftifteS zu einem engen Anschluß an die Geistlichkeit und zu einer unbedingten Billigung der gegen H. gethanen Schritte zu bestimmen. Darum berief eS den Landtag auf den 18. November in den erzbifchöflichen Hof nach Köln. Die erzbischöflichen Stände weigerten sich aber, dem Capitel auf dem von demselben betretenen Wege dez offenen AbfalleS zu folgen. –– Die Unterzeichnung der Appellation war die Erklärung des offenen BrucheS mit dem Erzbischof; der Domdechant Graf Heinrich von Stolberg- Wernigerode trug Bedenken, dem Capitel auf einer Bahn, welche aller Wahr- scheinlichkeit nach zu blutigen Auftritten zwischen der Partei de?: Erzbischof?; und der deZ CapitelS führen mußte, zu folgen. Sobald eine unumwundene Erklä- rung für oder gegen zur Nothwendigkeit geworden, entschied er fich für die Sache [142] de8 ErzbischofS. Jhm folgte der Domherr Jakob Wild- und Rheingraf, der DomcuftoZ Friedrich Graf von Wied, Christoph Graf von Okdenburg, Graf Philipp von Daun und Falkenstein und Richard, Pfalzgraf bei Rhein. Keiner dieser Herren stand in höheren Weihen. Alle waren entschlossen, sich nicht von ihrem Fürsten zu trennen, sondern in den bevorstehenden Kämpfen demselben zur Seite zu bleiben. H. erwartete auch von den weltlichen Ständen eine kräftige, erfolgreiche Unterstützung. Auf den 5. December berief er sie zu einem Land- tage nach Bonn. Auch daß Domcapitel sandte zu dieser Versammlung eine Deputation, welche die fo häufig vorgetragene Bitte auZsprechen sollte, daß H. doch von dem bedenklichen Wege umkehren, die Prädikanien entlassen und die Kirchengebräuche wieder in den hergebrachten Stand stellen möge. Statt der gewünschten Erklärung erhielten diese Abgeordneten von den weltlichen Ständen den Entwurf zu einer Verordnung, durch welche beiden Parteien in ihren Ve- strebungen vorläufig Einhalt geboten werden sollte. Daß »Bedenken christlicher Reformation" solle bis zum Schluß dez ReichStageS auf sich beruhen bleiben, und nick)tS dürfe weiter in dieser Richtung vorgenommen werden. Die Pfarrer und Prediger sollten Evangelium oder Epistel wörtlich vorlesen und nur nach Maßgabe des TheophylaktuS erklären, von Mißbräuchen aber keine Erwähnung thun. Sollte ez Prediger geben, auf deren Entfernung daß Domcapitel bestehe, so werde der Erzbischof solchem Verlangen Folge geben. Die Sacramente sollten bi?- zum Schluß dez Reich–StageS in lateinischer Sprache gespendet worden. Jedem solle esJ5 freiftehen daß Altarsacrament unter einer oder unter beiden stalten zu empfangen. –– Eine kräftige Unterstützung in feinem Widerstand gegen HermannS Reformbeftrebungen hatte daß Domcapitel am Kaiser. Diesem lag daran, daß die Stände, die biz dahin noch auf Seiten de?- ErzbischofS gestanden hatten, sich gegen jeden Versuch. die Kölner Diöcefe zu proteftantisiren, erklärten. Am 21. October erließ er ein Patent, durch welcheS er allen und jeden Angehörigen deB ErzsiifteS bei Vermeidung der kaiserlichen Ungnade und der ftrengften Strafe auftrug, dir neuen Prediger und deren Lehre zu fliehen, die eingeführten Neue- rungen aufzuheben, und bei dem aLten Glauben zu verbleiben. Cr hatte die Absicht, die Kölner Frage auf dem Reichs5tage zu Worm-z, 1L-45, zur Erledigung zu bringen. A16 Vertreter de-?- Domcapitel-S erschien der 1)1–. Johann Gropper, der jetzt alS Hermann’S heftigfter Gegner galt. H. war durch den Vicekanzler NaveS persönlich zu diesem Reichß-tage eingeladen worden; er entschuldigte sich aber durch Akterß- und Körperfchwäche, und ließ sich durch seinen Rath 1)1–. Haeß vertreten. Eine Entscheidung wurde nicht getroffen: in soweit war der Au-Zgang deZ Reichs- tageS für günstig, ali3 die Mehrheit der Stände sich entfchloß eine Fürbitte zu Gunsten d-3S Erzbischof?- H. beim Kaiser einzulegen. Dieseß Bittschreiben blieb ohne allen Erfolg. Die kirchkiche Politik, die Karl f. in den Niederlanden zu befolgen entschlossen war, bedingte rücksichtSloseS Vorgehen gegen die resor- matorische Thätigkeit deS Erzbischof8 von Köln. Zuerst sollte eine gerichtliche Entscheidung der Frage bei der höchsten weltlichen wie geistlichen Jnstanz ge-sucht werden. Der RechtSspruch, der nur gegen H. aus5fallen konnte, sollte dann, im Falle die politischen Verhältnisse ein entschieden-e3 Vorgehen erlauben würden, mit allen Mitteln, selbst mit mikitärischer Gewalt, in Vollzug gesetzt werden. Ein kaiserlicher Befehl ging an H., wonach er in Zeit von 30 Tagen in Brüssel zu erscheinen habe, um sich wegen der Klagen deS Capitel8 zu rechtfertigen; inzwischen solle er mit allen Neuerungen einhalten und alle-Z wieder auf den alten Fuß stellen. JN derselben Zeit langte in Köln auch eine päpftliche Vorladung ein, wodurch H. und seine Anhänger au-S dem Domcapitel unter dem 18. Juli auf- gefordert wurden, sich innerhalb 6C) Tagen in Rom zu verantworten. H. säumte nicht, einen Anwalt nach Brüssel zu schicken, um zu erklären, daß er weder [143] in den GerichtSzwang de5 Kaiser8 willige, noch die willkürliche Verletzung der gesetzlichen Frist, in der er feine Exception anzubringen befugt sei, zugeben könne. Der Umstand, daß er ohne alle Antwort gelassen wurde, deutete auf nichts GuteZ. – Die Spannung zwischen der Majorität des DomcapitelZ mit dem Afterdechanten an der Spitze und dem Erzbischof nebst seinem kleinen Anhang steigerte sich von Tag zu Tag. Von beiden Seiten gab man sich alle Mühe durch CapitelSbeschlüsse, Bittgesuche, Proteste und Gegenprotefte im Erzftift selbst den Anhang zu vermehren wie die Stände dez Reiche?: zu gewinnen. Bei den erzftiftifchen weltlichen Ständen fowol wie bei den schmalkadifchen Fürsten schien H. Au?-sicht auf Unterstützung- zu gewinnen. Am Z1. December beschloß der in Frankfurt zusammengetretene Convent der schmalkadischen Fürsten, die Kölner Angelegenheit alS eine VundeZfache zu behandeln und dem Erzbischof allenRath und jede Hülse zu Theil werden zu lassen. Auch ein nach Oberwesel berufener Grafentag sollte bestimmt werden, sich für ein thätlicheS Eingreifen zu Gunsten Hern:anUS auSzusprechen. Der Landtag sprach zwar seine volle Sympathie für den Erzbischof auS, weigerte sich aber, feiner Appellation beizutreten und sich anderweitig zu verpflichten. H. ließ sich trotz dez ErnsteS, mit dem der Kaiser gegen ihn vorzugehen entschlossen schien, auf dem einmal eingeschlagenen Wege nicht aufhalten. Er hoffte, daß die Reich8stände energischen Widerspruch erheben würden, im Falle Karl die Kölner Appellation annehmen und ein gerichtlicheZ Verfahren gegen ihn be–fehlen werde. Von Seiten der höchsten geistlichen Autorität wurde ohne Rücksicht auf die Gründe, welche den Kaiser vorläufig noch von den strcngsten Maßnahmen abhielte11, gemO den Bestimmungen deS canonischen RechtcS vorgegangen. Auf Betreiben deS den Afterdechanten, da?- Capitel, die Clerifei und die Universität in Rom vertretenden PfarrerS und Stift-Sherrn von St. Apofteln, Dietmar Reym–n von Unna, wurde H. am 18. Juli 1545 auf- gefordert, sich vor Ablauf Von 60 Tagen in Rom vor dem alß päpftlicher Richter in d5eser Angelegenheit bestellten Cardinal MarzelluS de Cre-3centiiS zu ftellen. Die Vorladungen an H. und feine Mitverklagteu au-S dem Capitel wurden vom Dechantcn von St. Stephan in Nymwegtsn, Johann Hin-Sbeck, angeschlagen und insinuirt. Die proce–fsualischen Verhandlungen zogen sich hin biS zum 16. April 154(3, an welchem Tage Papst Paul ls. auf den motivirten Antrag dez Com- missarS MarcelluS in feierlichem Conf–istorium mit Zustimmung der anwesenden Cardinälc die ExcommunicatioN über den Erzbischof H. verhängte. »Weil er, feineS Heileß3 uneingedenk, gegen die Regeln und Lehre der Kirche, die aposto= lifchen Ueberlieferungen, gegen die in der Kirche bit? dahin gewöhnlichen gotteS- dienstlichen Gebräuche und Ceremonien, nicht weniger gegen die wider die ver- derblichen und verabfcheuungSwerthen Lehren Luther? und seiner Anhänger von Papst Leo Ii. verhängte Censur auf mancherlei Weise sich vergangen«, wurde H. von der Gemeinschaft der Kirche auSgeschXoffen, dez ErzbiSthum8 und dser übrigen priesterlichen Aemter, Privilegien und Gerechtsame beraubt, feine Unter- themen wurden von dem ihm fchuldigen Gehorsam und dom ihm geleisteten Eide entbunden, ihm selbst wurde ewigeöS Stillfchweigen und die Bezahlung sämmt- lichcr Prozeßkosten auferlegt. Unter dem Z. Juli übertrug der Papst durch ein cigcneS Breve die Administration deS ErzstifteS dem seitherigen Coadjutor Grafen Adolf von Holstein-Schaumburg. Da-z päpstliche Urtheil blieb. so lange etz nicht durch den Kaiser in Vollzug gesetzt wurde, auf die Verhältnisse im Erzstift ohne allen Einfluß. Der Kaiser schien aber die Kölner Frage nicht eher zur Ent- scheidung treiben zu wollen, al8 biz er die Macht der protestantischen Fürsten gebrochen und fo dem Erzbischof jede Au?-sicht auf bewaffnete Hülse genommen hatte. Ehe er zum Aeußerften schritt, wollte er nochmalS versuchen H. durch Mahnung und Drohung auf einen andern Weg zu bringen. Jnzwischen gestaltete [144] sich im Erzstift der Kampf zwischen Erzbischof und Capitel immer heftiger, die gegenseitigen Anfeindungen wurden immer schärfer. Man überbot einander in Vorwürfen und Beschuldigungen. Jede Partei bemühte sich durch Druckfchristen, Bittgefuche und Proteste ihren Standpunkt und ihr feitherigeS Verhalten zu rechtfertigen. Der Erfolg war aber«nur eine gesteigerte Erbitterung. –– A18 der Kaiser sich zu einem gewaltthätigen Vorgehen gegen die Protestanten rüftete, stieg beim Erzbischof die Beforgniß, daß die kirchliche Frage im Erzstift auf die Spitze deS SchwerteS werde gestellt werden. Der Afterdechant und feine Anhänger wurden. nicht müde, darauf hinzuweisen, daß in Kurzem der Kaiser mit HeereS- macht in daß Land einrücken werde, um in der ganzen Diöcese dem katholischen Bekenntniß die Alleinherrfchaft zu sichern. ATS der Krieg begann, befand sich H. in einer verzweifelten Lage. Al-z 74jähriger Greis wollte er nicht zu kriegerischen Maßnahmen übergehen. Hätte er fick) entschließen können seine Scheu vor den Waffen zu bezwingen und den fchmalkaldischen Fürsten mit einem wohlgerüsteten Heere zur Seite zu treten, würde der ganzen kirchlichen Bewegung am Nieder- rhein leicht eine für daß andere Bekenntniß günstige Wendung gegeben worden fein. H. aber zog e3 vor dem Frieden det3 Landes jede Aussicht auf einen gün- stigen Erfolg seiner Bestrebungen zu sichern. Sobald der Kaiser die schmalkal- dischen Verbündeten unter seinen Willen gebeugt hatte, entschloß er sich auch den Erzbischof von Köln seinen starken Arm fühlen zu lassen und für fein unkirch- licher Beginnen auf’S strengfte zu bestrafen. H. hatte noch keine Kcnntniß von dem Schlag, der gegen ihn vorbereitet wurde. Erft am November, auf einer Reise nach Westfalen, erhielt er Nachricht von der gegen ihn gefüllten päpftlichen Sentenz. Sofort kehrte er um und ersuchte den Domdechanten sich zu ihm nach Brühl zu verfügen, um ihm die geeigneten Rathschläge bezüglich der nun nöthigen Schritte zu ertheilen. Er täuschte sich keinen Augenbkick mehr über die drohende Gefahr. ES wurde ihm klar, daß alle?- darauf hinziele, den Coadjutor alsZ Ad- ministrator der Diöcese einzusetzen und demselben die Anerkennung wie deS CapitelS so auch der weltlichen Stände zu sichern. Er brachte in Erfahrung, daß der kaiserliche Oberst Graf v. Büren dm Auftrag erhalten habe, den gegen ihn gerichteten Schritten mit feiner militärischen Macht den nöthigen Nachdruck zu geben. Den Grafen von Nassau ersuchte er, sich über den Grund oder Un- grund dieses GerüchteS Gewißheit zu verschaffen und ihm daß Ergebniß seiner Erkundigung mitzutheilen. Recht bald zeigten die Thatsachen, daß e3 dem Kaiser Ernst war, daß päpstliche Urtheil zu vollstrecken und den Coadjutor auf den erz- bischöflichen Stuhl zu erheben. Um diefeS durchzusetzen, schickte Karl aus- dem fchmalkaldifchen Feldlager als Commissare seinen Rath1)1«. VigliuS Zwichen und den kaiserlichen Statthalter dez Fürftenthumt3 Geldern und der Grafschaft Züt- phen, Philipp von Lalaing, Grafen von Hoogftraaten und Herrn von Corney, auf den Kölner Landtag. Beide kamen am 2L. Januar 1547 in Köln an und überbrachten dem Coadjutor ein kaiserliche?:- Schreiben, wodurch derselbe ersucht wurde, die Verwaltung deS Erzstiftes2 selbstständig in die Hand zu nehmen und für den Fall eines-S etwaigen WiderstandeZ die bewaffnete Hülse dez Grafen von Büren anzusprechen. Dieser war angewiesen auf den ersten Wink in Köln ein- zurücken. Schon am 23. December 1546 hatte der Kaiser den Coadjutor von Rottenburg auS aufgefordert, sich für dieUebernahme der erzftiftischen Verwaltung bereit zu ha1ten und für den Fall der Noth auf die Unterstützung der kaiserlichen KriegSmacht zu rechnen. Den Commissaren, die auf friedlichem Wege die Wirren beenden und den Erzbischof auS seinem Gebiete entfernen zu können hofften, lag alles daran, ihren Auftrag ohne Erregung irgend einer Unruhe zu erfüllen. Vor Allem wollten sie die Stände, die biz dahin treu zum Erzbischof gestanden hatten, bestimmen, dem Willen des Kaisers sich zu unterwerfen und sich von H. [145] loZzusagen. Dieses Ziel sollte auf dem für den 24. Januar 1547 nach Köln zufamtnenberufenen–Landtage erreicht werden. Dem Erzbischof, der persönlich auf diesem Landtage erscheinen wollte, wurde vom Kölner Rathe in höflicher Form der erforderliche Gekeitbrief verweigert. Ju gleicher Weise wurde auch den Räthen, welche er mm statt feiner nach Köln schicken wollte, daß Geleit abgeschlagen. Die Berathungen fanden in der hohen Domkirche Statt. VigliuS eröffnete die Verhandlungen durch einen Vortrag, worin er erklärte, daß durch die päpftliche Excommunication alle Unterthanen deS Stifte-z vom Gehorsam gegen den biß- herigen Erzbischof entbunden seien; auch der Kaiser habe sich wiederholt dahin ausgesprochen, daß H. seiner Stelle entsetzt werden müsse, wenn er von seinem verkehrte-n Wege nicht zurückkehre; dessen weigerte er sich beharrlich und etz sei nun der ernstliche Wille deS Kaiser?-, daß der Coadjutor alS legitimer Erzbischof und LandeZfürft anerkannt und ihm aller Gehorsam geleistet werde, und daß die Stände demselben sofort die Huldigung leisteten. Ein ähnlicheS Ansinnen stellten auch der Afterdechant und die Domkapitulare. Jn der von ersterem vorgetragenen Propofition wurden die anwesenden Stände ersucht, die gegen den Erzbischof H. gefällte päpstliche Sentenz alS bindend anzuerkennen und dem alS Administrator bestellten Coadjutor Adokf alS dem rechtmäßigen regierenden Herrn Gehorsam zu leisten. Nach gehaltenem Vortrag begaben sich die Commissare mit den jülich= schen Räthen in den Hof dez Grafen von MansSfeld, der Coadjutor mit den Kapitularen in daß KapitelhauS, die Stände und die städtischen Deputirten in den Pesch zu besonderer Berathung. Nachdem der Administrator zum wirklichen Erzbischof erwählt und al8 solcher auf den Hochaltar gesetzt worden, wollten die weltlichen Stände der Gefetzmäßigkeit der Neuwahl nicht weiter widersprechen und dem Neugewählten die Anerkennung verweigern. Nachdem sie ihre?- EideZ dem alten Erzbischof gegenüber entbunden worden, gelobten sie dem Neuen Herrn Pflicht und Gehorsam. H. ließ sich willig finden die Stände ihreö EideS zu entbinden, dom BiSthum zu entsagen und sich in daß Privatleben zurückzuziehen. Am Februar stellte er einen förmlichen öffentlichen Verzicht auf daß Erz- bisSthum auS. Er verließ daß Gebiet, in welchem er so viel Kummer erfahren und zog sich in die Grafschaft Wied zurück. Er hatte vor seiner Resignation die Bedingung c-iuer zureichenden Entschädigung gestellt. Die Frage über diese auSkömmlichen UnterhaltungSgelder blieb in der Schwebe. Jm September begab sich der erzbifchöfliche Rath Jakob Omphal zu der Statthalterin der Niederlande, um dieselbe zu einer Jntercesfion beim Kaiser zu Gunsten Hermann’Z und der entfetzten Kapitulare zu ersuchen. Auf eine deZfallsige Mahnung erklärte der Erzbischof Adolf, die in Au?:-sicht gestellte Pension sei noch nicht bewilligt worden, weil H. die bei der Resignation eingegangenen Bedingungen nicht erfüllt habe. Erst wenn er die dem Erzstift entfremdeten Türkensteuern werde ersetzt, die auS dem StiftSarchiv an sich genommenen Urkunden und Arten au8geliefert, die auS der Residenz mitgenommenen Kleinodien und kostbaren Möbel außgeliefert, die zu Unrecht einge-zogenen münfterischen Gelder wieder herausgegeben habe, könne von der Erfüllung der fraglichen Verabredung die Rede sein. Ferner müsse er sich dem Papftc unbedingt unterwerfen und seinen Prediger JohanneS, sowie feinen Rath und Secretär Dietrich v. Büchel entfernen. Ein hartnäckigeZ Bein- übel warf den 79jährigen Mann im J. 1551 auf daß Krankenlager. Daß Leiden widerstand aller ärztlichen Kunst und H. fühlte, daß feine Auflösung nahe sei. Jn diesem Leiden »hielt er sich wie ein frommer Christ, der bald von dieser elenden Welt zu Gott in da8 ewige unvergängliche Leben zu scheiden begehrt«. Gegen die Mitte Juli ließ er den wiedischen Prediger Johann v. AlStorff zu sich rufen, um sich mit demselben über die letzten Dinge in frommem Gespräch zu unterhalten. Bei zunehmender Schwäche de-Z Kranken nahm es am 6. August [146] den Anschein, daß daß Ende nahe sei. Al3torff wurde wieder gerufen, um dem Erzbischof daß »Sacrament des wahren Leibes und Blutes Jesu Christi nach der Einsetzung seines theuren WorteS« zu reichen. »Der alte Herr hat daß hochwürdige Nachtmahl empfangen und selbst den Kelch in feine Hand genommen und guter Muße daraus getrunken, darnach mit den Augen hinauf gesehen und geseufzet. Ju der Nacht vom 14. auf den 15. August ist er über die Maßen schwach ge- wesen, daß ich und die Diener alle Stunden dez feligen AbfcheidenZ wartend waren. Er verfchied de?.- Morgen-ß au8 diesem Jammerthal um 9 Uhr ganz christlich und reulich. Darnach geschah eine Danksagung von allen Umstehenden zu Gott." Am 17. August wurden die verwezlichen Reste in der Familiengruft zu Niderbibe1: beigesetzt. Auf seinem Grabstein, der mit deu Wappen von Kur- köln, Paderborn und Wied verziert ist, kann man von der Jnfchrift noch lesen: klOr1r19»1:111u8 (J0m9S z Weclz» S1j0 . . . zr11i8 .... ie;-188111» a:1n0 (10mi11i 1515. pOStu19»t11S 8.11mj11iSt1«5tt0r eOo1e8js-De k’:z(191«b. .. 11(–z118j8 anno 1582. O6S8it 8s1«11j– e1Ji8(:Oxz8.«c11j 0t . . . 1s8tj0 . . . 1547. 01Jjit- Hz-11110 (1o1Nj11j 1552. c19j 15. 1s111gx18tj m-c8.tjS . . . 7er. . . v8»e 76. –– H., eine große, ehrwürdige, imponirende Er- scheinung in langem weißen Barte, war ein Mann von tief sittlichem und reli- giösem Ernst, der die wahre Frömmigkeit weniger in der Beobachtung äußerer Formen und Ceremonien und im Zurfchautragen mönchifcher Accefe erkannte altz in geistiger Sammlung, in Pflege christlicher Tugenden und wahrer Nächstenliebe. Jede Nebenabsicht lag ihm ferne. Der Glaube und daß religiöse Bekenntniß war ihm eine Sache deS Herzenß3 und det? GemüthesS und nichts lag ihm ferner alS Jemanden für ein bestimmtes?- Kirchenthum zwingen zu wollen. Er wollte nur reformiren, weil er sich in seinem Gewissen für verpflichtet hielt, der Wahrheit Zeugniß zu geben, die Schäden der Kirche heilen zu helsen und daß Seelenheil feiner Diöcesanen sicher zu stellen. Die Resorm war ihm nicht, wie so vielen anderen Fürsten, eine politische Angekegenheit oder ein Mittel zur Befriedigung von und anderen niederen Leidenschaften, sondern eine heilLge Sache inneren DrangeS, ein willkommene?) Mittel zur Beseitigung der zahlreichen fchreienden Mißftändc im kirchlichen Leben. Er steht da alS ein achtungSwerther Kirchenfürft, der e3 verschmähte, mit weltlichen ZwangZmitteln die Gewissen seiner Diöcefanen zu unterdrücken und der mit leichtem Herzen seiner Ueberzeugung die Herrschaft über eineS der schönsten und reichsten Fürstenthümer opferte. Er gehörte nicht zu den vielen kirchlichen Würdenträgern, welche daß bischöflichc Amt nur als eine lästige Zugabe zu dem weltlichen Fürftenthum betrachteten und darum die Reform als eine willkommene Gelegenheit begrüßten, die Fesseln deZ geistlichen StandeS abzuwerfen und bloß den Charakter weltlicher Machthaber zu behalten. Er war ein Bischof, der die hohe Bedeutung feines verantwortungS- Vollen Amte5 wohl erka1mte und dem Viele-Z daranlag, die ihm anvertraute Heerde auf ,,gute Weide" zu führen und mit dem Jnhalt der christlichen Wahr- heiten und den Forderungen de?- christlichen SittengesetzeS bekannt zu machen. Wenn er auch kein gelehrter Theologe war, fo fehlte e3 ihm doch nicht an den- jenigen Kenntnissen, welche ihn zu einem richtigen Urtheile über daSjenige be- iähigten, waZ in der Kirche reformbedürftig war. Der Umstand, daß er in Köln feine Universitäts?-studien gemacht, gibt Zeugniß dafür, daß e3 ihm nicht, wie vielfach behauptet wird, an jeder wissenschaftlichen Bildung gefehlt hat. Der Jnhalt der in Buschhofen vorgefundenen erzbischöflichen Bibliothek weist darauf hin, daß H. sich an diesem feinem Lieblings;-aufenthaltSorte in eingehender Wcise mit den Fragen beschäftigte, welche damal die Köpfe der Theologen und Poli- tiker erfüllten und von Jedem, der mit an ihrer Lösung arbeiten wollte, einen gewissen Grad von theologischer und allgemein wissenschaftlicher Bildung forderten. ES mag richtig sein, daß er, wie Karl 1s. angibt, im Lateinischen kaum so viel [147] verstand alS zum Messelesen nöthig war; daß schließt aber keineS«3weg8 auZ, daß er unter Beihülfe tüchtig gescbulter theologischer Rathgeber sich eine richtige Ein- sicht in die manuigfachen sittlichen Gebrechen unter der Geistlichkeit und eine unerfchütterliche Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der Abstellung der schreiendett Mißftände und abergläubischen Gebräuche auf dem Gebiete deS kirchlichen und religiösen Lebens- verschaffte. Sobald er sich für die nothweudige Reform einmal erwärmt hatte, ließ er sich e3 mit besonderem Eifer angelegen sein, sich selbst über alle dieseZ Gebiet betreffenden Fragen eingehend zu unterrichten. Bei dem Bilde, welches der Jnquisitor 1)1«. Johannes?- Notanu-S in seiner handschriftlichen Ickemtj888 von dem Charakter, der Bildung und den Neigungen Hermann’Z ent- wirft, hat lediglich der Haß dez KetzerrichterS die Feder geführt. Hier wird er al?: ein Mann dargestellt, der schon in seiner äußeren Erscheinung, durch feinen langen biz auf die Brust hängenden Bart, durch feine weltliche Kleidung be- wiesen habe, daß e5 ihm an allem kirchlichen Sinne, an jeder Achtung vor seiner bifchöflichen Würde gesehlt habe. Statt sich mit Dingen zu beschäftigen, auf die ihn fein Amt hätte hinweisen müssen, habe er seine Tage mitJagen, Pferde- tummeln und Tändeleien mitWeibern verbracht. CS sei kein Geheimniß gewesen, daß er mit verschiedenen Concubinen mehrere Kinder gezeugt habe. Sein Sitz im Kölner Dom habe immer leer gestanden und innerhalb eine8 ZeitraumeS von 14 Jahren sei er höchftenS viermal zur Beiwohnung deS GotteSdienste-S in seiner Metropolitankirche erschienen. Daß ift aber die Stimme der Leidenschaft. Her- mann’S ganze Haltung während der langen Zeit seiner Regierung liefert den BeweiS, daß au?- dem Urtheile dez Notanu8 lediglich der Ketzerrichter spricht, der etz für seine Aufgabe hielt daS ganze geistige und fittliche Leben eineS Jeden, der bezüglich feines-S Glaubens?- verdächtig war, in den Staub zu ziehen. IlSS!10rju8- lljSt. (18k80tiO11iS et 8c11j8mx1kjS llO1«1118n11j OOm111. (Ie Wec18.- 162(). –– Decker?-, Hermann v. Wied, 1840. –– Brieger, Gropper, in der allgem. Encyklopädie. –– Ließem, Johann Gropper, 1. Theil, 1876. ––– Ennen, Geschichte der Stadt Köln, Bd. 4. –– Varrentrapp, Hermann v. Wied und sein Reformation-Jversuch in Köln. –– 1LOt:muS, mA11tj8SA- Handschrift, u. ver- schiedcneS Handschriftliche.

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