ADB:Heydemann, Albert Gustav
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Heydemann: Albert Gustav H., Schulmann, geb. am 9. Sept. 1808 in Berlin, † am 20. Nov. 1877 in Stettin. Mit seinem älteren Bruder Ludwig (.gest. als Professor der Rechte in Berlins) in der Marggraf’schen Anstalt trefflich vorgebildet, war er später einer der hervorragendsten Schüler des Joachimsthal schen Gymnasiums unter Snethlage und Zumpt und bezog frühzeitig, im Herbst 1825, die Universität seiner Vaterstadt, von deren Lehrern ihn besonders Ritter undHegel anzogen, so daß er noch als alter Pädagoge behauptete, von letzterem die fruchtbarste Anregung zum Geschichtsunterricht empfangen zu haben. Mit anhaltendem Fleiß hörte H. classische Philologie bei Boeckh, Heyse und Bernhardt), deutsche Grammatik bei Lachmann und Sanskrit bei Bopp. Gustav Droysen und Felix Mendelssohn gehörten zu seinen Freunden; ja während daß Verhältniß; zu letzterem ein ganz besonderes intimes, auf Uebereinstimmung der Neigungen beruhendes war, ist es dem Einfluß DroyfenI zuzuschreiben, daß H., der sich ursprünglich der akademischen Laufbahn widmen wollte, zum Schulfach überging. Noch als Student machte er das Examen im Frühjahr 1829 und trat dann nach Absolvirung des Probejahrz am Gymnasium zu Stettin, derselben Anstalt, an der er später 20 Jahre lang segenesreich wirkte, am 18. October 183O als dritter Unterlehrer beim Friedrich-Will)elms Gymnasium in Berlin ein. Hier war eHx3, wo er in zwanzigjähriger Thätigkeit zunächst unter dem von ihm als Ideal eims Directors verehrten Spilleke, dann unter Ferd. Ranke sein bedeutendes pädagogisches Talent weiter ausbildete; war dieser ihm ein wohlwolleuder Freund, so verehrte er in Spilleke den Lehrer, dem er in Schmid’s Encyklopädie für daß gesammte 1lnterrichtswesen cBand lJcu) ein ehrendes Denkmal gesetzt hat. Während seines Berliner Aufenthalts (am 18. April 1834 war er Oberlehrer und am 27. April 1848 Proiessor geworden) veröffentlichte H. als Programm eine Uebersetzung derKatt–gorien des Aristoteles mit Bemerkungen, ferner eine Umarbeitung des französischen Lesebuches von Ideler und Nolte und Anderes; namentlich aber begründete er 1847 mit Mützell die Zeitschrift für daß Gymnasialwesen, die ihm, bis er mit seinem Abgang von Berlin die RedactiOn nie-derlcgte, mehrere trcffliche Abhandlungen verdankte. Daß lebhafte Intcresse, welchves Ht–1)dema1mis Gt-schichtsvorträge seinen Schülern einflößten, lenkte die Aufmerksamkeit des damaligen Prinzen von Preußen und dessen Gemahlin auf ihn, so daß rr erwählt wurde, dem Prinzen Friedrich Wilhelm, jetzigen: Kronprinzen des Teutschen Reiches, Unterricht in der Geschichte zu ertheilvn. H. hat sich dieser ihm gewo1–deuen hohen Aufgabe stets mit großer Vietät erinnert, und seine darauf bezüglichen Aufzeichnungen lassen erkennen, daß das Ver“hältuiß ein über die gewöhnlichen Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler hi11ausgehendes gewesen ist; auch diente es ihm zur Genugthuung, daß Ihre Maj. die Kaiserin noch lange nachher dieses Geschichtsunterrichts in den ehrendsten Ausdrücken gedachte. Am 2:3. März 1850 wurde H. zum Director des Friedrich-Will)elms G1)mnasiums in Posen berufen und fand bei seiner Ankunft die Disciplin daselbst in Folge der stattgehabten politischen Unruhen sehr gelockert. Getreu aber dem Worte, welches dem Scheidenden von seinen berliner Freunden als eine Schilderung seines Wesens nachger11jen wurde: „klar im Wollen, ernst im Vollbringen, milde in der Form", und daß Herz erfüllt mit treuer Hingabe- für König und Vaterland wußte der neue Director durch humane, milde Behandlung eine durchgreifrnde Aenderung mit dem bestem Erfolge zu be- [348] werkstelligen und sah auch die bei nicht einmal vollständigem Lehrkörper und gänzlich unzureichenden Räumlichkeiten unvermeidlichen Störungen zu seiner Freude bald gehoben durch die Begründung einer eigenen Realschule (185:3); f wobei es H. zu Statten kam, daß er fast ein Jahr lang im Provinzialschulcollegium die Geschäfte eines Schulrathes vertretungsweise zu versehen hatte. Am 18. März 1856 wurde H. an das damalige vereinigte königliche und Stadtgymnasium, jetzige Marienstiftsgy1nnasium, nach Stettin als Director berufen; jene Anstalt, bei der er zuerst als junger Lehrer eingetreten war. Die Aufgabe war schwierig, denn nicht allein hatte ein unter seinem Vorgänger stattgehabter Wechsel von Personen und System manche Unbehaglichkt-it zur Folge gehabt, sondern H. traf auch jetzt als Director zum Theil dieselben Männer im Lehrercollcgium wieder, welche, im Alter ihm weit voraus, vor 26 Jahren den Anfänger in ihre Mitte aufgenommen hatten, darunter Persönlichkeiten hervorragendster Bedeutung und ausgeprägtester Eigenart, wie L. Giefebrecht, Calo u. A. Diesen Verhältnissen gegenüber verstand er meisterhaft Stellung zu nehmen: die Eigenthümlichkeit des Einzelnen schnell erkennend wußte er durch kaum bemerkbares Leiten jeden Charakter in einer für das Ganze nutzenbringendtn Weise zu verwerthen. Die Thätigteit für die Schule erfüllte ihn ganz, immer aber nahm der eigentliche Unterricht in der Clafse und die unübertreffliche Sorgfalt der Vorbereitung zu demselben seine .seit am meisten in Anspruch. H. beherrschte daß Latein mit brneidensWerther Eleganz, daß er aber vielleicht doch mehr Historiker als Lateiner war, bewies er, indem auch bei der Lectüre der Classic-er es ihm zunächst darauf ankam, eiuGesa1umtbild von demWtrthe des betreffenden Schriftstollers aufzustellen, und indem er1s nie unterließ, auf diec11lt11rt)iftorischen Beziehungen des Autors hinzuweisen und auf die Einflüsse, unter denen derselbe geschrieben hatte. Sein GeschichtC4unterricht, welchen3eitra11m derselbe auch umfassen mochte, gehörte zum Intcressantt–stc1t des ganzen Schull111terrichttz. Ter lebendige, in wohlgebauter Rede dahinfließende Vortrag, eine geschickte Hervorhebung der Hauptpunkte, eingestreute fct)arsinnige Betnerkungen, Vergleiche mit der Gegenwart machten diese Stunden zu einem wahren Vergnügen für die mit Achtung, ja mit inniger Liebe au ihrem Lehrer haugenderSchüler, denen gegen- über er, ohne der DiSciplin etwas zu vergeben, der Mann des Friedens, der väterliche Freund war. Er schalt nicht, aber mit seiner Ironie wußte er der Nachläfsigen zu treffen und anzustacheln. Sein :Directioutztalent kam ihm auch „ außerhalb der Classe, bei öffentlichen Arten, Turnsahrten u. dgl. wohl zu Statten; mit bewunder1swerthe1n Tacte wußte er unliebsa111e Angelegenheiten wieder ins Gleis zu bringen, so daß er immer gut und in hübscher Weise mit den Schülern fertig wurde. Erschütternd wirkte daher auch auf diese die Kunde von dem doch lange schon erwarteten Hinscheiden de:- geliebten Directorss. Bei aller Gewissenhaftigkeit, mit der er seine Amtsgeschäfte besorgte, fand H. doch noch Zeit, sein reicheiJ Wissen zum Nutzen Anderer in öffentlichen Vorträgen zu verwerthen, zu welchem Zweck er in Posen wie später in Stettin einen wissenschaftlichen Verein stiftete. Durch sorgfältige Vorbereitung hatte er sich zu einem Meister des Worts gemacht und es ist in hohem Grade zu bedauern, daß der Tod ihn an der weiteren Ausarbeitung und Veröffentlichung der tm wissenschaftlichen Verein von ihm gehaltenen Vorträge verhindert hat. Eine immer zunehmende Heiferkeit war auch durch eine im Sommer 1877 vollzogt–ne Operation nicht gehoben worden, vielmehr traten noch andere schmerzhafte, aber Von H. mit christlicher Geduld und unter zarter Rücksichtnahme auf die Seinigen getragene Leiden hinzu, denen der Körper endlich erlag. Am e.;. April 1847 war H. mit Clara Benda aus Berlin in die Ehe getreten und stand nunmehr einem auf positiv religiöser Bafis gegründeten Hauswesen vor, dessen seiner [349] geselliger Ton auf Jeden einwirkte, der den gern gewährten Zutritt in diesen heiteren, geselligen Kreis sich zu uutz machte. An manchem der Schule im engeren SinneEntwachsenen wurde hier das Werk der Erziehung in anderer, nicht weniger wirksamer Weise geübt, und Vielen wird Heydemann’s gastliches Haus mit den darin gebotenen geistigen Genüssen unvergeßlich sein. In stiller gewissenhafter Pflichterfüllung gingen die Jahre dahin; der Schmerz, manchen Freund und Collegen vou hinnen scheiden zu sehen, wurde gemildert durch den Genuß, den er im Zusammenwirken mit jüngeren Genossen fand. Strebte er auch nicht nach äußeren Ehren, so gewährte die Ertheilung des philosophischen Doctorgrades von Seiten der Universität Greifswald im J. 1875 ihm doch eine besondere Freude. H. stand fest auf dem Boden des christlichen Glaubens und machte daraus kein Hehl, wenn er auch ferne von einem Zurschautragen seines religiösen Bekenntnisses war. Eine lange Reihe von Jahren fungirte er als Mitglied des Gemeindekirchenraths– der Schloßgemeinde in Stettin und auch an der pommerschen Provinzialsynode von 1874 nahm er als Mitglied Theil. Nachdem er den Sommer 1J?? hindurch gekränkelt hatte, entwickelte sich sehr schnell als Folge eines LeberleidensI die Waffersucht, der er, bis zuletzt die Sorge um dir Schule nicht vergessend, am 2e). November d. unter großen Schmerzen erlag. Lemcke in der Zeitschrift für C5ynmafialwesen, Bd. 1);R11.