ADB:Nordmann, Johann

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Nordmann, Johann“ von Robert Franz Arnold in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 656–659, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nordmann,_Johann&oldid=2192524 (Version vom 29. Juli 2014, 13:56 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Nosseni, Giovanni
Band 52 (1906), S. 656–659. (Quelle)
Wikisource-logo.png Johann Nordmann bei Wikisource
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Nordmann in der Wikipedia
GND-Nummer 117056553
DNB: Datensatz, Rohdaten, Werke
Online-ADB/NDB, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|52|656|659|Nordmann, Johann|Robert Franz Arnold|ADB:Nordmann, Johann}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117056553}}    

Nordmann: Johann N., österreichischer Journalist und Dichter, wurde am 13. März 1820 in Landersdorf bei Krems als „lediger“ Sohn der Hauerstochter Francisca Rumpelmayer geboren; die Mutter, welche sich bald darauf (nicht mit Nordmann’s Vater) verehelichte, betraute ein ihr verwandtes Ehepaar in Krems, anscheinend ebenfalls Rumpelmayer genannt, mit der Aufziehung des Sohnes. Der Ziehvater starb früh; die für Johann angewiesenen Kostgelder scheinen äußerst dürftig gewesen oder gänzlich ausgeblieben zu sein, da sich der begabte Knabe als Schüler des Kremser Piaristengymnasiums bereits durch Stundengeben und Abschreiben zu erhalten hatte. Der aufopfernden Liebe seiner Ziehmutter, der Gunst einiger Lehrer, so des trefflichen Dialektepikers Josef Misson (1803–1875), froher Geselligkeit in der schönen Umgebung des Donaustädtchens verdankt N. eine trotz aller Entbehrungen, [657] trotz des geisttödtenden Lehrganges einer vormärzlichen Mittelschule, trotz des engen Horizonts seiner Heimath schöne und gesunde Knabenzeit, an deren Erinnerungen er sein Leben lang wie an einem unerschöpflichen Capital gezehrt hat. Im Winter 1830 sieht sich der zehnjährige Poet zum ersten Mal gedruckt; bald gilt er als locales Genie, und als er 1837 zur Fortsetzung dessen, was man damals philosophische Studien nannte, nach Wien übersiedelt, ist er nicht mehr ausschließlich auf das harte Brot des Hauslehrers angewiesen: wir finden ihn seit 1839, in welchem Jahre er sich für den Litteratenberuf entschieden haben dürfte, als federfertigen und nach Journalistenart in allen möglichen Sätteln gerechten Mitarbeiter vieler der unpolitischen Litteratur- oder besser Theaterblätter, von denen Alt-Wien wimmelte: so des „Oesterreichischen Morgenblatts, des „Humoristen“, der „Sonntagsblätter“, des „Wanderers“, in deren Spalten er neben Referaten, Kritiken u. dgl. auch lyrische und dramatische Kleinarbeit abdruckt. Auch zu Heckenast’s Sammelwerk „Wien und die Wiener“ steuert er bei und weiß sich Führern der österreichischen Litteratur wie Grün und Lenau anzufreunden. 1843 bis Mitte 1845 wird die Journalistik zwar bei Seite geschoben, da Johann Rumpelmayer als Hofmeister bei den Söhnen des schlesischen Freiherrn Eduard v. Badenfeld (1800 bis 1860) diesen und seine Zöglinge auf weiten Reisen durch Deutschland, Tirol, die Schweiz, Südfrankreich, Italien bis nach Sicilien hinab begleitet; aber für die schriftstellerische Entwicklung des Jünglings sind diese Wanderjahre von großem Werthe, umsomehr als sein Brotherr, gleich routinirt als Vielschreiber (Pseudonym: Ed. Silesius) wie als Tourist oder, wie es damals hieß, „kalobiotischer“ Reisender, in N. einen Begründer unserer touristischen, besonders unserer alpinen Litteratur geradezu erzogen haben mag. Im Juli 1845 war Johann Rumpelmayer wieder in Wien, dann (in welcher Eigenschaft, ist unbekannt) bereiste er Dänemark und Norwegen; 1846 emigrirte der Autor der censurfällig gewordenen „Gedichte“ nach Dresden, von da nach Leipzig, wo er sich der stattlichen Schar seiner Leidensgenossen, dem sogenannten „jungen Oesterreich“ (Hartmann, Meißner, Uffo Horn u. A.), anschloß und bei den großen journalistischen Unternehmungen J. J. Weber’s Beschäftigung fand. Von da an nannte Johann Rumpelmayer sich auf seinen Schriften, statt wie bisher, nur „Nordmann“, „Johannes Nordmann“, Pseudonyme, bei deren Wahl er einer gewissen Mode gefolgt sein muß (ziemlich gleichzeitig Eduard Nordburg für C. H. Marquardt, Carl Norden für C. W. H. Hildebrandt, Marie Norden für Friderike Wolfhagen, Gustav Norden für Gustav Heine, der Bruder Heinrich’s, Josias Nordheim für Oscar Bagge), und die er später (1866) auch als bürgerlichen Namen von der Regierung zugestanden erhielt. Wie für so viele Andere waren auch für ihn die „dreimal heiligen Märztage“ 1848 das Signal zur Heimkehr: er reihte sich in die Wiener akademische Legion ein, betheiligte sich an den äußerstlinken Organen „Der Radicale“ und „Katzenmusik“ und an der freiheitlichen Anthologie „Phönix“, gab 1848 f. in 10 Lieferungen die im Kloster der vertriebenen Liguorianer aufgefangenen sensationellen Briefschaften, daneben eine Liederfolge „Trutznachtigall“ (von der wir 2 Nummern kennen) heraus und gehörte zu den Intimen Messenhauser’s, ohne sich doch allzuschwer zu compromittiren. Zwar taucht er nach den Octobertagen, offenbar flüchtig, in Dresden auf, gleich darauf aber (1849) wieder in Wien und zwar diesmal als Begründer und Herausgeber der deutschconstitutionellen „Zeit“, welche indeß bald unterdrückt wurde, wiewol die nachmaligen Bürgerminister Berger und Brestel der Redaction dieses fast ephemeren Blattes angehörten. Auch bei der Gründung einer belletristischen Wochenschrift „Der Salon“ hatte N. mit dem Mißtrauen der Behörden lange zu kämpfen; [658] überdies konnte der „Salon“, ein vernünftig und anständig redigirtes Organ, dem damals völlig verwilderten litterarischen Geschmacke der Wiener nur zwei Jahre (1853 f.) Stand halten. Solche Enttäuschungen, die ihn immer wieder in die Stellung des subalternen Journalisten zurückdrängten, dazu die wie ein Damoklesschwert über ihm schwebende Gefahr, als politisch verdächtig von Wien ausgewiesen zu werden, trieben N. 1858 nochmals, wol mit irgend welcher Zeitungsmission betraut, in die Fremde (Frankreich, Belgien, Württemberg); bald aber kehrte er nach Wien zurück, um seine zweite Heimath nur mehr als Berichterstatter oder freilich allsonntäglich als Tourist zu verlassen. Erst Mitarbeiter, dann seit 1863 Redacteur des ungarnfreundlichen „Wanderers“, ging er, als dieses Blatt in czechisch-feudale Hände gerieth, März 1869 zu der deutschliberalen „Neuen Freien Presse“ über, der er bis an sein Lebensende (20. August 1887) angehörte, nebenher 1873–1879 die „Neue Illustrirte Zeitung“, ein gutes Familienblatt, leitend. In die große Oeffentlichkeit drang der Name des bescheidenen Mannes nur im December 1864 anläßlich eines sensationellen, übrigens im Sande verlaufenden Preßprocesses gegen den „Wanderer“ wegen angeblicher Beleidigung des Königs von Preußen, dann 1876 und 1880, als die in der „Concordia“ organisierten Wiener Schriftsteller je auf 3 Jahre ihn zum Präsidenten wählten, und 1881, da er einem Schriftstellercongreß vorsaß.

N. war seit Anfang 1850 mit Josefine degli Albuzzi vermählt, sie überlebte ihn mit zwei Töchtern, deren eine den Indologen E. Neumann heirathete. Nach der äußeren Erscheinung des hochgewachsenen Greises mit gütigen treuen Kinderaugen und mächtigem weißen Bart hat sich der Wiener sein Idea1bild des „alten Achtundvierzigers“ zurecht gemacht.

Als Dichter erscheint uns N. physiognomielos. Seine Jugendlyrik folgt den Bahnen Herwegh’s, copirt ihn geradezu, ohne je den Vers völlig zu beherrschen. Im Romane schließt er sich den Jungdeutschen, im Drama der Schiller’schen Tradition an, eine gewisse, aber nicht beneidenswerthe Originalität zeigt nur das unvollendet gebliebene große Epos „Eine Römerfahrt“. Ungleich höher steht N. als Journalist, ebenso durch die im Milieu der Wiener Preßleute doppelt hoch anzuschlagende Makellosigkeit seines Charakters, aufrichtigen Idealismus, rührende Collegialität, wie durch angenehm flüssigen Stil, harmlose Laune, herzhafte Lebensbejahung und eine nahezu unglaubliche Versatilität, die ihn heute über Theater, morgen über Kunst, übermorgen über Technisches, immer über Politik und am besten über die heimischen Alpen schreiben ließ. In vielen Punkten hat N. bestimmend auf die österreichische Presse eingewirkt: z. B. geht das von Daniel Spitzer später glänzend cultivirte Genre der sogenannten Wochenplauderei auf ihn, zuletzt freilich auf Pariser Muster zurück, die touristische Journalistik ist recht eigentlich seine Schöpfung, den Stand des Tagesschriftstellers in der öffentlichen Meinung zu heben, hat er, dessen Lehrzeit mit den Anfängen, dessen Mannesalter mit der Blüthe des Wiener Zeitungswesens zusammenfällt, mehr gethan, als andere von Glück und Mode mehr begünstigte Collegen.

Selbständig erschienene Schriften: 1846 „Gedichte“ und „Ein Novellenbuch“ (²1851, Titelaufl. 1866); der Roman „Aurelie“ (¹1847, ²1850); die poetische Erzählung „Ein Jugendleben“ (1849); die Romane „Zwei Frauen“ (1850) und „Carrara“ (anonym 1851); „Dante’s Zeitalter“ als erster Theil eines geplanten umfassenden Dante-Werkes (1852); die Novelle „Frühlingsnächte in Salamanca“ (zuerst 1853 im 3. Bd. des „Salon“, dann ¹1856, ²1857, ³1880), die ihren Stoff dem „Novellino“ des Massuccio entlehnte und dem Dichter mannichfache Chicanen der in der Concordatzeit [659] besonders empfindlichen österreichischen Preßbehörde zuzog; die vieractige Tragödie „Ein Marschall von Frankreich“ (1857); „Ein Wiener Bürger“ (¹1860, ²1882); eine Sammlung touristischer Feuilletons aus den Jahrgängen 1864–68 des „Wanderers“ „Meine Sonntage“ (¹1868, Titelaufl. 1871, ²1880); die Novellensammlung „Wiener Stadtgeschichten“ (1869), zumeist ebenfalls schon vorher in Zeitschriften veröffentlicht; die anmuthige biographische Plauderei „Der zerbrochene Spiegel“ (1870); das groß, aber seltsam angelegte Epos „Eine Römerfahrt“, welches vollendet den Titel „Die menschliche Tragödie“ hätte führen sollen (erster Gesang ¹1875, ²1884, zweiter Gesang 1877); das Drama „Meister William“ (als Bühnenmanuscript 1880); „Unterwegs“, eine Fortsetzung von „Meine Sonntage“ (Feuilletons der „Neuen Freien Presse“, in Buchform 1884); – der während der Revolutionszeit entstandenen Schriften Nordmann’s wurde bereits gedacht. Die dort und da verstreute Lyrik seiner Mannes- und Greisenjahre wurde nach seinem Tode von Emerich Ranzoni („Gedichte“, ¹1889, ²1892) herausgegeben. – 1854 ff. hat N. Lamartine’s Geschichte der Türkei übertragen. – Viel Poetisches, hierunter ein „Esther“-Drama, ist außerdem in den vor- und nachmärzlichen Zeitschriften zerstreut, viel Ungedrucktes enthielt der Nachlaß.

Robert F. Arnold.