ADB:Ottheinrich

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Artikel „Otto Heinrich (Ottheinrich)“ von Salzer. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1886), S. 713–719, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ottheinrich&oldid=2185011 (Version vom 24. Juli 2014, 00:34 Uhr UTC)
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Band 24 (1886), S. 713–719. (Quelle)
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Otto Heinrich: Ottheinrich, Kurfürst von der Pfalz (1556–59), geboren am 10. April 1502, ist der Sohn Pfalzgraf Ruprechts, des dritten Sohns Kurfürst Philipp’s des Aufrichtigen (1476–1508) und der Herzogin Elisabeth, Tochter Georgs des Reichen von Baiern-Landshut, welcher sein Land, da er keinen Sohn hatte, durch seine Tochter an Pfalzgraf Ruprecht bringen wollte, indem er es ihm testamentarisch vermachte. Georg der Reiche gab dadurch Veranlassung zu dem bairischen Erbfolgekrieg (der Landshuter Fehde) vom Jahre 1504. Als Vater und Mutter Ottheinrich’s mitten im Krieg von der Ruhr hinweggerafft wurden, sendete Kurfürst Philipp seinen vierten Sohn Friedrich, der, ein Liebling Philipps des Schönen, am burgundischen Hofe lebte, als Vormund der zwei hinterlassenen Waisen Ottheinrich’s und seines jüngeren Bruders Philipp (geb. 10. November 1503) nach Landshut. Ihm gelang es, Maximilian, der seinen Antheil an der Landshuter Beute in Sicherheit wußte, von dem Bunde mit Baiern-München loszulösen und dadurch, daß er die Entscheidung der Sache dem König gänzlich anheimstellte, diesen zu veranlassen, so lange auf Baiern einen Druck auszuüben, bis es in gleicher Weise alles dem Ausspruch Maximilians zu überlassen sich bereit erklärte. Auf dem Reichstag in Cöln sprach [714] hierauf Maximilian am 30. Juli 1505 den Mündeln Herzog Friedrich’s Land aus Georgs Erbe mit einem Ertrage von jährlich 24000 fl. zu, sowie die Fahrnisse, die Barschaft und die Schulden, soweit sie nicht Pfandschaften waren. Geschütz und Getreide wurden unter den Parteien geteilt. Das zugeschiedene Gebiet, die junge Pfalz, bestand aus Herzog Georgs Oberland in Schwaben mit Lauingen, Höchstett und Gundelfingen; dazu kam die Gegend nördlich und südlich der Donau mit Neuburg und Reichertshofen, Hilpoltstein und Haideck, sowie einige auf dem Nordgau und vor dem Wald gelegene Aemter, die zu Baiern-München gehört hatten. Der Krieg hatte den reichen Schatz, angeblich eine Million bar, aufgezehrt, schwere Schulden verursacht und das Land furchtbar verwüstet. Die unsichern Verhältnisse zu Nürnberg und Brandenburg und die feindselige Haltung Baierns machten die Lage noch schwieriger. Dennoch wurden von dem jungen Vormunde, der Maximilians Gunst, wie die seines 1506 gestorbenen Sohnes gewann, die Gefahren überwunden und nach und nach ein besseres Verhältniß zu Baiern angebahnt, bis durch die Versöhnung der Kurpfalz mit Maximilian auf dem Reichtag zu Augsburg 1518 auch mit Baiern volle Versöhnung eintrat. O. und Philipp wurden in Neuburg unter Aufsicht von Herzog Friedrichs Statthalter Adam von Törring, eines bewährten Dieners Herzog Georgs, von einem Magister aus Bretten, Alexander Wagner, gemeinsam in Deutsch und Latein unterrichtet bis in Ottheinrich’s 14. Jahr, worauf dieser in die Geschäfte und die ritterlichen Uebungen seines Standes eingeführt wurde; Philipp aber ging auf die Universitäten Freiburg und Padua, wobei die Absicht vorschwebte, ihn in den geistlichen Stand treten zu lassen. Nachdem Karl V. zum Kaiser gewählt worden, erhielt O. durch Vermittlung seines Vormunds im persönlichen Dienst des Kaisers eine Stellung, trat dieselbe aber nur an, um mit Einwilligung des Kaisers einige Monate lang in Spanien und Italien zu reisen. Er war dann 1520 bei der Krönung in Aachen und auf dem Reichstag in Worms, wo er am 9. April 1521 auch für seinen Bruder mit Neuburg belehnt wurde. Mit des Kaisers Erlaubniß trat er hierauf am 15. April eine Pilgerreise nach Jerusalem an, von der er am 1. December desselben Jahres zurückkehrte. Er hat über seine Reise ein ausführliches Tagebuch geschrieben, daß er nach seiner Rückkehr fortsetzte und das bis 1534, leider ohne die zahlreichen, ausführlichen Beilagen sich erhalten hat. Am 22. Juni 1522 übernahm er mit seinem Bruder, vor der Zeit mündig erklärt, die Regierung des Landes selbst, weil Herzog Friedrich durch seine Statthalterschaft an der Spitze des Reichsregiments abgehalten war, die Regierung in Neuburg weiter zu führen. O. widmete sich mit Eifer den Geschäften. An dem Zug gegen Sickingen nahm er 1523 an der Seite des Kurfürsten Theil, an dessen Hofe er darauf von December 1523 an ein Jahr lang lebte, um sich als künftigen Kurerben am Rheine bekannt zu machen. Er war nach Kurfürst Philipps Testament mit seinem Bruder, wenn Kurfürst Ludwig und Herzog Friedrich ohne Söhne sterben sollten, zum Nachfolger in der Kur erklärt worden. Alle übrigen Söhne Friedrichs waren nach ihres Vaters Wunsch in den geistlichen Stand getreten und mit Bisthümern ausgestattet worden, um Ludwig und Friedrich Land und Leute allein zu überlassen. Der jüngste Sohn Philipps, Wolfgang, bei seines Vater Tode erst 14 Jahre alt, weigerte sich allein in den geistlichen Stand zu treten und drohte, Anspruch auf Land und Leute zu erheben. Um dies abzuwenden und zugleich die Ansprüche Ottheinrich’s und Philipps, die als Sprößlinge des dritten Sohnes Philipps, vor Friedrich Erbrecht hätten ansprechen können, unmöglich zu machen, verleitete man diese wie Wolfgang zum Abschluß eines Vertrags, in welchem sie Philipps Testament anerkannten, Wolfgang eine Geldentschädigung und O. und Philipp das vage Versprechen der Kurnachfolge [715] erhielten, da die Oheime sich zu vermählen nicht die Absicht hätten. O. und Philipp hatten die Mittel nicht, sich zu widersetzen und die für sie als Erben vor Friedrich sich aussprechende goldene Bulle hatte man vor ihnen wohlweislich geheim gehalten. Erst lange nachher beim Tode Ludwigs erlangten sie Kenntniß von ihren Rechten und Friedrichs Unredlichkeit. Im Heere Kurfürst Ludwigs machte O. den Bauernkrieg mit. Die eigenhändige Aufzeichnung über seine Erlebnisse auf diesem Zug vom Brurhain im Bisthum Speier über Neckarsulm nach Würzburg und von da durch den Odenwald nach Oppenheim in die Pfalz ist noch vorhanden, und bildete eine der zahlreichen Einlagen seines Tagebuchs. O. gehörte in dieser Zeit der altkirchlichen Partei an. Wenn er auch dem Regensburger Bund von 1524 nicht beitrat, so machte er doch dessen Maßregeln gegen „die lutherische Ketzerei“ bekannt und erhielt für sein Verhalten im Bauernkrieg und in der religiösen Frage ein Belobigungsschreiben Clemens VII. und weitgehende Einräumungen hinsichtlich der Besteuerung seiner Geistlichkeit. Auf dem Reichstag in Speyer 1529 wie 1530 in Augsburg hielt er sich zur katholischen Majorität. Bei Auflösung des schwäbischen Bundes und dem Ersatz desselben durch die Rheinische Einung schwankte er zwischen Pfalz und Baiern und trat schließlich der Eichstedter Einung 1534 und dem kaiserlichen neunjährigen Bund von 1535 bei, da er seit 17. October 1529 mit der Schwester der Herzoge von Baiern Susanna, Wittwe Markgraf Kasimirs von Brandenburg vermählt war. Die Ehe blieb in Folge verschiedener Fehlgeburten kinderlos. Sie brachte ihn in die vertrautesten Verhältnisse zu seinen Schwägern, mit denen er die Leidenschaft für die Jagd, die ritterlichen Spiele und das Armbrustschießen gemein hatte. An dem Türkenkriege von 1532 wollte er auf eigene Hand theilnehmen, erhielt aber schon in Passau Kunde von dem Rückzug des Feindes und der Auflösung des Reichsheeres. Nachdem Herzog Philipp durch die Wiedereinsetzung Herzog Ulrichs von Württemberg seinen Statthalterposten verloren hatte, setzte er bei O. durch Vertrag vom 4. Januar 1535 eine Theilung des gemeinsamen Fürstenthums auf 6 Jahre durch, wobei ihm der dritte Theil des Landes zufiel. Philipp konnte sich aber wegen seiner im Dienst Karl V. gemachten Ausgaben und seiner Reisen für Heirathszwecke vor Schulden schon Anfang 1541 nicht mehr halten. Da übernahm O. auf Zureden Baierns auf dem Reichstag in Regensburg, die bei 7000 fl. Einkünften 416000 fl. betragenden Schulden seines Bruders und setzte demselben eine Rente von 1200 fl. aus. Die Herzoge von Baiern hatten O. ein Darlehen von 200000 fl. zugesagt, traten aber plötzlich von dieser Zusage zurück, als O. die Reformation in seinem Lande einführte. Nun konnte auch O., der auch mit seinem Einkommen nicht ausgereicht hatte, seinen Verbindlichkeiten nicht mehr genügen. Die schon aus dem bairischen Krieg stammende Belastung der Aemter mit Pfandschaften und Dienstgeldern, der Schloßbau in Neuburg, das Jagdhaus in der nahen Grünau und die Kunstliebhabereien hatten sammt Philipps Schulden auch Ottheinrich’s Ruin zur Folge, den nur der Verkauf eines Theiles des Fürstenthums hindern zu können schien. Die bairischen Herzöge, weiche längst schon ihr Auge auf Neuburg geworfen hatten und, als die Freundschaft mit O. in die Brüche ging, durch seinen Ruin in Besitz des einst zu Baiern gehörigen Landes zu gelangen suchten, legten dem Verkaufe des Landes durch Drohungen gegen die Kaufliebhaber, wie Augsburg und die Fugger, alle erdenklichen Hindernisse und Schikanen in den Weg und verschleppten die Sache, um im Trüben zu fischen. Allein ihr Netz wurde durch den Entschluß der Landstände, das Land in ihre Verwaltung zu nehmen und die Schulden abzutragen, zerrissen. Dies geschah durch den Vertrag vom 20. August 1544. O. erhielt ein Jahrgeld von [716] 5000 fl. Die über eine Million betragenden Schulden begann die Landschaft abzuzahlen, indem sie, wie schon O. an Nürnberg, nun an die Pfalz Land verkaufte, sich eine Contribution und Steuern, die Einschmelzung des Silbergeschirrs und Anderes auferlegte, um die schlimmsten Gläubiger zu befriedigen. O. zog sich nach Heidelberg zurück, wo er auf die reformatorischen Maßregeln Kurfürst Friedrichs Einfluß hatte. Denn längst war er von seiner strengkatholischen Ueberzeugung abgekommen. Seit dem erneuten Fortschritte der Reformation von 1534 an kam er durch Lectüre der reformatorischen Schriften nach und nach zu einer anderen Ueberzeugung, die vom Ende 1538 an sicher bezeugt ist. Dennoch dauerte es bis zum 22. Juni 1542, ehe O. offen hervortrat und zu reformiren begann. Sein Ausschreiben darüber hat den Nürnberger Prediger Osiander an der St. Lorenzkirche zum Verfasser. Doch standen O. auch Michael Diller, der sein Hofprediger ward und Musculus von Augsburg zur Seite. Die neue Kirchenordnung folgte 1543. Eine mit Ottheinrich’s Hilfe von seinem Rentschreiber Hans Kilian in Neuburg gegründete Druckerei entfaltete große Thätigkeit in der Verbreitung reformatorischer Schriften. Wegen der feindlichen Haltung Baierns suchte O. schon 1542 um Aufnahme in den Schmalkaldischen Bund nach. Da es aber wegen Herabsetzung des vom Bund verlangten Beitrags längerer Verhandlungen bedurfte, so wurde ihm der Eintritt erst im Juni 1544 zugesagt, als er eben im Begriff war, sein Land an die Stände abzutreten, die sich nicht in den Bund aufnehmen ließen. Ottheinrich’s Uebertritt zum Lutherthum wurde vom Kaiser sehr übel vermerkt und sein Einfluß auf die theilweise Reformirung der Pfalz 1545 erbitterte noch mehr. Als der Schmalkaldische Krieg ausbrach und Neuburg Kriegsschauplatz wurde, nahmen Statthalter und Landschaft des Fürstenthums 2 Fähnlein Schmalkaldischen Kriegsvolks in die Stadt Neuburg auf, welche vor den Thoren der Stadt den Kaiser in Lebensgefahr brachten. Die Stadt wurde erobert, das Schloß geplündert und mit Ottheinrich’s Sammlungen übel umgegangen. Nach seinem siegreichen Feldzug in Oberdeutschland legte der Kaiser auf das Fürstenthum Beschlag, das 1546 durch den geheimen Vertrag mit Baiern in Regensburg diesem in Aussicht gestellt worden war, wie die Kur bei Friedrichs Tod. Da der Kaiser über den Kaufpreis mit Baiern sich nicht einigen konnte, blieb das Land sequestrirt bis zum Passauer Vertrag 1552. Der Kaiser warf einen bittern Haß auf O., der trotz aller Vorstellungen und Bitten der gesammten Reichsstände nicht wieder zu Gnaden angenommen wurde. Er verlebte bittre Zeiten im Exil zu Heidelberg, abhängig von dem guten Willen des Kurfürsten, dem der Vetter sehr unbequem war, da er ihm gegen den Kaiser Schutz zu bieten schien und selbst Ursache hatte, seine halbunfreiwillige Theilnahme am Schmalkaldischen Krieg vergessen zu machen. Der Streit zwischen Pfalz und Baiern um die Kur drohte O. um sein Nachfolgerecht zu bringen, wenn Friedrich starb, ehe O. begnadigt war, und so erschien O. den Agnaten als Hinderniß für den Ausspruch des Kaisers zu Pfalz Gunsten in der Kursache. Daher drängten sie O. zum Verzicht auf die Kur gegen Geld. Er blieb aber standhaft; selbst als ihm angedeutet wurde, daß er um den Preis des Religionswechsels einen gnädigen Kaiser finden werde. Der Kurfürst mußte ihn zuletzt nach Weinheim entfernen und er sollte sogar nach Kaiserslautern übersiedeln, um möglichst fern von Heidelberg zu sein. Der Tod Herzog Wilhelms von Baiern befreite ihn von der dringendsten Gefahr, da dessen Nachfolger den Streit um die Kur nach und nach aufgab. Entscheidung brachte aber erst der Krieg des Kurfürsten Moritz und seiner Verbündeten, darunter Ottheinrich’s Stiefsohn Albrecht von Brandenburg im Frühjahr 1552. Diese vertrieben den kaiserlichen Statthalter aus Neuburg und forderten O., der dem Rufe folgte, auf, in ihren Bund einzutreten. So kam er in sein Land [717] zurück, in dessen Besitz er durch den Passauer Vertrag bestätigt wurde. Sofort wurde die Ordnung des Schuldenwesens, die in der Occupationszeit ins Stocken gekommen war, in Angriff genommen. Unter dem Beistand der protestantischen Fürsten und kaiserlicher Commissäre wurde mit den Gläubigern unterhandelt, die auf die seit 1546 rückständigen Zinsen und Theile der Capitalforderungen verzichten mußten. Die Tilgung der Schulden durch die Landstände nahm ihren Fortgang, doch führte O. unter Theilnahme der Stände an der Finanzverwaltung die Regierung und erhielt die frühere Pension, die Herzog Wolfgang von Zweibrücken-Veldenz, der in der kritischsten Zeit dem Lande mit einem Darlehn von 100 000 fl. zu Hilfe gekommen war, zu zahlen übernahm, als ihm O. auf seinen Tod eine Donationsurkunde über das Fürstenthum Neuburg ausstellte (1554). Diese Donation störte das Einvernehmen mit dem Kurfürsten, das sich seit der Zeit der Verbannung verschärft hatte, immer mehr, bis am 26. Februar 1556 der Tod Friedrichs O. endlich die Kurwürde brachte. Er hatte seit 1552 mit großem Eifer unter schweren Kämpfen mit den benachbarten Bischöfen, besonders dem von Augsburg, die vom Kaiser in Neuburg rückgängig gemachte Reformation seines Landes gepflegt und wohlthätige Reformen in der Verwaltung eingeführt. Von demselben Geist war seine Regierung in der Pfalz erfüllt. Schon im März 1556 erschien ein Edict, welches die Einführung der „reinen evangelischen Lehre“ und die Abschaffung der „papistischen Irrthümer“ verkündigte. Sein Hofprediger Diller, der Heidelberger Professor der Theologie Stolo und besonders J. Marbach von Straßburg entwarfen die neue Kirchenordnung vom 4. April 1556, die sich der unveränderten Augsburger Confession anschloß. Die Leitung der Kirche erhielt der „Kirchenrat“, in welchem Professoren der Universität, wie Ch. Ehem und Thomas Erast saßen und der später als Eiferer berüchtigte Thilemann Heßhus, der auf Melanchthon’s Empfehlung Generalsuperintendent wurde. O. gehörte der religiösen Praxis nach zu den milden und versöhnlichen Männern. Bei dem Versuch in Worms die verschiedenen protestantischen Richtungen zu einem modus vivendi zu bringen, widersetzte er sich energisch der Verketzerung gewisser Richtungen. Er wirkte auch 1558 zu Frankfurt unter den Glaubensgenossen für Annahme einer Glaubensformel, bei welcher auch die calvinistisch Gesinnten sich zur Augsburger Confession bekennen konnten. Gleich nach seiner Ankunft nahm O. auch die Reform der Universität in Angriff, der nun endlich das scholastisch-theologische Gewand abgestreift wurde. Sie erhielt mit Melanchthon’s Rath unter Mitwirkung des Canzlers Probus, Ehems und des Professors der griechischen Sprache Jakobus Micyllus eine den Forderungen des Humanismus und des Protestantismus zugleich entsprechende Gestaltung, wurde finanziell unabhängig gemacht und dabei wurden die Besoldungen der Professoren namhaft erhöht. Die Facultäten wurden einander gleichgestellt und namentlich die ehemalige artistische, jetzt philosophische Facultät zum eigentlichen Mittelpunkt gemacht, von dem aus die humanistischen Studien besonders gepflegt wurden. Das von Friedrich gegründete, von O. vollendete und ausgestattete Sapienzcollegium diente zur Heranbildung tüchtiger Geistlichen. Das Pädagogium, eine gelehrte Schule, wurde mit der Neckarschule, einem Internat für die classische Vorbildung zur Universität, vereinigt und eine Schulordnung für gelehrte Schulen erlassen. In die Regierung des Landes führte er in Neuburg bewährte Reformen ein. Die ungestörte Erbfolge in der Kur lag ihm besonders am Herzen. Nicht ohne Mühe brachte er mit den Agnaten von Simmern-Sponheim und Zweibrücken-Veldenz den Successionsvertrag von 1557 zu Stande, der der simmernschen Linie den Vorrang in der Kur zusprach, wofür sie in die Wiedereinverleibung der im Jahr 1544 an die Pfalz verkauften Aemter Sulzbach, Parkstein und [718] Weiden in das Herzogthum Neuburg einwilligen mußte, das in Folge der Donation bei Ottheinrich’s Tod an Zweibrücken-Veldenz fallen sollte. Neben der Reform der Religion und der Universität ist Ottheinrich’s Regierung noch besonders bedeutend geworden durch die Neubegründung der Universitätsbibliothek und durch einen glänzenden Renaissancebau auf dem Schloß. Die Bibliothek wurde durch Ottheinrich’s in Neuburg gesammelten und in Heidelberg noch bedeutend vermehrten Bücherschätze (von denen aber nichts aus der Reise nach Palästina sich herschreibt, wie irrthümlich behauptet wird) die bedeutendste diesseits der Alpen. Der Schloßbau aber zeugt von dem feingebildeten Geschmack des Fürsten. Der Künstler bringt in dem Figurenschmuck der Façade dem Bauherrn eine feine Ovation dar. Denn die hauptsächlichsten künstlerischen, wissenschaftlichen und religiösen Bestrebungen des Fürsten finden darin ihren Ausdruck. Auf sein Wirken für ein biblisch reines Christenthum deuten die Figuren der christlichen Cardinaltugenden und der biblischen Helden hin, auf seinen Sinn für die wieder lebendig gewordene Kunst der Alten Inhalt und Form der Ornamente im weitesten Sinn und auf seine Vorliebe für Astronomie und Astrologie die 7 Planetenfiguren: Die ganze Façade ist ein vergeistigtes Bild von dem Wesen des Erbauers.

Seine politische Bedeutung beruht darauf, daß er an den zwei Hauptadern Oberdeutschlands, an der Donau und am Rhein dem Protestantismus Raum schaffte und den Boden bereitete für die europäische Bedeutung Heidelbergs im Zeitalter der Gegenreformation. Noch viel nachhaltiger wirkte er durch die Förderung aller wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen, die in seinen Bereich kamen. In ersterer Beziehung ist sein Sammeln von gedruckten und handschriftlichen Werken der orientalischen, antiken und mittelalterlich vaterländischen Literatur, auch zahlreicher astronomischer Werke, deren er selbst einige herstellen ließ, in letzterer Beziehung seine Beschäftigung tüchtiger Künstler, vor allen auch bei seinen Bauten von Bedeutung. Das Neuburger Schloß erhielt durch ihn zwischen 1527 und 1538 einen neuen Flügel, der noch vielfach an den gothischen Stil anklingt, aber schon das Characteristische der Renaissance zeigt, die er im Heidelberger Schloßbau zur höchsten Vollendung brachte. Der innere Schmuck der Räume in Neuburg, besonders die Thürverkleidungen zeigen aber schon den schönsten italienischen Renaissanceschmuck, der sich auch in der Ausmalung der Zimmer al fresco zeigte. O. hatte persönlich in Italien die Kunst der Renaissance kennen gelernt, die, seit die Fugger in Augsburg im Jahr 1508 in der St. Ulrichscapelle das Beispiel gegeben hatten, sich in Deutschland rasch verbreitete und eigenthümlich ausbildete. O. hat sie im Heidelberger Schloß in dem großartigsten Profanbau zuerst in ihrer vollen Pracht diesseits der Alpen vorgeführt. Das Schloß in Neuburg und der nach italienischem Muster seit 1532 angelegte Fürstengarten, der mit allen zu erlangenden exotischen Pflanzen geschmückt wurde, enthielt viele Kunstgegenstände, von denen einige im bairischen Nationalmuseum sich befinden, andere da und dorthin zerstreut sind, Sammlungen von Merkwürdigkeiten, kostbare Waffen, schönen Kirchenschmuck, Kleinode besonders in geschmelzter Arbeit und reichen Schmuck an gewirkten Teppichen, die O. nach von ihm bestellten und unter seiner Mitwirkung entstandenen Cartons von niederländischen Meistern in Lauingen herstellen ließ. Die Gegenstände der Darstellung hatten Bezug auf seinen Stammbaum (3 höchst interessante genealogische Teppiche in München), auf seine Reise nach Palästina (die Stadt Jerusalem mit den heiligen Orten, ebenda) und auf eine Reihe von Kriegsthaten seines Bruders Philipp (z. B. die Belagerung von Wien). Er ließ eine Bibelhandschrift von einem bedeutenden Künstler mit Miniaturen schmücken, ließ plastische Werke herstellen (z. B. ein Relief einer Kreuzigungsgruppe, sein Sarkophag mit Darstellung der klugen und thörichten Jungfrauen) und ließ sich hervorragende Werke Peter Vischers nachgießen [719] oder von ihm anfertigen, er sammelte antike Münzen und hielt einen Thiergarten. Schließlich ist er als Historiker und Förderer der Geschichtswissenschaft zu nennen wegen seines Tagebuchs und der Beilagen zu demselben, wegen der Lebensbeschreibung seines Bruders und der systematischen Sammlung von Documenten, die sich auf seine Familie und deren Rechte, sowie auf die Zeitgeschichte beziehen, Documente, die er mit unsäglicher Mühe und Ausdauer zusammengebracht und als einen unveräußerlichen und unzertrennbaren Schatz seinen Nachfolgern in seinem Testamente zu erhalten anempfohlen hat. O. war von kräftigem, gedrungenem Körperbau, bis gegen sein 40. Jahr ein eifriger Theilnehmer an den ritterlichen Uebungen des Rennens und Stechens, ein unermüdlicher und unersättlicher Jäger, lebensfreudig und frohmüthig im Umgang und ebenso trinklustig als seine Zeitgenossen. Schon früh fühlte er das Bedürfniß warmer Bäder, besuchte häufig das Wildbad, einmal selbst Gastein; später besonders seit seinem Exil alljährlich Baden-Baden, wo er ein wohlbekannter Gast war. Den Armen, denen er die Reste seiner Tafel als Almosen zukommen ließ, setzte er, damit sie der gewohnten Gabe nicht entbehrten, in seinem Testamente eine Summe Geldes aus, von der sie alljährlich in seiner Badezeit gespeist werden sollten. Seit seinem 40. Jahre war er wohlbeleibt, aber trotzdem stets ein eifriger Jäger, bis zunehmende Leibesstärke ihn zu ruhigerem Leben verurtheilte. In den letzten Heidelberger Jahren fuhr er oft in die Stadt hinab, um sich in der Bibliothek an der Lectüre zu ergötzen. Sein aufgeweckter, wißbegieriger Sinn hob ihn über die Mängel seiner mit 14 Jahren beendeten Schulbildung hinweg. Durch Lectüre und Umgang mit kenntnißreichen Männern ergänzte er als Jüngling und Mann sein Wissen. In den Geschäften zeigt er einen geraden Verstand und große Willensstärke, die bisweilen in hartnäckigen Eigensinn ausartete. Sein reiches Gemüth bedurfte des Verkehrs mit andern. Das Verhältniß zu seinem Bruder war das innigste. So war auch sein religiöses Empfinden kräftig. Lange überzeugter Katholik, macht er außer der Pilgerfahrt nach Jerusalem wiederholte Wallfahrten nach Altötting, ringt sich aber zur reformatorischen Ueberzeugung durch und beharrt bei derselben auf Kosten selbst seiner Stellung als Fürst. Er starb plötzlich am 12. Februar 1559, ehe er eine neue Redaction seines Testaments hatte fertig stellen können, als der letzte des Stammes König Ruprechts, in dessen Erlöschen er auf seinem Todtenbette die Strafe Gottes dafür sah, daß sein Ahnherr Ludwig III. einen Unschuldigen, Johann Huß, zum Scheiterhaufen geführt hatte.

Ottheinrich’s Tagebuch im Geh. Hausarchiv in München. – Die Reise nach Palästina, abgedruckt bei Röhricht und Meißner, Deutsche Pilgerreisen. – Rockinger, Pflege der Geschichte durch die Wittelsbacher. – Häusser, Gesch. der Rhein. Pfalz I. – Hautz, Die Neckarschule und Geschichte der Universität Heidelberg. – Salzer, Beiträge zu einer Biographie Ottheinrich’s nach archivalischen Studien in Karlsruhe, München, Neuburg, Amberg und Marburg.
Salzer.