ADB:Phrygio, Paulus Constantinus

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Artikel „Phrygio, Paulus Constantinus“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), ab Seite 92, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Phrygio,_Paulus_Constantinus&oldid=885709 (Version vom 10. Dezember 2009, 20:18 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
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Band 26 (1888), ab Seite 92. (Quelle)
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Phrygio: Paulus Constantinus P., eigentl. Paul Seidensticker gen. Costenzer, Humanist und Theologe, hat sich als eiftiger Zwinglianer an der Neugestaltung der kirchlichen Verhältnisse in Oberdeutschland sowie an der Reorganisation deruniversitäten Basel und Tübingen in protestantischem Sinne in hervorragendem Maße betheiligt. Geboren um 1483 in Schlettstadt und zunächst auf der Schlettstadter Stadtschule unter Crato –sfmann gebildet, widmete er sich seit dem Jahre 1499 in Freiburg philosophischen Studien und wurde schon im darauffolgenden Jahre zum mzgister :11–tjum promovirt. Ein weiterer Studienaufenthalt in Paris ist wahrscheinlich. Im Frühjahr 1510 wird er an der Universität Basel zu theologischen (exogetischen) Vorlesungen zugelassen und 1513 daselbst zum Doctor der Theologie ernannt; doch wendet er sich bald der pfarramtlichen Praxis zu, indem er zunächst in Eichstädt, dann seit 1519 als Pfarrer in seiner Baterstadt wirkt. Ein ebenso eifriger Humanist wie treuer Hüter seiner Gemeinde nimmt er an den wissenschaftlichen Bestrebungen der von Wimpfeling geleiteten Schlettstadter 80t1e21jt:18 1itte1–a1–j:1 lebhaften Antheil und wird bald neben Beatus Rhenanus, Jo. Sapidus, Paul Bolz, Jac. Spiegel zu den hervorragenden Mitgliedern derselben gezählt. Wie die Mehrzahl der Schlettstadter Gelehrten von vornherein resormfreundlich gesinnt, tritt er seit 1520 in Wort und Schrift gegen den Papismus in die Schranken und weiß der neuen Lehre bald zahlreiche Anhänger in seiner Gemeinde zu gewinnen. Er schafft das Kerzen- und Weihwassetsesgnen ab, predigt gegen die Procesfiouen und führt die deutsche Messe ein. Seit 152–t wiederholt mit dem katholisch gebliebenen Magistrat in Conflict, legt er, nachdem der Magistrat die Wiederherstellung der Ceremonien befohlen, im Herbst 1325, ein Märtyrer seiner Ueberzeugung, sein Amt nieder und wandert, arm wie Hiob, nach Straß- burg, um dort ein Unterkommen zu finden (November 1525). Noch im October 1526 begegnet er uns in dieser Stadt, doch scheint er bald darauf eine Pfarrstelle in Jllkirch übernommen zu haben. 1529 wird er als erster evangelischer Pfarrer an St. Peter in Basel berufen und entwickelt nun von der Kanzel, seit 1532 auch, als Professor der Theologie an der reorganisirten Universität, vom Catheder herab eine eifrige Thätigkeit, um der protestantischen Sache zu vollständigem Siege zu verhelfen; gleichzeitig aber ist er bestrebt, eine Einigung mit den Straßburger Refotmatoren herbeizuführen, wie er denn auch als Abgeordneter der Stadt Basel im J. 1533 auf einer Straßburgischen Synode erscheint. Im Januar 1535 aus Grynaeus’ Veranlassung von dem restituirten Herzog Ulrich von Würtemberg als Pfarrer und Lehrer der heil. Schrift nach Tübingen berufen, bald darauf auch zum herzoglichen Commissär bei der durchzuführenden Universitätsreorganisation ernannt, wird er doch erst im darauf folgenden Jahre, wie es scheint nicht ohne Widerspruch, in die theologische Facultät aufgenommen und mit dem Fache der neuteflamentlichen Exegese betraut. Von seinen Collegen, [93] namentlich dem streng lutherischen Jo. Forster, vielfach angefeindet, scheint er sich in der Folge vorzugsweise auf seine pfarramtliche Thätigkeit geworfen zu haben; auch mancherlei häusliches Kreuz, Krankheiten in der Familie und häufige Geldnoth, verbitterten ihm seine Tage. Im August 1542 starb seine Gattin im Wochenbett, ihm drei mimündige Kinder hinterlasfend. Kaum ein Jahr später, am 1. August 1543, folgte er ihr selbst in die Ewigkeit nach. – Ein einfacher, ernster, gläubig-frommer Mann, ohne hervorstechende geistige Begabung, doch von gründlicher humanistischer und theologischer Bildung, von den Zeitgenossen wegen seiner Kenntnisse in der hebräischen und griechischen Sprache mit Auszeichnung genannt. Verfasser einiger alttestamentlicher Commentare („111 Iljc11e:1111 1)1–01.-11etam eommsi1tarjus 1). l:’suli 00nst:1–ntinj?11r)’– gionjs.“ :“1rgent. 1588. 8“. 155 S. und „ln I.0Vjti0um L11!-1mmtio 1’mi1j 00r1St:1ntini 1’111–z-gio11is. B;1Si1. 1543. kl. 4o. 134 S.) und einer synchronistischen Weltchronik (-011roni0um 1–0gum r0gnorumqu0 Omnj11m cx1tu1ogum er 1z(-rpetuum ab on0rc1j0 munc1i temp0r11m 80cu10rum(1ue SOrjcm c.omp1ecty011S er 0ptjmjs (1ujtmsque lleb1–;1ejs, SrA.e0js Fr le1ti11is uu(:torjbus co11gstum- 1siu1o (Jo11– Sten1tin0 l’llrzgjo11(3 8ut0re“. 13siSj1.1534. 2“s), die seinet1Biographen Pantaleon zu einigen schwungvollen Distichen begeisterte; auch als Verfasser der anonymen Flugschrift: .-01–Atj0 (.’o11StAnt.j11i kJubu1i Ilover1tinj (1e yjrtuto e1euNjum“ S. 1. S. a. (H1520) 4o. 13 Bl. zu nennen. Csrwähnt werden von Pantaleon noch als von ihm verfaßt ein Commentar j11 1J oc1um und die Schrift ,-Ve 0ausa B0emj0a“. (Letzteres trägt allerdings auf dem Titel den Namen Paul. Constantius, charakterisirt sich aber als eine Apologie des Constanzer Concils.y) Im Briefwechsel mit Capito, Buß-rr, Rhenanus, Spiegel, Pirkheimer u. s. w. – Die Begründung vorsttstht–nder Angaben an anderm Orte-.

Litteratur: Dürftige z. Th. unrichtige Nachrichten bei Pantaleon, 1’roso– pog1–;1rz11. Bas. 1565, 1ll, 182; Adam, Vit. (3eA1–n1. t-11eo1. Frankf. 1643, p. 97; .4t11811801–ksi11–jcAe. Bas. 1778. – Auf diesen Quellen sußend Hagenbach, Die theol. Schule Basels und ihre Lehrer. Bas. 1860 und Boecking, 01zp. k1.ut.ten. 8up1z1. 1l, 43?. Ueber den Freiburger Aufenthalt vgl. Schreiber, Gesch. d. Univers. Freiburg, 1868, l, 92. über den Schlettstadter Walther, k1jstoi1–O (je 19t 1st“0rn1e ü (3(9.1est.:1(1t„ 8trasb0u1–g 1843, über den Tübinger Schnurrer, Biogr. u. litter. Nachricht. v. ehemal. Lehrern der hebr. Litteratur in Tübingen. Ulm 1792 und Weizsäcker, Lehrer u. Unterricht an der Ev. theol. Fakultät der Universität Tübingen. Tübingen 1877. – Vgl. auch Röhrich, Gesch. d. Ref. im Elsaß, l, 400 und Knod, Jac. Spiegel, l u. II. (Schlt-ttst. Progr.) 1884, 86. Briefe von ihm in Heumann, 1)o(zum 1jtt.e1–. sito1–üj 1758 und Horawitz und Hartfelder, Briefwechsel des Be. Rhenanus, Leipz. 1886. Ungedruckte Briefe von ihm in Basel, Schlettstadt, St. Gallen und im Thomas -Archiv zu Straßburg. – Vgl. auch die Collect. Simler in Zürich und den ’k11SS. Baum. auf der U.-Bibl. in Straßburg. Ueber die oben erwähnte Flugschrift Geiger, Vicrteljahrsschrift l, 396.
G. Knod.
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