ADB:Schlecht, Raymund

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Artikel „Schlecht, Raymund“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), ab Seite 719, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schlecht,_Raymund&oldid=886703 (Version vom 25. Dezember 2009, 01:48 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
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Schinz, Johann Heinrich
Band 34 (1892), ab Seite 719. (Quelle)
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Schlecht*): Raymund S., geistlicher Rath und Lehrerseminarinspeetor, wurde am 11. März 1811 in Eichstätt geboren. Nachdem er die Studienanstalt seiner Vaterstadt abso“lvirt hatte, ging er im J. 1826 an das Gymna-. sium nach Neuburg, wo damals die Musik in schönster Blüthe stand. Neben dem gewöhnlichen, gut besetzten Orchester existirte dort eine eigene Abtheilung für Militärmusik. S., der in Eichstätt bereits einige Jahre Clavierunterricht genossen hatte, lernte in Neuburg noch Flöte, Posaune und Fagott blasen. A15 er nach drei Jahren seine Gymnasialstudien beendet hatte, siedelte er nach Regensburg über, um daß Lyceum zu besuchen. Hier studirte er mit Vorliebe Mathematik und Physik und nach seinem Eintritte in das Studium der Theologie die orientalischen Sprachen. Im J. 1833 trat er in das Priesterseminar in Eichstätt ein und wurde am 28. August 1834 zum Priester geweiht. Am 12. September erhielt er seine Ernennung zum Hau-8caplan des Pfarrers Baader in Pollenfeld. Da hier die Seelsorge sehr wenig Zeit in Anspruch nahm, wandte S. seine ganze Kraft der Schule zu. Unterdessen wurde in Eichstätt ein eigenes Schullehrerseminar für die Oberpfalz gegründet, und S. unter dem 1. Februar 1836 als Präfect und erster Lehrer an diese Anstalt berufen. Da er pädagogische Fachstudien noch nicht gemacht hatte, so suchte er sich unter der Leitung des Inspectors Gottfried Lacense mit Eifer die nothwendigen Kenntnisse in der Methodik undth Pädagogik zu erwerben, während der zweite Seminarlehrer Matthäus Zeheter ihn im Generalbaß, in der Harmonielehre und im Contrapunkt unterrichtete. – Am 1. Mai 1838 trat der Inspector Lacense zu Metten in den Benedictinerorden ein. S. wurde sofort als Verwalter der Stelle und am 13. November als Inspector angestellt. Im J. 1843 eröffnete er eine Privatpräparandenanstalt, die jedoch nach drei Jahren wieder aufgegeben werden mußte, da der Erfolg den Kosten und.Bemühungen nicht entsprach. Um sich vor Einseitigkeit zu bewahren und neue Anregungen und Erfahrungen zu gewinnen, benutzte S. seine Ferien, um berühmte Männer und Anstalten zu besuchen, so: Diesterweg (1862) in Berlin, Lüben (1862) in Bremen, später Kellner in Trier, Wurst in Ellwangen, die Lehrerseminare in Küßnacht bei Zürich, in Gmünden in Württemberg, die Bürgerschulen in Leipzig und Dre2den, die Anstalten der Schulbrüder in Straßburg, Mecheln, Paris und London. J *) Zu Bd.?L)(R1, S. 351. [720] . Der naturwissenschaftliche Unterricht im Seminar entbehrte der nothwendigsten Anschauungsobjecte. Deshalb legte S. ein Naturaliencabinet und verschiedene andere, nicht unbedeutende Sammlungen an. Auch gründete er, damit die Seminarzöglinge mehr Uebung in der Leitung der Schule gewinnen möchten, im J. 1846 eine eigene Seminarschule, die unter Leitung eines Lehrers stand. Ganz besonders ließ er sich auch die Pflege der Kirchenmusik angelegen sein. Um den Choralgesang möglich zu machen, fertigte er brauchbare Ausgaben an, die mehrere. Auflagen erlebten. Auch die mehrstimmige Musik und daß deutsche Kirchenlied wurden nicht vernachlässigt. Im J. 1859 erhielt S. unter dem 8. November vom Baiernkönige als Anerkennung seiner Leistungen den Titel „Geistlicher Rath“. Im J. 1866 wurde von der Regierung das neue „Normativ“ ausgegeben, welches in die bisherige Praxis der Lehrerbildungsanstalten “ties einschneidende Bestimmungen brachte, die Arbeitslast des Inspectors vermehrte und ihm auch den größten Theil der Ferien entzog. S., der fühlte, daß seine Kraft zur weiteren Führung der Inspection nicht mehr ausreiche, suchte im J. 1868 seine Quiescirung nach, die er sofort auf ein Jahr, 1869 aber für immer erhielt. Seine Mußeftunden verwandte er anfangs auf die Bearbeitung einer Erziek)ungs und Unterrichtslehre, sowie einer auLführlichen pragmatischen biblischen Geschichte; sodann war er Mitarbeiter an der „Katholischen Schulzeitung“ von L. Auer. Als er aber merkte, daß seine Anschauungen keinen Anklang mehr fanden, unterließ er diese Arbeit und wandte sich nun mit fast jugendlichem Eifer dem Studium der Kirchenmusik zu. Als Frucht seiner Quellenforschungen erschien zunächst im J. 1871 bei Coppenrath in Regensburg seine „Geschichte der Kirchenmusik" (215 Seiten Text und 413 Seiten Musikbeilagen), ein Werk von bleibendem Werthe. Im J. 1872 veranlaßte er den Redacteur der „Cäcilia“, Michael Hermesdorff, Domcapellmeister in Trier, zur Gründung eines Vereins zur Erforschung alter Choralhandschriften. Als damals die Nachricht auftauchte, daß die officiellen Choralbücher in der sog. Medicäerausgabe neu aufgelegt werden sollten, erhob S. freimüthig seine Stimme und sandte ein Memorandum an die Bischöfe des Concils in Rom, in welchem er bat, es möge eine dem Gesang des hl. Gregor mehr entsprechende Ausabe gewählt werden. Altz später die Neuauflage der Medicäa vollendete Thatsache geworden war, verwandte S. seine freie Zeit auf das Studium der alten Theoretiker, der Akustik und der neug1:iechischen Musik. Die Gesellschaft für Musikforschung ernannte ihn wegen seiner Verdienste 1879 zum Chrenmitgliede. Im J. 1884 feierte er noch in voller Rüstigkeit sein 50jähriges Priesterjubiläum. In den letzten Jahren seines Lebens machten sich aber die Schwächen des Alters bemerklich. S. starb am 24. März 1891 infolge einer Lungenentzündung. Schriften: „Kleine Raumlehre“. Eichstätt 1846; „Deutsche Vesperpsalmen und Hymnen mit lithographirten Melodien“, daselbst; „Jesus unsere Zuflucht und Hilfe. Umarbeitung des alten Gebetbüchleins ,Kurz und gut“.“ Augsburg 1847; „Officium für die Charwoche und Weihnachten mit deutschen Rubriken.“ Nördlingen, 1. Auflage 1843, 6. Auflage 1883; „7S8pers.1S.- Alle Vespern des Jahres mit Orgelbegleitung und deutschen Rubriken." Nördlingen 1852; „01–8„(1uz1js. St 0ü´srt0rjs. (16 O0mmi111j 88.11Owi–ur11 nebst der Antiphon und den Responsorien bei Austheilung des Weihwassers, im Choralgt-fange und vereinfacht mit Orgelbegleitung nach C. Ett’s O8.ntj(:8 88.Ors..“ Daselbst 1853; „Denkund Sprachlehre.“ Dafelbst 1856; „Geschichte der Kirchenmusik, zugleich Grundlage zur vorurtheilsfreien Beantwortung der Frage -Was ist echte KirchenmusikL“ Regensburg 1871. – Eine Musikgeschichte Eichstätt’s ist Manuscript geblieben und befindet sich im Besitze des Eichstätter Domcapitels. Sehr zahlreiche [721] Beiträge lieferte S. für die Monatshefte für Musikgeschichte. Wir können s hier nur die größeren Abhandlungen aufführen: „Ueber die Tonhöhe u. Schreibweise der Compositionen aus dem F7. u. Ic71. Jahrhundert" 1871, S. 118 ff.; „I1jOro1ogus (3uiä011is (16 (1js0ip1j118 e1.rtjs musi0s deutsch übersetzt und mit Anmerkungen versehen" 1873, S. 135 ff.; „1llusi08, e11(:11jrjA(1js von Hucbald, übersetzt und kritisch erläutert" 1874 ff., Nachträge hierzu 1876, S. 89 ff.; „Ueber den Gebrauch der Diesis im 13. u. 15. Jahrhundert“ 1877, S. 79 ff.; „Hermann Fink über die Kunst des Singens 1879, S. 129 ff.; „Ueber die Nationen der neugriechischen Tongeschlechter“ 1884, S. 55 ff. Aus der „Cä- cilia“ von Hermesdorff nennen wir die Aufsätze: „Erklärung der Neumenschrift“ 1872K73; „Ueber die Tonarien“ 1878, S. 1 ff.; „Historische Begründung des Tonars nach der Gesangweise des hl. Gregor“ 1873, S. 10 ff.; „Vom Metrum im gregorianischen Kirchengesang“ 1874, S. 1 ff.; „08–11jopez 1egene von Octobi, übersetzt und mit Anmerkungen versehen“ 1874, S. 35 ff. (Sep.-Abdruch; „Be11um musics.1e von Claudius Sebaftianus Metensis, übersetzt" 1876–78. Aus dem „Gregoriusblatt“ Von Böckeler: „Ueber die Melodie des Passionsgefanges 1880K81; Biographie von Hermesdorff 1885. Aus Mendel- Reißmann’s Musik-Lexikon den Artikel „Choral“. Aus dem „Kirchenchor“ von Vattlogg: „Die liturgische ..Musik nach dem 08.9rjm011jA.10 1SJpjs0oporum“ 1888A89 (auch Sep.-Abdruch. Aus dem „Cäcilienkalender“ von Haberl: „Biographie von Edmund de Coussemaker“ 1877, S. 14. Die autobiographische LebentIskizze findet sich in der im J. 1885 erschienenen Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des königl. Schullehrerseminars Q in Eichstätt, sowie in der Zeitschrift „Kirchenchor“ von Battlogg. Bregenz 1891.

Wilh. Bäumker.
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