ADB:Steinbrüchel, Johann Jakob

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Artikel „Steinbrüchel, Johann Jakob“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), ab Seite 693, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Steinbr%C3%BCchel,_Johann_Jakob&oldid=845786 (Version vom 11. Dezember 2009, 12:32 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
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Steinbrenner, Wilhelm Ludwig
Band 35 (1893), ab Seite 693. (Quelle)
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Steinl1tüchel: Joh. J ak. St., zürcherischer Philologe und Theologe, ist 1729 zu Schönholzer8weilen (Thurgau) geboren ; sein Vater, damalZ Pfarrvicar in dieser Gemeinde, wurde 1736 Pfarrer zu Sax im Rheinthale. Hier verlebte der junge St. glückliche Knabenjahre, die nur der frühe Tod seiner trefflichen Mutter trübte. Seine Studien machte er am Carolinum in Zürich und ward hier Breitinger’8 Liebling, dem er sich völlig auf- und anfchloß. Durch frein1üthige Aeußerungen und den derben Spott, den er sich anläßlich der Erscheinung eines Kometen über die ängstlichen Prophezeiungen unter seinen Mitbürgern erlaubte, kam er früh schon in den Ruf eines FreigeisteS und Atheisten, sodaß ihm das theologische Examen nicht ohne Widerspruch abgenommen wurde 1751. Seine Predigten fanden indeß namentlich auch den Beifall Wieland’S, der 1752 nach Zürich kam und mit St. in persönliche FreundschaftSbeziehungen trat. Eine Stellung fand sich für den hochbegabten Candidaten, der ohne Vermögen und Familienverbindungen war, in der Heimath nicht; so ging er zunächst für zwei Jahre alS Prediger an eine Waldenfergemeinde in Schwaben (Pinache) und gründete nach seiner Rückkehr in Zürich eine Art Privatgymnasium, das sich durch Steinbrüchel’S vortrefflicheZ Lehrgeschick und seine allseitige un- ermüdliche Thätigkeit bald eine8 vortrefflichen RufeS und großen ZuspruchS er- freute. Erst 176Z gelang es, ihm im officiellen Schulwesen Platz zu schaffen; zunächst ward ihm die Professur für die hebräische Sprache übertragen; aber schon 1764 vertauschte er diesen Vorposten mit der Professur der Eloquenz und letztere 1769 mit der Lehrstelle für die alten Sprachen am 0o11egium buma11jmtj8; nach Breitinger’s Tod 1776 ward er durch einhellige Wahl dessen Nachfolger in der Professur der griechischen Sprache und der b.iblischen Hermeneutik, sowie im Canonicat. An der Reorganisation der gelehrten Schulen Zürich8 wirkte er neben Breitinger, Heidegger, L. Usteri in großer Hingebung mit; auch an ge- meinnützigen Unternehmungen zum Wohl seiner Mitbürger außerhalb des Schul- [694] wesenZ nahm er lebhasten Antheil. Auf der Höhe seines Wirkens als gefeierter Schulmann starb er am 23. März MPO1796 an einer rasch verlaufenden Lungenkrankheit. Steinbrüchel’s Wissen und Können war ein ungemein vielseitiges und weit- greifende8. Ju seinen philosophischen Vorlesungen vertrat er die Lehren von Leibniz, Wolff und Baumgarten, arbeitete sich aber in seinen spätern Jahren auch in die Kant’sche Philosophie ein. Als Philologe war er Breitinger’Z Schüler und mehr als ebenbürtiger Nachfolger; als Theologe vertrat er die freiere Richtung, der schon Zimmermann in Zürich Bahn gebrochen und schloß sich in seinen Erklärungen namentlich an Emesti an. Nach Hottinger’s Zeugnis; war er weniger zu selbständiger und originaler Production als zu lichtvoller Darstellung und Abwägung der Gedanken Anderer befähigt. Daß zeigt sich auch in der Richtung, die seine schriftstellerische Thätigkeist nahm. Zunächst trat er als Uebersetzer classischer Dramen auf. EZ erschienen von ihm: SophokleS’ Elektra nebst Pindar’S 1. Ode (Zürich, Geßner, 1759); König OedipuS nebst Pindar’Z 2. Ode (jb. 1759); Philoctete8 nebst Pindar’Z 3. Ode (ib. 1760); Antigone nebst Pindar’8 4. u. 5. Ode (jb. 1760); in zweiter Auflage alZ da8 ,,tragische Theater der Griechen« in 2 Bänden mit der Uebersetzung Euripideischer Tragödien (Hekuba, Jphigenia in Aulis, Phönizie- rinnen und HippolytuS) vermehrt (Zürich, Orell, 1763). Durch äußere Um- stände ließ sich St. bewegen, diese Uebersetzerthätigkeit abzubrechen und nicht wieder aufzunehmen. Jmmerhin ist höchst wahrscheinlich, daß er einige Jahre später noch einen Versuch mit den Reden des DemoftheneZ wagen wollte. Die von »Z.« aus eingegangene Uebersetzung der 1. olynthischen Rede, deren Vor- wort mit den Jnitialen »St.« unterzeichnet ist und die als Probe im 2. Bd. der »vollftändigen kritischen Nachrichten von den besten und merkwürdigsten Schriften« u. s. w. (Lindau und Leipzig 1765) veröffentlicht wurde, ist doch wol von St. in Zürich; sie gab bekanntlich für den jugendlichen Pesta- lozzi den Anlaß, in der nämlichen Zeitschrift (»Lindauer Journal«, s. Pestalozzi’Z Schwanengesang) sich mit einer rivalisirenden Uebersetzung aus der 3. olynthischen Rede zu versuchen; Pestalozzi’S Vorwurf, der Arbeit des Professors mangle das rhetorische Talent, scheint allgemein getheilt worden zu sein; wenigstens folgte der 1. olynthischcn Rede keine andere in Steinbrüchel’8 Uebersetzung nach. Ta- für veröffentlichte St. 1769 eine ».4ut1:1o1Ogju O1 1j1J1«j8 1Vl. ’1’. ()jcer011j8 (1O 0kü0jiS e1ccerpt8 (:uj 8ub»jungitur 1S1cj(:i m1t.jburb8ri cOtnpen(1iun1 ju uSu111 0011egii 11u1n8,11irati8« (’1’11ri0i 1769); ferner in Hottinger’S 1dkluSzeum '1’uriceuSe 1782 kritische Studien über eine Stelle des SophokleS und Bemerkungen zu Euripide8’ Hekuba; eine weitere Arbeit über das l’jo1c-tum der Kaiserin Eudocia, in welchem er eine Compilation de-S 16. Jahrhunderts- nachweisen zu können glaubte, kam nicht v.or die Oeffentlichkeit, da die Zeitschrift, in der sie erscheinen sollte, 1786 emgmg. Weit bedeutender al8 seine litterarische Hinterlassenschaft ist der Einfluß, den er durch fein unmittelbare8 Wirken als Lehrer auf die GeifteSrichtung seiner Zeitgenossen gewann. Sein offenes gerade8, fröhlicher Geselligkeit gern sich hin- gebendeS Naturell zog ihn zu der Jugend und die Jugend zu ihm. Seine. Redeweise war einfach, ungesucht, lebhaft und körnig. DerMPOphilologische Klein- kram blieb seinem Unterrichte ebensofern wie seiner Erklärung der biblischen Schriften dogmatische Nebenrücksichten. So viel alZ möglich trug er frei vor und suchte durch ausgedehnte Betreibung cursorischer Lectüre die Schüler in dm Geist des Alterthum8 einzuführen und zur Beherrschung der classischen Sprachen zu bringen. Witz und satirische Bemerkungen wurden auch auf dem Katheder nicht gespart, namentlich wo ez galt, theologischer Jntoleranz und religiösem [695] Fanatismus entgegenzutreten. Wie im Leben, so hielt er8 auch der Jugend gegenüber: wer einmal seine Zuneigung gewonnen, dem blieb sie; junge Leute von Erziehung und Genie, besonders wenn sie rechte Lust zum Studium der Alten hatten, zog er auf alle Weise hervor, verzieh ihnen jugendliche Unarten leicht und keine Mühe für sie war ihm zu viel; mittelmäßige Köpfe dagegen, wenn sie auch noch so vielMPOFleiß hatten, konnten seine Zuneigung niemals er- halten. Jn seinem Wesen lag eine eigenthümliche Mischung der Natu1wüchsig- keit des VolkZmannZ mit dem Hochgesühl der Aristokratie des Geistes: dadurch erklärt sich einerseits die Macht des EinflusseS, den er auf die junge Generation der Gebildeten auZübte; anderseits die verschiedene Beurtheilung, die dieser Ein- fluß besonders in Bezug auf die GefinnungZrichtung der künftigen Geistlichen, erfuhr; und nicht bloß Dunkelmänner klagten, daß die rein humanistifche Vor- bildung, die diese in Steinbrüchel’Z Schule erhielten, sie dem Volk8gemüth ent- â fremde; der Gegensatz, der später zur erbitterten Polemik zwischen Steinbrüchel’S Nachfolgem auf den zürcherischen Lehrstühlen einerseits, Pestalozzi und seinen Anhängern anderseits führte, wurzelt in der Eigenart, die sich von St. auf jene vererbte; dieser Gegensatz tönt auch leise mit in der ebenso pietätvollen alS be- geisterten Schilderung, die Steinbrüchel’S Schüler, J. J. Hottinger d. ä., des MeisterS Persönlichkeit und Wirken gewidmet hat: »Unter Vreitinger’8 vielen und großen Verdiensten um seine Vaterstadt ist ohne Zweifel Steinbrüchel’S Weckung und Bildung daß größte. Dieser seltene Mann voll Geist und Kraft, dessen Größe Alles, wa?- ihm nahe kam, freiwillig huldigte, schien dazu auSersehen, die weisen Pläne seineS Lehrers-3 auZzuführen, und waZ jener angefangen hatte, zu vollenden. Schon früher durch seine Talente und daß Feuer seiner Thätigkeit al8 durch eine öffentliche Siimme zum all- gemeinen Lehrer dez VaterlandeS berufen, trat er als Jüngling aus und füllte ganz allein die Lücken aus, welche das Gedeihen des wissenschaftlichen Unter- richteS aufhielten. Sein heller Vortrag und die siegende UeberzeugungSkraft seiner geiftvollen Darstellung lockte bald die lernbegierige Jugend scharenweise zu ihm herbei. Sie ließ sich die bereits gelesenen Schriften der Griechen und Römer von ihm erklären, und erftaunte, sie nun ganz anderZ zu finden alS vorher: fie hörte seinen philosophischen Unterricht an und das Feuer eines regen Enthusiasmus ergriss alle bessern Köpfe. Das Jnteresse des Stoffes fchränkte sich nicht auf die Stunden dez Unterrichts ein. Man fing an selbst zu denken, theilte sich daS Gedachte mit, wendete daß Erlernte an und Philosophie ward bald der Text der freundschaftlichen Unterhaltung. ,,St. ward nicht bloß der allgemeine Lehrer der Jugend. Die heitere Laune seines genialischen Umgangs versammelte bald die gebildetsten seiner Mitbürger um ihn herum. Die anspruchSlose Mittheilung seineZ Geistes und Herzens war die Würze dez gesellschaftlichen JdeentauschS, sowie seine Unterhaltung eine Schule sokratischer Weisheit. Er unterrichtete ohne e8 zu scheinen, man lernte von ihm, ohne e8 zu wollen. Der große Mann hob seine Zeitgenossen um ein paar Stufen höher. Ju seinem Umgange rieben fich die Jdeen, die Begriffe wurden aufgeklärt, die Vorstellungen gereinigt, die Gesichtspunkte et- weitert und berichtigt. Man ward allmählich mit neuen Ansichten vertraut, gesundere Grundsätze kamen empor und die Sache der Vernunft fand selbst unter den Ungeweihten manchen entschlossenen Vertheidiger. ,,Jetzt war die Philosophie in ihre Rechte eingesetzt und damit Alles ge- wonnen. Umsonst machte die Orthodoxie ihre ehemaligen Ansprüche gegen sie geltend. Umsonst forderte sie die VerketzerungZsucht zum letzten Beistand auf. Alle ihre Bewegungen führten zu keinem Ziele; sie waren nichts al8 die letzten Zuckungen ihrer allzulange usurpirten Herrschaft. Allmählich zog sie sich in das [696] enge Gebiet der gelehtten Dogmatik zurück, in welchem sie biz auf das letzte Dezennium friedlich schlummerte. Dieses zu schützen blieb ihr unverwehrt; aber die übrigen Wissenschaften alle, und selbst die Religion, konnte sie dem Einflusse der Philosophie und des durch das Studium der alten Litteratur unter un53 auf- blühenden Geschmacke8 nicht entziehen.« Nüscheler, Kurze biographisch-charakteristische Nachrichten v. J. J. St., Zürich 1796. –– J. J. Hottinger d. ä., -9t(:rozmz äe .1. .1. St. 1796, in Hottinger’8 opu8Ou18 0r8t0ri-t ('1’urjcj’ 0rS11 1816- p. 2Z7–––284); Desselben Zürich8 religiöser u. littetarischer Zustand im 18. Jahrh., Zürich, Orell, 1802. –– NeujahrSblatt der Zürch. Gesellschaft der Chorherrn auf 1818 (von Archi- diakon Kramer). –– M. Lutz, Nekrolog denkwürdiger Schweizer, Aarau 1812, S. 510. ––– R. Hanhart, Erzählungen au8 der Schweizergeschichte, Bd. 1V (Basel 18Z0), S. 480–– 492. ––– Hunziker, Geschichte der schweiz. Volks- schule, Bd. l (Zürich 1881), S. 208–210.

Hunziker.
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