Ausgewählte Abhandlungen des Bischofs Aphraates/Abhandlung über die Liebe
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Abhandlung über die Liebe.
1) Vgl. Galat. 3, 19. 2) Aphraates befolgt also das auch im samaritanischen Text und der Septuaginta angenommene chronologische System, welches die Exod. 12, 40 erwähnten 430 Jahre gegen den klaren Wortlaut nicht nur auf die Dauer des Aufenthalts der Israeliten in Ägypten, sondern auf die ganze Zeit von der Einwaizderung Abrahams in Kanaan bis zum Auszuge des Volkes aus Ägypten re ne . ch 3) Genes. 15, 13. [036] und man wird sie dienstbar machen und unterdrücken vierhundert Jahre lang. diese ibm gegebene Verheissung, daß er einen Sohn erhalten werde, sich durch den Glauben in sein Herz eingeprägt hatte. wie geschrieben steht: ,,Abraham glaubte Gott, und Dieß wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Ebenso nahm Abraham auch jenes Wort von der Gefangenschaft seiner Kinder in Ägypten in sein Herz aus und begann kummervoll darüber nachzusinnen, wie seine Nachkommenschast unterdrückt sein würde. so daß gleichsam sein eigenes Herz in Ägypten bedrückt war. Deszgleichen dachten auch Isaak und Jakob über»diese Bedrückung nach. und ihr Geist war unterdrückt in Ägypten. So war der Nachkommenschaft Abrahams ihre Dienstbarkeit angekündigt, ehe sie noch geboren war. Denn diese Weissagung fand fünfzehn Jahre vor Isaaks Geburt statt. Die Weissagunge von der Knechtschaft war mithin zweihundert und fünf Jahre älter als die Einwanderung Israels nach Ägypten, und die Verheissung, daß durch Abrahams Samen alle Völker gesegnet werden sollten, wurde vierhundertunddreissig Jahre vor dem Gesetze gegeben. Diese Verheissung konnte durch das Gesetz nicht ungiltig gemacht werden. Das Gesetz ist also nur eine Hinzufügung zu diesem Worte der Verheissung, welche so lang dauern sollte, bis daß dieZ-zit der Erfüllung der Verheissung kam, 1794 Jahre, nachdem sie dem Abraham gegeben war. So ist also ein Zwischenraum von 1364 Jahren zwischen der Ertheilung des Gesetzes und der Erfüllung der Verheissung, und die Verheissung ist um vierhundertdreissig Jahre älter als das Gesetz. Als sie erfüllt wurde, hob sie die Beobachtung des Gesetzes auf und führte das Gesetz und die Propheten wieder aus jene zwei Gebote zurück, von denen unser Herr geredet bat. Denn es steht geschriebenst) .Das ganze Gesetz und die Propheten weissagen bis auf Johannes den Täufer. Und unser Herr sprach:9) »Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die 1) Matth. 11, 18. — 2) Matth. 5, 17. [037] Propheten auszulösen. sondern sie zu erfüllen. Ferner heißt es: ) »Die Wahrheit des Gesetzes ist durch Iesum geworden.« Weßhalb sonst waren wohl Gesetz und Propheten unvollständig und bedurften der Erfüllung. wenn nicht deßhalb, weil in ihnen das Testament verborgen war, welches das Wort der Verheissung ist? Denn das Testament, welches dem Moyses gegeben war. wurde nicht eher abgeschlossen und versiegelt. bis jenes letzte Testament kam, welches zugleich das erste ist, indem es im Anfang verheissen und am Ende versiegelt wurde. Durch den Tod der Testatoren wurden beide Testamente rechtskräftig. Christus aber machte aus den zweien eins und hob das Ceremonialgesetz durch Seine Gebote aus. Denn die gesetzlichen Bräuche wurden durch die Ankunft unseres Erlösers ihrer Bedeutung entleert. Er opferte sich selbst statt der Opfer des Gesetzes. Er wurde wie ein Lamm zur Schlachtung geführt statt der Sühnungslämmer. Er wurde für uns getödtet wie ein Stier, damit man hinfort nicht mehr Kälber darzubringen brauche. Er ließ sich an das Kreuz heiten, damit von uns keine Schlachtopfer mehr verlangt werden sollten. Er gab sein Blut für alle Menschen, damit wir des Blutes der Thiere nicht mehr bedürften. Er ist eingetreten in den nicht mit Händen gemachten Tempel und Priester und Diakon im Heiligthum geworden. Von der Zeit seiner Ankunft an hat er die Bräuche des Gesetzes aufgehoben. Von der Zeit an. da ihn die Juden banden, wurde der Kreislauf ihrer Festzeiten ntit Ketten festgebunden. Weil sie ihn, den Schuldlosen. richten wollten. nahm er die Gerichtsbarkeit von ihnen hinweg. Weil sie seine Herrschaft verworfen hatten. entzog er ihnen die Königswürde. Denn es kam der, welchem die Königswürde gebührte, und brachte sich selbst als ein lebendiges Opfer für uns dar. Hierdurch schaffte er die Opfer der Israeliten ab. und diese sitzen nun da ohne Opfer und Altar. ohne Ephod und Weihrauch. 9) Gesichte und Pro- 1) Joh. 1, 17. -—— 2) Vgl. Osce 3, 4. [038] phezeiungen haben für sie aufgehört, weil sie nicht gehört hatten auf den großen Propheten. So ist der erste Bund durch den letzten erfüllt worden, und die Werke des Gesetzes sind veraltet und untergegangen. Denn von der Zeit an, da der neue Bund geschlossen wurde, hat der alte aufgehört. Jedoch sind die Opfer nicht erst seit der Ankunft unseres Erlösers verworfen worden, sondern schon lange zuvor hatte Gott kein Wohlgefallen an den Opfern Israels, wie geschrieben steht:1) »Jch esse nicht Fleisch der Stiere und trinke nicht Blut der Böcke; aber opfere Gott Lob und bezahle dem Höchsten deine Gelübde! Ferner heißt es:9) »Ein zerschlagenes Herz verwirfst du nicht, o Gott. Auch sagte er:9) ,,Euere Schlachtopfer will ich nicht. und an eueren Brandopfern habe ich kein Wohlgefallen. Ein gottgefälliges Opfer ist ein gedemüthigter Geist.«) Auch der Prophet Isaias Z) sagt: ,,Ich verlange nicht die Menge euerer Opfer, spricht der Herr. Auch sprach er zu ihnen: ,,Ich hasse und verwerfe euere Feste, und euere Versammlungen sind mir widerwärtig. Jenes Wort unseres Erlösers nun, daß an der Liebe Gottes und des Nächsten Gesetz und Propheten hangen, ist durchaus schön, gut und angemessen. Denn unser Herr hat auch gesagt:s) ,,Es wird nicht ein Iota vom Gesetz und den Propheten vergeben, bis daß Alles geschehe.« Er nahm nämlich Gesetz und Propheten und hing sie an jene zwei Gebote. ohne irgend Etwas von ihnen abzuschaffen. Denn wenn du die Sache genau erwägst. so wirst du in der That finden, daß die Beobachtung des ganzen Gesetzes und Alles, was darin geschrieben steht, sich unter diesen Ausspruch begreifen läßt: »Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, von ganzer Seele. aus allen Kräften und von ganzem Herzen. Und Alles. was nach dem Gesetze gethan werden mußte. sollte die Menschen dazu bringen, den Herrn. ihren 1) Ps.49,1Z——14. —— 2) Pf. 50,17. —— 3) Jerem. 6, 20.— 4) Ps. 50, 17. —— 5) Js. 1, 11. —— 6) Matth. 5, 20. [039] Gott, über Alles und ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben. Diese zwei Gebote stehen über dem ganzen Gesetze. Wenn du das Gesetz mit Aufmerksamkeit betrachtest. so wirst du an der Spitze des Ganzen diese Worte finden: »Ich bin der Herr, dein Gott. der ich dich aus dem Lande Ägypten herausgeführt habe; du sollst dir nicht machen irgend ein Bildniß oder Gleichniß neben mir! Der Mensch also, welcher sich seinen anderen Gott neben dem wahren macht, unterwirft sich jenem Gebote. an welchem Gesetz und Propheten hängen. Erinnere dich aber, mein Lieber, dessen, was ich dir vorher geschrieben habe. daß nämlich für die Gerechten kein Gesetz geneben ist. Denn wer die Gerechtigkeit beobachtet, ist über Gebot, Gesetz und Propheten erhaben. So bleibt also das Wort K unseres Herrn wahr. daß kein Jota vom Gesetz und den Propheten vergehen werde; denn er hat sie ja versiegelt und an jenen zwei Geboten aufgehangen. Höre aber. mein Lieber, was dagegen zu bemerken ist, wenn Jemand fragt, weßhalb geschrieben stehe, daß der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten vierhundertunddreissig Jahre gedauert habe. da doch dem Abraham geweissagt worden sei, es würden vierhundert Jahre sein. Weßhalb wurden ihnen also die dreissig überschüssigen Jahre noch hinzugefügt? Jch will dir nun zeigen. mein Lieber. wie es sich hiermit verhält. Als diese vierhundert Jahre zu Ende gegangen waren, wurde Moyses geschickt.»um die Israeliten J zu erlösen; denn damals tödtete er den Ägypter. Sie aber derwarsen ihren Erretter, und Moyses floh nach Madian. Da erging über sie der »göttliche Zorn, so daß sie noch dreissig Jahre länger in Ägypten bleiben mußten. Denn sie hatten zu Moyses gesagtst) ,,Wer hat dich zum Herrscher und Richter über uns eingesetzt?« Weil sie also ihren Erretter verworfen hatten, hielt sie der Zorn Gottes noch dreissig Jahre in Ägypten zurück, während Moyses in X) Exod. 2, 14. [040] Madian blieb. Als daraus ihre Drangsal überaus groß geworden war, führte er sie aus Ägypten heraus. Diesen Aufschub ordnete Gott an, einmal. um die Israeliten dafür zu züchtigen, daß sie den Moyses verworfen hatten, dann aber auch, damit die Sündenschuld der Amoriter voll werde. 1) Dem Volke fügte er dreissig Jahre ägyptischen Aufenthaltes zu der dem Abraham verkündigten Zeit hinzu; den Amoritern aber gewährte seine Lgngtnuth noch eine siebenzigjährige Frist, dreissig Jahre in Aatwten und vierzig in der Wüste. Als nun nach Verlauf der vierhundertunddreissig und vierzig Jahre die Schuld der Amoriter übervoll geworden war. führte er sein Volk in das Land der Verheissung. Wisse aber, mein Lieber. daß Gott an keine Festsetzung gebunden ist. Zuweilen verkürzt er eine Frist, und zuweilen verlängert er sie. So hatte er zur Zeit Noe’s wegen der Gottlosigkeit der Menschen verkündigt, daß ihnen eine Frist von einhundertundzwanzig Jahren gesetzt sein solle. und dennoch vertilgte er sie schon im sechshundertsten Lebensjahre Noe’s.9) Denn er sprach: ,,Hundertundzwanzig Jahre sollen noch sein aus Erden. und dennoch wurden die Menschen im sechshundertsten Lebensjahre Noe’s ausgerottet und so ihre Frist um zwanzig Jahre verkürzt. Ferner als das sündhafte Reich Ephraim seinen Frevel arg trieb, jenes Reich. über welches Ieroboam, der Sohn Nabat’s, herrschte, der selbst sündigte und Israel sündigen machte; als. sage ich, die Ephraimiten sündigten, verkündete ihnen Gott in der Weissagung des Propheten Isaias:s) ,.Nach 1) Vgl. Genes. 15, 16. U 2) Aphraates nimmt an, daß die Genes. 6, 3 angekündigte Mist von 120 Jahren bei Gelegenheit der im Folgenden erzählten ittheilung an Noe festgesetzt worden sei. Unter dieser Voraussetzung würde die Frist in Wirklichkeit nur 100 Jahre betragen haben, da Noe zur Zeit jener Unterredung (6, 18) schon Söhne hatte, welche ihm nach 5, 31 erst in seinem stinfhundertsten Jahre geboren worden waren, die Fluth aber bereits in seinem sechshztzitzßtste-u8Lebensjahre eintrat. [041] siinsundsechzig Jahren wird Ephraim untergehen und kein Volk mehr sein. Jm ersten Jahre des Achaz erging dieser Ausspruch; aber schon im vierten Jahre des Ezechias zog Salmanasar. welcher nach Theglath Phalasar über Assyrien herrschte.!) gegen die Ephraimiten und führte sie aus ihrem Lande gefangen hinweg. Achaz herrschte nämlich sechszehn Jahre. und im vierten Jahre des Ezechias wurden sie von dem König von Assyrien überwältigt. so daß also Ephraim schon nach zwanzig Jahren aushörte. ein Volk zu sein. So hat er also jene vorher von ihm angesetzte Frist um fünfundvierzig Jahre verkürzt und die Zeit, welche er ursprünglich bestimmt hatte, nicht zu Ende gehen lassen. Er hat aber nicht etwa aus Unkenntniß eine bestimmte Anzahl von Jahren angekündigt undsie nachträglich verkürzt oder verlängert. sondern in seiner Allwissenheit hat er also gehandelt. Denn er wußte wohl, daß sie sich dieses Strafmaßes würdig gemacht hatten; deßhalb gewährte er ihnen aus Barmherzigkeit eine Frist zur Buße. damit sie keine Entschuldigung hätten. Jene aber verachteten die Langmuth Gottes; denn da sie hörten. daß noch lange Zeit bis zum Eintreffen des angedrohten Strasgerichtes verfließen würde. so siindigten sie nur um so frecher gegen ihn. indem sie dachten: Was. die Propheten androhen. bezieht sich auf eine ferne Zukunft. Als daher ein derartiger Gedanke auch zur Zeit des Ezechiel unter den Juden auskam. daß sie meinten, das angedrohte Unheil werde erst in ferner Zukunft eintreffen, da sprach Gott zu Ezechielt): ,,So wahr ich lebe. spricht der Herr der Herren. künftig sollen meine Worte nicht mehr aufgeschoben werden; denn das Wort. das ich rede. will ich bald anssübren. Die ursprüngliche Zeitbestimmung hatte er also den Menschen als eine Frist zur Buße verliehen. ob sie sich wohl bekehren würden; sie aber verachteten die Langmuth Gottes und bekehrten sich nicht. 1) Im Te t des Aphraates wirdT e lat ala ar irri als Nachfolger des xSalman:i’ar bezeichnet. h g hPh T g 2) Ezech. 12, 28. [042] Deßhalb widerrief er die Frist. welche er ihnen Anfangs bestimmt hatte. So handelte er aber nicht aus Unwissenheit, sondern wie geschrieben steht:i) "Wehe euch. die ihr raubet; werdet ihr nicht selbst beraubt werden? Und ihr Lügner, werdet ihr nicht selbst verleugnet werden? Denn wenn ihr rauben wollet, werdet ihr beraubt werden; und wenn ihr lügen wollet, werdet ihr verleugnet werden. Ferner sagt Gott bei Jeremias:s) ,,Wenn ich über ein Volt oder Königreich Zerstörung, Verderben, Sturz und Bertilgnng ausspreche, dieses Volt belehrt sich aber alsdann von seittcti Bosheit, so werde auch ich mein Wort zurücknehmen und das, was ich ihnen angedroht habe, von ihnen abwenden. Ebenso sagt Jeremias: "Wenn ich über ein Volk oder Reich Ausbau und Pflanzung verkündige. aber dieses Volk begeht alsdann Frevel vor mir. so werde auch ich mein Wort zurücknehmen und das Heil, welches ich ihnen versprochen hatte, ihnen entziehen. G Dieses alles, mein Lieber, habe ich dir geschrieben, um dir in der vorhergehenden ersten Abhandlung über den Glauben zu zeigen, daß durch den Glauben das Fundament zu dem Bunde, in welchem wir stehen, gelegt werden kann, während ich dich in dieser zweiten Abhandlung daran erinnern will, daß das ganze Gesetz und die Propheten an den beiden von unserem Erlöser genannten Geboten bangen. In diesen beiden Geboten ist das ganze Gesetz und die Propheten eingeschlossen. Denn im Gesetz ist der Glaube eingeschlossen, und durch den Glauben wird die wahre Liebe befestigt. welche jene beiden Gebote in sich faßt. Denn wenn der Mensch seinen Gott liebt, so liebt er auch seinen Nächsten wie sich selbst. Höre nun, mein Lieber. über die Liebe, welche aus diesen zwei Geboten besteht! Als unser Erlöser kam, zeigte er, wie viel ihm aus die Liebe ankomme Denn er sprach zu seinen Jüngern:) »Dieß ist mein Gebot, daß ihr euch 1) J5. 33, 1. —— 2) Je:. 18, 7. —— 3) Joh. 15, 12. ['043] unter einander lieben sollet. Ferner sprach er zu ihnen:s) »Ein neues Gebot gebe ich euch. daß ihr einander liebet. Ebenso ermahnte er sie. als er sie über die Liebe belehrte:2) "Liebet euere Feinde; segnet, die euch fluchen; bittet für die, welche euch bedrängen und verfolgen!« Auch Dieses sprach er zu ihnen: "Wenn ibr die liebet, welche euch lieben, was erweiset ihr damit für eine besondere Wohlthat? Denn wenn ihr nur die liebet, welche euch lieben, so thuen ja auch die Heiden Dasselbe. Deßgleichen sprach unser Erlöser: "Wenn ihr denen Gutes vergeltet. die euch wohlthuen, was thuet ihr dann Besonderes? Sehet, so handeln ja auch die Zöllner und Sünder. Ihr aber, weil ihr Kinder Gottes, der im Himmel ist, genannt werdet, ahmet ihm nach, der sich auch der Undaukbaren erbarmt! Auch sprach unser Erlöser:s) ,,Vergebet, so Werdet ihr Vergebung erlangen; erlasset. so wird euch erlassen werden; gebet, so wird euch gegeben werden! Ferner sprach er, um uns Furcht einzuflößen:s) ,,Wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen gegen euch nicht vergebet, so wird der Vater auch euch nicht vergeben. Denn also ermahnte er:5) »Wenn sich dein Bruder gegen dich verfehlt. so vergib ihm; selbst wenn er an einem Tage siebenmal gegen dich fehlt. vergib ihm! Als Simon Kephas dieses Wort hörte. fragte er unseren Herrn:6),,Wie vielmal soll ich meinem Bruder. der gegen mich sündigt, verzeihen? Siebenmal?'« Da erwiderte ihm unser Herr: ,,Nicht nur siebenmal. sondern siebenmal siebenzigmal. Wenn sich also dein Bruder auch vierhundert und neunzigmal an einem Tage gegen dich vergeben sollte, so vergib ihm dennoch!« Hierdurch ahmte er die Güte seines Vaters nach. welcher Jerusalem so viel vergeben hatte. Denn nachdem er die Israeliten in die babylonische Gefangenschaft hatte absübren lassen, züchtigte er sie daselbst siebzig Jahre 1) Joh. 13, 34. —— 2) Matth. 5, 44. —— 3) Luk. 6, 87. ——— 4) Matth. 6, 15. —— 5) Luk. 17, 3. —— 6) Matth. 18, 21. [044] lang. Als sich aber sein Erbarmen über sie regte. versammelte er sie wieder in ihr Land durch Esdras, den Schriftgelehrten, und schenkte ihnen reichliche Vergebung während der Hälfte eines seiner Tage, nämlich während der siebzig Jahrwochen 1) oder vierbundertundneunzig Jahre. Nachdem sie aber das unschuldige Blut s) vergossen hatten. verzieh er Jerusalem nicht wieder, sondern überlieferte es seinen Feinden, welche es zerstörten und darin keinen Stein aus dem anderen ließen. Dießmal wurden seine Fundamente nicht verschont zu einem Neubau für den Herrn, auch wurde den Edomitern nicht mit rächender Vergeltung gedroht,’’) weil sie über Jerusalem gerufen: »Zerstöret, zerstöret gänzlich bis aus den Grund!« Gott hatte während seines halben Tages, nämlich während der vierhundertundneunzig Jahre. ihre Sünden vergeben und ertragen. Darauf aber zerstörte er Jerusalem und überlieferte es in die Gewalt der Fremdlinge. Deßhalb also befahl unser Erlöser, daß man an einem Tage seinem Bruder vierhundertundneunzigmal vergeben solle. Stoße dich aber nicht. mein Lieber. an dem Worte, welches ich dir geschrieben habe, daß nämlich Gott während einer Hälfte seines Tages Jerusalem vergeben habe. Denn so sagt Davids) im neunzigsten Psalme: »Tausend Jahre sind vor dem Herrn, wie der Tag. der gestern vergangen ist.« Auch unsere weisen Lehrer behaupten, daß die Welt, gleichwie sie in sechs Tagen von Gott erschaffen worden ist. so auch nach Vollendung von sechs Jahrtausenden zu Ende geben und alsdann der Sabbath Gottes eintreten werde, entsprechend dem aus das Sechstagewerk folgenden Sabbath. Diesen Sabbath hat uns auch unser Erlöser deutlich 1) Welche nach der Weissagung Daniels von Nehemias bis Christus verfließen sollten. 2) Christi. 3) Vgl. Ps. 136, 7; Ezech. 25, 12; Abd. 10. 4) Eigentlich Moyses, Ps. 89, 4. [045] angezeigt. indem er sagte: «) »Bittet, daß euere Flucht nicht stattfinde im Winter oder am Sabbath!« Ebenso sagt auch der Apostel:s) .,Noch steht bevor der Sabbath Gottes; lasset uns also streben, daß wir zu seiner Ruhe eingehen!« ’ Ferner, als unser Herr seine Jünger beten lehrte, sprach er zu ihnen: s) »So sollt ihr beten: Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!« Auch sagte er:«) »Wenu du ein Opfer darbringen willst und erinnerst dich, daß du Etwas gegen deinen Bruder hast. so laß dein Opfer vor dem Altar und geh, um dich mit deinem Bruder auszusöhnen; alsdann komm und opsere deine Gabe!k« Sonst würde der Mensch, indem er betet: ,,Vergib unsiunsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! durch seine eigenen Worte gefangen werdenund von dem Empfänger der Gebete zur Antwort erhalten: e ,,Da du deinen Schuldigern nicht vergibst, so kann dir auch nicht vergeben werden und muß dein Gebet aus der Erde zurückbleiben. Ferner zeigt uns unser Herr ein Beispiel an jenem Manne, welcher anfing, von seinen Knechten Rechenschaft zu fordern--) Als da ein Knecht vor ihn trat, ter ihm zehntausend Talente schuldete, und seine Schuld, zu deren Erstattung er von seinem Herrn angehalten wurde, nicht zahlen konnte, da befahl sein Herr, daß er freigelassen und die ganze Schuld ihm geschenkt werden solle. Dieser Knecht aber war in seiner Bosheit nicht eingedenk, wie viel ihm sein Herr erlassen hatte, sondern als er beim Hinaus- gehen seinen Mitknecht antraf, der ihm hundert Denare schuldete, ergriff er denselben. würgte ihn und sprach zu ihm: »Gib mir, was du mir schuldig bist!« Und er nahm das Bitten und Flehen seines Mitknechtes nicht an, sondern ließ ihn«in das Gefängniß einschließen. Weil er also, ob- 1) Matth. 24, 20. —— 2) Hebr. 4, 9. 11. — 3) Matth. 6, 12. —— 4) Matth. 5, 23. —— 5) Matth. 18, 23. [046] gleich ihm doch so viel erlassen war, seinem Mitknechte nicht einmal dieses Wenige erlassen wollte, so wurde er den Gerichtsdienern übergeben, damit sie ihn züchtigten, bis daß er Alles. was er schuldete, zurückerstatten würde. Daraus sprach er: ,,So wird euch mein Vater im Himmel thun, wenn ihr nicht vergebet, ein Jeglicher seinem Bruder. Betrachte weiter. mein Lieber, wie sehr auch der selige Apostel die Liebe verherrlicht. indem er sagt: 1) »Wenn ihr den vorzüglicheren Geistesgaben nacheifert, so will ich euch zeigen, welche Gabe die vorzüglichste ist. Alsdann fährt er fort: »Wenn ich Weissagungen hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Wissenschaft hätte und allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht-so wäre ich Nichts nütze. Ia, wenn ich alle meine Habe zur Ernährung der Armen hingäbe und meinen Leib zur brennung darböte. hätte aber die Liebe nicht. so wäre ich Nichts nütze. Weiter spricht er also: ,,Die Liebe ist geduldig und sanftmüthig, sie eifert nicht, sie ist nicht ruhmredig oder übermüthig. sie sucht nicht ihre eigene Bequemlichkeit, sondern den Nutzen Vieler; die Liebe hofft Alles, sie trägt Alles. die Liebe hört niemals aus.« Ferner sagt der Apostel, daß die Liebe größer als alles Andere ist. und zeigt deutlich, daß die — Liebe nach dem Glauben das Vorzüglichste ist, und daß das wahre Gebäude durch sie ausgerichtet wird. Auch zeigt er, daß die Weissagung durch die Liebe bestätigt wird, die Geheimnisse durch sie offenbar werden, die Erkenntnis? durch sie ergänzt und der Glaube durch sie befestigt wird. Wenn Jemand solchen Glauben hätte, daß er Berge versetzen könnte, so wäre ihm Dieß ohne Liebe nutzlos. Wenn Jemand alle seine Habe den Armen gäbe, theilte aber seine Almosen nicht in der Liebe aus, so hätte er keinen Nutzen durch dieselben. Wenn er sogar für den Namen des Herrn seinen Leib dem Feuertode preisgäbe, so würde er keinen Vortheil 1) 1. Kor. 12, 3l. [047] davon haben. Ferner zeigt er hier, daß zur Vollkommenheit der Liebe auch Langmuth, Geduld und Sanftmuth gehören, sowie, daß man keine gehässige Gesinnung gegen seinen Mitbruder hege. Denn auch Geduld, Demuth und Verträglichkeit werden durch die Liebe aufrecht erhalten. Der Glaube wird als Fundament auf den Grundstein des Baues gelegt. aber die Liebe vertritt das Gebälke des Gebäudes, durch welches die Wände des Hauses zusammen gehalten werden. Wenn sich in den Balken des Hauses ein Schaden vorfindet, so stürzt der ganze Bau ein. Ebenso stürzt der ganze Glaube ein, wenn in der Liebe ein Riß entsteht. Der Glaube kann Streit und Zwietracht nicht überwinden, bevor die Liebe Christi zu ihm hinzukömmt, ebensowenig wie ein Gebäude sich schön emporheben kann, bevor die Wände durch das Gebälke zusammengehalten werden. Weiter will ich dir zeigen, daß die Liebe vorzüglicher als alles Andere ist, und daß die gerechten Vorväter durch sie vollendet worden sind. Dieß zeigt sich an Moyses, welcher für seine Volksgenossen sich darbot, daß seine eigene Seele aus dem Buche des Lebens ausgetilgt werde, damit nur das Volk nicht vertilgt würde.!) Obgleich Jene sich erhoben hatten, um ihn zu steinigen, brachte er dennoch sein slebendes Gebet um die Erhaltung ihres Lebens vor Gott. Auch David bewies seine Liebe, als er von Saul verfolgt wurde; zur Zeit, als man ihm selbst nachjagte, um ihn zu tödten, that David in überreicher Liebe Barmherzigkeit an seinem Verfolger Saul, der ihm nach dem Leben trachtete. Zweimal war dieser in Davids Hände geliefert; aber er tödtete ihn nicht, sondern vergalt ihm Böses mit Gutem. Deßhalb schwand das Heil nicht aus seinem Hause, und ihm wurde vergeben. weil er vergeben hatte. Von dem Hause Sauls aber wich das Unheil nicht, weil er Gutes mit Bösen: vergolten hatte. Er rief zu Gott und ward nicht erhört, sondern fiel im Kampfe gegen die Philister. David aber 1) Vgl. Exod. 32, 32. [048] weinte bitterlich über ihn und erfüllte so im Voraus dieses Gebot unseres Erlösers:l) »Liebet euere Feinde; vergebet. so wird euch vergeben werden! So erbarmte sich David und fand Erbarmen; vergab und erlangte Vergebung. Auch Elisäus zeigte diese Liebe, als seine Feinde zu ihm kamen, um ihn zu greifen und ihm ein Leid anzuthun. Denn er erwies ihnen Gutes. setzte ihnen Brod und Wasser vor und entließ sie im Frieden. So erfüllte er das Wort der Schrift: ) ,,Wenn dein Feind hungert, so speise ihn; durstet er, so tränke ihn! Auch der Prophet Jeremias betete zu Gott für Diejenigen. welche ihn in die Grube gefangen gesetzt hatten und ihn fortwährend mißhandelten. Gemäß diesen Beispielen der Väter hat uns also unser Erlöser gelehrt. unsere Feinde zu lieben und für unsere Hasser zu beten. Wenn er uns nun befohlen hat, sogar unsere Feinde zu lieben und für unsere Hasser zu beten, welche Entschuldigung können wir dann am Gerichtstage Vorbringen. wenn wir unsere Brüder und Glieder hassen? Denn wir gehören zu dem Leibe Christi und sind Glieder von seinen Gliedern. Wer also eins von den Gliedern Christi hasset, wird von seinem ganzen Leibe abgeschnitten; und wer seinen Bruder hasset, wird aus der Zahl der Kinder Gottes ausgeschlossen. Dieses nun, was uns unser Erlöser gelehrt hat, beweist wie eifrig er aus die Liebe dringt. Denn zuerst übte er sie in der volllommensten Weise selbst aus. und alsdann lehrte er sie seinen Hörern. Weil er uns geliebt bat. hat er uns. die wir zuvor Feinde waren. mit seinem Vater ausgesöhnt und sich. den Unschuldigen. für uns Schuldige dahingegeben. Der Gute hat sich für die Bösen der Schwach unterzogen, der Reiche ist für uns arm geworden; der Lebendige ist für die Todten gestorben und hat durch seinen Tod unsere Sterblichkeit belebt; der Sohn des Allherrn hat für uns Knechtsgestalt angenommen: er, dem Alles unterworfen ist- bat sich 1) Luk. 6, 35. 37. ——— 2) Prov. 25, 21. [049] q Jwßnndluug iijyer die Liebe. 49 seidft zum Diener gemaebt. um uns aus der Knechtschast der Sünde zu befreien. In seiner großen Liebe hat er die geistlich Armen selig gepriesen, den Friedsertigen versprochen. daß sie seine Brüder sein und Kinder Gottes genannt werden sollen. bat er den Sanftmüthigen oerheisseu, daß sie das Land des Lebens ererben, und den Trauernden, daß sie getröjiet werden sollen, bat er den Hungernden Sättigung in seinem Reiche zugesichert und die Weinenden durch seine Verheissung erfreut, bat er den Barmherzigeit versprechen, Daß sie Barmherzigkeit eriangen würden, denen, die reines Herzens sind, daß sie Gott schauen sollen, den um der Gerechtigkeit willen Verfrigten Aufnahme in das Hinneielrei-ds den wegen seined Naznentz Verf-Kater! seiige Rabe seinem Reiche. Aus unserer Staudeetyeatitr hat er uns mu « zewandeit in dar- Salz der Wakjyszeiiz er hat un-dj von iiabrnng der Schlange befreit und uns zu seinen! ewiger: berufen, nm von der Herrschaft dez Toxeö erlösen. Anz Bösen hat er uns zi: Guter: gemacht und aus Hassenszroertben zu Wohlgefälligen. Er hat eine Liebe statt dee Hasfesz verlieh:-E und uns mit dem guten Manne rsereeexigt. weicher Gutes ant? seinen: hervorbringt aber Jene soon Jeneen erlösj; welcher Bosettz auesden V:-rräthen seines Herzens hervorbringt. In feiner üs-erströorenden Liebe bet er die Wnnises: der Kranken geheilt, gieichwie er den Sobn des Haüptenanns wegen desse1SGlauben gedein Ibzat. Durch feine Allniackxs: hat er die Meereswogen vor metz besänftigt und feine Gnade die Teufel Legiontr von ausgetrieben. In seinem Erbarmen hat er Tochter dee Syrragoxxerioorfiebers geheile, das blutflüssige gereinigt und den beiden Blinden» welche ihm nahten. die ringen geöffnet. Auch feinen zwölf Aposteln gab er Gewalt und Vollmacht über alle Seuchen und KrankIiseijen, amd durch ihre Hände auch uns. Er bat uns von rem Wege der Heiden und Sainariraner adgebracht Send uns dur-xi; seine Barniherzieieit ikyxuzft geszeden, daf; wir une? nicht fiörcizten. wenn wir Mcicztßgezi dieser Weiz. gebracht werden. Durch seinen greszen Frieden er Ber [050] söhnung in die Welt gebracht. Der Sckinderin erließ aus Erbarmen ihre vielen Schulden. Zins (HEIDI bat uns gewürdigt, daß wir auf seine Kosten den Thurn: et.- bauen können. Die unreinen Geister hat er aus uns getrieben und uns zur Wohnstätte seiner Gottheit gemacht. Er hat in uns den guten Sarnen gesäer, auf daß er bringe hundertfältig und sechzigsältig und dreissigfältig. Er ist in dieser Welt niedergelegt, wie ein im Acker verborgener Schatz. Er zeigte die Allmacht seiner Goithei: als man ihn von der Höhe zur Tiefe hinabstürzte, ohne daß er verletzt wurde. Mit fünf Broden und zwei Fischen » sättigte er die nothleidenden Hungernden. fünftausend Männer, ohne die Frauen und Kinder, und zeiztesso die seiner Glorie. In seiner großen Liebe erhörte er das kanaanäische Weib und heilte die Krankheit ihrer Tochter. In der Macht dessen. der ihn gesandt hatte, machte er die Zunge des Taubstummen geläufig. Die Blinden sahen das Licht und priesen durch ihn seinen Sender. Als er aus den Berg stieg, uni zu beten, wurde der Glanz der Sonne von seinem Lichte überstrahlt. und er that seine höhere Macht kund an dem Knaben, in welchem ein feindseliger Geist war, indem er den Mondsüchtigen durch sein Wort wieder hersiellte. Er gab uns ein Vorbild und Muster, indem er uns aufforderte, den Kindern ähnlich zu werden, um in das Himmelreich einzugehen. Er warnte die Kleinen nicht zu verachten, weil ihre Engel allezeit den Vater im Himmel schauen. Er zeigte feine dullkomniene Heilkraft an dem Manne, welcher achtunes dreissig Jahre krank gelegen hatte, indem Her ihm die Fülle seiner Gnade verlieh und ihn heilte. Er bat uns auch das Gebot gegeben, daß wir die Welt verlassen und uns ihm zuwenden sollen; und er hat uns offenbart, daß, wer die Welt liebt, Gott nicht wohlgefallen kann, an den: Beispiele der Reichen, welcher auf seinen Neichthum vertraute, sowie an dem Beispiele jenes Mannes, welche: in seinem Glücke üppig lebte und in die Hölle hinweggemsi: warte, wo er vergeblich verlangte, daß man die [051] Spitze des Fingers in Wasser tauche und ihm reich:. Er wird uns unseren Lohn ertheisen, w:e jenen Arbeitern. wenn wir in seinem Weinberge arbeiten, welcher der Weinberg der Wahrheit ist. Dieses alles hat unser Heiland wegen seiner großen Liebe an uns gezhan. Darum wollen auch wir, mein Lieber, an der Liebe Christi Asitheii haben, indem wir einander lieben und jene beiden Gebote erfüllen, an welchen das ganze Gesetz banget und die Propheten. |
