De vulgari eloquentia/I. Buch – Dreizehntes Kapitel

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Autor: Dante Alighieri
Titel: Über die Volkssprache (De vulgari eloquentia)
Untertitel: I. Buch – Dreizehntes Kapitel
aus: aus Dante Alighieri's prosaische Schriften mit Ausnahme der Vita Nova – Zweiter Theil.; S. 117-118
Herausgeber: Karl Ludwig Kannegießer
Auflage: o. A.
Entstehungsdatum: ca. 1304
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: F.A. Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Karl Ludwig Kannegießer
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[117]

Dreizehntes Kapitel.
Von der Mundart der Tuscier und Genueser.


Nach Diesen kommen wir zu den Tusciern, welche wegen ihrer Thorheit unsinnig sich den Titel der edlen Volkssprache zuzulegen scheinen, und hierin zeigt sich nicht blos die Meinung des gemeinen Volks närrisch, sondern wir finden, daß auch viele berühmte Männer sie gehabt haben, zum Beispiel Guitto von Arezzo, der sich niemals nach der höfischen Volkssprache richtete, Bonagiunta von Lukka, Gallo von Pisa, Mino Mocato von Siena, und Brunetto aus Florenz, deren Gedichte, wenn man die Zeit hat sie zu prüfen, man finden wird, daß sie nicht in der Hofsprache, sondern in der Sprache ihrer Städte abgefaßt sind. Und weil die Tuscier vor allen in dieser Trunkenheit rasen, scheint es würdig und nützlich, die Volkssprachen der toskanischen Städte einigermaßen zu entdünkeln. Die Florentiner sprechen und sagen:

           Manuchiamo introcque:

           Non facciamo altro

Die Pisaner:

           Bene andonno li fanti di Fiorenza per Pisa.

Die Lucchesen:

           Jo voto a Dio, che iugassaria lo comuno de Luca.

Die Sienesen:

           Onche rinegata avesse io Siena.

Die Arretiner:

           Votu venire ovelle.

[118] Von der alten Stadt Perugia, von Viterbo und der Stadt Castellana, denke ich, wegen der Verwandtschaft, welche sie mit den Römern haben, nichts zu sagen. Aber obgleich fast alle Toskaner in ihrem Kauderwelsch abgestumpft sind, wissen wir doch, daß Einige die Trefflichkeit der Volkssprache eingesehen haben, nämlich Guido, Lapo, und ein Andrer[1], welche Florentiner sind, und Cino von Pistoja, welchen wir jetzt unwürdigerweise nachsetzen, indem wir nicht unwürdigerweise gezwungen sind. Wenn wir daher die toskanischen Mundarten untersuchen und erwägen, wie hochgeehrte Männer sich von der ihrigen abwandten, bleibt kein Zweifel, daß die Volkssprache, welche wir suchen, eine andre sei als die, welche das toskanische Volk hat. Wenn Jemand aber Das, was wir von den Tusciern behaupten, von den Genuesern nicht behaupten zu dürfen glaubt, so erwäge er dies allein bei sich, daß wenn die Genueser aus Vergeßlichkeit den Buchstaben z einbüßten, sie entweder verstummten oder sich eine neue Sprache erfinden müßten; denn in z besteht der größte Theil ihrer Sprache, welcher Buchstabe sich nicht ohne viele Rauheit aussprechen läßt.


  1. Ein Andrer, wahrscheinlich Dante.
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