Der Jüngling und die Spinne
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- [55] DER JÜNGLING UND DIE SPINNE
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- DER JÜNGLING
- (vor sich mit wachsender Trunkenheit):
- Sie liebt mich! Wie ich nun die Welt besitze,
- Ist über alle Worte, alle Träume:
- Mir gilt es, daß von jeder dunklen Spitze
- Die stillen Wolken tieferleuch’te Räume
-
5Hinziehn, von ungeheurem Traum erfaßt:
- So trägt es mich – daß ich mich nicht versäume! –
- Dem schönen Leben, Meer und Land zu Gast.
- Nein! wie ein Morgentraum vom Schläfer fällt
- Und in die Wirklichkeit hineinverblaßt,
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10Ist mir die Wahrheit jetzt erst aufgehellt:
- Nicht treib ich als ein Gast umher, mich haben
- Dämonisch zum Gebieter hergestellt
- Die Fügungen des Schicksals: Junge Knaben
- Sind da, die Ernst und Spiele von mir lernten,
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15Ich seh, wie manche meine Mienen haben,
- Geheimnisvoll ergreift es mich, sie ernten
- Zu sehn, und an den Ufern, an den Hügeln
- Spür ich in einem wundervoll entfernten
- Traumbilde sich mein Innerstes entriegeln
-
20Beim Anblick, den mir ihre Taten geben.
- Ich schaue an den Himmel auf, da spiegeln
- Die Wolkenreiche, spiegeln mir im Schweben
- Ersehntes, Hergegebnes, mich, das Ganze!
- Ich bin von einem solchen großen Leben
-
25Umrahmt, ich habe mit dem großen Glanze
- Der schönen Sterne eine also nah
- Verwandte Trunkenheit –
- [56] Nach welcher Zukunft greif ich Trunkner da?
- Doch schwebt sie her, ich darf sie schon berühren:
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30Denn zu den Sternen steigt, was längst geschah,
- Empor, und andre, andre Ströme führen
- Das Ungeschehene herauf, die Erde
- Läßt es empor aus unsichtbaren Türen,
- Bezwungen von der bittenden Gebärde!
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35(So tritt er ans offene Fenster, das mit
- hellem Mondlicht angefüllt und von den
- Schatten wilder Weinblätter eingerahmt
- ist. Indem tritt unter seinen Augen aus
- dem Dunkel eines Blattes eine große
-
40Spinne mit laufenden Schritten hervor
- und umklammert den Leib eines kleinen
- Tieres. Es gibt in der Stille der Nacht einen
- äußerst leisen, aber kläglichen Laut, und
- man meint die Bewegungen der heftig um-
-
45klammernden Glieder zu hören.)
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- DER JÜNGLING
- (muß zurücktreten):
- Welch eine Angst ist hier, welch eine Not.
- Mein Blut muß ebben, daß ich dich da sehe,
- Du häßliche Gewalt, du Tier, du Tod!
- Der großen Träume wundervolle Nähe
-
50Klingt ab, wie irgendwo das ferne Rollen
- Von einem Wasserfall, den ich schon ehe
- Gehört, da schien er kühn und angeschwollen,
- Jetzt sinkt das Rauschen, und die hohe Ferne
- Wird leer und öd aus einer ahnungsvollen:
-
55Die Welt besitzt sich selber, o ich lerne!
- [57] Nicht hemme ich die widrige Gestalt
- So wenig als den Lauf der schönen Sterne.
- Vor meinen Augen tut sich die Gewalt,
- Sie tut sich schmerzend mir im Herzen innen,
-
60Sie hat an jeder meiner Fibern Halt,
- Ich kann ihr – und ich will ihr nicht entrinnen:
- Als wärens Wege, die zur Heimat führen,
- Reißt es nach vorwärts mich mit allen Sinnen
- Ins Ungewisse, und ich kann schon spüren
-
65Ein unbegreiflich riesiges Genügen
- Im Vorgefühl: ich werde dies gewinnen:
- Schmerzen zu leiden, Schmerzen zuzufügen.
- Nun spür ich schaudernd etwas mich umgeben,
- Es türmt sich auf bis an die hohen Sterne,
-
70Und seinen Namen weiß ich nun: das Leben.
