Der himmlische Schäfer
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Die Brüder brachten ihre Opfer und die Eltern gingen heim. Am Abend aber kam Abel nicht wieder. Angstvoll suchte die Mutter ihn rings umher und fand nur seine zerstreute, traurige Heerde. Er selbst lag, wie ein Opferlamm, erschlagen am Altar: die Rosen um denselben waren mit seinem Blute gefärbet und Kains Aechzen schallte laut aus einer nahen Höle. Ohnmächtig sank sie auf ihres Sohnes Leichnam, als ihr zum zweitenmal das Traumgesicht erschien. Ihr Sohn war jener schöne Schäfer, den sie in diesem neuen Paradiese sah. Die rothen [225] Rosen waren um sein Haar und liebliche Töne entflossen seiner Harfe; also sang er ihr zu. „Schaue hinauf gen Himmel zu den Sternen; weinende Mutter, schaue hinauf. Da sind noch andere Auen, schönere Paradiese, als du in Eden sahst; wo die Blutgefärbte Rose der Unschuld voller blüht, und alle Seufzer sich in süsse Töne wandeln.“ – Das Gesicht verschwand; und gestärkt stand Eva vom blassen Leichnam ihres Sohnes auf. Und da sie Morgens ihn mit ihren Thränen gewaschen und mit den Rosen von seinem Altar bekränzet hatte, wie sie ihn im Traume gesehn, begruben Vater und Mutter ihn an Gottes Altar, vorm Angesicht einer schönen Morgenröthe. Oft aber saßen sie an seinem Grabe zu Mitternacht und sahen gen Himmel und suchten ihren Schäfer unter den Sternen. |
