Die Allgemeine deutsche Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen in Berlin 1882

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Autor: Paul Börner
Titel: Die Allgemeine deutsche Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen in Berlin 1882
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 327-330
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe Erklärung (Die Gartenlaube 1882/21) und Zur Einführung in die allgemeine deutsche Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen
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Die Allgemeine deutsche Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen in Berlin 1882.
Nr. 1. Zur Eröffnung.

Alphons Oppenheim, jener hervorragende Chemiker, von dem die Hygiene noch viel erwarten durfte, als er ihr in der Blüthe der Jahre durch eine jähe Katastrophe entrissen wurde, machte bei seiner Besprechung der internationalen Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen zu Brüssel mit Recht darauf aufmerksam, daß fünfundzwanzig Jahre, nachdem die Idee der internationalen Ausstellung in London sich die Welt erobert hatte, nach und nach dem damaligen Enthusiasmus eine sehr kühle und skeptische Auffassung gefolgt war. Die finanziellen Resultate der allgemeinen Weltausstellungen sanken von einer zur andern, ebenso die Hoffnungen der Aussteller, sowie die Zahl der Besucher und leider auch die Genügsamkeit der letzteren. Unerhörte Anstrengungen brachten 1867 in Paris, 1873 in Wien und 1876 in Philadelphia nur halbe Erfolge, und auch der zweiten allgemeinen Ausstellung in Paris kann man trotz ihres Glanzes nachsagen, daß sie zu früh kam.

Mit gesättigter Befriedigung legte man in den weitesten Kreisen die Idee der allgemeinen Ausstellungen fast zu den Todten und wenn auch jetzt wiederum eine solche für Rom in Aussicht genommen ist, so spricht doch gerade der Zweifel, welcher diesem Plane entgegentritt, von Neuem für die Richtigkeit der von Oppenheim vertretenen Auffassung.

Indessen gerade England, von welchem die ganze Bewegung ausgegangen war, eröffnete durch eine folgenreiche Abänderung der Idee der Ausstellungen für diese eine neue Bahn, indem es statt der universellen partielle Ausstellungen einführte: Durch die internationale Ausstellung wissenschaftlicher Instrumente in London hat sich England auf diesem Gebiete einen neuen Ruhmeskranz erworben und gleichzeitig, ohne es zu wollen, Deutschland Gelegenheit gegeben, einen fast unbestrittenen Sieg gerade auf demjenigen Felde der Industrie zu erringen, auf welchem Wissenschaft und Technik in gemeinsamer Arbeit ihre größten Triumphe feiern. War schon diese Ausstellung idealen Interessen dienstbar gemacht worden, wie unser großer Chemiker A. W. Hofmann in seinem Berichte so überzeugend darlegt, so galt dies in noch viel höherem Grade von der internationalen Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen zu Brüssel.

„Alles zusammenzustellen, was zur Errettung aus Gefahr, zur Erhaltung und Verlängerung des Lebens beiträgt,“ sagt Oppenheim, „war eine durchaus neue humane Bestrebung, auf diesem Gebiete zum internationalen Wettkampf aufzufordern, eine Beförderung der edelsten menschlichen Triebe.“ Und die Hoffnungen der Gründer dieser Ausstellungen wurden nicht getäuscht. Allerdings überschritten die Ausgaben etwas die Einnahmen; „aber“ – so hob General Renard, der verdienstvolle Präses des Comités, hervor – „für den Preis eines kleinen Deficits hat die Ausstellungsgesellschaft vollbracht, was unser König eine gute That genannt hat und was die fremden Besucher als ein Werk ansehen, das nicht untergehen, sondern der menschlichen Gesellschaft neue Bahnen eröffnen wird.“ Schwerlich hat General Renard geahnt, daß fünf Jahre nach seiner Rede in Deutschland eine denselben idealen Zwecken gewidmete Ausstellung in überraschender Schnelle erstehen werde, gewiß eine der schönsten Früchte ihrer Vorgängerin in Brüssel.

Viele Momente trafen zusammen, um den Gedanken einer Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen auf deutschem Boden, sofort, nachdem er in engeren Kreisen zur Erörterung gekommen war, immer festere Wurzeln fassen zu lassen. Die Zeit des Milliardensegens mit ihren schwindelhaften Unternehmungen war endlich vorüber; verhängnißvolle Katastrophen begleiteten ihren Abschluß, und nun der Rausch vergangen, wurden die Folgen dieser unheilvollen Periode immer deutlicher. Als solche charakterisirten einsichtsvolle Kenner unserer Verhältnisse die Abwendung des arbeitenden Volkes und vor Allem der Industrie von der soliden Arbeit, auf die Deutschland mit Recht einst so stolz war. Aber auch der ideale Zug, welcher unser Volk immer ausgezeichnet hat, schien verschwunden zu sein; die überhastende Jagd nach dem Glück hatte keine Zeit für eine Thätigkeit, deren Früchte nicht sofort gepflückt werden konnten. Es dauerte aber nicht lange, dis „das deutsche Volk bei der Arbeit“ sich wieder auf sich selbst besann. Reuleaux rief von jenseit des Oceans, aus Philadelphia, das scharfe Wort herüber: „billig und schlecht“, das wie ein Blitzstrahl die Situation beleuchtete.

Die zum Theil leidenschaftliche Opposition gegen die allgemeine Berechtigung dieser Verurteilung erwies zum Glück, daß während der Jahre des Schwindels ein unzerstörbarer Kern geblieben war, verdeckt durch allerlei schimmernde Nichtigkeiten, aber jetzt, Dank der schneidenden Kritik eines der erfahrensten Sachkenner, sich neu und kräftig entfaltend.

Die schon erwähnte Ausstellung von wissenschaftlichen Instrumenten in South Kensington hatte die Bewunderung der deutschen Leistungen selbst den fremden Concurrenten abgezwungen. Zahlreiche locale Ausstellungen wurden alsdann in verschiedenen Staaten und Provinzen des deutschen Reichs zusammen in’s Leben gerufen und hatten fast ausnahmslos einen äußeren, durchweg aber einen inneren Erfolg. Fast ohne Unterstützung des Staates, mit Unglauben empfangen, bewies die Berliner Gewerbe-Ausstellung eine so große Blüthe der Industrie, der Technik und des Kunstgewerbes, daß für die Reichshauptstadt das Reuleaux’sche Wort keine Geltung mehr besaß. Ganz im Sinne der von England überkommenen partiellen internationalen Ausstellungen schloß sich als dritte derselben die Fischerei-Ausstellung an, deren glänzender Erfolg noch in unser Aller Erinnerung ist.

Wenn auch ohne einen internationalen Charakter, so doch an Bedeutung den drei Vorgängerinnen nicht nachstehend, tritt nunmehr eine allgemeine deutsche Ausstellung, die das ganze Gebiet der Hygiene und des Rettungswesens umfaßt, in’s Leben.

Zweifellos sind auf den Plan dieser Ausstellung zu nicht geringem Theile die Resultate materieller und idealer Natur, deren sich die letztgenannten beiden Ausstellungen rühmen durften, von Einfluß gewesen, aber zur Erkenntniß ihrer Entstehung ist es nothwendig, noch ein wenig zurückzugehen und der Entwickelung der öffentlichen Gesundheitspflege in Deutschlabd während der letzten Jahre kurz zu gedenken.

Wie schon Finkelnburg hervorhob, richteten sich seit dem Erwachen des öffentlichen Interesses für die Pflege der Volksgesundheit die Blicke nicht nur der Sachverständigen, sondern auch der für die vorhandenen Aufgaben begeisterten Laien vornehmlich auf England, als dasjenige Land, in welchem sich die öffentliche Gesundheitspflege der vorgeschrittensten Fürsorge und der nachweisbarsten Erfolge rühmen durfte.

Seit dieser Zeit ist eine Wandlung unverkennbar. Wohl fehlte es den schönen Keimen von 1848, die trotz der Stürme der Revolution eine gesunde Entwickelung versprachen, in den Jahren einer ideenlosen Reaction bei uns an Luft und Licht, sobald aber die Zeit eintrat, in der die Staatslenker vorschauend und klug genug waren, die wirklichen Errungenschaften jener Tage in ihre Politik aufzunehmen, begann auch für die Gesundheitspflege im deutschen Lande eine neue Periode unablässigen Schaffens. Es war ein Glück für die noch junge Disciplin, daß die deutsche Wissenschaft ihr mit [328] einer Energie und einer Einsicht vorgearbeitet hatte, wie kein anderes Land sich solcher rühmen kann. Ohne zahlreichen anderen Forschern zu nahe zu treten, unter denen an erster Stelle auch wieder Rudolf Virchow zu nennen ist, muß vor allem verwiesen werden auf die Münchener Schule, die durch den gefeierten Namen Max von Pettenkofer’s bezeichnet wird. Wie es oft anderwärts geschah, so hat auch hier eine große Weltseuche, wenn auch nicht die Veranlassung zu diesen Studien, so doch die dauernde Anregung zu ihrer immer größeren Vertiefung gegeben.

Nicht anders war es in England, wo die Cholera ebenfalls durch die zahllosen Opfer, die sie forderte, die Vorurteile, welche der Gesundheitspflege noch entgegenstanden, besiegen half. Das ganze englische Volk nahm Theil an dieser Bewegung und zwang von Etappe zu Etappe die regierenden Classen, den Forderungen der Hygiene gerecht zu werden. Nicht so leicht gestalteten sich die Dinge in Deutschland. Der maßgebende Einfluß des Volkes selbst und seiner Vertreter fehlte, und die Zersplitterung Deutschlands machte ein Vorgehen nach einheitlichem Plane unmöglich. Als sich aber im Laufe der Zeit die politischen Verhältnisse änderten, die Allweisheit der Bureaukratie aufgehört hatte, allein Recht zu behalten, und die Sorge für die Gesundheit besonders auch um deswillen immer mehr als eine der wichtigsten Aufgaben des Staates anerkannt wurde, weil durch die Fortschritte der Industrie mit ihren Anhäufungen von Arbeitern in großen Centren auch die sanitären Nachtheile immer mehr in Sicht kamen, da mußten die Regierungen Hand anlegen, um diese Zustände zu bessern. Da fanden sie aber – zur Ehre der deutschen Wissenschaft sei es gesagt – den Boden ihrer Thätigkeit durch eine Fülle der mühsamsten und zum Theil genialsten Untersuchungen bereit, wie in keinem anderen Lande. Daraufhin konnten die Staatsbehörden, wie vor Allem die großen Communen die Arbeiten beginnen und durchführen, welche die Reinheit der Luft und des Bodens bezwecken.

Bei dieser Arbeit, die sich zum Theil, wie die gewaltigen Canalisations- und Wasserwerke unserer Städte, denen des alten Rom an die Seite stellen kann, standen neben wissenschaftlichen Förderern zahlreiche, auf dem Gebiete der Gesundheitspflege erfahrene Sachverständige, unter ihnen vor Allem die Aerzte, den Behörden zur Seite. Die altehrwürdige Vereinigung der deutschen Naturforscher und Aerzte nahm, wenn auch nicht ohne Widerstreben, die Hygiene in einer besonderen Section in sich auf, von welcher weithin reichende Anregungen abgegangen sind. Jemehr indeß die wirkliche Einsicht auf dem Gebiete der Gesundheitspflege wuchs, umsomehr erkannte man, daß die Förderung derselben unmöglich sei, wenn nicht neben den Naturwissenschaften und der Medicin auch die Technik und die Verwaltungskunst sich an dem Werke beteiligten. Auf solche Erwägungen hin bildete sich der „deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege“, der bei seinem Entstehen sogleich in den Besitz eines vortrefflichen Organes kam, das von dem hochverdienten, unermüdlichen Frankfurter Arzt Georg Varrentrap unter dem Titel „Deutsche Vierteljahrschrift für öffentliche Gesundheitspflege“ in’s Leben gerufen war. Jahr für Jahr hat der deutsche Verein in seinen Versammlungen die wichtigsten Fragen der Gesundheitspflege discutirt und einen merkbaren Einfluß auf die regierenden Kreise, einen viel größeren aber auf die Klärung der allgemeinen Meinung ausgeübt.

Neben ihm entstand vor wenigen Jahren der „Deutsche Verein für Gesundheitstechnik“, nach der Ansicht des Verfassers dieser Zeilen mehr durch äußere Veranlassung und äußere Gründe als in Folge einer inneren Nothwendigkeit. Die Gesundheitstechnik ist nur einer, wenn auch einer der wichtigsten Zweige der Hygiene überhaupt, und so war es natürlich, daß beide Vereine sofort durch gleichzeitiges Tagen ihre Zusammengehörigkeit erwiesen.

Es geschah dies im Jahre 1880 in Hamburg, und es wurde damals in dem Vereine für Gesundheitstechnik die Frage angeregt, ob es nicht zweckmäßig erscheine, eine Ausstellung für das gesammte Gebiet der Hygiene in’s Leben zu rufen, und wohl mehr in dem Sinne bejahend entschieden, daß man wesentlich an eine Ausstellung dessen dachte, was die deutsche Technik auf dem Gebiete der Gesundheitspflege geleistet habe. Der Verein setzte sich sofort mit dem gleichzeitig in Hamburg tagenden Vereine für öffentliche Gesundheitspflege in Verbindung, durch dessen Mitwirkung der Plan von Anfang an erweitert und vertieft wurde, indem an der Seite der Gesundheitstechnik auch die, wenn man will, idealere Seite der Gesundheitspflege einen nicht minder maßgebenden Einfluß erlangte.

Zur weiteren Durchführung des Planes wählte jeder der beiden Vereine zehn von seinen in Berlin wohnenden Mitgliedern, und diese traten zu einem provisorischen Comité zusammen, aus dem sich alsdann nach und nach die ganze Organisation entwickelte. Die Männer des provisorischen Comités waren sich wohl bewußt, wie schwierig die ihnen gestellte Aufgabe, wie groß ihre eigene Verantwortlichkeit sei, wenn auch die internationale Ausstellung in Brüssel bewiesen hatte, daß Deutschland mit seinem Wissen und Können auf dem Gebiete der Gesundheitspflege und des Rettungswesens schon damals in erster Linie stand; ihm wurde dort nämlich die relativ größte Zahl der Preise erteilt.[1] Das provisorische Comité konnte daher in seinem Programm mit Recht darauf hinweisen, daß besonders auch die Leistungen der Gesundheitstechniker auf der Brüsseler Ausstellung von der von ihnen erreichten hohen Stufe Kunde gaben, und daß viele deutsche Privatindustrien in keiner Beziehung den Vergleich mit denen Englands, Frankreichs, Belgiens etc. scheuen durften.

Andererseits aber machten sich manche Bedenken geltend. Erst eine verhältnißmäßig kurze Zeit war nach dem Glanz vergangen, der die Brüsseler Ausstellung noch umstrahlte. Sodann war man sich bald klar darüber, daß der geplanten Ausstellung der Charakter einer internationalen nicht zu geben sei. Weder die localen Verhältnisse, welche Brüssel darbot, noch specielle Vorzüge der zur Ausstellung kommenden Gebiete, wie sie die allgemeine Fischerei-Ausstellung auszeichneten, waren vorhanden. Vor Allem aber fehlte die Zeit, deren die so überaus schwierigen Vorbereitungen zu einer internationalen Ausstellung bedürfen, während von der Majorität der Interessenten der dringende Wunsch ausgesprochen war, das Inslebentreten der Ausstellung nicht zu verzögern. Man verzichtete mit diesem Entschluß auf Vieles, was die Brüsseler Ausstellung so anziehend gestaltete, andererseits aber bedachte man, daß in Brüssel noch keineswegs eine auch nur annähernde Vollständigkeit der deutschen Leistungen erreicht worden war, daß Deutschland noch Vieles zu bieten hatte, was dort vermißt wurde.

Um so klarer war man sich im Gegensatz dazu sofort darüber, daß das Rettungswesen in Krieg und Frieden auf der Ausstellung vertreten sein müsse, solle dieselbe nicht von vornherein den Stempel der Unvollständigkeit tragen. Abgesehen von diesem inneren Grunde, war das Rettungswesen in den letzten Decennien gerade in Deutschland, zum Theil durch unsere großen Kriege veranlaßt, mehr als je in den Vordergrund des allgemeinen Interesses getreten und durch immer stärkere Bande mit der öffentlichen Gesundheitspflege überhaupt verknüpft worden. Längst hatte das rothe Kreuz aufgehört, ein Symbol der Humanität nur für die Zeit des Krieges zu sein; die unablässige Arbeit seiner Vereine im Frieden, die in’s Leben gerufen zu haben ein Verdienst der deutschen Kaiserin ist, hat ihnen eine Richtung auf dieselben Ziele gegeben, welche auch die Hygiene verfolgt.

So war für das Comité denn kein Zweifel vorhanden, daß der Schutz gegen Gefahren, die Hülfeleistung bei Verunglückten und Verletzten, der Transport und die Pflege der Verwundeten und Kranken im Kriege, mit einem Worte: das gesammte Rettungswesen organisch einzufügen sei in das Programm gerade einer deutschen hygienischen Ausstellung.

Die Bezeichnung „Allgemeine deutsche Ausstellung“ hat anfänglich Befremden erregt, sie bedeutet aber, daß diejenigen Länder, welche ohnehin in den beiden deutschen Vereinen, dem für Gesundheitspflege und dem für Gesundheitstechnik, von Anfang an vertreten waren, nämlich Oesterreich und die Schweiz, an der Ausstellung jedenfalls teilnehmen sollten. Außerdem aber sind von vornherein die Leistungen des Auslandes keineswegs ausgeschlossen worden; nur eine Gruppirung nach Nationen, wie in Brüssel, gestattete der Charakter unserer Ausstellung nicht. Mit Befriedigung kann man nunmehr darauf hinweisen, daß außer Oesterreich und der Schweiz auch andere Länder, vor Allem Italien, alsdann das Nationalgesundheitsamt und die Medicinalabtheilung des Kriegsministeriums der Vereinigten Staaten, wichtige Objecte gesendet haben und daß auch andere Länder nicht ganz unvertreten geblieben sind.

Eine der ersten Pflichten des provisorischen Comités, welches [329] in der Person des früheren Ministers, Wirklichen Geheimen Raths Hobrecht, einen vortrefflichen Vorsitzenden gewonnen hatte, war es gewesen, eine Reihe von hervorragenden Männern aller Stände, die theils durch ihren Beruf, theils durch persönliche Neigung mit der Gesundheitspflege oder dem Rettungswesen in Beziehung standen, aufzufordern, dem Unternehmen ihre Mitarbeit zu gewähren. Der Erfolg des Aufrufes war ein außerordentlich günstiger; von Woche zu Woche mußte die Liste der Männer, welche dem Comité beitraten, vergrößert werden, und es fehlt ihr jetzt keiner der hervorragenderen Hygieniker Deutschlands.

So konnte denn bald eine Generalversammlung des Centralcomités abgehalten werden, in welcher die bisherigen Schritte des provisorischen Comités sowie seine weiteren Vorschläge einstimmig Billigung fanden und dann für die eigentliche Arbeit ein Vorstand und für die Geschäftsführung ein Ausschuß, unter denen die beiden andern Vorsitzenden Generalarzt Roth und Ingenieur Rietschel und die Schriftführer R. Henneberg und der Verfasser genannt werden mögen, gewählt wurde.

An Vorstand und Ausschuß schließt sich eine Reihe von Commissionen, von denen als die wichtigsten die Terrain- und Baucommission, die Finanzcommission und die Preßcommission zu erwähnen sind.

Die Gartenlaube (1882) b 329.jpg

Das Hauptgebäude der Allgemeinen deutschen Ausstellung für Hygiene und Rettungswesen in Berlin 1882.
Nach einer Photographie.

In zahlreichen Sitzungen, besonders des Ausschusses und der Commissionen, nahm der Plan der Ausstellung nunmehr eine festere Gestaltung an, die finanzielle Grundlegung wurde erreicht, ein passender Bauplatz gesichert und die Zollfreiheit der aus dem Auslande einzuführenden Objecte und Transportermäßigungen erreicht, wie sich auch für die Sache das lebhafteste Interesse, besonders aller Behörden, zeigte und durch die Localcomités immer weitere Kreise zur Mitarbeit herangezogen wurden.

Besonders günstig war auch für das Gedeihen der Ausstellung die Uebernahme des Protectorats durch die deutsche Kaiserin, welche den Kronprinzen des deutschen Reiches mit ihrer Vertretung beauftragte. Die Wirkungen dieses Protectorats machten sich über alle Erwartungen sofort geltend. Sowohl die Annahmemeldungen für die Ausstellung, wie die Zeichnungen für den Garantiefonds gingen in steigender Zahl ein, und bald stellte es sich heraus, daß diese Ausstellung, welcher gerade von den Mitgliedern des Ausschusses nicht ohne Zweifel entgegengesehen wurde, an Dimensionen und innerem Werthe ein hervorragendes Bild des im deutschen Reiche auf dem Gebiete der Gesundheitspflege und des Rettungswesens Geleisteten bieten werde.

Es ist nicht thunlich, in alle Einzelheiten der Organisationsarbeiten hier einzugehen, darauf aber muß hingewiesen werden, daß, dem ernsten Charakter der Ausstellung entsprechend, in der Gruppeneintheilung ein neues Princip durchgeführt worden ist.

Man hat es im Gegensatz zu den meisten bisherigen Ausstellungen unternommen, die Gegenstände nicht nach der Gemeinsamkeit ihres Fabrikationsursprungs zu gruppiren, sondern dieselben an demjenigen Orte und in demjenigen Zusammenhange zur Anschauung zu bringen, wo und wie sie in der Wirklichkeit angewendet werden, wodurch es dem nicht speciell mit dem bestimmten Zweige der Technik vertrauten Besucher möglich wird, sich über Zweck und Eigenschaften der ausgestellten Gegenstände klar zu werden.

Die Erfahrung hat es bei fast jeder Ausstellung gelehrt, daß im Beginne die Meldungen verhältnißmäßig spärlich einlaufen, daß aber, wenn der letzte Termin naht, sie sich in wahrhaft besorgnißerregender Weise häufen, ja daß sie über denselben hinaus noch zahlreich eintreffen. Auch bei dieser Ausstellung ist das Gleiche geschehen, sodaß immer mehr Erweiterungen der Baulichkeiten eintreten und dennoch viele äußerst interessante Objecte schließlich zurückgewiesen werden mußten. Demungeachtet zeigt eine Durchsicht des Katalogs eine überraschend große Fülle von Ausstellungsgegenständen. Die Ministerien fast aller deutschen Staaten, viele Hochschulen, zahlreiche Communen, wie Berlin, Wien, Budapest, die hervorragendsten technischen Etablissements, unter denen nur die beiden Siemens und Aird genannt werden mögen, finden sich mit ihren besten Erzeugnissen vertreten. Alles was zum Rettungswesen gehört, einschließlich der Instrumente und Apparate für die Chirurgie und für das Verbandwesen, wird die Bewunderung der Besucher erregen.

Specielle Berichterstatter werden über die einzelnen Gruppen der Ausstellung reichliches Material für die „Gartenlaube“ liefern; hier, wo es sich mehr um die allgemeine Einführung handelt, mag es nur noch gestattet sein, dem Platze sowohl wie den Gebäuden in einer kurzen Darstellung gerecht zu werden. Zwei Männer haben sich besonders um den Bau und den Platz verdient gemacht, der Baurath Kyllmann, Mitglied der berühmten Firma Kyllmann und Heiden, dem Berlin schon so viele Prachtbauten verdankt, und der Gartendirector Mächtig, welch Letzterem das Arrangement des parkähnlichen Gartens oblag, der auf Anordnung der Commune Berlin, deren Munificenz sich auch diesmal wieder glänzend bewies, hergestellt worden. Dieser Garten bildet mit Recht ein Ausstellungsobject der Stadt, und wahrlich keines der schlechtestem.

Das Ausstellungsgebäude befindet sich auf dem von der Straße Alt-Moabit, Ulanen- und Invalidenstraße und der Lehrter Bahn umschlossenen Terrain, welches diesmal seitens des Fiscus [330] in entgegenkommender Weise unentgeltlich hergegeben ist. Die Größe des Terrains beträgt rund 62,000 Quadratmeter oder 24 Morgen, eine Ausdehnung, die anfangs die hier vorhandenen Bedürfnisse bei Weitem zu übertreffen schien, schließlich aber doch kaum zur Verwirklichung des Planes hinreichten. Drei Eingänge führen in den Bereich des Ausstellungsgebiets selbst. Das Terrain der Ausstellung wird durch den Stadtbahnviaduct in zwei Abschnitte getheilt, von denen der vordere das Hauptgebäude mit seinem großen Vorgarten, der weiter zurückliegende die parkartigen Anlagen mit den Einzelbauten enthält. Die 28 Stadtbahnbögen, die demnach innerhalb des Ausstellungsterrains liegen, sind für die Zwecke der Ausstellung in Anspruch genommen, als seien sie von vornherein dazu bestimmt, abgesehen von denen, welche die Communication innerhalb des von der Stadtbahn durchschnittenen Terrains vermitteln.

Das Hauptgebäude bedeckt einen Raum von circa 12,000 Quadratmeter, daran schließen sich die Stadtbahnbögen mit 5000 Quadratmeter, die Einzelbauten mit 2800 Quadratmeter, die Restaurationshalle mit 2200 Quadratmeter an. Der Architekt der Ausstellung hat bei dieser Gelegenheit wiederum die schon in der Fischerei-Ausstellung bewunderte Findigkeit in der Benutzung des gegebenen Materials in höchst interessanter Weise gezeigt; denn war es aus Sparsamkeitsrücksichten nothwendig, die Baulichkeiten der vorjährigen Gewerbe-Ausstellung in Halle zu benutzen, so ist es Herrn Kyllmann doch gelungen, durch eine veränderte Gruppirung der Körper, durch Erhöhung der Hauptkuppel, durch Neuanlage von Portalen und Thürmen, die der Situation vollkommen entsprechen, die Anschauung des Gebäudes wesentlich und in der vortheilhaftesten Weise zu verändern. Die weithin sichtbare Kuppel hebt den Mißstand, daß das Terrain gegen die Straße Alt-Moabit liegt und daß der Körper der Stadtbahn das Gebäude gegen die Invalidenstraße gewissermaßen deckt, in vortrefflich vermittelnder Weise auf. Die Thürme, welche die Kuppel und die Portale flankiren, geben der ganzen Anlage eine freundliche Silhouette und dienen dazu, die durch strenge Sparsamkeit gebotene schlichte Anordnung der äußeren Architektur anziehend zu unterbrechen.

Die Gebäude selbst gruppiren sich um drei Höfe, die schließlich zum Theil noch haben bebaut werden müssen, um den immer steigenden Anforderungen der Aussteller zu genügen. Auf dem größeren der Höfe befindet sich als ein ganz abgeschlossener Bau das Normalwohnhaus, welches einer Collectiv-Ausstellung der beim Wohnhausbau betheiligten Gewerbe- und Industriezweige seine Entstehung verdankt. Einen schönen Abschluß des Bildes der Ausstellung repräsentirt das durch Professor Wilberg hergestellte Panorama der Thermen des Caracalla. Eine halbkreisförmige Säulenhalle gestattet einen Einblick in diese Thermenanlage und ihren großen Mittelsaal und sodann einen Blick über den nach den Sabiner und Albaner Bergen hin gelegenen Theil der alten Stadt Rom, sowie ihren von den Wasserleitungen der Appischen Straße etc. durchzogenen Umgebungen.

Inmitten der Parkanlagen endlich befindet sich eine Wasserfläche von 3000 Quadratmeter, um welche sich die von schönen Bäumen und Boskets, die jetzt schon im vollen Schmucke des Frühlings prangen, bepflanzten Wege ziehen.

Auch für die materielleren Bedürfnisse der Besucher ist reichlich Sorge getragen. In der Ecke der Ulanen- und Invalidenstraße liegt das Hauptgebäude der Restauration, ein oblonger Saal, an den sich Hallen für den Bierausschank längst der Straße schließen und eine stattliche Anzahl von Einzelbauten und Pavillons umsäumt die Gartenanlagen, unter denen als die hervorragendsten zu nennen sind: das Taucherbassin, die Musikhalle, die meteorologische Station, das Volksbad, das indisch-chinesische Theehaus, mehrere Pavillons, die Militärküche, die Filter der Stadt Berlin, eine Coulisse für die Feuerwehr, das große und das kleine Kesselhaus und der Siemens’sche Leichenverbrennungs-Apparat.

In der am 30. April stattgehabten Generalversammlung wurde der bemerkenswerte Entschluß gefaßt, eine Prämiirung nicht eintreten zu lassen. Männer wie Werner Siemens, Geheime Rath Hirsch, Baurath Blankenstein und Andere mehr, die das Unwesen dieser bisher so beliebten Prämien- und Diplom-Ertheilung zur Genüge kennen gelernt hatten, geißelten es scharf, und so wird denn diese Ausstellung auch in der Beziehung hervorragend sein, daß sie als die erste mit dieser schlechten Gewohnheit der Vergangenheit bricht. Dagegen hat die Kaiserin sich vorbehalten, zwanzig goldene Medaillen zu gewähren, und es werden in einem wissenschaftlichen Berichte nach Schluß der Ausstellung, welcher so bald wie möglich erscheinen soll, die Verdienste der Aussteller in vollem Maße zur Würdigung gelangen.

Eine Zeit schwerer, oft aufreibender Arbeit ist mit der Eröffnung beendet. Wenn man erwägt, daß kaum ein Jahr dazu gehört hat, eine Ausstellung in das Leben zu rufen, bei der die Vorbereitungen besonders wichtig waren, und daß nunmehr, wenn diese Blätter erscheinen, das ganze Werk vollendet sein wird, so wird man den Betheiligten das Lob unermüdlicher Hingebung an die ihnen gestellte Aufgabe nicht versagen können.

Die Presse hat das Unternehmen in dankenswerthester Weise unterstützt. Möge sie ihm auch ferner mit Rath und That zur Seite stehen! Möge sie besonders immer wieder darauf hinweisen, daß der Charakter einer der Hygiene und dem Rettungswesen gewidmeten Ausstellung ein ernster ist und daß, wenn irgendwo, hier vor Allem Gelegenheit gegeben sein soll, zu lernen. Wir hoffen von unserer Ausstellung, daß sie, wie einst ihre Vorgängerin in Brüssel, mächtig dazu beitragen werde, die öffentliche Gesundheitspflege in Deutschland und Oesterreich zu fördern. Wir haben ja nicht vergeblich auf die Mitarbeit der drei Berufsclassen: der Aerzte, der Gesundheitstechniker und der Communal- und Staatsbehörden, gezählt, auf die für die Gesundheitspflege in erster Reihe gerechnet werden mußte.

Der deutsche Reichskanzler hat bekanntlich einst in einem amtlichen Documente ausgesprochen, daß die höchste Leistung der medicinischen Wissenschaft nicht allein in der Heilung, sondern vielmehr zugleich, und in höherem Maße, in der Verhütung von Krankheiten bestehe. Aber das Wort des großen Staatsmannes gilt nicht nur für die Medicin; es gilt ebenso für die Socialpolitik, die der öffentlichen Gesundheitspflege gar nicht entbehren kann. Auch in ihr heißt es ja vor Allem, vorbeugen, damit eingreifende Heilversuche, wenn das Leiden einmal da ist, vermieden werden können. Ein großer Theil der berechtigten Forderungen der Socialpolitik wird aber erfüllt, wenn man in Staat und Gemeinde tüchtige Gesundheitspflege treibt. Welche Mittel aber dafür vorhanden sind, zeigt die Ausstellung, und daß Deutschland sich ihrer nicht schämen darf, kann schon jetzt behauptet werden; die Besucher werden sich überzeugen, daß auch die deutschen Gesundheitstechniker mit Einsicht und Thatkraft die Waffen geschmiedet und geschärft haben, deren die Gesundheitspflege bedarf, um „aus Gefahren zu retten und das menschliche Leben zu erhalten und zu verlängern“.[2]

Paul Börner.
  1. Die Zahl der Aussteller überhaupt betrug in Brüssel 1842, von denen Deutschland 308 angehörten. Letztere erhielten von den Auszeichnungen im Allgemeinen 20,4 Procent, während sie nur 17 Procent der ausgestellten Gegenstände geliefert hatten. Von den 50 Ehrendiplomen und goldenen Medaillen, die zur Vertheilung kamen, erhielt Deutschland aber nicht weniger als 20.
  2. Wir wollen an dieser Stelle nicht unterlassen, dem Verfasser des obigen Artikels, Herrn Oberstabsarzt Dr. Börner, unsere dankbare Anerkennung sowohl in Betreff des obigen Artikels wie auch ganz besonders bezüglich der umsichtigen Unterstützung auszusprechen, welche er uns beim Arrangement der hiermit eröffneten Artikel-Serie über die „Hygiene-Ausstellung“ hat zu Theil werden lassen. Als Redacteur der „Deutschen Medicinischen Wochenschrift“ in Berlin, als zweiter Vorsitzender der „Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege“ wie als Schriftführer der Commission der „Hygiene-Ausstellung“ war Herr Dr. Börner vor Anderen in der Lage, uns mit Rath und That in besonders ausgiebiger und maßgebender Weise zur Seite zu stehen. D. Red.