Die Blätter der Vorzeit
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[196] „Das Paradies ist verblühet, sagte der freundliche Cherub. In einen höheren, unsterblichen Garten ist der Baum des Lebens verpflanzt und der Baum der Erkänntniß blühet unter allen Völkern der Erde. Aber meine Gestalt sollst du kennen lernen und in ihr die Stimme aller Lebendigen hören.“ Er sprachs, und berührete mich mit seinem Zweige und erhob sich glänzender in die Luft. Welche Gestalt sah jetzt mein Auge! welche Stimmen der Schöpfung vernahm mein neu-geöfnetes Ohr! Alles Lebendige der Erde und die Könige seiner Geschlechter, Adler und Stier, Mensch und Löwe, sie trugen des Ewiglebenden Thron. sie alle Ein Glanz, Ein Lobgesang, Eine rastlose Bewegung. Wohin der Adler flog, dahin keuchte der Stier, dahin wandte sich der brüllende Löwe; und der Mensch, ihrer aller freundlicher Herr und jüngstgebohrner Bruder, [197] Er war der Priester der Natur, der Aller Stimmen und Opfer vor den Ewiglebenden brachte und den heiligen Wagen der Erdeschöpfung lenkte. Mein Geist zerfloß in die Harmonie des Lobgesanges aller Wesen – Und siehe da stand in gemildertem Glaube der Cherub wieder vor mir. Der Palmzweig in seiner Rechte zerfiel: seine Blätter waren die unverwelklichen Blätter der ältesten Sage. „Empfange sie, sprach der Cherub und lies und deute sie deinen Brüdern.“ Das Gesicht verschwand und ich erwachte. Ich folge dem Befehl des Engels, der alle Gestalten, alle Stimmen der Schöpfung in sich vereinet und jedes entschlafene Menschengeschlecht überlebt hat. Auf meiner Lippe sei die Sprache der alten Zeit; meine kindliche Sage athme den Hauch vom Zweige des Paradieses. |
