Die Karawane/3

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Textdaten
Autor: Wilhelm Hauff
Titel: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
Untertitel: Die Karawane
aus: W. Hauffs Werke, Bd. II, S. 94–95
Herausgeber: Max Mendheim
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Entstehungsdatum: 1825
Erscheinungsdatum: 1891–1909
Verlag: Bibliographisches Institut
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Erscheinungsort: Leipzig und Wien
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[94] Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hindernis fürder gegangen, und als man im Lagerplatz sich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem jüngsten der Kaufleute, also zu sprechen:

„Ihr seid zwar der jüngste von uns, doch seid Ihr immer fröhlich und wißt für uns gewiß irgend einen guten Schwank. [95] Tischet ihn auf, daß er uns erquicke nach der Hitze des Tages.“ – „Wohl möchte ich euch etwas erzählen“, antwortete Muley, „das euch Spaß machen könnte; doch der Jugend ziemt Bescheidenheit in allen Dingen; darum müssen meine älteren Reisegefährten den Vorrang haben. Zaleukos ist immer so ernst und verschlossen; sollte er uns nicht erzählen, was sein Leben so ernst machte? Vielleicht, daß wir seinen Kummer, wenn er solchen hat, lindern können! denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch anderes Glaubens ist.“

Der Aufgerufene war ein griechischer Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gleich ein Ungläubiger (nicht Muselmann) war, so liebten ihn doch seine Reisegefährten; denn er hatte ihnen durch sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige seiner Gefährten vermuteten, daß vielleicht dieser Verlust ihn so ernst stimme.

Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: „Ich bin sehr geehrt durch euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigstens keinen, von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen könnet. Doch weil Muley mir meinen Ernst vorzuwerfen scheint, so will ich euch einiges erzählen, was mich rechtfertigen soll, wenn ich ernster bin als andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, sondern ich habe sie in den schrecklichsten Tagen meines Lebens eingebüßt. Ob ich die Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ernster, als es meine Lage mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr vernommen habt die Geschichte von der abgehauenen Hand.“

Die Geschichte von dem Gespensterschiff Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 von Wilhelm Hauff
Die Karawane (Fortsetzung)
Die Geschichte von der abgehauenen Hand
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