Die Natur (Zerstreute Blätter)
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Die Natur.
Hast du, hast du nicht gesehn,
Wie sich alles drängt zum Leben?
Was nicht Baum kann werden,
Wird doch Blatt;
5
Was nicht Frucht kann werden,
Wird doch Keim.
Hast du, hast du nicht gesehn,
Wie von Leben alles voll ist?
Schon im Blatt, des Baumes
10
Hoher Bau;
Schon im Keim, der Früchte
Volle Kraft.
Reiche Fülle der Natur,
Labyrinth zum neuen Leben,
15
Kürzend tausend Wege
Tausendfach,
Ueberall belebend,
Allbelebt.
Lebend Weben der Natur,
20
Ewger Frühling ewger Keime,
Wenn sie mir verwelken,
Sterben sie?
Kann ein Leben sterben,
Das da lebt?
25
Nein ihr blühet wo ihr seyd,
Hingelangt auf kurzem Wege,
Säuglinge der Mutter,
Zartes Heer.
Ihre liebsten Kinder
30
Ruft sie früh.
Selig, selig, wo ihr seyd,
In des Ewgen Paradiese.
Hier am Lebensbaume,
Blüthen nur;
35
Dort am Lebensbaume,
Früchte schon.
Großer Abgrund der Natur!
Und der Tod ist Weg zum Leben.
Dieser Staub wird Pflanze
40
Nur durch Tod;
Jenes Kind wird Engel
Nur durch Tod.
Selig, selig, der ich bin
In der Welt voll Leben Gottes.
45
Meine Adern wallen
Seinen Strom;
Meine Seele denket
Gottes Licht.
Hoher Abgrund der Natur,
50
Worinn Alles sich belebet!
Alle Kräfte, Gottes
Feuerstral,
Alle Seelen, Gottes
Lebenslicht.
|