Die Sagen vom mythischen Virgil
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Die Sagen vom mythischen Virgil.
Von F. W. Val. Schmidt.
Daß dies keine willkürliche Annahme ist, sondern begründet wird durch die Geschichte der Volkssagen, mögen einige Zeugnisse beweisen. Gervasius Tilburiensis, welcher 1211 seine Otia Imperialia für Kaiser Otto 4 schrieb, hatte sich längere Zeit in Unteritalien aufgehalten, und berichtet treuherzig was er aus dem Munde der Italiäner über die Wunderwerke des Virgil gehört hatte. S. Leibnitii Scriptores Rerum Brunsvicensium. Hanoverae 1707 T. 1. p. 963 und folg. p. 1001. Mehrere dieser Stellen sind neuerdings abgedruckt in v. Dobeneks, des deutschen Mittelalters Volksglauben I, 188 und folg. (Berlin 1815), und sollen hier nicht wiederholt werden. Diese Wunderwerke sind andre, in Neapel und der dortigen Gegend hervorgebracht, als die von Rom [134] in den 7 weisen Meistern erzählten.[1] Allein eben dies beweist die Allgemeinheit der Sage. [138] Noch zwei von Dobenek nicht angeführte Stellen aus Gervasius fügen wir hinzu. Er erzählt (S. 964), „im Jahr wo Akon belagert wurde (1191), habe in Salene ein alter Frennd ihn besucht. Beide begeben sich nach Nola, wo Gervasius damals auf Befehl König Wilhelms von Sicilien sich aufhielt; von dort nach Neapel, um ein Schiff zur Ueberfahrt nach Sicilien zu suchen. In kurzer Zeit erreichen sie, was sie wünschen. Da fragt sie der Erzdechant Pinatelli, zu welchem Thor von Neapel sie eingegangen wären. Sie nennen es. Er fragt weiter, ob rechts oder links. Sie sagen rechts, da ein Esel die näher liegende linke Seite eingenommen hätte. Da spricht der Erzdechant: „damit Ihr erfahret, wie viel wunderbares Virgil in dieser Stadt verfertigt hat, so wollen wir dorthin gehen, und ich will euch zeigen, welche Denkwürdigkeit Virgil über der Erde zurückgelassen hat[2]“. Das Thor hat zwei Eingänge; über der rechten Seite finden sie einen Kopf aus parischem Marmor mit heiterer und lächelnder Miene. Ueber der linken, einen Kopf aus demselben Marmor, zürnend und betrübt. Wer nun rechts eingeht in die Stadt, dem gelingt alles, wer links eingeht, dem mißlingt alles; nur muß dies von ungefähr geschehn, und nicht ans Absicht, welche hervorgeht aus der Kenntniß dieses Wunders. Denn dann hilft es nichs. Die zweite Stelle ist S. 1001. Zur Zeit des Königs Roger von Sicilien kam ein englischer Magister zu diesem König, und bat ihn um eine Gnade. Roger bewilligt sie. Jener bittet um das, was bei den Menschen gering geschätzt wird, um die Gebeine des Virgil. Er erhält einen Freibrief des Königs, sie zu nehmen, wo er sie finde, geht nach Neapel, und niemand weiß dort, wo sie sind. Der Magister geht in eine bergichte Gegend, und läßt in einem Berge nachgraben, der oben keine Spalte als Spur einer Oeffnung hat. Nach langer Mühe findet man tief unten die Gebeine; am Kopfende liegt ein Buch, worin die Ars notoria aufgezeichnet steht. Schnell verbreitet sich die Nachricht, und das Volk rottet sich zusammen, um die Wegschaffung der Gebeine zu hindern, da es durch dieselben Neapels Glück und Erhaltung gesichert glaubt. Die irdischen Reste des Virgil wurden also in das Kastell am Meer in Sicherheit gebracht, wo man sie durch eiserne Gitter sehen konnte. Der Magister bekam nur das gefundne Zauberbuch, und, fügt Gervasius hinzu, wir haben einige Aufzüge aus diesem Buch selbst gesehn, und haben durch die Erfahrung das darin enthaltene durchaus bestätigt gefunden. Aus derselben Zeit sind die Nachrichten des Helinandus (starb 1227), aufgenommen in das Speculum historiale des Vencentius Burgundus, Praesul Bellovacensis Duaci 1624 I. 6. c. 61 p.193): Dieser Virgil soll vieles wunderbar verfertigt haben. In dem Thor von Neapel in Campanien soll eine eherne Fliege gewesen sein, welche alle Fliegen aus der Stadt vertrieb. In derselben Stadt soll er einen Fleischscharren erbaut haben, so, daß daselbst kein Fleisch verfaulte. Auch soll er einen Glockenthurm so errichtet haben, daß der steinerne Thurm sich auf dieselbe Art bewegte, wie die Glocken, wenn sie schlugen. - Aber auch einen Garten hat er [139] so erbaut, sagt man, daß es darin nicht regnete. Ueberdies wird von seinen Bädern allerlei unglaubliches erzählt[3]. [4]Einige glauben auch, er sei der Verfertiger jenes Wunderwerks gewesen, welches die Rettung Roms hieß, und das unter den sieben Wunderwerken der Welt für das erste gehalten wird. Dort waren aber geweihte Bildsäulen aufgestellt, welche Bildsäulen auf der Brust die Namen desjenigen Volkes aufgeschrieben trugen, dessen Abbild sie waren. Und an dem Halse jeder Bildsäule hing eine Klingel. Priester wachten Tag und Nacht bei denselben. Und welches Volk sich zu empören versuchte gegen die Herrschaft der Römer, dessen Bildsäule bewegte sich, und seine Klingel am Halse schellte; ja, wie einige hinzufügen, die Bildsäule selbst streckte alsbald den Zeigefinger aus nach jenem Volk, und nach dem Namen jenes Volks, den sie auf der Brust trug. Diesen aufgeschriebnen Namen brachte der Priester sogleich den vornehmsten, und alsbald ward ein Heer ausgesandt, um dies Volk zu unterwerfen.
[5]„Dieser Virgil, ausgerüstet mit der Naturphilosophie, war auch ein Nigromant, und soll durch diese Kunst wunderbare Dinge verfertigt haben. Denn Alexander Nequam [142] erzählt im Buch von den Naturen der Dinge: da Neapel durch die verderbliche Pest der Blutigel verheert wurde, ist es von ihm durch einen goldnen Blutigel befreit worden, welchen er in einen Brunnen warf. Als derselbe nach Verlauf vieler Jahre bei Reinigung jenes Brunnens herausgezogen wurde, so drang ein unzähliges Heer von Blutigeln in die Gewässer der Stadt, und die Pest konnte nicht eher gestillt werden, als bis jener Blutigel wieder in den Brunnen versenkt worden war. Der genannte Alexander Nequam erzählt auch, daß Virgil seinen Garten mit einer unbeweglichen Luftschicht, welche die Stelle einer Mauer vertrat, gesichert und umzogen hat, und eine Luftbrücke erbaut, durch deren Hülfe er jeden Ort nach dem Gutdünken seines Willens zu besuchen pflegte.“ In den Gesta Romanorum Cap. 57 lautet der Anfang: „Titus regirte in der Stadt Rom. Er machte das Gesetz, daß der Tag seines erstgebornen von allen geheiligt werden sollte, und wer den Geburtstag seines Sohnes durch eine knechtische Arbeit befleckte, der sollte sterben. Nachdem das Gesetz bekannt gemacht war, rief er den Meister Virgilius, und sagte: Bester, ich habe das und das Gesetz gegeben; aber doch können oft im geheim Sünden begangen werden, welche nicht zu meiner Kenntniß gelangen. Wir bitten dich also, daß du vermöge deiner Betriebsamkeit irgend ein Kunststück erfindest, wodurch ich erfahren kann, welche die sind, die gegen das Gesetz verstoßen. Virgil sagte darauf: Herr, dein Wille geschehe. Sogleich ließ Virgil durch magische Kunst eine Bildsäule mitten in der Stadt entstehen. Diese Bildsäule pflegte alle geheimen an jenem Tag begangnen Sünden dem Kaiser zu sagen. U. s. w.“ Nun fängt eine wunderbare Geschichte an vom Schmidt Focus, und seinem Räthsel, welche wir anderswo mittheilen werden. Von Virgil ist nicht weiter die Rede, als in der Nutzanwendung, in welcher unter Titus Gott verstanden wird, unter dem Geburtstag des Sohns, der Sonntag, und unter „Virgil, welcher die Bildsäule gemacht hatte, der heilige Geist, der die Predigt angeordnet hatte zur Verkündigung der Tugenden und Laster, der Strafe und Herlichkeit.“
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Of marbre on a pillar without,That thei be thyrte mile aboute Gemäß der gewöhnlichen Erzählung ist die Darstellung bey Lydgate (Tragedies of Bochas, De Casibus Virorum et Feminarum illustrum b. 9. chap. 1 st. 4, nach Boccaz; doch ist dies ein Zusatz des Lydgate, da sich bei dem Italiäner nichts ähnliches findet.) Er spricht vom Pantheon;
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In bokes olde plainly doth dyscrive. Every ymage had in his hande a bell, Nachdem diese, und wahrscheinlich mehrere andere Sagen, einzeln mitgetheilt waren, entstand wohl erst jenes eigne Buch über den Zauberer Virgil, wovon Görres (nach der holländ. Ausg. von 1552) S. 225 der teutschen Volksbücher spricht, und woraus wir den Tod des Meisters mitgetheilt haben S. 289 der Anmerk. zum Märchensaal Th. 1. Jenes Werk vereinigte die verschiedenen Volkssagen, und that vielleicht auch einiges von andern Zauberern erzähltes hinzu, um so eine ganze Lebensgeschichte durchzuführen. Es giebt davon zwei alt-französische Ausgaben, eine in Onart, die andre in Oktav, beide in Paris gedruckt, ohne Jahreszahl. Danach erschien eine etwas veränderte englische Bearbeitung im Jahr 1510 unter dem Titel: „This boke treateth of the lyfe of Virgilius, and of his deth, and many marvayles, that he did in his lyfetyme by whitchcraft and nigromansy, thorough the help of the devylls of hell.“ [146] Noch ist unter den römischen Zauberwerken des Virgil zu erwähnen „der Mund der Wahrheit“; welche Dichtung mir zuerst bekannt ist aus Ernst und Schimpf (Bl. 35 Frankf. 1563 Fol.), wo gleich der Anfang das nähere berichtet. „Virgilius hatt ein Bild zu Rom gemacht in einem Steyn, da bewert man die, die Eide schwuren. Da must einer dem Bild die Hand in das Maul legen. Wann einer Unrecht geschworen hatte, so biß ihm das Angesicht die Hand ab; hatte er recht geschworen, so geschahe ihm nichts. Also wurden viel überwunden, daß sie meineydig waren.“ Der Fortgang dieser Erzählung stimmt nachher überein mit Straparola Notte 4 Fov. 2 und Celio Malespini Nov. 98. Tharsander (Schauplatz vieler unger. Meynungen 2, 308 und 2, 554) ist über Virgil weniger reich, als man erwarten sollte. Nur eine noch nicht erwähnte Sage müssen wir hier mittheilen: „die Neapolitaner glauben, der Berg Pausilippus sei durch Zauberbeschwörungen des Virgilii durchbrochen worden, obgleich viele Scribenten bezeugen, daß lange vor Virgilii Zeiten ein Weg dadurch gegangen.“ Diese Sage hat einer der besten Vorgänger Shakspeare’s, Christoph Marlow, in seinem in vieler Hinsicht trefflichen Trauerspiel Faust angebracht (Old Play. London 1816. Vol. 1, 42). Es wird die Lustreise des Faust erzählt: Wir sahn des weisen Maro goldnes Grab, Allein nicht bloß in Italien hat unser Virgil seine Kräfte geübt, er ist sogar höchst wunderbarer Weise bis nach Bretagne zu König Artus gekommen, und hat dort ein schelmisches Kunststück zurecht gemacht, welches sehr absticht gegen seine ernsten und nützlichen Arbeiten zu Rom und Neapel. Schon dies muß Verdacht erregen gegen das Alter dieser Sage, und gegen eine Begründung derselben im Volk. Dazu kömmt, daß in den englischen Chroniken des Hall, Holinshed und Galfredus Monumetensis in der Begleitung des Artus Virgil nie vorkömmt. Es wird daher wohl hier eine Verwechselung zwischen Merlin und Virgil von einem eben nicht besorgten Romantiker vorgenommen sein[8]). Es ist hier die Ehbrecher-Brück bei Hans Sachs gemeint, welche Erfindung wohl aus einem französischen Fabliau irgendwie nach Deutschland gekommen ist. Die Erzählnng des Hans Sachs (vom Jahr 1530, Kempten. Ausg. 1, 347) ist übrigens durchaus vortrefflich. Vor Jahren ein mächtig König saß, 5
Einsmals Artus betrübet wardVon Herzen gar unmuthig hart, 10
Der Kunst ein Nicromanticus,Der fragt den König was ihm wär, Artus entdeckt darauf seine Besorgniß um die Treue seiner Frau. Virgil erbaut darauf über die Themse eine prächtige Brücke. Von lauter gehaunen Werkstucken; Mitten darauf steht ein Thurm; darin hängt Virgil ein Glöcklein auf, und als Artus mit der Königin und allem Hofstaat auf der Brücke ist, läßt Virgil das Glöcklein klingen, da stürzen alle in den Fluß rechts und links von der Brücke hinab; nur wer in Gedanken und That treu wäre, hätte ohne Schaden über die Brücke reiten können. Als Artus sich in so großer Gesellschaft sah, erhielt er seine Heiterkeit wieder. Paracelsus, der auch selbst für einen Zauberer gehalten wurde (s. Görres t. Volksb. 221) urtheilt von dieser Geschichte (2, 569 Ausg. Straßburg 1603): „Und ist solches kein Fabelgedicht, sondern ein wahrhaftig Chronikgeschicht. - Denn, kann der sichtbare Mensch einen andern mir dem Getön eines Worts rufen, und ihn damit bezwingen, und ist doch nur ein Wort, so kann dieß noch viel daß der unsichtbare Mensch, der kann beide sampt, den sichtbaren und unsichtbaren nicht allein mit einem Wort, sondern mit dem Gedanken eines Worts bezwingen.“ Noch einige Mal erwähnt Paracelsus den Virgil, u. a. 2, 307 (in der Abhandlung de Imaginibus): „Also secht an Virgil, den Philosophen, wie groß wunderlich Ding hat er durch Bilder ausgericht. Aber seine Kunst ist mehr Nigromatia, dann natürliche Magica gewesen. Denn Virgil und seine Nachfolger haben durch große gewaltige Conjurationen [147] solches zu wege gebracht. Derohalben ist ihnen in den Weg nicht nachzufolgen, sondern ihr Prozeß zu fliehen und zu meiden, als den Teufel selbs.„ Der Tod unsres Schwarzkünstlers ist schon erzählt in den Anmerk. zum Märchensaal 1, 289. Auch dieses Unglück hatte Oktavian (wie in der fünften Novelle der 7 weisen Meister), obgleich wider seinen Willen, veranlaßt. Es war wohl natürlich, daß, da einmal Virgil als Mittelpunkt einer Menge von Sagen fest stand, auch die Personen, welche in geschichtlicher Berührung mit ihm gestanden hatten, mehr oder weniger in jenen mythischen Kreis mit hinein gezogen wurden.
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