Geschichte des Illuminaten-Ordens/Das Ende des Ordens
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[356] — 369 — Das Ende des Ordens. In welcher Weise der Kurfürst immer mehr und mehr um- garnt worden ist, haben die bisher dargestellten Ereignisse er- wiesen, es ist daher nur natürlich, nachdem sogar Todesstrafe als Schreckmittel aufgestellt worden war, dass seine Illuminaten- furcht stets schlimmere und ungerechtere Urteile hervorrufen musste. Der Fall Pechmann leitete demzufolge eine ganze An- zahl von Willkürakten ein, die schliesslich durch ein Inquisi- tionsregiment gekrönt wurden. Joseph Freiherr von Pechmann war der Schwager Weis- haupts, stand jedoch dem Orden gänzlich fern. Der auf seinem Fideicommisgute Brunn sesshafte Baron erfreute sich eines liebens- würdigen Vaters, der dem Sohne das Leben möglichst schwer machte durch Gelderpressungen allerhand Art. Um seinem Sohne eins auszuwischen, denunzierte er ihn als Illuminat. Infolgedessen fand sich eine der beliebten »unversehenen Visi- tationen« unter Aufgebot militärischer Gewalt am 10. Jan. 1788 ein, die denn auch als Resultat eine Abschrift des Briefes von Herzog Ernst an Weishaupt (s. Seite 212) ergab, und eine Dank- sagung für die Überlassung gedruckter Illuminatenschriften. Trotz- dem nun bereits der Commissar Gruber die bei der Visitation bewiesene Bereitwilligkeit des Barons, sein Betragen und seine Geduld rühmend hervorhebt, die unterm 1. Februar tagende Kom- mission feststellte, dass keine Spur daraufführe, der Beschuldigte sei Illuminat gewesen, wurde durch Rescript vom 15. März ein- fach erklärt, »der Denunziat sei nicht ganz rein und unschuldig befunden worden, sondern habe sich straffällig gemacht.« Baron Pechmann erhielt einen scharfen Verweis und musste die Visitationskosten bezahlen. Ganz besonders unangenehm war dem Kurfürsten die Engel, Geschichte des Illuminatenordens. 24 Digitized by VjOOQIC Herzog Ferdinand von Braunschweig war, gewonnen wurden. Sicherlich wird man~vöm~Ständpunkte des Freimaurers solches Vorgehen verurteilen müssen, der Ausbreitung des Illlu- minatenordens war es jedoch förderlich. Der jetzige Illuminaten- orden bringt diesen Angelegenheiten nur historisches Interesse entgegen, da seine Bestrebungen mit der Organisation der Frei- maurer nichts mehr zu tun haben. [357] — 870 — Sympathie des Zweibrückener Hofes für die verfolgten Illu- minaten. Die Anstellung des Grafen Montgelas daselbst erregte den Zorn des Kurfürsten und verursachte vergebliche Versuche, ihn zu verdächtigen. Wiederholt wurde Freiherr von Vieregg nach Zweibrücken beordert, um den Herzog von den Schänd- lichkeiten der Illuminaten zu unterrichten. Das famose Proto- koll über die Aussagen des Baron Mandl wurde durch ihn über- reicht, namentlich deswegen, weil in diesem Montgelas stark verdächtigt wird, jedoch ohne Erfolg, die Stellung des Grafen blieb unerschüttert. Auch der Fürstbischof von Regensburg übersandte seine Verordnungen dem Herzog, erzielte jedoch nur eine recht schale, anscheinend höfliche Antwort, die in Anbe- tracht des Umstandes, dass gerade der Zweibrückener Hof seine Hand schirmend über die Verfolgten hielt, nur als bittere und beissende Ironie heute ausgelegt werden kann. Die kurze Antwort lautet: Wir sind Euer Liebden für die gefällige Mittheilung der durch dero geistlichen Rath am 31ten Mai letzthin getroffenen Verfügung danknehmigst verbunden. Euer Liebden weise Vor- sorge zur Erhaltung und Aufnahme der geistigen Disziplin ge- reicht demselben zum besonderen Ruhm und Vermehrt in Uns die Gesinnungen der Hochachtungsvollen Ergebenheit, womit Wir Carlsberg, d. 25ten Aug. 1787. Die Bemühungen des Kurfürsten, andere regierende Fürsten in seine Fussstapfen treten zu lassen und gleiche Verfolgungen der Illuminaten in ihren Ländern zu veranlassen, scheiterte an dem gesunden Sinne der Souveräne. Vergeblich versandte er an alle Höfe Exemplare der auf seinen Befehl gedruckten Ori- ginalschriften, vergeblich wurden Verdächtigungen und War- nungen ausgestreut. Die Gesandten aller Höfe registrierten wohl in ihren Berichten, die sich in jedem Staatsarchiv vor- finden, die Verfolgungssucht des Kurfürsten, jedoch gelang es nicht nur einen Weltfürsten zu veranlassen, gleiche Massregeln zu ergreifen. Die Verfolgung blieb auf Bayern lokalisiert, nahm jedoch einen immer gehässigeren Charakter an, namentlich seit- dem ein geheimes Inquisitions-Kabinett, bestehend aus Pater Frank, den Räten Lippert und Schneider, nunmehr ernannt wurde und ihre unheimliche Tätigkeit entfaltete. Vor allen Dingen galt es ausfindig zu machen, wer etwa noch als Illuminat verdächtig sei. Der Spionage und Angeberei [358] - 371 — war durch die verschiedenen Dekrete jeder Vorschub geleistet worden und ihre Leistungen finden wir denn auch in einer Liste aus dem Jahre 1791, die die Namen der noch verdächtigen Münchener Einwohner enthält. Benannt ist dieselbe wie folgt: »Katalog der in München wirklich noch arbeitenden Illu- minaten ihrer Protectoren und auch derjenigen, welche des Illu- minatismus höchst verdächtig sind. Justificiret nach dem letzten gnädigsten Edickte von ihren eigenen »Mitgliedern wie sie es vor Gott und ihrem Regenten verantworten können.« Das Edikt, worauf hier verwiesen ist, lautet vom 15. Nov. V790. Dasselbe beruft sich auf die früheren VerordnungelTr~auch auf die Todesstrafe und beklagt vor allen Dingen das Fortbestehen der Zusammenkünfte. Es wird mit schwerster Strafe wieder gedroht, wiederum zu Anzeigen aufgefordert, selbst wenn er Mitschuldiger sein sollte und versichert, dass solche Treue und Gehorsam mit einer angemessenen Geldportion oder aber nach Beschaffenheit der Umstände mit einer anständigen Versorgung mildest belohnt wird, der Mitschuldige folglich mit gar keiner Strafe belegt, sein Name auf Verlangen geheim gelassen wird. Zur amtlichen Verpflichtung oder Pflichtserinnerung soll niemand mehr zugelassen werden, wenn er nicht zuvor eidlich beteuert, dass er weder jemals ein Mitglied der Illuminaten oder einer andern dergleichen, wie immer genannten Sekt gewesen, noch zur Zeit sei, auch in Zukunft zu keiner treten werde. Dieser Amtseid wurde auf alle Ämter übertragen und von allen Be- amten gefordert. — Die Liste enthält nun 91 Namen der hervorragendsten Männer iii München. Jedem Namen ist eine erklärende Notiz beigefügt. Einige der Namen wollen wir hier anführen nebst den beigefügten Notizen. Baader, Professor und Leib-Medicus der Durchlaucht, Chur- fürstin Wittwe, Illuminat, ein unkluger, rauher, stolzer Mann, welcher besonders, wenn er betrunken ist, das nicht selten vorkommt, in den Schenken öffentlich den Materialismus predigt. Berger, Revisionsrath, Illuminat, einer der thätigsten Glieder. Beermiller, ehemaliger Pfarrer, Illuminat. Verlor wegen schlechter Aufführung die Pfarrey, dann Schulinspect. zu Amberg, verführte die Jugend und wurde kassirt, jetzt [359] beständig in München, seines Ordens Hauptmann und Espion. Bettenkofer, Hof und geistlicher Rath, Illuminat, schwacher Kopf, aber getreu seinem Orden. Duschel, ehemaliger Repetitor in Ingolstadt, jetzt beständig hier. Illuminat, hält sich ziemlich ruhig. Dufresne, von, Abbee, Illuminat. Dürrheim, Graf von, Oberforstmeister, Illuminat. Eckartshausen, Hofrath und Archivnrius, einer der thätigsten Arbeiter, Illuminat.*) Frauenberg, Baron von, Hofrnth, Illuminat. Frohnhofer, ehemaliger Schulrath dann nach Burghausen wegen dem Illuminatismus als Secretair bestimmt, ging nicht hinunter, weil er dem Orden hier wichtigere Dinste zu leisten hatte. Lebt jetzt in München sehr glaublich von seinen Ordensbrüdern unterhalten. Besonders thätig und Enthusiast für den Orden. H;dm, ein angeblicher Kunsthändler in München. Einer der bedenklichsten Illuminaten, der in ürdensgeschöflen immer hin und herreist. Hart, Priester, in der churfürstl. Bibliothek. Illuminat. Einer der wichtigsten Männer des Ordens. Härtl, Kanonikus bei U. I. Frau. Illuminat. In beständiger Arbeit für den Orden. Härlin, Bischof. Haupt Protector laut Briefes von Priester Beer- miller und andern sichern Anzeichen. Hepp, Hauptmann bei Prinz Max. Heppenstein, Hofrath, Illuminat. Käser, Legutionssekretär in Regensburg, meistens hier in Ordens- geschäften. Kreitmayer, Baron von, ehemaliger Hofrath, jetzt Revisionsrath, glaublich Illuminat. Krenner, Hofkammerfiscalats Rath, jetzt Eisenreich in Land- schaftsgeschäften beygeordnet. Einer der thätigsten Glieder. Illuminat. Lerchenfeld, Graf von, Illuminat. Lerchenfeld, Graf von, junior. Leyden, Baron von, Illuminat. •) Vergleiche später den Bericht Monlezans. [360] — 373 — Lipowsky, geistlicher Raths Kanzelist, Illuminat, ein liederlicher Mensch. Lodron, Graf von, Revisionsrath, Illuminat. Mayerhofen, Hof- und geistlicher Rath, Illuminat. Nagorola, Graf von, Oberst, Illuminat. Odermath, ehemaliger Jesuitenbruder, Bibliothekdiener und nun der Hauptmann für den Orden. Illuminat. Oepfner, ehemaliger Hof und geistl. Rath, dann Stadtoberrichter. Illuminat. Preising, Max, Graf von, Hofraths Vicepräsident, wenigstens ein Hauptprotector des Ordens. I Schiesel, Hofpfistermeister zu München, bei welchem noch be- j ständige Zusammenkünfte gehalten werden, da sind die \ Hauptzusammenkünfte des Ordens. Schweiger, Laterneninspector und Hofkammerrath, Haupt- illuminat. Seeau, Graf von, Illuminat. Seefeld, Graf von, der Ältere, Churfürstl. Geheimer Rath, ehe- mals Kammerpräsident. Spaner, Graf von, Trabanten Hauptmann, Illuminat. Stubenrauch, Vicedirector bey der Hofkammer. Man behauptet er sey Illuminat. Suther, Stadtrath in München. Illuminat. Thompson, General, Freymaurer mit dem schottischen Grade, glaublich Illuminat. Vachiery, Hofrathskanzler und Schulkurator. Illuminat. Werner, Revisionsrath, Illuminat, einer der thätigsten Glieder. Werz, Apotheker in der Rosengasse. Wodizka, Hofmusikus, Illuminat. Zetwitz, Stadtcommandant, ehemals Illuminat und noch höchst verdächtig. Wie weit diese Liste nun Glaubwürdigkeit beanspruchen kann, ist heute nicht mehr festzustellen: es steigen beim Lesen der Notizen und beim Vergleichen der Stände und Berufsarten denn doch recht viele Bedenken auf, bezüglich der Richtigkeit dieser Angaben. Diese Bedenken werden vermehrt, wenn man die nach Paris gewanderten Berichte des französischen Ge- sandten studiert, der namentlich den Pater Frank für die Ver- folgungen verantwortlich macht. Er schreibt z. B. in einem [361] — 374 — Bericht vom 27. April 1789 unter anderem folgendes, das in der Übersetzung wiedergegeben lautet: Er fasste seinen Herrn, welchen er von seiner schwachen Seite kannte, bei seiner Vorliebe für kleinliche Hachen an. Die Illuminaten sind dem Fürsten verabscheuungswert, weil man ihn überredet hat, dass sie sich über ihn lustig machten, weiter- hin, weil er sie verfolgt hat. Der Exjesuit hat sie auf die Szene zurückgeführt und hat kalkuliert, dass, indem er sich des Widerwillens des Souveräns bedient, er seinen schwachen Kredit wieder erhält; sein Plan ist sehr einfach gewesen. Weiterhin schreibt Monteznn ironisch: München, 12. Jan. 1791. Es ist recht nutzbringend für Frömmigkeitsaugenblicke, dass der Pater Frank sich als Chef einer geheimen Kommission festgesetzt hat, deren andere zwei Mitglieder die Räte Lippert und Schneider sind. Diese Kommission hat den ? (penitre) Goetz (Sachse) ausgewiesen, welcher schon abgereist ist und welcher, sagt man, Alchimist und Martinist war. Pater Ber- müller, Kaplan des Palais Max, hat die selbe mündliche Order erhalten, aber er hat sich geweigert zu gehorchen wenigstens will er geschriebene Order haben. Der Baron v. Oberndorf und der Kanzler, welche nicht befragt worden waren, machen Miene ihn zu unterstützen. Eine Mdme Asrenner (?) Frau eines Pro- fessors der Rechte in Ingolstadt hat Order erhalten auch München zu verlassen, aber sie sucht Zeit zu gewinnen. Die Illuminaten sind die Ursache und der Vorwand dieser Massnahmen. Montezan. Durch nachfolgende Mitteilung nach Paris wird die er- wähnte Liste ebenfalls beleuchtet. Pater Bermüller hat Befehl erhalten definitiv München zu verlassen, es ist der Kanzler selbst, welcher es ihm angezeigt hat. Herr v. Eckartshausen, Archivar, ist durch dieselbe Ausweisung überrascht worden; er hat sich gerechtfertigt und er bleibt. Eckartshausen war schon lange nicht mehr Ordens- angehöriger, man hatte ihn still gehen lassen als zu furchtsam. München, 19. Jan. 1791. Montezan. [362] - 875 — wenn er trotzdem noch nach Jahren als Illuminat bezeichnet wurde, so gibt das eben Anhalt für die nicht volle Zuverlässig- keit der Liste. — Dem Kurfürsten war es jedoch genügend, wenn nur eine Bezichtigung, dem Orden anzugehören, vorlag. In dem Fall Eckartshausen schützten diesen vielleicht die Gründe der pikanten Enthüllungen Chalgrins. In einem andern Falle, dem des Grafen Pappenheim, zeigt sich das unbegrenzte Miss- trauen des Kurfürsten. Graf Pappenheim, Statthalter zu Ingolstadt, gehörte dem | Orden an, leugnete jedoch später seine Zugehörigkeit ab. — j Wie nun sich so vieles auf Erden rächt, traf ihn auch für diese Verleugnung die Vergeltung. Chalgrin teilt unter dem dem 24. April 1792 nach Paris mit, dass Graf Pappenheim gegen den Kriegsminister Belderbusch intrigierte, um sein Amt zu erhalten. »Letzterer vereinigte sich mit Pater Frank und Pappen- heim wurde Sr. Hoheit als Mitglied und selbst als Protector der Illuminatensecte denunziert. Diese Denunziation hatte volle Wirkung, v. Pappenheim wurde verbannt und alle Anstreng- ungen, ich würde selbst sagen Niedrigkeiten (Cassesses), welche er machte, um sich wieder in das Vertrauen des Kurfürsten zu setzen, waren verlorene für ihn, blieben ohne Erfolg.« — Eine ganze Reihe von Denunziationen erfolgte in jener Zeit. Niemand war sicher, von irgend einem Feind als Illuminat be- ziehtet zu werden und war er dem Inquisitor-Trifolium nicht genehm, so wurde ihm sicher der Prozess gemacht. Was nun über das Treiben desselben bekannt geworden ist, klingt so un- glaublich und schlägt dem heutigen Gerechtigkeitsgefühl derartig ins Gesicht, dass wir vorziehen, diese Dinge auszugsweise der Arbeit Professor Kluckhohns zu entnehmen, um nicht etwa dem Verdachte ausgesetzt zu sein, dass diese hier interessiert ein- seitig und allzu schwarz geschildert werden. Der schon anfangs dieses Werkes genannte und zitierte Professor Kluckhohn schreibt in seinem Artikel »Die Illuminaten und die Aufklärung in Bayern« nachstehendes: Am übelsten erging es denen, welche infolge freimütiger, wenn auch unschuldiger Reden, zu Gottesspöttern oder gar Gotteslästerern gestempelt werden konnten, sowie namentlich seit Ausbruch der französischen Revolution, für die man ja auch, die Illuminaten hat verantwortlich machen wollen, allen jenen, welche sich verbotener Freiheitsäusserungen schuldig • [363] — 376 — machten. Um als Religionsspötter qualifiziert und bestraft zu werden, genügte es, an einem Fasttage Fleisch zu essen, und über Wallfahrten oder ähnliche Dinge unvorsichtig sich zu . äussern. Politisch verdächtig aber war schon jeder, welcher von \ der französischen Revolution ohne Wegwerfung sprach. Neben I jahrelanger Gefangenschaft oder Landesverweisung konnten Männer niederen Standes — denn in allen Kreisen suchte und fand die Inquisition ihre Opfer — auch zu Peitschenhieben ver- urteilt werden. So widerfuhr es einem Bauern aus der Um- gegend von Dachau, welcher von dem Pfarrer gotteslästerlicher Reden angeklagt und ausserdem beschuldigt wurde, den Land- richter, freilich ein Verwandter Lipperts, beleidigt zu haben. Wegen des letzteren Vergehens ward er zu kniefälliger Abbitte und wegen des Hauptverbrechens zu 25 leibesconstitutions- mässigen Karbatschstreichen, andern zum warnenden Beispiel, verurteilt, worauf er noch auf eigene Kosten ein Jahr ins Arbeits- haus gesteckt wurde. Als die Gattin wiederholt um Erlassung der Gefängnisstrafe bat, ward ihr unter anderm erwidert: Da der Verurteilte sein eigenes Hauswesen wegen öfterer Abwesen- heit doch ganz vernachlässigt habe, sei seine Gegenwart wohl entbehrlich. Es war derselbe Gerechtigkeitssinn, welcher Jüng- linge, die es mit dem Pfarrer oder auch nur mit dem Messner verdorben hatten und einem so würdigen Gehülfen Lipperts, wie z. B. den in der Nähe von Oetting und Borghausen tätigen Spezialkommissär von Mussinau war, in die Hände fielen, zur Busse und Besserung für 6 Jahre zum Soldatendienst verurteilte. Noch ärgeres mag geschehen sein. So behauptet Zschokke, der über Karl Theodors Regierung aus mündlichen und schrift- lichen Berichten von Zeitgenossen gut*) unterrichtet war: dass ein am Hofe zur Verfolgung geistlicher und bürgerlicher Frei- geisterei bestehender Ausschuss auch Todesurteile gefällt und ohne Geräusch vollzogen habe.**) Da es jedoch hier an aktenmässigen Beweisen fehlt, so wage ich die Behauptung mir nicht anzueignen. Freilich be- drohte eine kurfürstliche Verordnung jeden, der einen andern für den verpönten Illuminatenorden anwarb, mit dem Tode
genommen werden kann, er mag auch hierin übertrieben haben.
in Tätigkeit gekommen sei. [364] — 377 — und die Strafe des Todes traf nach Kreitmayers Kriminalkodex auch den Gotteslästerer. Aber in den mir bekannten Fällen, wo auf Grund einer, wenn auch noch so parteiischen Unter- suchung davon allenfalls hätte Gebrauch gemacht werden können, wurde auf eine geringere Strafe erkannt. Gleich den heimlichen Illuminaten- und Freimaurer-Ver- sammlungen waren Lesevereine, Freundschaftskränzchen, enge geschlossene Kaffee- und Bier-Gesellschaften der Gegenstand der Spionage und Verfolgung. Als ein niederbayrischer Lese- verein, dem nichts übles vorzuwerfen war, geschlossen wurde, verwies man die geistlichen Mitglieder auf das Brevier und die Seelsorge, die weltlichen Beamten aber auf das Studium der Akten, woran sie sich genügen lassen möchten. — Lief nun eine Denunziation im fürstlichen Kabinett ein — und wie hätte es, da man die Niederträchtigkeit belohnte, an Denunzianten fehlen können — so ward ein taugliches Werk- zeug als Spezialkommissär an Ort und Stelle gesandt, der Be- schuldigte in der Regel nächtlicherweile gefänglich eingezogen, wurden Briefe und Bücher konfisziert, taugliche Zeugen aufge- trieben und dann die Akten nebst Vorschlag einer geeigneten Strafe ad intimum eingesandt, worauf im Namen Serenissimi das Urteil gefällt wurde. In den selteneren Fällen wurde die Untersuchung den ordentlichen Gerichten überlassen, und es ist auch geschehen, dass ein von dem Militärgericht gefällter Spruch von dem Kurfürsten d. h. von seinem Kabinett, noch ver- schärft wurde. Der geheime Rat Lippert führte regelmässig die Korrespon- denz mit den von ihm instruierten Spezialkommissären. — In einzelnen Fällen traten mündliche Befehle an Stelle der schrift- lichen. Ja es konnte geschehen, dass Lippert, wenn es einen guten Fang galt, sich selbst eine Vollmacht ausstellte, um den Verdächtigen desto sicherer zu erwischen. So geschah es in einem Fall, wo es sich um einen jungen Geistlichen in der Nähe Münchens handelte, welcher nicht allein durch freimütige Äusse- rungen über kirchliches Unwesen, sondern mehr noch durch den Eifer sich verdächtig gemacht hatte, den er als Lokalschul- inspektor für die Volksschule an den Tag legte. Der Fall, dass lebhaft betätigtes Interesse für die Schule als ein Anzeichen verdächtiger Gesinnung galt, steht nicht ver- einzelt da. [365] — 378 — uch der Kanzler der Landshuter Regierung, Pössl, ein mustergültiger Vertreter des jesuistischen Beamtentums, machte einmal die Teilnahme, welche eines der Opfer seines Hasses für den Volksunterricht an den Tag legte, als einen Beweis für dessen Freimaurer- und Illuminaten-Gesinnung geltend, wie denn auch eine Reihe der besten Manner nach Ausbruch der Ver- folgung des Ordens von der Schulaufsicht entfernt wurde. Wenn solche Gesinnungen an entscheidender Stelle herrsch- ten, was liess sich da von Pfarrern, Mönchen und mönchisch gesinnten Beamten auf dem Land und in kleinen Städten er- warten? Endlose Anfeindungen und Verfolgungen waren das Los derer, die noch den Mut und die Aufopferung besassen. für eine verlorene Sache zu kämpfen.-- Kluckhohn hat Berichte von Schulinspektoren jener Zeit aufgefunden, aus denen hervorgeht, dass die Pfarrer jener Zeit vielfach über Verfall der Religion schrieen, über Freigeisterei und Illuminatismus, und die Schulen für diese Dinge verant- wortlich machten. Religion hiess jedoch bei diesen Leuten, wie in einem solchen Berichte steht, Bruderschaften, Ablässe, Kreuzgänge, Wetterläuten, die als entbehrlich abgeschafft oder modifiziert wurden. Die Schulinspektoren wurden unglaublich be- schimpft, sogar tätlich angegriffen und keiner hatte mehr Neigung zu diesem Amte. — Soweit war das Pfaffenregiment gediehen unter der Regierung eines Fürsten, der allen Intriguen det Obskurantismus geneigtest sein Ohr und seine Macht lieh. Am 16. Februar 1799 starb der Kurfürst Karl Theodor an einem Schlagfluss, der ihn beim Schachspiel traf. Die Regierung ging auf die von ihm so missliebig angesehene Zweibrückener Linie über und am 20. Februar 1799 traf der neue Herrscher Kurfürst Maximilian Joseph in der Hauptstadt ein. Eine neue Zeit sollte nun erblühen. Graf Montgelas, der frühere Illuminat, wurde am 21. Februar zum Leiter der auswärtigen Angelegenheiten des pfalzbayerischen Kurfürstentums ernannt. Lippert wurde sofort aller Stellen ent- hoben, das Obskurantentum erzitterte, es sah das Ende seiner Macht herangekommen und fürchtete von dem jetzt so mächtigen Illuminaten Montgelas alles. — Ihm zur Seite stand der viel- geschmähte und verleumdete v. Zwackh, der bereits in zwei- brückischen Diensten stand und 1795 am 11. April, beim Regie- rungsantritt Maximilian Josephs als Herzog, von letzterem als Digitized by UOOQlC [366] — 379 — Herzogl. Bevollmächtigter am Kaiserl. und Reichs-Kammer- gericht bestätigt worden war. Der neue Kurfürst betraute auch t Zwackh mit •Ämtern im bayrischen Staatsdienst, sodass er [ schliesslich bis zum Regierungspräsidenten der Pfalz emporstieg. 1 Montgelas sowohl als Zwackh waren jedoch keineswegs Fürsprecher für den Bestand des Ordens, sie hatten die be- gangenen Fehler recht wohl erkannt und sahen sich imstande, auch ohne die Ordensorganisation die erstrebten Ziele zu er- reichen. Sie wussten auch, dass in der geheimen Gesellschaft (im Gegensatz zu der geschlossenen von heute) stets Gefahren schlummern können und infolgedessen wurde am 4. Nov. 1799 eine Verordnung erlassen, in der jede geheime Gesellschaft, die sich zu irgend einem politischen, religiösen oder angeblich wissenschaftlichen Zweck verbindet und solchen Zweck dem Staate verhehlt oder einen andern angibt, als sie wirklich be- i zielt, ihre Mitglieder mögen sich versammeln oder nur durch geheime Korrespondenz oder Zeichen zusammenhängen, ver- boten wurde. Diese Verordnung wurde durch spätere Verordnung vom 5. März 1804 erneuert und nochmals eingeschärft, wir werden * in einem späteren Kapitel den Grund erkennen. Das Verdienst, welches Montgelas sich um Bayern erworben, ist bekannt, er ist der Gründer des neuen Bayern, er errang dem Kurfürsten die Königskrone. Unter seinem Ministerium EonnTe~er viele brauchbare Männer, die s. Zt. dem Orden an- gehörten, zu fruchtbarer Arbeit heranziehen, eine Tatsache, die noch heute von gewisser Seite ihm zum schweren Vorwurf ge- macht wird, während von anderer aufgeklärterer Seite nach- gewiesen ist, dass er keineswegs wahllos die Illuminaten heran- i zog, sondern nur aus der Reihe früherer Illuminaten, die ihm ( ja alle bekannt waren, die fähigsten und brauchbarsten Köpfe. — Wir schliessen dieses Kapitel mit den Worten Kluckhohns, der die neu anbrechende Zeit unter Kurfürst Maximilian Joseph mit nachstehenden Worten einleitet: Jetzt wer es vor allem Montgelas, dem eigentlichen Schöpfer des modernen Bayerns, vergönnt, die Ideen der Aufklärung, womit er einst als Jünger des Geheimbundes sich genährt, ge- reiften Geistes, an der Spitze des Staates, getragen von dem Vertrauen seines Fürsten, nicht auf Schleichwegen, sondern im |