Das Stuttgarter Hutzelmännlein
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Das Stuttgarter Hutzelmännlein.
Märchen.
Wohl vor fünfhundert und mehr Jahren, zu denen Zeiten, als Graf Eberhard von Wirtemberg, ein tapferer Kriegsheld und ruhmvoller Herr, nach langen, schrecklichen Fehden mit des deutschen Reichs Häuptern, mit dem Habsburger Rudolph und dessen Nachfolgern, zumal auch mit den Städten, das Schwabenland nun wieder zu Ruh’ und Frieden kommen ließ, befand sich in Stuttgart ein Schustergesell, Namens Seppe, bei einem Meister, der ihm nicht gefiel, deshalb er ihm aufsagte; und weil er nie gar weit vor seine Vaterstadt hinaus gekommen, [113] nicht Eltern, noch Geschwister mehr hatte, so war er jetzt Willens zu wandern. Die letzte Nacht, bevor er reis’te, saß er allein in der Gesellenkammer auf (die Andern waren noch beim Wein oder sonst zu Besuch), sein Ranzen lag geschnürt vor ihm, sein Wanderstab daneben, der hübsche Bursche aber hing den Kopf, er wußte nicht so recht warum, und auf dem Tisch die Ampel brannte einen großen großen Butzen. Indem er jetzt aufschaute und nach dem Klämmchen griff, dem Zochen1 zu helfen, sah er auf seiner leeren Truche ein fremdes Männlein sitzen, kurz und stumpig, es hätte ihm nicht bis zum Gürtel gereicht. Es hatte ein schmutziges Schurzfell um, Pantoffeln an den Füßen, pechschwarze Haare, dazu aber hellblaue, freundliche Augen. Gott grüß’ dich, Seppe! Kennst mich nit? Ich bin der Pechschwitzer, das Hutzelmännlein, der Tröster. Ich weiß, du bist ein braves Burgerskind, sorgst immerdar für anderer Leute Fußwerk und gehst doch selbst nicht auf dem besten Zeug. Da du nun morgen reisen willt, so hab’ ich dir statt einem Wanderpfennig Etwas mitgebracht von meiner eignen Arbeit: sind Glücksschuh’, zwei Paar, schau’ her. Die Einen legst du an, gleich morgen; sie ziehen sich nach dem Fuß und reißen nicht dein Lebenlang; die andern aber nimm und stell’ sie unterwegs an eine Straße, versteh’ [114] mich, unbeschrien2, wo Niemand zusieht. Vielleicht daß dir dein Glück nach Jahr und Tag einmal auf Füßen begegnet. Auch hast du hier noch obendrein etwas zum Naschen, ein Laiblein Hutzelbrod3. So viel du davon schneid’st, so viel wachst immer wieder nach im Ranzen oder Kasten, wenn du auch nur ein Ränftlein fingersbreit übrig behältst. Ganz sollt du’s nie aufzehren, sonst ist es gar. Behüt’ dich Gott, und thu’ in Allem wie ich sagte. Noch eins: kommst du etwa in’s Oberland, Ulm zu und gen Blaubeuren, und find’st von ungefähr ein Klötzlein Blei, nimm es zu Handen und bring’s mir. – Der Seppe versprach’s und dankte geziemend für Alles; das Männlein aber war in einem Hui verschwunden. Nun jauchzte der Geselle überlaut, beschmeckte bald das Brod, beschaute bald die zwei Paar Schuhe. Sie sahen ziemlich aus wie er sie selber machte, nur daß sie feine wunderliche Stiche hatten und hübsch mit einem zarten, rothen Leder ausgefüttert waren. Er zog sie an, spazierte so ein Dutzendmal die Kammer auf und ab, da ihm denn in der Kürze freilich nichts Besonderes von Glück passiren wollte. Darnach ging er zu Bett und schlief bis der Morgen roth wurde. Da däucht’ es ihn, als wenn ihm Jemand klopfte, zwei, dreimal, recht vernehmlich, daß er jählings erwachte. Die Andern hörten’s auch, [115] doch schliefen sie gleich wieder ein. Das haben meine vier Rappen gethan! dachte er und horchte hin, allein es rührte und regte sich nichts mehr. Als er nun fix und fertig angezogen stand und gar vergnügt auf seine Füße niedersah, sprach er: jetzt laufen wir dem Teufel ein Bein weg! jetzt tausche ich mit keinem Grafen! – Wohl und gut; nur eine Kleinigkeit hat er versehen: er hat den einen Schuh von seinem Paar mit dem einen vom andern verwechselt. Ach wer ihm das gesagt hätte! So schlich er denn leis die Stiege hinunter, die Meistersleute nicht zu wecken; denn Abschied hatte er gestern genommen, und statt der Suppe aß er gleich ein tüchtiges Stück Schnitzbrod in währendem Gehen. So etwas hatte er noch niemals über seinen Mund gebracht, wohl aber oft von seiner Großmutter gehört, daß sie einmal in ihrer Jugend bei einer Nachbarsfrau ein Stücklein vom ächten bekommen, und daß es eine Ungüte4 von Brod drum sei. Wie er jetzt vor dem oberen Thor draußen war, zween Bogenschüsse oder drei, kam er an eine Brücke: da mußte er ein wenig niedersitzen, die Thürme seiner Vaterstadt, das Grafenschloß, die Häuser und Mauern noch einmal in der Morgensonne besehen; dann, eh’ er weiter ging, fiel ihm noch ein: hier könnt’ ich das Paar Schuh auf den Brückenrand stellen. Er that’s [116] und zog fürbaß. – Eine Stunde über die Weinsteig hinaus kommt er in einen grünen Wald. Von ungefähr hört er auf einer Eiche den blauen Montag schreien, welches ein kurzweiliger Vogel ist, der seinen Namen davon hat, daß er immer einen Tag in der Woche mit der Arbeit aussetzt; da singt er nichts als Schelmenlieder und schaut gemächlich zu, wie andere Vögel ihre Nester richten, brüten und ihre Jungen ätzen; die seinigen krepiren ihm auch ordinär, deßwegen er ein Raritätsvogel ist. So einen muß ich haben! denkt der Seppe: ich biet’ ihn einem großen Herrn an unterwegs. Ein sonderer Vogel ist oft gern zwei Kälber werth, die Hepsisauer5 haben ihre Kirchweih um einen Guckigauch6 verkauft: wenn ich nur einen Thaler löse, thut mir’s wohl. Wie komm’ ich nur gleich da hinauf? – Seiner Lebtage hat er nie klettern können, dießmal aber ging’s, als hätten ihrer Sechs an ihm geschoben, und wie er droben ist, da sieht er sieben Junge flügg, mit blauen Köpfen im Nest! Er streckt schon eine Hand darnach – krach! bricht ein fauler Ast, und drunten liegt der Schuster – daß er nicht Hals und Bein brach, war ein Wunder. Ich weiß nicht, sagte er, indem er aufstand und die Platte rieb, was ich von dem Pechschwitzer denken soll; das ist kein muthiger Anfang! Zu seinem Trost zog er sein Schnitzbrod aus dem [117] Ranzen und fand dasselbe wahrlich beinah schon wieder rund und ganz gewachsen. Er sprach dem Laiblein aber im Marschiren so lang zu, bis ihm ganz übel ward, und däuchte ihn, er habe sich für alle Zeit Urdrutz7 daran gegessen. Sei’s drum! ein Sprüchlein sagt: es ist nur geschlecket, das nimmer klecket. Sein Sinn war allermeist auf Augsburg oder Regensburg gerichtet, denn diese Städte hatte er vor manchen andern rühmen hören; zuvörderst wollte er aber nach Ulm. Mit großen Freuden sah er bald von der Bempflinger Höhe die Alb, als eine wundersame blaue Mauer ausgestreckt. Nicht anders hatte er sich immer die schönen blauen Glasberge gedacht, dahinter, wie man ihm als Kind gesagt, der Königin von Saba Schneckengärten liegen. Doch war ihm wohl bekannt, daß oben weithin wieder Dörfer seien, als: Böhringen, Zainingen, Feldstetten, Suppingen, durch welche sämmtlich nacheinander er passiren mußte. Jetzt hing sich auf der Straße ein Schönfärbergesell an ihn, gar sehr ein naseweises Bürschchen, spitzig und witzig, mit Backen rosenroth, Glitzäugelein, ein schwarzes Kräuselhaar dazu, und schwatzte oder pfiff in Einem weg. Der Seppe achtete nicht viel auf ihn, zumal ihm eben jetzt etwas im Kopf umging, das hätte er sich gern allein im Stillen [118] überlegt. Am Weg stand eine Kelter, mit einem umgelegten Trog davor, auf diesen setzt’ er sich, der Meinung, sein Weggenoß’ soll weiter gehen. Der aber warf sich seitwärts hinter ihm in’s Gras und schien bald eingeschlafen, von der Hitze müd. Da war es still umher; ein einziges Heimlein sang am staubigen Rain so seine Weise ohn’ Aufhören fort. Endlich da fing der Seppe vor sich selbst, doch laut genug, zu sprechen an: Jetzt weiß ich, was ich thu’: ich werd’ ein Scheerenschleifer! Wo ich halt geh’ und steh’, juckt’s mich, ein Rad zu treten, und sollt’s ein Spinnrad sein! (Dem war auch richtig so und konnte gar nicht anders sein, denn einer seiner Schuhe war für ein Mädchen gefeit und gesegnet.) Die Art von Schleiferei – so sprach der Sepp weiter – muß Einer doch bald können, und so ein Kerl führt seine Werkstatt lustig auf einem Schubkarrn durch die Welt, sieht alle Tage eine andre Stadt, da pflanzt er sich im Schatten an einem Markt-Eck auf und dreht seinen Stein, daß die Funken wegfliegen. Die Leute mögen sprechen was sie wollen, das ist jetzt einmal mein Beruf und mein Genie, ich spür’s in allen Gliedern; und wo mir recht ist hat mein Ehni seliger einmal gesagt: der Seppe ist unter dem Zeichen des Wetzsteins geboren. Bei diesen Reden richtete sich das Färberlein halb [119] in die Höh’: der ist ein Letzkopf8! dachte es: und ich bin meines Lebens neben ihm nicht eines Glaubens Länge sicher; – stand sachte auf, schlich sich hinweg, in einem guten Bogen über das Ackerfeld, und fußete sodann der graden Straße nach, als brennte ihm der Steiß, Metzingen zu. Der Schuster, welcher endlich auch aufbrach, sah ihn von weitem rennen, argwöhnte aber nichts und zog seines Vorsatzes herzlich vergnügt demselben Flecken zu. Allein wie schaute er hoch auf, da alle Leute dort die Köpfe nach ihm aus den Fenstern streckten und ihm die Kinder auf der Gasse, an zwanzig, mit Geschrei nachsprangen und sangen: Scheeraschleifer, wetz, wetz, wetz, Der Seppe hatte einen Stiefelszorn10, schwang öfter seinen Knotenstock gegen den Schwarm, sie schrieen aber nur um desto ärger, und also macht’ er sich so hurtig er nur konnte aus dem Wespennest hinaus. Noch vor der letzten Hütte draußen hörte er ein Stimmlein verhallend im Wind: Scheeraschleifer, wetz, wetz, wetz! Er hätte für sein Leben gern den Färber, welcher ihm den Possen spielte, dagehabt und ihm das Fell [120] geruckt, wie er’s verdiente, der aber blieb im Ort zurück, wo er in Arbeit stand. Sonst war der Wicht in Büßingen daheim, wie er dem Seppe sagte. Derselbe ließ sich den erlittenen Schimpf nicht allzu lang anfechten, noch seinen Vorsatz dadurch beugen. Er machte seinen Trott so fort, und widerfuhr ihm diesen Tag nichts weiter von Bedeutung, als daß er etlichmal rechts ging, wo er links gesollt hätte, und hinwiederum links, wo es rechts gemeint war; das freilich nach dem Zeugniß aller Reis’beschreiber schon gar die Art nicht ist, um zeitig und mit wenig Kosten an einen Ort zu kommen. Einstweilen langte es doch eben noch bis Urach, wo er zur Nachtherberge blieb. Am Morgen ging’s hinauf die hohe Steig auf das Gebirg, nicht ohne vieles Stöhnen, denn sein einer Schuh – er merkte es schon gestern – hatte ihm ein Hühneraug gedrückt, das machte ihm zu schaffen. Da wo die Steig am End ist, holte er zum Glück ein gutes Bäuerlein aus Suppingen auf einem Wagen mit etwas Schreinwerk ein, das hieß ihn ungebeten bei ihm aufsitzen. Als sie nun eine Weile so, die große Ebene hinfahrend, bei einander saßen, fing der Bauer an: Mit Vergunst, i muaß jetzt doch fürwitzig froga: gelt, Ihr sind g’wiß a Drehar? – Warum? – Ei, sprach das Bäuerlein und sah auf des Gesellen Fuß, do der [121] Kamrad arbeit’t allfort, ma moint, er müaß äll’ mei’ vier Räder tretta! Der Seppe schämte sich ein wenig, im Herzen war er aber selig froh und dachte: hat mir der Bauer da ein Licht aufstecken müssen! Auf einen Drehstuhl will’s mit dir hinaus und anderst nirgends hin! Von nun an war der Schuster wie ein umgewand’ter Handschuh, ganz ein andrer Mensch, gesprächig, lustig, langte den Schnitzlaib heraus, gab ihn dem Bäuerlein bis auf den Anschnitt, sagend: lieber Mann, deß’ bin ich froh, daß Ihr mir angesehen, daß ich ein Dreher bin! – Ha, sprach der Andere, sell ist guat merka. – Der Alte kaute einen Bissen und machte ordentlich die Augen zu dabei, so gut schmeckte es ihm; das Uebrige hob er als Heimbringens auf für Weib und Kinder. Darnach ward er redselig, erzählte dem Gesellen Allerlei; vom Hanf- und Flachsbau auf der Alb; wie sie im Winter gut in ihren strohgedeckten Hütten säßen, ingleichen wie man solche Dächer mit besonderer Kunst verfertige. Auch wußte er ihm viel zu sagen von Blaubeuren, einem Städtlein und Kloster im Thal, zwischen mächtigen Felsen gelegen; da komme er hindurch und möge er sich ja den Blautopf11 auch beschauen, wie alle Fremde thun. Du aber, wohlgeneigter Leser, lasse dich, derweil die Beiden so zusammen discuriren, auch etlicher Dinge [122] besonders berichten, die, ob sie sich zwar lang vor Seppes Zeit begeben, nichts desto minder zu dieser Geschichte gehören. Vernimm hienach die wahre und anmuthige Historie von der schönen Lau12.
Der Blautopf ist der große runde Kessel eines Quells bein einer jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er ein Flüßchen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser ist von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß. Zu unterst auf dem Grund saß ehmals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dieß Eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirthschaft eingerichtet, und hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildniß von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das [123] Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die schöne Lau13. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zu zeiten, wenn sie im Unmuth den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu begütigen, als: Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer14 und andre Dinge; dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch und Götzendienst, die Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war, geschah es doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug und kein Mensch in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Blättern auf dem Kopf und auch dergleichen um den Hals. Ein frecher Hirtenjung belauschte sie einmal in dem Gebüsch und rief: Hei, Laubfrosch! git’s guat Wetter? Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und riß ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnmächtig gewordenen jämmerlich verschmachten und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Thür [124] und kam, über Stufen und Gänge, durch viele Gemächer in einen schönen Saal. Hier war es lieblich, glusam15 mitten im Winter. In einer Ecke brannte, indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen Leuchter mit goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel köstlicher Hausrath herum an den Wänden, und diese waren sammt dem Estrich ganz mit Teppichen staffirt, Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um, was er noch sonst erwischen möchte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in einem Beutel und war mächtig schwer, deßwegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes Pförtlein, das mochte in der Dicke gut zwo Fäuste sein, schob die Riegel zurück und stieg eine steinerne Treppe hinauf in unterschiedlichen Absätzen, bald links, bald wieder rechts, gewiß vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf ungeräumte Klüfte stieß; da mußte er das Licht dahinten lassen und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es war tief Nacht, und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Irregehen endlich mit der ersten Morgenhelle auf gänge Pfade16 kam und von dem Felsen aus [125] das Städtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in dem Beutel wäre; da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein schwerer Kegel, spannenlang, mit einem Oehr an seinem obern Ende, weiß vor Alter. Im Zorn warf er den Plunder weg, in’s Thal hinab, und sagte nachher weiter Niemand von dem Raub, weil er sich dessen schämte. Doch kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute. Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Ort zu Hause war; vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar von Mutter Seiten her halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donau-Nix am Schwarzen Meer vermählt. Ihr Mann verbannte sie, darum, daß sie nur todte Kinder hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war, ohn’ einige besondere Ursach. Die Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie möge eher nicht eines lebenden Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht haben würde. Bei’m fünften Male müßte etwas sein, das dürfe sie nicht wissen, noch auch der alte Nix. Es wollte aber damit niemals glücken, soviel auch ihre Leute deßhalb Fleiß anwendeten; endlich da mochte sie der alte König ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an diesen Ort, unweit der obern Donau, wo seine Schwester wohnte. Die Schwiegermutter [126] hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, pur für die Langeweile, sechsmal des Tages anders an – denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß – erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der Fürstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen lieben Tag und manche Sommernacht, der Kühlung wegen. Auch hatte sie allerlei lustige Thiere, wie Vögel, Küllhasen17 und Affen, vornehmlich aber einen possigen Zwerg, durch welchen vormals einem Ohm der Fürstin war von ebensolcher Traurigkeit geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel18 oder Schaf und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten Zug gethan, schnitt er die raresten Gesichter, keines dem andern gleich, nein immer eines ärger als das andere, daß auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten hätte, geschweige denn die Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, wärst du dabei gewesen; nur bei der schönen Lau schlug eben gar nichts an, kaum daß sie ein paar Mal den Mund verzog. [127] Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern: Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt? Und jene sprachen: Der König schickt! Und sie sagten: Wir haben die ferndigen19 Lieder gesungen, So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und darnach stets noch einmal so traurig. Im Nonnenhof war eine dicke Wirthin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirthschaft führte zumeist ihr ältster Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein anderer, Xaver, war Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte einen kleinen Küchengarten vor der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im Frühjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete, den Kappis20, [128] den Salat zu säen, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah sie sich von ungefähr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das schöne blaue Wasser über’m Zaun und mit Verdruß daneben einen alten garstigen Schutthügel, der schändete den ganzen Platz; nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartenthürlein hinter sich zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut aus, erlas etliche Kürbiskern’ aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den Haufen. (Der Abt im Kloster, der die Wirthin, als eine saubere Frau, gern sah – man hätte sie nicht über vierzig Jahr geschätzt, er selber aber war gleich ihr ein starkbeleibter Herr – stand just am Fenster oben und grüßte herüber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die Wüstung grünte nun den ganzen Sommer, daß es eine Freude war, und hingen dann im Herbst die großen gelben Kürbis an dem Abhang nieder bis zu dem Teich. Jetzt ging einsmals der Wirthin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen Kasten befand. Bei’m Schein des Lichts erblickte sie darinne mit Entsetzen die schöne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser; sprang voller Angst davon und sagt’s der Mutter an; die fürchtete sich nicht und [129] stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß ihr der Sohn zum Schutz nachfolge, weil das Weib nackt war. Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß: Die Wasserfrau ist kommen Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab sie der Wirthin und sagte: nehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu meinem Angedenken. Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn jüngsthin habe ich gehört, wie Ihr in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die Bürger und Bauern zu Unfrieden kämen und Mord und Todtschlag zu befahren sei. Derhalben, liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gäste bei Tanz und Zeche Streit beginnen, nehmt den Topf zur Hand, und dreht ihn vor der Thür des Saals im Oehrn21, da wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges und herrliches Getöne, daß Alle gleich die Fäuste werden sinken lassen und guter Dinge sein, denn jählings ist [130] ein Jeder nüchtern und gescheidt geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Schürze auf den Topf, da wickelt er sich alsbald ein und lieget stille. So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod sammt der goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihrer Tochter Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies ihr die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang wär’, freundlich ein zu fernerem Besuch; darauf das Weib hinabfuhr und verschwand. Es dauerte nicht lang, so wurde offenbar, welch’ einen Schatz die Wirthschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine Kraft und hohe Tugend die übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte, er brachte auch dem Gasthaus bald erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in die Gegend kam, Gemein oder Vornehm, ging ihm zu lieb; insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche große Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reis’te, bot vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirthin lassen wollte. Gewiß auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehn und zu hören. Erst, wenn er anhub sich zu drehen, ging es [131] doucement her, dann klang es stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter das Dach und bis in den Keller, dergestalt, daß alle Wände, Dielen, Säulen und Geländer schienen davon erfüllt zu sein, zu tönen und zu schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmächtig lag, so hörte gleichwohl die Musik sobald nicht auf, es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit starkem Klingen, Dröhnen, Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und her. Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine Habergeis22; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Geschäfte insgemein genannt der Bauren-Schwaiger23. Er war gemacht aus einem großen Amethyst, deß’ Name besagen will: wider den Trunk; weil er den schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn dawider thut, daß einen guten Zecher das Selige24 berühre; darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst häufig pflegten am Finger zu tragen. Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen der Zeit, weßhalb die Wirthin eine Schelle richten ließ, oben im Haus, mit [132] einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zuthunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter sammt den Töchtern und der Söhnerin25. Einsmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha mit der Aeltesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber Kurzweil halben dem Geschäft zusah, und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirthin an: mögt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta könnte Euch etwas von Kleidern geben; ihr seid von Einer Größe. Ja, sagte sie, ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Eure Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken. Da lief die Tochter fröhlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu holen, bracht’ es, und half ihr aus dem Kasten steigen, das that sie sonder Müh und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um den Leib und führte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf in der hintersten Ecke des [133] Kellers, da man durch eine Fallthür oben gleich in der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie sich trocken machen und saß auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb. Wie diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr sie zurück und kicherte. War’s nicht gelacht? frug sie selber sogleich. – Was anders? rief das Mädchen und jauchzte: gebenedeyet sei uns der Tag! ein erstes Mal wär’ es geglückt! – Die Wirthin hörte in der Küche das Gelächter und die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie die Ursach’ vernommen – du armer Tropf; so dachte sie, das wird ja schwerlich gelten! – ließ sich indeß nichts merken, und Jutte nahm etliche Stücke heraus aus dem Schrank, das Beste was sie hatte, die Hausfreundin zu kleiden. Seht, sagte die Mutter sie will wohl aus Euch eine Susann Preisnestel26 machen. – Nein, rief die Lau in ihrer Fröhlichkeit: laß mich die Aschengruttel27 sein in deinem Märchen! – nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Strümpfe litt sie an den Füßen, auch hingen ihre Haare ungezöpft bis auf die Knöchel nieder. So strich sie durch das Haus von unten bis zu oberst, durch Küche, Stuben und Gemächer. Sie verwunderte sich des gemeinsten Geräthes und seines Gebrauchs, besah den rein gefegten Schenktisch, und darüber in langen Reihen die zinnenen [134] Kannen und Gläser, alle gleich gestürzt, mit hängendem Deckel, dazu den kupfernen Schwenkkessel sammt der Bürste, und mitten in der Stube an der Decke der Weber Zunftgeschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem Kästlein von Glas. Von ungefähr erblickte sie ihr eigen Bild im Spiegel, davor blieb sie betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn, und als darauf die Söhnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr ein neues Spiegelein, drei Groschen werth, verehrte, da meinte sie Wunders zu haben, denn unter allen ihren Schätzen fand sich dergleichen nicht. Bevor sie aber Abschied nahm geschah’s, daß sie hinter den Vorhang des Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett, so wie der Kinder Schlafstätte war. Saß da ein Enkelein mit rothgeschlafenen Backen, hemdig, und einen Apfel in der Hand, auf einem runden Stühlchen von guter Ulmer Hafnerarbeit, grünverglaset. Das wollte dem Gast außer Maßen gefallen; sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft’ aber die Nase mit Eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte sie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach: dießmal fürwahr hat es gegolten, und Gott schenk’ Euch einen so frischen Buben als mein Hans da ist! [135] Die Nacht darauf, daß sich dieß zugetragen, legte sich die schöne Lau getrost und wohlgemuth, wie schon in langen Jahren nicht, im Grund des Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein närrischer Traum. Ihr däuchte da, es war die Stunde nach Mittag, wo in der heißen Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und mähen, die Mönche aber sich in ihren kühlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa die Wirthin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber saß als eine dicke Wasserfrau mit langen Haaren in dem Topf, allwo der Abt sie bald entdeckte, sie begrüßte und ihr einen Kuß gab, so mächtig, daß es vom Klosterthürmlein widerschallte, und schallte es der Thurm ans Refectorium, das sagt’ es der Kirche und die sagt’s dem Pferdstall und der sagt’s dem Fischhaus und das sagt’s dem Waschhaus und im Waschhaus da riefen’s die Zuber und Kübel sich zu. Der Abt erschrak bei solchem Lärm; ihm war, wie er sich nach der Wirthin bückte, sein Käpplein in Blautopf gefallen, sie gab es ihm geschwind, und er watschelte hurtig davon. Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, [136] zu sehn was es gebe. Er hatte einen langen weißen Bart und einen rothen Rock28. Und frug den Abt, der ihm just in die Hände lief: Herr Abt, wie ward Euer Käpplein so naß? Und er antwortete: Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen29, Da hob unser Hergott, unwirs31 ob der Lüge, seinen Finger auf, winkt’ ihm und ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch einmal nach der Frau Wirthin um, und diese rief: ach liebe Zeit, ach liebe Zeit, jetzt kommt der gut alt Herr in die Prison! Dieß war der schönen Lau ihr Traum. Sie wußte aber bei’m Erwachen und spürte noch an ihrem Herzen, daß sie im Schlaf sehr lachte, und ihr hüpfte noch wachend die Brust, daß der Blautopf oben Ringlein schlug. Weil es den Tag zuvor sehr schwül gewesen, so blitzte es jetzt in der Nacht. Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch spürte sie am Boden, es donnere weitweg. So blieb sie mit zufriedenem Gemüthe noch eine Weile ruhen, den Kopf in ihre Hand gestützt, und sah dem Wetterblicken32 zu. Nun stieg sie [137] auf, zu wissen ob der Morgen etwa komme: allein es war noch nicht viel über Mitternacht. Der Mond stand glatt und schön über dem Rusenschloß33, die Lüfte aber waren voll vom Würzgeruch der Mahden34. Sie meinte fast der Geduld nicht zu haben bis an die Stunde, wo sie im Nonnenhof ihr neues Glück verkünden durfte, ja wenig fehlte, daß sie sich jetzt nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas Thüre kam (wie sie nur Einmal, Trostes wegen, in übergroßem Jammer nach der jüngsten Botschaft aus der Heimat, that), doch sie besann sich anders und ging zu besserer Zeit. Frau Betha hörte ihren Traum gutmüthig an, obwohl er ihr ein wenig ehrenrührig schien. Bedenklich aber sagte sie darauf: Baut nicht auf solches Lachen, das im Schlaf geschah; der Teufel ist ein Schelm. Wenn Ihr auf solches Trugwerk hin die Boten mit fröhlicher Zeitung entließet, und die Zukunft strafte Euch Lügen, es könnte schlimm daheim ergehen. Auf diese ihre Rede hing die schöne Lau den Mund gar sehr und sagte: Frau Ahne hat der Traum verdrossen! – nahm kleinlauten Abschied und tauchte hinunter. Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem Bruder Kellermeister eifrig zu: [138] Ich merk’, es ist im Gumpen letz! die Arge will Euch Eure Faß wohl wieder einmal schwimmen lehren. Thut Eure Läden eilig zu, vermachet alles wohl! Nun aber war des Klosters Koch, der Wirthin Sohn, ein lustiger Vogel, welchen die Lau wohl leiden mochte. Der dachte ihren Jäst35 mit einem Schnak zu stillen, lief nach seiner Kammer, zog die Bettscheer aus der Lagerstätte und steckte sie am Blautopf in den Rasen, wo das Wasser auszutreten pflegte, und stellte sich mit Worten und Gebärden als einen viel getreuen Diener an, der mächtig Aengsten hätte, daß seine Herrschaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden nehmen möchte. Da sie nun sah das Holz so recht mit Fleiß gesteckt und über das Bächlein gespreizt, kam ihr in ihrem Zorn das Lachen an, und lachte überlaut, daß man’s im Klostergarten hörte. Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wußten sie es schon vom Koch und wünschten ihr mit tausend Freuden Glück. Die Wirthin sagte: der Xaver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberclaus36, jetzt kommt uns seine Thorheit zu Statten. Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum, es wollte sich zum dritten oder vierten Mal nicht wieder schicken. Martini war vorbei, noch wenig Wochen und die Boten standen wieder vor der Thür. Da ward es den guten Wirthsleuten selbst bang, ob [139] heuer noch etwas zu Stande käme, und alle hatten nur zu trösten an der Frau. Je größer deren Angst, je weniger zu hoffen war. Damit sie ihres Kummers eher vergesse, lud ihr Frau Betha einen Lichtkarz37 ein, da nach dem Abendessen ein halb Dutzend muntre Dirnen und Weiber aus der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube mit ihren Kunkeln sich zusammensetzten. Die Lau kam alle Abend in Juttas altem Rock und Kittel, und ließ sich weit vom warmen Ofen weg in einem Winkel auf den Boden nieder, und hörte dem Geplauder zu, von Anfang als ein stummer Gast, ward aber bald zutraulich und bekannt mit Allen. Um ihretwillen machte sich Frau Betha eines Abends ein Geschäft daraus, ihr Weihnachtskripplein für die Enkel bei Zeiten herzurichten: die Mutter Gottes mit dem Kind im Stall, bei ihr die drei Weisen aus Morgenland, ein jeder mit seinem Kameel, darauf er hergereis’t kam und seine Gaben brachte. Dieß alles aufzuputzen, und zu leimen was etwa lotter war, saß die Frau Wirthin an dem Tisch bei’m Licht mit ihrer Brille, und die Wasserfrau mit höchlichem Ergötzen sah ihr zu, sowie sie auch gerne vernahm, was ihr von heiligen Geschichten dabei gesagt wurde, doch nicht daß sie dieselben dem rechten Verstand nach begriff oder zu Herzen nahm, wie gern auch die Wirthin es wollte. [140] Frau Betha wußte ferner viel lehrreicher Fabeln und Denkreime, auch spitzweise38 Fragen und Räthsel; die gab sie nach einander im Vorsitz aufzurathen, weil sonderlich die Wasserfrau von Hause aus dergleichen liebte und immer gar zufrieden schien, wenn sie es ein und das andremal traf (das doch nicht allzu leicht gerieth). Eines derselben gefiel ihr vor allen, und was damit gemeint ist nannte sie ohne Besinnen: Ich bin eine dürre Königin, Darüber sagte sie, in etwas fröhlicher denn zuvor: wenn ich dereinstens wiederum in meiner Heimat bin, und kommt einmal ein schwäbisch Landeskind, zumal aus Eurer Stadt, auf einer Kriegsfahrt oder sonst durch der Walachen Land an unsere Gestade, so ruf’ er mich bei Namen, dort wo der Strom [141] am breitesten hineingeht in das Meer – versteht, zehn Meilen einwärts in dieselbe See erstreckt sich meines Mannes Reich, soweit das süße Wasser sie mit seiner Farbe färbt –, dann will ich kommen und dem Fremdling zu Rat und Hilfe sein. Damit er aber sicher sei, ob ich es bin und keine andere, die ihm schaden möchte, so stelle er dies Rätsel. Niemand aus unserem Geschlechte außer mir wird ihm darauf antworten, denn dortzuland sind solche Rocken und Rädlein, als Ihr in Schwaben führet, nicht gesehn, noch kennen sie dort Eure Sprache; darum mag dies die Losung sein.“ Auf einen andern Abend ward erzählt vom Doktor Veylland und Herrn Konrad von Wirtemberg, dem alten Gaugrafen, in dessen Tagen es noch keine Stadt mit Namen Stuttgart gab. Im Wiesenthal, da wo dieselbe sich nachmals erhob, stund nur ein stattliches Schloß mit Wassergraben und Zugbrücke, von Bruno, dem Domherrn von Speyer, Konradens Oheim, erbaut, und nicht gar weit davon ein hohes steinernes Haus39. In diesem wohnte dazumal mit einem alten Diener ganz allein ein sonderlicher Mann, der war in natürlicher Kunst40 und in Arzneikunst sehr gelehrt und war mit seinem Herrn, dem Grafen, weit in der Welt herumgereist, in heißen Ländern, von wo er manche Seltsamkeit an Tieren, vielerlei Gewächsen [142] und Meerwundern heraus nach Schwaben brachte. In seinem Oehrn sah man der fremden Sachen eine Menge an den Wänden herum hangen: die Haut vom Crokodil sowie Schlangen und fliegende Fische. Fast alle Wochen kam der Graf einmal zu ihm; mit andern Leuten pflegte er wenig Gemeinschaft. Man wollte behaupten, er mache Gold; gewiß ist, daß er sich unsichtbar machen konnte, denn er verwahrte unter seinem Kram einen Krackenfischzahn. Einst nämlich, als er auf dem Roten Meer das Bleilot niederließ, die Tiefe zu erforschen, da zockt’ es unter'm Wasser, daß das Tau fast riß. Es hatte sich ein Krackenfisch im Loth verbissen und zween seiner Zähne darinne gelassen. Sie sind wie eine Schustersahle spitz und glänzend schwarz. Der eine stak sehr fest, der andre ließ sich leicht ausziehen. Da nun ein solcher Zahn, etwa in Silber oder Gold gefaßt und bei sich getragen, besagte hohe Kraft besitzt und zu den größten Gütern, so man für Geld nicht haben kann, gehört, der Doktor aber dafür hielt, es zieme eine solche Gabe niemand besser als einem weisen und wohldenkenden Gebieter, damit er überall, in seinen eigenen und Feindes Landen, sein Ohr und Auge habe, so gab er einen dieser Zähne seinem Grafen, wie er ja ohnedem wohl schuldig war, mit Anzeigung von dessen Heimlichkeit, davon der Herr [143] nichts wußte. Von diesem Tage an erzeigte sich der Graf dem Doktor gnädiger als allen seinen Edelleuten oder Räthen und hielt ihn recht als seinen lieben Freund, ließ ihm auch gern und sonder Neid das Lot zu eigen, darin der andere Zahn war, doch unter dem Gelöbnis, sich dessen ohne Not nicht zu bedienen, auch ihn vor seinem Ableben entweder ihm, dem Grafen, erblich zu verlassen oder auf alle Weise der Welt zu entrücken, wo nicht ihn gänzlich zu vertilgen. Der edle Graf starb aber um zwei Jahre eher als der Veylland und hinterließ das Kleinod seinen Söhnen nicht; man glaubt, aus Gottesfurcht und weisem Vorbedacht hab’ er es mit in das Grab genommen oder sonst verborgen. Wie nun der Doktor auch am Sterben lag, so rief er seinen treuen Diener Curt zu ihm ans Bett und sagte: „Lieber Curt! es gehet diese Nacht mit mir zum Ende, so will ich dir noch deine guten Dienste danken und etliche Dinge befehlen. Dort bei den Büchern, in dem Fach zu unterst in der Ecke, ist ein Beutel mit hundert Imperialen41, den nimm sogleich zu dir; du wirst auf Lebenszeit genug daran haben. Zum zweiten, das alte geschriebene Buch in dem Kästlein daselbst verbrenne jetzt vor meinen Augen hier in dem Kamin. Zum dritten findest du ein Bleiloth dort, das nimm, verbirg’s bei deinen Sachen, [144] und wenn du aus dem Hause gehst in deine Heimath, gen Blaubeuren, laß es dein Erstes sein, daß du es in den Blautopf wirfst. – Hiermit war er darauf bedacht, daß es, ohne Gottes besondere Fügung, in ewigen Zeiten nicht in irgend eines Menschen Hände komme. Denn damals hatte sich die Lau noch nie im Blautopf blicken lassen, und hielt man selben überdieß für unergründlich. Nachdem der gute Diener Jenes alles, theils auf der Stelle ausgerichtet, theils versprochen, nahm er mit Thränen Abschied von dem Doctor, welcher vor Tage noch das Zeitliche gesegnete. Als nachher die Gerichtspersonen kamen und allen kleinen Quark aussuchten und versiegelten, da hatte Curt das Bleiloth zwar bei Seit’ gebracht, den Beutel aber nicht versteckt, denn er war keiner von den Schlauesten, und mußte ihn da lassen, bekam auch nach der Hand nicht einen Deut davon zu sehen, kaum daß die schnöden Erben ihm den Jahreslohn auszahlten. Solch Unglück ahnete ihm schon, als er, auch ohnedem betrübt genug, mit seinem Bündelein in seiner Vaterstadt einzog. Jetzt dachte er an nichts, als seines Herrn Befehl vor allen Dingen zu vollziehen. Weil er seit drei und zwanzig Jahren nimmer hier gewesen, so kannte er die Leute nicht, die [145] ihm begegneten, und da er gleichwohl Einem und dem Andern Guten Abend sagte, gab’s ihm Niemand zurück. Die Leute schauten sich, wenn er vorüber kam, verwundert an den Häusern um, wer doch da gegrüßt haben möchte, denn Keines erblickte den Mann. Dieß kam, weil ihm das Loth in seinem Bündel auf der linken Seite hing; ein andermal, wenn er es rechts trug, war er von Allen gesehen. Er aber sprach für sich: zu meiner Zeit sind dia Blaubeuramar so grob ett gwä! Bei’m Blautopf fand er seinen Vetter, den Seilermeister, mit dem Jungen am Geschäft, indem er längs der Klostermauer, rückwärts gehend, Werg aus seiner Schürze spann, und weiterhin der Knabe trillte die Schnur mit dem Rad. – Gott grüaß di, Vetter Seiler! rief der Curt und klopft’ ihm auf die Achsel. Der Meister guckt sich um, verblaßt, läßt seine Arbeit aus den Händen fallen und lauft was seine Beine mögen. Da lachte der Andere, sprechend: der denkt, mei’ Seel, i wandele geistweis! D’ Leut hant g’wiß mi für todt hia g’sagt, anstatt mein’ Herra – ei so schlag! Jetzt ging er zu dem Teich, knüpfte sein Bündel auf und zog das Loth heraus. Da fiel ihm ein, er möchte doch auch wissen, ob es wahr sei, daß der Gumpen keinen Grund noch Boden habe (er wär’ [146] gern auch ein wenig so ein Spiriguckes42 wie sein Herr gewesen), und weil er vorhin in des Seilers Korb drei große starke Schnürbund liegen sehn, so holte er dieselben her und band das Loth an einen. Es lagen just auch frischgebohrte Teichel, eine schwere Menge, in dem Wasser bis gegen die Mitte des Topfs, darauf er sicher Posto fassen konnte, und also ließ er das Gewicht hinunter, indem er immer ein Stück Schnur an seinem ausgestreckten Arm abmaß, drei solcher Längen auf ein Klafter rechnete und laut abzählte: – 1 Klafter, 2 Klafter, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10; – da ging der erste Schnurbund aus, und mußte er den zweiten an das Ende knüpfen, maß wiederum ab und zählte bis auf 20. Da war der andere Schnurbund gar – Heidaguguk, ist dees a Tiafe! – und band den dritten an das Trumm, fuhr fort zu zählen: 21, 22, 23, 24 – Höll-Element, mei’ Arm will nimme! – 25, 26, 27, 28, 29, 30 – Jetzet guat Nacht, ’s Meß hot a End! Do heißt’s halt, mir nex, dir nex, rappede kappede, so isch usganga43! – Er schlang die Schnur, bevor er aufzog, um das Holz, darauf er stand, ein wenig zu verschnaufen, und urtheilte bei sich: der Topf ist währle bodalaus44. Indem der Spinnerinnen Eine diesen Schwank erzählte, that die Wirthin einen schlauen Blick zur Lau [147] hinüber, welche lächelte; denn freilich wußte sie am besten, wie es gegangen war mit dieser Messerei; doch sagten Beide nichts. Dem Leser aber soll es unverhalten sein. Die schöne Lau lag jenen Nachmittag auf dem Sand in der Tiefe, und, ihr zu Füßen, eine Kammerjungfer, Aleila, welche ihr die liebste war, beschnitte ihr in guter Ruh die Zehen mit einer goldenen Scheere, wie von Zeit zu Zeit geschah. Da kam hernieder langsam aus der klaren Höh’ ein schwarzes Ding, als wie ein Kegel, deß’ sich im Anfang Beide sehr verwunderten, bis sie erkannten was es sei. Wie nun das Loth mit neunzig Schuh den Boden rührte, da ergriff die scherzlustige Zofe die Schnur und zog gemach mit beiden Händen, zog und zog, so lang bis sie nicht mehr nachgab. Alsdann nahm sie geschwind die Scheere und schnitt das Loth hinweg, erlangte einen dicken Zwiebel, der war erst gestern in den Topf gefallen und war fast eines Kinderkopfes groß, und band ihn bei dem grünen Schossen an die Schnur, damit der Mann erstaune, ein ander Loth zu finden, als das er ausgeworfen. Derweile aber hatte die schöne Lau den Krackenzahn im Blei mit Freuden und Verwunderung entdeckt. Sie wußte seine Kraft gar wohl, und ob zwar für sich selbst die Wasserweiber oder Männer nicht viel [148] darnach fragen, so gönnen sie den Menschen doch so großen Vortheil nicht, zumalen sie das Meer und was sich darin findet von Anbeginn als ihren Pacht und Lehn ansprechen. Deßwegen denn die schöne Lau mit dieser ungefähren Beute sich dereinst, wenn sie zu Hause käme, bei’m alten Nix, ihrem Gemahl, Lobs zu erholen hoffte. Doch wollte sie den Mann, der oben stund, nicht lassen ohn’ Entgelt, nahm also Alles, was sie eben auf dem Leibe hatte, nämlich die schöne Perlenschnur an ihrem Hals, schlang selbe um den großen Zwiebel, gerade als er sich nunmehr erhob; und daran war es nicht genug, sie hing zutheuerst45 auch die goldne Scheere noch daran und sah mit hellem Aug’, wie das Gewicht hinauf gezogen ward. Die Zofe aber, neubegierig, wie sich das Menschenkind dabei gebärde, stieg hinter dem Loth in die Höhe, und weidete sich zwo Spannen unterhalb dem Spiegel an des Alten Schreck und Verwirrung. Zuletzt fuhr sie mit ihren beiden aufgehobenen Händen ein maler viere in der Luft herum, die weißen Finger als zu einem Fächer oder Wadel ausgespreizt. Es waren aber schon zuvor auf des Vetters Seilers Geschrei viel Leute aus der Stadt herausgekommen, die standen um den Blautopf her und sahn dem Abenteuer zu, bis wo die grausigen Hände erschienen; da stob mit Eins die Menge von einander und entrann. [149] Der alte Diener aber war von Stund an irrsch46 im Kopf, ganzer sieben Tage, und sah der Lau ihre Geschenke gar nicht an, sondern saß da, bei seinem Vetter, hinter’m Ofen, und sprach des Tags wohl hundertmal ein altes Sprüchlein vor sich hin, von welchem kein Gelehrter in ganz Schwabenland Bescheid zu geben weiß, woher und wie oder wann erstmals es unter die Leute gekommen. Denn von ihm selber hatte es der Alte nicht; man gab es lang vor seiner Zeit, gleichwie noch heutiges Tags, den Kindern scherzweis auf, wer es ganz hurtig nach einander ohne Tadel am öftesten hersagen könne; und lauten die Worte: s’ leit a Klötzle47 Blei glei bei Blaubeura. Die Wirthin nannt’ es einen rechten Leirenbendel48, und sagte: wer hätte auch den mindesten Verstand da drin gesucht, geschweige eine Prophezeiung! Als endlich der Curt mit dem siebenten Morgen seine gute Besinnung wieder fand, und ihm der Vetter die kostbaren Sachen darwies, so sein rechtliches Eigenthum wären, da schmunzelte er doch, that sie in sicheren Verschluß, und ging mit des Seilers zu Rath, was damit anzufangen. Sie achteten Alle für’s Beste, er reise mit Perlen und Scheere gen [150] Stuttgart, wo eben Graf Ludwig sein Hoflager hatte, und biete sie demselben an zum Kauf. So that er denn. Der hohe Herr war auch nicht karg und gleich bereit, so seltene Zier nach Schätzung eines Meisters für seine Frau zu nehmen; nur als er von dem Alten hörte, wie er dazu gekommen, fuhr er auf und drehte sich voll Aerger auf dem Absatz um, daß ihm der Wunderzahn verloren sei. Ihm war vordem etwas von diesem kund geworden und hatte er dem Doctor, bald nach Herrn Conrads Hintritt, seines Vaters, sehr darum angelegen, doch umsonst. Dieß war nun die Geschichte, davon die Spinnerinnen damals plauderten. Doch ihnen war das Beste daran unbekannt. Eine Gevatterin, so auch mit ihrer Kunkel unter ihnen saß, hätte noch gar gern gehört, ob wohl die schöne Lau das Loth noch habe, auch was sie damit thue? und red’te so von Weitem darauf hin; da gab Frau Betha ihr nach ihrer Weise einen kleinen Stich, und sprach zur Lau: Ja, gelt, jetzt macht Ihr Euch bisweilen unsichtbar, geht herum in den Häusern und guckt den Weibern in die Töpfe, was sie zu Mittag kochen? Eine schöne Sach’ um so ein Loth für fürwitzige Leute! Inmittelst fing der Dirnen Eine an, halblaut das närrische Gesetzlein49 herzusagen; die Andern thaten ein Gleiches, und jede wollt’ es besser können, und [151] keine brachte es zum dritten oder vierten Mal glatt aus dem Mund; dadurch gab es viel Lachen. Zum Letzten mußte es die schöne Lau probiren, die Jutte ließ ihr keine Ruh. Sie wurde roth bis an die Schläfe, doch hub sie an, und klüglicher Weise gar langsam: s’ leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeura. Die Wirthin rief ihr zu, so sei es keine Kunst, es müsse gehen wie geschmiert! Da nahm sie ihren Anlauf frisch hinweg, kam auch alsbald vom Pfad in’s Stoppelfeld, fuhr buntüberecks50 und wußte nimmer gicks noch gacks. Jetzt, wie man denken kann, gab es Gelächter einer Stuben voll, das hättet Ihr nur hören sollen, und mitten draus hervor der schönen Lau ihr Lachen, so hell wie ihre Zähne, die man alle sah! Doch unversehens, mitten in dieser Fröhlichkeit und Lust, begab sich ein mächtiges Schrecken. Der Sohn vom Haus, der Wirth, – er kam gerade mit dem Wagen heim von Sonderbuch und fand die Knechte verschlafen im Stall – sprang hastig die Stiege herauf, rief seine Mutter vor die Thür und sagte, daß es Alle hören konnten: um Gotteswillen, schickt die Lau nach Haus! Hört Ihr denn nicht im Städtlein den Lärm? der Blautopf leert [152] sich aus, die untere Gasse ist schon unter Wasser, und in dem Berg am Gumpen ist ein Getös und Rollen, als wenn die Sündfluth käme! – Indem er noch so sprach, that innen die Lau einen Schrei: das ist der König, mein Gemahl, und ich bin nicht daheim! – Hiermit fiel sie von ihrem Stuhl sinnlos zu Boden, daß die Stube zitterte. Der Sohn war wieder fort, die Spinnerinnen liefen jammernd heim mit ihren Rocken, die Andern aber wußten nicht was anzufangen mit der armen Lau, welche wie todt da lag. Eins machte ihr die Kleider auf, ein Anderes strich sie an, das Dritte riß die Fenster auf, und schafften doch Alle miteinander nichts. Da streckte unverhofft der lustige Koch den Kopf zur Thür herein, sprechend: ich hab’ mir’s eingebildet, sie wär’ bei Euch! Doch, wie ich sehe, geht’s nicht allzu lustig her. Macht, daß die Ente in das Wasser kommt, so wird sie schwimmen! – Du hast gut reden! sprach die Mutter mit Beben: hat man sie auch im Keller und im Brunnen, kann sie sich unten nicht den Hals abstürzen im Geklüft? – Was Keller! rief der Sohn: was Brunnen! das geht ja freilich nicht – laßt mich nur machen! Noth kennt kein Gebot – ich trag’ sie in den Blautopf. – Und damit nahm er, als ein starker Kerl, die Wasserfrau auf seine Arme. Komm, Jutta – [153] nicht heulen – geh’ mir voran mit der Latern’! – In Gottes Namen, sagte die Wirthin: doch nehmt den Weg hinten herum durch die Gärten: es wimmelt die Straße mit Leuten und Lichtern. – Der Fisch hat sein Gewicht! sprach er im Gehn, schritt aber festen Tritts die Stiege hinunter, dann über den Hof, und links und rechts, zwischen Hecken und Zäunen hindurch. Am Gumpen fanden sie das Wasser schon merklich gefallen, gewahrten aber nicht, wie die drei Zofen, mit den Köpfen dicht unter dem Spiegel, ängstig hin und wieder schwammen, nach ihrer Frau ausschauend. Das Mädchen stellte die Laterne hin, der Koch entledigte sich seiner Last, indem er sie behutsam mit dem Rücken an den Kürbishügel lehnte. Da raunte ihm sein eigener Schalk in’s Ohr: wenn du sie küßtest, freute dich’s dein Lebenlang, und könntest du doch sagen, du habest einmal eine Wasserfrau geküßt. Und eh’ er es recht dachte, war’s geschehen. Da löschte ein Schuck Wasser aus dem Topf das Licht urplötzlich aus, daß es stichdunkel war umher, und that es dann nicht anders, als wenn ein ganz halb Dutzend nasser Hände auf ein paar kernige Backen fiel’ und wo es sonst hintraf. Die Schwester rief: was gibt es denn? – Maulschellen, heißt man’s hier herum! sprach er: ich hätte nicht gedacht, daß sie am schwarzen [154] Meer sottige51 Ding’ auch kenneten! – Dieß sagend stahl er sich eilends davon, doch weil es vom Widerhall drüben am Kloster auf Mauern und Dächern und Wänden mit Maulschellen brazzelte, stund er bestürzt, wußte nicht recht wohin, denn er glaubte den Feind vorn und hinten. (Solch einer Witzung52 brauchte es, damit er sich des Mundes nicht berühme, den er geküßt, unwissend zwar, daß er es müssen thun der schönen Lau zum Heil.) Inwährend diesem argen Lärm nun hörte man die Fürstin in ihrem Ohnmachtschlaf so innig lachen, wie sie damals im Traum gethan, wo sie den Abt sah springen. Der Koch vernahm es noch von Weitem, und ob er’s schon auf sich zog, und mit Grund, erkannte er doch gern daraus, daß es nicht weiter Noth mehr habe mit der Frau. Bald kam mit guter Zeitung auch die Jutte heim, die Kleider, den Rock und das Leibchen im Arm, welche die schöne Lau zum letzten Mal heut am Leibe gehabt. Von ihren Kammerjungfern, die sie am Topf in Beisein des Mädchens empfingen, erfuhr sie gleich zu ihrem großen Trost, der König sei noch nicht gekommen, doch mög’ es nicht mehr lang anstehn, die große Wasserstraße sei schon angefüllt. Dieß nämlich war ein breiter hoher Felsenweg, tief unterhalb den menschlichen Wohnstätten, schön grad und eben mitten [155] durch den Berg gezogen, zwo Meilen lang von da bis an die Donau, wo des alten Nixen Schwester ihren Fürstensitz hatte. Derselben waren viele Flüsse, Bäche, Quellen dieses Gaus dienstbar; die schwellten, wenn das Aufgebot an sie erging, besagte Straße in gar kurzer Zeit so hoch mit ihren Wassern, daß sie mit allem Seegethier, Meerrossen und Wagen füglich befahren werden mochte, welches bei festlicher Gelegenheit zuweilen als ein schönes Schaugepräng mit vielen Fackeln und Musik von Hörnern und Pauken geschah. Die Zofen eilten jetzo sehr mit ihrer Herrin in das Putzgemach, um sie zu salben, zöpfen und köstlich anzuziehen; das sie auch gern zuließ und selbst mithalf, denn sie in ihrem Innern fühlte, es sei nun Jegliches erfüllt, zusammt dem Fünften, so der alte Nix und sie nicht wissen durfte. Drei Stunden wohl nachdem der Wächter Mitternacht gerufen, es schlief im Nonnenhof schon Alles, erscholl die Kellerglocke zweimal mächtig, zum Zeichen, daß es Eile habe, und hurtig waren auch die Frauen und die Töchter auf dem Platz. Die Lau begrüßte sie wie sonst vom Brunnen aus, nur war ihr Gesicht von der Freude verschönt, und ihre Augen glänzten, wie man es nie an ihr gesehen. Sie sprach: Wißt, daß mein Ehgemahl um Mitternacht [156] gekommen ist. Die Schwieger hat es ihm voraus verkündigt ohnelängst, daß sich in dieser Nacht mein gutes Glück vollenden soll, darauf er ohne Säumen auszog, mit Geleit der Fürsten, seinem Ohm und meinem Bruder Synd und vielen Herren. Am Morgen reisen wir. Der König ist mir hold und gnädig, als hieß’ ich von heute an erst sein Gespons. Sie werden gleich vom Mahl aufstehn, sobald sie den Umtrunk gehalten. Ich schlich auf meine Kammer und hierher, noch meine Gastfreunde zu grüßen und zu herzen. Ich sage Dank, Frau Ahne, liebe Jutta, Euch Söhnerin und Jüngste dir. Grüßet die nicht zugegen sind, die Männer und die Mägde. In jedem dritten Jahr wird Euch Botschaft von mir; auch mag es wohl geschehn, daß ich noch bälder komme selber, da bring’ ich mit auf diesen meinen Armen ein lebend Merkmal, daß die Lau bei Euch gelacht. Das wollen Euch die Meinen allezeit gedenken, wie ich selbst. Für jetzo, wisset, liebe Wirthin, ist mein Sinn: einen Segen zu stiften in dieses Haus für viele seiner Gäste. Oft habe ich vernommen, wie Ihr den armen wandernden Gesellen Guts gethan mit freier Zehrung und Herberg. Damit Ihr solchen fortan mögt noch eine weitere Handreichung thun, so werdet Ihr zu diesem Ende finden beim Brunnen hier einen steinernen Krug voll guter Silbergroschen: davon theilt ihnen nach Gutdünken [157] mit, und will ich das Gefäß, bevor der letzte Pfennig ausgegeben, wieder füllen. Zudem will ich noch stiften auf alle hundert Jahr fünf Glückstage (denn dieß ist meine holde Zahl), mit unterschiedlichen Geschenken, also, daß wer von reisenden Gesellen der Erste über Eure Schwelle tritt am Tag der mir das erste Lachen brachte, der soll empfangen, aus Eurer oder Eurer Kinder Hand, von fünferlei Stücken das Haupt. Ein Jeder, so den Preis gewinnt, gelobe, nicht Ort noch Zeit dieser Bescheerung zu verrathen. Ihr findet aber solche Gaben jedesmal hier nächst dem Brunnen. Die Stiftung, wisset, mache ich für alle Zeit, solang ein Glied von Eurem Stammen auf der Wirthschaft ist. Nach diesen Worten nahm sie nochmals Abschied und küßte ein Jedes. Die beiden Frauen und die Mädchen weinten sehr. Sie steckte Jutten einen Fingerreif mit grünem Schmelzwerk an und sprach dabei: Ade, Jutta! Wir haben zusammen besondere Holdschaft53 gehabt, die müsse fernerhin bestehen! – Nun tauchte sie hinunter, winkte und verschwand. In einer Nische hinter dem Brunnen fand sich richtig der Krug sammt den verheißenen Angebinden. Es war in der Mauer ein Loch mit eisernem Thürlein versehen, von dem man nie gewußt, wohin es führe; das stand jetzt aufgeschlagen, und war daraus [158] ersichtlich, daß die Sachen durch dienstbare Hand auf diesem Weg seien hergebracht worden, deßhalb auch Alles wohl trocken verblieb. Es lag dabei: ein Würfelbecher aus Drachenhaut, mit goldenen Buckeln beschlagen; ein Dolch mit kostbar eingelegtem Griff; ein elfenbeinen Weberschifflein; ein schönes Tuch von fremder Weberei, und mehr dergleichen. Aparte aber lag ein Kochlöffel aus Rosenholz mit langem Stiel, von oben herab fein gemalt und vergoldet, den war die Wirthin angewiesen, dem lustigen Koch zum Andenken zu geben. Auch Keins der Andern war vergessen. Frau Betha hielt bis an ihr Lebensende die Ordnung der guten Lau heilig, und ihre Nachkommen nicht minder. Daß Jene sich nachmals mit ihrem Kind im Nonnenhof zum Besuch eingefunden, davon zwar steht nichts in dem alten Buch, das diese Geschichten berichtet, doch mag ich es wohl glauben. _____________
Sie läuteten im Kloster Drei, da er in’s Städtlein kam. Während er nun auf die Herberge zu ging, lief eben Jörg Seysolff, der Wirth und Bräumeister, über den Hof, und sprach zu seinem Weib, die auf der Hausbank saß und ihren Salat zum Abendessen putzte: schau, Emerenz, da kommt auch schon der Dritt’! – Ei, weiß Gott, sagte sie: und ist ein Unterländer – ach mein, knappt55 der daher! dem sei es ’gunnt. Der Seppe sah hoch auf, als ihn die Leute so mit sonderlicher Freundlichkeit begrüßten. Sie gingen alle beide gleich mit ihm hinauf. Er ließ sich eine Halbe geben, ein Sauerkraut mit Schweinefleisch aufwärmen. Der Wirth, wie er vernahm, daß er von Stuttgart käme, frug ihn nach Dem und Jenem: ob sie auch Hagelwetter drunten hätten? was jetzt die Gerste gelte? bis wann des Grafen Jüngste Hochzeit habe, von deren Schönheit man überall höre. Der Seppe [160] diente ihm auf Alles ordentlich, dagegen er sich über’s Essen Manches von hiesigen Geschichten, besonders von dem Wasserweib, erzählen ließ. Auch zeigte ihm der Wirth das alte Conterfei von ihr im Hausgang an der Stiege, so wie das herrliche Kunstwerk, den Bauren-Schwaiger, an welchem er sich nicht satt sehn und hören konnte. Der den gemacht hat, sagte er, den laß mir einmal einen Dreher heißen! – Ja, meinte Jörg, die Arbeit ist auch nicht an Einem Tag gemacht. – Will’s glauben! sagte der Seppe und seufzte, denn er gedachte an seine Dreherei. Nachdem er nun gegessen und getrunken, frug er nach seiner Schuldigkeit. Zween Batzen, war die Antwort. Die legt der Seppe auf den Tisch. Bekämt Ihr sechzehn Kreuzer ’naus, sagte der Wirth, zählte sie hin und steckte die zween Batzen ein, wie wenn es sich so in der ganzen Welt von selbst verstünde. Es war jedoch ein alter Brauch von der Frau Betha Zeiten her, den Reisenden auf solche Weise ihren Zehrpfennig zu reichen. Der Schuster lächelte, als wollt’ er fragen, wie ist das gemeint? – Laßt’s gut sein, lieber Gesell, sprach Jörg Seysolff, kommt mit zu meinem Ehni56, der sagt Euch schon mehr. Er führte ihn durch einen langen Gang an eine stille Thür, die that er vor ihm auf. Da saß in einer säuberlichen Stube ein gar schöner Greis von [161] achtzig Jahr in einem Sorgenstuhl bei’m Fenster. Die Sonne fiel eben ein wenig zwischen den Vorhänglein durch auf einen kleinen Tisch, so vor ihm stand, schneeweiß gedeckt, darauf nichts weiter denn ein blauer Topf mit Wasser und noch Etwas in einem Tuche war. Der Alte aber war der kleine Hans, Frau Betha’s Herzblatt, gewesen. Er redete den Schuster in Gegenwart des Wirthes also an: Hab’ Gott zum Gruß auf dieser Schwell’! Hierauf behändigte der Greis dem Seppe das Tüchlein und sprach: du magst es einmal, wenn du Meister bist und gründest deinen eignen Herd, deiner Liebsten verehren, am Heirathstag57, dazu dir aller Segen werde. Was aber war im Tuch? Eine silberne Haube – man konnte nichts Schöneres sehen. Der Seppe wäre deckenhoch gesprungen, wenn sich’s geschickt hätte. Nun sagte ihm der Alte, wem er das Angebind verdanke, dann ließ er ihn Verschwiegenheit geloben, zu dessen sichtlicher Bekräftigung er einen Finger in dem Topfe netzen und auf den Mund legen mußte. [162] Auch gab er dem Gesellen noch eine christliche Vermahnung, empfing den Dank desselben, und ganz am End empfahl er ihm, wenn er ein Klötzlein Blei von ungefähr wo finde hier herum, so möge er solches daher in den Nonnenhof bringen. – In seines Herzens Freude fast hätte er’s versprochen, da fiel ihm zum Glück noch der Pechschwitzer ein, deßwegen er nur sagte: ich will sehn. Jetzt machte er sich auf die Bahn und lenkte seine Schritte zuvörderst hinter das Kloster, wo ihm der Quell gleich in die Augen strahlte. So viel man ihm davon gerühmt, doch hätte er sich solche Wunderpracht in seinem Sinn nicht eingebildet, und meinte er bei sich: es ist nicht anders denn als wenn zum wenigsten ein Stücker sechs Blaufärber sammt einem vollen Kessel eben erst darin ersoffen wären! Wie er sich recht daran ersättigt und im Andenken an das Wasserweib etliche Vaterunser aus gutem Herzen für ihr Heil gebetet hatte (denn er der Meinung war, sie sitze schon bei hundert Jahr sammt andern armen Heidenseelen auf der hellen Wiese58, da sie in Wahrheit jung und schön wie ehedem noch bei den Ihren lebte), vergaß er auch das Klötzlein nicht, nach welchem so viel Fragens war. Er hatte von dem Doctor Veylland und dem Loth schon als ein kleiner Bube den Urgroßvater hören erzählen. Der [163] Bauer wußte nichts davon; den Wirth im Nonnenhof befrug er aber nicht, weil ihm erst jetzt einkam, es seie mit dem Blei wohl gar dasselbe Loth gemeint. Nun sah er hinter manchen Busch und Baum, und weiterhin an seiner Straße hier und dort in einen Graben, fand aber nichts dergleichen und ließ sich endlich deßhalb keine grauen Haare wachsen. Der Schmerzen seines Fußwerks ganz und gar vergessen, und nichts als Glücksgedanken und Habergeisen in dem Kopf, hinkt’ er so immerfort das Blauthal hinunter. Bisweilen, wenn es ihm sein Linker zu arg machte, hockt’ er auf einen Stein, packte die silberne Haube heraus und legte sie vor sich auf’s Knie, an seinen zukünftigen Schatz dabei denkend. Es war nur gut, daß ihm nicht wissend, was schon zween andere Gesellen, ein Feilenhauer und ein Nagelschmied, nur eine halbe Stunde eh er kam, aus dem Nonnenhof davongetragen, er hätte seine Haube nur noch mit halben Freuden angesehen. Die beiden Bursche waren auf der Steig hinter der Stadt an dem Schuster vorübergekommen und hatten ihn gegrüßt, doch weil er eben saß und in Gedanken mit dem Rad im besten Werken war, so sah er gar nicht auf und brummte nur so für sich hin: Schön guten Morgen! – obzwar die Sonne ihm von Abend auf den Buckel schien. Ja morgen nach dem Bad!59 sagte [164] der Eine, und lachten sich Beide die Haut voll darüber. Mit sinkender Nacht kam er wohl- oder übelbehalten nach Ulm. Es war gerade Markt und hie und da Musik und Tanz. Er trat in eins der nächsten Wirthshäuser, wo ihrer sechs Gesellen bei’m Wein an einem Tisch beisammen saßen und einen Rundgesang anstimmten. Mann für Mann sang einzeln sein Gesetz, darauf mit Macht der Chor einfiel und sie alle die Gläser anstießen. Der Leser mag wohl so viel Verse vernehmen, als sie eben jetzt sangen; das Lied im Ganzen ist viermal so lang. Erster Gesell: Seid ihr beisammen all’? Chor: Zeigt eure Professionen an, Zweiter: Eine Wiege vor die Freud’, Chor: Seinem Hobel ist etc. [165] Meine Arbeit ist wohl fein, Chor: Ich glaub’s ihm schon, das wird man satt etc. Vierter: Wen freut ein kecker Muth, Chor: Und gilt es wider Feindsgewalt, Fünfter: Der Schneider sitzt am Glas; Chor: Ei, Bruder Leipziger, bessr’ Er sich, Sechster: Meine Kunst, das glaubt gewiß, Chor: Von Mägdlein ist er etc. Jetzt kam die Reihe an den Schuster, und da derselbe sein Gesetzlein so aus froher Kehle sang, ward es dem Seppe um den Brustfleck weh, daß er sein gutes Handwerk lassen sollte. Dabei vermerkte er, [166] wie ihn sein rechter Schuh zweimal ganz weidlich vor Vergnügen zwickte, so zwar, wie wenn er sagen wollte: hörst du Narr? Erster: Gebt meinem Stand die Ehr’! Chor: Zwar führt er nicht etc. Dem Seppe quoll bereits das Wasser in den Augen; er sprach bei sich mit ingrimmigen Schmerzen: du bist kein Schuster und bist auch kein Dreher, du bist der wirtenbergisch Niemez60! – Und schwur in seine Seele, hinfort zu bleiben, was er war. Zweiter: Und wer kein Pietist, Chor: Stoßt an, Kameraden, stimmet ein: Hier stand der Seppe auf, trat hin zu den Kompanen und grüßte mit bescheidener Ansprache. Da machten sie ihm Platz an ihrem Tisch, tranken ihm zu und hörten, was für ein Landsmann er sei, welches Gewerbs, wohin er wollte. Warum bleibt Ihr nicht hier? sagte Vincenz, der Schuster, in Ulm ist [167] es schön und Arbeit findet Ihr dermal genug. – Er ließ sich nicht schwer überreden, und schon den andern Tag stand er bei einer jungen Wittwe ein, von welcher ihm der Herbergvater sagte. Als er das erstemal in deren Haus einging, empfing er eine Warnung: sein Rechter wollte nicht über die Schwelle; doch achtete er weiter nicht darauf. Die Wittwe war eine schöne Person, und wie der Seppe schon nicht leicht mehr Eine ansah, daß ihm nicht einfiel, was der Pechschwitzer sagte: vielleicht begegnet dir dein Glück einmal auf Füßen: so prüfte er auch jetzt, obwohl mit schüchternen Blicken, die stattliche Frau. Sie sah sehr blaß, nicht gar vergnügt, und sparte ihre Worte gegen Jedermann. Ihr Thun in allen Dingen war aber sanft und klug, so daß sie einen jungen Mann wohl locken konnte. Es mag zuvor schon Manchem so mit ihr gegangen sein, beim Seppe blieb es auch nicht aus, und desto minder, da ihm nach den ersten Wochen däuchte, er gelte vor den Andern etwas bei der Meisterin. Geschah es, daß sie ihrer Einen nöthig hatte zu einer kleinen Hilfe außerhalb der Werkstatt, dann rief sie immer zehnmal gegen Eines ihn vom Stuhl hinweg, und wenn er Samstags für die Küche Holz klein sägte, sie aber backte eben Zwiebelkuchen, da trug sie ihm gewiß ein Stück, warm von dem [168] Ofen weg, zum Voraus in den Schopf hinaus; das schmeckte zu solchem Geschäft aus der Faust ganz außer Maßen. Von dort an aber gebärdeten sich des Hutzelmanns lederne Söhne sehr übel; insonderheit auf der Gesellenkammer war oft die halbe Nacht in Seppes Kasten, wo sie standen, ein Gepolter und Gerutsch, als hätten sie die ärgsten Händel miteinander, und die Gesellen schimpften und fluchten nicht wenig deßhalb. Es ist der Marder, sagten sie: er hat den alten Schlupf zwischen den Dielen wieder gefunden; wird nicht viel fehlen hat er Junge; wir brechen morgen auf und bescheren in’s Kindbett. – Der Seppe schwieg dazu; am andern Morgen aber holt’ er in der Stille einen schweren platten Stein aus einem Bühnenwinkel vor, den stellte er bedachtsam mit dem Rand auf sie, quer über den Reihen. So, sprach er, jetzt ihr Ketzer, ihr schwernöthige, jetzt bocket61, gampet und durnieret62, wenn ihr könnt! – Da molestirten sie hinfort auch Niemand mehr. _____________
Bald drauf kommt aus dem Thor ein sauberes Bürgermädchen, Vrone Kiderlen, einer Wittfrau Tochter; trug ein Grättlein63 am Arm und wollte Himbeern lesen im Bupsinger Wald. (Der hatte seinen Namen von einer Ortschaft auf dem Berg, von welcher heutzutag die Spur nicht mehr vorhanden ist, doch heißt der Wald daher noch jetzo der Bopser.) Indem sie nun über das Brücklein geht, patscht etwas unten, und so ein paarmal nach einander. Was mag das sein? denkt sie und steigt hinunter an den Bach. [170] Heilige Mutter! nagelneue Schuh! ruft sie, und schaut sich um, ob sie nicht Jemand sehe, der sie vexiren wollte oder ihr den schönen Fund thun ließ, weil eben heut ihr Wiegentag64 war. Sie nahm das Paar, zog es zur Probe einmal an und freute sich, wie gut es ihr paßte und wie gar leicht sich darin gehen ließ. Bald aber kam ihr ein Bedenken an, und schon hat sie den Einen wieder abgestreift; der andere hingegen wollte ihr nicht mehr vom Fuß. Sie drückte, zog und preßte, daß ihr der Schweiß ausbrach, half nichts – und war sie doch so leicht hineingekommen! Je mehr sie diesem Ding nachdachte, desto verwunderlicher kam’s ihr vor. So eine verständige Dirne sie war, am Ende glaubte sie gewiß, die Schuhe seien ihr von ihrer Namens-Heiligen Veronica auf diesen Tag beschert, und dankte alsbald der Patronin aus ehrlichem Herzen. Dann zog sie ohne Weiters auch den andern wieder an, schob ihre alten in den Deckelkorb und stieg getrost den Berg hinauf. Im Wald traf sie ein altes Weib bereits im Himbeerlesen an. Diese gesellte sich zu ihr, obwohl sie einander nicht kannten. Während aber nun Beide so hin und her suchten, geschah’s, daß sich der Vrone an den linken Fuß eine kostbare Perlenschnur hing, die da im Moos verloren lag. Das Mädchen merkt’ [171] es nicht und trat bei’m nächsten Schritt von ungefähr sich mit dem andern Schuh die Schnur vom linken los; das sah das Weib von hinten, hob heimlich das Geschmeide auf und barg’s in ihrem Rock. Die Schnur war aber keine andere, denn jene von der schönen Lau, und war an die Tochter des jetzigen Grafen, die schöne Irmengard65, von dessen Frau Ahne vererbt. Als endlich die Zwei nach einander heim gingen, verkündigte just in den Straßen des Grafen Ausrufer, daß gestern im Bupsinger Forst, unfern dem Lusthaus, ein Nuster66 mit Perlen verloren gegangen, und wer es wieder schaffe, dem sollten fünfzehn Goldgulden Finderlohn werden. Da freute sich das Weib, zog eilig ihre besten Kleider daheim an, kam in das Schloß und ward sogleich vor die junge Gräfin gelassen. Ach Frau, ach liebe Frau! rief diese ihr schon in der Thür entgegen: Ihr habt wohl mein Nuster gefunden? gebt her, ich will es Euch lohnen! – Nun zog das Weib ein Schächtelein hervor und wie das Fräulein es aufmachte, lagen sechs oder sieben zierliche Mausschwänze drin, nach Art eines Halsbands künstlich geschlungen. Das Fräulein that einen Schrei und fiel vor Entsetzen in Ohnmacht. Das Weib in Todesängsten lief davon, ward aber [172] von der Wache auf den Gängen festgenommen und in Haft zu peinlichem Verhör gebracht. Darin bekannte sie nichts weiter als daß sie da und da den Perlenschmuck vom Boden aufgehoben und ihn, so schön wie er gewesen, daheim in die Schachtel gethan, der guten und ehrlichen Meinung, das gnädige Fräulein damit zu erfreuen. Im Wald sei aber eine Dirn’ an sie gerathen, die müss’ es mit dem Bösen haben, von dieser sei der Streich. – Weil nun der Graf nicht wollte, daß man bei so bewandten Sachen viel Aufhebens mache, da mit Gewalt hier nichts zu richten sei, ließ man das Weib mit Frieden. Zum Glück kam nichts von ihren Reden an die Vrone, sie wäre ihres guten Leumunds wegen drob verzweifelt. Auch anderweits erlebte sie in ihren Wunderschuhen viel Unheil, obschon der Segen nicht ganz mangelte. Als zum Exempel ging sie Sonntag Nachmittag gern über einen Wiesplatz hinter ihrem Haus, eine Gespielin zu besuchen; da stieß sie sich ein wie das anderemal an so ein kleines verwünschtes Ding von einem Stotzen, wie sie pflegen auf Bleichen im Wasen67 zu stecken, fiel hin, so lang sie war, hub aber sicher einen Fund vom Boden auf: nicht allemal ein Stücklein altes Heidengold, einen silbernen Knopf oder Wirtel, dergleichen oft der Maulwurf aus der Erde stößt, doch war ihr ein [173] ehrliches Gäns-Ei, noch warm vom Legen, gewiß. Besonder ging es ihr bei’m Tanz: da sah man sie zuweilen so conträre, wiewohl kunstreiche Sprünge thun, daß Alles aus der Richte kam und sie sich schämen mußte. Als ein gutes und fröhliches Blut zwar zog sie sich’s nicht mehr als billig zu Gemüth und lachte immer selbst am ersten über sich, nur hieß es hinterdrein: Schad’ um die hübsche Dirne, sie wird mit Einemmal ein ganzer Dapp! Die eigne Mutter schüttelte den Kopf bedenklich, und eines Tages sagte sie, als ginge ihr ein Licht wie eine Fackel auf, zur Tochter: ich wette, die vertrackten Schuh allein sind Schuld! der Alfanz68 hat mir gleich nur halb gefallen; wer weiß was für ein Rauner69 sie hingestellt hat. – Das Mädchen hatte selber schon an so Etwas gedacht, jedoch verstand sie sich nicht leicht dazu, sie gänzlich abzuschaffen, sie waren eben gar zu gut und dauerhaft. Indeß ging sie noch jenen Tag zum Meister Bläse, sich ein paar neue zu bestellen. Es war derselbige, bei welchem es der Seppe nicht aushalten mögen. Die Vrone sah auf dessen Stühlchen ungern einen Andern sitzen; sie hatte ihn gekannt und gar wohl leiden können. Wie nun der alte Bläse ihr das Maß am Fuß nahm, stachen ihm die fremden Schuhe alsbald in die Augen. Er nahm den Einen so in seine feiste [174] Hand, betrachtete ihn stillschweigend lang und sagte: da hat Sie was Apartes: darf man fragen, wo die gemacht sind? – Das Mädchen, welches bis daher von ihrem Fund noch weiter Niemand hatte sagen wollen, gab scherzweis zur Antwort: ich hab’ sie aus dem Bach gezogen. – Die fünf Gesellen lachten, der Alte aber brummte vor sich hin: das könnt’ erst noch wahr sein. Am Abend in der Feierstunde sprach er zu seinem Weib und seiner Tochter Sara: ich will Euch etwas offenbaren. Die Kiderlen hat ein Paar Glücksschuh’ am Fuß; ich kenne das Wahrzeichen. – Ei, meinte die Tochter aus Neid: sie haben ihr noch keinen Haufen Geld und auch noch keinen Mann gebracht. – Es kann noch kommen, versetzte der Alte. – Wohl, sagte die Mutter: wenn man sie ihr nur abführen könnt’! ich wollte so Etwas der Sare gönnen. – Da beschlossen sie dann miteinander, der Vater solle ein Paar Schuh wie diese machen und die Sare sie heimlich verwechseln. Der Mann begab sich gleich den andern Morgen an die Arbeit. So häkelig sie war, dennoch, die feinen, wundersam gezackten Nähte, die rothe Fütterung mit einem abgetragenen Stück Leder, Alles zumal gerieth so wohl, daß er selbst sein Vergnügen dran hatte. Die böse List in’s Werk zu setzen, ersannen sie bald auch Mittel und Wege. [175] Dicht bei der Stadt, wo man heraus kommt bei dem Thor, welches nachmals, von dortiger Schießstatt her, das Büchsenthor hieß, sah man zu jener Zeit noch einen schönen ansehnlichen Weiher70, ähnlich dem Feuersee, der eine gute Strecke weiter oben dermalen noch besteht. Am Ufer war ein Balken- und Brettergerüst mit Tischen und Bänken hinein in das Wasser gebaut, wo die Frauen und Dirnen der Stadt ihre Wäsche rein zu machen pflegten. Hier stunden sie manchmal zu Vierzig oder Fünfzig, seiften und rieben um die Wette und hatten ein Gescherz und Geschnatter, daß es eine Lust war, Alle mit bloßen Armen und Füßen. Nun paßten des Schusters wohl auf, bis die Vrone das nächste Mal wusch; denn Bläses Haus lag hart am See, und stieß das Wasser unten an die Mauer. Auf einen Mittwoch Morgen, da eben schönes warmes Wetter war, kam denn die junge Kiderlen mit einer Zaine: geschwind sprang auch die Sare mit der ihren und traf es glücklich, neben sie an Einen Tisch zu kommen. Da stellten Beide ihre Schuh, wie es der Brauch war, unter die Bank. Die Vrone hatte seit acht Tagen heut das erstemal ihr Glückspaar wieder angelegt, mit Fleiß: denn weil sie richtig dieser ganzen Zeit das Melkfaß nimmer umgestoßen, das Spinnrad nimmer ausgetreten, noch sonst einen bösen Tritt gethan, so wollte sie, des [176] Dinges ganz gewiß zu sein, jetzo die Gegenprobe machen. Die falsche Diebin war mit den paar Lacken, so sie mitgenommen, in einer Kürze fertig, schlug sie zusammen, bückte sich, stak in einem Umsehn in des Pechschwitzers Schuhen, schob ihres Vaters Wechselbälge dafür hin, und: Bhüt’ Gott, Vronele! mach’ au bald ein End! – mit diesen Worten lief sie fort, frohlockend ihrer wohl vollbrachten Hinterlist; und als die Andre nach drei Stunden, um die Essenszeit, vergnügt auch heim ging unter den Letzten, nahm sie der Täuscherei nicht im geringsten wahr. Der Pechschwitzer aber, der wußte den Handel haarklein, und dachte jetzt darauf, wie er dem Bläse gleich die nächste Nacht den Teufel im Glas zeigen wolle. Derselbe hatte allezeit, besonders auf die Krämermärkte, dergleichen eben wieder einer vor der Thüre war, einen großen Vorrath seiner Waare in einer obern Kammer, die nach dem See hinaus ging, liegen. Nach Zwölfe in der Nacht vernahm die Schusterin ein seltsamliches Pflatschen auf dem Wasser, stieß und erweckte ihren Mann, damit er sehe was sei. – Ei, was wird’s sein! Die Fisch’ hant öfters solche Possen. – Er war nicht wohl bei Muthe, hatte gestern bei’m Wein einen Bösen gethan71, und hub gleich wieder an zu schnarchen und zu raunsen. [177] Sie ließ ihm aber keine Ruh’, bis er herausfuhr und ein Fenster aufthat. Erst rieb er sich die Augen, alsdann sprach er verwundert: der See ist schwarz und g’rutzelt voll72 mit Wasserratten! weit hinein, wohl fünfzehn Ellen von der Mauer. Junge und Alte, Kerl wie die Ferkel sind darunter! man sicht’s perfect, es ist sternhell. Ei, ei, sieh, sieh! die garstige Kogen! wie sie die Schwänz’ für Wohlsein schwenken, schlurfen, rudern und schwimmen! Ursach ist aber, weil es diese Zeit so heiß gewesen, da bad’t das Schandvolk gern. Dem Bläse kam es so besonder und kurzweilig vor, daß er sich einen Stuhl an’s Fenster ruckte, die Arme auf den Simsen legte und das Kinn darauf. So wollte er der Sache noch eine Weile warten. Die Augen wurden ihm allgemach schwer und fielen ihm gar zu, doch fuhr er fort zu seinem Weib zu sprechen, welches inmittelst wieder eingedoset war, unsinnige verkehrte Reden, wie Einer führt im Traum und in der Trunkenheit. Du Narr, sprach er, was Armbrust, Bolz und Spieß, in solchen Haufen! das würd’ viel batten!... Mordsakerlot, ich wollt’, das Bulver wär’ erfunden allbereits! Mit drei, vier Traubenschuß73, aus einer Quartan-Schlang’ oder Tarras, wollt’ ich nicht schlecht aufräumen da unter der Bagasche! – Jetzt aber that es wiederum Patsch auf Patsch. [178] Der Schuster streckte seinen Kopf hinaus und wußte nicht woran er sei, mit allen seinen fünf Sinnen. Denn es flog nur so mit denen Thieren aus dem Kammerladen über ihm, ja unversehens fuhr ihm deren eines an den Schädel, und wie er’s packt in seiner Faust, da sah es wahrlich einem schweren Bauernstiefel von seiner eignen Arbeit gleich auf’s Haar! Voll Schrecken rief er seinem Weib, schrie die Gesellen aus dem Schlaf, und bis sie kamen, pflanzet’ er sich selbst mit einem Prügel an die Thür der obern Bodenstiege, damit ihm der Spitzbuben keiner entkomme. Allein es ließ sich Niemand sehn, noch hören, und als die Gesellen erschienen, die Bühne wohl umstellten und der beherzteste von ihnen die Kammerthür aufriß, und keine Menschenseele zu verspüren war, fiel dem Bläse das Herz in die Hosen. Er sagte leis’ zu seiner Frau: die Sach’ steht auf Saufedern74, Weib, – es steckt, schätz’ ich, ein Anderer dahinter, der ist mir zu gewaltig! Und nannt’ ihr den Pechschwitzer. Die Schusterin, die sonst ein Maul als wie ein Scharsach75 führte, war da auf einmal zahm, bebte an allen Gliedern, und so die Tochter auch. Der Bläse aber sprach zu den Gesellen. macht keinen Lärm! geht vor in Nachbar Lippens Hof, des Fischers, macht in der Stille ein paar Nachen los, nehmt was ihr findet an Stangen und Netzen: wir müssen alle Waare noch vor Tag [179] zusammenbringen, sonst hab’ ich Schand und Spott der ganzen Stadt. Indem sie gingen, rannte schon der Fischer über die Gasse und auf sie zu. Der hatte eben auf den See gehn wollen, etlicher Karpfen wegen, auf die Freitagsfasten, sah das wunderliche Wesen und lief, es dem Schuster zu melden. Indem sie nun zu Sieben, sammt dem Lipp, in zwei Schifflein vertheilt, bald hier bald dorthin stachen, faheten und suchten, begann es von Neuem zu werfen, und war es damit merklich auf ihre Köpfe abgezielt. Zwar kamen weder Schuh noch Stiefel mehr, dafür aber Leisten, deren auch eine Last droben lag; nicht alte garstige Klötze allein, vernutzet und vom Wurm zerstochen, auch schöne neue zum Verkauf, sämmtlich von gutem hartem Holz, und kamen tapfer nach einander durch die Luft daher. Da schrie denn Einer bald in dem, bald in dem andern Schifflein: Hopp! Schaut auf! – und schlug doch links und rechts ein mancher Donnerkeil nicht unrecht ein. Der Fischer sagte zu dem Bläse: auf solche Weis’, Gevatter, möcht’ ich mein Handwerk nicht das ganz Jahr treiben. In allweg aber sei’s bezeugt, Ihr wisset mit dem Netz wohl umzugehen. Von heut an möget Ihr als Obermeister einer ehrsamen Schuhmacherzunft ganz kecklich einen Hecht so kreuzweis [180] über’n Leist in Euer Zeichen lassen malen, dem Sprichwort zum Trutz. Der Morgen kam schon hell herbei, als sie nach vielem Schweiß, Angst, Noth und Schrecken den Weiher wieder glatt und sauber hatten. Der größte Nachen wurde voll des nassen Zeuges, auch war wieder ziemlich Alles beisammen, nur da und dort fand man am Tag ein und das andre Stück noch im Röhricht versteckt. Von dieser Geschichte erging das Gerücht natürlicherweise gar bald an die Einwohnerschaft. Die Mehrsten achteten’s für Satanswerk, und ahnete es dem Meister schon, daß sich ein Manches scheuen werde, ihm seine Waare abzunehmen, wie sich’s in Wahrheit auch nachher befand. Nach einem Scherzwort etlicher Fazvögel76 aber hat man von dort an lange Zeit eine besondere Gattung grober Schuhe, so hier gemacht und weit und breit versendet wurden, nicht anderst mehr verschrieben, oder ausgeboten, als mit dem Namen: ächte, genestelte Stuttgarter Wasserratten. Jetzt war des Meisters erste Sorge, daß das gestohlene Gut nur wieder fort aus seinem Haus und an die Eigenthümerin komme. Zwar seiner Frauen war am lichten Tag der Muth wieder gewachsen; ja, meinte sie, es sollte lieber Alles, Kundschaft und [181] Haus und Hof hinfahren, nur diese Schuh’, wenn sie behielten, da rindere ihnen (wie ein Sprichwort sagt) der Holzschlegel auf der Bühne77. Der Bläse aber schüttelte das Haupt: meinst du, Er könne uns nicht auch am Leib was schaden? Behüt’ uns Gott vor Gabelstich, dreimal gibt neun Löcher! – Er drohte seinem Weib mit Schlägen, wenn sie noch etwas sage, ging unmüssig im ganzen Haus herum, von einem Fenster zum andern, und wollte fast verzwatzeln, bis es dunkel ward, wo seine Tochter die vermaledeiten Schuhe unter den Schurz nahm und forttrug. Sie schlich sich damit an der Kiderlen Scheuer von hinten und stellte sie in eine Fensterluke, wo sie die Vrone, als sie früh in Stall ging, ihre Kuh zu füttern, auch sicherlich gefunden hätte, wenn sie vom Pechschwitzer nicht über Nacht wären wegstipitzt worden. Indessen trug die gute Dirne das falsche Gemächt sonder Schaden, und wenn ein Tag herum war, hieß es beim Bettgehn allemal: jetzt aber, Mutter, glaubt Sie doch, daß es nicht Noth gehabt hat selletwegen78? – Die Mutter sprach: beschrei’79 es nicht. – Auf solche Weise kam denn Alles wiederum in sein Geleis, und galt die Vrone wie vordem für ein kluges, anstelliges Mädchen. Geraume Zeit, nachdem sich dieses zugetragen, saß der Bläse in seinem Weinberg draußen bei’m [182] Herdweg auf der Bank am Gartenhaus, bekümmerten Gemüths, weil es die Zeit her stark hinter sich ging in seinem Geschäft. Indem er nun so in Gedanken den heurigen Herbst überschlug, was er ertragen könne, sammt den Zwetschgen, davon die Bäume schwer voll hingen – horch! vispert Etwas hinter ihm, und wer steht da? der Pechschwitzer, der Hutzelmann, der Tröster. Mein Schuster wurde käsebleich. Erschrecket nicht, Zunftmeister! ich komme nicht in Bösem. Wir haben einen Stuß80 miteinander gehabt, das ist ja wieder gut, und wär’ es nicht, will ich’s vergüten, so viel an mir ist. Jetzt aber hätte ich ein klein’s Anliegen, Obermeister. – Und in was Stücken, liebes Herrlein, kann ich Euch dienstlich sein? – Mit Erlaubniß, sprach der Hutzelmann und nahm Platz auf der Bank und hieß den Andern zu ihm sitzen: Seht, jensmal in der Nacht, da ich auf Eurem obern Boden war und Ihr am Fenster unten, hörte ich Euch ein Wörtlein sprechen, das will mir nimmer aus dem Sinn. Ihr habt gesagt: ich wollt’ nur, daß das Bulver schon erfunden wär! Was meintet Ihr damit? Der Bläse, sich besinnend, machte ein Gesicht, als wenn ein Mensch aufwacht bei Nacht in einem Kuhstall, darein er seines Wissens auf eigenen Füßen nicht gekommen ist, lachte und sprach: Herrlein – [183] das hätte der Bläse gesagt? nun, wenn ich es noch weiß, soll mich der Teufel holen! – Ei, schwöret nicht, mein Freund, entgegnet ihm der Andere, warum wollt Ihr es läugnen? Vertrauet mir’s; nur so bei’m Beilichen81, was das Bulver ist. Ich bin einmal in derlei Heimlichkeit ein stiegelfizischer82, seht. Euer Schaden soll’s nicht sein, und möget Ihr dafür etwas von meinen Künsten lernen. – Da stellte sich der Bläse an, als wenn er freilich Etwas wüßte, und sprach: weil Ihr es seid, Pechschwitzer, so möcht’ ich Euch wohl gern zu Willen sein; vergönnt mir nur Bedenkfrist einen Tag, damit ich doch mein Weib auch erst darum befrage. – Der Andre fand das nicht unbillig, bat ihn bei’m Abschied inständig nochmals, gelobte ihm Verschwiegenheit und wollte morgen wieder kommen. Jetzt, Sante Blasi, hilf! – so rief der Alte aus, wie er allein war. jetzt muß das Bulver ’raus aus meinem dicken Schustersgrind83 und wenn’s die halbe Welt kostet! – Da saß er, hatte beide Ellenbogen auf den Knieen und beide Fäuste an den Backen. Vor die Ratten, sprach er, kann’s nicht sein, warum? sott’s Bulver hat man lang. Selle Nacht aber ist es mir wampel84 gewesen, mag leicht sein hat mir’s traumt vom güldnen Magen-Triet85, so allein der König in Persia hat. – – Es gibt ein Kräutlein, heißt [184] Allermanns-Harnisch86, und gibt ein anders, das heißt Dierletey87, und wieder eins, Mamortica88: kein Wurzler89 hat’s noch Krämer. Daraus hat meiner Mutter selig ihre G’schwey90 eine Salben gemacht, die war vor Alles gut. – – Ich will halt einmal gehn und schauen, was zu machen ist, und will erst Species kaufen; Probiren ist über Studiren. Auf seinem Weg zur Stadt sann er scharf nach. Auf einmal schnellt er mit dem Finger in die Luft, und – Wetter! rief er aus, kann Einer so ein Stier sein und noch lang sinniren hin und her, wo doch ein Ding glatt auf der Hand liegt! Was mag ein Schuster bei dem andern sonst für einen Vortheil suchen zu erfahren, wenn es nichts aus dem Handwerk ist? Da laß ich mich schon finden. Er lief zum Krämer stracks, zu holen was er brauchte. Daheim in einer hintern Stube setzt er sich an einen langen Tisch mit einer Halbmaas Wein, macht allda unterschiedliches Gemeng mit seinem besten Essig an zu einem schwarzen Quatsch, knetet und knauzet’s wohl unter dem Daum, probirt’s auf alle Weise, und war ihm lang nicht fein genug. Das dauerte bis an den andern Abend. Wie nun der Hutzelmann auf die gesetzte Stunde pünktlich kam, und ihm der Bläse mit Geschmunzel seinen Teig hinhielt, roch der daran und sagte: lieber [185] Mann, da hätten wir halt eine neue Schuhwichs? – Aufzuwarten, ja. – Mich will bedünken, sprach lächelnder Miene der Kleine: Ihr habt selbst noch weit hin bis Ihr das Bulver find’t, und habt jetzt nur viel Arbeit, Müh und Kösten unnöthigerweis gehabt mit mir. Dafür, wie auch um andrer Einbuß willen, soll Euch indeß Vergütung werden. Ich will Euch das Recept zu meiner Fett-Glanz-Stiefelwichsen geben, die mögt Ihr schachtelweis mit gutem Vortheil verkaufen. Das Männlein wußte wohl, was es hiermit verhieß, denn Meister Bläse ward ein reicher Mann mit solcher Handelschaft in wenig Jahren. Seine Erben bewah |